September 30, 2021
Von Graswurzel Revolution
248 ansichten


Die Bewegung „Food Not Bombs“ (FNB, dt. „Essen statt Bomben“) entstand in den 1980er-Jahren in den USA und war wegen ihrer Kritik an Staat und MilitĂ€r zeitweise harter Repression ausgesetzt. Dass sich die Aktivist*innen davon aber nicht einschĂŒchtern ließen, sondern – begleitet von politischer Öffentlichkeitsarbeit – weitermachten, fĂŒhrte zur Verbreitung der Idee und zur GrĂŒndung von immer neuen FNB-Gruppen weltweit. Über die UrsprĂŒnge der Bewegung in Boston und die bewegten Jahre in San Francisco berichtet fĂŒr die Graswurzelrevolution „Food Not Bombs“-MitbegrĂŒnder Keith McHenry. (GWR-Red.)

Food Not Bombs ist möglicherweise eine der gefÀhrlichsten Bewegungen aus Sicht der globalen Konzernmacht. Nicht nur wegen unseres Namens, sondern weil wir eine Gemeinschaft aufbauen, die sich deren System und Kontrolle entzieht.

Riot Police gegen veganes Essen

An diesem frischen 15. August 1988 hĂ€ngt der Nebel mittags noch in den Ästen der BĂ€ume am Eingang des Golden-Gate-Parks. John, Derek und ein paar andere bauen zwei schwere Klapptische auf und stellen SchĂŒsseln mit veganem Essen darauf, so wie wir das seit Monaten jeden Montag machen. Ein paar Wohnwagen- und Park-‹bewohner*innen und einige Freaks stehen in einer losen Reihe an und warten auf ein weiteres Food-Not-Bombs-Mittagessen. John hat einen seiner Lieblingssongs der „Meat Puppets“ auf seinem Ghettoblaster aufgedreht. Meine Frau Andrea und ich schließen uns der Szene an. Ich bin gerade nach einer Woche im St-Mary’s-Spital, wo ich wegen eines Blinddarmdurchbruchs lag, wieder entlassen worden.
Eine Gruppe von Leuten aus dem Stadtteil Haight-Ashbury, darunter der Fotograf Greg Garr, schaut nervös zu. Sie sind zu Recht beunruhigt: Der Polizeikommandant von San Francisco, Richard Holder, fĂŒhrt eine Einheit der Riot Police (Bereitschaftspolizei) aus dem Wald und umstellt die Essens- und Infotische. Ein Polizeiwagen rollt in Position. Holder weist seine MĂ€nner an, mich als ersten zu verhaften.
Andrea eilt außer sich neben dem verhaftenden Beamten her: „Er ist soeben aus dem Krankenhaus entlassen worden“, schreit sie und zeigt in meine Richtung. Als er mein T-Shirt hochzieht, entdeckt er einen Berg Gaze um meine HĂŒfte und blafft: „Oh, Fuck“.
John, Derek und sechs weitere passionierte Food-Not-Bombs-Austeilende werden in Handschellen gelegt und zu mir in den Polizei-Transporter gestopft. ‹Deetje Boler ist mit einem Kassettenrekorder zur Stelle und nimmt die Notlage auf: „Wenn die uns nicht bei Food Not Bombs essen lassen, dann stĂŒrmen wir Cal Foods auf der anderen Straßenseite!”. Dazu kommt es nicht. Stattdessen skandieren die Leute „Food Not Bombs“, und wir Festgenommenen schaukeln im Van hin und her zu unserem eigenen Lied. Wir neun werden ungefĂ€hr vierzehn Stunden spĂ€ter aus dem Knast in der Bryant Street 850 entlassen. Der lange Tag in dieser dreckigen Betonzelle hat jedoch unseren Enthusiasmus nicht gedĂ€mpft.
Diese Verhaftungen waren die Antwort des „Recreation and Parks Department“ (1) auf unseren Antrag vom 11. Juli 1988 fĂŒr eine Bewilligung unseres Infostands und der Essensausgabe an der Ecke Haight Street/Stanyan Street.

