Februar 17, 2021
Von Indymedia
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In Bochum war es schon im Oktober 1980 zu einer ersten Hausbesetzung gekommen. Im Jahr 1981 erfolgten vier weitere Hausbesetzungen. Vor allem aber kam es zwischen Mai und Dezember zu fĂŒnf Besetzungen von leerstehenden Fabriken fĂŒr ein „Autonomes Zentrum“. Drei der besetzten HĂ€user wurden legalisiert. Alle anderen Projekte wurden gerĂ€umt und abgerissen. Waren es am Anfang des Jahres noch 500 Jugendliche/junge Erwachsene, die fĂŒr ein „Autonomes Zentrum“ demonstrierten, verfĂŒnffachte sich die Zahl innerhalb weniger Monate. Polizeiliche Gewalt und eine von Unnachgiebigkeit und Arroganz geprĂ€gte Politik der StadtfĂŒhrung gegenĂŒber ihren Anliegen auf ein selbstverwaltetes Jugendzentrum motivierten immer mehr Jugendliche zum Protest. Das Thema Besetzungen wurde zum Politikum des Jahres 1981 in Bochum und die Ereignisse und ihre Folgen zogen weite bĂŒrgerliche Kreise mit in den Diskurs ein.

ZunĂ€chst wurde am 20. Mai 1981 die „Alte Mensa“ in der NĂ€he des Uni-Campus als „Autonomes Zentrum“ besetzt. Die „Alte Mensa“ war aber vielen zu weit außerhalb der Stadt und sie wurde nicht so stark frequentiert. Nach zahlreichen Behinderungen durch die UniversitĂ€ts-Verwaltung wurde das GebĂ€ude verlassen und anschließend auf Geheiß der Verwaltung zerstört und abgerissen.

Am 16. Juni wurde die erste leerstehende Fabrik auf der Hermannshöhe in der Bochumer Innenstadt besetzt. Die Stadt gab vor die Halle fĂŒr ihre Verwaltung zu benötigen, ließ das GebĂ€ude drei Tage spĂ€ter aber rĂ€umen, die rund 130 Besetzer*innen inhaftieren und den Komplex umgehend abreißen. Das stĂ€dtische Vorgehen empörte nicht nur die Besetzer*innen und brachte der „Bewegung“ seitens bĂŒrgerlicher Kreise Sympathien ein.

Als am folgenden Wochenende einige hundert Personen versuchten die ehemalige Seifert-Fabrik auf der UniversitĂ€tsstraße zu besetzen kam es zu Verhaftungen. Um die Freilassung der Inhaftierten aus der Haft zu fordern, zogen einige Hundert Demonstrant*innen vor das PolizeiprĂ€sidium und veranstalteten ein Sit-In. Ohne ersichtlichen Anlass wurden sie dabei von der Polizei angegriffen, verprĂŒgelt und durch die Bochumer Innenstadt getrieben. Diese, von der Presse dokumentierten VorgĂ€nge fĂŒhrten zu starken Kontroversen in der Öffentlichkeit und Politik. Am folgenden Tag besetzten fast 1.000 Personen das leere FabrikgelĂ€nde und am 4. Juli demonstrierten ca. 2.500 Menschen gegen die stĂ€dtische Repression und fĂŒr ein „Autonomes Zentrum“. Die „Fabrik Bewegung“ wurde zum lokalen Politikum des Jahres 1981.

In der Folgezeit fanden viele Konzerte und Veranstaltungen auf dem besetzten GelĂ€nde an der UniversitĂ€tsstraße statt. Die Besetzung entwickelte sich zu einem Magneten fĂŒr unterschiedlichste Szenen. In der beginnenden Urlaubszeit blieben aber nur wenige Besetzer*innen in der Fabrik. Diese sahen sich den sozialen Problemen auf dem GelĂ€nde nicht mehr gewachsen und beschlossen auf einer Vollversammlung am 3. August die Aufgabe des GelĂ€ndes. Sie verließen das GelĂ€nde und am 19. August wurden die Reste der Hallen an der UniversitĂ€tsstraße abgerissen.

In der Folgezeit fĂŒhrten die Besetzer*innen ihre Vollversammlungen an anderen Orten durch und blieben durch öffentliche Picknicks und Feste, FlugblĂ€tter und Demonstrationen weiterhin in der Innenstadt sichtbar. Weitere Besetzungsversuche in der Stadt blieben erfolglos. So besetzten z.B. am 15. Oktober Jugendliche den leerstehenden Schultheiss-Verladehof in der Innenstadt. Rund 40 Besetzer*innen wurden fest­genommen und erkennungs­dienstlich behandelt. Die Stadt und die Polizei wollten jede Haus- und Fabrikbesetzung in Bochums Innenstadt verhindern.

Am 11. Dezember 1981 kam es mit der Besetzung der „BO-Fabrik“ zur endgĂŒltig letzten Besetzung fĂŒr ein Autonomes Zentrum. Die Stadt kĂŒndigte im Dezember 1981 den Abriss der Halle und ihrer NebengebĂ€ude an der StĂŒhmeyerstraße an, die bis dato vom Bochumer Schauspielhaus genutzt wurden. Am 11. Dezember 1981 blieben im Anschluss an die TheaterauffĂŒhrung „Die Hausbesetzer“ einige hundert Zuschauer*innen in der AuffĂŒhrungshalle und besetzten so die „BO-Fabrik“.

