Februar 7, 2020
Von FAU Mannheim
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Wir leben in einem Zeitalter gigantischer UmwĂ€lzungen und Angriffe auf unser Leben. TĂ€glich und nahezu ungebremst schreitet die Zerstörung unserer zentralen Lebensgrundlage – der Umwelt – fort. WĂ€hrend Hunderttausende auf Grund des Klimawandels zur Flucht genötigt werden, erleben wir parallel eine durch Digitalisierung und Technologiekonzerne getriebene Ökonomisierung aller Lebensbereiche.

Allumfassende Überwachungsmöglichkeiten, Roboterisierung der Arbeit und der Pflege, Disziplinierung durch Scoringsysteme, Firmen, die gebucht werden können, um Wahlergebnisse zu beeinflussen und das PhĂ€nomen der Parallelwelten in den sozialen Medien, ĂŒber die Menschen Informationen lediglich aus ihrer Filterblase beziehen, anstatt auf der Grundlage gemeinsamer Informationen handeln zu können, sind nur einige Aspekte der mit der Digitalisierung einhergehenden Entwicklung.

Seit gut einem Jahr ist die Bewegung Fridays for Future in aller Munde. Außer der Verabschiedung eines unzureichenden Klimapaketes in Deutschland und den durch ihre mediale PrĂ€senz in vielen Kreisen der Gesellschaft angefachte Klima-Diskussionen, konnte sie bislang nach eigenen Aussagen allerdings wenig erreichen. Der geforderte und notwendige Systemwandel lĂ€sst leider auf sich warten. Ein Grund ist vermutlich im hauptsĂ€chlich an die Politik gerichteten Appell-Charakter der Fridays for Future-Forderungen zu suchen.

Unabdingbar scheint die Beantwortung der Frage, wie wir in einem Prozess der SelbstermĂ€chtigung unsere Interessen fĂŒr eine ressourcensparende und klimaerhaltende Produktion durchsetzen können.

LĂ€sst sich der technische Fortschritt der Digitalisierung gar fĂŒr diese Ziele positiv nutzen oder befeuert er vielmehr das sich immer schneller drehende Hamsterrad der Globalisierung? Welche Rolle sollen, ja mĂŒssen Gewerkschaften bei den gewaltigen, anstehenden UmwĂ€lzungsprozessen spielen? Gibt es ĂŒberhaupt eine Zukunft der Gewerkschaften angesichts von Prognosen, die davon ausgehen, dass sich das Proletariat in rund 20 Jahren weitestgehend selber abgeschafft haben wird?

Auf der Konferenz wollen wir gemeinsam mit Gewerkschafter*innen, LohnabhĂ€ngigen und Interessierten der Frage nachgehen, ob Gewerkschaften ein geeignetes Instrument sein können, eine kollektiv bestimmte, ökologische Produktion voranzutreiben, ohne dabei den Erhalt von ArbeitsplĂ€tzen als Selbstzweck ĂŒber alles andere zu stellen.

Die Frage, wie eine Vergesellschaftung des technischen Fortschrittes aussehen kann, scheint insbesondere in diesem Zusammenhang zentral, sofern wir den Gewinn am technischen Fortschritt nicht wieder wenigen Privateigner*innen ĂŒberlassen wollen, wĂ€hrend die Masse die negativen Folgen desselben sogenannten Fortschrittes zu tragen hat.

Getreu dem Motto „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ werden wir entlang ausgewĂ€hlter Branchen gewerkschaftliche Handlungsoptionen zu den Themen Klima, Digitalisierung und Gewerkschaft entwickeln. Als Ausdruck der SelbstermĂ€chtigung liegen uns hierbei solidarische ArbeitskĂ€mpfe von morgen am Herzen. Diese mĂŒssen aus unserer Sicht weit ĂŒber aktuelle TageskĂ€mpfe um mehr Lohn oder bessere Arbeitsbedingungen hinausgehen. Arbeitskampf 4.0 muss in ein antikapitalistisches Programm des Systemwandels eingebettet werden, ohne den es kein kollektives, unsere Lebensgrundlagen erhaltendes Wirtschaften geben kann.

