Mai 27, 2021
Von Indymedia
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Silke Makowski vom Hans-Litten-Archiv der Roten Hilfe hat als Beitrag zum aktiven Gedenken an Frieda zwei Texten zur Geschichte der Roten Hilfe Deutschland verfasst. In ihrem Text »Frauen in der illegalen Roten Hilfe Deutschlands (RHD)« beschreibt sie die wichtige Rolle, die den Frauen innerhalb der Roten Hilfe inne hatten, gerade nach dem ein Großteil der linken Organisationen von den Nazis zerschlagen wurden oder deren Mitglieder abgetaucht waren. Sie beschreibt, wie auch ihr Text »Die Rote Hilfe Deutschlands im antifaschistischen Widerstand«, die politische Arbeit der RHD in der IllegalitĂ€t. Zugleich wĂŒrdigt ihr Beitrag die antifaschistische WiderstandstĂ€tigkeit von Frauen – allein schon durch deren Sichtbarmachung.
So teilt auch Frieda Seidlitz das Schicksal vieler Antifaschist:innen, denen nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus im Gegensatz zu (cis-) mĂ€nnlichen WiderstandskĂ€mpfern, nicht die selbe WĂŒrdigung und Bekanntheit zu Teil wurde. Frieda Seidlitz politische Arbeit ist eines von vielen Beispielen fĂŒr die zahlreichen Rote Helferinnen, die ihren Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus leisteten. Ihr Andenken zu ehren ist praktizierter Feminismus und gelebter Antifaschismus.

Die Texte von Silke Makowski
– »Frauen in der illegalen Roten Hilfe Deutschlands (RHD)«
–
»Die Rote Hilfe Deutschlands im antifaschistischen Widerstand«

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Frauen in der illegalen Roten Hilfe Deutschlands (RHD)
»Das Rote Frauenaktiv Nordost sammelte in der MÀrzkampagne 50.- Mark«

von Silke Makowski (Hans-Litten-Archiv)

Schon immer hatten sich viele Frauen in der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) engagiert, einer KPD-nahen SolidaritĂ€tsorganisation, die 1924 gegrĂŒndet worden war. Den wohl wichtigsten Schwerpunkt bildete die materielle UnterstĂŒtzung der politischen Gefangenen und ihrer oftmals verarmten Familien, doch mit der wachsenden staatlichen Repression wurden die juristische Beratung fĂŒr Angeklagte und die Finanzierung von AnwĂ€ltInnen immer wichtiger. Daneben setzte sich die RHD mit Kampagnen fĂŒr Amnestien und gegen GesetzesverschĂ€rfungen ein und informierte in ihren zahllosen Zeitungen und BroschĂŒren ĂŒber die Verfolgung von GenossInnen im In- und Ausland. Vor allem innerhalb der ArbeiterInnenbewegung erfreute sich die RHD großer Beliebtheit, aber auch Prominente wie Albert Einstein, KĂ€the Kollwitz oder Thomas Mann unterstĂŒtzten die AktivitĂ€ten der Roten Hilfe, die Ende 1932 fast eine Million Mitglieder umfasste.

Die SolidaritĂ€tsorganisation bemĂŒhte sich erfolgreich um das weibliche Umfeld: Mit geschlechtsspezifischen Publikationen, Frauenkundgebungen und dauerhaften Arbeitsfeldern wie dem Kampf gegen den § 218 erreichte die RHD viele Beitritte. Lag der Anteil weiblicher Mitglieder 1926 bei rund 19 Prozent, stieg er bis 1932 auf immerhin knapp 27 Prozent – weit mehr als in den Parteien und anderen Massenorganisationen –, und mit ĂŒber 33 Prozent lag der Bezirk Berlin-Brandenburg deutlich ĂŒber dem Durchschnitt. In allen Leitungen gab es ZustĂ€ndige fĂŒr die Frauenarbeit, und teilweise wurden eigenstĂ€ndige Rote-Hilfe-Frauengruppen gegrĂŒndet.

