MĂ€rz 2, 2022
Von Anarchistische Bibliothek
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Der Nationalismus wurde in diesem Jahrhundert bereits mehrere Male fĂŒr tot erklĂ€rt:

– nach dem Ersten Weltkrieg, als die letzten Imperien Europas, das österreichische und das tĂŒrkische, in selbstbestimmte Nationen aufgebrochen wurden und keine Nationalisten ohne Nation ĂŒbrig blieben, bis auf die Zionisten;

– nach dem bolschewistischen Staatsstreich, als gesagt wurde, dass die KĂ€mpfe der Bourgeoisie um Selbstbestimmung fortan von den KĂ€mpfen der Arbeiter abgelöst wĂŒrden, welche kein Vaterland hĂ€tten;

– nach der militĂ€rischen Niederlage des faschistischen Italiens und des nationalsozialistischen Deutschlands, als die Genozide, Folgeerscheinungen des Nationalismus, fĂŒr alle sichtbar gemacht worden waren, und man dachte, dass Nationalismus als Credo und als Praxis fĂŒr immer diskreditiert sei.

Doch vierzig Jahre nach der militĂ€rischen Niederlage der Faschisten und der Nationalsozialisten können wir sehen, dass der Nationalismus nicht nur ĂŒberlebt hat, sondern auch wiedergeboren wurde, eine Neubelebung erfahren hat. Der Nationalismus wurde nicht nur von der sogenannten Rechten wiederbelebt, sondern auch und vor allem von der sogenannten Linken. Nach dem nationalsozialistischen Krieg hat der Nationalismus aufgehört an Konservative gebunden zu sein, wurde das Credo und die Praxis von RevolutionĂ€ren, und erwies sich als einziges revolutionĂ€res Credo, das tatsĂ€chlich funktionierte.

Linke oder revolutionĂ€re Nationalisten bestehen darauf, dass ihr Nationalismus nichts mit dem Nationalismus der Faschisten und der Nationalsozialisten zu tun hĂ€tte, dass der ihre der Nationalismus der UnterdrĂŒckten sei, dass dieser sowohl persönliche als auch kulturelle Befreiung böte. Die Behauptungen der revolutionĂ€ren Nationalisten werden weltweit von den beiden Ă€ltesten, anhaltenden hierarchischen Institutionen verbreitet, die bis in unsere Zeit ĂŒberlebt haben: dem chinesischen Staat und, erst kĂŒrzlich, der katholische Kirche. Aktuell wird fĂŒr Nationalismus als Strategie, Wissenschaft und Theologie der Befreiung geworben, als die ErfĂŒllung des Diktums der AufklĂ€rung, dass Wissen Macht sei, als eine bewiesene Antwort auf die Frage Was muss getan werden?

Um diese Behauptungen anzugreifen und sie im Kontext zu betrachten, muss ich fragen, was Nationalismus eigentlich ist – nicht nur der neue, revolutionĂ€re Nationalismus, sondern auch der alte, konservative. Ich kann nicht damit beginnen, diesen Begriff zu definieren, denn Nationalismus ist kein Wort mit einer statischen Definition; er ist ein Begriff, der eine Reihe an verschiedenen historischen Erfahrungen umfasst. Ich werde damit beginnen, einige dieser Erfahrungen grob zu umreißen.

Einem weitverbreiteten (und leichtglÀubigen) Irrglauben zufolge ist Imperialismus relativ neu, besteht aus der Kolonisierung der ganzen Welt und ist das letzte Stadium des Kapitalismus. Diese Diagnose bietet eine spezifische Kur: Nationalismus wird als Gegenmittel gegen Imperialismus angepriesen: nationalen Befreiungskriegen wird nachgesagt, dass sie das kapitalistische Imperium zerschlagen könnten.

Diese Diagnose dient einem Zweck, doch sie beschreibt weder irgendein Ereignis noch eine Situation. Wir kommen der Wahrheit nĂ€her, wenn wir diese Konzeption auf den Kopf stellen und sagen, dass Imperialismus das erste Stadium des Kapitalismus war, dass die Welt StĂŒck fĂŒr StĂŒck von Nationalstaaten kolonisiert wurde und dass Nationalismus das vorherrschende, aktuelle und (hoffentlich) das letzte Stadium des Kapitalismus ist. Die Eckpfeiler dieser Betrachtung wurden nicht erst gestern entdeckt; sie sind ebenso vertraut wie der Irrglaube, der sie leugnet.

Es ist aus verschiedensten guten GrĂŒnden bequem gewesen zu vergessen, dass bis in die letzten Jahrhunderte die vorherrschenden MĂ€chte Eurasiens keine Nationalstaaten, sondern Imperien waren. Ein Himmlisches Reich, beherrscht von der Ming-Dynastie, ein islamisches Imperium, beherrscht von der ottomanischen Dynastie, und ein katholisches Imperium, beherrscht von der Dynastie der Habsburger, wetteiferten um den Besitz der bekannten Welt. Von den dreien waren die Katholiken nicht die ersten Imperialisten, sondern die letzten. Das Himmlische Reich der Ming herrschte ĂŒber fast ganz Ostasien und hatte riesige Handelsflotten nach Übersee entsandt, und das ein Jahrhundert bevor die seefahrenden Katholiken in Mexiko einfielen.

Die Zelebranten der katholischen Großtaten vergessen, dass der chinesische imperiale BĂŒrokrat Cheng Ho zwischen 1420 und 1430 Seeexpeditionen mit 70.000 Mann kommandierte und nicht nur zur nahegelegenen Malaiischen Halbinsel, nach Indonesien und Ceylon segelte, sondern auch weit vom heimischen Hafen entfernt in den Persischen Golf, zum Roten Meer und nach Afrika. Die Zelebranten der katholischen Conquistadores reden auch die imperialen Großtaten der Ottomanen klein, die alles bis auf die westlichstgelegenen Provinzen des frĂŒheren römischen Reiches eroberten, ĂŒber Nordafrika, Arabien, den mittleren Osten und halb Europa herrschten, den Mittelmeerraum kontrollierten und an die Tore von Wien hĂ€mmerten. Die imperialen Katholiken segelten westwĂ€rts, ĂŒber die Grenzen der bekannten Welt hinaus, um der Einkreisung zu entkommen.

Trotzdem waren es die imperialen Katholiken, die »Amerika entdeckten«, und die genozidale Zerstörung und PlĂŒnderung ihrer »Entdeckung« verĂ€nderte das KrĂ€ftegleichgewicht der eurasischen Imperien.

WĂ€ren imperiale Chinesen oder TĂŒrken weniger todbringend gewesen, wenn sie »Amerika entdeckt« hĂ€tten? Alle drei Imperien betrachteten Fremde als nicht ganz menschlich und deshalb als legitime Beute. Die Chinesen betrachteten andere als Barbaren; die Muslime und die Katholiken betrachteten andere als UnglĂ€ubige. Der Begriff UnglĂ€ubiger ist nicht so brutal wie der Begriff Barbar, denn ein UnglĂ€ubiger hört durch den simplen Akt der Konvertierung zum wahren Glauben auf legitime Beute zu sein und wird zu einem vollwertigen Menschen, wĂ€hrend ein·e Barbar·in Beute bleibt, bis sie oder er durch den Zivilisierer umgemodelt worden ist.

Der Begriff UnglĂ€ubiger und die Moral dahinter trat mit der Praxis des katholischen Invasoren in Konflikt. Der Widerspruch zwischen GelĂŒbden und Handlungen wurde von einem sehr frĂŒhen Kritiker identifiziert, ein Priester namens Las Casas, der bemerkte, dass die Konvertierungszeremonien VorwĂ€nde seien, um die Unkonvertierten zu trennen und zu vernichten, und dass die Konvertiten nicht als Mitkatholiken behandelt wurden, sondern als Sklaven.

Las Casas’ Kritiken bewirkten kaum mehr, als die katholische Kirche und dessen Imperator in Verlegenheit zu bringen. Gesetze wurden erlassen und Ermittler entsandt, aber ohne großen Effekt, denn die beiden Ziele der katholischen Expeditionen, Konvertierung und PlĂŒnderungen, waren widersprĂŒchlich. Die meisten KirchenmĂ€nner fanden sich damit ab das Gold zu sichern und die Seelen zu verdammen. Der katholische Imperator wurde immer abhĂ€ngiger vom erbeuteten Reichtum, um den imperialen Haushalt, die Armee und die Flotten, die die Beute transportierten, zu bezahlen.

PlĂŒnderung hatte weiterhin Vorrang vor der Konvertierung, doch die Katholiken blieben weiterhin verlegen. Ihre Ideologie passte nicht so ganz zu ihrer Praxis. Die Katholiken hielten viel von ihrer Unterwerfung der Azteken und der Inkas, welche sie als Imperien beschrieben, die Ă€hnliche Institutionen besĂ€ĂŸen wie das Habsburger Imperium und religiöse Praktiken hĂ€tten, die so dĂ€monisch seien wie jene des offiziellen Feindes, des heidnischen Imperiums der ottomanischen TĂŒrken. Jedoch hielten die Katholiken nicht so viel von den Vernichtungskriegen gegen Gemeinschaften, die weder Herrscher noch stehende Armeen besaßen. Solche Großtaten, auch wenn sie regelmĂ€ĂŸig verĂŒbt wurden, traten mit der Ideologie in Konflikt und waren alles andere als heroisch.

Der Widerspruch zwischen den GelĂŒbden der Invasoren und ihren Handlungen wurde von den imperialen Katholiken nicht gelöst. Er wurde von VorlĂ€ufern einer neuen sozialen Form, des Nationalstaats, gelöst. Zwei VorlĂ€ufer erschienen im selben Jahr, 1561, als einer der Übersee-Abenteurer des Imperators seine UnabhĂ€ngigkeit vom Imperium verkĂŒndete, und mehrere der Bankiers und Versorger des Imperators einen UnabhĂ€ngigkeitskrieg starteten.

Der Übersee-Abenteurer, Lope de Aguirre, versagte darin UnterstĂŒtzung zu mobilisieren und wurde hingerichtet.

Die Bankiers und Versorger des Imperators mobiliserten die Einwohner mehrer imperialer Provinzen und waren erfolgreich darin diese Provinzen vom Imperium abzutrennen (Provinzen, die spÀter Holland genannt wurden).

Diese zwei Ereignisse waren noch keine nationalen BefreiungskĂ€mpfe. Sie waren Vorboten der Zukunft. Sie waren auch ein Andenken aus der Vergangenheit. Im vergangenen Römischen Imperium waren PrĂ€torianergarden eingestellt worden, um den Imperator zu beschĂŒtzen; die Garden hatten immer mehr die Funktionen des Imperators ĂŒbernommen und hatten letzten Endes anstatt des Imperators die imperiale Macht ausgeĂŒbt. Im Arabischen Islamischen Reich hatte der Kalif tĂŒrkische LeibwĂ€chter eingestellt, um seine Person zu beschĂŒtzen; die tĂŒrkischen Garden, wie die frĂŒheren PrĂ€torianer, hatten immer mehr die Funktionen des Kalifen ĂŒbernommen und hatten schlussendlich den imperialen Palast ĂŒbernommen, ebenso wie das imperiale Amt.

