MĂ€rz 11, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Ich begann mit dem Schreiben dieses Textes einige Monate vor den Krawallen nach George Floyds Tod. Der Aufstand, der mittlerweile zu einem globalen Ereignis geworden ist, hat mich motiviert, meine Perspektive in diesem Text darzulegen. Meine Erfahrungen in Minneapolis vom 26. bis zum 30. Mai haben meine Verachtung fĂŒr IdentitĂ€tspolitik gestĂ€rkt, weshalb ich diese um zusĂ€tzliche Kritiken daran, die aufgrund dieser Erfahrungen entstanden sind, ergĂ€nzt habe.

Gehen wir zurĂŒck zu einer Zeit und einem Ort, an dem die Menschen Pager und MĂŒnztelefone nutzten. Als Verandas und öffentliche Parks die Orte waren, an denen man herumlungerte. Eine Zeit, in der Konflikte von Angesicht zu Angesicht geklĂ€rt wurden und Scheißelabern direkte Konsequenzen im realen Leben hatte. Das waren die Zeiten vor „Callout-Culture“, „Troll-baiting“ und anderen internetdominierten AktivitĂ€ten. Manche sagen das Internet und die Ausbreitung von Technologie hĂ€tten den Kampf gegen UnterdrĂŒckung vorangebracht. Meine Meinung? Das Internet ist der Ort, an dem alle Potenziale fĂŒr soziale Revolte absterben. ZusĂ€tzlich zu unsinnigen Petitionen und endlosen Memes kann die [Selbst-] Wahrnehmung als Rebell*in durch Selbstmitleidsorgien und akademische LoyalitĂ€t erzielt werden, anstatt durch praktische Direkte Aktion. WĂ€hrend das Internet die ideale BrutstĂ€tte fĂŒr Tastatur-Krieger*innen und ĂŒberhebliche Akademiker*innen ist, bewirkt es auch die RĂŒckentwicklung der sozialen FĂ€higkeit von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Konfliktlösung nimmt die Formen eines undefinierten Internet-Schauspiels und meist auch die einer widerlichen, dem realen Leben nachempfundenen Nachbildung von Richter, Geschworenen und Henker an. Interaktion von Angesicht zu Angesicht ist beinnahe unnötig in der Techno-Gesellschaft, in der ein Smartphone zu einem persönlichen Bedarfsartikel geworden ist, der scheinbar mit den HĂ€nden seines Besitzers verwachsen ist. Von einem individuell verdunkelbaren Bildschirm kann nun das ganze Spektrum emotionalen Ausdrucks aus einem Pufferspeicher von Emotionen digital reprĂ€sentiert werden.

Das Internet ist auch ein Ort, an dem die Lynchmob-MentalitĂ€t der „Callout-Culture“ die Menschen ermutigt, sich gegenseitig als eindimensionale Wesen zu betrachten, die sich ausschließlich durch Fehler und Unvollkommenheiten definieren. Im Namen von „sozialer Gerechtigkeit“ und dem „Outing von TĂ€tern“ entsteht ein neuer Etatismus, der Angst und Schuld dazu nutzt, die KonformitĂ€t von Allies zu erzwingen. Und Ă€hnlich dem Bestraftwerden durch den Staat, kann ein Individuum, wenn es einmal im Internet verurteilt wurde, niemals wieder diesem Stigma entfliehen. Stattdessen bleibt jegliche persönliche Entwicklung unbedeutend im Vergleich zu der statischen Natur vergangener Fehler. UnabhĂ€ngig von persönlicher Entwicklung ist ein verurteiltes Individuum auf ewig dazu verdammt, der Aussage seiner Online-Darstellung unterworfen zu sein.

In meiner Erfahrung als „marginalisierte Stimme“ habe ich gesehen, wie IdentitĂ€tspolitik von Aktivist*innen als Werkzeug der sozialen Kontrolle instrumentalisiert wurde, das gegen alle genutzt wurde, die in das identitĂ€re Schema des „UnterdrĂŒckers“ passten. Der ursprĂŒngliche Machtkampf um Gleichheit hat sich in eine olympische Sportart fĂŒr sozialen Einfluss verwandelt, die die gleiche soziale Hierarchie umkehrt, die ursprĂŒnglich hĂ€tte zerstört werden sollen. Viele IdentitĂ€tspolitiker*innen, die ich getroffen habe sind mehr daran interessiert „weiße Schuld“ fĂŒr ihren persönlichen (und sogar finanziellen) Vorteil zu nutzen, als die Organisationsstrukturen des Rassismus [white supremacy] physisch anzugreifen. Ich habe erlebt, wie die Opferrolle dazu genutzt wurde, haarstrĂ€ubende LĂŒg#LISTtitle Nekrolog auf IdentitĂ€tspolitiken und Schikanen zu rechtfertigen, die durch persönliche Rache motiviert waren. Viel zu hĂ€ufig habe ich gesehen, wie IdentitĂ€tspolitik eine Kultur schafft, in der persönliche Erfahrungen auf passives Schweigen reduziert werden. Aber all das ist nichts Neues. Jede*r, die*der sich selbst (seit einiger Zeit) als Anarchist*in definiert, wird schon einmal die eine oder andere Form von „call-out“ oder „silencing“ gesehen oder auch selbst erlebt haben. Warum erwĂ€hne ich das also? Weil diese Scheiße immer noch passiert und ich immer noch so viele Menschen sehe, denen der Mut fehlt, sie offen zu konfrontieren.

Ich erwarte nicht, dass dieser Text der IdentitĂ€tspolitik zu einem plötzlichen Ende verhilft. Vielmehr drĂŒcke ich meine Feindschaft ihr gegenĂŒber und ihrem autoritĂ€ren, anti-individualistischen Charakter aus. Ich sehe noch immer selbstbezeichnende Anarchist*innen ĂŒber „weiße“ Dreads lĂ€stern (ebenso wie ich Menschen sehe, die ihre Dreads unter sozialem Druck abschneiden). Ich sehe noch immer Menschen, die das WĂ€hlengehen rechtfertigen, wie sie es bei Obama getan haben (dieses Mal fĂŒr Bernie [Sanders] ). Und ich sehe noch immer „Allies“, die ihre Frustration in sich hinein fressen, weil sie zu verĂ€ngstigt sind, den Autoritarismus, den sie vor sich sehen, zu konfrontieren.

Wie viele „weiße“ Anarchist*innen wurden Rassist*innen (oder Privilegierte) genannt und fĂŒr ihre Weigerung an der vergangenen Wahl 2020 teilzunehmen, angedisst?

Stell dir vor, wie Anarchie aussĂ€he, wenn die Menschen sich weigern wĂŒrden, den herablassenden Forderungen von IdentitĂ€tspolitiker*innen zu gehorchen. WĂŒrden sich die Menschen freier fĂŒhlen, ihre Leben jenseits der engstirnigen Grenzen vorgegebener IdentitĂ€ten zu erforschen? WĂŒrden sie sich furchtlos ermĂ€chtigen, sich ihre eigene Meinung zu bilden? Gibt es irgendeine Freude zu erleben innerhalb der angespannten Farce des akademischen Elitarismus?

WĂ€re dieser Text weniger stichhaltig, wenn er nicht von einer queeren Person of Color geschrieben worden wĂ€re? Was, wenn er von einem „weißen“ „cis“ „Mann“ stammen wĂŒrde? Warum wĂ€re das relevant?

Im Großen und Ganzen wĂ€re es das nicht. Denn schließlich geht es hier nicht nur um IdentitĂ€t, sondern um anti-autoritĂ€re Anarchie. Wenn es eine Sache gibt, die ich in den letzten paar Jahren zur GenĂŒge beobachten konnte, dann ist es IdentitĂ€tspolitik, die sich wie eine Plage ausbreitet und jeden sozialen Raum verschlingt – ironischerweise inklusive den anarchistischer Kreise. FĂŒr mich bedeutet Anarchie die Zerstörung sĂ€mtlicher sozial konstruierter IdentitĂ€ten und aller EinschrĂ€nkungen, die diese der Vorstellungskraft setzen. Anarchie ist eine individualistische Erfahrung, die sich selbst im GefĂ€ngnis zugewiesener IdentitĂ€ten gefangen sieht. Statt dieses GefĂ€ngnis gemeinsam mit der Gesellschaft, die es errichtet, zu zerstören, ist der heutige Anarchismus zu einem Friedhof erstorbenen Potenzials, internalisierter Opferrollen und eines ideologischen Wettkampfes darum, wer „am meisten unterdrĂŒckt“ ist, geworden.

Anstatt IdentitĂ€t selbst anzugreifen und den Apparat, der dieses Paradigma aufrechterhĂ€lt, vergeudet mensch seine Energie damit, sich gegenseitig fertig zu machen, indem mensch die KomplexitĂ€t individueller Einzigartigkeit ausblendet und die staatliche Rolle einnimmt, einander aufgrund von Zugehörigkeit zu identitĂ€ren Kategorien zu definieren. Eine bestimmte IdentitĂ€t anzunehmen bestĂ€tigt nur die Existenz dieser IdentitĂ€t als eine universelle Wahrheit und damit – aufgrund der kolonialen Intention zugewiesener IdentitĂ€ten – auch die Knechtschaft und Versklavung einiger durch andere als eine ebenso universelle Wahrheit.

