April 21, 2021
Von Antifra
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Leben f√ľr die Arbeit: Wir¬≠tin Ber¬≠ta Zene¬≠fels in der Wirts¬≠stu¬≠be bei der Jukebox

Das Zoll¬≠haus, ein Land¬≠gast¬≠hof in der Ober¬≠pfalz, wel¬≠cher vor ein paar Jahr¬≠zehn¬≠ten noch spr√ľh¬≠te vor Leben, mit Tanz¬≠aben¬≠den, aber¬≠tau¬≠sen¬≠den Schnit¬≠zel¬≠be¬≠stel¬≠lun¬≠gen, Som¬≠mer¬≠g√§s¬≠ten und Musik aus der Juke¬≠box, ist inzwi¬≠schen hoch ver¬≠schul¬≠det und kurz vor dem Aus. Die 84-j√§h¬≠ri¬≠ge Wir¬≠tin Ber¬≠ta Zene¬≠fels, bekommt √ľber¬≠ra¬≠schen¬≠de Unter¬≠st√ľt¬≠zung von ihrer Enke¬≠lin Moni¬≠ka, wel¬≠che ihre Kar¬≠rie¬≠re und ihr Mitt¬≠drei¬≠√üi¬≠ger-Leben in Ber¬≠lin hin¬≠ter sich l√§sst, um den Hof wie¬≠der in Schuss zu bringen.

Die bei¬≠den Prot¬≠ago¬≠nis¬≠tin¬≠nen der Doku¬≠men¬≠ta¬≠ti¬≠on ‚Äě80 000 Schnit¬≠zel‚Äú sind der Regis¬≠seu¬≠rin Han¬≠nah Schwei¬≠er nicht unbe¬≠kannt. Als Enke¬≠lin der Wir¬≠tin und als Schwes¬≠ter von Moni¬≠ka hat die Fil¬≠me¬≠ma¬≠che¬≠rin ihre eige¬≠ne Fami¬≠lie, mit allen Schwie¬≠rig¬≠kei¬≠ten, die das mit sich bringt, ins Zen¬≠trum ihrer fil¬≠mi¬≠schen Aus¬≠ein¬≠an¬≠der¬≠set¬≠zung √ľber Fra¬≠gen des Lebens gestellt.

Arbeiten f√ľrs Leben ‚ÄĒ Leben f√ľr die Arbeit

‚ÄěWer nicht arbei¬≠te¬≠te und kein Gast war, hat¬≠te kei¬≠ne Exis¬≠tenz¬≠be¬≠rech¬≠ti¬≠gung‚Äú erin¬≠nert sich Moni¬≠ka an die bedin¬≠gungs¬≠lo¬≠se Arbeits¬≠mo¬≠ral auf dem Guts¬≠hof. G√§s¬≠te umsor¬≠gen und bis vier Uhr nachts in der K√ľche ste¬≠hen, die K√ľhe mel¬≠ken und die √Ącker bewirt¬≠schaf¬≠ten ‚Äď teils die glei¬≠chen Auf¬≠ga¬≠ben, die auch heu¬≠te wie¬≠der anste¬≠hen. Sogar die Momen¬≠te, in denen Oma oder Enke¬≠lin inne¬≠hal¬≠ten, aus dem Fens¬≠ter sehen und vor sich hin¬≠star¬≠ren, trans¬≠por¬≠tie¬≠ren eine Ruhe¬≠lo¬≠sig¬≠keit, die der ‚ÄěMen¬≠tal Load‚Äú, also die psy¬≠chi¬≠schen Belas¬≠tun¬≠gen eines sol¬≠chen Lebens mit sich bringt. Wie viel in die¬≠sen Momen¬≠ten durch den Kopf der Frau¬≠en geht, ist fast durch den Bild¬≠schirm sp√ľr¬≠bar. Enke¬≠lin und Oma schei¬≠nen bei¬≠de nichts ande¬≠res als Arbeit zu ken¬≠nen, und doch gibt es Unter¬≠schie¬≠de in der Her¬≠an¬≠ge¬≠hens¬≠wei¬≠se. Moni¬≠ka ist auch hier, um die Struk¬≠tu¬≠ren auf dem Hof so zu √§ndern, dass ‚Äěman sich hier nicht mehr zu Tode schuf¬≠ten muss‚Äú. Irgend¬≠wie beein¬≠dru¬≠ckend ist es, ihr bei der Aus¬≠dau¬≠er, Ruhe und Hart¬≠n√§¬≠ckig¬≠keit zuzu¬≠se¬≠hen, mit der sie sich den nie enden wol¬≠len¬≠den Auf¬≠ga¬≠ben wid¬≠met. Und doch begeg¬≠net sie der Arbeit nicht so bedin¬≠gungs- und gren¬≠zen¬≠los, wie das im Leben der Oma √ľblich war. Jeder¬≠zeit ist Moni¬≠ka bereit, die Sache abzu¬≠bre¬≠chen, falls es nicht klap¬≠pen sollte.