TatsĂ€chlich war die Mitwirkung in der RHD fĂŒr politisch interessierte Proletarierinnen weit einfacher als in den Parteien, die im patriarchalen Umfeld weitgehend als MĂ€nnerdomĂ€ne galten. In der SolidaritĂ€tsarbeit gab es zahlreiche AblĂ€ufe, die sich auch in den von Mehrfachbelastungen geprĂ€gten Alltag der Arbeiterinnen integrieren ließen: Die Sammlung von Sachspenden in benachbarten GeschĂ€ften, die Kassierung der Mitglieder im Wohnumfeld oder das Zusammenstellen von PĂ€ckchen fĂŒr Gefangene waren leichter mit den vielfĂ€ltigen Aufgaben von Haushalt, Kinderbetreuung und Lohnarbeit zu vereinbaren als abendliche Gremiensitzungen.

Obwohl also ihr Anteil und ihre Wahrnehmbarkeit in den RHD-Alltagsaktionen stetig stiegen und prominente Aktivistinnen wie Jelena Stassowa und Clara Zetkin an der Spitze der Organisation standen, waren Frauen in den Bezirksleitungen und im Zentralvorstand deutlich unterreprÀsentiert. Meist hatten sie höchstens Basisfunktionen inne, etwa als Stadtteilkassiererin oder Ortsgruppenleiterin in kleineren StÀdten.

Dass die Roten Helferinnen in der Regel in der zweiten Reihe gestanden hatten, bekam im FrĂŒhjahr 1933 eine große Bedeutung. Nach der MachtĂŒbertragung an die Nazis setzten die Massenverhaftungen auch gegen die SolidaritĂ€tsaktivistInnen ein, und bereits im MĂ€rz wurde die RHD verboten. Da die Unterlagen der Politischen Polizei vor allem Angaben zu den bekannteren mĂ€nnlichen Mitgliedern enthielten und das Engagement von Frauen ohnehin unterschĂ€tzt wurde, wurden die meisten Genossinnen nur kurz oder ĂŒberhaupt nicht in die KZs verschleppt. Nun war es an ihnen, die UnterstĂŒtzung fĂŒr die Verhafteten und ihre Familien zu organisieren und die Rote Hilfe in die IllegalitĂ€t zu ĂŒberfĂŒhren. Denn gerade in dieser Situation war diese Arbeit nötiger denn je: Das Wissen um solidarische Strukturen im Hintergrund, die im schlimmsten Fall den Angehörigen zur Seite stehen wĂŒrden, war fĂŒr viele WiderstandskĂ€mpferInnen ausschlaggebend bei ihrer Entscheidung, die Gefahren des antifaschistischen Kampfes auf sich zu nehmen.

Allerdings musste die illegale RHD große HĂŒrden meistern und wurde immer wieder durch massive Verhaftungswellen zurĂŒckgeworfen, die teils eingeschleusten Gestapospitzeln, teils der Unerfahrenheit der an die LegalitĂ€t gewohnten AnhĂ€ngerInnen geschuldet waren. Trotzdem gelang es, die Organisation im Untergrund wieder aufzubauen, und in vielen Regionen war noch eine grĂ¶ĂŸere Zahl an Ortsgruppen tĂ€tig, deren Arbeit von Bezirksleitungen koordiniert wurde. Die klandestine Kommunikation wurde durch KurierInnen und InstrukteurInnen sowie ĂŒber Postdeckadressen aufrechterhalten.