Ich weigere mich daran teilzunehmen, Versklavung als Voraussetzung meiner Existenz hochzuhalten und deshalb sind diese „Wahrheiten“ nichts weiter als politische MĂ€rchenerzĂ€hlungen. Sie sind Produkt einer perfektionierten, sozial entwickelten Gottesvorstellung, die wie ein parasitĂ€rer Cordyceps in den Verstand eindringt und unbedingten Gehorsam einfordert. Bestandteil dieser mentalen Manipulation ist ein durch die Einkerkerung der industriellen Gesellschaft institutionalisierter Verstand. IdentitĂ€tspolitik ist die verstaubte Kette der Kolonisation, poliert von denen, die ihr persönlichen Wert beimessen. Diese „Wahrheiten“ sind die sozialen Konstrukte der Kontrolle, die ein Leben der Rebellion im tiefen und finsteren Brunnen der Reform in Ketten legen. Und wĂ€hrend sich viele dort eingerichtet haben, bin ich ausgebrochen, um das unendliche unbekannte Terrain des Hedonismus und der anti-politischen Anarchie zu erforschen. „Schwarze“, „Braune“ oder „Weiße“ Macht [Power] ist die Antithese der Freiheit; sie ist die ideologische WohltĂ€tigkeitsarbeit einer zivilisierten, humanistischen Form der Rebellion. IdentitĂ€tspolitik ist die Sterilisation der IndividualitĂ€t, die sie sowohl gehorsam gegenĂŒber der kollektivistischen AutoritĂ€t, als auch gutglĂ€ubig gegenĂŒber dem nationalistischen Mythos der Überlegenheit macht.

Letztlich ist der „Mensch“ ein Tier, das innerhalb sozial konstruierter Kategorien in eine Hierarchie des ökonomischen Status domestiziert wurde. Und auch wenn sich diese Hierarchie ĂŒber die Jahre verĂ€ndert hat, wird sie dennoch bestĂ€ndig durch die Beziehung derer, die Befehle erteilen und derer, die gehorchen, aufrecht erhalten. UnabhĂ€ngig davon, wie die Kategorien innerhalb dieser Hierarchie positioniert sind, bleibt die Hierarchie autoritĂ€r; die Gruppe dominiert das Individuum. Was einen „Menschen“ definiert, ist der Grad seines Gehorsams und seiner UnterwĂŒrfigkeit gegenĂŒber zivilisierten Rollen und Verhaltensweisen, die die industrielle Gesellschaft erfordert. Je weniger kooperativ ein „Mensch“ ist, desto wahrscheinlicher wird dieser „Mensch“ mit einem Tier verglichen werden. Das Tier ist das unerwĂŒnschte Wesen – selbst fĂŒr die IdentitĂ€tspolitiker*innen, die es vorziehen, den ideologischen Anthropozentrismus der Kolonisateur*innen zu ĂŒbernehmen. Vielleicht erklĂ€rt das, warum es so wenig Diskussion um Tierbefreiung im links-anarchistischen Diskurs gibt. Die marginalisierte Stimme soll lieber als gleichwertig zu den zivilisierten Kolonisator*innen portrĂ€tiert werden, als als verlorengegangene Beziehung zwischen ihrer AnimalitĂ€t und der Erde. Im Zentrum linker Politik steht das humanistische Ziel sozialer Gleichheit innerhalb des industriellen Fortschritts – wĂ€hrend die Erde zugleich weiterhin in Nationalstaaten zerteilt bleibt und fĂŒr die anthropozentrische Ausbeutung und Ausbreitung verwĂŒstet wird.

Meine Meinung ist, dass solange eine*r eine persönliche Beziehung zur „menschlichen“ IdentitĂ€t – Ă€hnlich wie der zu „weißen“ oder „mĂ€nnlichen“ IdentitĂ€ten – pflegt, das Individuum das koloniale Paradigma von zivilisiert vs. wild bekrĂ€ftigt. Und solange diese BekrĂ€ftigung andauert, bleibt das Individuum auch anfĂ€llig dafĂŒr in anderen identitĂ€ren Konstrukten gefangen zu werden, die das ungezĂ€hmte Potential weiter unterdrĂŒcken.

Ich frage mich, wann bzw. ob Anarchist*innen im Allgemeinen jemals ĂŒber die Gruppen-MentalitĂ€t des Linksradikalismus hinaus hin zum individualistischen Aufstand gelangen werden, in dem sie die Konfrontation von IdentitĂ€t als einen Akt der persönlichen Emanzipation begreifen. Werden Anarchist*innen eines Tages begreifen, dass alles ĂŒber dem Individuum eine AutoritĂ€t darstellt, egal ob es sich dabei um „die Kommune“, die „Bewegung“ oder die kulturelle Herrschaft von IdentitĂ€t handelt? Vielleicht einige, aber ich bin mir sicher, nicht alle.

Die heilige Opferrolle

Nach 45-minĂŒtiger Fahrt sind wir endlich da. Wir haben einen langen Tag des Ladendiebstahls hinter uns und das ist unser letzter Halt. Ich bin an der Reihe und ich nehme mir vor, den Laden mit Waren im Wert von mindestens 500 Dollar zu verlassen, um diese spĂ€ter online zu verkaufen. Aber ich habe ein schlechtes GefĂŒhl bei diesem Laden. Anders als die LĂ€den davor ist dieser Laden wesentlich kleiner, was bedeutet, dass die Ladendetektive die TĂŒren besser im Blick behalten können. GrĂ¶ĂŸere LĂ€den haben meist ausgedehntere Ein- und Ausgangsbereiche. Außerdem ist es schwieriger, alle EinkĂ€ufer*innen durch die Kameras im Auge zu behalten, je grĂ¶ĂŸer ein GeschĂ€ft ist. Ich entscheide mich, trotzdem zu gehen. Sei dir nie sicher ĂŒber irgendetwas, wenn du es nicht bereits versucht hast.

Ich gehe hinein, nehme mir einen Wagen und schaue mich nach den Waren um, die ich klauen will. Ich checke auch die Schlangen an den Kassen und den Kundenserviceschalter. Zwei der Mitarbeiter*innen am Kundenserviceschalter sind damit beschĂ€ftigt, sich zu unterhalten, die Kassen sind alle, bis auf eine am Eingang und zwei am Ausgang, geschlossen. Am Eingang steht ein*e Mitarbeiter*in, die*der die EinkaufswĂ€gen abwischt. An einer der Kassen sitzt ein*e Kassierer*in, wĂ€hrend die andere unbesetzt ist. Ich speichere die Situation als „zu einfach“ aussehend ab, aber ich entscheide mich, mich zunĂ€chst darauf zu fokussieren, wo die Dinge sind, die ich brauche. Nachdem ich meinen Einkaufswagen beladen habe, beginne ich meine Reise in Richtung Ausgang. Jede*r, die*der Ladendiebstahl zum Lebensunterhalt begeht, weiß, dass das der aufregende Teil ist. Die ganze Zeit bis zu diesem Moment war ich nur ein*e gewöhnliche*r EinkĂ€ufer*in. Aber nun, da ich auf den Ausgang zugehe, werfe ich mein KostĂŒm der*des „EinkĂ€ufers*in“ ab und bereite mich auf die kriminelle Erfahrung der*des „Ladendiebs*in“ vor. Als mein Herz zu pochen beginnt, kann ich spĂŒren wie meine Nerven ein WohlgefĂŒhl auslösen – eine beruhigende Antwort als eine temporĂ€re Ablenkung von der Panik, um meine Sinne scharf und fokussiert zu halten. Ich muss auf alles vorbereitet sein. Und noch immer muss ich mein(e) „gewöhnliche*r EinkĂ€ufer*in“-Gesicht und -Körpersprache bewahren. Als ich die „zu leichte“ Bahn zum Ausgang durchquere, sieht alles gut aus.

