Mai 20, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Nachdem ein Brandanschlag der Roten Zora das Archiv der MĂŒnsteraner Humangenetiker zerstört hat (siehe auch Teil 1 dieser Reihe), wird im Januar 1987 abermals durch die Rote Zora eine Auswertung von dabei entwendeten Akten veröffentlicht.


Zweite ErklĂ€rung zu Aktionen gegen das Humangenetische Institut MĂŒnster

Die sexistische Arbeitsteilung und Ausbeutung und die Gewalt gegen Frauen ist fĂŒr uns Bestandteil des patriarchalen Herrschaftssystems, ohne das Imperialismus in der Dritten Welt und hier nicht begriffen werden kann.

Im Kampf gegen die Bio- und Gentechnologie sehen wir einen Ansatzpunkt, unseren Widerstand gegen dieses System, gegen jegliche UnterdrĂŒckung, fĂŒr Frauenbefreiung weltweit zu entwickeln. Wir sehen unseren Kampf hier nicht losgelöst von den VerhĂ€ltnissen, die der Imperialismus in der Dritten Welt bewirkt, sondern als konkreten, praktischen Anti-Imperialismus, indem wir versuchen, den reibungslosen Ablauf der Kapitalstrategien und sein Eingreifen in die Strukturen der Dritten Welt hier zu behindern.

Anlaß fĂŒr unsere Aktion und diese Veröffentlichung war fĂŒr uns die Tatsache, daß die Humangenetik ein wesentlicher Ansatzpunkt in der öffentlichen Auseinandersetzung ĂŒber die Gen- und Reproduktionstechnik war/ist. Die Diskussion um die Humangenetik spiegelt eine Perspektivlosigkeit in der Frauenbewegung wieder, zumindest wenn sie so wie in Berlin auf der ANTIGENA gefĂŒhrt wird. Wo sind die Forderungen und AnsĂ€tze geblieben, die den von den Herrschenden vorgegebenen Rahmen und deren Denkmuster sprengen? Wo fordern wir unsere feministischen Utopien noch ein?

Die Behinderten in Berlin forderten die Schließung der Humangenetischen Beratungsstellen. Diese Einrichtungen sind die Schaltstellen fĂŒr die gesundheitliche Erfassung möglichst vieler Menschen, fĂŒr die Selektion von erwĂŒnschtem und unerwĂŒnschtem Nachwuchs, fĂŒr die Verbreitung der Idee, alle gesellschaftlichen Probleme – vom Alkoholismus ĂŒber Allergien, KriminalitĂ€t und Behinderung – seien biologischer Natur und medizinisch reparierbar.

Gegen die Forderung der Behinderten erhob sich massiver Protest unter den Frauen: es mĂŒsse jeder Frau zugestanden werden zu entscheiden, ob sie ein behindertes Kind wolle, jede Frau mĂŒsse diese Entscheidung selbststĂ€ndig treffen und die Forderung nach Schließung wĂŒrde ein Tabu einrichten.

Dabei ist ein ganz anderes Tabu lĂ€ngst schon in unsere Köpfe eingepflanzt: Das Tabu, ĂŒber die bestehenden gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse hinwegzudenken und zu fordern: das Recht, anders zu sein als der Durchschnitt; das Recht, sich entgegen aller Proganda von Humangenetikern, Medizinern und Sozialpolitikern eine Welt vorzustellen und darum zu kĂ€mpfen, in der Kranke und Behinderte integriert sind. Eine Welt, in der sie keine Last sind. Eine Welt, in der die ganzen krankmachenden Umweltbedingungen und gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse verschwunden sind.

Die Propaganda der Humangenetiker, Bevölkerungspolitiker und auch unsere eigene Angst stellen das Problem auf den Kopf: Ein GiftmĂŒllskandal, ein Atomunfall sind Anlaß, die Humangenetik anzupreisen und gegen die Opfer herrschender Politik zu wenden.

Sie sagen, daß den Frauen geholfen werden soll. Sie bekommen Informationen an die Hand, die sie zu einer selbstbestimmten Entscheidung ĂŒber Abtreibung/Sterilisation fĂŒhren sollen.

