April 11, 2021
Von IWW Wobblies
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Interview mit dem ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden und IWW-Mitglied Harald Stubbe zu verdeckter Leiharbeit, Arbeitsbedingungen, seiner Klage gegen den Landkreis und den Möglichkeiten von Betriebsratsarbeit.

Harald, Du warst bis zu Deinem Renteneintritt Anfang 2021 bei der Kinderbetreuung im Taunus GmbH (KiT) als Teilhabeassistent beschĂ€ftigt. Was ist das fĂŒr ein Unternehmen?

Bei der Kinderbetreuung im Taunus GmbH(KiT) handelt es sich um ein Unternehmen, das KindertagesstĂ€tten und Betreuungscentren an ĂŒber 50 Standorten betreibt. Außerdem beschĂ€ftigt sie Teilhabeassistent*innen bzw. Integrationshelfer*innen, die an ĂŒber 50 Schulen im Hochtaunuskreis behinderte Kinder betreuen. Zudem gibt es bei der KiT auch KĂŒchen- und HauswirtschaftskrĂ€fte. Insgesamt sind dort ĂŒber 700 Leute beschĂ€ftigt.

Im Dezember hast Du vor dem Gericht eine Klage gegen Deinen Arbeitgeber eingereicht. Worum geht es dabei?

Die Teilhabeassistent*innen arbeiten in den Schulen nach den Vorgaben der Schulleitung bzw. der LehrkrÀfte.

Wer sich mit dem Arbeitsrecht auskennt hat sofort den Verdacht, dass es sich um Leiharbeit handelt.

Was hast Du daraufhin unternommen? Du warst ja bis Ende 2020 Vorsitzender des im Mai frisch gewÀhlten Betriebsrates. Hat Dir das dabei geholfen, der verdeckten Leiharbeit auf die Spur zu kommen?

Als Betriebsratsvorsitzender bekommt man leicht Auskunft. Also habe ich bei der Agentur fĂŒr Arbeit angefragt. Diese bejaht in diesem Fall eine erlaubnispflichtige ArbeitnehmerĂŒberlassung. Die haben gedacht, ich sei von der GeschĂ€ftsfĂŒhrung und haben mir dringend nahegelegt, die LeiharbeitsverhĂ€ltnisse sofort ordnungsgemĂ€ĂŸ anzumelden, weil die Firma sich sonst strafbar macht.

Dann habe ich das recherchiert, mit der Leiharbeit. Ich hatte das ArbeitnehmerĂŒberlassungsgesetz als Anhaltspunkt. Im Internet kannst Du zwar die Gesetzestexte finden, aber da hast Du keine Kommentare. Wenn Du Betriebsrat bist, dann lĂ€sst Du Dir die BĂŒcher alle antanzen – bezahlen muss die der Arbeitgeber. Wir haben da jetzt eine richtige Bibliothek, die fĂŒllt schon einen ganzen Schrank. Da kannst Du nachlesen, wenn Dich was interessiert. Auch die Kommentare, denn ohne Kommentare nutzen Dir die ganzen Gesetzestexte nichts.

Was hat Deine Recherchearbeit konkret ergeben?

Laut meinem Arbeitsvertrag wurde ich von der Kinderbetreuung im Taunus GmbH (KiT) als „Integrationshelfer“ eingestellt. De facto wurde ich dann aber durch die Kinderbetreuung im Taunus GmbH im Sinne der ArbeitnehmerĂŒberlassungsgesetzes (AÜG) an die Helene-Keller-Schule in Oberursel zur Arbeitsleistung ĂŒberlassen.

Anders als im Arbeitsvertrag angegeben, trat nÀmlich nicht die KiT, sondern die Schulleitung der Helene-Keller-Schule als weisungsbefugter Vorgesetzter auf. So erfolgten zum Beispiel Absprachen zum Einsatz sowie Krankmeldungen nur schulintern, ohne den Vertragsarbeitgeber die Kinderbetreuung im Taunus.

Auch das BewerbungsgesprĂ€ch habe ich mit der Schulleitung gefĂŒhrt und nicht mit der KiT.

Im Arbeitsalltag sind die Integrationshelfer*innen voll und ganz in die Arbeitsorganisation der Schule eingegliedert.