Die Menschen am Kundenservice unterhalten sich immer noch und widmen mir keine Aufmerksamkeit, der*die eine Kassierer*in ist zu beschĂ€ftigt, irgendwen anzurufen, um mich zu bemerken. Ich hole meinen Fake-Kassenzettel heraus und gehe ganz gewöhnlich durch die ersten SchleusentĂŒren des Ausgangs. Wenn ich gesehen oder erwischt worden wĂ€re, wĂ€re das der Moment in dem sich mir von hinten jemand nĂ€hern wĂŒrde oder ich jemanden nach meiner Schulter greifen spĂŒren wĂŒrde. Als ich die zweiten SchleusentĂŒren passiere, ist noch immer alles gut. Zeit, mich auf den Weg zur RĂŒckseite des Parkplatzes zu machen – und dann passiert es 


Jede*r, die*der lange genug geklaut hat, kennt diese gefĂŒrchteten Worte: „Entschuldigen Sie 
 Entschuldigen Sie!“, höre ich jemanden hinter mir rufen. Ich tue so, als hĂ€tte ich nichts gehört. Dann höre ich schnelle Schritte von hinten auf mich zukommen. „Entschuldigung, ich muss Ihren Kassenzettel sehen“, sagt er, als er mir seinen Ladendetektiv-Ausweis vorhĂ€lt. Fuck. Wo hat mich dieser geleckte Hipster gesehen? Muss in der Kleidungsabteilung hinter mir gewesen sein 
 Vielleicht war diese Bahn eine verdammte Falle. Egal. Lass den Einkaufswagen stehen und geh weg. Ich beginne wegzulaufen und höre „Nein, nein 
 Wir mĂŒssen wieder reingehen und Papierkram ausfĂŒllen. Keine Sorge, Sie werden nicht angezeigt.“ Ja klar, Papierkram mit all meinen Daten ausfĂŒllen und fĂŒr ihre Akten fotografiert werden – vergisss es. Ich laufe weiter davon. Ein anderer Ladendetektiv kommt rausgerannt und ist am Telefon. Er ruft die Polizei. Ich erkenne sofort, dass der erste Typ mich heimlich hinhalten wollte, bis die Polizei eintrifft! Ich sprinte los. Ich höre, wie die beiden mir dicht hinterherrennen. Ich ĂŒberquere die Sraße und stĂŒrze in eine Wohnwagensiedlung. Im Zickzack renne ich zwischen den Wohnwagen weiter und verstecke mich schließlich in einem Blechschuppen. Ich zwinge mich, ruhig und tief durchzuatmen. Ich beruhige mich und lausche, wie die beiden in der NĂ€he nach mir suchen.

Als ich sie schließlich nicht mehr höre, texte ich meinen Kompliz*innen meinen ungefĂ€hren Aufenthaltsort. Ich verlasse den Schuppen, versuche einige Dinge aufzurĂ€umen, die heruntergefallen sind, als ich dort hineingestĂŒrmt bin. Die Bullen mĂŒssen jede Sekunde hier sein. Ich sehe, wie das Auto meiner Kompliz*innen langsam vorĂŒberfĂ€hrt und winke sie zu mir. Ich springe hinein und lege mich auf den Boden, als wir wegfahren.

Ich hĂ€tte meinem Instinkt vertrauen sollen. Das war Pech. Aber es hĂ€tte schlimmer kommen können. Statt die Nacht in einer Zelle zu verbringen, sitze ich gemĂŒtlich hier und schreibe diesen Text. Aber das ist die RealitĂ€t des Ladendiebstahls – oder jedes Verbrechens, was das angeht. Egal wie viele Male du damit durchkommst, es ist wichtig darauf vorbereitet zu sein, eines Tages gefasst zu werden. Sei bereit dafĂŒr. Und wenn es passiert, untersuche die Panik, die Emotionen und die physischen Reaktionen deines Körpers 
 Lerne sie kennen. So dass du das nĂ€chste Mal, wenn du ein Verbrechen begehst, ein besseres VerstĂ€ndnis vom worst-case-Szenarion besitzt. FĂŒr mich ist das elementar und es gibt keinen Platz fĂŒr die Opferrolle oder einen Ausruf der Unschuldigkeit.

WĂ€hrend Covid-19 die Bedingungen fĂŒr staatliche Repression in Form von „Ausgangssperren“ schuf, hat es ironischerweise zugleich meine Möglichkeiten fĂŒr illegalistisches VergnĂŒgen erweitert! Viele Unternehmen blieben wochenlang unbeaufsichtigt, was bedeutet, dass SachbeschĂ€digungen lĂ€nger unbemerkt blieben. Inmitten der Panik waren die Supermarkt-Detektiv*innen und das Sicherheitspersonal damit beschĂ€ftigt, die Anzahl der GegenstĂ€nde, die die Menschen bezahlten zu ĂŒberprĂŒfen, ohne die Wagenladungen an Lebensmitteln zu bemerken, die heimlich zur anderen TĂŒr hinausgeschoben wurden.

Bevor sie ihre LĂ€den schlossen, deaktivierten viele GeschĂ€fte wie REI, L.L Bean und andere ihre Sicherheitsschranken. Ich vermute, dass dies aufgrund der großen Menge an Menschen geschah, die diese mit bezahlten Waren passierten, auf denen ein versteckter Diebstahlschutz noch immer aufgeklebt war. Vielleicht wurden die Schleusen abgeschaltet, um einen sekĂŒndlich losgehenden Alarm zu vermeiden. Das eröffnete die gute Gelegenheit, gesicherte Waren stressfrei hinauszutragen.

Die letzten Wochen ließen in mir alte Erinnerungen an die Zeit aufsteigen, zu der ich Anarchie noch als eine AktivitĂ€t verstand, die nur solange andauerte, wie eine Erste-Mai-Demo, eine Demonstration oder ein nĂ€chtliches VergnĂŒgen. Ich erinnere mich daran, dass ich das GefĂŒhl hatte, Anarchie sei der Moment, in dem ich schwarze Hosen, Schuhe und Handschuhe trug und mit einem T-Shirt vermummt war. Nach diesen AktivitĂ€ten galt es, in die „wirkliche Welt“ zurĂŒckzukehren. ZurĂŒck zur Lohnsklaverei, zurĂŒck zur tĂ€glichen Routine des Mietezahlens und AbzĂ€hlens meiner Lebensmittelgutscheine fĂŒr den Supermarkt. Sicher, neben den BĂŒchertischen bei Punkkonzerten und radikalen Veranstaltungen gab es die gelegentlichen klandestinen AktivitĂ€ten. Aber es gab diesen Zwiespalt, der immer eine Trennung kreierte, die Anarchie zu einer Art extrakurrikularen AktivitĂ€t machte. Sicher widmete ich mein Leben der Rebellion; Das ganze Konzept eines Zine-Distros, das ich spĂ€ter „Warzone Distro“ nennen wĂŒrde, entwickelte ich, wĂ€hrend ich meine Arbeitszeit auf dem Scheißhaus verstreichen ließ. Trotz der Lohnsklaverei war ich immer damit beschĂ€ftigt, den einfachsten Weg einzuschlagen und fĂŒr den grĂ¶ĂŸtmöglichen Lohn so wenig wie nur möglich zu arbeiten. Ich war der*die Arbeiter*in, die*der seine*ihre Überstunden an andere weitergab. Einen halben Tag Arbeit fĂŒr eine leichte LKW-Ladung? Scheiße Mann, ich bin raus!

Mit der Zeit war mir Anarchie als bloße extrakurrikulare AktivitĂ€t nicht mehr genug. Und was ich damit meine, ist, dass ich zunehmend intoleranter gegenĂŒber Bossen, Lohnsklaverei, Weckern, Mietezahlen und MĂŒnzen abzĂ€hlen wurde. Ich erinnerte mich daran, wie es war Kind zu sein und keine solche Verpflichtungen zu haben. Ich erinnerte mich an meine ganztĂ€gigen Abenteuer draußen, vom frĂŒhen Morgen bis spĂ€t in die Nacht. Jeder Tag war ein neues Abenteuer und jeden Tag lernte ich etwas Neues ĂŒber mich selbst. Dann, als verantwortungsbewusste*r Erwachsene*r lernte ich etwas Neues ĂŒber mich. Ich hasste das Erwachsensein, mich erwachsen zu verhalten und die performative Rolle und IdentitĂ€t des „Erwachsenwerdens“. Aber ich versuchte nicht wieder zum Kind zu werden. Diese Tage waren vorbei. Ich fragte mich, wie ein anarchistisches Leben, das die Erwachsenen/Kind BinaritĂ€t ĂŒberwinden wĂŒrde, aussehen könnte.

Schnell vergangene Jahre spĂ€ter stehe ich hier, arbeitslos, aber nicht lĂ€nger MĂŒnzenzĂ€hlend, Ă€lter, aber jugendlicher als ich jemals war. Einige sagen, ich verkörpere die schlimmste aller Welten; hedonistisch, gewaltsam und kindisch. SelbstverstĂ€ndlich obliegt es der subjektiven Interpretation, was diese Worte bedeuten und wie diese auf mich angewandt werden, aber eines ist sicher: Ich fĂŒhle mich freier als ich mich je gefĂŒhlt habe. Und ich habe eine LiebesaffĂ€re mit dem Verbrechen. Es ist eine intime Erfahrung – Verbrechen in wĂŒtender Verachtung fĂŒr die Gesellschaft und das Gesetz zu begehen. BrĂŒche zu erzeugen und damit durchzukommen vervollkommnet mein Verlangen nach Anarchie mit jedem Moment. Heutzutage erlebe ich den ganzen Tag draußen, vom frĂŒhen Morgen bis spĂ€t in die Nacht. Und mit jeder kriminellen AktivitĂ€t lerne ich mich besser kennen. Aufgrund der Tatsache, dass meine lustvollen Tage des Lebengenießens entweder im GefĂ€ngnis oder mit meinem plötzlichen Tod enden werden, lerne ich, die Gegenwart der Vergangenheit und der Zukunft vorzuziehen.