Breite UnterstĂŒtzung
gegen Polizeigewalt

Als ich am nĂ€chsten Tag erwachte, erfuhr ich, dass der San Francisco Chronicle in einem Leitartikel auf Seite 3 ĂŒber die Verhaftungen berichtet hatte – illustriert mit einem dreispaltigen Foto der Bereitschaftspolizei, die unser Essen vor den Hungrigen bewacht. Das machte auch viele wĂŒtend, die die BrutalitĂ€t nicht mit eigenen Augen gesehen hatten. Wir organisierten ein Treffen mit Stadtteilaktivist*innen und einigten uns darauf, am darauffolgenden Montag, dem 22. August, von der zur Haight Street gelegenen Seite des Buena-Vista-Parks zu unserem Standplatz im Golden Gate Park zu ziehen. David Solnit machte ein Flugblatt mit dem Foto von Greg Garr aus dem Chronicle-Artikel, auf dem die behelmte Polizei zu sehen ist, wie sie das Essen und die Leute, die es ausgeben wollen, einkreist.
Wir trafen uns also um 11.30 Uhr an der Ecke Central Street/Haight Street. Kisten mit Lebensmitteln bildeten eine Reihe entlang des BĂŒrgersteigs. Töpfe mit Reis, Bohnen und Suppe standen auf ein paar Milchkisten fĂŒr die Aktion bereit. Viele Leute hatten Töpfe und Löffel mitgebracht, um wĂ€hrend der Demo zur Stanyan Street LĂ€rm zu machen. Max Ventura stand auf einer grasbewachsenen Straßenböschung ĂŒber der versammelten Menge und stimmte „The World Turned Upside Down“ von Leon Rosselson an.
Die Versammelten strömten in die Haight Street und skandierten: „Food Not Bombs, Food Not Bombs!“ Eine bunte Mischung aus Schildern, Transparenten, Lebensmitteln und Töpfen mit Gerichten zog widerspenstig in Richtung Eingang des Golden Gate Parks. Die Polizei auf MotorrĂ€dern unternahm ein paar zaghafte Versuche, die Straße zu rĂ€umen, wurde aber ignoriert.
Wir stellten das Mittagsessen und die Lebensmittelspenden auf Planen, weil wir die von der Polizei beschlagnahmten Tische noch nicht zurĂŒckbekommen hatten. Unsere StammgĂ€ste bildeten eine Schlange. Nachein-ander wurde an die ersten zwanzig das Mittagessen ausgegeben.
In diesem Moment stĂŒrmt ein Sonderkommando der Polizei heran und zerrt die Leute, die das Essen ausgeben, zu einer Kolonne von Polizeiwagen, die entlang der Waller Street geparkt sind. Ein Kameramann von CNN ist unter den Jour-nalist*innen, die danach darĂŒber berichten, wie weitere neunundzwanzig Menschen wegen Teilens von Essen ohne Bewilligung verhaftet wurden.
Andrea und ich verziehen uns die Waller Street hinunter und verstecken uns im WĂ€ldchen des Buena-Vista-Parks, als die Polizisten anfangen, KnĂŒppel zu schwingen. Ich habe immer noch eine abheilende Operationswunde und kann das Risiko nicht eingehen, geschlagen zu werden.

Die Geschichte geht um die Welt: Die New York Times, die Times of India, die London Times, die lokale Presse und CNN berichten, dass neunundzwanzig Freiwillige verhaftet worden waren, weil sie BedĂŒrftigen zu essen gegeben hatten.

Eine noch grĂ¶ĂŸere Anzahl von Leuten aus den Stadtteilen trifft sich eine Woche spĂ€ter erneut an der Ecke Haight Street/Central Street und zieht die Haight Street hinunter, um fĂŒr das Austeilen von Essen eine Verhaftung zu riskieren. Wegen der schlechten Presse zögert die Polizei dieses Mal und nimmt niemanden fest. Der Polizeisprecher von San Francisco, Jerry Senkier, erklĂ€rt gegenĂŒber den Medien, man habe kein Problem damit, dass Food Not Bombs BedĂŒrftigen Essen ausgibt. Aber: „Eine Reaktion der Polizei ist nötig. Denn so wie es aussieht, handelt es sich um ein politisches Statement vonseiten der Bewegung und weniger um die Absicht, Lebensmittel zu verteilen“.

Essensverteilung als Terrorismus?

