Oktober 4, 2022
Von Anarchist Black Cross Wien
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Quelle: anarchist news, ĂŒbersetzt von abc wien

Ich schreibe euch, um einige Gedanken mitzuteilen und einige Neuigkeiten zu berichten.

Ich möchte mit etwas beginnen, das die Methoden des Rechtssystems sehr gut veranschaulicht. Einige Tage nach meiner Verhaftung schickte die ermittelnde Richterin, StĂ©phanie Lahaye, zwei Polizisten der SDAT [Unterabteilung TerrorismusbekĂ€mpfung der Kriminalpolizei] (darunter den Kriminalpolizisten „RIO 1237232“ – wie Maschinen werden sie mit Nummern bezeichnet), um meine Tochter und ihre Mutter zu verhören. Auf ihre Anweisung hin und gemĂ€ĂŸ den Verfahren der staatlichen Justiz versuchten sie, Druck auf ein 12-jĂ€hriges MĂ€dchen auszuĂŒben. Sie wollten sie allein verhören. Ihre Mutter weigerte sich natĂŒrlich, sie alleine zu lassen.

Ein gewöhnliches Verfahren, banal, ein notwendiger Akt zur Wahrheitsfindung nach Ansicht von Richter*innen und Polizist*innen. Meiner Meinung nach ein Versuch, Angst zu verbreiten. Eine Warnung an meine Lieben und an alle, die nach der inquisitorischen Logik der Justiz verdĂ€chtig sind und belĂ€stigt werden mĂŒssen, wenn sie sich mit einem Anarchisten zusammentun, der direkter Aktionen beschuldigt wird – Ă€hnlich der Logik, die gegen mich angewendet wurde. Als das gleiche OPJ mich wĂ€hrend der GAV-Anhörungen [Befragung bei der Verhaftung] fragte – mich beschuldigte -, dass ich Anarchist*innen, die in Frankreich und anderen LĂ€ndern inhaftiert sind, unterstĂŒtze. Dass ich ihnen geschrieben und ab und zu ein wenig Geld geschickt habe. NatĂŒrlich habe ich vielen inhaftierten GefĂ€hrt*innen geschrieben und mein Bestes getan, um ihnen meine SolidaritĂ€t zu bekunden.

Weil sie Anarchist*innen sind und auch, weil ich von der Gerechtigkeit und der Notwendigkeit der Aktionen, die einigen von ihnen vorgeworfen werden, ĂŒberzeugt bin. Ich denke, dass die SolidaritĂ€t mit den von der Repression betroffenen GefĂ€hrt*innen, egal mit welchen Mitteln, grundlegend ist. Sich nicht offen mit ihnen zu solidarisieren, weil man befĂŒrchtet, dass sich die Repression ausbreiten könnte, hieße, der Justiz in die HĂ€nde zu spielen und ihre Logik zu akzeptieren. Eine Logik, die uns dazu bringen wĂŒrde, uns mehr und mehr zurĂŒckzuziehen, bis hin zum Aufgeben oder fast Aufgeben der inhaftierten RevolutionĂ€r*innen.

Kommen wir nun zu den Sachverhalten, wegen denen ich mich derzeit in Untersuchungshaft befinde. Hier ist die Liste der BrandanschlÀge:

– 22. Januar 2022, ein Fahrzeug von Enedis (in Paris) und ein Fahrzeug von SFR (in Montreuil);

– 20. Februar, ein Fahrzeug von Est RĂ©publicain (in Montreuil);

– 4. MĂ€rz: ein Auto mit einer Plakette des diplomatischen Dienstes und ein Aston Martin (in Paris);

– 24. April, ein Fahrzeug von Enedis (in Paris);

– 11. Juni: ein Auto mit einer Plakette des diplomatischen Dienstes (in Paris).

Wie ich in meinem ersten Brief sagte, bin ich auch „unterstĂŒtzter Zeuge“ in einer anderen Untersuchung, die von der Pariser PJ eingeleitet wurde. Dabei geht es um 53 FahrzeugbrĂ€nde zwischen 2017 und 2021, zu denen sich mutmaßlich Anarchist*innen bekannten. Mehr weiß ich ĂŒber diesen Teil des Falles nicht.

