November 29, 2021
Von Graswurzel Revolution
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In seinem Beitrag gibt Maurice Schuhmann eine Übersicht ĂŒber verschiedene Comicwelten. Außer auf Underground-Comix der 1960er sowie auf Raubkopien und Parodien bekannter Serien wirft er insbesondere einen Blick auf Themen, die aus sozialen Bewegungen kommen und zumindest ansatzweise in Mainstream-Comics Eingang gefunden haben. (GWR-Red.)

Nicht erst mit dem Aufkommen des Konzepts der Popantifa in den 1990er-Jahren wurden beliebte Comic-Held*innen unserer Jugend zu Werbeikonen des linken Lifestyles und des Antifaschismus. Bereits Jahre zuvor klebten meist junge Antifas enthusiastisch entsprechend gestaltete Spuckies. Auf einem z. B. zerschlug das Marsupilami das Hakenkreuz, ein anderes zeigte Donald Duck, der gegen den Rassismus wetterte. SpÀter kamen dann Calvin & Hobbes, Akira, Bart Simpson und Co. hinzu.
Die Verbindung von Comic-Held*innen und sozialen Bewegungen bzw. KĂ€mpfen ist sehr vielschichtig. Ein paar Aspekte möchte der Artikel hier an ausgewĂ€hlten Beispielen – meist aus dem Mainstream – beleuchten. Es ist eine subjektive Auswahl. Die Darstellung anarchistischer Geschichte (z. B. Machno-Bewegung, Pariser Commune) oder Biographien (u. a. Emma Goldman, Durruti) werden gesondert in einer der kommenden Ausgaben behandelt.

Bunte Bilder aus dem Underground

In den 1960er-Jahren entdeckte der Underground das Medium Comic. Robert Crumb („Fritz the Cat“, „Mr. Natural“) und Gilbert Shelton („Freak Brothers“, „Fat FreddyÊŒs Cat“) wurden zu Cartoonisten der Szene, die liebevoll deren Macken und Eigenheiten zeichneten.
Gilbert Sheltons „Freak Brothers“ – Fat Freddy Freakowtsky, FreewheelinÊŒ Franklin Freek und Phineas T. Phreak – stellen klassische Stereotypen von SzenemĂ€nnern („Freaks“) dar. Die drei Protagonisten und der unbenannte Kater sind eine liebevolle Karikatur der Hippie-Szene und ihrer Marotten.
Robert Crumb hingegen fokussierte Aspekte wie freie Liebe und SexualitĂ€t. In seinen Comics lebte er auch seine sexuellen Fantasien aus – gerade in der hĂ€ufig sexistischen Darstellung von großen, ĂŒppigen Frauen, die er fetischisierte. Ihm kommt auch die zweifelhafte „Ehre“ zu, dass er als erster Comiczeichner eine Vergewaltigungsszene darstellte (1). Er ist aber auch ein Zeichner, der in seinen Underground-Comics frĂŒhzeitig das Thema Antisemitismus aufgreift und klar Stellung dagegen bezieht. Im Rahmen einer Ausstellung ĂŒber jĂŒdische Comics im Jahr 2010 im JĂŒdischen Museum in Berlin wurde dieser Aspekt nĂ€her beleuchtet. Insgesamt lassen sich seine Comics nach Andreas C. Knigge in zwei Kategorien – einerseits Geschichten mit philosophischem Gehalt, andererseits Geschichten, in denen er seine sexuellen Fetische auslebt –, einteilen.
Gilbert Shelton kann sicherlich neben Wilhelm Busch als eine der wichtigsten Inspirationsquellen fĂŒr den deutschen Zeichner Gerhard Seyfried genannt werden. Er hat Shelton auch liebevoll im Rahmen seines Bandes „Das schwarze Imperium“ skizziert. Seyfried ist sicherlich der in der linken Szene Deutschlands am meisten zitierte Cartoonist. Sein chaotischer Held Zwille ist eine Variation des klassischen Anarchik-Motivs. Gemeinsam mit der Zeichnerin und Musikerin Ziska (Franziska Riemann) hat er u. a. eine anarchistische Utopie („Starship Eden“) (2) entworfen.
Ein anderer Zeichner, der die Befindlichkeiten der Szene abbildete, aber spĂ€ter vor allem fĂŒr seinen proletenhaften Motorradfreak Werner bekannt wurde, ist Brösel (d. i. Rötger Feldmann). Er zeichnete Ende der 1970er-Jahre fĂŒr das Satiremagazin „Pardon“ Comicstrips ĂŒber die Bakuninis, eine Anarchofamilie. Ein Nachdruck bzw. Sammelband mit den Comicstrips fehlt leider bislang.

