Oktober 4, 2022
Von Anarchist Black Cross Wien
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Quelle: indymedia

Seit Jahren verteidigt Boris anarchistische Ideen gegen die Macht in all ihren Formen, und wieder einmal zahlt er dafĂŒr einen hohen Preis. FĂŒr die Demokratie, die uns immer mehr als einzig möglichen Horizont unter dem Paradigma der technologischen Freiheit verkauft wird, ist das Pathologisieren von sogenannten “anormalen” oder zu widerspenstigen Verhaltensweisen ein Mittel, um diese zu neutralisieren und ihre eigene Hegemonie durchzusetzen. Sei es durch die brutalste Repression oder durch Zwangsbevormundungsversuche gegen diejenigen, die sich nicht den bestehenden VerhĂ€ltnissen fĂŒgen. Und warum sollte es auch anders laufen gegen einen Anarchisten oder all diejenigen, die aus der Reihe tanzen, wenn diese Lakaien fĂŒr die Misere, die sie tagtĂ€glich sĂ€en, wenigstensnicht eins ausgewischt kriegen?

Im April 2020 hat unser Freund und GefĂ€hrte Boris Funkmasten von vier Telefonanbietern sowie Bullen und Gendamerie am “Mont Poupet” (Jura) in Brand gesteckt. Er wurde durch eine DNA-Spur an einem Flaschendeckel identifiziert, und im September 2020 in das GefĂ€ngnis von Nancy eingesperrt; im April 2021 wurde er dann zu vier Jahren Knast verurteilt, zwei davon auf BewĂ€hrung. In einem von ihm aus dem Knast veröffentlichtem Brief verteidigt er laut und deutlich seine Taten motiviert durch sein Verlangen, sich der wachsenden Digitalisierung unserer Leben – mit all der Kontrolle, und der VerwĂŒstung der Umwelt und der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse die sie mit sich bringt – durch die direkte Aktion zu widersetzen. Im August 2021 wurde Boris durch ein Feuer in der Zelle schwer verletzt und befindet sich deswegen seitdem in der Gewalt der medizinischen AutoritĂ€ten. Aus juristischer Sicht wurde seine Gefangenschaft im darauf folgendem September, am angesetzten Tag der Berufung, beigelegt, wĂ€hrend der Prozess selbst (auf unbestimmte Zeit) verschoben wurde. Zur selben Zeit wurde eine Ermittlung, die immernoch lĂ€uft, einer Richterin aus Nancy ĂŒbergeben, um die Ursache des Brandes der Zelle zu klĂ€ren und um die Zeit zu ermitteln, die sich die WĂ€rter liessen, um unseren GefĂ€hrten in seiner Zelle ersticken zu lassen.

Da Boris sich einige Monate im kĂŒnstlichem Koma und semi-bewussten ZustĂ€nden befand, konnte er damals keine eigenen Entscheidungen treffen. Es ist natĂŒrlich vorgekommen, dass die Ärzte sich mehrmals in den Diagnosen irrten, aber immer mit unerschĂŒtterlichen Selbstvertrauen. Anfang MĂ€rz 2022 wurde Boris von der Station fĂŒr schwere Verbrennungen des Metz-Krankenhauses in die Intensivstation des Uni-Klinikums von Besançon verlegt. In dieser wurde im April entschieden ihn loszuwerden, indem er in eine andere Station verlegt wurde, die eigentlich fĂŒr seinen Gesundheitszustand nicht geeignet ist, und ohne dass seine Meinung ĂŒber diese Entscheidung in Betracht gezogen worden wĂ€re. Diese schwerwiegende Entscheidung, die konkret das Ausbleiben einer angemessenen Versorgung zur Folge hat, wurde hauptsĂ€chlich dadurch gerechtfertigt, dass keine Besserung seines Gesundheitszustandes festzustellen gewesen wĂ€re; diese EinschĂ€tzung wurde auf der Basis von schrecklichen statistischen Kriterien getroffen. Diese Kriterien beziehen offensichtlich nicht das spezifische Individuum mit ein, auf das sie auf so absolute, sachliche und allgemeingĂŒltige Art und Weise angewendet werden. Selbst wenn dieses Individuum seinen unbĂ€ndigen Willen weiterzuleben und um Besserung zu kĂ€mpfen ausdrĂŒckt. Unter dem Vorwand seiner aktuellen Quadriplegie und obwohl er im Stande ist zu sprechen, bei klarem Bewusstsein und kĂ€mpferisch ist, haben die Ärzte entschieden, ihn nicht wiederzubeleben, falls eine neue ernsthafte Infektion auftreten wĂŒrde. Nur dadurch, dass u.a schriftlich protestiert wurde, wurden die Ärzte dazu gezwungen, seinen Willen zu ĂŒberleben zu berĂŒcksichtigen und ihm ein Minimum an aktiver Behandlung zu zugestehen.