GrundsĂ€tzlich ist es Aufgabe von Integrationshelfer*innen, Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen oder geistigen oder körperlichen Behinderungen individuell im Schulalltag zu begleiten und zu unterstĂŒtzen.

In der Praxis sind die Integrationshelfer*innen nicht nur fĂŒr ein Kind zustĂ€ndig, sondern sie ĂŒbernehmen UnterstĂŒtzungstĂ€tigkeiten fĂŒr die gesamte Klasse. So gehört es auch zu ihren Aufgaben, Tee zu kochen, Obst vorzubereiten, den Stuhlkreis zu stellen; SchĂŒler*innen vom Bus abzuholen, SchĂŒler*innen bei ToilettengĂ€ngen zu unterstĂŒtzen, das KlassenfrĂŒhstĂŒck zu organisieren, die ÜberprĂŒfung der Haltbarkeit von Nahrungsmitteln, das AuffĂŒllen von Papier und Seife, die Bereitstellung von Einweghandschuhen und Desinfektionsmitteln, sowie das Desinfizieren von Tischen und TĂŒrklinken.

Auch fĂŒhrt die Schulleitung regelmĂ€ĂŸig Konferenzen fĂŒr alle Integrationshelfer*innen/Teilhabeassistent*innen durch und stellt ihnen zur Aufzeichnung ihrer Stunden eigene Zeiterfassungsbelege zur VerfĂŒgung. Das sind weitere Indizien dafĂŒr, dass Integrationshelfer*innen de facto ein ArbeitsverhĂ€ltnis mit der Schule haben, an der sie beschĂ€ftigt sind – und eben nicht mit ihrem angeblichen Arbeitgeber, der KiT.

Mit der KiT hatte ich (nÀmlich) in den ersten beiden Jahren meiner BeschÀftigung nur in der Art Kontakt, dass ich meine Bewerbungsunterlagen dorthin geschickt habe, von dort meinen Arbeitsvertrag erhielt und die Gehaltsabrechnungen von dort erstellt wurden.

Ich war also als Leiharbeiter an der Helene-Keller-Schule beschĂ€ftigt, an die ich durch die KiT, bei der ich den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, „zur Arbeitsleistung ĂŒberlassen“ – also verliehen – wurde.

Und das ist illegal?

Es ist davon auszugehen, dass die Kinderbetreuung im Taunus GmbH keine Erlaubnis zur ArbeitnehmerĂŒberlassung nach § 1 ArbeitnehmerĂŒberlassungsgesetz (AÜG) hat. Es handelt sich also offensichtlich um eine „unzulĂ€ssige ArbeitnehmerĂŒberlassung“.

Nach dem § 9 AÜG (ArbeitnehmerĂŒberlassungsgesetz) fĂŒhren aber sowohl die Verleihung von Arbeitnehmer*innen ohne die gesetzliche Erlaubnis, als auch ArbeitsvertrĂ€ge ohne die ausdrĂŒckliche Bezeichnung als VertrĂ€ge ĂŒber ArbeitnehmerĂŒberlassung zur Unwirksamkeit des LeiharbeitsverhĂ€ltnisses.

Was bedeutet das in der Konsequenz?

Im Juristendeutsch ausgedrĂŒckt bedeutet das, dass als Rechtsfolge der Unwirksamkeit nach § 10 AÜG ein ArbeitsverhĂ€ltnis zwischen Entleiher*in und Arbeitnehmer*innen besteht. Das heißt erstens, die Teilhabeassistent*innen haben Anspruch auf die Zahlung des Tariflohnes an öffentlichen Schulen. Zweitens sind sie, wenn sie lĂ€nger als 18 Monate in einer Schule gearbeitet haben, Angestellte der Schule. Eventuell wird der Tariflohn auch rĂŒckwirkend zugesprochen.

In Anbetracht der Tatsache, dass Integrationshelfer*innen nur knapp ĂŒber Mindestlohn verdienen, wĂŒrde das fĂŒr ĂŒber 300 bisher prekĂ€r BeschĂ€ftigte auf einen Schlag eine betrĂ€chtliche Einkommensverbesserung bedeuten!

Wie hat die GeschÀftsleitung der KiT reagiert?