Comicparodien aus
dem Underground

Manche jener Held*innen meiner Kindheit und Jugend haben in linken Parodien verkappte WiedergĂ€nger*innen gefunden. Allen voran der von Albert Uderzos gezeichnete „Asterix“. Der kleine Gallier und sein liebenswerter Freund Obelix sind die vielleicht am hĂ€ufigsten politisierten Figuren. Dies zeigt sich in einer Vielzahl von linken Parodien. Die bekanntesten sind „Asterix und das HĂŒttendorf“, „Asterix und das Atomkraftwerk“, „OÊŒConnerix in Nordirland“. Der gewitzte und rebellische Gallier, der gegen eine Übermacht von Römern kĂ€mpft, bietet vom Plot eine gute Grundlage. Sein kleines Heimatdorf lĂ€sst sich ebenso gut als HĂŒttendorf wie als besetztes Nordirland lesen. Man bekommt die Hefte z. T. noch ĂŒber klassische Auktionsseiten im Internet fĂŒr BetrĂ€ge im zweistelligen Bereich.
Weit weniger hĂ€ufig wurde „Tintin“ (dt. „Tim & Struppi“) persifliert. Es gibt zwar auch mehrere hochpreisige erotische Persiflagen (z. B. „La vie sexuelle de Tintin“), aber im politischen Kontext ist nur „Breaking Free: The Adventures of Tintin“ von J. Daniels zu benennen. Bereits im Jahr 1988 erschien die Erstauflage des insurrektionalistischen, anarcho-kommunistischen Comics, in dem Tintin Ladendiebstahl propagiert und Molotovcocktails wirft. In den Originalcomics selbst taucht der Begriff „Anarchist“ nur zwei-, dreimal im Rahmen der Geschichte um „König Ottokars Zepter“ auf. Ein Verschwörer tituliert gegenĂŒber dem König, auf den ein Attentat geplant ist, Tintin als Anarchisten, der ihn spĂ€ter darĂŒber aufklĂ€rt, dass er keiner sei. Tintin ist an sich sicherlich keine unkritische Serie. (3)
Auch Donald Duck erlebte bereits die Ehre, zum Helden linker Comics zu werden. Der ewige Pechvogel wurde in einer Persiflage der Hausbesetzer*innen-Szene zu einem der ihren, der sich im Kampf gegen Spekulanten bewĂ€hrt. Die linke Sicht auf den cholerischen Entenonkel hatten dabei lange Zeit Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in „Dialektik der AufklĂ€rung“ geliefert: „Donald Duck in den Cartoons wie die UnglĂŒcklichen in der RealitĂ€t erhalten ihre PrĂŒgel, damit der Zuschauer sich an die eigenen gewöhnen kann.“ (4)
Auch vor den kleinen blauen Gnomen namens „Die SchlĂŒmpfe“ wurde nicht haltgemacht. In dem Band „Der Sympathisanten-Schlumpf“ wurde 1980 die Sympathie mit der Roten Armee Fraktion (RAF) propagiert. Antoine BuĂ©no thematisierte 2011 in seinem Buch „Le Petit Livre Bleu“ neben antisemitischen Tendenzen auch das kommunistische Wirtschaftssystem in Schlumpfhausen, was dieser Version ein StĂŒck weit eine Legitimation verschafft 

Aus anarchistischer Perspektive von Interesse ist die Adaption von „Buffy – Die VampirjĂ€gerin“ im Umfeld der unionistischen Gewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) – „Buffy. The Anarcho-syndicalist – Capitalism bites!“ Statt Vampiren jagt die blonde Heldin nun Kapitalisten. Die Geschichte liest sich mit dem leicht faden Beigeschmack des strukturellen Antisemitismus („blutsaugende Kapitalisten“).

Die Sturmtruppen – Gagcomics
fĂŒr Kriegsdienstverweigerer??