Lope de Aguirre und die hollĂ€ndischen Granden waren nicht die LeibwĂ€chter des Habsburger Monarchen, doch der andine koloniale Abenteurer und die hollĂ€ndischen Kommerz- und FinanzhĂ€user ĂŒbten tatsĂ€chlich wichtige imperiale Funktionen aus. Diese Rebellen, wie die frĂŒheren römischen und tĂŒrkischen WĂ€chter, wollten sich von der spirituellen UnwĂŒrde und der materiellen Last, dem Imperator zu dienen, befreien; sie ĂŒbten bereits die Macht des Imperators aus; der Imperator war fĂŒr sie nicht mehr als ein Parasit.

Der koloniale Abenteurer Aguirre war als Rebell offensichtlich unfÀhig; seine Zeit war noch nicht gekommen gewesen.

Die hollĂ€ndischen Granden waren nicht unfĂ€hig und ihre Zeit war gekommen gewesen. Sie stĂŒrzten das Imperium nicht; sie rationalisierten es. Die hollĂ€ndischen Finanz- und KommerzhĂ€user besaßen bereits viel des Reichtums aus der Neuen Welt; sie hatten es als Bezahlung fĂŒr die Versorgung der Flotten, Armeen und des Haushalts des Imperators erhalten. Nun brachen sie auf, um die Kolonien in eigenem Namen und zu ihrem eigenen Profit auszuplĂŒndern, befreit von einem parasitĂ€ren Lehnsherren. Und da sie keine Katholiken waren, sondern calvinistische Protestanten, wurden sie von keinem Widerspruch zwischen GelĂŒbden und Taten in Verlegenheit gebracht. Sie hatten nicht gelobt Seelen zu retten. Ihr Calvinismus hatte ihnen gelehrt, dass ein unergrĂŒndlicher Gott alle Seelen mit Beginn der Zeit gerettet oder verdammt hĂ€tte und dass kein hollĂ€ndischer Priester Gottes Plan verĂ€ndern könne.

Die HollĂ€nder waren keine Kreuzritter; sie beschrĂ€nkten sich auf unheroische, emotionslose, geschĂ€ftsmĂ€ĂŸige PlĂŒnderungen, kalkuliert und regularisiert; die plĂŒndernden Flotten fuhren nach Zeitplan ab und kehrten auch nach ihm zurĂŒck. Die Tatsache, dass die ausgeraubten Fremden UnglĂ€ubige waren, wurde weniger wichtig als die Tatsache, dass sie keine HollĂ€nder waren.

Westeurasische Wegbereiter des Nationalismus prÀgten den Begriffe Wilde. Dieser Begriff war ein Synonym des osteurasischen Begriffs Barbaren des Himmlischen Reiches. Beide Begriffe bestimmten Menschen zu legitimer Beute.

Im Lauf der folgenden zwei Jahrhunderte wurden die Invasionen, Unterjochungen und Enteignungen, die von den Habsburgern initiiert worden waren, von anderen europÀischen KönigshÀusern nachgeahmt.

Durch die Brille der nationalistischen Historiker sieht es so aus, als seien die ursprĂŒnglichen Kolonisatoren ebenso wie ihre spĂ€teren Imitatoren Nationen gewesen: Spanien, Holland, England, Frankreich. Aber aus einem Blickwinkel der Vergangenheit gesehen sind die KolonialmĂ€chte die Habsburger, die Tudors, die Stuarts, die Bourbons, die Oranges – und zwar Dynastien, die identisch mit den dynastischen Familien waren, die sich seit dem Untergang des Westlichen Römischen Reiches bekriegten. Die Invasoren können aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden, weil ein Wandel stattfand. Die EntitĂ€ten waren nicht lĂ€nger feudale Staaten, aber sie waren auch noch keine vollentwickelten Nationen; sie besaßen bereits einige, aber noch nicht alle Attribute eines Nationalstaats. Das bezeichnendste fehlende Element war die nationale Armee. Die Tudors und Bourbons manipulierten bereits die englische bzw. die französische IdentitĂ€t ihrer Subjekte, insbesondere in Zeiten von Kriegen gegen die Subjekte eines anderen Monarchen. Aber weder Schotten und Iren, noch Korsen und Provençale wurden rekrutiert, um fĂŒr die »Liebe zu ihrem Vaterland« zu kĂ€mpfen und zu sterben. Krieg war eine beschwerliche feudale BĂŒrde, war Fronarbeit; die einzigen Freiwilligen waren Abenteurer, die von Gold trĂ€umten; die einzigen Patrioten waren Patrioten des Eldorado.

Die Dogmen, die das nationalistische Credo werden wĂŒrden, reizten die herrschenden Dynasten nicht, die an ihren eigenen, altbewĂ€hrten Dogmen festhielten. Die neuen Dogmen reizten die höheren Bediensteten des Dynasten, seine Geldleiher, seine GewĂŒrzhĂ€ndler, MilitĂ€rversorger und KolonienplĂŒnderer. Diese Menschen, wie Lope de Aguirre und die niederlĂ€ndischen Granden, wie die frĂŒheren römischen und tĂŒrkischen Wachen, ĂŒbten SchlĂŒsselfunktionen aus, blieben jedoch Bedienstete. Viele, wenn nicht die meisten brannten darauf die UnwĂŒrde und die Last abzuschĂŒtteln, den parasitĂ€ren Lehnsherren loszuwerden, die Ausbeutung der Bauern und die PlĂŒnderung der Kolonien in ihrem eigenen Namen und zu ihrem eigenen Profit fortzusetzen.

SpĂ€ter als Bourgeoisie oder Mittelklasse bekannt, waren diese Menschen seit den Tagen der ersten westwĂ€rts-gerichteten Flotten reich und mĂ€chtig geworden. Ein Teil ihres Vermögens kam von den geplĂŒnderten Kolonien, als Bezahlung fĂŒr die Dienste, die sie dem Imperator verkauft hatten; diese Vermögenssumme wĂŒrde spĂ€ter ursprĂŒngliche Akkumulation des Kapitals genannt werden. Ein anderer Teil ihres Vermögens kam von der PlĂŒnderung ihrer eigenen lokalen Bauernschaft und Nachbarn, mithilfe einer Methode, die spĂ€ter Kapitalismus genannt werden wĂŒrde; die Methode war alles in allem nicht neu, aber sie wurde weitverbreitet, nachdem die Mittelklassen das Silber und Gold der Neuen Welt in ihre HĂ€nde bekommen hatten.

Diese Mittelklassen ĂŒbten wichtige Macht aus, aber sie waren noch nicht darin geĂŒbt die zentrale politische Macht auszuĂŒben. In England stĂŒrzten sie einen Monarchen und riefen eine Republik aus, aber aus Angst, dass die Energien der Bevölkerung, die sie gegen die Oberklasse mobilisiert hatten, sich gegen die Mittelklasse richten könnten, setzten sie bald wieder einen anderen Monarchen desselben dynastischen Hauses ein.

Der Nationalismus entfaltete sich bis in die spĂ€ten 1700er Jahre nicht wirklich, ehe zwei Explosionen, dreizehn Jahre voneinander entfernt, die relative Stellung der beiden oberen Klassen umkehrten und fĂŒr immer die politische Geographie der Erdkugel verĂ€nderten. 1776 wiederholten KolonialhĂ€ndler und Abenteurer Aguirres Großtat und erklĂ€rten ihre UnabhĂ€ngigkeit vom herrschenden Überseedynasten, ĂŒbertrafen ihren VorgĂ€nger, indem sie ihre Mitsiedler mobilisierten und waren erfolgreich darin sich vom hannoveranischen British Empire abzuspalten. Und 1789 ĂŒbertrafen aufgeklĂ€rte Kaufleute und Schreiberlinge ihre niederlĂ€ndischen Vorreiter, indem sie nicht nur einige wenige, außenliegende Provinzen mobilisierten, sondern die gesamte Bevölkerung der Untertanen, indem sie den herrschenden bourbonischen Monarchen stĂŒrzten und erschlugen und indem sie alle feudalen Bande in nationale Bande umwandelten. Diese beiden Ereignisse markierten das Ende einer Ära. Fortan wurden selbst die ĂŒberlebenden Dynastien hastig oder allmĂ€hlich Nationalisten, und die verbleibenden königlichen LĂ€ndereien nahmen immer mehr die Attribute von Nationalstaaten an.

Die zwei Revolutionen im achtzehnten Jahrhundert waren sehr unterschiedlich und sie trugen unterschiedliche und sogar einander widersprechende Elemente zum Credo und der Praxis des Nationalismus bei. Ich habe nicht vor diese Ereignisse hier zu analysieren, sondern lediglich der Leserin einige der Elemente in Erinnerung zu rufen.

Beide Revolutionen brachen mit dem Band der Lehnstreue gegenĂŒber einem monarchischen Haus und beide endeten mit der Etablierung von kapitalistischen Nationalstaaten, aber zwischen dem ersten und dem letzten Akt hatten sie wenig gemeinsam. Die Hauptanimateure beider Revolten waren mit den rationalistischen Doktrinen der AufklĂ€rung vertraut, aber die selbsternannten Amerikaner beschrĂ€nkten sich auf politische Probleme, insbesondere auf das Problem, eine Staatsmaschinerie zu etablieren, die dort aufnehmen konnte, wo König Georg abgegangen war. Viele der Franzosen gingen deutlich weiter; sie warfen das Problem auf, nicht nur den Staat zu restrukturieren, sondern die ganze Gesellschaft; sie griffen nicht nur das Band zwischen Untertan und Monarch an, sondern auch das zwischen Sklave und Herr, ein Band, das den Amerikanern heilig blieb. Beide Gruppen waren unzweifelhaft mit den Beobachtungen von Jean-Jacques Rousseau vertraut, dass Menschen frei geboren wurden, jedoch ĂŒberall in Ketten gelegt wĂŒrden, doch die Franzosen verstanden die Ketten tiefgehender und gaben sich mehr MĂŒhe diese zu durchbrechen.

Genauso von rationalistischen Doktrinen beeinflusst wie es Rousseau selbst gewesen ist, versuchten die französischen RevolutionĂ€re soziale Vernunft auf die menschliche Umgebung auf dieselbe Art und Weise anzuwenden, wie man auch damit begonnen hatte, die natĂŒrliche Vernunft oder Wissenschaft auf die natĂŒrliche Umgebung anzuwenden. Rousseau hatte an seinem Schreibtisch gearbeitet; er hatte versucht soziale Gerechtigkeit auf dem Papier zu etablieren, indem er die menschlichen Angelegenheiten einer EntitĂ€t anvertraute, die den Gemeinwillen verkörperte. Die RevolutionĂ€re machten sich grĂŒndlich Gedanken, wie man nicht nur auf dem Papier soziale Gerechtigkeit etablieren kann, aber inmitten von mobilisierten und bewaffneten Menschen erzĂŒrnten viele von ihnen, die meisten von ihnen waren arm.