Schon im FrĂŒhjahr 1933 stieg nicht nur der Anteil der Frauen in den verbliebenen Basisgruppen deutlich an, sondern auch in höheren Posten. HĂ€ufig ĂŒbernahmen weibliche Angehörige umgehend die Leitungsaufgaben ihrer verhafteten EhemĂ€nner, BrĂŒder oder VĂ€ter, deren TĂ€tigkeit sie zuvor durch unsichtbare Zuarbeit ermöglicht hatten und bestens kannten. Der RHD-Zentralvorstand machte bereits im April 1933 in einem Rundschreiben auf diese Tatsache aufmerksam: » Ganz besonders eignen sich (
) die Frauen fĂŒr die DurchfĂŒhrung der SolidaritĂ€tsarbeit. In breitester Weise, entschlossen und unter rĂŒcksichtsloser Beseitigung aller auch noch in unseren Reihen vorhandenen Vorurteile mĂŒssen die Frauen zu den Funktionen fĂŒr unsere gesamte Arbeit mit herangezogen werden. Viele Beweise liegen vor, dass die Frauen der verhafteten Antifaschisten sich demonstrativ bereit erklĂ€rten, die Funktionen ihrer MĂ€nner zu ĂŒbernehmen« (SAPMO RY1/I4/4/29 Blatt 7).

Um die durch den NS-Terror entstandenen LĂŒcken zu fĂŒllen, wurden sogar recht unerfahrene Aktivistinnen mit zentralen Aufgaben betraut: Die Leiterin der kleinen RHD-Ortsgruppe Viernheim, Maria Mandel, wurde mit dem Wiederaufbau des Bezirks Baden-Pfalz beauftragt, und Lore Wolf rĂŒckte Ende 1933 in die Bezirksleitung Hessen-Frankfurt auf, obwohl sie der Roten Hilfe erst im FrĂŒhsommer 1933 beigetreten war. Im direkten Umfeld des Berliner Zentralvorstands arbeitete 1933/34 Eva Lippold als Reichskurierin, obwohl sie vor dem Verbot nur passive Beitragszahlerin gewesen war, und Ă€hnliche Beispiele finden sich fast ĂŒberall.

Auch in den Exilstrukturen der Roten Hilfe spielten Frauen eine prominente Rolle, indem beispielsweise die geflĂŒchteten Partnerinnen inhaftierter oder ermordeter Antifaschisten bei Versammlungen sprachen. Bekannt ist ClĂ€re Muth, deren Mann Willi die Gestapo bei der Zerschlagung der illegalen Gewerkschaften in Wuppertal zu Tode gefoltert hatte und die in den Niederlanden die Proteste und Hilfsaktionen koordinierte. Ebenfalls als Rednerin, aber auch als Autorin engagierte sich Martha Berg-AndrĂ©, die nach dem Justizmord an ihrem LebensgefĂ€hrten 1936 die RHD-BroschĂŒre »Etkar AndrĂ©, mein Mann und KampfgefĂ€hrte« verfasste.

Die frĂŒher prĂ€genden Massenkampagnen waren in der IllegalitĂ€t hingegen kaum noch möglich, und nur vereinzelt traten die Rote-Hilfe-Gruppen mit frauenspezifischen FlugblĂ€ttern an potenzielle UnterstĂŒtzerinnen heran. Allerdings produzierte der Zentralvorstand entsprechende Publikationen wie die beiden 1934 erschienenen BroschĂŒren » Frauen unter faschistischem Terror! Frauen an der SolidaritĂ€ts- und Kampffront!« und » MĂŒtter, kĂ€mpft fĂŒr eure Kinder!«, die sich mit dem NS-Terror gegen Antifaschistinnen befassten und die Leserinnen zur Mitarbeit aufriefen.