Wir hatten dabei den Vorteil, dass die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin null Ahnung von dem Sachverhalt hatte. Die war im Prinzip genauso unwissend wie der Betriebsrat zunĂ€chst. Nachdem ich den Fall recherchiert hatte, war es ziemlich klar. Die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin hat mich dann stĂ€ndig angerufen, und gefragt, was sie machen soll, um aus der Geschichte rauszukommen. Die wusste ja selbst nicht, dass die KiT da etwas macht, das eigentlich illegal ist.

Geklagt hast Du nicht gegen Deinen Arbeitgeber, die KiT, sondern gegen den Hochtaunuskreis. Warum das?

Die KiT gehört zu 100% dem Hochtaunuskreis. Der Kreis ist der einzige Anteilseigner an dieser GmbH, ist also der EigentĂŒmer der KiT. Die Helen-Keller- Schule ist auch ein kreiseigene Schule. Die Kunden der KiT GmbH sind das Jugendamt, und die Behindertenhilfe des Kreises. Der Hochtaunuskreis ist also gleichzeitig EigentĂŒmer und Kunde der KiT GmbH. Das Konstrukt wurde geschaffen, weil der Hochtaunuskreis der Tarifpflicht unterliegt. Die KiT wurde vom Hochtaunuskreis, einem der reichsten Landkreise in Deutschland, gegrĂŒndet unter anderem mit der Absicht, tarifpolitische Regelungen zu umgehen, das heißt, um keine Tariflöhne zahlen zu mĂŒssen.

Das bedeutet fĂŒr die Integrationshelfer*innen, dass sie vielen Kindern den Schulbesuch ermöglichen, womit sie wertvolle Arbeit fĂŒr deren Familien und die ganze Gesellschaft leisten. DafĂŒr werden sie lediglich knapp ĂŒber dem gesetzlichen Mindestlohn bezahlt. Das an sich ist schon ein handfester Skandal. FĂŒr Leute, die vor 20 Jahren von der KiT eingestellt wurden, und die z.B. 12 Euro und damit mehr als den spĂ€ter eingefĂŒhrten Mindestlohn von 9.50 die Stunde gekriegt haben, bedeutet das, dass die 20 Jahre lang keine Lohnerhöhung hatten. Denn Lohnerhöhungen gibt es nur, wenn der Mindestlohn steigt. Die Leute, die ĂŒber dem Mindestlohn liegen, haben also nie eine Lohnerhöhung erhalten. Das ist eine perverse Geschichte.

Nebenbei ist es natĂŒrlich ein Skandal, weil ja sowohl der verleihende Betrieb (die KiT) wie auch der entleihende (die Helen-Keller-Schule), die ja beide dem Hochtaunuskreis gehören, sich strafbar gemacht haben.

Wie geht es jetzt weiter?

Am 9. Juni findet der Kammertermin vor dem Arbeitsgericht statt. Wenn ich gewinne, werde ich allen Kolleg*innen raten, auch zu klagen. Das wĂŒrde zu einer regelrechten Prozesslawine fĂŒhren und im Erfolgsfall zu deutlichen Einkommenssteigerungen fĂŒr die Teilhabeassistent*innen bzw. Integrationshelfer*innen.

Fanden auch öffentliche Aktionen statt?

Am 26. Februar war der GĂŒtetermin vor dem Arbeitsgericht Frankfurt. In der Woche drauf erschien ein Artikel in der Taunus Zeitung, in dem der Fall umfassend dargestellt wurde – sehr positiv aus Sicht der BeschĂ€ftigten.1

Am 08. MĂ€rz, dem internationalen Frauen*kampftag fand um 15.30 Uhr auf dem Waisenhausplatz in Bad Homburg unter dem Motto: „Warum bezahlt Ihr den Menschen, die auf eure Kinder aufpassen, nicht das gleiche wie denen, die auf euer Geld aufpassen“ eine von mir angemeldete Demonstration fĂŒr deutlich höhere Löhne und einen Tarifvertrag fĂŒr die Teilhabeassistent*innen statt. Sogar die stellvertretende Vorsitzende der GEW Hessen hielt eine Rede. Damit konnten wir unseren Forderungen öffentlich Nachdruck verleihen. Auch bei dieser Demo war die Presse vor Ort. Damit wurden die skandalösen ZustĂ€nde bei der KiT und die berechtigten Forderungen der BeschĂ€ftigten öffentlich gemacht.2

 

Rede der stellvertretenden Landesvorsitzenden der GEW Hessen, auf der Frauenkampf*tagsdemo in Bad Homburg am 08.03.2021

 

Hat die Demonstration denn ganz konkret etwas bewirkt?

