MĂ€rz 5, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Fragen der Organisation. 31 aufstÀndische Thesen

Einleitung und ein paar Bemerkungen zu dem Text 31 aufstÀndische Thesen

Wir veröffentlichen diesen Text im Rahmen der kritischen Textreihe zu Organisation, Militanz und Militante, aber auch nicht nur. Dieser Text erschien in den spĂ€ten 1990ern im spanischen Staat und war einer der ersten bemerkenswerten Texte, nicht der erste – aber auch nicht der letzte -, der eine Diskussion, die die anarchistische Bewegung sehr notwendig hatte, stark beeinflusste, was auch spĂ€ter als die Geburtsstunde des sogenannten aufstĂ€ndischen Anarchismus, innerhalb des spanischen Staates, bezeichnet wurde. Wir wollen damit natĂŒrlich nicht meinen, dass die anarchistische Bewegung im spanischen Staat nicht aufstĂ€ndisch gewesen sei, Beispiele gibt es wie Sand am Meer, vor allem von 1880 bis in die 1980er, sondern wir meinen die aus Italien stammenden Ideen, die fĂŒr eine Erneuerung und ÜberprĂŒfung des Anarchismus unserer Zeit gedient haben.

Denn die Auseinandersetzung innerhalb der anarchistischen Bewegung im spanischen Staat kann nur durch ihre eigene Geschichte verstanden werden, daher ist in diesem Punkt dieser Text im deutschsprachigem Raum völlig nutzlos, dennoch sehr interessant, auch wenn dieser Text MÀngel aufweist und einige Fehler auffallen. Wie z.B., die manchmal erscheinende, soziologische Betrachtung auf das Proletariat und die etwas naive Sicht auf die Folgen der Repression, es wÀren einige mehr, aber wir lassen dies mal vorerst dabei.

Was heißt dies alles nun konkret? Im Gegensatz zu dem deutschsprachigen Raum, wurde im spanischen Staat eine Diskussion/Auseinandersetzung unter Anarchist*innen gefĂŒhrt, wo einige mit den historischen Organisationen brechen mussten, vor allem trifft dies auf die CNT der 1990er zu – aber nicht nur – weil diese ihnen im Weg standen. Genaueres dazu steht in einem Text, den wir ĂŒbersetzt haben und der auf unserem Blog – hier oder hier – zu finden ist. In diesem, wenn auch mit vielen Fehlern, lassen sich viele Sachen erklĂ€ren die wir hier meinen.

Dieser Gegensatz zum deutschsprachigem Raum, wo eine Diskussion/Auseinandersetzung unter einer radikalen Linken des Kapitals gefĂŒhrt wurde und wird, prĂ€gt alle Faktoren dieser Gleichung. Dies sehen wir im Bezug auf die sozialen Revolution von 1936, auf die ML (Moviemiento Libertario – LibertĂ€re Bewegung) und auf die Arbeiter*innen-Autonomie ab den 1960ern bis Anfang der 1980er. Die ML, oder MLE (Movimiento Libertario Español – Spanische LibertĂ€re Bewegung) – je nach Fall -, gilt als Begriff, der alle historischen Organisationen umfasst (CNT, FAI, Mujeres Libres und auch FIJL1), die bis in die 90er nicht von einer anarchistischen Bewegung zu trennen waren. Dies hat sich mittlerweile sehr verĂ€ndert.

Und genau der Einfluss all dieser Organisationen spielt im Laufe des Textes ein riesige Rolle, vor allem in der Verwendung von Begriffen. Die Kritik an formellen Organisationen, ist nicht nur eine Kritik an ihrer Form (bĂŒrokratisch, schwer, unbeweglich, ideologisch, usw.), sondern an deren Ausdruck, nicht nur in Form der abwesenden Praxis, sondern dem Ausdruck selbst, der verwendeten Sprache. Viele der im Originaltext verwendeten Begriffe sind eben jene Begriffe, die nur innerhalb der CNT, zumindest frĂŒher, verwendet wurden. Jedem Menschen, dem das entgeht, oder nicht weiß, verleiht diese Sprache im Text einen sehr rigiden Eindruck, dies wurde natĂŒrlich mit Absicht gemacht, denken wir zumindest, weil es auch logisch klingt.

Nun umso bizarrer erscheint es mittlerweile, dass die Kritik an dem formellen Fetischismus auch durch einen informellen Fetischismus ersetzt wurde, beim dem sich auch ein internes Vokabular entwickelt hat, der nach denselben Prinzipien (QualitÀt als Negation und QuantitÀt als BestÀtigung) fungiert, der ja kritisiert wurde und aufgehoben werden sollte.

Es ist nutzlos Vergleiche zwischen einer Entwicklung der anarchistischen Bewegung im spanischen Staat mit denen im deutschsprachigen Raum herzustellen, aber gerade dieses historische Kontinuum, welches die Auseinandersetzung innerhalb der anarchistischen Bewegung im spanischen Staat immer beeinflusste, existiert so nicht im deutschsprachigem Raum, weil eben der Bruch nicht innerhalb einer anarchistischen Bewegung stattfinden konnte, sondern nur innerhalb einer radikalen Linken des Kapitals. Eine radikale Linke des Kapitals, die immer noch nach Beispielen gafft, zu denen sie hinaufschauen kann, oder nach denen sie nacheifern kann, vor allem anderswo, und obwohl es sehr interessante historische BezĂŒge hierzulande gibt, auf denen antiautoritĂ€re und revolutionĂ€re BezĂŒge aufgebaut werden könnten, interessieren sie nicht.