In den 1980er-Jahren bevölkerten Funnies bzw. Gagcomics die Auslagen der Zeitungskioske – „Clever & Smart“, „Kaputt AG & Co. KG“, „Chaos Kids“ – und „Die Sturmtruppen“. Es handelte sich dabei um Lizenzprodukte aus Spanien und Italien, die mit ihren Stand-Up-Comedy-artigen Darstellungen ein junges Publikum zu begeistern wussten. Eine interessante Sonderstellung in jenen fĂŒr den Mainstream konzipierten Comics nahm Bonvis Reihe „Die Sturmtruppen. So war Papis Wehrmacht“ (spĂ€ter: „So war Opas Wehrmacht“) ein. Zeitweilig waren die Comics mit dem Vermerk „Besonders geeignet fĂŒr Kriegsdienstverweigerer, [
] Gewerkschaftler, Studenten und kritische Mitmenschen“ gekennzeichnet. Die meist ein- bis vierseitigen Geschichten, die es sowohl in schwarz-weiß als auch in Farbe gab, parodierten das MilitĂ€r und auch den Faschismus bzw. Nationalsozialismus. Der General heißt darin – den Namen Mussolinis parodierend – Schusselini und rennt unter den Worten „Sieg! Heil!“ voran ins nĂ€chste Verderben. Zeitweilig fĂŒhlt man sich in den Darstellungen an die Geschichten des braven Soldaten Schwejk erinnert. Im Vorwort zu Comictaschenbuch Nr. 18 heißt es: „Die Sturmtruppen des italienischen Zeichners und Satirikers Franco Bonvicini (BONVI) sind ein knallharter Antikriegs-COMIC.“
So begrĂŒĂŸenswert der Antimilitarismus jener Comics war und ist, so problematisch war der Umgang mit Sexismus und Gender. Frauen werden als Sexobjekte und Objekte der Begierde der Soldaten dargestellt, und die Persiflierung der soldatischen MĂ€nnlichkeit erfolgt durch die Darstellung von GenerĂ€len als Transvestiten.

Studierendenbewegung –
Zwischen Superheldentrash und RÀterepubliktrÀumen

„Der Kampf geht weiter, Holger!“ lauteten die vielzitierten Worte von Rudi Dutschke am Grab von Holger Meins. Jene Szene fand u. a. Eingang in ein Comic von Jörg Buttgereit, einen vor allem durch seine trashigen Splatter-Filme bekannten Regisseur. Als Spin-off zu seinem Film „Captain Berlin“ aus seiner Studentenzeit erscheint beim Verlag Weissblech Comics die gleichnamige Comic-Reihe, in der u. a. Rudi als Protagonist in der Rahmenhandlung am Rand auftaucht. Mit der Frage „was wĂ€re gewesen, wenn
 das Attentat auf Rudi Dutschke zum Fanal einer RĂ€terevolution in Westberlin gefĂŒhrt hĂ€tte?“, beschĂ€ftigt sich die Graphic Novel „RĂ€terepublik Westberlin“. Der Autor verrennt sich teilweise in stupiden Klischees und verschenkt die Potenziale, die die Thematik geboten hĂ€tte.
Nicht direkt aus der Studierendenbewegung, aber dafĂŒr in Beziehung zu Ton Steine Scherben steht der Comic „Keine Macht fĂŒr Niemand“ von Wolle. Er hat sich vom gleichnamigen Song fĂŒr eine Hausbesetzer*innen-Geschichte inspirieren lassen.

