Mai 6, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Über die Verhaftung von zehn ehemaligen italienischen Militanten aus den 1970er Jahren.

Alessandro Stella

veröffentlicht in lundimatin#286, am 4. Mai 2021, die Übersetzung ist von uns

War es ein Ausrutscher des unbewussten Polizisten oder ein perverser Scherz der Vertreter eines italienischen Staates, der nie aufhören wird, fĂŒr die Angst zu bĂŒĂŸen, die ein Teil seiner Bevölkerung am Ende der Nachkriegszeit empfand? Die gemeinsame Operation der französischen und italienischen PolizeikrĂ€fte, die sich gegen zehn italienische politische FlĂŒchtlinge richtete, hatte den Codenamen „Rote Schatten“. So lautet der exakte französische Titel von Cesare Battistis dem zweitem, 1994 erschienenen Kriminalroman1 , der vor dem Hintergrund der Situation dieser Überlebenden des latenten BĂŒrgerkriegs der 1960er und 1970er Jahre spielt. Neben dem BedĂŒrfnis nach „antiterroristischer“ Pose, das einem französischen Staat innewohnt, der nicht in der Lage ist, die systemischen GrĂŒnde fĂŒr den individuellen dschihadistischen Terrorismus zu bekĂ€mpfen, gibt es, wie Alessandro Stella weiter unten erklĂ€rt, das immer wiederkehrende BedĂŒrfnis des italienischen Staates, die roten Spuren der grĂ¶ĂŸten und bestĂ€ndigsten sozialen Nachkriegsbewegung im Westen zu verwischen. Der Krieg der Erinnerung ist nie nur eine Episode im sozialen Krieg. Wie der schöne, kĂ€mpfende und applaudierende Zug bei der Pariser Demonstration am 1. Mai zeigt, hat der Kampf um die Freiheit unserer GefĂ€hrten gerade erst begonnen.

Die Operation, die am 28. April 2021 in Paris zur Verhaftung von zehn ehemaligen italienischen revolutionĂ€ren Militanten der 1970er Jahre fĂŒhrte, wurde von der französischen und italienischen Polizei „Rote Schatten“ genannt. Die Verhaftungen erfolgten in den frĂŒhen Morgenstunden durch die Spezialeinheiten der französischen Anti-Terror-Polizei, die von ihren italienischen Kollegen unterstĂŒtzt wurden. Eine Idee, die wahrscheinlich aus der Polizeikultur stammt, mit John Wayne gegen die „bösen RothĂ€ute“. Begriffe, die sich auf dunkle, verstörende Bilder beziehen, bei denen der Schatten die Farbe von Rot, von Blut annimmt. Ein Bild und eine Definition, die BĂ€nde ĂŒber das Denken der politischen Inspiratoren dieses Polizeieinsatzes spricht. Welches politische Ziel verfolgen die italienische und die französische Regierung, wenn sie 40 oder 50 Jahre nach der Tat Jagd auf ehemalige RevolutionĂ€re machen, die ihre Waffen abgegeben und jahrzehntelang normal in Frankreich gelebt haben, und ihnen versprechen, dass sie die letzten Jahre ihres Lebens im GefĂ€ngnis verbringen werden?