Der Vorteil und der Nachteil anarchistischer Debatten in, z.B., Italien, Frankreich und Spanien, liegt an ihrer Geschichte selbst.

WĂ€hrend der aufstĂ€ndische Anarchismus im spanischen Staat vonnöten war (1990er), um der orthodoxen und dogmatischen CNT eine sehr notwendige Kritik zu verpassen, vor allem in Sinne dass auch außerhalb ihr es viele anarchistische Gruppen gab und sie in alter bolschewistischer Manier nicht alles unter ihrem Schirm kontrollieren konnte, war in Italien der aufstĂ€ndische Anarchismus (1970er) eine Ă€hnliche Erneuerung der anarchistischen Ideen, die auch außerhalb der alten Fossilien leben konnte (FAI-USI z.B.) und einen antiautoritĂ€ren Beitrag fĂŒr die damaligen Revolten und AufstĂ€nde des Proletariats, aber auch als Kritik an die emporkommenden leninistischen Avantgarden, leistete.

Die GrĂŒnde, warum und weshalb, um die historische Lage zu analysieren, um die Gegenwart zu verstehen, wĂ€ren interessant, aber sprengen hier jeglichen Rahmen. Vielleicht ein anderes mal.

Viel Spaß mit dem Text


Fragen der Organisation. 31 aufstÀndische Thesen.

[Anonymer Text]

An die Gefangenen GefĂ€hrten des sozialen Krieges und vor allem an diejenigen, die neben dem Leiden im GefĂ€ngnis auch das GeschwĂ€tz pseudorevolutionĂ€rer Ideologen ertragen mĂŒssen, die sie ihren eigenen BeschrĂ€nkungen unterwerfen möchten.

Vorwort

Der folgende Text zielt darauf ab, die Debatte ĂŒber Organisation aus anarchistischer Perspektive neu zu eröffnen. Ein altes Thema, immer prĂ€sent, nie geklĂ€rt, obwohl es diejenigen gibt, die in diesem oder jenem Modell Gewissheit gefunden haben.

Lass dich nicht tĂ€uschen, du wirst auf den kommenden Seiten, die folgen, keine Neuigkeiten (verdammtes Marketingwort) finden, die bereits im letzten Jahrhundert in Ă€hnlicher Weise debattiert wurden, noch Zauberrezepte, die uns vor dem Denken und Handeln, dem Hinterfragen, Kritisieren und Experimentieren bewahren, wenn etwas versucht wird, ist es gerade dazu da, genau dies zu fördern. Uns fehlen Debatte und Kommunikation, Aktion und Experiment, und wir haben zu viel und ĂŒberflĂŒssige Monotonien, Gewissheiten und Modelle.

Diese „organisatorischen Fragen“ sind absichtlich subjektiv und kritisch.

Dieser Text, der bereits im Titel als aufstÀndisch definiert wird, weil er Partei ergreift, entspringt dem Wunsch, das Bestehende zu zerstören, und versucht, die Wege zu erforschen, die die Materialisierung dieses Wunsches ermöglichen, indem er aus dem Wort die Begegnung, in Wort und Tat, mit all jenen aufstÀndischen Individuen sucht, die die verheerende Leidenschaft der Freiheit am Leben erhalten.

I. In der Arbeiterbewegung hat es immer zwei sichtbare Tendenzen gegeben. Die eine ist eine etapistische2 Tendenz, die zwar partielle „Siege“ bewahrt, aber versucht, sie als aufsteigende Schritte zur Eroberung des Himmels zu fixieren. Eine andere ist eine aufstĂ€ndische Tendenz, die den gegenwĂ€rtigen Moment selbst zu einem Moment revolutionĂ€rer Möglichkeit macht. In der Praxis gab es keine genauen Abgrenzungen zwischen beiden Tendenzen. Beide Tendenzen finden ihre Gleichgesinnten in der libertĂ€ren Bewegung.

II. Die etapistische Tendenz wird in der Praxis der Rechtfertigung als ein graduelles Mittel zur Erreichung globaler VerĂ€nderungen definiert. Sie ĂŒbernimmt Verhandlungen mit der Macht und stellt die direkte Konfrontation mit ihr zurĂŒck. Indem sie ihre revolutionĂ€ren Zukunftsperspektiven festlegt, versucht sie, in der Gegenwart möglichst viele AnhĂ€nger zu gewinnen, die sie so lange sensibilisieren kann, bis die Voraussetzungen/Bedingungen (?3) fĂŒr einen idealen Angriff auf die WinterpalĂ€ste gegeben sind. Quantitatives Wachstum ist daher ihr erstes Ziel.

Diese Tendenz hat sich historisch in klassischen Strukturen (Parteien, Gewerkschaften usw.) organisiert. Die klassische Struktur ist insofern reprĂ€sentativ, als sie als materieller oder geistiger ReprĂ€sentant nicht nur ihrer Mitglieder, sondern des gesamten Kollektivs der Ausgebeuteten steht und sich zur Achse der „echten“ proletarischen Bewegung verwandelt.

Von hier aus wird das „Organisationsbewusstsein“ gefördert und angeregt, die Zugehörigkeit zu einer homogenen Gruppe, die ĂŒber dem Individuum stehen kann und mit der man sich identifiziert und identifiziert wird.