Rousseaus abstrakte EntitĂ€t nahm die konkrete Form eines Komitees fĂŒr Öffentliche Sicherheit (oder Öffentliche Gesundheit) an, eine Polizeiorganisation, die sich selbst als die Verkörperung des Gemeinwillens betrachtete. Die rechtschaffenen Mitglieder des Komitees wandten gewissenhaft die Entdeckungen der Vernunft auf menschliche Angelegenheiten an. Sie betrachteten sich selbst als die Chirurgen der Nation. Sie schnitten ihre persönlichen Obsessionen mithilfe der staatlichen Rasierklinge in die Gesellschaft.

Die Anwendung der Wissenschaft auf die Umwelt nahm die Form von systematischem Terror an. Das Werkzeug der Vernunft und der Gerechtigkeit war die Guillotine.

Der Terror enthauptete die ehemaligen Herrscher und wandte sich dann gegen die RevolutionÀre.

Die Angst beförderte eine Reaktion, die den Terror ebenso wie die Gerechtigkeit fortschwemmte. Die mobilisierte Energie blutdĂŒrstiger Patrioten wurde außer Landes geschickt, um die AufklĂ€rung Fremden durch Gewalt aufzuzwingen, um die Nation zu einem Imperium auszuweiten. Die Versorgung nationaler Armeen war weitaus lukrativer, als die Versorgung feudaler Armeen jemals gewesen ist, und frĂŒhere RevolutionĂ€re wurden reiche und mĂ€chtige Mitglieder der Mittelklasse, welche nun die obersten Klasse war, die herrschende Klasse. Der Terror ebenso wie die Kriege vermachten dem Credo und der Praxis des spĂ€teren Nationalismus ein verhĂ€ngnisvolles Erbe.

Das Erbe der Amerikanischen Revolution war von ganz und gar anderer Art. Die Amerikaner waren weniger um Gerechtigkeit besorgt, sondern vielmehr besorgt um Eigentum.

Die Siedler-Invasoren der OstkĂŒste des nördlichen Kontinents brauchten Georg von Hannover auch nicht dringender, als Lope de Aguirre Philipp von Habsburg gebraucht hatte. Oder anders, die Reichen und MĂ€chtigen unter den Siedlern brauchten König Georgs Apparat, um ihren Reichtum zu beschĂŒtzen, aber nicht um ihn zu gewinnen. Wenn sie in der Lage wĂ€ren einen eigenen Repressionsapparat zu organisieren, wĂŒrden sie König Georg ĂŒberhaupt nicht brauchen.

Sich ihrer FĂ€higkeit einen eigenen Apparat ins Leben zu rufen gewiss, fanden die kolonialen Sklavenhalter, Landspekulanten, Produktexporteure und Bankiers die Steuern und Erlasse des Königs unertrĂ€glich. Der unertrĂ€glichste Erlass des Königs war der Erlass, der zeitweilig das nicht genehmigte Eindringen in die LĂ€nder der ursprĂŒnglichen Bewohner:innen des Kontinents verbot; die Berater des Königs hatten ein Auge auf die Tierfelle geworfen, die von indigenen JĂ€ger:innen geliefert wurden; die revolutionĂ€ren Landspekulanten hatten ihres auf das Land der JĂ€ger:innen geworfen.

Anders als Aguirre gelang es den föderierten Kolonisatoren des Nordens ihren eigenen unabhĂ€ngigen Repressionsapparat zu etablieren und sie taten dies, indem sie ein Minimum an Verlangen nach Gerechtigkeit schĂŒrten; ihr Ziel war es die Macht des Königs zu stĂŒrzen, nicht ihre eigene. Anstatt sich exzessiv auf ihre weniger wohlhabenden Mitsiedler oder Hinterwald-Besetzer zu stĂŒtzen, ganz zu schweigen von ihren Sklav:innen, stĂŒtzten sich diese RevolutionĂ€re auf Söldner und auf die unentbehrliche Hilfe des bourbonischen Monarchen, der einige Jahre spĂ€ter durch rechtschaffenere RevolutionĂ€re gestĂŒrzt werden sollte.

Die nordamerikanischen Kolonisatoren brachen die traditionellen Bande der Lehnstreue und der feudalen Pflicht, allerdings, anders als die Franzosen, ersetzten sie die traditionellen Bande nur allmĂ€hlich mit Banden des Patriotismus und der nationalen Einheit. Sie waren nicht ganz eine Nation; ihre zurĂŒckhaltende Mobilisierung der kolonialen Landbevölkerung hatte sie nicht zu Einem zusammengeschweißt, und die vielsprachige, multikulturelle und sozial gespaltene zugrundeliegende Bevölkerung widerstand einer solchen Verschmelzung. Der neue Repressionsapparat war noch nicht bewĂ€hrt und er verlangte nicht die ungeteilte LoyalitĂ€t der zugrundeliegenden Bevölkerung, die noch nicht patriotisch war. Etwas anderes wurde benötigt. Sklavenhalter, die ihren König gestĂŒrzt hatten, befĂŒrchteten, dass ihre Sklav:innen genauso ihre Herr:innen stĂŒrzen könnten; der Aufstand in Haiti machte diese Angst weniger hypothetisch. Und auch wenn sie nicht lĂ€nger befĂŒrchteten von den indigenen Einwohner:innen des Kontinents ins Meer zurĂŒckgedrĂ€ngt zu werden, sorgten sich die Kaufleute und Spekulanten um ihre FĂ€higkeit, weiter in das Innere des Kontinents vorzustoßen.

Die amerikanischen Siedler-Invasoren setzten ein Werkzeug ein, das anders als die Guillotine keine neue Erfindung, allerdings genauso tödlich war. Dieses Instrument wĂŒrde spĂ€ter Rassismus genannt werden und es wĂŒrde in die nationalistische Praxis eingebettet werden. Rassismus, ebenso wie spĂ€tere Produkte der praxisorientierten Amerikaner:innen, war ein pragmatisches Prinzip; sein Inhalt war nicht wichtig; was zĂ€hlte, war, dass es funktionierte.

Menschen wurden in Bezug auf ihre niedrigsten und oberflĂ€chlichsten gemeinsamen Nenner mobilisiert und sie reagierten darauf. Menschen, die ihre Dörfer und ihre Familien zurĂŒckgelassen hatten, die ihre Sprache vergaßen und ihre Kultur verloren, deren geselliges Wesen beinahe entleert war, wurden manipuliert, ihre Hautfarbe als einen Ersatz fĂŒr all das anzusehen, was sie verloren hatten. Sie wurden auf etwas stolz gemacht, das weder eine persönliche Leistung noch wenigstens, wie Sprache, eine persönliche Errungenschaft war. Sie wurden zu einer Nation weißer MĂ€nner verschmolzen. (Weiße Frauen und Kinder existierten lediglich als skalpierte Opfer, als Beweise fĂŒr die BestialitĂ€t der Jagdbeute.) Das Ausmaß der Entleerung wird durch die Nichtdinge entlarvt, die die weißen MĂ€nner miteinander teilten: weißes Blut, weiße Gedanken und Mitgliedschaft in einer weißen Rasse. Schuldner, Besetzer und Angestellte hatten als weiße MĂ€nner alles mit Bankiers, Landspekulanten und Plantagenbesitzern gemeinsam und nichts mit RothĂ€uten, SchwarzhĂ€uten oder GelbhĂ€uten. Durch ein solches Prinzip zusammengeschweißt konnten sie damit auch mobilisiert werden, in weiße Mobs, Lynchmobs, »IndianerbekĂ€mpfer« verwandelt werden.

Rassismus war ursprĂŒnglich eine von mehreren Methoden zur Mobilisierung kolonialer Armeen gewesen, und auch wenn er in Amerika umfassender ausgenutzt wurde, als es jemals vorher der Fall gewesen war, ersetzte er die anderen Methoden nicht, sondern ergĂ€nzte sie eher. Die Opfer der einfallenden Pioniere wurden immer noch als UnglĂ€ubige beschrieben, als Heiden. Aber die Pioniere, wie die frĂŒheren NiederlĂ€nder, waren ĂŒberwiegend protestantische Christen, und sie betrachteten Heidentum als etwas, das bestraft werden musste, nicht geheilt. Die Opfer wurden auch weiterhin als Wilde, Kannibalen und Primitive bezeichnet, aber auch diese Begriffe hörten auf Diagnosen von ZustĂ€nden zu sein, die geheilt werden konnten, und neigten dazu Synonyme fĂŒr nicht-weiß zu werden, ein Zustand, der nicht geheilt werden konnte. Rassismus war eine Ideologie, die perfekt zu einer Praxis der Versklavung und Vernichtung passte.

Der Lynchmob-Ansatz, das Zusammenrotten gegen Opfer, die als minderwertig betrachtet wurden, gefiel Bullies, deren Menschlichkeit verkĂŒmmert war und denen jeder Begriff von ehrlichem Spiel fehlte. Doch dieser Ansatz gefiel nicht allen. Amerikanische GeschĂ€ftsmĂ€nner, teils Gauner und teils Hochstapler, boten fĂŒr jeden etwas. FĂŒr die zahlreichen heiligen George mit irgendeinem Begriff von Ehre und einem großen Durst nach Heroismus, wurde der Feind etwas anders skizziert; fĂŒr sie gab es Nationen, die so reich und mĂ€chtig waren wie ihre eigenen, in den WĂ€ldern hinter den Bergen und an den Ufern der Great Lakes.

Diejenigen, die die heroischen Heldentaten der imperialen Spanier zelebrierten, hatten Imperien in Zentralmexiko und in den Anden gefunden. Diejenigen, die nationalistische amerikanische Helden feierten, fanden Nationen; sie verwandelten verzweifelte Verteidigungen von an-archischen Dorfbewohner:innen in internationale Verschwörungen, die von militĂ€rischen Archonten wie etwa General Pontiac und General Tecumseh ausgeklĂŒgelt worden wĂ€ren; sie bevölkerten die WĂ€lder mit fantastischen nationalen AnfĂŒhrern, effizienten GeneralstĂ€ben und Armeen unzĂ€hliger patriotischer Truppen; sie projizierten ihre eigenen Repressionsstrukturen in das Unbekannte; sie sahen eine exakte Kopie ihrer selbst, in umgekehrten Farben – etwa wie ein fotografisches Negativ. Der Feind wurde so zum EbenbĂŒrtigen im Hinblick auf Struktur, Macht und Ziele. Krieg gegen einen solchen Feind war nicht nur ehrlich; er war eine fĂŒrchterliche Notwendigkeit, eine Sache von Leben und Tod. Die anderen Attribute des Feindes – das Heidentum, die Wildheit, der Kannibalismus – machten die Aufgaben der Enteignung, der Versklavung und der Vernichtung umso dringlicher, machten diese Taten umso heroischer.