Das hat sie in der Tat! Bereits drei Tage spĂ€ter hat die KiT Tarifverhandlungen angeboten! Die mĂŒssen nun natĂŒrlich konsequent im Sinne der BeschĂ€ftigten gefĂŒhrt werden. Da mĂŒssen wir Druck auf die GEW ausĂŒben und die Angelegenheit weiterhin öffentlich bekannt machen.

Das hört sich ja nicht schlecht an. Wenn Du auf Deine Zeit als Betriebsratsvorsitzender zurĂŒckblickst, was konntet Ihr denn seit der Betriebsratswahl Ende April 20203 an Verbesserungen fĂŒr die Kolleg*innen erreichen?

Das allererste, was wir bei der Kinderbetreuung im Taunus gemacht haben im Betriebsrat: Wir haben ein interne Stellenausschreibung verlangt. Und wenn der Betriebsrat das verlangt, dann muss das gemacht werden. Das heißt, dass wenn Leute, die an irgendeiner Schule arbeiten, wo sie hingesteckt wurden, in einer internen Stellenausschreibung lesen, dass an der Schule in der NĂ€he ihres Wohnorts jemand gesucht wird, dann können die sich intern bewerben und sparen sich die Fahrtkosten. Das war dann schonmal ein Signal: Wir kriegen plötzlich die interne Stellenausschreibung. Ansonsten wars ja GlĂŒck, wenn man in der Zeitung von einer passenden Stelle gelesen hat.

Ebenfalls sofort habe ich als Betriebsratsvorsitzender eine Betriebsvereinbarung zum Gesundheitsschutz fĂŒr die Kolleg*innen abgeschlossen. Das war besonders wichtig, da wir Teilhabeassistent*innen gar keinen Abstand zu den Kindern, die wir betreuen, halten können – Corona hin – Corona her. Seitdem bekommen die BeschĂ€ftigten medizinische Schutzmasken vom Arbeitgeber – ursprĂŒnglich sollten sie sich die selber kaufen, oder sich TĂŒcher vors Gesicht binden. Alle 70 Minuten haben die Leute dann Anspruch auf eine Pause, in der sie die Masken auch abnehmen können. Außerdem muss der Arbeitgeber fĂŒr bestimmte TĂ€tigkeiten Schutzkleidung zur VerfĂŒgung stellen.

Als nĂ€chstes hat der Betriebsrat den BeschĂ€ftigten geraten, Überlastungsanzeigen an den Arbeitgeber zu schicken.

Was darf ich mir unter einer Überlastungsanzeige vorstellen?

Zeitweise war die Personaldecke infolge von Krankheiten etc. extrem dĂŒnn. Es gab öfter Situationen, in denen manche Kolleginnen 60 Kinder gleichzeitig betreuen mussten. Das schafft man ja gar nicht. Die meisten Leute trauen sich dann ja nicht, sich bei der GeschĂ€ftsleitung zu beschweren. Wenn dann etwas passiert – im schlimmsten Fall ein Kind zu Tode kommt – weil man nicht aufgepasst hat – nicht aufpassen konnte! -, dann sagt der Staatsanwalt „Sie als Fachkraft hĂ€tten wissen mĂŒssen, dass sie nicht allein auf 40 bis 60 Kinder aufpassen können. Warum haben Sie nichts dagegen unternommen?“ Dann steht man als Betreuungskraft voll in der Verantwortung, wegen Verletzung der Aufsichtspflicht. Der Betriebsrat hat dann den Leuten empfohlen, Überlastungsanzeigen an den Arbeitgeber zu schicken. Wenn Du als BeschĂ€ftigter eine Überlastungsanzeige schreibst und an den Arbeitgeber schickst, teilst Du ihm mit, dass Du ĂŒberlastet bist und die Arbeit nicht ordnungsgemĂ€ĂŸ durchfĂŒhren kannst. Wenn der Arbeitgeber dann nicht reagiert, die ZustĂ€nde nicht abstellt, dann trĂ€gt der die Verantwortung, wenn etwas passiert. Sonst können die sagen „Wir wussten ja gar nicht, dass ihr ĂŒberlastet seid.“