Die klassische Struktur ist eine schwere Struktur4, die bĂŒrokratische Apparate produziert und reproduziert. Es hat seine Entscheidungsfindungs-, Vertretungs- und ExekutivausschĂŒsse und ein Netzwerk von Protokollen, AbhĂ€ngigkeit (SĂŒchten) und Vorschriften5.

Sie wird symbolisch als HĂŒterin des Blutes der MĂ€rtyrer, der glorreichen Vergangenheit, der unbeweglichen Prinzipien verstanden. Sie stimuliert den Personenkult, entweder des toten Helden/Heldin oder des herausragenden lebenden GefĂ€hrten.

Die schweren Organisationen sind selbst konservativ und neigen dazu, sich in der Zeit zu erhalten, auch wenn sich die UmstĂ€nde, die zu ihren Enstehen gefĂŒhrt haben, geĂ€ndert haben. Aus diesem Grund widmet sie ein wichtiger Teil ihrer Zeit der „Analyse“ und den Gesten, die die unaussprechliche Notwendigkeit der „AktualitĂ€t“ des Organisationsmodells aufzeigen. Der Rest ihrer Zeit teilt sich auf in konkrete Forderungen als eine Form des Proselytismus6; das Organisieren der Organisation, wobei die grĂ¶ĂŸtmöglichste KomplexitĂ€t und ideologische Reproduktion erreicht wird; so wird in den Referenzen/BezĂŒgen auf die Vergangenheit eine ÜberprĂŒfung der eigenen Existenz vorgenommen7.

Die etapistische Tendenz und die organischen Formen8, die sie annimmt, zeigen uns die DurchlĂ€ssigkeit in der Arbeiterbewegung fĂŒr systematische Werte; die BĂŒrokratisierung, die der schweren Organisation innewohnt, die Delegation des Individuums im Kollektiv, die Errichtung diffuser oder regulierter Hierarchien, die RentabilitĂ€t der Aktion als Tauschwert, die Aktion als Ware, die Übernahme von Schranken und Mindestprogrammen, die Anerkennung der Macht als Vermittler durch fĂŒhren von Verhandlungen


III. In der libertÀren Bewegung gibt es, als Spiegelbild der Arbeiterbewegung, die etapistische Tendenz.

Diese Tendenz kristallisiert das klassische Organisationsmodell heraus, das sich aus der Massenorganisation, den spezifischen Organisationen und den Schirmorganisationen der Jugend, der Frauen, der Kultur usw. zusammensetzt.

Dieses Modell, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat, hat zum Zeitpunkt seines Erscheinens eine logische Bedeutung, nĂ€mlich die der Krise und der kapitalistischen Umstrukturierung. In ihr verbinden sich die Notwendigkeit und der Wunsch nach proletarischer Selbstorganisation und die Spiegelung der laufenden VerĂ€nderungen, die zu einem neuen Modell der kapitalistischen Akkumulation, in Form eines Widerspruchs, fĂŒhren.

Bei der Entwicklung dieses Modells werden die beiden angekĂŒndigten Tendenzen gegeneinander gestellt und ergĂ€nzt. Auf der einen Seite gibt es die fordernde Praxis9 der etapistischen Tendenz, die die schwere Struktur und die entstehenden BĂŒrokratien festigt. Auf der anderen Seite gibt es aufstĂ€ndische Explosionen, die den Etapismus brechen und die schwere Organisation im positiven Sinne ĂŒberwinden.

Die historische Konjunktur der kapitalistischen Krise begĂŒnstigt einen solchen Widerspruch. Dies lĂ€sst sich an der spanischen Revolution ablesen. WĂ€hrend die von der CNT-FAI ermutigten proletarischen Massen eine nie dagewesene Revolution entfesseln, indem sie ihre eigenen selbstverwalteten Organismen schaffen, werden diese wiederum von der BĂŒrokratie der CNT-FAI selbst gestoppt und erwĂŒrgt, die keine Schwierigkeiten haben wird, sich mit den anderen „Arbeiter“-BĂŒrokratien in klassenĂŒbergreifenden Organismen zu verbĂŒnden, was als „historische Notwendigkeit“10 gerechtfertigt wird. Der Epilog ist die Niederlage der unzureichend starken und autonomen Arbeiterbewegung, die ihre eigenen reprĂ€sentativen Organisationen in der aufstĂ€ndischen Praxis aufhebt und ĂŒberwindet.

IV. Die aufstÀndische Tendenz der Arbeiterbewegung identifiziert sich nicht mit geregelten Organisationsformen, sondern vielmehr mit der Praxis direkter Angriffe auf die Macht, ohne Verhandlungen, Dialog oder Vermittler mit ihr zuzulassen11. Sie findet ihre Daseinsberechtigung und theoretische Extraktion in der kollektiven oder individuellen Aktion des bewussten Proletariats, das sich gegen die Herrschaftsapparate auflehnt.

Ihr gegenwÀrtiges und unmittelbares Ziel ist die Zerstörung dieser Apparate.

Die Materialisierung dieser Tendenz in der Massenbewegung entsteht in allen Momenten des direkten Kampfes, die ĂŒber die bloße Forderung hinausgehen und Meister ihres eigenen Lebens und ihres historischen Aufbaus werden.

