Juni 9, 2022
Von InfoRiot
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Interview | Hasnain Kazim

“Ihnen fiel mein muslimisch klingender Name auf – das hat ausgereicht”


Fr 10.06.22 | 09:11 Uhr | Von Hasan Gökkaya, Roberto Jurkschat

Der Journalist und Autor Hasnain Kazim hat eine eigene Methode entwickelt, um mit Rassisten umzugehen: Er schreibt zurĂŒck. Wie er gegen Hass im Netz ankĂ€mpft, was ihn Ă€rgert und wie er andere Ă€rgert, erzĂ€hlt er im Interview.

Der Journalist Hasnain Kazim berichtete bereits aus Indien, Pakistan und der TĂŒrkei. Inzwischen lebt er in Wien, von wo aus er sich als Buchautor auf den Umgang mit Hass im Netz konzentriert. Kazim war zu Gast auf der diesjĂ€hrigen re:publica in Berlin.

Über einen Zeitraum von zwei Jahren hat der ehemalige “Spiegel”-Redakteur jeder Person, die ihn zum Teil auch stark rassistisch beleidigt hat, zurĂŒckgeschrieben. Der E-Mail-Verlauf ist spĂ€ter in einem Buch abgedruckt worden. Warum er auf hassvolle Leserpost reagiert, wann er unsachlich wird und welche Grenze er zieht, sagt Kazim im Interview.

rbb|24: Herr Kazim, hat der Hass im Netz Sie zuerst gefunden oder andersherum?

Hasnain Kazim: Der Hass hat mich gefunden, allerdings schon bevor es das Netz gab. Die ersten Briefe erreichten mich noch per Post, da war ich Jugendlicher und hatte mich in einem SchĂŒlerartikel in einer Tageszeitung geĂ€ußert. In den Briefen standen Aussagen wie: “Du als AuslĂ€nder hast hier dein Maul nicht aufzureißen!” und “Geh dahin, wo du herkommst!”. Da wurde mir klar: Ich bin bei einem Teil der deutschen Bevölkerung nicht willkommen.

Dabei waren Sie ja schon da, von wo sie herkommen: im Alten Land, vor den Toren Hamburgs.

Richtig. SpĂ€ter, als “Spiegel”-Journalist, erreichte ich mit meinen Texten viel mehr Menschen, die Zahl der Hass-Nachrichten stieg entsprechend stark an. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da bekam ich 1.000 Hassnachrichten an einem Tag. Die Leute regten sich sogar darĂŒber auf, dass ich ĂŒber eine Radtour schrieb. Was denn mir einfallen wĂŒrde, als “AuslĂ€nder” fĂŒr eine deutsche Zeitung zu schreiben, hieß es.

Was genau stört diese Menschen?

Ihnen fiel mein muslimisch klingender Name auf. Das hat ausgereicht. Dabei kommen nur meine Eltern aus Pakistan, ich bin in einem Dorf bei Hamburg protestantisch erzogen worden und bin konfessionslos.

Sie haben eine eigene Methode entwickelt, um mit Hass im Netz umzugehen: Sie schreiben zurĂŒck. Über einen Zeitraum von zwei Jahren haben Sie sogar auf jede einzelne Hassnachricht geantwortet. Manchmal gehen Sie sachlich vor, manchmal schreiben Sie völlig ironisch und unsachlich zurĂŒck. Warum?

Ganz ehrlich: Weil es Spaß macht. Und man muss das auch einmal so klar sagen: Nicht alle, aber viele der Verfasser sind wirkliche Trottel. In der Regel mache ich mir aber die MĂŒhe, herauszufinden, ob da etwas zu retten ist. Ich schreibe entweder humorvoll zurĂŒck, spiegele ihnen ihr Klischee-Denken, setze auf Überspitzungen – oder ich werde eben ernst und antworte mit guten Argumenten.

Bringt das etwas?

Ich denke: ja. Bei einem Drittel der Menschen, die mich schriftlich beleidigen oder herabwĂŒrdigen, bewirke ich etwas. Wenn die Leute merken, dass da ein echter Mensch auf der anderen Seite ist, der ihnen auch noch antwortet, bitten sie plötzlich um Entschuldigung oder Ă€ndern ihren Ton.

Gibt es fĂŒr Sie keine Grenze im Umgang mit diesen Menschen?

Ich bin ja wirklich offen fĂŒr Kritik, niemand muss meine Meinung teilen. Aber wenn mir jemand Morddrohungen schickt, dann ist das nicht in Ordnung, und ich gehe juristisch dagegen vor.

Wer sind diese Menschen, die derart hasserfĂŒllt sind?

Rassismus und Menschenfeindlichkeit sind in der gesamten Gesellschaft verbreitet. Das zeigt sich auch an den Absendern. Mir schreiben wirtschaftlich abgehĂ€ngte Menschen genauso wie Juraprofessoren und andere Akademiker. Einige sind frustriert und nutzen mich als Ventil, einige kritisieren meine Meinung, was okay wĂ€re, wenn sie mich nicht beleidigen oder bedrohen wĂŒrden. TatsĂ€chlich schreiben mir viele Leute in den Abendstunden oder sogar in der Nacht. Ich vermute, sie sind sehr einsam.

Hasnain Kazim spricht bei der Re:publika 2022. (Quelle: re:publica/A. Barth)Autor Hasnain Kazim auf der re:publica 22 (Bild: re:publica/Anne Barth)

Es wird so viel ĂŒber Hass im Netz gesprochen wie nie zuvor. Dennoch, das Netz quillt ĂŒber vor Beleidigungen und Morddrohungen. Wie ist das möglich?