Die Besetzung dauerte zwei Monate. Trotz zeitweise abgedrehten Strom und Heizung gelang den Besetzer*innen ein reichhaltiges Kulturprogramm. So trat unter anderem die Band „Ton Steine Scherben“ auf.

Demonstrationen und öffentliche Diskussionen begleiteten die Besetzung. Die Stadt Bochum aber lenkte nicht ein und agierte konfrontativ. Am 28. Januar fĂ€llte der Stadtrat den Beschluss zum Abriss der BO-Fabrik. Die BO-Fabrik wurde am 10. Februar 1982 unter massiven Polizeieinsatz gerĂ€umt, die verbliebenen Besetzer*innen abgefĂŒhrt und der GebĂ€ude­komplex umgehend abgerissen. Die Demonstration gegen den Abriss mobilisierte ca. 1.000 Besetzer*innen und Sympathisant*innen. Sie wurde von einer gleich großen Anzahl von Polizisten begleitet. Ein Flugblatt der Besetzer*innen beklagte im Anschluss zur RĂ€umung massive Polizeigewalt. Zu weiteren Besetzungen fĂŒr ein Autonomes Kulturzentrum kam es in Bochum nicht mehr.

„Geschichte wird gemacht, es geht voran“

FĂŒr die Stadt Bochum hatte sich aber mit der RĂ€umung der BO-Fabrik das Problem mit Hausbesetzungen noch lange nicht gelegt. Im Gegenteil. Im Stadtteil Bochum-Weitmar kam es mit dem so genannten Heusnerviertel zu einem Anschluss an die 81er Bewegung.

Dieser Bereich des Stadtteils Weitmar sollte dem Bau einer Schnellstraße zum Opfer fallen. Nach und nach wurden seit 1981 in diesem zum Abbruch vorgesehenen Areal bis zu 20 HĂ€user zum Teil oder ganz besetzt. Die Hochphase der Besetzungen war von 1984 bis 1986. Durch Neu-Besetzungen und ZuzĂŒge wandelte sich die Zusammensetzung der Bewohner*innen von eher alternativ-studentisch zu einer mehr subkulturell-autonom geprĂ€gten Szene. Im Jahr 1986 lebten dort rund 150 BesetzerInnen und ĂŒber die Jahre hinweg dĂŒrften es einige Hundert Personen gewesen sein.

Ihr Viertel tauften die BesetzerInnen nach der dort grĂ¶ĂŸten Straße – der Heusnerstraße – als „Heusnerviertel“ und erklĂ€rten es zur „Staatsfreien Zone“. Nur mit massiven PolizeieinsĂ€tzen gelang es der Polizei Anfang und Ende 1986 das zum Teil verbarrikadierte Viertel einzunehmen und die stĂ€dtisch angeordneten Hausabrisse einzuleiten. Abrisse, die unter massiven RechtsbrĂŒchen der Stadt Bochum angeordnet waren.

Das Heusnerviertel zĂ€hlte mit der Kiefernstraße in DĂŒsseldorf und der Hafenstraße in Hamburg zu den großen besetzten Projekten in der alten Bundesrepublik, um die Mitte/Ende der 80er Jahre zwischen autonomer und alternativer Szene einerseits und Verwaltung und Polizei andererseits massiv gestritten wurde.

Nach den endgĂŒltigen Abrissen im November 1986 kam es noch zu zwei kurzzeitigen Besetzungen durch ehemalige Besetzer*innen des Viertels. Diese wurden aber von der Polizei gerĂ€umt.

Damit endeten „die wilden 80er Jahre“ in Bochum.

Erst 1991/92 kam es wieder zu Besetzungen in der Ruhrstadt. Von den fĂŒnf Besetzungen bekam aber lediglich eine MietvertrĂ€ge. Die anderen wurden gerĂ€umt. Es dauerte weitere acht Jahre bis es wieder zu Besetzungen in Bochum kam. Im Dezember 2000/Januar 2001 wurden zwei Objekte fĂŒr ein anti-rassistisches Zentrum besetzt – und von der Polizei gerĂ€umt. Die fĂŒnf Jahre spĂ€ter – im Mai 2006 – erfolgte Besetzung des „Querforum West“ auf dem CampusgelĂ€nde der RuhruniversitĂ€t fĂŒr die „Freie Uni Bochum“ dauerte bis Januar 2007 und war eine Besetzung von und fĂŒr Student*innen. Eine Besetzung in der Hernerstraße im Mai 2017 wurde einige Wochen spĂ€ter kommentarlos von den Besetzer*innen verlassen.

Das einzige zur Zeit besetzte Haus in Bochum dĂŒrfte der Holln 3 sein. Die alte baufĂ€llige Villa in Bochum-Werne wurde am 27.03.1981 besetzt und beherbergte in ihren 40 Jahren unzĂ€hlige Menschen aus verschiedensten Szenen und Subkulturen.

– Heiko Koch –

Einen ausfĂŒhrlichen Bericht mit Zeitleisten, Originaltexten, Fotos und Interviews findet ihr hier: Bewegung fĂŒr ein Autonomes Jugendzentrum




Quelle: De.indymedia.org