Sie werden in und aus der Konfrontation geboren und haben in ihrem Sinne konkrete Situationen der Zerstörung dessen, was existiert, und der Schaffung selbstverwalteter RealitÀten hervorgebracht.

Die Organisationen, die aus der massenhaften aufstĂ€ndischen Bewegung hervorgegangen sind, haben ihre Daseinsberechtigung erst im konkreten Moment des generalisierten/allgemeinen Aufstands. Ihr Aufbau a priori oder ihre spĂ€tere Aufrechterhaltung fĂŒhrt nur zur einer Praxis der Forderung und/oder zur systematischen Rekuperation12.

Von den Ludditen13 bis zum albanischen Aufstand14 finden wir die Zeichen der IdentitÀt dieser Tendenz, wo wir die immer vorhandenen Möglichkeiten ihrer gegenwÀrtigen Materialisierung erforschen können.

V. Die aufstĂ€ndische Tendenz der Arbeiterbewegung hat unter den LibertĂ€ren (darunter in diesem Begriff alle nominierten oder namenlosen Bewegungen, die eine antiautoritĂ€re und revolutionĂ€re Praxis entwickelt haben) ihre grĂ¶ĂŸten FĂŒrsprecher und Förderer gehabt. Die direkte Konfrontation mit der Macht und der Wunsch nach ihrer unmittelbaren Zerstörung sind dem libertĂ€ren Denken und der libertĂ€ren Praxis inhĂ€rent, die „Politik der Phase“ und symbolische Darstellungen ablehnt.

Auch wenn die AusprĂ€gung dieser Tendenz in der libertĂ€ren Bewegung nicht die „spektakulĂ€ren“ Auswirkungen hatte, die die etapistische Tendenz haben könnte, so ist sie doch in der gesamten libertĂ€ren Geschichte mit einer sichtbaren Praxis prĂ€sent, die Spannungen innerhalb der libertĂ€ren Bewegung und der Arbeiterbewegung erzeugt. Ihre greifbarsten Neuausgaben verlaufen parallel zur Entwicklung der aufstĂ€ndischen Arbeiterbewegung und finden durch revolutionĂ€re Katharsis15 ihre Verschmelzung mit ihr.

Die Tatsache, dass die libertĂ€re aufstĂ€ndische Bewegung nicht das spektakulĂ€re Ausmaß der etapistischen-anarchistischen Bewegung hat, liegt an ihren Charakteristiken selbst. Die libertĂ€re aufstĂ€ndische Bewegung unterhĂ€lt weder schwere Organisationsformen, noch basiert sie ihre Aktion auf eine quantitative Akkumulation, noch erhebt sie sich selbst als ReprĂ€sentant von irgendjemandem ein. Sie besitzt daher keine greifbaren strukturellen BezĂŒge, und ihre IdentitĂ€tszeichen folgen dem Verlauf der direkten und spontanen Konfrontation des Proletariat, so lange dieses nicht in die Manipulation und Rekuperation16 der bĂŒrokratischen Apparate der klassischen Strukturen verfĂ€llt. Es handelt sich also um eine diffuse Bewegung, die meist auf dem Höhepunkt des Massenaufstandes greifbar ist, die aber in den Zeiten der revolutionĂ€ren Ebbe in tausendundeiner Form der Revolte (Sabotage, Enteignung, Absentismus17,
) fortbesteht.

Diese Tendenz beschrĂ€nkt sich nicht nur auf die gewaltsame Tatsache der direkten Aktion, sondern als etapistische anarchistische Bewegung rĂŒstet sie sich auch mit formalen Propagandamitteln aus, aber im Gegensatz zu den anderen sind solche Mittel nur Werkzeuge, um zur Konfrontation voranzuschreiten und den aufstĂ€ndischen Kampf der Massen zu vertiefen.

VI. Zwei PhÀnomene sind bemerkenswert:

1. Dass die etapistische Tendenz in der libertĂ€ren Bewegung die Existenz der anarchistischen aufstĂ€ndischen Bewegung als eine Gefahr empfindet. Revolverhelden, Kriminelle, Abenteurer, Provokateure, Spione, Psychopathen sind einige der Begriffe, die sowohl die Macht als auch die „revolutionĂ€ren“ Etapisten den AufstĂ€ndischen widmen, und obwohl die Etapisten den fernen Aufstand (in Zeit oder Raum) zugeben und ihm sogar applaudieren mögen, werden sie ihn im Hier und Jetzt nicht akzeptieren.

Ihre BefĂŒrchtungen sind berechtigt. Die praktische Verifizierung der aufstĂ€ndischen Tatsache bringt die eigene konservative Struktur des etapistischen „RevolutionĂ€rs“ in Gefahr, die vor der Konfrontation in seiner ideologischen Festung sicher ist, von wo aus es möglich ist, die „radikale“ Pose zu zeigen, ohne Gefahr zu laufen, sie zu sein/praktizieren, und gleichzeitig kleine und erbĂ€rmliche, in Form von natĂŒrlichen Hierarchien, reproduzierte MachtschĂŒbe aufrechtzuerhalten.

2. Es gibt keine exakten Grenzen mehr zwischen den beiden Tendenzen, die VerschĂ€rfung und das Abklingen der KĂ€mpfe fĂŒhrt dazu, dass es hĂ€ufig zu einem Zusammenfließen und Vermischen kommt.