In dieser Liste befinden sich Autos auslĂ€ndischer staatlicher Institutionen (oder ihrer hohen Beamt*innen) in wohlhabenden Vierteln von Paris. BrĂ€nde, die dem diplomatischen Personal der internationalen Partner*innen ein schlechtes Bild von Frankreich vermitteln mĂŒssen. Ich fĂŒr meinen Teil (und ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin) denke, dass alle Staaten direkt fĂŒr die Kriege, die Ausbeutung und die UnterdrĂŒckung von Milliarden von Menschen verantwortlich sind. Man könnte diese BrĂ€nde als eine kleine Gegenreaktion sehen. In der Hoffnung auf etwas Besseres.

Es gibt auch einige Vehikel reicher Leute und großer Unternehmen, zum Beispiel im Energiesektor (wie Enedis, Tochtergesellschaft von EDF). Unternehmen, die unter dem Deckmantel der „EnergieunabhĂ€ngigkeit“ die nuklearen Gefahren von heute und die möglichen nuklearen Katastrophen von morgen schaffen. Es gibt Unternehmen, die unser Gehirn mit ihrer Propaganda kapitalistischer und staatlicher Werte betĂ€uben (wie die Tageszeitung l’Est RĂ©publicain) oder die uns in das digitale Spinnennetz einschließen (wie SFR).

Jede dieser Aktionen wurde in einem Antrag erlĂ€utert und ich habe dem nichts hinzuzufĂŒgen. Was mich betrifft, so kann ich die Praxis der destruktiven direkten Aktion nur von ganzem Herzen unterstĂŒtzen. Ich unterstĂŒtze die Wahl der Ziele dieser Angriffe, ihre BeweggrĂŒnde und den Akt, sie offen als Beitrag zum anarchistischen Kampf gegen den Staat und das kapitalistische System zu bezeichnen. Dasselbe gilt fĂŒr die Praxis der internationalistischen SolidaritĂ€t mit inhaftierten Anarchist*innen, die bei diesen Aktionen oft zum Ausdruck kam.

Was die Nachrichten betrifft:

Am 5. Oktober werde ich dem Haftrichter vorgefĂŒhrt, der entscheiden wird, ob er meine Untersuchungshaft verlĂ€ngert oder mich freilĂ€sst.

Die neue Ermittlungsrichterin, die fĂŒr meinen Fall zustĂ€ndig ist (die vorherige Richterin wurde versetzt), ist Anne Grandjean, die immer noch am Gericht von Bobigny arbeitet.

Meine Post (ein- und ausgehend) ist seit dem 19. Juli immer noch blockiert. Anscheinend sollte die Blockierung bald aufgehoben werden (man muss die Geschwindigkeit der JustizbĂŒrokratie berĂŒcksichtigen). Auf jeden Fall werde ich mich bemĂŒhen, allen, die mir geschrieben haben, zu antworten, sobald ich die Post empfangen kann, und ich danke euch schon einmal im Voraus.

Die Akte zu diesem Fall wurde bei der GefĂ€ngnisverwaltung hinterlegt, so dass ich in der Lage sein sollte (immer noch unter BerĂŒcksichtigung der Langsamkeit der GefĂ€ngnisbĂŒrokratie), ein wenig mehr ĂŒber die Aussagen der Polizist*innen herauszufinden.

Mein herzlicher Dank gilt meinen Lieben, den GefĂ€hrt*innen von Anarchist Bure Cross, der Cassa Antirepressione delle Alpi Occidentali (auch fĂŒr ihre freundliche Bereitschaft zur finanziellen UnterstĂŒtzung). Und an alle, die mir geschrieben haben!

Ein Augenzwinkern an diejenigen, die ihre SolidaritĂ€t durch Aktionen zum Ausdruck bringen, wie das schöne Transparent in Bure und das in Caen, die Plakate bei der Ankunft der Tour de France, das Abbrennen eines Vinci-Transporters in Hay-les-Roses, eines Firmenfahrzeugs der Cosmote-Telekommunikation in Athen, einer Relais-Antenne in Barcelona oder die PlĂŒnderung von Relais-Antennen im Gers. Danke!

Eine geschwisterliche Umarmung an die Anarchist*innen, die in den GefÀngnissen der Welt eingesperrt sind, insbesondere an Alfredo, der gegen 41-bis kÀmpft.

Es lebe die Anarchie!

Iwan

Villepinte, 25. September 2022

Um mir zu schreiben:

Ivan Alocco
n. d’écrou 46355
M.A. de Villepinte
40, avenue Vauban
93420 – Villepinte
France

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Quelle: Abc-wien.net