Seit 40 Jahren haben alle italienischen Regierungen, ob rechts oder links, das Schreckgespenst der RĂŒckkehr des „roten Terrorismus“ zum Mittel der Kontrolle und UnterdrĂŒckung jeder sozialen Protestbewegung, jeder Form des kollektiven Anti-System-Kampfes gemacht. Eine rote Fahne, die von den Machthabern permanent vor den Augen der Öffentlichkeit geschwenkt wird und an die „Jahre des Bleis“ erinnert, die im Narrativ der Sieger zum Synonym fĂŒr eine dunkle und mörderische Periode geworden ist, in der die rote Farbe der kommunistischen Fahnen auf Verbrechen und Vergehen abgefĂ€rbt hatte. Ein Gespenst, das den Schlaf aller italienischen Weltverbesserer heimsucht, aller Verfechter der unverĂ€nderlichen Ordnung der Gesellschaft, aller Verfechter der polizeilichen Ordnung, der AutoritĂ€t des Staates, der AutoritĂ€t selbst. Ein Gespenst, verkörpert durch Frauen und MĂ€nner namens Marina, Enzo, Roberta, Giovanni, Giorgio, Raffaele, Maurizio, Luigi, Narciso, Sergio. Alle von ihnen sind jetzt ĂŒber 65 Jahre alt und haben sich nach einer Jugend, die sie in voller Fahrt auf der Suche nach revolutionĂ€ren TrĂ€umen gelebt haben, mit einem gewöhnlichen Leben abfinden mĂŒssen, das aus Arbeit, Sorgen, Liebe, kleinen Freuden und Routine besteht. Menschen mit einem reichen und komplexen Lebensweg, der sich nicht auf ein paar Jahre ihres Lebens reduzieren lĂ€sst, geschweige denn auf ein paar Episoden des bewaffneten Kampfes, an denen sie beteiligt gewesen sein sollen. Frauen und MĂ€nner, die als Symbole dargestellt werden, die von Staaten und ihren PolizeikrĂ€ften niedergeschlagen werden sollen, die sich mit ihren Strategien beschĂ€ftigen und keine Skrupel haben, das Schicksal der Haft bis zum Tod zu ertragen, das diesen Menschen versprochen wird.

Die Geschichte der Sieger dieses „embryonalen BĂŒrgerkriegs“2 diente 40 Jahre lang dazu, in der italienischen Bevölkerung eine PĂ€dagogik der Angst zu installieren, die auf der Phantasie der RĂŒckkehr der Roten Brigaden oder ihrer Nachahmer aufbaute. Eine politische Maschinerie, die von den Medien, den Richtern und der Polizei gut bedient wird und die das konformistische Denken von Millionen von Italienern geprĂ€gt hat, die heute die Gefangennahme und die Einweisung des „Monsters“ Cesare Battisti in ein bis zum Sadismus gehendes Strafregime bejubeln. Eine Maschine mit massenpsychologischer Beeinflussung, die schon die Erinnerung an die 1970er Jahre abstoßend macht. Eine Maschine, die systemisch geworden ist, basierend auf einer verzerrten und parteiischen historischen ErzĂ€hlung. Denn sie löscht aus und will vergessen machen, dass die 1970er Jahre vor allem Jahre großer sozialer KĂ€mpfe und Experimente neuer Formen von Beziehungen zwischen Menschen waren, von internationalistischen, antimilitaristischen, antiautoritĂ€ren und schließlich feministischen und LGBT-KĂ€mpfen. Jahre, in denen die rote Fahne die Farben der proletarischen Revolution und der Freiheit trug. Dahinter marschierten Millionen von alten kommunistischen Arbeitern und Millionen von jungen Proletariern auf der Suche nach einer besseren Welt. WĂ€hrend des langen italienischen Mai ’68 war der Einsatz von Waffen durch Tausende von revolutionĂ€ren Militanten nur die Spitze eines Eisbergs, Teil einer Reihe von KĂ€mpfen, die andere Waffen einsetzten, von Streiks bis zu Besetzungen, von Demonstrationen bis zu Experimenten der Selbstverwaltung.

In der ErzĂ€hlung der Sieger wird die große revolutionĂ€re Bewegung, die in den 1970er Jahren in Italien aktiv war, als eine lange Reihe von Morden dargestellt, die von linksradikalen Militanten im Namen einer vergangenen Ideologie begangen wurden. WĂ€hrend die Geschichte uns lehrt, dass lange bevor irgendwelche revolutionĂ€ren Militanten jemanden töteten, etwa zweihundert Demonstranten seit 1948 von der Polizei getötet wurden. Der erste von revolutionĂ€ren Militanten begangene Mord, der des Kommissars Luigi Calabresi, ist emblematisch. Er wurde am Morgen des 17. Mai 1972 von einem Kommando der Gruppe Lotta Continua3 getötet, die das tat, was Millionen von Italienern seit drei Jahren gefordert hatten. Denn der Kommissar Calabresi war fĂŒr den Mord an Giuseppe Pinelli, einem anarchistischen Eisenbahner aus Mailand, verantwortlich, der zu Unrecht verhaftet und beschuldigt worden war, am 12. Dezember 1969 die Bombe in der Landwirtschaftsbank auf der Piazza Fontana gelegt zu haben. Eine Bombe, die den Tod von 17 Menschen verursachte und die in Wirklichkeit das Werk faschistischer Gruppen war, die mit Polizei- und MilitĂ€roffizieren mit faschistischer Ideologie verbĂŒndet waren und eine Strategie der Spannung mit einem antikommunistischen und ordnungspolitischen Ziel umsetzten. Die Ermordung des Kommissars Calabresi war also ein politischer Mord, eine Reaktion auf Polizei- und Staatsgewalt, die Umsetzung eines weithin geteilten Willens des Volkes. Es sollte auch darauf hingewiesen werden, dass dies der einzige Mord war, der von Militanten von Lotta Continua begangen wurde, die auch KĂ€mpfe in den Fabriken (insbesondere bei Fiat), in den Arbeitervierteln und UniversitĂ€ten, in den Kasernen und in den HĂ€fen anfĂŒhrten.