Black Power goes Marvel

Comics entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern haben einen politischen Kontext. Dies zeigt sich besonders in zwei Marvel-Reihen, die in den letzten Jahren auch erfolgreiche Verfilmungen hatten – einerseits „X-Men“, andererseits „Black Panther“. Sie entstanden zur Zeit der afroamerikanischen BĂŒrgerrechtsbewegung und reflektieren diese zum Teil. Das trifft gerade im Fall der X-Men zu, deren Plot aus dem Konflikt zwischen Menschen und Mutant*innen besteht. Die Mutant*innen werden ausgegrenzt, in ihren Rechten beschnitten und parziell als Feind*innen wahrgenommen. Bei den Mutant*innen kristallisieren sich dabei zwei Lager heraus. Auf der einen Seite findet sich Professor Xavier, der fĂŒr ein friedliches Miteinander von Menschen und Mutant*innen eintritt, auf der anderen Magneto, der militant die Menschen bekĂ€mpfen möchte. Der Comic spiegelt dabei vereinfacht die Situation innerhalb der afroamerikanischen BĂŒrgerrechtsbewegung mit den beiden FĂŒhrungspersönlichkeiten Martin Luther King und Malcolm X wieder. In den letzten Jahren wurde stĂ€rker die Erfahrung der Shoa in die Biographien der Protagonist*innen integriert, was sich bei einzelnen Zeichner*innen und Autor*innen aus ihren eigenen Biographien ergibt. Das ist aber das Thema fĂŒr eine eigene Kolumne.
Der erste afroamerikanische Superheld war „Black Panther“ (ab 1966). Aus heutiger Sicht ist er ein mit klischeegeladenen Stereotypen ĂŒberladender Held – allen voran der rassistische Evergreen des Leopardenfells als KleidungsstĂŒck. Es lassen sich aber auch Verbindungen zur Selbstinszenierung von Black Panthers-MitbegrĂŒnder Huey Newton ziehen.
In neuerer Zeit ist mit „Cyborg“ eine weitere afroamerikanische Figur ins Superheld*innen-Universum eingekehrt. Er kommt weitgehend ohne rassistische Stereotype aus.

„V for Vendetta“ und „Anarky“

Anfang der 1980er-Jahre erschien eine sechsbĂ€ndige dystopische Graphic Novel unter dem Titel „V for Vendetta“. In ihrem Mittelpunkt steht der RĂ€cher V, der sich gegen die mittlerweile in Großbritannien etablierte faschistische Regierung zur Wehr setzt und in der Tradition von Guy Fawkes, dessen Gesicht er stets als Maske trĂ€gt, mit Dynamit hantiert. Autor jener Geschichte war Alan Moore, der nach eigenen Angaben die Politik der britischen Premierministerin Margaret Thatcher entlarven wollte. Dabei hatte die von Zeichner David Lloyd umgesetzte Idee auch eine deutlich anarchistische Komponente, die in der 2005 erschienenen Kinofassung weitgehend verloren ging. Die Graphic Novel sorgte fĂŒr den bis heute anhaltenden Hype fĂŒr Guy-Fawkes-Masken – z. B. beim Hacker-Kollektiv Anonymous.
V selbst erhielt auch in den DC-Comics eine Hommage. Er diente als Vorlage fĂŒr einen neuen Superschurken in Gotham City – Anarky. Der leider nur kurzzeitig auftauchende Charakter in den „Batman“-Comics war eine Modernisierung des klassischen Zerrbildes des Anarchisten – verrĂŒckt und bombenaffin. Dabei wird dieser – Ă€hnlich wie sein Vorbild V – als belesen dargestellt. In seinem BĂŒcherregal stehen u. a. die Werke Michail Bakunins.

„Spirou und Fantasio“
in der Umweltbibliothek

Das Trio bestehend aus Spirou, seinem besten Freund Fantasio und dem niedlichen Eichhörnchen Fips ist ein Klassiker des franco-belgischen Comics. Als erster deutscher Zeichner durfte sich Flix an jener Serie versuchen. Er schickte in „Spirou in Berlin“ (2018) das Trio ins geteilte Berlin – kurz vor der „Wende“, wo sie tolpatschig in eine Sitzung der Redaktion der libertĂ€ren Oppositionszeitung „UmweltblĂ€tter“ geraten. (5) Inhaltlich gibt diese Begegnung nicht viel her fĂŒr die Leser*innen, aber es ist dennoch beachtlich, dass die DDR-Opposition in die ansonsten relativ unpolitische Reihe Eingang fand.
Die DDR-Geschichte und auch die von Subkulturen – vor allem von Punks – ist mittlerweile wiederholt in Comics und Graphic Novels verarbeitet worden – z. B. in „Anders sein. Oder: Der Punk im Schrank“, aber die Umweltbibliothek bzw. ihre „UmweltblĂ€tter“ sind mir dabei nicht untergekommen.