Die Geschichte zeigt uns, dass der/die aufstĂ€ndische AnarchistIn seine Logik in der revolutionĂ€ren Arbeiterbewegung findet, wenn er sich von den Rekuperatoren18 befreit, wĂ€hrend der/die etapistische AnarchistIn in der Vergangenheit seine FĂ€higkeit bewiesen hat, BĂŒndnisse mit den klassischen Organisationen der Arbeiterbewegung einzugehen.

VII. Das aufstĂ€ndische Etikett, das von den einen verliehen und von den anderen selbst fĂŒr sich beansprucht wird, ist nichts anderes als das, ein Etikett, das Gefahr lĂ€uft, sich in Pseudo-Ideologie zu versteinern, wenn es nicht tiefer in das theoretische und praktische Feld der aufstĂ€ndischen Intervention eindringt. Jenseits der möglichen Modeerscheinung, die diese „Neuheit“ (welche Neuheit?) fĂŒr diejenigen darstellen könnte, die ihre morbidesten und fiktivsten Aspekte idealisieren (hauptsĂ€chlich die Anwendung von Gewalt als revolutionĂ€re Strategie) und die auf der Grundlage einer unbegrĂŒndeten freiwilligen Unmittelbarkeit die Rolle der Kritik missachten. Wenn wir von den Debatten, die sich aus den Praktiken der AufstĂ€nde ergeben, nur die Formen schĂ€tzen, wird es nicht lange dauern, bis diejenigen auftauchen, die sich einem neuen -ismus anschließen, der sie vor dem Denken bewahrt.

VIII. Von dem, was (nicht) vorhanden ist, finden wir in dem armen gegenwĂ€rtigen libertĂ€ren Panorama eine wachsende Zahl (die aufgrund der Spaltungsdynamik wĂ€chst, in die sie verwickelt ist, was ihre SchwĂ€che beweist) von schweren Organisationen, die aus sehr unterschiedlichen Bereichen behaupten, libertĂ€r zu sein. Einige stehen dem Reformismus nĂ€her als andere und andere suhlen sich ungebĂŒhrlich in ihm, wĂ€hrend einige in dem absoluten Ostrazismus19 schwimmen, der nirgendwohin fĂŒhrt.

Von den verschiedenen anarchosyndikalistischen Familien bis hin zu den „organisierten Autonomisten“ wird uns ein Regenbogen verlorener Möglichkeiten in den Bahnen der etapistischen Forderungspolitik angeboten.

Ihre theoretischen Differenzen vor einem nicht existierenden Publikum zeigen nur ihr gemeinsames Elend, die Unmöglichkeit, das real existierende Elend zu zerstören oder zur Zerstörung beizutragen, und ihren unbewussten Beitrag dazu.

Ohne dass eine revolutionĂ€re Bewegung in Sicht ist, beabsichtigen sie, diese durch ein quantitatives Wachstum zu verdrĂ€ngen, das sie zur fĂŒhrenden Organisation der Massen macht und alles auf eine nicht existierende Zukunft verschiebt, in der die „objektiven Bedingungen“ einer mystifizierten Vergangenheit wieder hergestellt werden. Die Konfrontation mit der RealitĂ€t wird dadurch unmöglich.

Weder 1917, noch 1936, noch 1968, noch 1977 werden zurĂŒckkommen, egal wie sehr wir die Organisationen kopieren, die es damals gegeben hat, eine Tatsache, die zeigt, dass wir, anstatt aus historischen Fakten zu lernen, nur ihre Kadaver nachahmen konnten.

Es gibt zu viele orthopĂ€dische Mythologien und selbstgefĂ€llige LĂŒgen, und es mangelt an Selbstkritik, Aktion und konkreten Zielen fĂŒr die Gegenwart, aus denen all jene frustrierten WĂŒnsche nach Rebellion projiziert werden können, die vorhanden sind und in der FĂ€ulnis der „alten und neuen“ Strukturen ertrinken.

IX. Drei Affirmationen ĂŒber die Gegenwart:

1. Das Proletariat ist nicht abgeschafft worden. Es hat sich im Zuge der kapitalistischen Umstrukturierungen in seiner Zusammensetzung verĂ€ndert und ist als Subjekt weniger wahrnehmbar und unkenntlicher geworden. Doch die Existenz einer ausgebeuteten Mehrheit, die jeglicher Entscheidungsgewalt ĂŒber ihr Leben beraubt ist, nimmt ebenso zu wie ihre Zersetzung als einheitliches Subjekt.

2. Der Kapitalismus entwickelt seine Entfremdungen weiter. Diese sind nicht mehr nur dem Produktivmodell unterworfen, das seine Achse in der Fabrik und der zentralisierten Arbeit hat. In dem Moment, in dem der Kapitalismus die gesamte menschliche AktivitĂ€t in eine Ware verwandelt hat, ist die repressive Arbeit ĂŒber die Mauern der FabrikumzĂ€unung hinausgegangen und umfasst alle Aspekte des sozialen Überlebens. Die Entfremdung ist jetzt global.

3. Die Möglichkeit einer Revolution ist eine gegenwÀrtige Möglichkeit. Das theoretische Problem, das vor einigen Jahrhunderten durch den Sozialismus aufgeworfen wurde, ist nicht gelöst, sondern nur umstrukturiert worden, wodurch sich der dem kapitalistischen System innewohnende Widerspruch vertieft hat.