SelbstverstĂ€ndlich ist das Ganze mit der Zeit fĂŒr die Krankenhaus-AutoritĂ€ten inakzeptabel geworden. Ein anarchistischer ex-HĂ€ftling, der es wagt das medizinische Dogma in Frage zu stellen, der sich weigert deren tödliche Diagnosen ohne zu mucken hinzunehmen, kann wohl nicht bei klarem Verstand sein! GemĂ€ss der Bosse in Weisskitteln soll er notwendigerweise zu “beeinflussbar” (aufgrund seiner anti-autoritĂ€ren Ideen?) sein. Dazu versucht Boris unnachgiebig Zugang zu seinen medizinischen Akten zu bekommen, trotz all den Hindernissen, die ihm die Krankenhausverwaltung bis jetzt stellt, um ihm diesen Zugang zu verwehren. Ausserdem verlangt er, dass zusĂ€tzlich zu seiner Familie ihm nahestehende Personen ĂŒber seine Situation mit der Ärztin diskutieren können; diese Forderungen brachten das Fass der AutoritĂ€ten zum ĂŒberlaufen.

Und so hat am 8. Juni 2022 Frau Elisabeth Batit, Ärztin des Uni-Klinikums von Besançon und beauftragt mit Boris Fall, bewaffnet mit der Macht die ihre Funktion ihr zuspricht und die sie um jeden Preis durchsetzen möchte, entschieden; in ihrem Unterfangen den GefĂ€hrten als Individuum zu brechen, einen Schritt weiter zu gehen. Ohne sein Wissen und in einer gerichtlichen Ausschreibung, die sie zusammen mit der Sozialarbeiterin des Klinikums unterzeichnet hat und an das öffentliche BĂŒro der Staatsanwaltschaft von Besançon schickte (jenem Staatsanwalt, der zuvor schon mit den Ermittlungen zu den brennenden Antennen betraut wurde), stiess sie einen “Unterschutzstellungsverfahren” an, angeblich um ihn vor seinen eigenen Entscheidungen zu “schĂŒtzen”. Wie könnte es nur besser laufen, fĂŒr den eifrigen Staatsanwalt, welcher direkt am selben Tag befohlen hat, einen psychiatrischen Experten zu Boris zu schicken, um zu verordnen, dass unser GefĂ€hrte zusĂ€tzlich zu seiner LĂ€hmung auch noch “unfĂ€hig” wĂ€re “selbst fĂŒr seine Interessen zu sorgen”. So ist am 14. Juni der Folterer des Geistes, Thomas Carbonnel, – kein anderer als der Vizedirektor der lokalen Psychiatrie und welcher von dem Staatsanwalt extra auf seiner kleinen offiziellen Liste ausgewĂ€hlt wurde – unangekĂŒndigt in Boris Zimmer erschienen, um letztendlich zu empfehlen, ihn unter “verstĂ€rkte Beistandschaft” zu stellen.

Daraufhin hat eine Jugendrichterin aus Vesoul, die seit einigen Wochen beim Gericht von Besançon als “Richterin fĂŒr Vormundschaften” tĂ€tig ist, in einem vorlĂ€ufigem Eilverfahren einen Notfall-Beschluss, bezeichnet als “gerichtliche Pflegeschaft”, gegen unseren GefĂ€hrten ausgesprochen. Diese Massnahme wird eventuell bei einer Gerichtssitzung, die innherhalb eines Jahres stattfinden muss, verschĂ€rft werden. Dies könnte dazu fĂŒhren, dass er fĂŒr einige Jahre unter Beistand- oder Vormundschaft gestellt wird. Aus der muffigen Dunkelheit ihres BĂŒros, ohne irgendjemanden zu warnen, selbst die betroffene Person nicht, entschied die Richterin Marie-Lee Avena am 8. Juni, dass Boris â€œĂŒbermĂ€ssige Handlungen ausfĂŒhren” könnte und ernannte in Folge dessen einen gesetzlichen BevollmĂ€chtigen: die UDAF 25 (Union Familiale du Doubs), die ab diesem Moment die Kontrolle ĂŒber all seine Post, seine Konten und seine zukĂŒnftigen Ressourcen (wie zum Beispiel den Zuschuss fĂŒr behinderte Erwachsene) ĂŒbernommen hat.