Eine Sache, die ich ĂŒber Verbrechen gelernt habe, ist das einzigartige GefĂŒhl, das mit dem Gesetzebrechen einhergeht, ein Sinn fĂŒr individuelle Handlungsmöglich- und Unmöglichkeiten, ein Sinn fĂŒr StĂ€rken und SchwĂ€chen. All das kann durch die Erfahrung des Gesetzebrechens entdeckt werden. Und es ist diese Erfahrung, die ich ausweiten will, um mehr ĂŒber mich selbst zu lernen, um unkontrollierbar im anti-sozialen Sinn zu werden.

Ich blicke auf meine Vergangenheit zurĂŒck, in der ich vom Kult der IdentitĂ€tspolitik eingesperrt war. Ich erinnere mich daran, dass ein Grund dafĂŒr, die Opferrolle einzunehmen, war, soziale Aufmerksamkeit zu generieren und die (marginalisierten) IdentitĂ€ten, die mir zugewiesen worden waren, in einem positiven Licht zu zeichnen. „Sieh mich an! Eine verantwortungsvolle queere Person of Color, die einer Arbeit nachgeht und ein*e gesetzestreue*r BĂŒrger*in ist!“ Aber warum? Um zu beweisen, wie Ă€hnlich ich all diesen „weißen“, hart arbeitenden proletarischen Helden war, die Amerika braucht, um sein koloniales Establishment aufrechtzuerhalten? Ein*e andere*r Lohnsklav*in, die*der passiv und bereitwillig die eigene Versklavung akzeptiert? Um ein*e weitere*r Christ*in of Color zu werden, die*der vorgibt, dass es ein imaginĂ€res Königreich dort oben gibt fĂŒr all diejenigen von uns Strolchen, die niemals eine faire Chance im Leben hatten? Scheiß auf all das.

Der Grund aus dem all die Rassist*innen, Homofeind*innen, Patriarchen und Patriot*innen Menschen wie mich fĂŒrchten, liegt jenseits von IdentitĂ€tspolitik; Ich bin ein*e erbitterte Feind*in ihrer Kontrolle und Ordnung. Das gesellschaftliche Schloss, das sie zu errichten und aufrechtzuerhalten trachten, wird immer Ziel meiner Sabotage sein!

Ich denke die meisten Menschen können nachvollziehen und verstehen, dass es nicht nötig ist, sozial zugewiesene IdentitĂ€ten anzunehmen, um zu verstehen wie die Gesellschaft diese als Werkzeuge der sozialen Kontrolle einsetzt. Ich denke es ist ebenso leicht zu erkennen, inwiefern IdentitĂ€t als Werkzeug der Revolution beschrĂ€nkt ist und vielmehr zu internen Konflikten in vielen revolutionĂ€ren Projekten gefĂŒhrt hat. Aber was mich umhaut, ist die Tatsache, dass so viele diese IdentitĂ€ten nicht sofort als vorrangige persönliche Form der Rebellion zurĂŒckweisen. Ich denke mensch kann sagen, dass diese IdentitĂ€ten die Hierarchien, die sie aufrechterhalten, gerade deshalb aufrechterhalten, weil sie so hĂ€ufig von linken Organisationen fĂŒr moralische Überzeugung genutzt werden. Durch Opferrolle und Unschuld wird IdentitĂ€tspolitik als eine alle ansprechende Methode zur Schaffung einer kollektiven Gesinnung genutzt, die das Individuum letztlich ermutigt, unabhĂ€ngiges Denken zugunsten eines Gottkomplexes von MoralitĂ€t und Kollektivismus aufzugeben. Ich denke das spielt auch eine große Rolle im Etatismus und der ZurĂŒckweisung von illegalistischer Revolte.

Ich lehne die statische, ziviliserte BinaritĂ€t von Schuld und Unschuld ab und damit auch die Internalisierung der Opferrolle. Ich habe keine Verwendung fĂŒr eine „Call-out-Culture“ oder einen Internet-Lynchmob gegen meine Feind*innen. Im Internet werden alle meine Versuche öffentliche UnterstĂŒtzung gegen eine*n Feind*in zu erlangen, nur einen anderen Feind (den Staat) informieren und ihn ermĂ€chtigen, mir meine Verantwortlichkeit zu stehlen. Schuld und Unschuld sind auch eine legalistische BinaritĂ€t, die nur dazu dient, nach einem moralischen Determinismus zu urteilen. Ich verachte den Staat und alle seine Manifestationen, sowie seine Repression gegen das Chaos. Deshalb bin ich kein Opfer; Ich bin (selbst)erklĂ€rte*r Feind*in in einem Krieg gegen ihn [den Staat]. Ich erwarte kein Mitleid, keine Begnadigung oder WohltĂ€tigkeit, weder von ihm, noch von seinen BefĂŒrworter*innen.

Es war der Tag, an dem Chicago sein Ausgangssperren-Dekret verhĂ€ngte. Mein*e Kompliz*in und ich waren in meiner Heimatstadt bei meiner Mutter zu Besuch. Als wir, nachdem wir meiner Mutter ein paar Lebensmittel besorgt hatten, heimfuhren, bemerkte ich jemanden alleine auf einer Parkbank sitzen. Ihr Name ist „Big Momma“. Ich war ĂŒberrascht, sie draußen in der KĂ€lte zu sehen und nicht in einer der lokalen ZufluchtsstĂ€tten. Wir fanden heraus, dass die UnterkĂŒnfte ihre TĂŒren geschlossen hatten, vermutlich wegen Covid-19. Ich fragte mich, wie viele andere draußen in der KĂ€lte waren 


Mein*e Kompliz*in und ich gingen zu einem Park, in dem ich frĂŒher Food Not Bombs [eine Art VolkskĂŒche; Anm. d. Übers.] veranstaltet hatte und zu meiner Überraschung hatten dort um die 20 Personen ein Camp vor der BelĂŒftungsanlage eines GebĂ€udes errichtet, aus der warme Luft strömte. Wir gingen hinĂŒber und fragten die Menschen, wie es ihnen gehe. Einige Menschen, die mich noch von aktivistischen Projekten Jahre zuvor kannten, kamen aufgeregt herbeigelaufen, um mich zu begrĂŒĂŸen. Sie alle gehörten zu den UnglĂŒcklichen, die zumindest fĂŒr dieses Wochenende aus den UnterkĂŒnften ausgesperrt worden waren. Mein*e Kompliz*in und ich gingen zurĂŒck zum Wagen und heckten einen Plan aus.

Eine halbe Stunde spĂ€ter stehen wir in einem anderen LebensmittelgeschĂ€ft. Anders als sonst ist es nicht ganz leicht, Lebensmittel aus diesem GeschĂ€ft zu tragen ohne sie zu bezahlen. Aufgrund der erhöhten Sicherheit an der TĂŒr wegen Covid-19 und der Angst vor PlĂŒnderungen hat sich das Szenario verĂ€ndert. Aber es ist noch immer möglich, einen vollen Einkaufswagen aus dem Laden zu schieben. Wir befĂŒllen den unteren Teil des Wagens mit Wasserflaschen, zahlreichen Brotlaiben, Erdnusbutter, Marmelade und ĂŒber 20 Packungen gemischter NĂŒsse, frischen Äpfeln und Bananen. Fertig. Ich voraus bahnen wir uns den Weg zur TĂŒr. Meine Aufgabe ist es, um die Ecke nach zwei Angestellten an den Selbstbedienungskassen zu spĂ€hen, um sicherzustellen, dass sie uns nicht beobachten. Wenn sie gerade schauen, wĂŒrde ich mein Handy herausholen, als wĂŒrde ich einen Anruf tĂ€tigen. Falls nicht, gehe ich einfach weiter. Mein*e Kompliz*in ist mit dem Wagen dicht hinter mir. Die Luft ist rein. Die ersten SchleusentĂŒren 
 die zweiten SchleusentĂŒren 
 Alles ist gut gelaufen. Schließlich erreichen wir den Wagen und beladen den Kofferraum. Geschafft! NĂ€chster Halt ist ein anderer Lebensmittelladen, aber wir werden dort keine Lebensmittel besorgen: Wir ĂŒberfallen die MĂ€nner- und Frauentoiletten, um große Rollen Toilettenpapier abzustauben. Manchmal ist es ein wenig laut, die Spender zu öffnen, aber es geht relativ einfach mit jeder Art von HausschlĂŒssel. Wir fĂŒllen zwei RucksĂ€cke mit je drei großen Rollen und schon sind wir fertig.