Und die „Selbstbestimmung“ hat spĂ€testens dort ihre Grenzen, wo sich z.B. Frauen in der Psychiatrie, in den Sonderschulen, unangepaßte Frauen hier und vor allem auch die â€žĂŒberflĂŒssigen“ und Widerstand leistenden Frauen in der „3. Welt“ nicht den bevölkerungspolitischen Zielen der Herrschenden „freiwillig“ unterwerfen – diese Tatsache bleibt bestehen, auch wenn das alles zum „Wohl“ fĂŒr Behinderte, SonderschĂŒler, Psychiatrisierte und Arme in der 3. Welt umgedeutet wird.

Mit Hilfe der genetischen Klassifizierung soll die Ausgrenzung aller erreicht werden, die sich nicht bedinglos der NormalitÀt des kapitalistischen Arbeitsalltags unterwerfen.

Geplant wird, nach Kosten- Nutzen- Rechnungen die Versorgungskosten fĂŒr „kranke“ Kinder und Erwachsene zu senken. WĂ€hrend dieses Problem im Faschismus durch schlechtere Versorgung und spĂ€tere Vernichtung des „unwerten“ Lebens gelöst wurde, sind die Methoden der heutigen Humangenetiker subtiler: Durch ihre Propaganda „Selbstbestimmung der Frau, Verhinderung von Leiden der Behinderten und ihrer Angehörigen“ wollen sie erreichen, daß die Frauen sich freiwillig den bevölkerungspolitischen Zielen der Herrschenden unterwerfen.

Das BedĂŒrfnis von Frauen nach einem gesunden Kind ist erstmal ein Ausdruck der Situation, daß nach wie vor in diesem Staat die Frauen die eigentliche Verantwortung fĂŒr die Kinder haben und deshalb jede Abweichung vom sogenannten Normalen zu Lasten der Frauen geht. In der Ökonomie des kapitalistisch/patriarchalen Systems sind Frauen immer „Manövriermasse“ in der Reproduktion und auf dem Arbeitsmarkt, die objektiv maßgeblich zur Senkung der Lohnkosten beitrĂ€gt. Auch in dieser Logik mĂŒssen Frauen leistungsfĂ€hige, d.h. gesunde Kinder kriegen, die sich möglichst kostengĂŒnstig fĂŒr Mann/Kapital/Staat fit machen sollen.

Denjenigen, die sich diesen PlĂ€nen widersetzen, droht ein ganzer Sanktionskatalog: EinschrĂ€nkung der finanziellen Möglichkeiten, wenn behinderte Angehörige nicht mehr ĂŒber die Solidargemeinschaften wie z.B. Krankenkassen oder Rentenanstalten unterhalten werden, EinschrĂ€nkung der individuellen Möglichkeiten, wenn Frauen fĂŒr die Versorgung der Behinderten allein zustĂ€ndig sind, gesellschaftliche Isolierung oder Ausgrenzung – Psychiatrie/Zwangssterilisation, etc. Durch das Vorsorge- und Untersuchungsangebot der Humangenetiker werden Ängste der Frauen kanalisiert, von den eigentlichen Verursachern – wie Chemiekonzerne, Atomlobby, GiftmĂŒllproduzenten – abgelenkt und individualisiert. Ein GiftmĂŒllskandal fĂŒhrt eher zu der Forderung nach Ausweitung der humangenetischen Beratung in der Schwangerschaft als zum Sturm auf die GiftmĂŒllproduzenten und zu gemeinsamen Aktionen bei den Gesundheitsbehörden. Die bestehenden Untersuchungsangebote sind schlichtweg ein Alibi und sollen der Beruhigung der Opfer dienen.

Um die Entstehung von Krankheiten bei Neugeborenen einzugrenzen, sind nicht die humangenetischen Beratungsstellen sinnvoll, sondern erstens mĂŒssen die krankmachenden Umweltbedingungen, und zweitens muß die technisierte Geburtsmedizin – aufgrund derer ca. 50 % der Behinderungen bei Neugeborenen zurĂŒckzufĂŒhren sind – abgeschafft werden.

Die Humangenetiker kennen nur einen verschwindend kleinen Anteil von „Störungen oder SchĂ€den“, die genetisch bedingt sein sollen.

Wichtigstes Ziel ist es daher, fĂŒr ihre Forschungen Datenmaterial zu sammeln, das so breit wie möglich gefĂ€chert ist (hierbei beziehen sie auch Krankheiten wie Alkoholismus oder Krebs ein). Hier treffen sich die Interessen der Reproduktionsmediziner, der Gentechnologen und Vorsorge-Ärzte, die Hand in Hand arbeiten.