War die RHD Berlin schon in der Weimarer Republik vorbildlich in der Werbung weiblicher Mitglieder gewesen, setzte sie diese Arbeit auch in der IllegalitĂ€t fort. Als sich im September 1933 eine neue Bezirksleitung um Hans Seigewasser formierte, wurde mit Maria Lehmann aus Weißensee umgehend eine eigene Frauenleiterin eingesetzt, die zusammen mit Hilde Seigewasser und Erna Bartz große Erfolge verbuchen konnte. In einem Bericht ĂŒber das erste Halbjahr 1934 beklagte der Zentralvorstand die mangelhafte Frauenarbeit in den meisten RHD-Bezirken und fĂŒhrte die Hauptstadt als positive Ausnahme an: » Berlin hat eine besondere Frauenzeitung herausgegeben, hat zwei Frauenaktivs geschaffen, von denen das eine ein sehr gutes BegrĂŒssungsschreiben an den Mopr-Kongress absandte (
). Das Rote Frauenaktiv Nordost sammelte in der MĂ€rzkampagne 50.- Mk. in bar und 1 Zentner Lebensmittel bei kleinen GeschĂ€ftsleuten und Angestellten« (SAPMO RY1/I4/4/27 Bl. 86f). Laut diesem Schreiben wurde die Zeitung vom RHD-Frauenaktiv Luxemburg in einer Auflage von rund 800 StĂŒck hergestellt.

Innerhalb der Gesamtorganisation ĂŒbernahmen weibliche Mitglieder hĂ€ufig zentrale Aufgaben bei der Verwaltung und Druckschriftenproduktion, weil sie Erfahrungen im Schreibmaschineschreiben hatten. Zum Beispiel bildete Charlotte Gerbeit zusammen mit Max Treder den Kern des Technischen Apparats der RHD Berlin, der unter anderem die Zeitung » Informationsdienst« produzierte. KĂ€te Kaufmann, die fĂŒhrend in der RHD Weißensee aktiv war, stellte die Matrizen fĂŒr das Stadtteilblatt » Bruderhand« her.

Ein weiteres Aufgabenfeld bot sich fĂŒr Rote Helferinnen in der Familienhilfe – sei es in der Betreuung der Frauen der politischen Gefangenen, mit denen sie die anfallenden Alltagsprobleme diskutierten und die sie moralisch stĂ€rkten, sei es in der praktischen UnterstĂŒtzung fĂŒr MĂ€nner, die nach der Verhaftung ihrer Ehefrauen mit Kinderbetreuung und Haushalt ĂŒberfordert waren.

Gerade im sympathisierenden Umfeld erprobten Frauen spezielle Spendenaktionen, darunter sogar private SolidaritĂ€tsfeiern. Maria Lehmann erinnerte sich spĂ€ter an regelmĂ€ĂŸige Einnahmen aus » Moabit, wo eine alte Genossin Kaffeenachmittage mit musikalischer Begleitung fĂŒr GĂ€ste organisierte und die dabei gesammelten Gelder an die Rote Hilfe abfĂŒhrte« (zit. n. Sandvoß, Widerstand in Prenzlauer Berg und Weißensee, Berlin 2000, S. 121).

Im Sommer 1934 erreichte die koordinierte TĂ€tigkeit der Berliner RHD-Frauengruppen, die auch nichtkommunistische Aktivistinnen ansprachen, ihren Höhepunkt, und ein Brief des Zentralvorstands vermerkte im Herbst: »Interessant ist, dass die Frauenarbeit (
) Einheits- und Massencharakter hatte. Eine Reihe von SPD-Frauengruppen hatte sich der RH angeschlossen. Es wurde mit der Organisierung einer Delegation zum Frauen-Kongress begonnen« (SAPMO RY1/I4/4/27 Bl. 109), der vom 4. bis 6. August 1934 in Paris stattfand.

Jedoch setzte im September eine NS-Terrorwelle ein, die fast die gesamte Bezirksleitung traf und die RHD-Arbeit in Berlin weit zurĂŒckwarf. Auch Maria Lehmann wurde im Prozess gegen Max Lenk u. a. am 16. Februar 1935 angeklagt und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach ihrer Entlassung wurde sie als JĂŒdin immer offener angefeindet und floh im Mai 1939 nach England. Ihre Genossin Hilde Seigewasser blieb weiter im Widerstand tĂ€tig, bis sie im September 1943 verhaftet wurde; im Februar 1945 starb sie bei der Bombardierung des Zuchthauses Cottbus.