ZurĂŒck bei meiner Mutter waschen wir unsere HĂ€nde sorgfĂ€ltig, bevor wir Beutel um Beutel Peanutbutter-Jelly-Sandwiches zubereiten. Nachdem wir damit fertig sind, kehren wir zurĂŒck zum Camp der Obdachlosen. Jede Person bekommt zwei Sandwiches, zwei Äpfel, Zwei Bananen, getrocknete FrĂŒchte und eine Flasche Wasser. ZusĂ€tzlich hĂŒllen wir die Toilettenpapier-Rollen in PlastiktĂŒten vom Supermarkt, um sie trocken zu halten und ĂŒbergeben sie. Wir bleiben noch eine Weile, lachen gemeinsam und reden Scheiße ĂŒber die Cops. Es tat gut, neue Bekanntschaften zu schließen und alten Freund*innen zu begegnen. Es tat gut zu sehen, dass sie alle zurechtkommen und trotz der UmstĂ€nde des Wetters und der geschlossenen UnterkĂŒnfte guter Dinge waren. Wir gingen und beschlossen auch in anderen Parks nach den Menschen zu sehen. Wir fanden ein paar einsame Wölfe, die freudig nahmen, was wir an Wasser und Sandwiches ĂŒbrig hatten. Dann kehrten wir zurĂŒck zum Haus meiner Mutter, wo wir die Nacht verbrachten. Ich öffnete den KĂŒhlschrank und musste kichern, als ich all das gestohlene vegane Essen sah und ĂŒberlegte, was ich zum Abendessen wollte.

Der Allyship-Feigling

Meiner Meinung nach begann das Konzept des „Allyship“ mit guten Absichten, aber ebenso wie andere Aspekte der IdentitĂ€tspolitik wurde es schlecht und hĂ€tte dringend entsorgt werden mĂŒssen. Ich empfinde „Allyship“ folgendermaßen: Wenn du ein politisches Buzzword und Konzept brauchst, um dich zu motivieren, dich mit Menschen jenseits gegenderter oder rassifizierter Kategorien zu verbĂŒnden, dann ist deine „SolidaritĂ€t“ unaufrichtig. Wenn deine Art zu kommunizieren voller vorab von einem „Woke Ally 1×1“-Workshop genehmigter Themen ist, bist du zu einer freilaufenden Marionette geworden. Aufrichtige gegenseitige Hilfe oder SolidaritĂ€t benötigt keine trendigen Twitter-Phrasen, um dich zu motivieren, Beziehungen zu knĂŒpfen. In anderen Worten: Gib dich nicht mit mir ab, nur weil du gelesen hast, dass das das Richtige ist, oder weil dein*e progressive*r College-Professor*in dir das gesagt hat. Kriech mir nicht in den Arsch und laufe mir hinterher, weil ich eine viktimisierte, „marginalisierte“ oder „PoC Stimme“ bin. Oder weil deine Freund*innen und Kamarad*innen dich dazu drĂ€ngen. Lass nicht zu, dass etwas so KĂŒnstliches wie sozial konstruierte Kategorien unsere Beziehung definieren. Gib dich mit mir nur ab, wenn du persönlich Interesse an unserer Interaktion und meiner Persönlichkeit hast und du – das ist das wichtigste – das aus individuellem Verlangen willst. Ich glaube nicht an erzwungene gegenseitige Hilfe: Damit machst du zwei Menschen zugleich zur*zum Idiot*in.

Es gibt auch diejenigen, die aufgrund von rassifizierten oder vergeschlechtlichten Zuschreibungen annehmen, sie wĂŒssten, wie andere Menschen denken. Das sind die IdentitĂ€tspolitiker*innen, die sowohl als Polizei als auch als ReprĂ€sentant*innen anderer auftreten und versuchen, Allyship durch SchuldgefĂŒhle und Anprangerungskampagnen zu erzwingen. Sie nutzen ihre IdentitĂ€t, um sich selbst als unverantwortlich zu erklĂ€ren, wĂ€hrend sie zugleich eine passiv-agressive Form der Kommunikation zur EinschĂŒchterung nutzen. Aber meiner Ansicht nach ist niemand verpflichtet ihnen oder irgendjemand anderem, besonders nicht aufgrund von etwas so flachem wie IdentitĂ€t, zuzuhören oder sie zu unterstĂŒtzen. Ich bin stets derer ĂŒberdrĂŒssig, die sprechen, als wĂŒrden sie die Interessen von Menschen vertreten, die sie nie getroffen haben. Es ist idiotisch zu glauben, dass nur weil Menschen sozial Ă€hnliche IdentitĂ€ten zugewiesen bekommen, jedes Individuum den Stereotypen dieser IdentitĂ€ten entspricht.

IdentitĂ€tspolitik war erfolgreich darin, ein VerstĂ€ndnis dafĂŒr zu entwickeln, wie die zivilisierte Gesellschaft funktioniert, aber als Lösung, um diese Gesellschaft einzureißen, fĂŒhrt sie nur dazu, IdentitĂ€ten zu beschrĂ€nken, zu Nationalismus, internalisierten Opferrollen und weiteren Stereotypen fĂŒr Menschen, die dagegen ankĂ€mpfen.

Du willst etwas ĂŒber die Erfahrungen einer Person erfahren? Sprich doch mit ihr direkt. Triff keine Annahmen aufgrund von sozialen Konstruktionen. Du willst deine SolidaritĂ€t zu Menschen zeigen? Behandle sie als Individuen mit einzigartigen Erfahrungen und Geschichten, nicht als bloße Schwarmmitglieder irgendwelcher homogenisierter Gruppen. Und fĂŒr all diejenigen, die noch immer gehorchen ohne zu hinterfragen gilt noch immer: Ein anderes Wort fĂŒr Weißer Ally ist Feigling!

Die Woke FĂŒhrung

Persönlich mag ich das Wort „bilden“ nicht, um den Austausch von Ideen zwischen zwei Individuen zu beschreiben. „Bilden“ impliziert die Etablierung universeller „Wahrheiten“ anstelle des horizontalen Austauschs persönlicher Perspektiven. Der Kontext, in dem ich das Wort „Bilden“ am hĂ€ufigsten wahrnehme, kreiert eine soziale Hierarchie zwischen denjenigen, die „woke“ [dt. etwa ~politisch achtsam~, bzw. etwas polemisch ausgedrĂŒckt ~politisch konform~] sind und denjenigen, die das nicht sind. Lernen Menschen ĂŒberhaupt irgendetwas, wenn die Kommunikation von Ideen von oben herab stattfindet? Vielleicht. Aber ich bevorzuge es, diese Hierarchie nicht zu befördern.

Individuelle Menschen sind mehr als nur „weiß“, „braun“ oder „schwarz“, „MĂ€nner“ oder „Frauen“ oder welche soziale Konstruktion ihnen auch immer bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Deshalb kommt die Kommunikation aufgrund identitĂ€tsbasierter Annahmen so gut wie immer herablassend rĂŒber. Ich sehe Scheiße wie „Bilde deine Freunde“ oder „lass dich bilden“, als wĂŒrde auf eine Kirche der sozialen Gerechtigkeit verwiesen, in der mensch „erweckt“ wĂŒrde. Und offensichtlich ist die kapitalistische MentalitĂ€t, Informationen zu verkaufen, ohne Frage gerechtfertigt. Einige glauben die „Arbeit“, Fragen zu beantworten, sei einen Lohn wert und zitieren etwas vom Umfang einer Google-Suche, wenn eine*r nicht in der Lage dazu ist, sie zu bezahlen. Ironischerweise kommen viele Fragen in guter Absicht und stammen von gutmeinenden Aktivist*innen, die es ertragen, zunĂ€chst von oben herab behandelt zu werden. Meiner Meinung nach entmutigt diese elitĂ€re Art des Antwortens gegenĂŒber wohlmeinenden Menschen diese, indem sie deren persönliche Geschichten trivialisiert und ihnen einredet, andere als an der Spitze stehend zu akzeptieren. Dieser Methode des „Bildens“ liegt ein Kollektivismus zugrunde, der die Grundlage fĂŒr ein weiteres soziales System des Zwangs legt. Ich habe kein Interesse daran, mich daran zu beteiligen. Ich kann eine kritische Perspektive einnehmen oder einem Punkt widersprechen ohne einen Austausch zu hierarchisieren.

Ich betrachte jeden individuellen Verstand als rauschenden, wilden Strom von Ideen, die ĂŒber die Ufer treten, wenn der Damm der sozialen Unterwerfung zusammenbricht. Die Gesellschaft verhindert kollektiv jegliche Wildheit, indem sie das Individuum domestiziert und letzlich ein im KĂ€fig eingesperrtes Tier aus dem Verstand macht. Unter all der sozialen Konditionierung gibt es ein einzigartiges Individuum, das sich selbst in chaotischem Widerspruch gegen die Gesellschaft entdeckt.

