Januar 11, 2022
Von Indymedia
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»Gerechtigkeit mĂŒssen wir uns selbst erkĂ€mpfen«

Am 7. Januar 2005 wurde Oury Jalloh im Dessauer Polizeirevier körperlich schwer misshandelt, an HĂ€nden und FĂŒĂŸen in der Zelle 5 angekettet und von Polizeibeamten angezĂŒndet. Er verbrannte bis zur Unkenntlichkeit. AnlĂ€sslich des 17. Todestages organisierte die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh – wie in jedem Jahr – eine Gedenkdemonstration durch die Stadt Dessau. Sie fĂŒhrte zum Ort des Verbrechens, zum Polizeirevier in die Wolfgangstrasse 25 entlang an den Orten des Verschleierns und des Vertuschens, unter anderem an der Staatsanwaltschaft Dessau und dem Amtsgericht und dem Landgericht in Dessau.

Über 2.000 Teilnehmer*innen, die auch mit Bussen aus Göttingen, NĂŒrnberg, Berlin oder Köln angereist waren, versammelten sich gegen 14 Uhr am Dessauer Hauptbahnhof. Dort begrĂŒĂŸte Mouctar Bah, ein enger Freund von Oury und MitbegrĂŒnder der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, die Anwesenden. Er erklĂ€rte, dass Oury Jalloh unmöglich die Matratze selbst in Brand gesteckt haben kann, so wie es von der Polizei und Justiz bis heute behauptet wird. Er machte deutlich, dass Oury Jalloh kein Einzelfall ist, dass es sehr viele Opfer aus der Black Community gibt und dass bis heute weiter gemordet wird: »Wir werden weiter kĂ€mpfen bis zum Schluss, nicht nur fĂŒr Gerechtigkeit fĂŒr Oury Jalloh, sondern auch fĂŒr Laye-Alma CondĂ©, fĂŒr Dominique Koumadio, fĂŒr Christy Schwundeck und fĂŒr Mariamma Sarr und alle anderen Opfer von Polizeigewalt.« Auch Saliou, der Bruder von Oury, der extra aus Guinea angereist war, bedankte sich fĂŒr die große UnterstĂŒtzung und bekrĂ€ftigte seinen Willen nicht aufzugeben: »Mein Bruder wurde misshandelt, getötet und verbrannt. Die Polizei, die Justiz und die Politiker versuchen das alles zu vertuschen. Wir werden weiter kĂ€mpfen und alles aufklĂ€ren.«

Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh hatte Anfang November 2021 ein neues Brandgutachten vorgestellt. Es zeigt erstmals eine Rekonstruktion des Brandes in einem originalen Nachbau der Zelle, in der Oury Jalloh verbrannte. Die Bilder zeigen nachdrĂŒcklich, dass ein Brandbild, so wie es am 7. Januar 2005 vorgefunden wurde, nur mit Hilfe von Brandbeschleunigern entstanden sein kann. Zudem haben auch die im Vorfeld durchgefĂŒhrten Bewegungsversuche deutlich gemacht, dass Oury Jalloh sich nur unter extremen Schmerzen sehr eingeschrĂ€nkt bewegen konnte. Auch diese Versuche stehen den Behauptungen der Generalstaatsanwaltschaft von Sachsen-Anhalt entgegen, dass Oury Jalloh das Feuer selbst entzĂŒndet haben soll.

Die Demonstration verlief sehr kraftvoll, geeint von der gemeinsamen Trauer und Wut ĂŒber die Morde im Dessauer Polizeirevier und der Verweigerung staatlicher Behörden, diese ĂŒberhaupt als solche anzuerkennen, geschweige denn, sie aufklĂ€ren zu wollen. Es wurden starke Reden gehalten und insbesondere die migrantische und Black Community fanden klare und kĂ€mpferische Worte fĂŒr die KontinuitĂ€t rassistischer Verbrechen ihrer systematischen Vertuschung durch staatliche Institutionen.

»Die LĂŒge, dass er sich selbst verbrannt hat wird von Staat und Polizei bis heute verteidigt [
] Gutachten werden nicht anerkannt und die TĂ€ter werden weiterhin geschĂŒtzt. Deshalb erkennen wir, dass der Staat kein Interesse daran hat uns vor weiteren rassistischen Morden zu schĂŒtzen.«, erklĂ€rten junge Aktivist*innen der Panthifa. »Oury Jallohs Mörder sind das Produkt eines rassistisch kapitalistischen Systems. Ein System, das darauf abzielt, Leute wie ihn zu dehumanisieren. Uns Schwarze Menschen und Afro Siblings zu dehumanisieren. Es reicht lĂ€ngst nicht mehr Oury Jalloh als Opfer eines Einzelfalls von Polizeigewalt zu beschreiben. Oury Jalloh ist Opfer eines gewaltvollen Systems mit globaler KontinuitĂ€t.«

Viele RedebeitrĂ€ge haben herausgestellt, dass der Kampf um Gerechtigkeit ein globaler Kampf ist. Und dass es sich lohnt nicht aufzugeben, sondern diesen Kampf kontinuierlich und mit Entschlossenheit fortzusetzen. Die staatlichen Institutionen versuchen alles, um die Wahrheit zu vertuschen. Umso wichtiger ist die selbstorganisierte AufklĂ€rungsarbeit, die die Fakten Schritt fĂŒr Schritt an die Öffentlichkeit bringt und die Justiz in ihren LĂŒgen entlarvt.

Die Demonstration am 7. Januar 2022 hat gezeigt, dass diese kontinuierliche Arbeit Erfolg hat. Auch wenn der Mord an Oury Jalloh juristisch nicht aufgeklÀrt ist, so ist die Wahrheit bereits in viele Teile der Gesellschaft vorgedrungen.

Oury Jalloh – Das war Mord!
Nadine Saeed, Initiative in Gedenken an Oury Jalloh

»Was haben die letzten 17 Jahre gezeigt? Einerseits die Ignoranz des deutschen Staates. Aber viel wichtiger die FĂ€higkeit Schwarzer Selbstorganisation zur Mobilisierung und zum aktiven Handeln. Unsere FĂ€higkeit zu vernetzen und hier als gemeinsames BĂŒndnis afrodiasporischer Personen geschlossen aufzutreten. Unsere FĂ€higkeit, den antiimperialistischen, antirassistischen sowie Klassenkampf auf allen Ebenen intersektional zu fĂŒhren. Unsere FĂ€higkeit diesen Kampf Generation ĂŒber Generation weiterzufĂŒhren.«
(Panthifa, Power to the People)




Quelle: De.indymedia.org