X. Das revolutionĂ€re Ziel besteht darin, diesen Widerspruch so zu beeinflussen, dass wirkliche Bewegungen entstehen, die in der Lage sind, den gegenwĂ€rtigen Zustand zu ĂŒberwinden.

Greifen wir durch subversive Praxis die alltĂ€gliche RealitĂ€t an, die wir alle der kapitalistischen Herrschaft unterworfen sind, empfinden wir, auch wenn eine große Mehrheit sieht, dass diese RealitĂ€t durch die Reduktion des Systems auf ein Spektakel verzerrt wird.

Lasst uns die kontinuierliche Konfrontation als Strategie einsetzen. Wo und wann die aufstÀndischen Individuen entscheiden, aus einer globalen Perspektive, die keinen Dialog mit der Macht zulÀsst.

Auf die Straße zu gehen, um die elende und brutale Ordnung der Dinge zu stören und die systematische BrutalitĂ€t sichtbar zu machen, die wir alle im Wesentlichen wahrnehmen.

Die Entfesselung unserer Wut ist ein mögliches Ziel im Hier und Jetzt, die Vereinigung unserer Wut mit der unserer Mitmenschen wird eine unvermeidliche Notwendigkeit sein.

XI. Der Angriff ist die kollektive oder individuelle Aktion gegen das Alltagsleben, ohne dass es dafĂŒr Entschuldigungen in Form von Medienereignissen bedarf, die von der Macht ferngesteuert werden.

FĂŒr einen Angriff ist kein im Fernsehen ĂŒbertragenes Massaker erforderlich. Proteste, die sich gegen dieses oder jenes TeilphĂ€nomen richten, zeugen nur von deren folkloristischer Manipulation, die sich der GlobalitĂ€t der Konfrontation entzieht und den Protest auf ein einvernehmliches leeres Ventil reduziert.

Der Angriff zeigt seinen zerstörerischen Anspruch auf das Ganze, denn das angegriffene Objekt ist nur ein Vorwand, um das Vorhandene in Frage zu stellen. Es ist folglich nicht rekuperierbar20.

XII. Gewalt ist ein sekundÀrer Aspekt des Angriffs, nicht seine Daseinsberechtigung. Der Angriff ist jede Form der Zerstörung des Bestehenden, von der die Möglichkeit ausgeht, neue Knotenpunkte der KreativitÀt zu schaffen.

Die Zerstörung-Schöpfung ist ein Prozess, der auf den Verlauf des Kampfes zurĂŒckgreift/rĂŒckkoppelt.

XIII. Die informelle Organisation ist ein optimaler Weg fĂŒr die Organisation des anarchistischen Angriffs. Die informelle Organisation basiert nicht auf klassischen und schwerfĂ€lligen Strukturen, sondern ist dem Moment und dem Handlungswillen der AufstĂ€ndischen angepasst und ordnet ihre WĂŒnsche nicht der Struktur und ihrem Programm unter.

Informelle Organisation entsteht durch die AffinitÀt zwischen Individuen und Gruppen, die in ihr, und nur in ihr, ihren Nexus21 der Vereinigung und die Bildung eines organischen Gewebes hat, das nie fertig ist, immer in Bewegung.

Die informelle Organisation findet auf dem Territorium statt und kann so weitreichend sein wie die AffinitĂ€t selbst, wobei ihre Mitglieder keinen grĂ¶ĂŸeren Verpflichtungen unterliegen als denen, die sie freiwillig eingegangen sind, und ihr Zusammenhalt so stark ist wie die gemeinsame Leidenschaft, die Macht zu zerstören.

Da sie weder ĂŒber Gremien noch ĂŒber Wahlen zur Entscheidungsfindung verfĂŒgt, wird sie von der Versammlung, der Kommunikation, der Debatte und der Aktion aus erreicht. Die Fakten geben uns den SchlĂŒssel zur AffinitĂ€t mit Gleichgesinnten.

Es besteht kein Zweifel, dass wir all jenen Gruppen und Einzelpersonen begegnen mĂŒssen, mit denen wir, auch ohne es zu wissen, den gleichen Weg gehen.

XIV. Militanz22 ist die Antithese zur individuellen Verantwortung. Die erste ist die Unterwerfung unter Ideologie und Organisation, sie ist MĂ€rtyrertum, vom Leben getrenntes Handeln, Entfremdung. Das zweite ist gelebtes und gemeinsames Handeln, ein Bruch mit der Entfremdung, die Befreiung vom Begehren.

Wir ĂŒberwinden die Militanz, wenn wir die Verantwortung fĂŒr unser Handeln ĂŒbernehmen, ganz gleich, wie viel MĂŒhe es kostet.

Die informelle anarchistische Organisation ist die Organisation von verantwortungsbewussten Individuen, nicht von Militanten.

XV. Die informelle Organisation hat ein extremes BedĂŒrfnis nach Autonomie, weil ihre eigene Zusammensetzung autonom ist, vom Individuum zur Gruppe, von der Gruppe zum Netzwerk.

XVI. Die informelle Organisation hat ein BedĂŒrfnis nach stĂ€ndiger Kommunikation als ein unprĂ€zises Ganzes, das denkt und handelt, das gleichzeitig entscheidet und kĂ€mpft. Eine Einigung unter ihren Mitgliedern kommt auf natĂŒrliche Weise zustande und ist das Ergebnis empfundener BedĂŒrfnisse und individueller Verantwortung.