Am Labour Day tauchten hunderte von Menschen auf und nahmen das Risiko einer Verhaftung auf sich. Die Bereitschaftspolizei gab auf, nachdem sie neunundfĂŒnfzig Lebensmittel-Verteiler*innen in Handschellen abgefĂŒhrt und in die Bryant Street 850 gebracht hatte.

Und an diesem Punkt wird die Geschichte nun interessant. Ryan Shapiro von Property of the People (2) schrieb mir im Juli 2021, dass man einen weiteren Stapel von Dokumenten der „FBI Joint Terrorism Task Force“ zu den Ermittlungen gegen Food Not Bombs erhalten habe. Eines davon war ein Bericht an die FBI-Dienststelle in San Francisco vom 29. August 1988, das auf den 22. August 1988 verweist. Ein großer Teil dieses Dokuments ist immer noch als geheim eingestuft. Aber aus den zugĂ€nglichen Informationen geht hervor, dass eine verlĂ€ssliche Quelle aus Squad 14, der Abteilung fĂŒr internationale Spionageabwehr des FBI-BĂŒros in San Francisco, Informationen geliefert hatte, die besagten, dass Food Not Bombs eine Bedrohung der nationalen Sicherheit darstelle. Die IdentitĂ€t dieser Person und die Einzelheiten ihres Reports bleiben weiterhin als „geheim“ klassifiziert. Was wohl auf diesen anderen Seiten steht, die begrĂŒnden, weshalb wir eine Bedrohung der nationalen Sicherheit sein sollen? Und das zu einer Zeit, als wir im Ganzen nicht mehr als zwanzig Freiwillige bei Food Not Bombs zĂ€hlten, die vegane Mahlzeiten in nur drei StĂ€dten – San Francisco, Boston und Long Beach – verteilten?
Einige unserer Helfer*innen und Freiwilligen waren fĂŒr das Thanksgiving-Fest zu ihren Familien und Freund*innen gereist. Als sie nach San Francisco zurĂŒckkamen, erzĂ€hlten sie, dass Mitglieder der Nationalgarde sie wegen eines Food-Not-Bombs-Ansteckers auf ihren Kleidern angesprochen hatten, als sie auf ihren Flug warteten. Sie meinten, sie hĂ€tten gerade eine Schulung ĂŒber einheimischen Terrorismus gehabt, und Food Not Bombs sei dort als „eine der krassesten amerikanischen Terrorgruppen“ klassifiziert worden.

Beginn einer
weltweiten Bewegung

Das erste Food-Not Bombs-Kollektiv wurde zwar am 24. Mai 1980 gegrĂŒndet, aber es waren diese ersten Verhaftungen, welche eine weltweite Bewegung auslösten. Ein Ort nach dem anderen grĂŒndete seine eigene lokale Gruppe, um sich den Verhaftungen in San Francisco entgegenzustellen.
So viele Leute kontaktierten uns, um zu erfahren, wie man am besten anfĂ€ngt, dass ich meine Notizen von damals hervornahm, als ich die zweite FNB-Struktur initiiert hatte, und sie als Flyer mit dem Namen „Sieben Schritte zur GrĂŒndung einer lokalen Food-Not-Bombs-Gruppe“ veröffentlichte und allen Interessierten ein Exemplar davon schickte. Bis Ende 1989 waren Food-Not-Bombs-Gruppen in Victoria (Kanada), Melbourne (Australien), London (Großbritannien), Prag (Tschechoslowakei) und in den Vereinigten Staaten in New York City (New York), Portland (Oregon), Seattle (Washington) und einigen anderen StĂ€dten gegrĂŒndet worden – von Leuten, die sich empört hatten, dass die Polizei von San Francisco unsere Freiwilligen verhaftete.

In San Francisco kam es zu weiteren Verhaftungen, welche dutzende von Leuten dazu veranlassten, sich uns anzuschließen. Weil die Polizei stĂ€ndig versuchte, uns zu stoppen, organisierten wir eine Kampagne mit dem Titel „Riskiere einmal im Monat eine Verhaftung“ und luden verschiedene lokale Gruppen ein, uns zu helfen. Kirchenobere, Organisationen von RechtsanwĂ€lt*innen und andere aktive Gruppierungen meldeten sich und ließen sich in Handschellen abfĂŒhren.
Wir teilten unser Essen in drei Teile. Die ersten zwei als Köder fĂŒr die Polizei zur Beschlagnahmung. Nach den ersten zwei Verhaftungswellen trugen wir den Großteil der vorbereiteten Gerichte auf, um sie an diejenigen zu verteilen, welche zum Essen gekommen und ĂŒber unser Vorgehen informiert worden waren.