Wir rufen alle LohnabhĂ€ngigen und Gewerkschafter*innen, fĂŒr die Gewerkschaft mehr als nur ein Instrument fĂŒr die kurzfristige Verbesserung der eigenen Arbeitsbedingungen ist auf, gemeinsam mit uns die Rolle von Gewerkschaft neu zu definieren. Gesucht sind Gewerkschaften, die sich der aktuell drĂ€ngenden Fragen nach unserer Welt von morgen annehmen und mutig fĂŒr die notwendigen Änderungen kĂ€mpfen, selbst wenn dafĂŒr der Abschied von bisherigen EigentumsverhĂ€ltnissen und Privilegien notwendig wird.

Programm

  • Freitag, 28. Februar 2020

19:30 Uhr: Keynotes zu den einzelnen AGs
und anschließende Diskussion mit den Referenten*innen der AGs und Fridays for Future Frankfurt (angefragt)

  • Samstag, 29. Februar 2020

09:30 – 12:00 Uhr: Arbeitsgruppen
AG I – Klima & Gewerkschaft
Mit Anna MĂŒller und Jan Westphalen – FAU Frankfurt

Durch den momentan immer steigenden Konsum werden zunehmend viele Ressourcen gebraucht. Gleichzeitig werden diese aber knapper, wie z.B. Erdöl oder seltene Erden. Die Möglichkeiten der Produktion sind also begrenzt; die Produktion von GĂŒtern wird nicht nur umgestellt werden mĂŒssen, sie muss auch reduziert werden. Es wird zukĂŒnftig also auch weniger Arbeit nötig sein (zumindest in der klassischen Industrie). Unter der Schlagwort „Postwachstum“ befassen sich verschiedene Konzepte mit einer Wirtschaftsform, die ohne Wachstum funktioniert. Statt immer mehr zu produzieren, soll der Fokus z.B. auf Arbeitszeitreduzierung oder der Herstellung von GĂŒtern liegen, die möglichst lange halten und einfach zu reparieren sind. Ziel ist eine nachhaltigere Produktion und damit auch ein Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit. Wir wollen uns anschauen, welche Möglichkeiten Gewerkschaften haben, diesen Prozess des Systemwandels (mit) zu gestalten. Hierbei wollen wir nicht nur auf die Umstellung zu einer ökologischen Produktion blicken, sondern auch auf Möglichkeiten der Wirtschaftsdemokratisierung als Teil einer grundsĂ€tzlichen GesellschaftsverĂ€nderung.

AG II – Pflegenotstand & Systemwechsel
Mit Robin Mohan (Soziologe)

Neben dem Klimawandel und der Digitalisierung gilt heute der „Pflegenotstand“ als zentrales Zukunftsproblem eigener Art. Inwiefern handelt es sich um ein strukturelles Problem des (gegenwĂ€rtigen) Kapitalismus? Warum ist Digitalisierung in diesem Bereich nur in sehr beschrĂ€nktem Maße wĂŒnschenswert? Welche KĂ€mpfe haben die PflegebeschĂ€ftigten gefĂŒhrt und wie können sie weitergefĂŒhrt und mit anderen KĂ€mpfen verbunden werden?

AG III  – Zukunft der Automobilbranche
Mit einem ehemaligen Betriebsrat des Automobilzulieferers >Freudenberg<

Die AG wird sich mit den durch den neuen E-Auto Hype getriebenen VerĂ€nderungen in der Automobilbranche unter anderem an Hand eines konkreten Beispiels – den Elektro-Batterien – befassen. Ein Fokus liegt hierbei auf der politischen Einordnung der aktuellen VerĂ€nderungen.

12:00 – 13:00 Uhr: Mittagspause

13:00 – 15:30 Uhr: Arbeitsgruppen

AG IV – Sturm auf die Maschine oder totale Unterwerfung?
Mit Dörthe Stein – FAU Frankfurt (Internetspezialistin und Projektmanagerin in der ITK-Branche)

Die AG wird sich zunÀchst mit der Verortung der alle Lebensbereiche durchdringenden Digitalisierung befassen. Hierzu werden einige ausgewÀhlte Perspektiven in den Blick genommen.