Gleichförmigkeit ist die Feindin des freien Ausdrucks. Es gibt keine „Bildung“, nur eine verbreitete Meinung, die von denen, die beabsichtigen fĂŒr andere zu denken, durchgesetzt wird. Ich denke, Ideen und Perspektiven können auf eine Art und Weise ausgetauscht werden, die keinem autoritĂ€ren Modell der Kommunikation von oben herab gleicht. Ich bin kein*e Lehrer*in und ich strebe nicht danach, andere zu bilden. Stattdessen teile ich meine persönlichen Erfahrungen und Ideen, sowie sie entstehen und sich entwickeln, mit der Welt in dem VerstĂ€ndnis, dass andere uneinverstanden sind und einzigartige eigene Erfahrungen haben.

Beispielsweise habe ich gelernt, dass das illegalistische Leben nicht jeder*jedem taugt. Ich habe einige Menschen, die eine Weile so gelebt haben, unter dem Gewicht des realen Stresses krimineller AktivitĂ€ten zusammenbrechen sehen. Wenn ich also diese Worte ĂŒber KriminalitĂ€t schreibe – ebenso wie meine Verachtung gegenĂŒber IdentitĂ€tspolitik – spreche ich nur fĂŒr mich selbst. Als ich anfing „Descending into Madness“ zu schreiben, war ich in der selben Nacht mit zwei Taschen im Wert von je ĂŒber 300 Dollar aus einem REI in Seattle gelaufen. Die SicherheitstĂŒrme schlugen keinen Alarm, als ich mit zwei Diebstahlsicherungen durch sie durchging. Ehe ich hinauslief dachte ich bei mir selbst, dass meine kriminellen AktivitĂ€ten nahelegen, dass ich dem Wahnsinn verfallen [descending into madness] sei, weil das zu versuchen verdammt noch mal verrĂŒckt war. Aber ich war erfolgreich. Und auf der Autofahrt nach Hause bemerkte ich, dass wenn ich solche mutigen VerrĂŒcktheiten nicht befördern wĂŒrde, ich möglicherweise niemals bemerkt hĂ€tte, dass die SicherheitstĂŒrme in diesen GeschĂ€ften nicht funktionierten.

Meiner Meinung nach fĂŒhrt die „woke FĂŒhrung“ des Linksradikalismus den Anarchismus ĂŒber eine Klippe in einen zunehmenden Zerfall . Vor Angst und Scham, die von einer neuen Ordnung erzwungen wird, werden einige Anarchist*innen es niemals zu Selbstemanzipation oder unabhĂ€ngigem Denken als ZurĂŒckweisung der AutoritĂ€t eines Gruppendenkens bringen. Viele Menschen bezeichnen sich trotz einer engstirnigen, liberalen Definition von Anti-Diskriminierung selbst als Anarchist*innen – einer Definition, die Anti-Diskriminierung auf die moralistischen, humanistischen Grenzen der zivilisierten Gesellschaft beschrĂ€nkt. Es ist kein Zufall, dass die meiste anti-diskriminatorische Praxis einen staatlichen Apparat erfordert, um Gesetze durchzusetzen, die gleiche Rechte schaffen. Und wĂ€hrend es an gleichen Rechten fĂŒr alle Menschen im Kapitalismus nichts auszusetzen gibt, wird mit diesem Sieg die staatliche Reform statt des antiautoritĂ€ren Angriffs gefeiert. Und an der Spitze dieser staatlichen Macht stehen die „Community-AnfĂŒhrer*innen“ oder diejenigen, die kein Interesse daran haben, Herrschaft zu kritisieren. Stattdessen haben sie ihre soziopolitischen Karrieren mit belanglosen Reformen im Namen „der Gemeinschaft“ gemacht und Radikale diffamiert – indem sie sie als AufrĂŒhrer*innen bezeichnen. Und hinter diesen AnfĂŒhrer*innen stehen „weiße“ anarchistische Allies, verwirrt und frustriert, die sich zwischen den Alternativen entscheiden mĂŒssen, ein*e Rassist*in genannt zu werden, weil sie die Scheiße in Brand stecken oder eine*n gute*n Ally genannt zu werden, weil sie den Arsch eines*einer „schwarzen“ Predigers*in kĂŒssen.

Was du oder ich als „taktisch“ oder nicht bezeichnen, ist nicht wirklich relevant. Dies ist weniger ein Krieg im herkömmlichen Sinne als ein Sturm – unkontrollierbar und chaotisch. Das ist eines der Probleme mit der linken Charakterisierung „der Bewegung“ als etwas Einheitliches, Monolithisches und ideologisch Konsistentes. Das ist sie nicht. Das wird sie nie sein. „Die Bewegung“ besteht aus einer Million Individuen mit ihren eigenen individuellen Ansichten, Meinungen und Handlungen und es hilft niemandem irgendetwas, wenn du jede*n verspottest, die*der die Dinge nicht genauso macht, wie du es gerne hĂ€ttest. – Baba Yaga

Ein anderes Wort fĂŒr „Schwarze*r AnfĂŒhrer*in“ [Black Leadership] ist Autoritarismus

Am Ende unserer Demo kommen wir am Dritten Revier an der Ecke East Lake St./Minnehaha Ave an. Organisator*innen von Black Lives Matter beginnen etwas ĂŒber Forderungen, gemischt mit einigen Gebeten und dumpfen Anfeuerungsrufen in ihr Megafon zu heulen. Ich bemerke, wie sich jemand hinter mir langsam heranschleicht und anfĂ€ngt mit seiner Faust gegen das Fenster zu schlagen. Weil sie fĂŒrchten, es könne zerbrechen, beginnen drei in der NĂ€he Stehende leise, ihn zu ermahnen: „Das ist nicht der richtige Ort dafĂŒr, bleib freidlich!“ Die Person antwortet leise, aber mit wĂŒtender Anspannung in seiner Stimme, „Das ist das verdammte Problem, Ihr Motherfucker wollt nie etwas tun, außer zu marschieren und Sprechchöre zu rufen.“ Entmutigt lĂ€uft er weg. „Ich bin deiner Meinung, wirklich“, sage ich zu ihm. „Das ist es, was lĂ€uft – Scheiß auf den anderen Scheiß,“ antwortet er und geht weg. UngefĂ€hr eine Minute spĂ€ter verliere ich die Geduld, der BLM Rede ĂŒbers Friedlichsein zuzuhören und entscheide, nach dieser Person zu suchen. Ich gehe um die Ecke zur Hinterseite der Polizeiwache und bemerke einen Aufruhr. Eine Gruppe von 5-7 „schwarzen“ Typen blockieren die hinteren GlastĂŒren der Polizeiwache und diskutieren mit rund 20 „schwarzen“ und „braunen“ wĂŒtenden Jugendlichen – inklusive dem von vorhin. UnfĂ€hig meine eigene Frustration an mich zu halten, lasse ich mich ebenfalls auf eine Diskussion mit den Polizei-Verteidiger*innen ein. Schließlich, inmitten des GebrĂŒlls beginnen einige „schwarze“ und „braune“ Jugendliche damit „fuck 12“ neben die Blockade zu sprĂŒhen. Von der Menschenmenge hinter mir, die sich mittlerweile verdreifacht hat, ertönt Jubel. An den TĂŒren bricht ein Gerangel los und dann zerschmettert ein einzelner Stein ein Fenster der Polizeiwache, gefolgt von einem Hagel aus Steinen, Gehwegplatten, Flaschen und allem anderen in Reichweite. Die Gruppe von 5-7 „schwarzen“ Pazifist*innen schreien vor Verzweiflung, um die Zerstörung zu stoppen, gehen sogar soweit, Menschen physisch festzuhalten, aber werden schließlich ĂŒberwĂ€ltigt. Sie versuchen die bereits geworfenen Steine aufzusammeln und finden sich dabei in zahlreichen physischen Konfrontationen wieder. Menschen von vor dem GebĂ€ude rennen herbei und stimmen in den Vandalismus mit ein. Nachdem alle Fenster eingeworfen sind, bewegt sich die Meute auf den Parkplatz der Polizei zu und beginnt, die Polizeifahrzeuge zu zerstören. Ich schnappe gerade nach Luft, als ich eine Blendgranate explodieren höre. Die Polizei kommt aus einer anderen TĂŒr gerannt und beginnt, Gummischrot und TrĂ€nengas zu verschießen. Die Meute wird versprengt, aber unter hysterischem Lachen der Freude und ErfĂŒllung. Das Dritte Revier liegt in TrĂŒmmern – und ich ahnte nicht, dass das erst der Anfang sein sollte.