Dennoch arbeiteten viele Rote-Hilfe-Gruppen weiter, wobei den Frauen besondere Möglichkeiten offenstanden: Bei ihren Widerstandsaktionen konnten sie geschlechtsspezifische Handlungsmuster nutzen, die den faschistischen Repressionsorganen und denunziationswilligen NachbarInnen unverdÀchtig erschienen. Sie tarnten klandestine Treffen als KaffeekrÀnzchen oder als Tratsch auf dem Friedhof, und der Flugblatttransport im Kinderwagen oder Einkaufskorb war weit geringeren Risiken ausgesetzt als in den Koffern, die die mÀnnlichen Mitglieder benutzten. Viele Frauen waren deshalb als Kurierinnen oder in der Vernetzung tÀtig, weil sie die patriarchalen Geschlechterstereotype zu ihren Gunsten nutzen konnten und weit seltener in Kontrollen kamen.

Selbst wenn sie in die FĂ€nge der Gestapo gerieten, stuften die Nazis sie oftmals als harmlose MitlĂ€uferinnen ein, die unwissentlich instrumentalisiert worden waren, und setzten sie wieder auf freien Fuß. Entsprechend selten wurden die Ermittlungsverfahren gegen Rote Helferinnen zur Anklage gebracht, und bei Verurteilungen erhielten sie weit geringere Strafen als ihre Mitstreiter. Nicht selten wurde ihnen jegliches politisches Bewusstsein abgesprochen oder die Schuld ihren EhemĂ€nnern angelastet, vor allem wenn sie sich nur als Beitragszahlerinnen beteiligt hatten. Ein Beispiel dafĂŒr bilden die Prozesse gegen die RHD Prenzlauer Berg: Am 2. April 1937 befand der 4. Strafsenat des Berliner Kammergerichts im Verfahren gegen Gustav Schulze u. a. die zustĂ€ndige RHD-Zellenkassiererin Frieda Hindemith fĂŒr schuldig, von 1933 bis Januar 1936 fast durchgehend BeitrĂ€ge unter anderem bei den Eheleuten Goldau kassiert zu haben. Hindemiths Beteuerung, von der Strafbarkeit ihrer AktivitĂ€ten nichts gewusst zu haben, wurde jedoch angesichts ihrer jahrelangen RHD-FunktionĂ€rinnentĂ€tigkeit seit der Weimarer Republik kein Glaube geschenkt. Nur vier Tage spĂ€ter sprach das gleiche Gericht hingegen die von Hindemith kassierte Rote Helferin Marie Goldau im Prozess gegen Max Schlichting u. a. vom Vorwurf der Beitragszahlung frei, weil das Gericht ihrer Schilderung folgte, dass sie das Geld nur auf Befehl ihres Ehemanns hin aus der von ihm finanzierten Haushaltskasse ausgezahlt und somit keine eigenstĂ€ndige strafbare Handlung begangen habe. Indem bei Frauen die Prozesse oft mit Einstellungen oder sogar FreisprĂŒchen endeten oder sie nach relativ kurzer Haftzeit freikamen, konnten sie auch nach Repressionswellen die SolidaritĂ€tsgruppen neu aufbauen.

Allerdings fielen auch viele weibliche RHD-Mitglieder dem brutalen NS-Terror zum Opfer, insbesondere Aktivistinnen, die durch ihre fĂŒhrende Beteiligung allzu offensichtlich gegen das Bild der » unpolitischen Frau« verstoßen hatten: So verhĂ€ngte der berĂŒchtigte Volksgerichtshof am 25. Juli 1935 neun Jahren Zuchthaus gegen die Reichskurierin Eva Lippold, und am 18. Juni 1941 verurteilte er Lore Wolf, die nach ihrer Mitarbeit in der Bezirksleitung Hessen-Frankfurt jahrelang im Exil fĂŒr die RHD tĂ€tig gewesen war, sogar zu zwölf Jahren Zuchthaus.