Das wissen die meisten Leute nicht. Vor allem im Betreuungs- und Pflegebereich sind die ArbeitskrĂ€fte immer mit einem Bein im GefĂ€ngnis. Dadurch, dass es einen Betriebsrat gibt, beklagen sich die Leute beim Betriebsrat, denn die meisten trauen sich ja nicht, sich bei der GeschĂ€ftsleitung zu beklagen. Wenn der Betriebsrat sie auf die möglichen Konsequenzen der Überlastung hinweist, ist die Angst davor dann grĂ¶ĂŸer als die Angst vor der GeschĂ€ftsleitung. Dann schicken sie dem Arbeitgeber eine Überlastungsanzeige und sind aus dem Schneider, wenn etwas passiert.

Die Überlastung und zunehmender Arbeitsdruck sind ja weitverbreitete Probleme – vor allem auch im sozialen Bereich. Was konntet Ihr als Betriebsrat noch erreichen, um die Situation der BeschĂ€ftigten zu verbessern?

Ein weiteres Problem waren die DienstplĂ€ne. Die wurden von der GeschĂ€ftsleitung oft viermal die Woche, ohne RĂŒcksicht auf die BeschĂ€ftigten, geĂ€ndert. Das konnte der Betriebsrat aufgrund seiner Mitbestimmungsrechte abstellen.

In etlichen FĂ€llen habe ich Kolleginnen zu GesprĂ€chen mit Vorgesetzten begleitet. In nahezu allen FĂ€llen konnten Konflikte im Sinne der Kolleginnen beigelegt werden. Eine Kollegin war an einer anderen Schule in der KĂŒche und da ging es ihr nicht gut. Die GeschĂ€ftsleitung wollte der Frau kĂŒndigen und da habe ich gesagt, „nein, die Kollegin wird nicht gekĂŒndigt, die kann auf eine andere Stelle versetzt werden.“ Jetzt arbeitet sie als Teilhabeassistentin; die Arbeit mit den Kindern gefĂ€llt ihr wesentlich besser.

Der Betriebsrat erfĂ€hrt, was an den verschiedenen Schulen, wo Kolleginnen von der Kinderbetreuung tĂ€tig sind, los ist. HĂ€ufig weiß man ja noch nicht mal, was in einem Betrieb in einer anderen Abteilung los ist – man kennt die Leute meistens ja gar nicht. Als Betriebsrat dagegen hast du Informationsrechte. Der Betrieb, die Firma, muss dich informieren. Jede Einstellung, jede KĂŒndigung ist ungĂŒltig, wenn der Betriebsrat nicht vorher gehört wird.

Das sind alles Sachen, die man als Betriebsrat machen kann. Viele kleine Sachen, die aber fĂŒr die Einzelnen ganz wichtig sind. Wenn man nur eine KĂŒndigung verhindern kann, allein dafĂŒr lohnt es sich doch schon.

Bei der Kinderbetreuung im Taunus haben wir sehr unterschiedliche Löhne. Wir haben dann Einsicht in die Bruttolohnliste genommen. Das Recht hast Du als Betriebsrat. Da haben wir festgestellt, dass es gravierende Unterschiede gibt. Und dann hat der Betriebsrat das Recht, EntlohnungsgrundsĂ€tze aufzustellen. Da kann man den Arbeitgebern sagen: „Wenn ihr unterschiedlich bezahlen wollt, dann mĂŒsst ihr das begrĂŒnden.“ Wenn jemand neu anfĂ€ngt, dann verdient sie/er vielleicht weniger, aber nach zwei Jahren kriegt sie/er dann mehr – und nicht einfach nach dem Motto: „dem seine Nase gefĂ€llt mir, der ihre Nase gefĂ€llt mir nicht“

Als letztes hab ich angeleiert – ich hoffe, dass meine Nachfolger*innen es jetzt durchziehen – dass im Monat 10 Euro KontofĂŒhrungsgebĂŒhren bezahlt werden. Ich habe dann gesagt, dass es die 10 Euro nicht im Monat geben soll, sondern dass die Leute im November 120 Euro bekommen – wie eine Art Weihnachtsgeld. Das ist zwar auch nicht viel, aber besser als gar nichts – vor allem wenn die Löhne ohnehin niedrig sind.