Am nĂ€chsten Tag tauchte eine grĂ¶ĂŸere Menge vorrangig „schwarzer“ und „brauner“ Jugendlicher auf und setzte den Krieg gegen das Dritte Revier fort. Bis zur Nacht wurde von den Menschen auf diesen Straßen ein Radius von drei Meilen von der Kontrolle der Polizei befreit. Das Dritte Revier wurde aufgebrochen und gestĂŒrmt. Die Polizei verließ das gesamte Areal. Ihre Wache wurde in Brand gesteckt und Polizeifahrzeuge wurden auf die Straße gefahren und abgefackelt. In ein GebĂ€ude, das an den Parkplatz angrenzte, wurde eingebrochen und dieses wurde mit anderen LĂ€den nebenan in Brand gesteckt. Die Menschen feierten ihren Sieg, indem sie ihre Waffen in die Luft abfeuerten. Fremde sangen und tanzten um ausgebrannte Polizeifahrzeuge, gaben sich im Vorbeilaufen High-Fives und teilten geplĂŒnderte Lebensmittel untereinander. Vor brennenden GebĂ€uden standen angeregt plaudernde Menschen, wĂ€hrend andere Steine auf die Überreste von Ladenfenstern warfen, um Zielen zu ĂŒben.

Auch wenn das Ganze wie eine perfekte Utopie ausgesehen haben mag, so war es doch nicht von der RealitĂ€t entkoppelt. Zwischen kleinen Fraktionen von Menschen brachen KĂ€mpfe aus und lange wĂ€hrende persönliche Konflikte wurden in den nun Cop-freien Straßen geklĂ€rt. Ladeninhaber*innen schossen auf PlĂŒnderer*innen und töteten sie und Sozialwohnungen wurden niedergebrannt. Aber das ist der Unterschied zwischen den zuckerĂŒberzogenen Lehrbuch-Ideologien der Politik und roher, unvermittelter Wut. Die Revolution folgte keinen Lehren von Mao oder religiösen Botschaften eines Gottes. Die Feuer, PlĂŒnderungen und Angriffe auf die Polizei brauchten keinen Marxismus, kein Transkript des kommenden Aufstands oder einen akademischen Kurs zur Geschichte des Anarchismus. Alles Benötigte war der chaotische Ausdruck von Wut gegen die ReprĂ€sentationsformen von Herrschaft.

Wie es zu erwarten war, gaben viele Menschen im Internet – darunter auch viele selbstbezeichnende Anarchist*innen – ihr Urteil zu der Situation ab – die meisten davon aus einer ideologischen Position, die Gleichförmigkeit einen Wert einrĂ€umt und „akzeptablen“ Formen der Revolte engstirnige Grenzen setzt. Meiner Erfahrung nach entwickeln sich AufstĂ€nde wie dieser am Besten, wenn sie nicht kontrolliert oder organisiert werden. Je mehr der Ausdruck der Wut kontrolliert und organisiert wird, desto weniger anarchistisch wird er – und wird schließlich befriedet, um einer bestimmten politischen Vision in den Sattel zu verhelfen. FĂŒr mich ist das nicht wĂŒnschenswert und außerdem unrealistisch. Zerstörung ist Zerstörung, Gewalt wird immer Gewalt sein und von einem Aufstand irgendetwas Geringeres zu erwarten ist bestenfalls naiv. WĂ€hrend einige am Rand sitzen und spezifische Taktiken und Formen des emotionalen Ausdrucks moralisieren, missachten sie die RealitĂ€t, dass ein ausgewachsener Krieg keine inhĂ€rente Moral kennt. GeschĂ€fte, die vernagelt und als „Schwarzen gehörend“ ausgewiesen wurden, wurden nicht durch irgendeine moralische Überlegung ausgespart; auch in sie wurde eingebrochen, sie wurden geplĂŒndert und anschließend niedergebrannt.

Außerdem hat die Polizei meiner Meinung nach umso weniger Möglichkeiten, sich den Protesten anzupassen und sie zu dominieren, desto unkontrollierbarer und unverwaltbarer ein Aufstand bleibt. Die Polizei hatte nicht die geringste Kontrolle ĂŒber hunderte Individuen, die so chaotisch rebellierten, dass sie sie ĂŒberwĂ€ltigten und in die Flucht schlugen.

WĂ€hrend der nĂ€chsten Tage fanden Angriffe gegen das 5. Polizeirevier statt, wĂ€hrend Liberale, Pazifist*innen und IdentitĂ€tspolitiker*innen sich still zurĂŒckzogen, um sich fĂŒr ihre UnfĂ€higkeit, den ersten Riot zu kontrollieren, zu rĂ€chen. Das Internet wurde zu ihrem Ausgangspunkt fĂŒr eine der schlimmsten LĂŒgenkampagnen und Panikmache, die ich je gesehen habe.

Als die Siege brennender BullenwĂ€gen und Polizeiwachen online kursierten, traten Liberale von ĂŒberall aus den Staaten auf die BĂŒhne, in einem verzweifelten autoritĂ€ren Versuch, ihre ideologische Moral und ihr politisches Programm durchzusetzen. Sie verbreiteten ein Narrativ, in dem jede*r, die*der an den Sabotageakten teilnimmt, als „Nazi“ [white supremacist] oder „Undercover Bulle“ gebrandmarkt wurde, die*der den Aufstand „infiltrieren“ wĂŒrde.

Bei einigen dieser Liberalen handelt es sich um die gleichen „schwarzen“ Personen, die gescheitert waren, „schwarze“ und „braune“ Rebell*innen an PlĂŒnderungen und der Zerstörung von Eigentum zu hindern. Sie waren daran gescheitert, alle „weißen“ Menschen davon zu ĂŒberzeugen, die Riots zu verlassen (weil sogar einige „weiße“ Menschen wussten, dass nicht alle „schwarzen“ und „braunen“ Menschen ein Problem mit ihrer Anwesenheit hĂ€tten, sondern sie als Kompliz*innen schĂ€tzten). Und in dem Versuch, kapitalistische, reformistische Werte zu wahren, strebten Liberale aller Hautfarben danach, die PlĂŒnderungen und den Vandalismus zu stoppen, indem sie die sozialen Medien mit offensichtlich falschen Informationen fluteten. Diese falschen Informationen sind gespickt mit Schlagwörtern wie „Agent Provocateur“ und „Nazis“, um die Leser*innen emotional dazu zu bringen innerhalb einer falschen Dichotomie Seite zu beziehen. Und diejenigen, die nicht physisch auf den Straßen sind oder zusammen mit der Polizei die Rebellen bekĂ€mpfen, sind die Zielgruppe dieser beschrĂ€nkten, ungenauen Darstellungen der RealitĂ€t.

Unterschiedliche ideologische Motive fĂŒhren zu unterschiedlichen Interpretationen der Ereignisse. Und da Liberale und Pazifist*innen dazu tendieren, die sozialen Medien zu dominieren, wĂ€hrend andere auf den Straßen beschĂ€ftigt sind, haben sie [dort] einen Vorteil. Da Liberale alle Personen of Color moralisch als gehorsame und aufopferungsvolle Held*innen framen, haben die meisten Menschen Schwierigkeiten, sich klarzumachen, dass Personen of Color verantwortlich fĂŒr die Zerstörung von Eigentum und die Teilnahme an gewaltsamen Formen des Protests sind. Das spielt ebenfalls mit, wenn „weiße“ Personen fĂŒr als moralisch verwerflich betrachtete Formen der Revolte verantwortlich gemacht werden. Riots/AufstĂ€nde sind niemals vollkommen utopisch und angenehm. Sie sind die gefĂ€hrlichen Elemente der Befreiung, die auftreten, wenn alle anderen Möglichkeiten gescheitert sind. Egal ob Menschen Angst vor Gewalt haben oder nicht, wird das nichts an der Tatsache Ă€ndern, dass die Polizei tötet und auch weiterhin töten wird, solange das Konzept der Vollstreckung von Gesetzen existiert. Meiner Meinung nach gibt es keine „Verbesserung“ der Polizei und es gibt keine „Gerechtigkeit“, wenn sich jemand bereits sechs Fuß tief unter der Erde befindet.

Und Polizist*innen sind nicht alle „weiß“. Auch „schwarze“ Cops töten „schwarze“ Menschen.

Das Schlimmste an der Online-Deutung der Ereignisse ist, dass die Menschen, die diese Falschinformationen verbreiten, der Online-Welt nicht auch die Freude, das LÀcheln, das Singen und Tanzen der Rebell*innen diverser Hautfarbe vermittelten, als diese die Zerstörung des 3. Polizeireviers feierten.

Scheiße, stell dir vor du wĂ€rst eine Person of Color, die ihr Leben lang von der Polizei schikaniert wird und dann kommt der Tag und die Nacht, in der du tatsĂ€chlich eine Polizeiwache brennen siehst und die Polizei sich vollkommen aus diesem Gebiet zurĂŒckzieht. All das wird aus der Geschichte getilgt, wenn Liberale das einer Gruppe von Menschen – Rassist*innen – zuschreiben, die gar nicht Teil dieser KĂ€mpfe waren.