Das Repertoire des nationalistischen Programms war nun mehr oder weniger vollstĂ€ndig. Diese Aussage mag den Leser verblĂŒffen, der noch keine »realen Nationen« im Feld wahrnehmen kann. Die Vereinigten Staaten waren immer noch eine Sammlung vielsprachiger und multikultureller »EthnizitĂ€ten«, und die französische Nation hatte ihre Grenzen ĂŒberschwemmt und sich selbst in ein napoleonisches Imperium verwandelt. Die Leserin mag versucht sein, eine Definition einer Nation als ein organisiertes Territorium anzulegen, das aus Leuten besteht, die eine gemeinsame Sprache, Religion und GebrĂ€uche teilen, oder zumindest eins von den dreien. Solch eine Definition, klar, oberflĂ€chlich und statisch, ist keine Beschreibung des PhĂ€nomens, sondern eine Entschuldigung dafĂŒr, eine Rechtfertigung. Das PhĂ€nomen war keine statische Definition, sondern ein dynamischer Prozess. Die gemeinsame Sprache, Religion und GebrĂ€uche, wie das weiße Blut der amerikanischen Kolonisatoren, waren reine VorwĂ€nde, Instrumente zur Mobilisierung von Armeen. Die Krönung des Prozesses war keine Verehrung der Gemeinsamkeiten, sondern eine Entleerung, ein totaler Verlust von Sprache, Religion und GebrĂ€uchen; die Bewohner:innen einer Nation sprachen die Sprache des Kapitals, huldigten dem Altar des Staates und beschrĂ€nkten ihre GebrĂ€uche auf diejenigen, die von der nationalen Polizei erlaubt wurden.

Der Nationalismus ist nur im Bereich der Definitionen das Gegenteil des Imperialismus. In der Praxis war der Nationalismus eine Methodologie, um das Imperium des Kapitals zu dirigieren.

Das stetige Anwachsen des Kapitals, auf das sich oft als materialistischer Fortschritt, ökonomische Entwicklung oder Industrialisierung bezogen wird, war die HauptaktivitĂ€t der Mittelklasse, der sogenannten Bourgeoisie, weil Kapital das war, was sie besaßen, es war ihr Eigentum; die Oberklassen besaßen LĂ€ndereien.

Die Entdeckung von neuen Welten des Reichtums hatten diese Mittelklassen enorm reich gemacht, hatte sie allerdings auch verletzlich gemacht. Den Königen und Noblen, die ursprĂŒnglich den geraubten Reichtum der neuen Welt versammelten, missfiel es, alles bis auf wenigen TrophĂ€en an ihre Mittelklasse-Kaufleute zu verlieren. Das war unvermeidbar. Der Reichtum kam nicht in verwertbarer Form an; die Kaufleute belieferten den König mit Dingen, die er gebrauchen konnte, im Austausch fĂŒr die geraubten SchĂ€tze. Trotzdem hatten die Monarchen, die dabei zusahen, wie sie immer Ă€rmer wurden, wĂ€hrend ihre Kaufleute reich wurden, keine Bedenken ihr bewaffnetes Gefolge zu benutzen, um die reichen Kaufleute auszurauben. Die Folge war, dass die Mittelklassen stetige Verletzungen unter dem alten Regime erlitten – Verletzungen ihres Eigentums. Die Armee und Polizei des Königs waren keine verlĂ€sslichen BeschĂŒtzer des Eigentums der Mittelklasse, und die mĂ€chtigen Kaufleute, die bereits die GeschĂ€fte des Reiches steuerten, trafen Maßnahmen, um der InstabilitĂ€t ein Ende zu setzen; sie nahmen die Politik ebenfalls in die HĂ€nde. Sie hĂ€tten Privatarmeen anstellen können, und sie taten das auch oft. Aber sobald Instrumente zur Mobilisierung von nationalen Armeen und nationalen PolizeikrĂ€ften am Horizont erschienen, bedienten sich die verletzten GeschĂ€ftsmĂ€nner ihrer. Die Haupttugend einer nationalen Streitmacht ist, dass sie garantiert, dass ein patriotischer Angestellter Seite an Seite mit seinem eigenen Boss Krieg gegen den Angestellten eines feindlichen Bosses fĂŒhren wird.

Die StabilitĂ€t, die durch einen nationalen Repressionsapparat gesichert wurde, verschaffte den Besitzern so etwas wie ein Treibhaus, in welchem ihr Kapital wachsen, sich vermehren, sich vervielfachen konnte. Der Begriff »wachsen« und seine Ableitungen kamen aus dem eigenen Vokabular der Kapitalisten. Diese Personen betrachten eine Einheit des Kapitals als ein Korn oder Samen, den sie in fruchtbaren Boden investieren. Im FrĂŒhling sehen sie eine Pflanze aus jedem Samen wachsen. Im Sommer ernten sie so viele Samen von jeder Pflanze, dass, nachdem der Boden, die Sonne und der Regen bezahlt wurden, sie immer noch mehr Samen haben, als sie ursprĂŒnglich hatten. Im Folgejahr vergrĂ¶ĂŸern sie ihr Feld und allmĂ€hlich verbessert sich die ganze Landschaft. In Wirklichkeit sind die ersten »Körner« Geld; der Sonnenschein und der Regen sind die aufgewandten Energien der Arbeiter; die Pflanzen sind Fabriken, Betriebe und Minen, die geernteten FrĂŒchte sind Waren, StĂŒckchen einer verarbeiteten Welt; und der Exzess oder die zusĂ€tzlichen Körner, die Profite sind VergĂŒtungen, die der Kapitalist selbst behĂ€lt, anstatt sie unter den Arbeitern aufzuteilen.

Der Prozess als Ganzes bestand darin, die natĂŒrlichen Materialien in verkĂ€ufliche Artikel oder Waren zu verarbeiten und die Lohnarbeiter in den verarbeitenden Pflanzen einzusperren.

Die Hochzeit des Kapitals mit der Wissenschaft war fĂŒr den großen Sprung nach vorn dahin verantwortlich, in was wir heute leben. Reine Wissenschaftler entdeckten die Komponenten, in welche die natĂŒrliche Umwelt zerlegt werden konnte; Investoren setzten ihre Pferde auf die verschiedenen Methoden der Zerlegung; angewandte Wissenschaftler oder Manager sorgten dafĂŒr, dass die Lohnarbeiter:innen in ihrer Verantwortung die Projekte durchfĂŒhrten. Sozialwissenschaftler suchten nach Wegen, die Arbeiter weniger menschlich, effizienter und maschinenĂ€hnlicher zu machen. Dank der Wissenschaft waren Kapitalisten in der Lage viel der natĂŒrlichen Umwelt in eine verarbeitete Welt zu verwandeln, in KĂŒnstliches, und die meisten Menschen auf effiziente Anbieter des KĂŒnstlichen zu reduzieren.

Der Prozess der kapitalistischen Produktion wurde von vielen Philosophen und Dichtern analysiert und kritisiert, vor allem von Karl Marx, dessen Kritiken militante soziale Bewegungen belebten und weiterhin beleben. Marx hatte einen signifikanten blinden Fleck. Marx war ein enthusiastischer UnterstĂŒtzer des Kampfes der Bourgeoisie gegen die feudalen Bande – wer war in jenen Tagen kein Enthusiast? Er, der beobachtet hatte, dass die herrrschenden Ideen einer Epoche die der herrschenden Klasse waren, teilte viele der Ideen der neu ermĂ€chtigten Mittelklasse. Er war ein Enthusiast der AufklĂ€rung, des Rationalismus, des materiellen Fortschritts. Es war Marx, der aufschlussreich darlegte, dass jedes Mal, wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft reproduzierte, jede Minute, die er seiner zugewiesenen Aufgabe widmete, er den materiellen und sozialen Apparat vergrĂ¶ĂŸerte, der ihn entmenschlichte. Doch derselbe Marx war ein Enthusiast der Anwendung der Wissenschaft auf die Produktion.

Marx erstellte eine sorgfĂ€ltige Analyse des Produktionsprozesses als Ausbeutung der Arbeit, aber er macht nur oberflĂ€chliche und zurĂŒckhaltende Kommentare zur Grundvoraussetzung der kapitalistischen Produktion, zum ursprĂŒnglichen Kapital, das den Prozess möglich machte. Ohne das ursprĂŒngliche Kapital hĂ€tte es keine Investitionen geben können, keine Produktion, keinen großen Sprung nach vorn. Diese Grundvoraussetzung wurde vom frĂŒhen sowjetischen russischen marxistischen Preobraschenski analysiert, der sich mehrere Einsichten der polnischen Marxistin Rosa Luxemburg lieh, um seine Theorie der ursprĂŒnglichen Akkumulation zu formulieren. Mit ursprĂŒnglich meinte Preobraschenski das Fundament des kapitalistischen GebĂ€udes, die Grundvoraussetzung. Diese Grundvoraussetzung kann nicht aus dem kapitalistischen Produktionsprozess selbst hervortreten, denn dieser Prozess ist noch nicht im Gange. Sie muss, was sie auch tut, von außerhalb des Produktionsprozesses kommen. Sie kommt aus den geplĂŒnderten Kolonien. Sie kommt von den ausgebeuteten und enteigneten Bevölkerungen der Kolonien. In frĂŒheren Zeiten, als es noch keine Überseekolonien gab, war das erste Kapital, die Grundvoraussetzung fĂŒr die kapitalistische Produktion, aus den internen Kolonien gequetscht worden, aus den ausgeraubten Bauern, deren Land umzĂ€unt und deren Ernte beschlagnahmt wurde, aus den vertriebenen Juden und Muslimen, deren BesitztĂŒmer enteignet wurden.

Die ursprĂŒngliche Akkumulation von Kapital ist nichts, das einmal passiert ist, in weiter Vergangenheit, und danach nie wieder. Sie ist etwas, das weiterhin den kapitalistischen Produktionsprozess begleitet, und sie ist ein integraler Bestandteil dessen. Der von Marx beschriebene Prozess ist fĂŒr die regulĂ€ren und erwarteten Profite verantwortlich; der Prozess, der von Preobraschenski beschrieben wird, ist fĂŒr die Starts verantwortlich, fĂŒr die unerwarteten Profite und die großen SprĂŒnge nach vorn. Die regulĂ€ren Profite werden regelmĂ€ĂŸig von Krisen, die im System beheimatet sind, zerstört; neue Injektionen ursprĂŒnglichen Kapitals sind das einzig bekannte Heilmittel gegen die Krisen. Ohne eine fortwĂ€hrende ursprĂŒngliche Akkumulation des Kapitals wĂŒrde der Produktionsprozess stoppen; jede Krise wĂŒrde dazu tendieren permanent zu werden.