Umweltbildung mit „Captain Planet“ und Vegetarismus bei
den „Simpsons“

In den 1990er-Jahren tauchte in der Comicwelt ein neuer Held auf – Captain Planet. Der Plot war ziemlich einfach gestrickt. Gaia, die Inkarnation der Mutter Erde, erwacht aus einem langen Schlaf wieder. Sie muss dann feststellen, dass die Menschen die Erde zerstören – und sucht sich fĂŒnf Teenager von unterschiedlichen Kontinenten, die sie mit jeweils einer besonderen Macht bestĂŒckt. Gemeinsam können sie Captain Planet rufen, der sie dann tatkrĂ€ftig im Kampf gegen böse UmweltsĂŒnder*innen unterstĂŒtzt. Den pĂ€dagogischen Zeigefinger merkte man besonders dem Ende an, wenn es immer ein paar Tipps zum Umweltschutz im Kleinen gab. Nach nur wenigen Jahren wurde die Reihe wieder eingestellt.
Im Kontext der Funnies, d. h. lustiger Comics im Sinne von Slapstick, wĂ€re noch die lediglich in drei Nummern erschienene Reihe „Flattermann“ zu erwĂ€hnen. Gleich im ersten Band beschĂ€ftigt sich der Comic kritisch mit dem Thema Atomstrom. In anderen BĂ€nden ging es dann u. a. um atomare AufrĂŒstung.
Umweltschutz im Sinne von einem vegetarischen Lebensstil ist auch nur selten zu finden. Eine der beiden bekanntesten Vegetarierinnen ist Lisa Simpson. Die begnadete Jazzposaunistin und Schwester von Bart ist eine reflektierte Vegetarierin. Die zweite Figur ist die pflanzenartige Poison Ivy aus den „Batman“-Comics. Das hat nur einen kleinen Schönheitsfehler – eine Pflanze als Vegetarierin ist ein nicht geklĂ€rtes Paradoxon.

Weibliche Emanzipation
& Riotgrrrls

In der weiten Comicwelt dominiert die Darstellung von „Frauen“ in klassischen Stereotypen – allen voran bei Disney mit der lieben, parziell auch strengen Oma Duck, der zickigen Dame Daisy Duck und der Hexe Gundel Gaukeley, womit vermeintliche weibliche Archetypen abgedeckt werden. Es gab immer wieder Versuche, andere Frauenbilder zu etablieren bzw. Heldinnen, die mit diesen Rollen brachen.
Die erste Heldin im Universum der Superheld*innen war „Wonder Woman“ (in der deutschen Fassung wurde sie mit dem Namen „Wonder Girl“ bekannt und gleichzeitig infantilisiert). Der Erfinder, ein entlassener College-Professor, hatte eine feministische Protagonistin vor Augen, als er jene z. T. sehr stark sexualisierte Figur schuf. Das Fehlen eines mĂ€nnlichen Parts an ihrer Seite war schnell suspekt. Bald stand sie im Verdacht, lesbisch zu sein.
Eine andere Heldin war die Flugbegleiterin „Natascha“, die als Vorbild fĂŒr Heldinnen wie z. B. „Yoko Tsuno“ diente. Im Gegensatz zu den mĂ€nnlichen Protagonisten ist sie mutig und lösungsorientiert, dabei stolpert die blonde Frau auf Highheels und im kurzen Röckchen von einem Abenteuer ins nĂ€chste – in z. T. unverhohlener Erotik.
Ein ganz anderes Bild vertritt die offen bisexuell auftretende Antiheldin „Tank Girl“, die auf den ersten Blick wie die Verkörperung des klassischen Riot-Grrrl-Ideals wirkt. Selbstbewusst und in ihrer BisexualitĂ€t selbstbestimmt, flucht, sĂ€uft, rĂŒlpst und prĂŒgelt sie sich – meist barbusig – durch eine dystopische Welt. An ihrer Seite hat sie das KĂ€nguru, welches in der Verfilmung aus dem Jahr 1995 von dem damals noch aktiven Gangsta-Rapper Ice-T verkörpert wurde. Ist Tank Girl eine Verkörperung des von L7 besungenen „Rebel Girl“ oder nur eine weitere erotische MĂ€nnerfantasie? Wahrscheinlich ĂŒberwiegt Letzteres, obwohl sie gerade in den BĂ€nden gute AnsĂ€tze hatte. Nach einem kurzen Hype ist Tank Girl in der Versenkung verschwunden.
Von besonderem Interesse in Bezug auf den Feminismus ist das Comic-Spin-off der TV-Serie „Xenia – Die Kriegerprinzessin“. WĂ€hrend in der Serie das lesbische LiebesverhĂ€ltnis der Barbarin und ihrer GefĂ€hrtin Gabrielle nur angedeutet wurde, wurde dies in den Comics auf Druck der Fans offen dargestellt – z. B. in einer Kuss-Szene. Xenia ist damit die vielleicht erste (geoutete) lesbische Heldin in Mainstream-Comics gewesen.
Die hier genannten Comicfiguren wurden ausschließlich von cis-MĂ€nnern geschaffen. In der japanischen Manga-Tradition war die Darstellung von lesbischer SexualitĂ€t und Liebe – nicht lediglich im voyeuristischen Sinne – bereits frĂŒhzeitiger ein Thema. Es gibt dort eigene Subgenres fĂŒr schwule und lesbische Manga-Held*innen.