Bis heute, verbreiten noch immer Menschen diese Verschwörungstheorien im Internet, etwa das berĂŒhmte „Ziegelstein-Köder“-Video, in dem Cops (hinter ihrem eigenen GebĂ€ude, nicht in einer Allee, wie ursprĂŒnglich behauptet) Ziegelsteine entladen. Auch wenn ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass gar keine Nazis anwesend waren (ich meine, ich konnte einige in Pickups vorĂŒberfahren sehen, die white power-Scheiße riefen und auch einen „braunen“ Typen, der in einem Truck vorĂŒberfuhr und Pro-Polizei-Slogans rief und eine Konföderierten-Flagge schwenkte), aber ich habe sicherlich keine von ihnen wĂ€hrend der KĂ€mpfe gesehen. Ich habe „schwarze“ Menschen einander unterhaken sehen, um die Riot-Polizei zu beschĂŒtzen, ich habe weiße Allies gesehen, die andere „weiße“ Menschen der Polizei ĂŒbergaben, im Namen der UnterstĂŒtzung „Schwarzer“, und schließlich wie die Polizei die Kontrolle zurĂŒckgewann und diese befriedenden BemĂŒhungen nutzte, um friedliche Protestierende niederzuknĂŒppeln.

UngezÀhmte Delinquenz

Meiner Meinung nach offenbaren die letzten Monate die SchwĂ€chen der Zivilisation ziemlich offensichtlich. Als panische Reaktion auf soziale Spannungen und spontane AusbrĂŒche illegaler AktivitĂ€ten hat die Kontrolle der Regierung zugenommen. Covid-19 durchbrach die Ordnung der tĂ€glichen ProduktivitĂ€t und der zivilisierten Sklaverei und verschaffte den Menschen mehr Zeit, um ĂŒber ihre Leben nachzudenken und den Wert ihrer freien Zeit außerhalb der Arbeit schĂ€tzen zu lernen. Die AufstĂ€nde in Reaktion auf die Ermordung George Floyds offenbarten die SchwĂ€chen der polizeilichen Macht und Kontrolle – selbst in ihrem Hoheitsgebiet. An diesem Punkt habe ich keine Vorstellung, was als NĂ€chstes kommt.

Ich gebe zu, es faszinierend zu finden, nichtmenschliche Lebewesen und die Natur inmitten der industriellen Verzweiflung gedeihen zu sehen. Klarere Himmel, verschiedene Tiere auf den Straßen, Überschwemmungen, die die Grundmauern dieser BetonwĂŒste lockern. Ich kann nicht umhin, beides, die Pandemie und diese andauernden BrĂŒche mit der AutoritĂ€t besser als eine RĂŒckkehr zur NormalitĂ€t zu empfinden, einer NormalitĂ€t, in der der Tod durch die industrielle Zivilisation und den Staat ebenso Routine ist wie in einem Schlachthaus.

Ich frage mich, welche Art von Unterhaltungen die Menschen miteinander oder mit sich selbst wĂ€hrend dieser erblĂŒhenden Destabilisierung der domestizierten Ordnung fĂŒhren. Werden mehr und mehr Menschen diese Gelegenheit ergreifen, um ihrem Ärger und ihrer Frustration durch zufĂ€llige Akte der Gewalt und Sabotage gegeneinander Luft zu machen? Gegen die Vollstreckung der Gesetze? Gegen die Institutionen, die aufgrund der finanziellen Einbußen geschwĂ€cht sind und nun anfĂ€lliger sind als jemals zuvor? Ich kann nur hoffen, dass die AufstĂ€nde in irgendeiner Form weitergehen – offen oder im Untergrund, was fĂŒr mich persönlich wĂŒnschenswerter wĂ€re.

Werden die Menschen auf die RĂŒckkehr der alltĂ€glichen Misere der Monotomie hoffen oder werden sie die Tiefen permanenter Unsicherheit erforschen? Zur Arbeit zurĂŒckkehren oder zur UngezĂ€hmtheit? Ich vermute nur die Zeit wird darĂŒber Aufschluss geben.

Aber hier kann ich nur fĂŒr mich selbst sprechen. Meine Anarchie ist die meine, ebenso wie es meine Gedanken und Worte in diesem Text sind. Ich schreibe nicht, um irgendeinen Club von Internet-Anarchist*innen zu beeindrucken, die mit intellektuellen Texten jonglieren, um in Selbstlob zu verfallen. Ich mache mein Tagebuch öffentlich in dem antagonistischen Versuch, das Opfer- und anti-individualistische Narrativ des Linksradikalismus, das den gegenwĂ€rtigen Anarchismus dominiert, zu verhöhnen.

Ich sehne mich nicht nach einer RĂŒckkehr zur NormalitĂ€t und der alltĂ€glichen Misere industrieller Produktion. Ich habe kein Verlangen danach, lĂ€cherliche „Siege“, wie das zur Verantwortungziehen der Polizei, Entlassungen oder GefĂ€ngnisstrafen zu feiern, die nur von der Wiedererrichtung ihres zerstörten Reviers oder möglicherweise eines ebenso autoritĂ€ren „community-basierten“ Ersatzes gefolgt sein werden. Ich sehne mich nach nichts anderem als nach der totalen Abschaffung von jeder Regierung und Normierung. Und vermutlich werden diejenigen, die irgendeine Form elitistischer Macht besitzen mich unbequem finden und eine Diffamierungskampagne gegen mich starten, um meine Schriften und mich aus ihrer Bewegung zu verbannen. Aber sie haben keine Ahnung, dass die Tage und NĂ€chte zwischen weiten Feldern und den Sternen und zwischen Baumwipfeln und dem Boden das Terrain meines Abenteuers ist! Und damit einher geht eine Wonne, die Anarchie als eine pulsierende Lebenserfahrung ausmacht, anstatt einem Maß von digitalem Sozialkapital oder einer eingefrorenen Theorie aus einem akademischen Journal.

Das Internet hat eine Kultur geschaffen, die verzweifelt nach sozialer KontinuitĂ€t und digitaler BestĂ€tigung sucht. Es ist die BrutstĂ€tte fĂŒr „neue“ Konzepte des Anarchismus, die nichts weiter sind als kommunistische Leichen mit Hipster-Ästhetik. Antizivilisatorische Anarchie durchsetzt vom Linksradikalismus zeigt nun die Ausdehnung ihrer Macht durch endlose Twitter-Debatten ĂŒber „Ökofaschismus“. Twitter – ein Ort wo die Wiederaneignung des eigenen Lebens und Körpers durch die JĂŒnger*innen der Privilegien-Politik beschĂ€mt wird – ist ein Friedhof an Stimmen, die ihren eigenen Tod-durch-Internet verherrlichen.

Mein Animalismus strebt nicht danach, das Aussehen und die Verhaltensweisen existenter Tiere zu adaptieren. Stattdessen ist er die Silhouette einer illegalistischen, ungezÀhmten Bedrohung, die um die brennenden GefÀngnisse der Domestizierung tanzt. Meine Ablehnung der Opferrolle ist eine Absage sowohl an die Mitleidspolitik moralitÀtsbasierter Organisierung, als auch an das Heiligtum der Unschuld. Meine Anarchie ist ein Nekrolog auf die IdentitÀtspolitik. Sie ist ein persönlicher Aufstand ohne Zukunft, ein Traum ohne die AnÀsthesie der Hoffnung, ein Ausdruck der Wonne mit der Lebensdauer einer explodierenden Bombe.

Dieser Text ist all den Rebell*innen gewidmet, deren einzige Interaktion mit AutoritĂ€t in Feuer und Zerstörung besteht 
 Ich bin fĂŒr immer von eurem mutigen Zorn jenseits rassifizierter und vergeschlechtlichter Grenzen inspiriert 
 Gewidmet der Jugend, die am 26. Mai Geschichte schrieb, den Rebell*innen, die umkamen und denen, die derzeit fĂŒr ihre Beteiligung an diesem Krieg gegen den Staat gefangen gehalten werden. RIP George Floyd

[1] Ein demokratisch-sozialistischer US-Politiker, der wiederholt als PrĂ€sidentschaftskandidat antrat und dabei UnterstĂŒtzung von vielen (radikalen) Linken der USA bekam (Anm. d. Übers.).

[2] Eine parasitĂ€re Pilzgattung (Anm. d. Übers.).

[3] Nun, ich denke wenn dem so wĂ€re, so wĂ€re der Anarchismus ja auch irgendwie selbst schuld, wenn er sich von irgendetwas oder irgendwem „fĂŒhren“ lĂ€sst. Aber vielleicht ist es – bei allem VerstĂ€ndnis fĂŒr Polemik – auch ein wenig ĂŒber die Strenge geschlagen, Anarchist*innen (in den USA und sonstwo) so sehr ĂŒber einen Kamm zu scheren (Anm. d. Übers.).

[4] „Fuck 12“ bedeutet soviel wie „Fuck the Police“ [Fick die Polizei]. Die 12 bezieht sich dabei meines Wissens nach ursprĂŒnglich auf die Cop-interne – moglicherweise lokale – Einheitsnummerierung fĂŒr das Drogendezernat (12). Die Bezeichnung wird allerdings allgemein fĂŒr alle Bullen verwendet (Anm. d. Übers.).




Quelle: Anarchistischebibliothek.org