Die UDAF wurde durch ein Familiengesetz des Vichy-Regimes gegrĂŒndet und im Jahre 1945 reformiert. Sie setzt sich aus dutzenden religiösen und sekulaeren VerbĂ€nden zusammen, die einen der Grundpfleiler des Patriarchats vertreten: die Familie. Es ist eine der Hauptorganisationen, auf welche der Staat sich stĂŒtzt, um die Autonomie von einer Million Menschen, die unter Vormundschaft oder Beistandschaft gestellt werden, zu zermalmen. Zwischen 1968 und 2007 geschah dies u.a mit der BegrĂŒndung von “Verschwendertum, Unenthaltsamkeit oder MĂŒssiggang”, 
.

An der UDAF 25 nehmen, zusĂ€tzlich zu einer Hunderschaft von Mitarbeiter*innen, natĂŒrlich auch Leute teil, die nach immer mehr Macht streben, wie zum Beispiel die neue PrĂ€sidentin, Karima Rochdi, ehemalige Stellvertreterin des BĂŒrgermeisters von Besançon (Mitglied der Macron Partei, LREM). Sie, die jetzt mit eisernen Faust ĂŒber die notwendigen administrativen Schritte, zu denen der GefĂ€hrte verpflichtet ist um aus dem Krankenhaus zu kommen, bestimmen will, ist dieselbe Person, die u.a stĂ€ndig gegen die ZAD von Vaites in Besançon gehetzt hat und die Gegner der Betonierung der alten SchrebergĂ€rten dieses Viertels als Pack “extremistischer Ökologen” beschimpfte. Ausserdem: der neue Generaldirektor von der UDAF 25, Thierry Pilot, der insbesondere mit den “Massnahmen zum gerichtlichen Schutz von Erwachsenen” beauftragt ist, die gerade unserem GefĂ€hrten auferlegt werden, hat einen grossen Teil seiner Karriere als Manager bei einem der grössten Ausbeuter von behinderten Personen in Doubs absolviert; frĂŒher ADAPEI genannt, jetzt Stiftung Pluriel. Ihr Verwaltungsrat setzt sich u.a aus dem Oberarzt der Abteilung in der Boris sich noch befindet, einem ReprĂ€sentanten des Innenministeriums und dazu noch der ehemaligen Direktorin der Strafvollzugsbehörden von den Regionen Doubs und Jura zusammen


Die Ausbeutung und die Bevormundung und Disziplinierung von Menschen, die als “labil” oder “von der Norm abweichend” bezeichnet werden, ist ein staatlich subventioniertes GeschĂ€ft und ein gut etabliertes RĂ€derwerk, welches durch eine ganze Clique von AutoritĂ€tsfiguren und von paternalistischen “guten” Absichten am Laufen gehalten wird.

Seit Jahren verteidigt Boris anarchistische Ideen gegen die Macht in all ihren Formen, und wieder einmal zahlt er dafĂŒr einen hohen Preis. FĂŒr die Demokratie, die uns immer mehr als einzig möglichen Horizont unter dem Paradigma der technologischen Freiheit verkauft wird, ist das Pathologisieren von sogenannten “anormalen” oder zu widerspenstigen Verhaltensweisen ein Mittel, um diese zu neutralisieren und ihre eigene Hegemonie durchzusetzen. Sei es durch die brutalste Repression oder durch Zwangsbevormundungsversuche gegen diejenigen, die sich nicht den bestehenden VerhĂ€ltnissen fĂŒgen. Und warum sollte es auch anders laufen gegen einen Anarchisten oder all diejenigen, die aus der Reihe tanzen, wenn diese Lakaien fĂŒr die Misere, die sie tagtĂ€glich sĂ€en, wenigstensnicht eins ausgewischt kriegen?

Noch dazu geht es auch darum, gegen die stattfindende EntmĂŒndigung unser aller zu kĂ€mpfen,

Lebhafte SolidaritÀt mit Boris, auf die Art und Weise, die jede*r als geeignet betrachtet


Solidarische Anarchist*innen und Kompliz*innen von Boris

28 Juli 2022

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Quelle: Abc-wien.net