Von Ralf König bis zu LGBTQ+
im Mainstream

Erst kĂŒrzlich hat Ralf König eine Hommage an den Lonely Cowboy „Lucky Luke“ („Zarter Schmelz“) veröffentlicht – und ihm eine homoerotische Komponente eingefĂŒgt. Bereits in der Vergangenheit hat er sich immer wieder klassischer Stoffe, z. B. des als feministisch und antimilitaristisch zu lesenden Texts des TheaterstĂŒcks „Lysistrata“, angenommen, was auch 2002 verfilmt wurde. Einem breiteren Publikum war er bereits durch die mit Til Schweiger in der Hauptrolle verfilmte Comicadaption „Der bewegte Mann“ (1994) bekannt geworden. Er begleitete zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten die deutsche Schwulenbewegung und karikierte liebevoll deren Macken und Neurosen. Nebenbei publizierte er auch im französischen Comicmagazin „Charlie Hebdo“. Neben dem erotischen Zeichner Tom of Finland ist er international gesehen der bekannteste Zeichner homosexueller Comics.
HomosexualitĂ€t in Comics ist spĂ€testens seit den 1940er-Jahren ein vieldiskutiertes Thema. In der einflussreichen Studie „Seduction of the Innocent“ (1954) stellte der deutsch-amerikanische Psychiater Fredric Wertham u. a. die These auf, dass gewisse Superhelden-Comics HomosexualitĂ€t propagieren wĂŒrden. Die Wahnvorstellung der FrĂŒhsexualisierung, die wir auch von Seiten der AfD kennen, ist also ein schon Ă€lteres Schreckgespenst. Das VerhĂ€ltnis von Bruce Wayne (Batman) und dem Waisenknaben Dick (Robin) wurde als homoerotisch gelesen. Die Reaktion darauf war die EinfĂŒhrung von weiblichen Charakteren – von Catwoman bis Batgirl. Gerade Erstgenannte wurde stark sexuell aufgeladen. Ihr klassisches GanzkörperkostĂŒm ist heute in fast jedem Sexshop als sexy Outfit erhĂ€ltlich.
Erst im Jahr 2021 durfte in einem Mainstream-Comic ein homosexueller Kuss zwischen Superboy und Aquaman stattfinden. Die Homosexuellenbewegung an sich hat noch keinen Eingang in die Comic-Universen gefunden. Auf lesbischer Seite waren es wie oben erwÀhnt wahrscheinlich Xenia und Gabrielle.
Feministische Comic-Heldinnen und Zeichnerinnen wie z. B. „Emma“-Karikaturistin Franziska Becker haben es bislang leider nicht geschafft, im Mainstream lĂ€ngerfristig Fuß zu fassen. Es gibt zwar bereits eine Reihe von feministischen Zeichnerinnen und Karikaturistinnen (6), aber bis auf wenige Ausnahmen ist die Leser*innenschaft ĂŒberschaubar.
Dies ist nur ein erster – und bei weitem nicht vollstĂ€ndiger – Überblick und Einstieg in die Thematik. Ab Anfang 2022 wird es in der Graswurzelrevolution eine Kolumne rund um Bildergeschichten, Comics, Graphic Novels und Mangas geben. Im Rahmen dessen werden einzelne Aspekte noch vertieft und noch nicht angesprochene bearbeitet.




Quelle: Graswurzel.net