Auf KlappstĂŒhlen zu
gemeinsamen GrundsÀtzen

Als die Verhaftungen zunahmen, grĂŒndeten immer mehr Leute lokale Gruppen, sodass zu dem Zeitpunkt, als indigene Leute einen riesigen Protest in San Francisco gegen die Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der Ankunft Kolumbus’ in Nordamerika ankĂŒndigten, bereits in mehr als 50 StĂ€dten aktive Gruppen existierten. Wir boten den indigenen Gruppierungen, die wir erreichen konnten, unsere Teilnahme an und fragten, ob sie im Gegenzug ein globales Treffen von uns ein paar Tage vor der Demonstration am 12. Oktober 1992 unterstĂŒtzen wĂŒrden. Wir kamen ĂŒberein, uns zu treffen.
UngefĂ€hr 50 Food-Not-Bombs-Aktivist*innen, zusammenge-wĂŒrfelt aus verschiedenen StĂ€dten quer durch die USA und Kanada, saßen auf KlappstĂŒhlen in einem großen Raum im Cauliflower Collective im Stadtteil Mission District in San Francisco.
Am zweiten Tag einigten wir uns auf drei GrundsÀtze:
1. Unser Essen ist vegan oder vegetarisch und steht allen gratis zur VerfĂŒgung: Egal ob reich oder arm, dicht oder nĂŒchtern.
2. Jede Food-Not-Bombs-Grup-‹pe ist autonom und fĂ€llt ihre Entscheidungen im Konsensverfahren. Es gibt keine Chefs, Vorsitzenden oder Direktoren und kein Hauptquartier. Alle in jeder Gruppe werden ermutigt, sich an der Entscheidungsfindung zu beteiligen, einschließlich derjenigen, welche von den Food-Not-Bombs-Mahlzeiten abhĂ€ngig sind.
3. Food Not Bombs ist keine WohltĂ€tigkeitsorganisation, sondern setzt sich mit gewaltfreien, direkten Aktionen fĂŒr die VerĂ€nderung der Gesellschaft ein, damit niemand mehr in SuppenkĂŒchen anstehen muss, um etwas zu essen zu bekommen, oder gezwungen ist, auf der Straße zu leben.
Wir bereiteten riesige Mengen an Essen zu; einen Teil fĂŒr den Aquatic Park, wo ein als Kolumbus Verkleideter in einem kleinen Boot landen sollte. WĂ€hrend wir FrĂŒhstĂŒck an Teilnehmende des Protests verteilten, watete eine kleine Gruppe Ältester der indigenen Gemeinschaft in die Bucht und stieß den 1992er-Kolumbus zurĂŒck in die Strömung des Golden Gate. Nach fĂŒnfhundert Jahren Besatzung und Genozid reichte es ihnen.