Im Mai 2020 wurde aufgrund der behördlich angeordneten Schulschließungen Kurzarbeit bei der KiT eingefĂŒhrt. Das war noch vor der konstituierenden Sitzung des Betriebsrates. Ihr konntet also das Mitbestimmungsrecht in dieser Frage noch nicht ausĂŒben. Konntet ihr trotzdem etwas fĂŒr die betroffenen Kolleg*innen erreichen?

Als im Mai 2020 die Kurzarbeit eingefĂŒhrt wurde, sind wir sofort an die Presse gegangen, haben das publik gemacht und verlangt, dass der Kreis 80% statt der vorgeschriebenen 60% als Kurzarbeitergeld bezahlt.

Konntet Ihr im Zusammenhang mit den Schulschließungen auch etwas fĂŒr die 450-Euro-BeschĂ€ftigten erreichen? Die haben ja keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld und wĂŒrden also gar nichts bekommen. Bei der KiT betrifft das ja circa 300 Leute – also fast die HĂ€lfte der Belegschaft.

Wir konnten erreichen, dass die auf 450-Euro-Basis beschĂ€ftigten Kolleg*innen wĂ€hrend der Schulschließungen nicht entlassen wurden. Damit mussten sie auch weiter bezahlt werden. Ansonsten hĂ€tte ihnen ordnungsgemĂ€ĂŸ, unter Einhaltung der gesetzlichen KĂŒndigungsfristen, gekĂŒndigt werden mĂŒssen und natĂŒrlich so lange weiter bezahlt werden, bis die KĂŒndigung wirksam gewesen wĂ€re. Das habe ich der GeschĂ€ftsleitung mitgeteilt. Wenn der Arbeitgeber nicht ordnungsgemĂ€ĂŸ kĂŒndigt, gerĂ€t er in „Annahmeverzug“ und muss die Leute weiterbezahlen.

Dann konntet Ihr in dieser schwierigen Zeit, in der Arbeitnehmer*innenrechte vielfach abgebaut werden, einiges erreichen. Du wĂŒrdest also BeschĂ€ftigten, wenn sie die Möglichkeit dazu haben, dringend raten einen Betriebsrat zu grĂŒnden?

Auf jeden Fall! Ein Betriebsrat hat so viele Rechte und Möglichkeiten auf die man auf keinen Fall verzichten sollte! Zugespitzt könnte man sagen: Wer keinen Betriebsrat will, der will nicht wirklich etwas fĂŒr die Leute tun. Der will sich selbst profilieren und feiern lassen und wenn er wirklich was macht, wird er rausgeschmissen.Wenn man die Möglichkeiten, die ein Betriebsrat hat, konsequent nutzt, dann kommt auch was dabei raus.

Ortsgruppe Bochum/Ruhrgebiet

Ortsgruppe Frankfurt

Die Fragen stellte: gregor (GMB Bochum/Ruhrgebiet)

Kontakt: bochum@wobblies.org bzw. frankfurt@wobblies.org

»NÀchster Termin: 09. Juni Kammertermin am Arbeitsgericht Frankfurt in Sachen Harald Stubbes Klage wegen verdeckter Leiharbeit«


Anmerkung 1: „FrĂŒherer Integrationshelfer klagt gegen den Kreis“ (Taunus Zeitung 02.03.2021)

Anmerkung 2: Unter der Überschrift „ FĂŒr eine gerechte Bezahlung“ wurde in der Taunus Zeitung ĂŒber die Einzelklage des Kollegen und Ihre Bedeutung fĂŒr hunderte von BeschĂ€ftigten, ĂŒber die Protestaktion am 8. MĂ€rz, sowie darĂŒber, dass der Landkreis eine öffentliche Stellungnahme zum Prozess und den ZustĂ€nden in der Kreiseigenen KIT GmbH ablehnt, berichtet.(Quelle: Taunus Zeitung,) Ein weiterer Artikel ĂŒber die Demonstration erschien unter dem Titel „KiT-Mitarbeiter demonstrieren fĂŒr mehr Lohn“ am selben Tag im Bad Homburger Kurier.

Anmerkung 3: In diesem Interview erlĂ€utert Harald Stubbe die UmstĂ€nde der BetriebsratsgrĂŒndung im FrĂŒhjahr 2020.

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Quelle: Wobblies.org