Die 1970er Jahre in Italien, die das herrschende Denken gerne auf Bilder des Todes reduzieren wĂŒrde, waren Jahre der revolutionĂ€ren Begeisterung, die von Millionen von Menschen geteilt wurde und in tausend Initiativen unterging, die sich fĂŒr die VerĂ€nderung des gesamten UnterdrĂŒckungssystems einsetzten. Es ist eine Periode des Ungehorsams und des allgemeinen Protests gegen alle SĂ€ulen des kapitalistischen Staates, vor dem sich die politischen und wirtschaftlichen Machthaber fĂŒrchten, und es sind diese Bilder der Revolte, die in ihren Köpfen herumspuken.

FĂŒr die französische Regierung und PrĂ€sident Macron, die diesen schĂ€ndlichen Auslieferungspakt auf der Haut von zehn Menschen besiegelt haben, wĂ€re das zu verjagende Gespenst eher das der „gelben Schatten“. Die Farbe mag sich Ă€ndern, aber im Fadenkreuz sind immer die unkontrollierbaren sozialen Bewegungen. Nach einer aufsteigenden Welle des systemfeindlichen Aufstands in den vier Ecken Frankreichs, der Verbreitung und des Austauschs kollektiver Erfahrungen der Selbstorganisation, der Infragestellung des Staates, der Hierarchien, der Parteien und der reprĂ€sentativen Demokratie, hat die heftige Repression, die der Staat und seine Polizisten gegen die Gelbwesten ausgeĂŒbt haben, die Bewegung schließlich eingedĂ€mmt. Das vom Staat errichtete Regime der Angst mit LBDs, Granaten, Schlagstöcken, Polizeigewahrsam und GefĂ€ngnis hat die Reihen der Gilets Jaunes ausgedĂŒnnt und die Bewegung deflationiert. Aber die AnfĂŒhrer des französischen Staates wissen ganz genau, dass alle Ursachen fĂŒr die Explosion des populĂ€ren Zornes unter den Farben der Gelbwesten immer noch vorhanden sind und durch die Covid-Krise sogar noch verschĂ€rft wurden. Sie wissen, dass trotz der Einsperrung, der Ausgangssperre, des Ausnahmezustands und des ganzen juristisch-polizeilichen Arsenals, das der Staat zur Verteidigung gegen die revoltierenden Proletarier eingesetzt hat, die Glut heiß bleibt. Und sie haben Angst, dass die „gelben Schatten“ wieder das Dolce Vita der Bourgeoisie in den Nobelvierteln stören, dass sie auf den Champs ÉlysĂ©es marschieren, anstatt einen Einkaufsbummel zu machen. Sie haben Angst, dass die Gilets Jaunes, anstatt in Depression auf die nĂ€chsten Wahlen zu warten, die Selbstverwaltung in jedem Dorf, jedem Viertel, jeder Kreuzung wieder aufnehmen werden, kollektiv, ohne AnfĂŒhrer, ohne Hierarchie jeglicher Art, und tĂ€glich eine sozial lebenswerte Welt aufbauen.

Ob in Rot oder in einer anderen Farbe, ein Gespenst geht um in Italien, in Frankreich, in der ganzen Welt: das Gespenst der Kommune, des Kommunismus.

Alessandro Stella




Quelle: Panopticon.blackblogs.org