Wie alles begann 


Mein Weg zur GrĂŒndung von Food Not Bombs nahm ihren Anfang in meiner Kindheit, welche ich das GlĂŒck hatte, in der Wildnis von Amerikas Nationalparks und auf dem heiligen Land der Hopis in Nord-Arizona zu verbringen. Als Teenager sah ich die VerwĂŒstungen, welche der Rohstoff-Abbau durch Großkonzerne anrichten kann, als Peabody Coal am Big Mountain wĂŒtete. Auch sah ich den mĂ€chtigen Colorado River vom Glenn-Canyon-Staudamm erwĂŒrgt, der die majestĂ€tischen Canyons mit den Felswohnungen und -zeichnungen der Anasazi ĂŒberflutete. Das war zu viel fĂŒr mein Herz, und so beschloss ich mit 16 Jahren, mein Leben der Aufgabe zu widmen, diesem mörderischen Treiben von Institutionen, der Regierung und ihren Sponsoren aus der Konzernecke ein Ende zu setzen.
1977 besuchte ich Howard Zinns Vorlesungen zu amerikanischer Geschichte an der UniversitĂ€t Boston. Er sprach ĂŒber seine Verhaftung bei Protesten gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Seabrook, New Hampshire. Daraufhin schloss ich mich der Bewegung an und nahm an beiden versuchten Besetzungen der Baustelle am 6. Oktober 1979 und am 24. Mai 1980 teil.
TrĂ€nengas regnete aus Hubschraubern auf uns herab, und die Bereitschaftspolizei ging mit KnĂŒppeln und Pfefferspray gegen uns vor, als tausende von Aktivist*innen versuchten, den Zaun um das siebenundzwanzig Hektar große BaugelĂ€nde einzureißen. Nach ein paar vergeblichen Versuchen, durch die LĂŒcken in den MaschendrahtzĂ€unen einzudringen, zogen wir uns in die WĂ€rme des asphaltierten Eingangsbereichs des Atomkraftwerks zurĂŒck, um uns hinzusetzen, zu sprechen und neue PlĂ€ne zu machen. Ein Greiftrupp der Polizei schlĂŒpfte durch eine Öffnung beim Tor, marschierte auf unsere Runde zu und schnappte sich unseren Freund Brian aus der Menge.
Wir stĂŒrmten zum BezirksgefĂ€ngnis, um seine Freilassung zu erlangen. Die Anklage lautete auf Angriff eines Polizeibeamten, und da die Kaution zu hoch fĂŒr uns war, suchten wir jemanden, der uns helfen konnte. Wir versprachen, ihm das Geld so schnell wie möglich zurĂŒckzuzahlen. An diesem Abend wurde Brian aus dem Knast in die offenen Arme seiner Freund*innen entlassen. Wir machten uns in angeregter Diskussion auf den Weg nach SĂŒden zu einer unserer Wohnungen in Boston. Wir wĂŒrden ein Kollektiv grĂŒnden und unsere Zeit der Abschaffung dieses Atomkraftwerks widmen. Und wir wĂŒrden vor dem GebĂ€ude der Studierendenvereinigung der UniversitĂ€t Boston und mitten auf dem Harvard Square GebĂ€ck verkaufen, um die Kaution zurĂŒckzuzahlen.

Vom Soli-Kuchen zur ersten
„Food Not Bombs“-Aktion

Mit dem Verkauf unserer Backwaren haben wir nicht allzu viel Geld eingenommen. Etwas besser lief es mit unserem Umzugswagen und unserer Firma Smooth Move. Wir bekamen von einer Familie den Auftrag, ihren Umzug zu erledigen, und stießen auf ein Plakat im Entsorgungshaufen mit der Aufschrift: „Das wird ein wunderbarer Tag, wenn unsere Schulen alles Geld haben, das sie brauchen, und unsere Luftwaffe einen Kuchenverkauf organisieren muss, um sich einen Kampfflieger zu kaufen.“
Das brachte uns auf die Idee, ĂŒberschĂŒssige MilitĂ€runiformen zu kaufen und das Plakat an unserem Backwarenstand aufzustellen. „Helft uns, einen Kampfflieger zu kaufen“, skandierte ich und rief so eine*n neugierige*n FußgĂ€nger*in nach der*dem anderen auf den Plan. Wir verdienten weiterhin nicht wirklich mehr Geld, aber die Aktion half, die Leute mit unseren Ideen zu erreichen.