  • Roboterisierung der Arbeit
    Über Chancen, Risiken und soziale Folgen der aktuellen Automatisierungstrends in Industrie und Zivilgesellschaft.
  • Digitale Macht
    Von den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten digitaler Überwachung und ihrer disziplinierende Wirkung
  • Maschinensturm 4.0 oder totale Unterwerfung
    (Wie) kann die Vergesellschaftung digitaler Infrastruktur als Baustein zur Gestaltung einer ökologischen und sozialen Wirtschaft dienen oder mĂŒssen einige technologische Entwicklungen als Instrumente der Unterwerfung entschieden bekĂ€mpft werden?

Im zweiten Teil der AG sollen die zuvor herausgearbeiteten Aussagen und Thesen in Bezug zu sich ergebenen gewerkschaftlichen Handlungsfeldern gesetzt werden.

  • Gewerkschaft von morgen
  • Gewerkschaft, Ökologie und ITK Branche > zentrale Herausforderungen
  • Handlungsfelder fĂŒr die nahe und die antikapitalistische Zukunft
  • Konkrete AktionsansĂ€tze und mögliche Akteure*innen

AG V – Digitalisierung in der Textilbranche und Möglichkeiten von WiderstĂ€ndigkeit
Mit Ernest Mirant, tie global

Digitalisierung bedeutet nicht nur einen technischen Wandel oder den Verlust von ArbeitsplĂ€tzen, sondern eine grundsĂ€tzliche VerĂ€nderung von TĂ€tigkeiten, betrieblichen Kontrollformen, sowie des SelbstverstĂ€ndnisses von BeschĂ€ftigten. Seit zwei Jahren erarbeiten wir uns zusammen mit BeschĂ€ftigten der Modebranche ein VerstĂ€ndnis der VerĂ€nderungen. Wie mĂŒssen zukĂŒnftige KĂ€mpfe um gute Lebens- und Arbeitsbedingungen und eine nachhaltige Textilbranche unter den verĂ€nderten Bedingungen aussehen und von wem mĂŒssen sie gefĂŒhrt werden?

AG VI – Zukunft der Arbeit im Sozialwesen
Zwischen emanzipativen Vorstellungen, Ökonomisierungsdruck und einer sich  stark verĂ€ndernden Umwelt.
Mit Julia Mai – FAU Frankfurt (Sozialarbeiterin) und Karsten Renner – FAU Frankfurt (Sozialarbeiter)

GeprĂ€gt von Effizienzkriterien, einem hohen Kostendruck, sowie dem starken FachkrĂ€ftemangel bei anhaltend niedrigen GehĂ€ltern, ist die Arbeit im Sozialwesen von starken Ökonomisierungs- tendenzen betroffen und ĂŒbernimmt zunehmend die Rolle der „Elends-Verwalterin“.
Ausgehend von der Annahme, dass sich die soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft – auch getrieben durch die Digitalisierung in anderen Branchen – weiterhin verschĂ€rfen wird, möchten wir  diskutieren, welche Entwicklungen auf uns zukommen und wie eine (Re)politisierung der Sozialen Arbeit und ihrer BeschĂ€ftigten unter dem Begriff „Arbeitskampf 4.0“ stattfinden kann.

15:45 – 17:30 Uhr: Plenum
Zusammentragen der Ergebnisse und Diskussion

17:30 – 17:45 Uhr: Fazit & Verabschiedung

www.unions4future.blogspot.com

Konferenz: Unions for Future:

Klima, Digitalisierung, Gewerkschaften und Arbeitskampf 4.0. Konferenz am 28. und 29. Februar zu Systemwandel und Gewerkschaft.

  • 28.02.2020 ab19:30
  • Studierendenhaus, Campus Bockenheim, Mertonstr. 26



Quelle: Fau-mannheim.de