Dezember 17, 2020
Von Indymedia
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Die Aktivist*innen, die im Dannenröder Wald fĂŒr eine radikale Verkehrswende und eine lebenswerte Zukunft fĂŒr alle eintreten, zogen am 9.12. auf einer Pressekonferenz ein erstes ResĂŒmee: „Ihr könnt uns aus unseren BaumhĂ€usern rĂ€umen, ihr könnt unser Zuhause zerstören, ihr könnt die BĂ€ume fĂ€llen und weiter an ein zerstörerisches Verkehrssystem glauben. Doch was ihr uns nicht nehmen könnt, ist die Kraft, weiter fĂŒr eine gerechtere Zukunft zu kĂ€mpfen. Die A49 ist noch nicht gebaut und wir werden weiter dafĂŒr einstehen, dass das auch nie passiert!“

Alle Statements der Aktivist*innen könnt ihr hier nachlesen.

Die Fotos fĂŒr diesen RĂŒckblick erhielten wir von Channoh Peepovicz und Jens Volle. Vielen Dank dafĂŒr. Sie sind an zwei Wochenenden entstanden, an denen UnterstĂŒtzer*innen von „Ende GelĂ€nde“ mit im Wald unterwegs waren. Die Bilder zeigen nur einen kleinen Ausschnitt des vielfĂ€ltigen Widerstandes im Dannenröder Forst.

Der nachfolgende Text stammt vom waldstattasphaltbuendnis:

Wir haben das Jahr 2020 und wir haben gerade einen gesunden Mischwald in einem Trinkwasserschutzgebiet an eine Autobahn verloren. Wir alle haben diesen Wald verloren. Wir befinden uns in einer Zeit des Waldsterbens, der Hitzesommer und der DĂŒrrejahre. Die Klimakrise ist heute schon RealitĂ€t. Und trotzdem hat die schwarz-grĂŒne Landesregierung Hessens diese Schneise in einem der wenigen in Deutschland noch gesunden, intakten MischwĂ€ldern gerodet. Das haben sie wirklich durchgezogen – und das werden wir nie vergessen.

Viele Menschen haben uns danach gefragt: Seht ihr es als Erfolg, was ihr hier gemacht habt? NatĂŒrlich ist es ein Erfolg. Es ist krass, wie weit wir es mit unserem Protest geschafft haben. Wir haben uns hier mit dem Endgegner angelegt. Innerhalb von nur einem Jahr haben wir Waldbesetzungen mainstreamfĂ€hig gemacht, wir haben das Zeitalter der MobilitĂ€tswende eingeleitet, wir haben einen Kristallisationspunkt der Klimagerechtigkeitsbewegung geschaffen. Nicht zu vergessen ist die ganze Arbeit von lokalen Anwohner*innen seit 40 Jahren. Darauf aufbauen zu können, ist was uns stark macht.

Und gleichzeitig habe ich keine Lust unsere Geschichte im Danni als Erfolg zu verkaufen. Denn es ist kein Erfolg. Wir haben nĂ€mlich alle verloren. Wir haben alle einen gesunden Wald verloren, weil keine Politiker*in das RĂŒckgrat hatte, dagegen aufzustehen. Ich merke, da sind noch so viel mehr Emotionen in mir. Trauer, aber vor allem Wut, eine ganz ganz tiefe Wut. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, sehe ich immer noch die fallenden BĂ€ume vor mir. 300 Jahre alte Buchen und Eichen, die lĂ€ngst vor den ersten beschissenen Autos da waren. Die schon so viel erlebt haben. Und ich merke, dass diese Wut irgendwo hin muss.

Ich habe auch noch etwas anderes gemerkt: Wenn ich diese alten BÀume fallen sehe, dann sehe ich in ihnen nicht nur ihre eigene Schönheit und Pracht sterben, ich sehe auch die abgeholzten WÀlder in Brasilien. Ich sehe die tausende von Dörfern, die wegen der Kohle abgebaggert wurden oder werden sollen. Ich sehe die Typhoons auf den Philippinen und die Orang-Utans, deren Zuhause der Palmöl-Gier in Indonesien zu Opfer fÀllt. Ich sehe die WaldbrÀnde in Kalifornien.

Ich habe das GefĂŒhl, dass diese ansonsten so abstrakte Klimakrise im Danni so richtig greifbar geworden ist. Im Danni konnten wir mit eigenen Augen erleben, was Ökozid genau bedeutet. Wir alle haben die Ohmacht im Angesicht der Staatsmacht gefĂŒhlt, die auf Biegen und Brechen diesen Wald zerstören wollte. Wir alle haben die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit erlebt, die unter die Haut geht.

Ich glaube wirklich, dass sie sich wirklich keinen Gefallen damit getan haben, uns diesen Wald zu nehmen. Denn sie haben uns noch so viel mehr genommen: Unsere letzte Hoffnung darauf, dass die Verantwortlichen das tun, was richtig ist. Dass die Verantwortlichen das Pariser Klimaabkommen höher werten, als einen Straßenbauvertrag. Was unsere Regierung betreibt ist kein Klimaschutz. So wie es strukturellen Rassismus gibt, betreibt sie strukturellen Anti-Umweltschutz. Es gibt Rechte und Gesetze, die den Bau der A49 aufhalten können, aber sie werden nicht genutzt, weil die Kapitalinteressen der Konzerne als wichtiger gewertet werden. Wir mĂŒssen das erkennen, benennen und bekĂ€mpfen.

Diese Wut, die sich hier jetzt bei uns aufgestaut hat, muss irgendwo hin. Und sie wird sich verbreiten, wie ein Unkraut, das ĂŒberall zu wachsen beginnt. Es wird immer wiederkommen. Je mehr sie unsere Äste absĂ€gen, je mehr sie unsere WĂ€lder und Wiesen zerstören, desto mehr und desto wĂŒtender werden wir zurĂŒckkommen. Und wir werden erst aufhören, wenn der letzte Baum gefallen ist.

Lasst uns die nĂ€chste Zeit nutzen, um zu lernen und genau zu verstehen, wie dieses Auto-System funktioniert. Genau verstehen, welche GeldflĂŒsse wohin gehen, welche Kapitalinteressen und Logiken wo versteckt sind. Nochmal: Wir legen uns hier mit dem Endgegner an, dem Herz des deutschen Kapitalismus. Darauf mĂŒssen wir gefasst sein. Aber durch unsere Recherchen, unsere Intelligenz, unsere Geduld und unser Durchhaltevermögen können und werden unsere Aktionen genau ins Herz treffen.

Wir werden noch so oft BĂ€ume beschĂŒtzen, uns verzweifelt an sie fest klammern, und wir werden sie immer wieder verlieren. Wir werden noch so viele Niederlagen erleiden mĂŒssen. Aber je öfter wir verlieren, desto stĂ€rker kommen wir zurĂŒck. Und irgendwann werden wir es schaffen.

Wir sind der Beginn der Anti-Auto-Bewegung, einer Bewegung fĂŒr eine sozial-gerechte MobilitĂ€tswende und Klimagerechtigkeit. Wir sind gekommen, um zu bleiben.

Mehr Infos:
https://waldstattasphalt.blackblogs.org/
https://wald-statt-asphalt.net/de/camp/




Quelle: De.indymedia.org