Der Begriff „Selbstbestimmung“ der Schwangeren ist in diesem Zusammenhang fehl am Platz: Ärzte bestimmen die Untersuchungsmethoden, Humangenetiker die Interpretation der Ergebnisse und der 218 bestimmt die Bedingungen der Abtreibung. RĂŒckblickend mĂŒssen wir sagen, daß die 218-Kampagne der Frauenbewegung in der (vielleicht auch unbewußten) Tradition der Selektion und Ausgrenzung von Behinderten gestanden hat. Dies ist eindeutig enthalten bei der eugenischen Indikation.

Die in den letzten Jahren systematisch geschĂŒrte Angst vor einem behinderten Kind, die Strategie, Kosten- Nutzen- Denken in alle Köpfe zu verpflanzen, Krankheit als individuelles Verschulden und Problem hinzustellen, hat scheinbar verfangen. Die Forderung nach selbstbestimmter Nutzung der humangenetischen Beratung zu stellen, heißt die Forderung nach selbstbestimmter Selektion zu erheben.

Selbstbestimmung ist nicht mehr kollektive, politische und kĂ€mpferische Forderung gegen die Integration/Unterwerfung unter herrschende VerhĂ€ltnisse, sondern Legitimation fĂŒr individualistische Prozesse. Diese Individualisierung politischer Konflikte macht uns nicht nur schwach, sie ist unpolititsch und lĂ€ĂŸt uns unsere Utopien aus den Augen verlieren.

Lasst uns die humangenetischen Beratungsstellen schliessen!
Klauen wir ihnen die Datensammlungen!
Solidarisieren wir uns mit denen, die ausgemerzt und ausgegrenzt werden sollen!
Greifen wir die an, die uns kaputtmachen!
Lasst es uns zusammen machen!
FĂŒr eine starke internationale Frauenbefreiungsbewegung!
Kampf dem imperialistisch-patriarchalen System!

Bei unserem Besuch im Humangenetischen Institut (HGI) in MĂŒnster im August letzten Jahres ist es uns gelungen, das Archiv zu zerstören; das jedenfalls schrieb die Presse in den nachfolgenden Tagen. Es war das Lebenswerk von Lenz, das er im Lauf seiner TĂ€tigkeit am humangenetischen Institut in MĂŒnster aufgebaut hatte. Diesem Archiv wurde laut Zeitungsmeldungen internationale Bedeutung zugeschrieben. Einiges haben wir in der Nacht mitgenommen, alles andere ist verbrannt. Uns ist es auch nicht in erster Linie darauf angekommen, das Archiv auszulagern, wir wollten es vorrangig zerstören, damit die Macht, die Weißkittel aus solchen Archiven ziehen, an einer Stelle gebrochen wird.

Bei der Durchsicht der Akten haben wir keine spektakulĂ€ren Schweinereien aufgedeckt, wie sie etwa bei Stockenius der Fall gewesen ist. Das heißt allerdings nicht, daß hier solche nicht passieren, da unsere Auswahl nicht reprĂ€sentativ ist.

Wichtig fĂŒr uns ist, von der Fixierung auf die Skandale wegzukommen. Sie gehören zwar zu diesem System und sind als solche auch zu denunzieren. Gleichzeitig haben die Skandale oft aber die Funktion, daß sich die kritischen Wissenschaftler und Mediziner dagegen abgrenzen können, um damit die Harmlosigkeit ihrer Arbeit zu dokumentieren und die Akzeptanz des sozial- politischen Konzepts der Humangenetik erhöhen.

Es ist vielmehr die alltĂ€gliche NormalitĂ€t – das Erfassen und Aufarbeiten der Daten, das Einpflanzen des Selektionsgedankens in die Köpfe der Menschen – , die die GefĂ€hrlichkeit dieser Institute ausmacht.