Genozid, die rational kalkulierte Auslöschung menschlicher Bevölkerungen, die als legitime Beute bestimmt werden, ist keine Verirrung in einem ansonsten friedlichen Marsch des Fortschritts. Genozid ist eine Grundvoraussetzung dieses Fortschritts. Deshalb waren nationale StreitkrĂ€fte unverzichtbar fĂŒr die Verwalter des Kapitals. Diese KrĂ€fte beschĂŒtzten nicht nur die Eigner des Kapitals vor dem aufstĂ€ndischen Ingrimm ihrer eigenen ausgebeuteten Lohnarbeiter. Diese KrĂ€fte erbeuteten auch den Heiligen Gral, die Wunderlampe, das ursprĂŒngliche Kapital, indem sie die Tore widerstĂ€ndiger oder unwiderstĂ€ndiger Außenseiter einrissen, indem sie plĂŒnderten, deportierten und ermordeten.

Die Fußstapfen der Nationalarmeen sind die Spuren des Marschs des Fortschritts. Diese patriotischen Armeen waren und sind immer noch das siebte Weltwunder. In ihnen liegt der Wolf Seite an Seite mit dem Lamm, die Spinne Seite an Seite mit der Fliege. In ihnen waren ausgebeutete Arbeiter die Kumpanen der Ausbeuter, verschuldete Bauern die Kumpanen der Kreditgeber, die GutglĂ€ubigen die Kumpanen der BetrĂŒger in einer Kameradschaft, die nicht durch Liebe angeregt wird, sondern durch Hass – Hass auf potenzielle Quellen des ursprĂŒnglichen Kapitals, die als UnglĂ€ubige, Wilde, minderwertige Rassen bestimmt werden.

In menschliche Gemeinschaften, so vielfĂ€ltig in ihren Gepflogenheiten und Anschauungen wie Vögel Federkleider haben, wurde eingefallen, sie wurden beraubt und letztlich jenseits jeglicher Vorstellungskraft ausgelöscht. Die Kleidung und die Artefakte der verschwundenen Gemeinschaften wurden als TrophĂ€en zusammengesammelt und in Museen ausgestellt, als zusĂ€tzliche Spuren des Marschs des Fortschritts; die ausgestorbenen Anschauungen und Gepflogenheiten wurden die KuriositĂ€ten einer weiteren der vielen Wissenschaften des Eindringlings. Die enteigneten Felder, WĂ€lder und Tiere wurden als Goldgruben gesammelt, als ursprĂŒngliches Kapital, als die Voraussetzung fĂŒr den Produktionsprozess, der darin bestand, die Felder in Farmen, die BĂ€ume in Holz, die Tiere in HĂŒte, die Mineralien in Munition, die menschlichen Überlebenden in billige ArbeitskrĂ€fte zu verwanden. Genozid war und ist immer noch die Voraussetzung, der Grundpfeiler und die Grundlage des militaro-industriellen Komplexes, der verarbeiteten Umwelt, der Welt der BĂŒros und der ParkplĂ€tze.

Der Nationalismus war so perfekt fĂŒr seine doppelte Aufgabe geeignet, die Domestizierung der Arbeiter und die PlĂŒnderung der Fremden, dass er allen gefiel – also allen, die eine Portion Kapital handhabten oder anstrebten dieses handzuhaben.

WĂ€hrend des neunzehnten Jahrhunderts, insbesondere wĂ€hrend dessen zweiter HĂ€lfte entdeckte jeder Eigner von investierbarem Kapital, dass er Wurzeln in der mobilisierbaren Landbevölkerung hatte, die seine Muttersprache sprach und die Götter seiner VĂ€ter anbetete. Der Eifer eines solchen Nationalisten war durchsichtig zynisch, da er schließlich der Landsmann war, der keine Wurzeln mehr in der Mutter- oder Vater-Sippe hatte; er fand seine Erlösung in seinen Einsparungen, betete zu seinen Investitionen und sprach die Sprache der Kostenrechnung. Aber er hatte von den Amerikanern und den Franzosen gelernt, dass auch wenn er die Landbevölkerung nicht als loyale Angestellte, Klienten und Kunden mobilisieren konnte, er sie als loyale Mititaliener, Griechen oder Deutsche, als loyale Mitkatholiken, Orthodoxe oder Protestanten mobilisieren konnte. Sprachen, Religionen und GebrĂ€uche wurden Schweißmaterial fĂŒr die Konstruktion der Nationalstaaten.

Die Schweißmaterialien waren Mittel, keine Zwecke. Das Ziel von nationalen EntitĂ€ten war nicht Sprachen, Religionen oder GebrĂ€uche zu entwickeln, sondern nationale Ökonomien zu entwickeln, die Landbevölkerung in Arbeiter und Soldaten zu verwandeln, das Vaterland in Minen und Fabriken zu verwandeln, dynastische Besitzungen in kapitalistische Unternehmen zu verwandeln. Ohne das Kapital konnte es keine Munition oder VersorgungsgĂŒter geben, keine nationale Armee, keine Nation.

Einsparungen und Investitionen, Marktforschung und Kostenrechnung, die Obsessionen der rationalistischen frĂŒheren Mittelklassen wurden die herrschenden Obsessionen. Diese rationalistischen Obsessionen wurden nicht nur souverĂ€n, sondern auch exklusiv. Individuen, die andere Obsessionen verkörperten, irrationale, wurden in TollhĂ€user weggesteckt, in Irrenanstalten.

Die Nationen waren ĂŒblicherweise, was sie aber nicht lĂ€nger sein mussten, monotheistisch; der frĂŒhere Gott oder die Götter hatten ihre Wichtigkeit verloren, außer als Schweißmaterial. Die Nationen waren mono-obsessiv, und wenn Monotheismus der herrschenden Obsession diente, dann wurde auch er mobilisiert.

Der Erste Weltkrieg markierte das Ende einer Phase des Nationalisierungsprozesses, der Phase, die mit der Amerikanischen und der Französischen Revolution begonnen hatte, der Phase, die sich deutlich frĂŒher durch die ErklĂ€rung von Aguirre und der Revolte der niederlĂ€ndischen Granden angekĂŒndigt hatte. Die kollidierenden AnsprĂŒche alter und neu konstituierter Nationen waren tatsĂ€chlich die Ursachen dieses Krieges. Deutschland, Italien und Japan, ebenso wie Griechenland, Serbien und das koloniale Lateinamerika hatten bereits die meisten Attribute ihrer nationalistischen VorgĂ€nger ĂŒbernommen, sie waren nationale Reiche, Monarchien und Republiken geworden, und die mĂ€chtigeren unter den Neuankömmlingen strebten danach das hauptsĂ€chlich fehlende Attribut zu ĂŒbernehmen, das Kolonialreich. WĂ€hrend dieses Krieges konstituierten sich all die mobilisierbaren Komponenten der beiden ĂŒberbleibenden dynastischen Imperien, die Ottomanen und die Habsburger, zu Nationen. Wenn Bourgeoisien unterschiedlicher Sprachen und Religionen, so wie die TĂŒrken und die Armenier, dasselbe Gebiet beanspruchten, wurde der SchwĂ€chere wie die sogenannten Indianer behandelt; sie wurden vernichtet. Nationale SouverĂ€nitĂ€t und Genozid leiteten – und leiten sich immer noch – voneinander ab.

Eine gemeinsame Sprache und Religion scheinen die Ableitungen von nationaler IdentitĂ€t zu sein, aber nur aufgrund einer optischen TĂ€uschung. Als Schweißmaterialien wurden Sprachen und Religionen genutzt, wenn sie ihrem Ziel dienten, und verworfen, wenn sie es nicht taten. Weder die vielsprachige Schweiz noch das multi-religiöse Jugoslawien wurden aus der Familie der Nationen verbannt. Nasenformen und die Haarfarbe hĂ€tten auch verwendet werden können, um Patrioten zu mobiliseren – was spĂ€ter auch gemacht wurde. Das geteilte Erbe, die Wurzeln und Gemeinsamkeiten musste nur ein Kriterium erfĂŒllen, das Kriterium der pragmatischen Vernunft nach amerikanischer Art: funktionierten sie? Was auch immer funktionierte, wurde verwendet. Die geteilten ZĂŒge waren wichtig, nicht wegen ihres kulturellen, historischen oder philosophischen Gehalts, sondern weil sie nĂŒtzlich fĂŒr die Organisierung einer Polizei waren, um das nationale Eigentum zu beschĂŒtzen und um eine Armee zur PlĂŒnderung der Kolonien zu mobilisieren.

Sobald eine Nation konstituiert war, konnten Menschen, die im nationalen Territorium lebten, aber nicht die nationalen ZĂŒge besaßen, in interne Kolonien verwandelt werden, also in Quellen ursprĂŒnglichen Kapitals. Ohne ursprĂŒngliches Kapital konnte keine Nation eine große Nation werden, und Nationen, die GrĂ¶ĂŸe anstrebten, aber denen adĂ€quate Überseekolonien fehlten, konnten darauf zurĂŒckgreifen, diejenigen ihrer Landsleute auszurauben, zu vernichten und zu enteignen, die nicht die nationalen ZĂŒge trugen.

Die Etablierung der Nationalstaaten wurde mit euphorischem Enthusiasmus von Dichtern ebenso wie von Bauern begrĂŒĂŸt, die dachten, dass ihre Musen oder ihre Götter endlich auf die Erde herabgestiegen waren. Die Haupt-Spaßbremsen inmitten der wehenden Banner und fliegenden Konfettis waren die alten Herrscher, die Kolonisierten und die JĂŒnger von Karl Marx.

Die GestĂŒrzten und die Kolonisierten waren aus offensichtlichen GrĂŒnden unenthusiastisch.

Die JĂŒnger von Marx waren unenthusiastisch, weil sie vom Meister gelernt hatten, dass nationale Befreiung nationale Ausbeutung bedeutete, dass die nationale Regierung das Exekutivkomitee der nationalen Klasse der Kapitalisten war, dass die Nation nichts fĂŒr Arbeiter hatte als Ketten. Diese Strategen fĂŒr die Arbeiter, die selbst keine Arbeiter waren, waren so bourgeois wie die herrschenden Kapitalisten, erklĂ€rten, dass die Arbeiter kein Land hĂ€tten und organisierten sich in einer Internationale. Diese Internationale teilte sich in drei, und jede dieser Internationalen bewegte sich mehr und mehr in das Feld von Marx’ blindem Fleck.