Schlussendlich fĂŒhrte das dann zu einer Protestaktion, die wir vor dem GebĂ€ude der Bank of Boston wĂ€hrend der AktionĂ€rsversammlung organisierten. Die Vorsitzenden der Bank saßen gleichzeitig in den AufsichtsrĂ€ten von Waffenherstellern in New England, wie zum Beispiel Raytheon, General Electric und Lockheed Martin. Die Bank war zudem eine Hauptakteurin im Zusammenhang mit dem „Red Lining“ und der damit beabsichtigten Stigmatisierung von „Problemvierteln“, in denen sich die Banken in der Folge weigerten, Kredite zu vergeben.
Also planten wir am Mittag einen Suppenstand vor der Zentralbank, in der gerade die Jahresversammlung stattfand. Wir luden unsere Freund*innen ein, sich als Verarmte aus der Zeit der Großen Depression zu verkleiden. Als wir unsere Suppe am Tag vor dem Protestmarsch am 26. MĂ€rz 1981 zubereiteten, fiel uns ein, dass wir verpasst hatten, so etwas wie eine Suppen-Schlange aus Aktivist*innen einzuplanen. Wir hatten eine Idee: Wir könnten die Leute einladen, die in der Obdachlosen-Unterkunft in der Pine Street ĂŒbernachteten. Der Leiter ließ mich in den schmuddeligen, gekachelten Raum, wo etwa dreißig MĂ€nner waren, einige auf MĂŒllsĂ€cke mit ihrem Hab und Gut gestĂŒtzt, andere an der Wand entlang auf dem Boden liegend und wieder andere gekrĂŒmmt auf einer harten Bank sitzend. Der Leiter kĂŒndigte an, dass ich gekommen sei, um mit ihnen zu sprechen. Einige drehten sich um, um zu sehen, was los war. Man hörte ein paar stöhnen und ein wenig husten. Der Schein einer Straßenlaterne drang durch das staubige Fenster und versorgte den Raum mit ein wenig Beleuchtung.
„Hallo Leute, ich bin Keith McHenry, und wir haben eine Gruppe mit dem Namen Food Not Bombs gegrĂŒndet. Wir werden morgen Mittag gegenĂŒber der South Station eine Protestaktion gegen die Bank of Boston machen. Als Teil davon werden wir eine warme Mahlzeit ausgeben, bitte schließt euch uns an.“
Einer murmelte: „Cool, Mann – eine Protestaktion – so wie wir das in den Sechzigern immer gemacht haben“. Ein anderer stieß sich von seiner kalten Bank ab, streckte seine Hand aus und packte meine mit einem harten Handschlag. „Wir werden dort sein, mein Sohn, das ist sicher.“
Er hatte Recht. Eine Schlange von ungefĂ€hr dreißig hatte sich anderntags entlang der Atlantic Avenue aufgestellt. GeschĂ€ftsleute, die das erste Mal eine solche Suppen-Schlange sahen, stießen Rufe des Erstaunens aus. „Wenn wir es nicht schaffen, die Investitionspolitik der Bank of Boston und ihrer VerbĂŒndeten im Weißen Haus zu stoppen, wird es Suppen-Schlangen im ganzen Land geben“, meinte ich zu denen, die dieser Anblick zu verunsichern schien.

Weltweite Bewegung
gegen MilitÀr

Vierzig Jahre spĂ€ter hat sich traurigerweise herausgestellt, dass wir recht behalten sollten. Unsere Freiwilligen-Bewegung ist jetzt global geworden: Mit Gruppen in mindestens tausend StĂ€dten in ĂŒber sechzig LĂ€ndern. Armut terrorisiert Milliarden von Menschen, wĂ€hrend die US-Regierung hunderte Milliarden in tödliche Kriege fließen lĂ€sst. Mehrere Millionen Amerikaner*innen mĂŒssen diesen Winter ZwangsrĂ€umungen oder Zwangsvollstreckungen be-‹fĂŒrchten. Dies treibt möglicherweise Millionen in ihre Autos und Zelte, in einem verzweifelten Versuch, einen sicheren Platz zum Übernachten zu finden. Anstatt die Milliarden aus dem Budget der CIA und des Pentagons in die Finanzierung von Wohnraum zu verlagern, war die Lösung eine Kaskade von Gesetzen gegen das Leben im Freien.
Jahr fĂŒr Jahr haben wir uns als verlĂ€ssliche VerbĂŒndete der Armen und Obdachlosen erwiesen und echte Beziehungen aufgebaut. Wir sind Teil unserer Communities, in denen wir Liebe und Nahrung teilen. Unsere Idee, Geld statt ins MilitĂ€r in Obdach, Bildung, Gesundheitswesen und andere soziale Dienste zu investieren, ist eine solide Politik, und unsere völlige UnabhĂ€ngigkeit von staatlicher oder wirtschaftlicher Kontrolle beĂ€ngstigt den Staat am meisten. Vielleicht hatte also diese*r „glaubwĂŒrdige“ Agent*in, welche*r am 19. August 1988 behauptete, wir seien eine Bedrohung fĂŒr die nationale Sicherheit, in gewisser Weise durchaus recht, falls sie*er „eine Bedrohung fĂŒr den nationalen Sicherheitsstaat“ damit gemeint hat.




Quelle: Graswurzel.net