XVII. Die informelle Organisation hat ein unerbittliches BedĂŒrfnis nach Selbstkritik. Da ihre bloße Existenz eine praktische Kritik an dem Elend ist, welche durch den falschen sozialen Frieden auferlegt ist, wird es unerlĂ€sslich, ihre Taten zu analysieren, ohne nach SelbstgefĂ€lligkeit zu streben, um eine Fossilierung23 und systematische Rekuperation zu vermeiden, eine Rekuperation, die die erste repressive Form des Systems gegen revolutionĂ€re Potentiale darstellt.

Alles ist fragwĂŒrdig und kritikwĂŒrdig, es gibt keine Zauberrezepte. Von diesem Punkt an bestĂ€tigt die Praxis, oder nicht, die Theorie und umgekehrt, wobei vermieden wird, in die Reproduktion von Stereotypen und ideologischen Modellen zu verfallen, und alles im Vorhinein und jede Mystifizierung und Apriorismus in Frage zu stellen.

XVIII. Die informelle Organisation hat die Notwendigkeit auf selbstverwaltete RÀume auf dem Territorium, von denen aus Einzelpersonen, Gruppen und aufstÀndische Initiativen operieren, experimentieren und sich treffen können. RÀume, die in sich selbst einen Bruch und einen Angriff gegen das System bedeuten und aus denen reale Situationen libertÀrer Selbstverwaltung aufgebaut werden.

XIX. Die informelle Organisation hat die Notwendigkeit, Netzwerke der Kommunikation, der Debatten und der Verbreitung von Ideen zu fördern. Netzwerke, die das BedĂŒrfnis nach direkter Kommunikation zwischen den AufstĂ€ndischen und den verschiedenen laufenden KĂ€mpfen decken, ohne in Gegeninformation (Interpretation und Übermittlung von Nachrichten ohne weiteres) und/oder ideologische Übermittlung (Verkauf eines Modells zur Nachahmung) zu verfallen, die das Gegenteil der Information und/oder der offiziellen ideologischen Übermittlung (in winzigem Maßstab) wĂ€ren, aber in ihren gleichen entfremdenden Parametern verlaufen.

XX. Informelle Organisationen mĂŒssen sich mit materiellen Mitteln ausstatten, um die Repression zu bekĂ€mpfen. Die SolidaritĂ€t mit den von Repression Betroffenen muss eine konstante PrioritĂ€t sein, da sie die einzige Verteidigung des RevolutionĂ€rs ist. SolidaritĂ€t mit unterdrĂŒckten GefĂ€hrten darf keine Pose und kein zufĂ€lliger Umstand bleiben.

XXI. Im Einklang mit dem oben Gesagten vermeidet und bekĂ€mpft die informelle Organisation die Reproduktion der kapitalistischen sozialen Beziehungen in ihrem Schoß und ist ein Erzeuger der kommunistischen sozialen Beziehungen und der latenten RealitĂ€t im Hier und Jetzt der libertĂ€ren Gesellschaft.

XXII. Die Notwendigkeiten der informellen Organisation sind kein vorher festgelegter Katechismus, der Punkt fĂŒr Punkt erfĂŒllt werden muss. Es handelt sich um Notwendigkeiten, die sich im Laufe des Kampfes ergeben und die vielfĂ€ltige und variable Formen annehmen können, obwohl sie im Wesentlichen fĂŒr die positive Entwicklung des Prozesses von wesentlicher Bedeutung sind. Keine wirkliche Notwendigkeit entsteht auf provozierte Art und Weise und keine ist der anderen ĂŒberlegen, aber diese erscheinen durch die eigentliche Dynamik der Konfrontation als notwendig.

XXIII. Die informelle Organisation ist keine von den KĂ€mpfen getrennte, noch ist sie ihnen ĂŒberlegen oder ein Wegweiser dieser. Sie ist ein bewusster Teil der aufstĂ€ndischen Tendenz der Bewegung der Ausgebeuteten und beteiligt sich an sozialen KĂ€mpfen. Sie verzichtet in Zeiten von Ebbe und falschem sozialem Frieden nicht auf Konfrontation und verschmilzt auf natĂŒrliche Weise mit den autonomen Klassenbewegungen, wenn diese sich in eine aufstĂ€ndische Richtung entwickeln.

XXIV. Trotz derer, die etwas anderes behaupten, die informelle Organisation ist Organisation. Von den organisationistischen Etapisten, fĂŒr die jede Aktion erst die Vollendung der immer unvollendeten perfekten Organisation durchlaufen muss, bis zu den Individualisten, die unfĂ€hig sind, irgendeine AktivitĂ€t in der Gesellschaft anderer zu artikulieren und folglich in der Kritik und im Ghetto ihrer eigenen Illusionen verankert sind, reicht die Spanne der theoretischen und praktischen Vielfalt der Entwicklung der informellen Organisation als Organisation und nicht als bloße FormalitĂ€t von ihren entschiedensten Gegnern bis zu ihren theoretischsten VorgĂ€ngern.