Die Erste Internationale wurde von Marx’ einmaligem russischen Übersetzer und dann Antagonisten Bakunin davongetragen, ein unverbesserlicher Rebell, der ein glĂŒhender Nationalist gewesen war, bis er durch Marx von Ausbeutung hörte. Bakunin und seine GefĂ€hrt:innen, Rebellen gegen jede AutoritĂ€t, rebellierten auch gegen die AutoritĂ€t von Marx; sie verdĂ€chtigten Marx des Versuchs die Internationale in einen Staat zu verwandeln, der so repressiv wĂ€re wie der feudale und nationale zusammen. Bakunin und seine AnhĂ€nger waren eindeutig in ihrer Ablehnung aller Staaten, aber sie waren zweideutig bei kapitalistischen Unternehmen. Sogar mehr als Marx glorifizierten sie die Wissenschaft, feierten materiellen Fortschritt und begrĂŒĂŸten die Industrialisierung. Da sie Rebellen waren, betrachteten sie jeden Kampf als einen guten Kampf, aber der beste aller KĂ€mpfe war der gegen die alten Feinde der Bourgeoisie, der Kampf gegen feudale Gutsherren und die katholische Kirche. Deshalb blĂŒhte die bakuninistische Internationale in Orten wie Spanien, wo die Bourgeoisie ihren UnabhĂ€ngigkeitskampf noch nicht vollendet hatte, sich jedoch stattdessen mit feudalen Baronen und der Kirche zusammengetan hatte, um sich vor aufstĂ€ndischen Arbeitern und Bauern zu schĂŒtzen. Die Bakuninisten kĂ€mpften, um die bourgeoise Revolution ohne und gegen die Bourgeoisie zu vollenden. Sie nannten sich selbst Anarchisten und verachteten alle Staaten, aber fingen nicht damit an zu erklĂ€ren, wie sie die erste oder die darauffolgende Industrie, den Fortschritt und die Wissenschaft, also das Kapital, ohne eine Armee und eine Polizei beschaffen wĂŒrden. Sie hatten nie eine reale Chance ihren Widerspruch in der Praxis aufzulösen, und heutige Bakuninisten haben ihn immer noch nicht aufgelöst, ihnen ist noch nicht einmal bewusst geworden, dass es einen Widerspruch zwischen Anarchie und Industrie gibt.

Die Zweite Internationale, weniger rebellisch als die erste, arrangierte sich schnell mit dem Kapital ebenso wie mit dem Staat. Solide in Marx’ blindem Fleck verschanzt, wurden die Professoren dieser Organisation nicht in irgendeinen bakuninistischen Widerspruch verstrickt. FĂŒr sie war es offensichtlich, dass die Ausbeutung und die PlĂŒnderung notwendige Bedingungen fĂŒr den materiellen Fortschritt waren, und sie versöhnten sich realistischerweise mit dem, was man nicht Ă€ndern konnte. Alles, wonach sie fragten, war ein grĂ¶ĂŸerer Anteil an den ErtrĂ€gen fĂŒr die Arbeiter und BĂŒros im politischen Establishment fĂŒr sich selbst, als ReprĂ€sentanten der Arbeiter. Wie die guten Gewerkschafter, die ihnen vorangegangen waren und die ihnen nachfolgten, waren die sozialistischen Professoren von »der kolonialen Frage« unangenehm berĂŒhrt, aber ihr Unbehagen, wie das von Philipp Habsburg, verschaffte ihnen lediglich ein schlechtes Gewissen. Mit der Zeit hörten imperiale deutsche Sozialisten, royale dĂ€nische Sozialisten und republikanische französischen Sozialisten sogar auf, Internationalisten zu sein.

Die Dritte Internationale arrangierte sich nicht nur mit dem Kapital und dem Staat; sie machte sie zu ihrem Ziel. Diese Internationale war nicht von rebellischen oder andersdenkenden Intellektuellen gebildet worden; sie wurde von einem Staat erschaffen, dem russischen Staat, nachdem die Bolschewistische Partei sich in den StaatsbĂŒros eingerichtet hatte. Die HauptbeschĂ€ftigung dieser Internationale war die Großtaten des renovierten russischen Staates, seiner herrschenden Partei und des ParteigrĂŒnders, einen Mann, der sich Lenin nannte, anzupreisen. Die Großtaten dieser Partei und des GrĂŒnders waren tatsĂ€chlich ĂŒberragend, doch die Anpreiser taten ihr Bestes, um zu verstecken, was am ĂŒberragendsten daran war.

Der Erste Weltkrieg hatte zwei große Imperien in einer ZwickmĂŒhle zurĂŒckgelassen. Das Himmlische Reich von China, der Ă€lteste durchgĂ€ngige Staat auf der Welt und das Zarenreich, eine deutlich jĂŒngere Angelegenheit, schwankten bebend zwischen der Aussicht sich in Nationalstaaten zu verwandeln und der Aussicht sich in kleinere Einheiten aufzulösen, wie es ihre ottomanischen und habsburgerischen GegenstĂŒcke getan hatten.

Lenin löste diese ZwickmĂŒhle fĂŒr Russland. Ist eine solche Sache möglich? Marx hatte beobachtet, dass ein einzelnes Individuum keine UmstĂ€nde Ă€ndern konnte; es konnte sie sich nur zunutze machen. Marx hatte vermutlich recht. Lenins Großtat war es nicht die UmstĂ€nde zu Ă€ndern, sondern sie sich auf eine außergewöhnliche Weise zunutze zu machen. Die Großtat war monumental in ihrem Opportunismus.

Lenin war ein russischer Bourgeois, der die SchwĂ€che und UnfĂ€higkeit der russischen Bourgeoisie verfluchte. Ein Enthusiast der kapitalistischen Entwicklung, ein glĂŒhender Verehrer des Fortschritts nach amerikanischer Art, er machte nicht gemeinsame Sache mit jenen, die er verfluchte, sondern mit ihren Feinden, mit den antikapitalistischen JĂŒngern von Marx. Er macht sich Marx’ blinden Fleck zunutze, um Marx’ Kritik am kapitalistischen Produktionsprozess in eine Gebrauchsanweisung fĂŒr die Entwicklung von Kapital zu verwandeln, einen »Wie-man-es-macht«-Ratgeber. Marx’ Studien ĂŒber die Ausbeutung und Verelendung wurden zu Nahrung fĂŒr die Verhungerten, ein Tischlein-Deck-Dich, ein wahrliches FĂŒllhorn. Amerikanische GeschĂ€ftsleute hatten schon Urin als Quellwasser verkauft, aber kein amerikanischer Hochstapler hatte bisher eine Umkehrung einer solchen GrĂ¶ĂŸe hinbekommen.

Keine UmstĂ€nde wurden verĂ€ndert. Jeder Schritt der Inversion wurde mit erhĂ€ltlichen UmstĂ€nden ausgefĂŒhrt, mit altbewĂ€hrten Methoden. Russische Menschen vom Land konnten nicht im Hinblick auf ihr Russischsein oder ihre Orthodoxie oder ihr Weißsein mobilisiert werden, aber sie konnten und wurden im Hinblick auf ihre Ausbeutung, ihre UnterdrĂŒckung, die Jahrhunderte des Leids unter dem Despotismus der Zaren mobilisiert. UnterdrĂŒckung und Ausbeutung wurden Schweißmaterialien. Das lange Leiden unter den Zaren wurde auf dieselbe Weise und fĂŒr denselben Zweck verwendet, wie das Skalpieren der weißen Frauen und Kinder von den Amerikanern benutzt worden war; sie wurden verwendet, um Menschen in Kampfeinheiten zu organisieren, in Embryonen der nationalen Armee und der nationalen Polizei.

Die PrĂ€sentation des Diktators und des Zentralkomitees der Partei als eine Diktatur des befreiten Proletariats schien etwas Neues zu sein, aber sogar das war nur in den Worten neu, die dabei gebraucht wurden. Sie war etwas so Altes wie die Pharaonen und die Lugals des alten Ägyptens und Mesopotamiens, die von Gott auserwĂ€hlt worden waren, um die Menschen anzufĂŒhren, die die Menschen in ihren GesprĂ€chen mit dem Gott verkörperten. Das war ein altbewĂ€hrter Kunstgriff der Herrschenden. Auch wenn die antiken VorgĂ€nger zeitweise vergessen waren, war ein deutlich jĂŒngerer VorgĂ€nger vom Französischen Komitee fĂŒr Öffentliche Gesundheit geboten worden, das sich als Verkörperung des Gemeinwillens der Nation prĂ€sentiert hatte.

Das Ziel, Kommunismus, der Sturz und die Ablösung des Kapitalismus schien auch etwas Neues zu sein, schien eine VerĂ€nderung der UmstĂ€nde zu sein. Aber nur das Wort war neu. Das Ziel des Diktators des Proletariats war immer noch Fortschritt nach amerikanischer Art, kapitalistische Entwicklung, Elektrifizierung, schneller Massentransport, Wissenschaft, die Verarbeitung der natĂŒrlichen Umwelt. Das Ziel war der Kapitalismus, den die schwache und unfĂ€hige russische Bourgeoisie nicht hatte entwickeln können. Mit Marx’ Kapital als ihr Licht und Ratgeber wĂŒrden der Diktator und seine Partei den Kapitalismus in Russland entwickeln; sie wĂŒrden als Ersatzbourgeoisie dienen und sie wĂŒrden die Macht des Staates nicht nur dazu nutzen den Prozess zu kontrollieren, sondern auch um ihn zu starten und zu verwalten.

Lenin lebte nicht lange genug, um seine VirtuositĂ€t als allgemeiner Manager des russischen Kapitals unter Beweis zu stellen, aber sein Nachfolger Stalin bewies umfĂ€nglich die Macht der Maschine des GrĂŒnders. Der erste Schritt war die ursprĂŒngliche Akkumulation des Kapitals. Wenn Marx nicht besonders klar darĂŒber gewesen ist, so war Preobraschenski Ă€ußerst klar. Preobraschenski wurde ins GefĂ€ngnis gesperrt, aber seine Beschreibung der altbewĂ€hrten Methoden zur Beschaffung ursprĂŒnglichen Kapitals wurde auf das weitlĂ€ufige Russland angewendet. Das ursprĂŒngliche Kapital englischer, amerikanischer, belgischer und anderer Kapitalisten war von geplĂŒnderten Überseekolonien gekommen. Russland hatte keine Überseekolonien. Dieses Manko war kein Hindernis. Die gesamten russischen lĂ€ndlichen Gegenden wurden in eine Kolonie verwandelt.

Die ersten Quellen ursprĂŒnglichen Kapitals waren Kulaks, Bauern, die Dinge besaßen, die es wert waren geraubt zu werden. Diese Aktion war so erfolgreich, dass sie auch auf die restlichen Bauern angewendet wurde, mit der rationalen Erwartung, dass aus kleinen geraubten Summen von vielen Menschen ein beachtlicher Schatz herausspringen wĂŒrde.

Die Bauern waren nicht die einzigen Kolonisierten. Die alte herrschende Klasse war bereits sorgfĂ€ltig ihres Reichtums und ihres Eigentums enteignet worden, aber es wurden noch andere Quellen ursprĂŒnglichen Kapitals gefunden. Mit der TotalitĂ€t der Staatsmacht in ihren HĂ€nden konzentriert entdeckten die Diktatoren bald, dass sie Quellen der ursprĂŒnglichen Akkumulation erschaffen konnten. Erfolgreiche Unternehmer, unzufriedene Arbeiter und Bauern, Militante konkurrierender Organisationen, sogar desillusionierte Parteimitglieder konnten zu KonterrevolutionĂ€ren erklĂ€rt, zusammengetrieben, enteignet und in Arbeitslager verschippert werden. All die Deportationen, Massenhinrichtungen und Enteignungen frĂŒherer Kolonisatoren wurden in Russland wiederholt.

