Dezember 7, 2021
Von Indymedia
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Was passiert ist

Am Wochenende wurde in verschiedenen feministischen Telegramgruppen eine Nachricht verschickt, in der eine Betroffene einen Vorfall schildert, bei dem sie unvermittelt von einem Mann in einer Offenbacher Kneipe geohrfeigt wurde. Sie beschreibt, wie sie daraufhin erst die Kneipe verlĂ€sst, um sich anschließend zu fragen, warum sie diejenige ist, die den Ort verlĂ€sst obwohl er eine GrenzĂŒberschreitung begangen hat. Also kehrt sie zurĂŒck und fordert ihn zum Gehen auf. Props an dieser Stelle fĂŒr das Öffentlichmachen der Geschichte, deinen Mut und dein Handeln! Ohne diese Nachricht wĂ€re dieser Text wahrscheinlich nicht entstanden.

 

Warum das nicht ĂŒberrascht

Besagter Mann, welcher vergangene Woche eine Frau geschlagen hat, wird es sicherlich schaffen sich im Nachhinein zu inszenieren. Als Feminist, als Betrunkener, der jetzt ganz nĂŒchtern betrachtet gar nicht weiß, wie so etwas passieren konnte. Er kĂŒndigte scheinbar bereits großspurig an, sich zurĂŒck ziehen zu wollen und das fĂŒr sich aufarbeiten zu wollen. Alles schön und gut. Doch sowohl diese AnkĂŒndigung, als auch sein Verhalten stehen beispielhaft fĂŒr Muster und Strukturen, die sich ĂŒber Jahre in der linksradikalen Szene festgefahren haben und ĂŒber die viel zu wenig diskutiert und gestritten wird. Bewusst wird hier nicht das Verb gesprochen gewĂ€hlt. Denn: es gab und gibt seit Frauen, die euch vor solchen Typen warnen. Die euch auf problematische Verhaltensmuster aufmerksam machen, euch in Zwie-GesprĂ€chen damit konfrontieren, warum ihr solche Personen weiterhin verteidigt, warum ihr nichts sagt, wenn Frauen mal wieder Dominanz und Bissigkeit vorgeworfen wird. Bei MĂ€nnern ist es kein Problem, aber wehe ein selbstbewusste Frau stellt sich hin und wagt es auch noch mackriges Verhalten zu kritisieren. Hier scheint jedoch eher zu gelten: don‘t shoot the messenger.

 

Die Frage danach, warum es zu solchen Verteidigungen kommt, ist nicht schwer zu beantworten – eigene UnterwĂŒrfigkeit vor den Szenegockeln, eigenes diskriminierendes Verhalten gegenĂŒber Frauen, das man dann ebenfalls in Frage stellen mĂŒsste. Sucht euch was aus. Aber hört auf, anderen Personen ellenlange ErklĂ€rungen vor zuhalten ĂŒber Dinge die ihr wisst und Halbwahrheiten, die von euch zu Tatsachen werden. Setzt eure ach so pro-feministische Praxis doch mal in die Tat um. Stellt euch nicht immer hin und plappert den aktuellen Szenegossip nach. Sondern handelt: distanziert euch von misogynen Aussagen, problematisiert sie, stellt sie bei euch und anderen Typen in Frage. Auch mit dem Risiko, damit nicht ernst genommen zu werden. Vielleicht hilft es euch, sich damit in Frauen hinein zuversetzen. Zu verstehen, was fĂŒr eine MĂŒhe und Kraft es jeden Tag kostet sich von diskriminierendem Verhalten abzugrenzen. Nein zu sagen, ich kann das selbst, ich weiß das selbst, du brauchst mir das nicht zu erklĂ€ren.

Was fehlt

Was fehlt ist eine Auseinandersetzung mit solchen Themen. Ist ein Ernst nehmen solchen Verhaltens als die Diskriminierung die es darstellt: Sexismus. Dass auch Linke nicht davor gefeit sind ist keine Neuigkeit. Was fehlt ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sexismus in der Linken. Und zwar nicht auf der Ebene, dass linke MĂ€nner ganz große Augen bekommen, wenn sie von Erfahrungen berichtet bekommen. Ganz betroffen zu Boden schauen, ganz still werden, sagen wie schlimm das alles ist und wie wichtig Kritische MĂ€nnlichkeit ist. Auch wenn du zehnmal ankĂŒndigst, dass du dich jetzt „mit solchen Themen“ ganz viel auseinandergesetzt hast – fĂŒr uns wird sich erst etwas Ă€ndern, wenn du es in die Tat umsetzt. Das fĂ€ngt im Alltag an, wie du mit Frauen umgehst und endet dort, wo in der politischen Praxis eine Umsetzung stattfindet.

 

Ohne die Befreiung der Frau keine Revolution.

 

P.S. Vor einigen Jahren gab es eine kleine textliche Auseinandersetzung mit Sexismus in der linksradikalen Szene Frankfurts. Im folgenden sind die Texte dokumentiert, welche sich teilweise aufeinander beziehen.

 

https://ppptfrankfurt.wordpress.com/2017/07/22/acab-warum-bastard-nicht-…

https://linksunten.indymedia.org/de/node/196216/

https://ak069.wordpress.com/2017/03/23/betroffene-hunde-bellen-sexismus-…




Quelle: De.indymedia.org