Mai 4, 2021
Von Sabot44
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„Ich dachte er wĂ€re sicher im GefĂ€ngnis – und musste realisieren, dass niemand der in den Knast muss sicher ist
“ sagt Dahman Mayouf. Dahman ist Bruder von Ferhat Mayouf, der am 23. Juli bei einem Brand in seiner Zelle in der JVA Moabit starb. Die TodesumstĂ€nde sind grausam, die Bedingungen unter denen er untergebracht war genauso. Drei Tage vor seinem Tod hatte er bei einem HaftprĂŒfungstermin ĂŒber Depressionen und Selbstverletzung geredet und gesagt, dass er in eine Haftklinik mĂŒsse. Dies sei in einem ihm vorliegenden Protokoll auch so vermerkt, ergĂ€nzt Dahman. Die Richterin sprach wohl auch eine Empfehlung zu Ă€rztlicher Behandlung aus. Die Untersuchung durch den Anstaltsarzt erfolgte allerdings nie. FĂŒr den Dahman, ist damit die VernachlĂ€ssigung seines 38 jĂ€hrigen Bruders bewiesen. Stattdessen benutzt die Vollzugsanstalt selbiges Protokoll um ihre Behauptung des Suizids zu untermauern. Nachforschungen von Criminals for Freedom zeichnen allerdings ein gĂ€nzlich anderes Bild.

Zusammen mit Ferhats Familie und ĂŒber Berichte von Mitgefangenen konnten sie die TodesumstĂ€nde von Ferhat rekonstruieren. Das Licht in den meisten Zellen war in den Abendstunden aus, als einige Gefangene einen Brandgeruch wahrnahmen. Es war ein dumpfes Wummern von SchlĂ€gen an einer ZellentĂŒr zu hören. Verzweifelte Hilferufe. Ein anderer Gefangener benachrichtigt die WĂ€rter. „Die Insassen hörten, wie es 5 Minuten lang aus der Brandzelle Hilferufe gab und lautstark gegen die ZellentĂŒr wummerte. Ein Insasse sah durch ein Loch seiner ZellentĂŒr, wie zwei Schlusen (GefĂ€ngniswĂ€rter, Anm. d. Red.) im Gang standen und nichts unternahmen, obwohl er um Hilfe und immer wieder ‚Feuer‘ schrie. Bis es verstummte. Einer hörte auch, wie sich die Schlusen wohl berieten, aber nichts unternahmen. Sie standen die ganze Zeit vor seiner Zelle.“, so berichtet es ein Mitgefangener Criminals for Freedom. Als zwanzig Minuten spĂ€ter die TĂŒr von der Feuerwehr geöffnet wird, ist Ferhat Mayouf bereits tot.

TodesfÀlle durch BrÀnde in Gewahrsam sind keine EinzelfÀlle. Ferhat Mayoufs Geschichte weckt Erinnerungen an den Fall von Oury Jalloh, der vor 15 Jahren in Dessau gefesselt in seiner Zelle verbrannte, sein Tod und die Verwicklung von Polizeibeamten ist nie befriedigend aufgeklÀrt worden. Oder an den Fall von Amad Ahmad der am 17.09.2018 in der JVA Kleve durch einen Brand in seiner Zelle starb. Nicht nur sein Tod wirft Fragen auf, sondern auch der Umstand, dass er durch eine Verwechslung inhaftiert wurde. Zudem war die Verwechslung der Polizei bereits wochenlang vor dem Tod bekannt. Auch wenn dies erst nach dem Brand öffentlich gemacht wurde.

Immer wieder sterben Gefangene, vor allem People of Color und Schwarze Menschen, in den KnĂ€sten. Diese als Suizid zu bestimmen hilft dabei, die Verantwortung des Knastes auszublenden. Gefangene sind bei Vorkommnissen wie BrandausbrĂŒche absolut wehrlos. „Du bist eingeschlossen und hast keine Chance“ so Dahman Mayouf. Aber tatsĂ€chlich sind sie aller Gewalt vollkommen ausgeliefert. Im Fall von Ferhat ;ayouf spricht Dahman von „Folterungen im Knast, durch PrĂŒgel aber auch Isolation“. Nach Berichtenvon Mitgefangenen war Ferhat Mayouf von Schließern vor seinem Tod zusammengeschlagen und zwei Tage im sogenannten „Bunker“ isoliert worden. Körperliche Verletzungen wie RippenbrĂŒche seien auch Ă€rztlich dokumentiert.

Rassismus, rassistische Polizei- und Justizgewalt und UnterdrĂŒckung sind keine PhĂ€nomene, welche ausschließlich vor den Knasttoren zu finden sind, im Gegenteil. In KnĂ€sten sind die VerhĂ€ltnisse im Vergleich zu draußen sogar verschĂ€rfter. Nicht nur rassistische Justizangestellte sind Teil des „Normalzustandes“ im Knast. RegelmĂ€ĂŸig gibt es FĂ€lle, wie eben den von Ferhat Mayouf, die das eindrĂŒcklich zeigen.

Gesellschaftlich ist das ein massives Problem. KnĂ€ste sind im Gegensatz zur Todesstrafe in breiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert. Selbst unter radikalen Linken scheint die unbewusste Überzeugung verbreitet, dass es doch ein paar Menschen gibt, die da hingehören. Durch die Kategorisierung „kriminiell“, und das Wegsperren, befreien KnĂ€ste die Gesellschaft von der Verantwortung, sich mit den drĂ€ngenden gesellschaftlichen Problemen auseinander zu setzen. Die Inhaftierung ist zur ersten Antwort auf viel zu viele der sozialen Probleme geworden, die Menschen in Armut belasten. Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, DrogenabhĂ€ngigkeit, psychische Erkrankungen und vieles anderes. All das sind Probleme, von denen PoC wesentlich stĂ€rker betroffen sind, als Weiße, der rassistische Charakter dieser Gesellschaft zeigt sich am Ende auch in den KnĂ€sten.

Dort sind alle Gefangenen dem System Knast ausgesetzt. „Sie pushen die Leute sich selbst umzubringen. Nicht nur das sie ihnen Feuerzeuge und Seile in die Zelle geben, sie zerstören sie seelisch. Das ist falsch!“ meint Dahman Mayouf. Vereinzelung im Knast und die verschiedenen Formen von Gewalt machen die Gefangenen psychisch kaputt. KnĂ€ste isolieren Menschen von der Gesellschaft, sie foltern und töten. Unter KnastumstĂ€nden kann niemals von einem sogenannten Selbstmord die Rede sein, auch nicht im Fall von Ferhat Mayouf.

Dieser Beitrag erschien ursprĂŒnglich am 28.08.2020 im Lower Class Magazine




Quelle: Sabot44.org