Din¬≠ge tun, ein¬≠fach nur so zum Ver¬≠gn√ľ¬≠gen, liegt der Oma Zene¬≠fels sehr fern. Wei¬≠te Rei¬≠sen und die Welt au√üer¬≠halb des Hofes, au√üer¬≠halb des Dor¬≠fes und der Fami¬≠lie spie¬≠len ein¬≠fach kei¬≠ne Rol¬≠le in ihrem Leben ‚Äď und das muss es auch gar nicht. Der Film macht deut¬≠lich, wie unter¬≠schied¬≠lich Leben und Lebens¬≠ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen nun¬≠mal sind, und wie sehr sie auch vom Kon¬≠text der Zeit und der Welt abh√§n¬≠gen, in die Men¬≠schen hin¬≠ein¬≠ge¬≠bo¬≠ren werden.

Wann sie denn end¬≠lich was Rich¬≠ti¬≠ges arbei¬≠te, fragt Frau Zene¬≠fels die Regis¬≠seu¬≠rin, und auf die Kame¬≠ra deu¬≠tend: ‚ÄěDas Ding da hal¬≠ten, das kann doch jeder‚Äú. Man sieht also, dass es schon ganz gut ist, dass es nicht in der Hand einer ein¬≠zel¬≠nen Per¬≠son liegt zu ent¬≠schei¬≠den, was legi¬≠ti¬≠me Arbeit ist und was nicht. Das Zoll¬≠haus jeden¬≠falls bringt viel kon¬≠kre¬≠te Arbeit mit hoher Selbst¬≠wirk¬≠sam¬≠keit. Es wird halt getan, was dran ist, wenn man selbst ent¬≠schei¬≠det, dass es not¬≠wen¬≠dig ist. Das l√§sst sich sicher¬≠lich nicht von jedem Job in unse¬≠rer kapi¬≠ta¬≠lis¬≠ti¬≠schen Gesell¬≠schaft behaupten.

(Keine) Männer

Rich¬≠ti¬≠ge Arbeit: Moni¬≠ka, die Schwes¬≠ter der Fil¬≠me¬≠ma¬≠che¬≠rin , auf einem neb¬≠li¬≠gen Feld‚Ķ

Es wird nicht extra in den Vor¬≠der¬≠grund gestellt. Aber ein Film, bei dem man zwei Stun¬≠den fast aus¬≠schlie√ü¬≠lich Frau¬≠en beim Leben, Ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen tref¬≠fen und Arbei¬≠ten zusieht, ist immer noch auf¬≠fal¬≠lend. M√§n¬≠ner spie¬≠len schein¬≠bar eine Neben¬≠rol¬≠le. Es wird nie expli¬≠zit √ľber die Schwie¬≠rig¬≠kei¬≠ten gespro¬≠chen, die es mit sich bringt, wenn zwei Frau¬≠en einen ver¬≠schul¬≠de¬≠ten Hof in einer l√§nd¬≠li¬≠chen Gegend bewirt¬≠schaf¬≠ten ‚Äď dar¬≠um geht es in ers¬≠ter Linie auch nicht. M√§nn¬≠li¬≠cher Rede¬≠an¬≠teil ist in der gan¬≠zen Doku erfri¬≠schend gering. Und den¬≠noch durch¬≠zieht die Macht des Patri¬≠ar¬≠chats die gan¬≠ze Geschich¬≠te. Deut¬≠lich wird das beson¬≠ders bei Erz√§h¬≠lun¬≠gen der Oma: wie sie die¬≠je¬≠ni¬≠ge war, die bis zum Umfal¬≠len in der K√ľche ste¬≠hen muss¬≠te, obwohl sie l√§ngst kei¬≠ne Lust mehr hat¬≠te. Der Opa, der immer so viel schrie. Der Onkel, der mit sei¬≠nen Tr√§u¬≠men alles Geld ver¬≠schlang und bei sei¬≠nem Tod einen hoch ver¬≠schul¬≠de¬≠ten Hof hin¬≠ter¬≠lie√ü. Dass nun etwas Neu¬≠es ent¬≠steht, etwas, das auf eine ganz eige¬≠ne Art Erfolg und Selbst¬≠wirk¬≠sam¬≠keit im Leben der jun¬≠gen Moni¬≠ka her¬≠vor¬≠ruft, ist sch√∂n zu sehen. End¬≠lich spie¬≠len M√§n¬≠ner auch tat¬≠s√§ch¬≠lich nur noch eine Nebenrolle..