Zu den Personen

  1. Widukind Lenz,
    langjĂ€hriger Direktor des Humangenetischen Instituts in MĂŒnster, vor einiger Zeit von seinem Amt entpflichtet, aber noch weiter tĂ€tig in seinem Archiv, hoffentlich nur bis zum Tag der Vernichtung seines Lebenswerks. Er ist Anfang der 60er Jahre in Hamburg, wo er an der Kinderklinik des UnversitĂ€tskrankenhauses Eppendorf arbeitete, bekannt geworden durch die Arbeit an der Aufdeckung des Zusammenhangs zwischen kindlichen Mißbildungen und dem Schlafmitttel Contergan. Er gilt als Spezialist auf dem Gebiet frĂŒhkindlicher SchĂ€digungen.
  2. TĂŒnte,
    Leiter der Humangenetischen Beratung in MĂŒnster, Spezialist fĂŒr den Bereich Populations- und Sozialgenetik.
  3. O.v. Verschuer,
    Studium der Medizin und Anthropologie u.a. bei Fritz Lenz (Vater von W. Lenz, Rassenhygieniker, der fĂŒr ihn persönlich und beruflich eine große Bedeutung hatte) in MĂŒnchen, bei Eugen Fischer in Freiburg (ab 1927, GrĂŒnder und Leiter des Kaiser- Wilhelm- Instituts fĂŒr Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik).
    Bis 1935 Mitarbeiter in Fischers Institut. BegrĂŒndet dort seinen wissenschaftlichen Ruf mit der Forschung an „Tuberkulösen Zwillingen“.
    1933 Professor fĂŒr Rassenhygiene und Erbbiologie.
    1935- 1942 GrĂŒnder und Direktor des Instituts fĂŒr Erbbiologie und Rassenhygiene in Frankfurt. Schwerpunkt des Instituts: umfangreiche Zwillingsforschung, Familienforschung, erbbiologische Bestandsaufnahme.
    Eine der senkrecht startenden Assistenten an seinem Institut ist Mengele, dem Verschuer auch verbunden bleibt, nachdem Mengele in die SS ĂŒberwechselt. Beide Judenhasser, beide wissenschaftliche Vertreter der Ausmerze.
    Herausgabe eines „Leitfadens fĂŒr Rassenhygiene“ fĂŒr die Nachwuchsschulung.
    1942- 1945 Nachfolger Fischers als Direktor des Kaiser- Wilhelm- Instituts. Vortragsreisen mit eher ideologischen Themen (Erbanlage als Schicksal und Aufgabe der Bevölkerungs- und Rassenhygiene in Europa, Erbanlage und Charakter. Verschuers Institut betreibt eine Außenstelle in Auschwitz. Leiter: Mengele).
    Nach dem Krieg (1949 Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Mainz) 1951 Direktor des Instituts fĂŒr Humangenetik in MĂŒnster.

Erbberatung

Die allgemeine Verunsicheruung und Angst, die z.B. durch Skandale und deren Veröffentlichung hervorgerufen werden, lassen die Humangenetischen Beratungsstellen (HGB) zu einer scheinbar hilfreichen Einrichtung werden.

Die HGB kann dann die aufgeschreckten Ratsuchenden mit sachlichen Argumenten beruhigen, mit Prozentzahlen und Verharmlosung der SchÀdigung von Umweltgiften und Medikamenten.

Auf Anfragen mit speziellem „Verdacht“ wird immer mit Prozentzahlen geantwortet, zum Teil mit medizinischen ErlĂ€uterungen zur dominant rezessiven Vererbung, die das Ausgeliefertsein gegenĂŒber den Risiken eher fördern als relativieren und damit verstĂ€rkte Unsicherheit produzieren. In der Beratung TĂŒntes wird fast immer entweder weitere Untersuchung und/ oder Beobachtung nahegelegt oder im Falle der Schwangerschaft prĂ€natale Diagnostik „empfohlen“, was ebenfalls die Unsicherheit verstĂ€rkt, die Angewiesenheit auf medizinische Einrichtungen unterstreicht, das totale AbhĂ€ngigkeitsgefĂŒhl hervorruft. Die Verunsicherung treibt die Betroffenen in die VerfĂŒgungsgewalt der Mediziner und Genetiker, die dann ihrerseits mit Hilfe ihres medizinischen Apparates beruhigen.

Die Antwortschreiben auf die Anfragen der Ratsuchenden sind im vĂ€terlich fĂŒrsorglichen Ton geschrieben und suggerieren persönliche Anteilnahme und Betreuung nach dem Motto „in unserer Obhut sind Sie gut aufgehoben, wir untersuchen und erforschen genauestens, werden Ihnen eine objektive Antwort geben und das Beste fĂŒr Sie herausfinden, worĂŒber Sie frei entscheiden können.“

Es wird fast nie zur Abtreibung oder Kinderlosigkeit geraten. Aus dem Material geht hervor, daß es derzeit nicht primĂ€r um die Verhinderung von Behinderten geht, sondern um Stigmatisierung (Kriterien fĂŒr normal- nicht noromal), um das Sammeln und Aufarbeiten von genetischen Daten, um die Verbreitung des Selektionsgedankens („es ist möglich, Behinderung zu vermeiden“).