FrĂŒherere Konolisatoren, da sie Pioniere waren, mussten herumprobieren. Die russischen Diktatoren mussten nicht herumprobieren. Zu ihrer Zeit waren alle Methoden zur Beschaffung ursprĂŒnglichen Kapitals bereits geprĂŒft und erprobt und konnten wissenschaftlich angewandt werden. Russisches Kapital entwickelte sich in einer vollkommen kontrollierten Umgebung, einem Treibhaus; jeder Hebel, jede Variable wurde von der nationalen Polizei kontrolliert. Funktionen, die dem Zufall oder anderen Körpern in weniger kontrollierten Umgebungen ĂŒberlassen worden waren, fielen der Polizei im russischen Treibhaus zu. Der Fakt, dass die Konolisierten sich nicht außerhalb, sondern innen befanden und deshalb nicht der Eroberung, sondern der Verhaftung ausgesetzt waren, steigerte die Rolle und die GrĂ¶ĂŸe der Polizei noch mehr. Mit der Zeit wurde die allmĂ€chtige und allgegenwĂ€rtige Polizei die sichtbare AusdĂŒnstung und Verkörperung des Proletariats, und Kommunismus wurde ein Synonym fĂŒr totale Polizeiorganisation und -kontrolle.

Lenins Erwartungen waren nichtsdestotrotz nicht vollstĂ€ndig durch das russische Treibhaus verwirklicht. Die Polizei-als-Kapitalistin wirkte Wunder bei der Beschaffung ursprĂŒnglichen Kapitals von enteigneten KonterrevolutionĂ€ren, aber sie schlug sich nicht annĂ€hernd so gut bei der Verwaltung des kapitalistischen Produktionsprozesses. Es mag noch etwas frĂŒh sein, um das sicher sagen zu können, aber bis heute ist die PolizeibĂŒrokratie mindestens genauso unfĂ€hig in dieser Rolle gewesen wie die Bourgeoisie, die Lenin so verflucht hatte; ihre FĂ€higkeit immer neue Quellen ursprĂŒnglichen Kapitals zu entdecken, scheint alles zu sein, das das Ganze am Leben hĂ€lt.

Auch der Reiz dieses Apparates ist nicht auf der Höhe von Lenins Erwartungen. Der leninistische Polizeiapparat ĂŒbte keinen Reiz auf GeschĂ€ftsleute oder etablierte Politiker aus; er hat sich nicht als ĂŒberlegene Methode zur Verwaltung des Produktionsprozesses anempfohlen. Er ĂŒbt seinen Reiz auf eine etwas andere soziale Klasse aus, eine Klasse, die ich knapp zu beschreiben versuchen werde, und er hat sich dieser Klasse hauptrangig als eine Methode anempfohlen, um die nationale Macht zu ergreifen und nachrangig als eine Methode zur ursprĂŒnglichen Akkumulation des Kapitals.

Die Erben von Lenin und Stalin sind nicht die aktuellen prĂ€torianischen Wachen, die aktuellen AusĂŒber ökonomischer und politischer Macht im Namen oder zum Profit eines ĂŒberflĂŒssigen Monarchen; sie sind Stellvertreter-PrĂ€torianer gewesen, Studierende ökonomischer und politischer Macht, die daran verzweifelten jemals sogar eine niedrigere Machtposition zu erreichen. Das leninistische Modell hat solchen Menschen die Aussicht ermöglicht, die niedrigen Positionen zu ĂŒberspringen und direkt in den Zentralpalast zu gelangen.

Die Erben von Lenin waren Beamte und unwichtige FunktionĂ€re, Menschen wie Mussolini, Mao Zedong und Hitler, Menschen, die, wie Lenin selbst, ihre schwachen und unfĂ€higen Bourgeoisien dafĂŒr verfluchten darin versagt zu haben, die GrĂ¶ĂŸe ihrer Nationen herzustellen.

(Ich zĂ€hle die Zionisten als Erben Lenins nicht mit, weil sie zu einer frĂŒheren Generation gehören. Sie waren Lenins Zeitgenossen, die, vielleicht unabhĂ€ngig, die Macht der Verfolgung und des Leids als Schweißmaterialien fĂŒr die Mobilisierung einer nationalen Armee und Polizei entdeckt hatten. Die Zionisten trugen ihr Eigenes dazu bei. Ihre Behandlung einer verstreuten religiösen Bevölkerung als eine Nation, ihre Auferlegung des kapitalistischen Nationalstaates als A und O dieser Bevölkerung, und ihre Reduzierung eines religiösen Erbes auf ein rassisches Erbe, trugen signifikante Elemente zur nationalistischen Methodologie bei und hatten verhĂ€ngnisvolle Konsequenzen, als sie von einer Bevölkerung, die als »Deutsche Rasse« zusammengeschweißt wurde, auf eine Bevölkerung an Juden, die nicht alle Zionisten waren, angewendet wurde.)

Mussolini, Mao Zedong und Hitler durchschnitten den Vorhang der Slogans und sahen Lenins und Stalins Großtaten als das, was sie waren: erfolgreiche Methoden zur Ergreifung und Aufrechterhaltung der Staatsmacht. Alle drei trimmten die Methodologie auf ihre Essenz herunter. Der erste Schritt war sich mit gleichgesinnten Studierenden der Macht zu verbĂŒnden und den Kern der Polizeiorganisation zu bilden, eine Truppe, die nach Lenin Die Partei genannt wurde. Der nĂ€chste Schritt war eine Massenbasis zu rekrutieren, die verfĂŒgbaren Truppen und Truppenversorger. Der dritte Schritt war den Staatsapparat zu erobern, den Theoretiker im Amt des Duce, Vorsitzenden und des FĂŒhrers einzurichten, Polizei- und Verwaltungsfunktionen unter der Elite oder dem Kader aufzuteilen und die Massenbasis zur Arbeit zu schicken. Der vierte Schritt war das ursprĂŒngliche Kapital zu sichern, das nötig war, um einen militaro-industriellen Komplex zu reparieren oder zu starten, der in der Lage war, den nationalen AnfĂŒhrer und den Kader, die Polizei und die Armee, die industriellen Manager zu unterstĂŒtzen; ohne dieses Kapital konnte es keine Waffen geben, keine Macht, keine Nation.

Lenins Erben trimmten die Methodologie noch weiter, in ihren Rekrutierungskampagnen, indem sie die kapitalistische Ausbeutung minimierten und sich auf die nationale UnterdrĂŒckung konzentrierten. Von Ausbeutung zu reden diente nicht lĂ€nger einem Zweck und war tatsĂ€chlich peinlich geworden, da es fĂŒr alle offensichtlich war, insbesondere fĂŒr Lohnarbeiter, dass erfolgreiche RevolutionĂ€re die Lohnarbeit nicht beendet, sondern ihre DomĂ€ne sogar ausgeweitet hatten.

Da sie so pragmatisch wie amerikanische GeschÀftsleute waren, sprachen die neuen RevolutionÀre nicht von Befreiung von der Lohnarbeit, sondern von nationaler Befreiung. Diese Art Befreiung war nicht der Traum romantischer Utopisten; sie war prÀzise das, was möglich war, und alles, das in der existierenden Welt möglich war; man musste sich lediglich bereits existierende UmstÀnde zunutze machen, um sie zu realisieren. Nationale Befreiung bestand aus der Befreiung des nationalen Vorsitzenden und der nationalen Polizei von den Ketten der Machtlosigkeit; die Amtseinsetzung des Vorsitzenden und die Etablierung der Polizei waren keine Luftschlösser, sondern Komponenten einer bewÀhrten Strategie, einer Wissenschaft.

Faschistische und nationalsozialistische Parteien waren die ersten, die bewiesen, dass diese Strategie funktionierte, dass die Großtat der Bolschewistischen Partei wiederholt werden konnte. Die nationalen Vorsitzenden und ihre StĂ€be richteten sich an der Macht ein und zogen aus, das ursprĂŒngliche Kapital fĂŒr die nationale GrĂ¶ĂŸe zu beschaffen. Die Faschisten stießen in eine der letzten uneroberten Regionen Afrikas vor und pressten sie so aus, wie frĂŒhere Industrialisierer ihre kolonialen Imperien ausgepresst hatten. Die Nationalsozialisten nahmen die Juden, eine innere Bevölkerung, die ebenso lange Mitglied des »geeinten Deutschlands« gewesen war wie alle anderen Deutschen, als erste Quelle der ursprĂŒnglichen Akkumulation ins Visier, weil viele Juden, wie viele von Stalins Kulaks, Dinge besaßen, die es wert waren geraubt zu werden.

Die Zionisten waren den Nationalsozialisten vorausgegangen, als sie eine Religion auf eine Rasse reduzierten, und die Nationalsozialisten konnten auf die amerikanischen Pioniere zurĂŒckblicken, um Wege zu finden, wie man das Instrument des Rassismus benutzte. Hitlers Elite musste nur den Korpus der amerikanischen rassistischen Forschung ĂŒbersetzen, um ihre wissenschaftlichen Institute mit umfangreichen Bibliotheken auszustatten. Die Nationalsozialisten gingen mit den Juden ziemlich auf die gleiche Weise um, wie die Amerikaner frĂŒher mit der indigenen Bevölkerung in Nordamerika umgegangen sind, außer dass die Nationalsozialisten eine spĂ€tere und deutlich mĂ€chtigere Technologie fĂŒr die Aufgabe Menschen zu deportieren, zu enteignen und zu vernichten, anwendeten. Darin waren die spĂ€teren Vernichter aber keine Innovatoren; sie machten sich bloß die UmstĂ€nde innerhalb ihrer Reichweite zunutze.

Zu den Faschisten und den Nationalsozialisten stießen die japanischen Reichserbauer, die befĂŒrchteten, dass das sich auflösende Himmlische Reich eine Quelle ursprĂŒnglichen Kapitals fĂŒr russische oder revolutionĂ€re chinesische Industrialisierer werden wĂŒrde. Sie formten eine Achse und die drei zogen aus, um die Kontinente dieser Welt in Quellen der ursprĂŒnglichen Akkumulation des Kapitals zu verwandeln. Sie wurden von anderen Nationen nicht gestört, bis sie anfingen in den Kolonien und HeimatlĂ€ndern von etablierten kapitalistischen MĂ€chten zu wildern. Die Reduzierung bereits etablierter Kapitalisten zu kolonisierter Beute konnte intern praktiziert werden, wo es immer legal war, da die Herrscher der Nation ihre Gesetze machen – und war auch intern bereits von Leninisten und Stalinisten praktiziert worden. Aber solch eine Praxis hĂ€tte zu einer VerĂ€nderung der UmstĂ€nde gefĂŒhrt, und sie konnte nicht außerhalb ausgefĂŒhrt werden, ohne einen Weltkrieg zu provozieren. Die AchsenmĂ€chte ĂŒbernahmen sich und verloren.