Sie gucken sich das ab. Es gibt ja inzwischen genĂŒgend MĂ€nner und Frauen, die so reden, wĂ€hrend sie einflussreiche Positionen bekleiden. Denken wir an Donald Trump, an Bolsonaro, an Marine Le Pen. Trump Ă€ußerte sich als US-PrĂ€sident auf Twitter so oft derart menschenverachtend, dass sich andere denken, dass sie das nun auch dĂŒrfen.

In einem ihrer BĂŒcher schreiben Sie von einer “Internetburka”. Was soll das sein?

Viele Deutsche regen sich ĂŒber die Burka auf. Das kann ich nachvollziehen. Ich halte es fĂŒr ein merkwĂŒrdiges Konzept, dass eine Frau sich vollstĂ€ndig verschleiern mĂŒsse. Ich mag das nicht.

Allerdings ist es albern, eine Burka-Debatte in Deutschland zu fĂŒhren, weil sie hier fast niemand trĂ€gt. Dennoch gibt es Menschen, die so eine Debatte hier anstoßen wollen, nur mit der Absicht, den Islam insgesamt zu diskreditieren. Das Ă€rgert mich. Noch mehr Ă€rgert es mich, wenn ausgerechnet diese Leute dann anonym im Internet unterwegs sind. Habt doch wenigstens so viel RĂŒckgrat und kritisiert mit Gesicht und Namen. Das tun die meisten im Netz aber nicht, sie tragen eine Internetburka.

Beim Vorlesen der gegen Sie gerichteten Hassbotschaften wirken Sie locker. Bei Ihren Lesungen auf der re:publica 2022 haben Sie das Publikum sogar zum Lachen gebracht. Gehen Ihnen diese Hassmails gar nicht nahe?

Doch, das geht mir schon nahe. Ich weiß noch genau, wie das war, als ich die ersten Briefe als SchĂŒler bekam. Ich hatte Angst, jemand könnte mir oder meiner Familie Gewalt antun.

Heute weiß ich, dass viele Menschen es fĂŒr normal halten, mir Morddrohungen zu schicken, obwohl sie so eine Tat nicht beabsichtigen. So traurig es klingt: Ich habe mich ein bisschen an diese Sprache gewöhnt.

Aber regelmĂ€ĂŸig Hassnachrichten zu lesen, kann doch nicht gesund sein.

Wenn mir jemand schreibt, dass er mich “an meinen GedĂ€rmen aufhĂ€ngen” will, dann macht mich das wĂŒtend. Ich gebe mir jedoch MĂŒhe, nicht permanent wĂŒtend zu sein, denn ich möchte ja Freude am Leben haben. Deshalb habe ich meine eigene Methode entwickelt, wie ich diesen Menschen begegne. Wenn ich das GefĂŒhl habe, dass auf der Gegenseite ein Spinner sitzt, der nur pöbeln will, dann schreibe ich der Person entsprechend zurĂŒck. Ich gehe also mit Humor an die Sache heran, um mich zu schĂŒtzen – und ja, es macht auch ein bisschen Spaß, diese Leute zu Ă€rgern.

Trotzdem haben Sie inzwischen aufgehört, wirklich jedem und jeder zu antworten.

Ja, weil es diesen einen Moment gab. Ich kam eines Tages nach Hause, da guckte mich meine Frau an und fragte: “Du hattest heute wieder schlimme Mails, oder?” Das merke man mir an, sagte sie. In dem Moment wurde mir nach zwei Jahren bewusst: Wenn man sich zu intensiv damit beschĂ€ftigt, verbrennt man auf Dauer innerlich. Wenn ich heute einen Artikel ĂŒber die AfD schreibe und 1.000 Emails bekomme, tue ich mir das also nicht mehr an, alle Nachrichten durchzulesen. Leider gehen dann auch konstruktive und freundliche Nachrichten verloren.

Sie könnten es auch komplett sein lassen.

Das halte ich nicht fĂŒr richtig. Ich finde, es ist wichtig, zu reagieren, sonst ĂŒberkommt einem das GefĂŒhl, dass das alles normal sei. Vor allem, wenn Hassnachrichten ĂŒber öffentliche Postings in sozialen Medien verbreitet werden, will ich widersprechen und Dinge richtigstellen. Denn da lesen ja wahnsinnig viele Menschen mit.

Andererseits gilt die Regel: SchĂŒtzt euch selbst! Wer das GefĂŒhl hat, das wird zu viel, sollte es lassen. Wer Morddrohungen erhĂ€lt, sollte gar nicht erst diskutieren. Das ist absolut nicht okay, diese Leute sollten angezeigt werden.

Bringen juristische Schritte denn etwas?

Nicht immer, leider. Dennoch: Ich habe den Eindruck, dass sich bei Polizei und Staatsanwaltschaft etwas getan hat. Sie sind sensibler fĂŒr dieses Thema geworden, haben kapiert, dass dagegen vorgegangen werden muss. Wir stehen aber sicherlich noch nicht da, wo wir sein sollten. Es gibt immer noch Polizeistationen und auch StaatsanwĂ€lte, die solchen FĂ€llen nicht genug Beachtung schenken.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

Das Interview fĂŒhrten Hasan Gökkaya und Roberto Jurschat fĂŒr rbb|24.

Sendung: rbb24 radioeins, 08.06.2022, 15 Uhr

Beitrag von Hasan Gökkaya, Roberto Jurkschat




Quelle: Inforiot.de