Oft wird den Ratsuchenden eine weitere Beobachtung angeboten oder Zusatzinformationen angefordert. Nach außen wirkt es wie eine unsystematische, zufĂ€llige Sammlerleidenschaft, nach innen wird archivert und erfaßt.

Eine besondere Bedeutung des Humangenetischen Instituts liegt in der Zentralisierung. Es scheint zum SelbstverstĂ€ndnis vieler Ärzte und KrankenhĂ€user zu gehören, daß sie „interessante FĂ€lle“ an das Humangenetische Institut schicken, damit diese aufgearbeitet werden.

Es gibt weitere Hinweise auf zentrale Datenerfassung. Sterilisationsempfehlungen bei bestimmten Krankheitsbildern – d.h. Zwangssterilisationen – sind die konsequente Folge dieser Wissenschaft.

Aus dem vorliegenden Material lĂ€ĂŸt sich insgesamt eine grundlegende These formulieren: Der individuelle „Genpool“ wird verantwortlich gemacht fĂŒr sogenannte Erkrankungen, Miß- und Fehlbildungen. Exogene SchĂ€digungswirkungen von Giften, Medikamenten, Strahleneinwirkungen werden verharmlost. Teilweise berechtigte Ängste von Frauen werden auf die individuelle Verantwortlichkeit hin kanalisiert. Hochgespielt wird die Verantwortung fĂŒr ein fehlerfreies Leben, heruntergespielt dagegen die Auswirkungen von alltĂ€glichen Katastrophen, d.h. von der Zerstörung der Natur und Umwelt bis zur HERRschenden Techno- und Pharma-Medizin.

Medikamente, Strahlen und Gifte

Aus den Antwortschreiben von Lenz geht die Verharmlosung von Drogen, Tabletten, Strahlen etc. hervor, gegenĂŒber dem „schwerwiegenderen“ Problem des Alkoholismus. Seiner Ansicht nach gilt fĂŒr Mutationen, daß der Einfluß des Lebensalters weitaus grĂ¶ĂŸer ist als der von erheblichen Strahlenmengen. Auch eine Chemotherapie ist unbedeutend.

Diese Strategien der Verharmlosung, deren sich die Herren Humangenetiker bedienen, basieren immer auf der BeweisfĂŒhrung der Betroffenen. Kein Pharmaproduzent muß die nicht-schĂ€digende Wirkung seines Medikamentes beweisen, bevor es auf dem Markt kommt. Erst die Erfahrungen in der Praxis – also die reinen Menschenversuche – bringen den Beweis fĂŒr schĂ€digende oder nicht-schĂ€digende Wirkung auf den Menschen, den Fötus. An diesem Prinzip hĂ€lt sich auch der Lenz. Liegen ihm keine grĂ¶ĂŸeren Untersuchungsreihen ĂŒber eine Medikamenteneinnahme wĂ€hrend der Schwangerschaft und der Vergleich mit Neugeborenen vor, oder hat es bisher keine ihn hellhörig machenden RĂŒckmeldungen aus den KrankenhĂ€usern bzw. Kinderkliniken, die einen Verdacht der Korrelation von Behinderung und spezifischem Medikament aufkommen lassen, gegeben, stellt er der Pharmaindustrie Unbedenklichkeitsbescheinigungen aus. Ab und zu mit der Frage gekoppelt, allerdings nur an die Kollegen in den KrankenhĂ€usern, ob noch weitere FĂ€lle bzgl. dieses PrĂ€parates bekannt sind.

Wenn ein Medikament wie z.B. Reparil schon jahrzehntelang in der Schwangerschaft verabreicht wurde „ohne daß jemals der Verdacht einer teratogenen (zur Fehlbildung fĂŒhrenden) Wirkung aufgetaucht ist“, kann das verschiedene GrĂŒnde haben, aber es ist nicht der Beweis, daß das Medikament keine teratogene Wirkung hat. Kein Verdacht bedeutet nicht den Ausschluß. Die Unbedenklichkeitsbescheinigungen liegen vollkommen im Interesse der Pharma- Industrie, mit denen er regen Kontakt pflegt, wie weiter unten dokumentiert. Zynisch klingen auch seine Antworten auf Nachfragen nach den Hinweisen entsprechender Beipackzettel der Medikamente: „
 darf wĂ€hrend der Schwangerschaft nicht verabreicht werden“ oder andere warnende Hinweise: Sie dienen allein dazu, die Firmen „vor sinnlosen Prozessen zu schĂŒtzen“ oder Ă€hnlich von ihm formuliert.