XXV. Quantitative Mystifizierung geht nun durch die zwei Seiten derselben Medaille. Einmal derer, die die betrĂ€chtliche AnhĂ€ufung von Mitglieder ihrer Kirche brauchen, um sich zu entscheiden, etwas zu tun, das ĂŒber die symbolischen Routinen hinausgeht, und diejenigen, die nur von den Gruppenkapellen aus „handeln“ können, in der Annahme, dass diese die Garantien dafĂŒr sind, die Übel zu verhindern, derer die schweren Organisationen beschuldigt werden. Wenn die ersteren in ihrer geistigen Abwesenheit stecken bleiben, gehen auch die letzteren nicht weiter, denn die BeschrĂ€nkungen, die sie dem kollektiven Handeln auferlegen, fĂŒhren sie unwiderruflich weg von der sozialen Intervention und den hypothetischen Massenbewegungen und nehmen allmĂ€hlich das Bewusstsein einer voluntaristischen Avantgarde an, und ich beziehe mich bewusst auf die Massenbewegungen, weil einige Leute vor einem solchen Begriff Angst haben.

Wenn die informelle Organisation keine eigenstÀndige Organisation ist, muss sie in der Bewegung der Ausgebeuteten beginnen, suchen und in der Bewegung der Ausgebeuteten enden und ihre Praxis-Theorie in und aus der RealitÀt der KÀmpfe erweitern und nicht aus illusorischen Barrikaden und ausgedachten KlandestinitÀten mit ebenso verdienstvollen wie selbstmörderischen Begierden. Die informelle Organisation sollte der Klebstoff sein, der die aufstÀndische Tendenz der Bewegung der Ausgebeuteten in ihrer eigenen Mitte bindet, und nicht ein weiterer Faktor der Zerstreuung sein.

Auf jeden Fall impft die kleine Anzahl nicht gegen die Übel, die der schweren Organisation zuzuschreiben sind (Delegationismus, Organisationismus, BĂŒrokratisierung,
). Als Beweis reicht es, einen Blick auf die kleinen Gruppen um uns herum zu werfen, die immer in ihre erstickende Dynamik involviert sind.

XXVI. Autonome soziale Bewegungen sind populĂ€re Organisationen, die auf gefĂŒhlte BedĂŒrfnisse reagieren. Sie entwickeln sich außerhalb des Apparats der Rekuperation der Macht und manifestieren sich in den Praktiken der Selbstverwaltung und der direkten Aktion.

XXVII. Autonome soziale Bewegungen entstehen als Negation der konkreten und alltÀglichen Aspekte der kapitalistischen Ausbeutung. Ihr Ziel ist es, diesen Aspekt zu zerstören, einen Machtapparat anzugreifen. Folglich haben sie eine rÀumlich-zeitliche Begrenzung.

XXVIII. Wenn die autonome Bewegung den Angriff und die aufstÀndische Praxis beeinflusst, neigt sie dazu, sich zu radikalisieren und eine weltanschauliche Sicht der RealitÀt zu erwerben, Verbindungen zu anderen Àhnlichen Bewegungen zu suchen und zu einem globalen Denken und Handeln zu gelangen.

XXIX. Die Schaffung diffuser aufstĂ€ndischer Situationen durch die autonomen Bewegungen, ihre Verbindung, ihr Zusammenhalt, ihre VerstĂ€rkung und Radikalisierung verwandeln die flĂŒchtigen Momente der Revolte in Momente der Revolution und der allgemeinen Selbstverwaltung. Die autonomen Bewegungen werden durch den aufstĂ€ndischen Weg in eine revolutionĂ€re Bewegung verwandelt.

XXX. Soziale Bewegungen unterscheiden sich von reformistischen sozialen Bewegungen dadurch, dass letztere ihr Handeln auf eine partielle Forderung stĂŒtzen, die die kapitalistische Herrschaft nicht leugnet; sie fordern von ihr lediglich eine Übertragung der Macht, eine konkrete unbefriedigte Leistung.

In der Praxis ist es nicht leicht, zwischen dem einen und dem anderen zu unterscheiden, und es ist in vielen FĂ€llen ihre eigene Entwicklung und die sie umgebenden UmstĂ€nde, die uns den SchlĂŒssel geben um diese entlarven/erkennen.

XXXI. Wir mĂŒssen unterscheiden zwischen der autonomen Bewegung als einer autonomen Praxis des Proletariats und der autonomen Organisation als einer ideologisierten Struktur, die versucht, die Bewegung zu verdrĂ€ngen, indem sie sie mystifiziert und inhaltlich entleert.

Ideologie ist nicht autonom, sie unterliegt ihren eigenen BeschrÀnkungen, sie ist eine VerfÀlschung der RealitÀt.

Nur Kritik und Handeln können autonom sein.

Epilog.

Was in diesen Thesen exponiert wird, versucht nicht, den Wunsch nach einem Organisationsmodell auszudrĂŒcken. Sie versuchen, aus der Kritik heraus die allgemeinen Linien zu untersuchen, die zur Überwindung des gegenwĂ€rtigen Zustands der Dinge beitragen. Wie bereits gesagt wurde, ist dies kein Katechismus. Es gibt disparate Formen des Handelns und Tuns und verschiedene Wege, die man beschreiten und die man nicht im Voraus festlegen kann, ohne in ideologische Fiktionen zu verfallen.

Aber es stimmt zwar, dass es unterschiedliche Handlungsweisen und unterschiedliche Erfahrungswege gibt, aber es gibt nur einen Weg, die Dinge nicht zu tun, und das kennen wir bereits.

Herbst 1999.

Dieser Text wurde von Ediciones Piratillas (Alicante) im MÀrz 2001 veröffentlicht.

 




Quelle: Panopticon.blackblogs.org