Eigent¬≠lich spre¬≠chen die Bil¬≠der des Films, die Spit¬≠zen¬≠deck¬≠chen, Flie¬≠gen¬≠git¬≠ter und 70er-Jah¬≠re-Bril¬≠len ihre eige¬≠ne ruhi¬≠ge Spra¬≠che. Die Erz√§h¬≠le¬≠rin, die aus dem Off die Fami¬≠li¬≠en¬≠ge¬≠schich¬≠te kon¬≠tex¬≠tua¬≠li¬≠siert und √ľber zer¬≠platz¬≠te und neu gebo¬≠re¬≠ne Tr√§u¬≠me spricht, scheint in Tei¬≠len etwas √ľber¬≠fl√ľs¬≠sig. Ande¬≠rer¬≠seits ist die Trans¬≠pa¬≠renz, mit der die Regis¬≠seu¬≠rin mit ihrer Rol¬≠le umgeht, inter¬≠es¬≠sant. Schnit¬≠te, bei denen ‚ÄěCut!‚Äú geru¬≠fen wird, tra¬≠gen eben¬≠so dazu bei wie Gespr√§¬≠che mit Frau Zene¬≠fels, bei denen die Regis¬≠seu¬≠rin sich einen generv¬≠ten Kom¬≠men¬≠tar ihrer Oma gegen¬≠√ľber nicht ver¬≠knei¬≠fen kann. Das ist auch des¬≠halb erfri¬≠schend, da es ganz klar sicht¬≠bar macht, dass Geschich¬≠ten nie aus einer neu¬≠tra¬≠len Posi¬≠ti¬≠on her¬≠aus erz√§hlt werden.

80.000 Schnit¬≠zel ist kein Film √ľber die Kri¬≠sen die¬≠ser Welt, √ľber gro¬≠√üe poli¬≠ti¬≠sche Ver¬≠√§n¬≠de¬≠run¬≠gen und gro¬≠√üe K√§mp¬≠fe. Irgend¬≠wie ber√ľhrt er den¬≠noch, weil es so scho¬≠nungs¬≠los direkt um Arbeit, Leben und Tr√§u¬≠me geht, die abseits des gro¬≠√üen Ram¬≠pen¬≠lichts passieren.

Anl√§ss¬≠lich des Inter¬≠na¬≠tio¬≠na¬≠len Welt¬≠frau¬≠en¬≠ta¬≠ges pr√§¬≠sen¬≠tiert Das klei¬≠ne Fern¬≠seh¬≠spiel ab dem 8. M√§rz 2021, im ZDF die Rei¬≠he ‚ÄěDrei Fil¬≠me von Frau¬≠en √ľber Frau¬≠en‚Äú. Alle Fil¬≠me sind ab Sonn¬≠tag, 7. M√§rz 2021, in der ZDFme¬≠dia¬≠thek abrufbar.

Im Rah­men die­ser Rei­he wer­den fol­gen­de Fil­me gezeigt:

Lift like a Girl Doku¬≠men¬≠tar¬≠film, √Ągyp¬≠ten 2020, R: May¬≠ye Zayed

80.000 Schnit­zel Doku­men­tar­film, Deutsch­land 2020, R: Han­nah Schweier

Frau¬≠en¬≠zim¬≠mer ‚Äď Lust kennt kein Alter Doku¬≠men¬≠tar¬≠film, Deutsch¬≠land 2011, R: Saa¬≠ra Aila Waasner




Quelle: Antifra.blog.rosalux.de