In den Gestapoverhören wurden nicht wenige Rote Helferinnen brutal gefoltert, darunter Hilde Didzuhn, in deren Wohnung in Unter den Linden 16 im FrĂŒhjahr 1933 das illegale BĂŒro des Zentralvorstands untergebracht war; sie starb 1937 an den Folgen der schweren Misshandlungen. Noch bekannter ist der Fall der RHD-FunktionĂ€rin Frieda Seidlitz aus Weißensee, der engsten Mitarbeiterin des Bezirksleiters Fritz Hödel, von der sich die Gestapo besondere Einblicke in den gesamten illegalen Apparat erhoffte. Als Verbindungsfrau zur Exilleitung der Roten Hilfe in Prag und in alle Berliner Stadtteile kannte sie zahllose Anlaufstellen und Kontaktpersonen; unter anderem verteilte sie die aus dem Ausland eingeschmuggelten RHD-Zeitungen und den » Informationsdienst« des Bezirksvorstands in sĂ€mtliche Viertel. Einen ganzen Monat lang hielt Seidlitz den bestialischen Torturen in den Verhören stand, bis sie schließlich am 27. Mai 1936 Selbstmord beging, um keine GenossInnen zu belasten. Über den Hergang resĂŒmierte die Gestapo am 10. Juni 1936: » Sie selbst verweigerte bald vier Wochen lang jede Aussage, leugnete selbst bei GegenĂŒberstellung mit Hödel jede Bekanntschaft und Arbeit mit ihm und machte auch keine Aussage ĂŒber ihren letzten Aufenthalt. Nach dieser Zeit gelang es jedoch durch eine Überrumpelung, von der S. endlich ihr letztes Quartier zu erfahren. Dieses einzige GestĂ€ndnis muss sie so niedergedrĂŒckt haben, dass sie 2 Tage spĂ€ter Selbstmord beging« (SAPMO R 58 2169 Bl. 220).

Der faschistische Terror hatte Mitte der 1930er Jahre die illegalen RHD-Strukturen im gesamten Reichsgebiet geschwĂ€cht, und viele SolidaritĂ€tsgruppen waren isoliert und beschrĂ€nkten sich auf Spendensammlungen. Dennoch initiierte der Zentralvorstand 1937 eine letzte große Kampagne, die die Begnadigung der Stuttgarter Kommunistin Liselotte Herrmann forderte. Anlass war die Tatsache, dass sie als erstes weibliches Mitglied des antifaschistischen Widerstands zum Tod verurteilt worden und zudem alleinerziehende Mutter eines Kleinkindes war. Mit internationalen Protesten, bei denen besonders Frauenorganisationen angesprochen wurden, sowie illegalen Flugblattverteilungen erzeugte die Rote Hilfe monatelang große Aufmerksamkeit, doch konnten die Aktionen nicht verhindern, dass Lilo Herrmann am 20. Juni 1938 in Plötzensee hingerichtet wurde.

Wenig spĂ€ter wurde die RHD offiziell aufgelöst, aber auch danach blieben viele Gruppen tĂ€tig, und bis zur Befreiung engagierten sich Frauen in der SolidaritĂ€tsarbeit. Zu den kontinuierlichsten Strukturen zĂ€hlte der Moabiter RHD-Kreis um Ottilie Pohl und Rosa Lindemann, die bis in die 1940er Jahre Spenden sammelten und illegale Quartiere fĂŒr Untergetauchte organisierten. Pohl blieb trotz einer Haftstrafe wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« weiter aktiv, bis sie Ende 1942 als JĂŒdin deportiert und ermordet wurde. Rosa Lindemann hingegen konnte einer Verhaftung entkommen und gemeinsam mit einigen GenossInnen die Hilfe fĂŒr die Verfolgten weiterfĂŒhren.




Quelle: De.indymedia.org