Die Unbedenklichkeit gegenĂŒber Medikamenten begrĂŒndet Lenz mit dem unverfrorenen Vergleich „anderer Substanzen unserer natĂŒrlichen und kĂŒnstlichen Umwelt, [
] die wir ohne es zu wissen aufnehmen“. Absolut abwieglerisch wird Lenz zum Thema „Dioxin“. Seine Korrespondenz mit Boehringer Ingelheim, die in ihm einen VerbĂŒndeten gegen die „Verunglimpfung“ von Dioxin- Gift gefunden haben, verdeutlicht seine guten Kontakte zur Pharmaindustrie und das Interesse, sein Wissen, sein Fachansehen auch in ihren Dienst zu stellen.

Auch Schering pflegt den Kontakt zur Humangenetik.

Die LoyalitĂ€t gegenĂŒber Industrie und HERRschender Medizin ist absolut durchgĂ€ngig.

Die sprachliche ZurĂŒckhaltung von Lenz, auch mit dem Umgang der Amniozentese, ist der Tatsache geschuldet, daß er einer Generation entstammt, die durch den Nationalsozialismus behaftet ist. Von der BerĂŒhrung mit sozialer Eugenik sind seine Beratungen weiter entfernt als dies bei seiner Instituts- Nachfolgegeneration der Fall ist; TĂŒnte spricht hier eine deutlichere Sprache.

Sozialgenetik

1971 wird an die Deutsche Forschunggesellschaft (DFG) ein Förderungsantrag „Genetische Erhebung“ gestellt, aus dem hervorgeht, daß TĂŒnte die „Sozialgenetik“ als neue Fachdisziplin vorantreiben will. In Forschungsberichten, die 1975 als Jahresbericht an die Deutsche Forschungsgesellschaft gehen, wird dieses Vorhaben konkretisiert.

Ziel dieser Forschung ist es, die „sozialen Dimensionen genetischer Erkrankung sichtbar und meßbar zu machen, um ein umfassendes Konzept zur Intensivierung der genetischen Beratung zu entwickeln, in dem neben den genetischen Fragen auch die sozialen und psychologischen Aspekte BerĂŒcksichtigung finden:“ Daraus erwĂ€chst die Möglichkeit, nicht norm- gerechtes Verhalten als Krankheit zu definieren und möglichst breit zu erfassen. Als Arbeitsbegriff fĂŒr Behinderung gilt „die EinschrĂ€nkung in Bezug auf eine oder mehrere AktivitĂ€ten, welche in Übereinstimmung mit dem Alter, Geschlecht und der sozialen Rolle der jeweiligen Person, als die allgemein wesentlichen und grundlegenden Bestandteile des Alltagslebens angesehen werden.“ Die von der „Leistungsgesellschaft“ an den einzelnen gestellten Anforderungen sind der Maßstab fĂŒr normgerechtes Verhalten.

Der soziale Anspruch, mit dem TĂŒnte seinen Forschungsapparat zu legitimieren versucht – nĂ€mlich die Umweltbedingung an Behinderung durch Vorurteile und Stigmatisierung aufzudecken – entlarvt sich in seinen eigenen Schlußfolgerungen: „Soziale Strukturen beeinflussen die Manifestation der zu NĂŒftluxation disponenten Erbanlagen, wenn z.B. infolge Ă€rmlicher Lebensbedingungen eine rechtzeitige Diagnose und eine optimale Behandlung unterbleiben.“ 
“die Frage der gesellschaftlichen Belastung durch Erbkrankheiten ist fĂŒr die Sozialgenetik von zentraler Bedeutung.“ NatĂŒrlich hebt TĂŒne hervor, daß Sozialgenetik eine wertfreie Wissenschaft ist und grenzt sie als solche gegen die Eugenik ab. Wenn er aber die gesellschaftliche und finanzielle Belastung von Erbkrankheit ins Spiel bringt – im Zusammenhang mit Überlegungen der Kosten-Nutzen-Analyse – wird die Sprache deutlich.

Aufschlußreich schien uns die Art der Datenerhebung fĂŒr seine Untersuchungen. Einerseits griff er auf das Genetikregister des Instituts zurĂŒck, andererseits ermittelte er ĂŒber das Einwohnermeldeamt nicht betroffene Vergleichspersonen. Die Ergebnisse wurden computergerecht aufgearbeit. Das Ganze ist mehr als zwölf Jahre her, wird von ihm selbst als Anfang einer neuen Forschungsrichtung bezeichnet.

Historisch aber immer noch aktuell

Zum Schluß begeben wir uns in die Geschichte des Nationalsozialismus. Aus dem Inhalt einer historischen Akte zu den Vortragsreisen Verschuers im Jahre 1939 – 1944 ist uns ein Vortrag vor Verwaltungsleitern der Heil- und Pflegeanstalten in Berlin 1939 zu veröffentlichen wichtig. Hier geht es um die Einbindung der KrankenhĂ€user in die Erfassung von Zwangssterilisationen. Ein fĂŒr die heutige Zeit aktuelles Thema, wo die Datenerfassung in den KrankenhĂ€usern stark zunimmt – von Krebsregistern ĂŒber die Diagnostikstatistik bis zur integrierten Datenverarbeitung.

  • Damals wie heute wurden und werden sogenannte Behinderungen in der Krankenakte festgehalten, auch wenn der Krankenhausaufenthalt damit nichts zu tun hat, und Krankengeschichten werden obligatorisch registriert.
  • Damals wie heute gab und gibt es die Diskussion, jeden Arzt in das System der Rassenhygiene bzw. humangenetischen Beratung einzubeziehen.
  • Damals wie heute stellte und stellt sich die Frage nach der notwendigen Ausbildung im Fach Rassenhygiene bzw. Humangenetik, selbst fĂŒr die Lehrerausbildung.
  • Mit der Einrichtung der Erbkarteien sollte eine „gesundheitliche Bestandsaufnahme unseres Volkes angestrebt“ werden. Angestrebt wird heute eine gesundheitliche Bestandsaufnahme der Bevölkerung, eine möglichst flĂ€chendeckende Erfassung und Registrierung der Menschen durch medizinische Institutionen, Karteien und Register, damit die qualitative Kontrolle des „Bevölkerungsmaterials“ gewĂ€hrleistet ist und bevölkerungsmanipulierende Maßnahmen ergriffen werden können.
  • Damals wie heute gab und gibt es gleiche Methoden und Vorgehensweisen der Erforschung: Familienforschung und Statistik, Zwilllingsforschung und empirische Erbprognose. Heute hinzugekommen sind die biotechnischen Möglichkeiten der Chromosomen- und Genuntersuchungen und daran gekoppelt die EDV-mĂ€ĂŸige statistische Verarbeitung.
  • Das ObjektverhĂ€ltnis gegenĂŒber menschlichem Leben generell Ă€ußerte sich gegenĂŒber den Frauen als Objekt der Forschung und Mittel der Umsetzung quantitativer und qualitativer Bevölkerungspolitik besonders in dem Interesse, die Fruchtbarkeit der sogenannten wertvollen Frauen optimal auszubeuten.

Das „Leid der Kinderlosigkeit“ war immer schon AnknĂŒpfungspunkt fĂŒr die Durchsetzung von HERRschaftsinteressen.

Parallelen und Ähnlichkeiten von Struktur und Ideologie damals wie heute könnten weiter fortgefĂŒhrt werden, aber uns reichts!

AuffĂ€llig ist natĂŒrlich die vorsichtige Formulierung in heutigen Konzepten. Es ist nicht direkt von der Verantwortung der/des Einzelnen der Volksgemeinschaft gegenĂŒber die Rede, sondern eher vom Leid des Individuums und der Verantwortung sich selbst gegenĂŒber, obwohl ab und zu auch schĂ€rfere Töne zu vernehmen sind. Man spricht nicht von Ausmerze und Zwangsmaßnahme, sondern ist bemĂŒht um die Propaganda des Prinzips der Freiwilligkeit.

Wir denken, daß die dokumentierten Vergleiche an Deutlichkeit keinen Zweifel lassen.

Rote Zora

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Quelle: Schwarzerpfeil.de