Nach dem Krieg sprachen viele vernĂŒnftige Menschen ĂŒber die Ziele der Achse als irrational und von Hitler als Wahnsinnigem. Jedoch betrachteten dieselben vernĂŒnftigen Menschen MĂ€nner wie George Washington und Thomas Jefferson als geistig gesund und rational, auch wenn diese MĂ€nner die Eroberung eines weitlĂ€ufigen Kontinents, die Deportation und Vernichtung der Bevölkerung dieses Kontinents zu einer Zeit planten und begannen auszufĂŒhren, als solch ein Projekt noch viel weniger machbar war als das Projekt der Achse. Es ist wahr, dass sich die Technologien ebenso wie die physikalischen, chemischen, biologischen und Sozialwissenschaften, die von Washington und Jefferson angewandt wurden, ziemlich von denen, die von den Nationalsozialisten angewandt wurden, unterschieden. Aber wenn Wissen Macht ist, wenn es fĂŒr die frĂŒheren Pioniere rational war in Zeiten von Pferdekutschen mithilfe von Schießpulver zu verstĂŒmmeln und zu töten, warum war es von den Nationalsozialisten irrational mithilfe von Sprengstoffen, Gas und chemischen Wirkstoffen in Zeiten von Raketen, U-Booten und »Autobahnen« zu verstĂŒmmeln und zu töten?

Die Nazis waren, wenn ĂŒberhaupt, sogar wissenschaftsorientierter als die Amerikaner. Zu ihrer Zeit waren sie ein Synonym fĂŒr wissenschaftliche Effizienz fĂŒr den Großteil der Welt. Sie fĂŒhrten Buch ĂŒber alles, tabellierten und kreuztabellierten ihre Entdeckungen, veröffentlichten ihre Tabellierung in wissenschaftlichen Journalen. Unter ihnen war sogar Rassismus nicht die DomĂ€ne der Grenz-Aufwiegler, sondern die hochdotierter Institute.

Viele vernĂŒnftige Menschen scheinen Wahnsinn mit Scheitern gleichzusetzen. Das wĂ€re nicht das erste Mal. Viele nannten Napoleon einen Wahnsinnigen, als er im GefĂ€ngnis oder im Exil war, aber als Napoleon als Kaiser wiederkehrte, sprachen dieselben Leute mit Respekt ĂŒber ihn, sogar Ehrfurcht. Einkerkerung und Exil werden nicht nur als Heilmittel gegen Wahnsinn betrachtet, sondern auch als seine Symptome. Scheitern ist Narrheit.

Mao Zedong, der dritte wegweisende nationale Sozialist (oder nationale Kommunist; das zweite Wort hat keinerlei Bedeutung mehr, denn es ist nicht mehr als ein historisches Relikt; der Ausdruck »linker Faschist« wĂ€re auch brauchbar, aber er enthĂ€lt sogar noch weniger Bedeutung als die nationalistischen AusdrĂŒcke) war erfolgreich darin, das fĂŒr das Himmlische Reich zu tun, was Lenin fĂŒr das Zarenreich getan hatte. Der Ă€lteste bĂŒrokratische Apparat der Welt löste sich nicht in kleinere Einheiten auf, noch in Kolonien anderer Industrialisierer; er erhob sich wieder, außerordentlich verĂ€ndert, als Volksrepublik, als ein Leuchtfeuer fĂŒr »unterdrĂŒckte Nationen«.

Der Vorsitzende und sein Kader folgten den Fußstapfen einer langen Linie an VorgĂ€ngern und verwandelten das Himmlische Reich in eine weitlĂ€ufige Quelle ursprĂŒnglichen Kapitals, inklusive SĂ€uberungen, Verfolgungen und den daraus folgenden großen SprĂŒngen nach vorn.

Die nĂ€chste Stufe, das Starten des kapitalistischen Produktionsprozesses, wurde nach dem russischen Modell durchgefĂŒhrt, nĂ€mlich von der nationalen Polizei. Das funktionierte in China nicht besser, als es in Russland funktioniert hatte. Offenbar muss die unternehmerische Funktion Hochstaplern oder Gaunern, die in der Lage sind andere Menschen zu tĂ€uschen, anvertraut werden, und Bullen flĂ¶ĂŸen normalerweise nicht das nötige Vertrauen ein. Das war jedoch fĂŒr Maoisten weniger wichtig als fĂŒr Leninisten. Der kapitalistische Produktionsprozess bleibt wichtig, zumindest so wichtig wie die geregelten Expeditionen zur ursprĂŒnglichen Akkumulation, da es schließlich ohne das Kapital keine Macht und keine Nation gibt. Doch die Maoisten behaupten selten und sogar immer seltener, dass ihr Modell die ĂŒberlegene Industrialisierungsmethode ist, und darin sind sie bescheidener als die Russen und weniger enttĂ€uscht von den Ergebnissen ihrer industriellen Polizei.

Das maoistische Modell prĂ€sentiert sich den LeibwĂ€chtern und Studenten auf der ganzen Welt als eine altbewĂ€hrte Methodologie der Macht, als eine wissenschaftliche Strategie zur nationalen Befreiung. Üblicherweise als Maoismus bekannt, bietet diese Wissenschaft aufstrebenden Vorsitzenden und Kadern die Aussicht auf noch nie dagewesene Macht ĂŒber Lebewesen, menschliche AktivitĂ€ten und sogar Gedanken. Der Papst und die Priester der katholischen Kirche, mit all ihren Inquisitionen und Beichten, hatten nie eine solche Macht, nicht weil sie diese abgelehnt hĂ€tten, sondern weil ihnen die Instrumente fehlten, die durch die moderne Wissenschaft und Technologie zugĂ€nglich gemacht wurden.

Die Befreiung der Nation ist das letzte Stadium der Eliminierung von Parasiten. Der Kapitalismus hat bereits frĂŒher die Natur von Parasiten bereinigt und das meiste der restlichen Natur zu Rohmaterialien fĂŒr die verarbeitenden Industrien reduziert. Moderner nationaler Sozialismus oder sozialer Nationalismus hĂ€lt das Vorhaben hoch Parasiten der menschlichen Gesellschaft ebenfalls zu eliminieren. Die menschlichen Parasiten sind normalerweise Quellen ursprĂŒnglichen Kapitals, doch das Kapital ist nicht immer »materiell«; es kann auch kulturell oder »spirituell« sein. Die Gepflogenheiten, Mythen, Poesie und Musik der Menschen werden als SelbstverstĂ€ndlichkeit ausgerottet; einiges der Musik und GebrĂ€uche der frĂŒheren »Volkskultur« taucht anschließend wieder auf, verarbeitet und verpackt, als Elemente des nationalen Spektakels, als Dekorationen fĂŒr die nationalen Akkumulationsexpeditionen; Die Gepflogenheiten und Mythen werden Rohmaterialien fĂŒr die Verarbeitung durch eine oder mehrere der »Geisteswissenschaften«. Sogar die unnĂŒtze Feindseligkeit der Arbeiter gegenĂŒber ihrer entfremdeten Lohnarbeit wird ausgerottet. Wenn die Nation befreit ist, hört die Lohnarbeit auf eine beschwerliche Last zu sein und wird eine nationale Pflicht, die mit Freude ausgefĂŒhrt werden muss. Die Insassen einer total befreiten Nation lesen Orwells 1984 wie eine anthropologische Studie, die Beschreibung eines frĂŒheren Zeitalters.

Es ist nicht lĂ€nger möglich diese Sachlage satirisch darzustellen. Jede Satire riskiert eine Bibel fĂŒr noch eine weiter nationale Befreiungsfront zu werden. Jeder Satiriker riskiert der BegrĂŒnder einer neuen Religion zu werden, ein Buddha, Zarathustra, Jesus, Mohammed oder Marx. Jede Bloßstellung der VerwĂŒstungen des herrschenden Systems, jede Kritik am Funktionieren des Systems wird zu Futter fĂŒr die Pferde der Befreier, zu Schweißmaterialien fĂŒr die Aufbauer von Armeen. Maoismus in seinen zahlreichen Versionen und Revisionen ist ebenso eine totale Wissenschaft, wie er eine totale Theologie ist; er ist sowohl Sozialwissenschaft als auch kosmische Metaphysik. Das französische Komitee fĂŒr Nationale Gesundheit beanspruchte den Gemeinwillen der französischen Nation zu verkörpern. Die Revisionen des Maoismus beanspruchen den Gemeinwillen aller UnterdrĂŒckten auf der ganzen Welt zu verkörpern.

Die konstanten Revisionen dieser Gedanken sind notwendig, weil die ursprĂŒnglichen Formulierungen nicht auf alle anwendbar waren, oder tatsĂ€chlich auf keine der kolonisierten Bevölkerungen der Welt. Keine*r der Kolonisierten teilte das chinesische Erbe, die letzten zweitausend Jahre einen Staatsapparat ertragen zu haben. Wenige der UnterdrĂŒckten der Welt hatten auch nur ein Attribut einer Nation in der nahen oder fernen Vergangenheit besessen. Die Gedanken mussten an Menschen angepasst werden, deren Vorfahren ohne nationale Vorsitzende, Armeen oder Polizeien gelebt hatten, ohne kapitalistische Produktionsprozesse und deshalb ohne Bedarf an ursprĂŒnglichem Kapital.

Diese Revisionen wurden durch die Anreicherung der ursprĂŒnglichen Gedanken mit Leihnahmen von Mussolini, Hitler und dem zionistischen Staat Israel vollendet. Mussolinis Theorie ĂŒber die ErfĂŒllung der Nation im Staat war ein zentraler Eckpfeiler. Alle Gruppen an Menschen, ob klein oder groß, industriell oder nicht-industriell, konzentriert oder verstreut, wurden als Nationen betrachtet, nicht im Hinblick auf ihre Vergangenheit, sondern im Hinblick auf ihre Aura, ihre PotenzialitĂ€t, eine PotenzialitĂ€t, die in ihre nationalen Befreiungsfronten eingebettet war. Hitlers Behandlung (wie auch die der Zionisten) der Nation als rassische Einheit war ein anderer zentraler Grundsatz. Die Kader wurden unter Leuten rekrutiert, die von der Sippschaft und den GebrĂ€uchen ihrer Vorfahren entleert waren und in der Konsequenz waren die Befreier ununterscheidbar von den UnterdrĂŒckern im Hinblick auf Sprache, Glaube, GebrĂ€uche oder Waffen; das einzige Schweißmaterial, das sie aneinander und an ihre Massenbasis hielt, war das Schweißmaterial, das weiße Angestellte mit weißen Bossen an der amerikanischen Grenze hielt; das »rassische Band« gab denen eine IdentitĂ€t, die keine hatten, denjenigen Sippschaft, die keine Sippe hatten, denjenigen Gemeinschaft, die ihre Gemeinschaft verloren hatten; es war das letzte Band der kulturell Entleerten.

Die ĂŒberarbeiteten Gedanken konnten nun ebenso auf Afrikaner wie auf Navahos, Apaches oder PalĂ€stinenser angewendet werden. Die Leihnahmen von Mussolini, Hitler und den Zionisten werden sorgfĂ€ltig versteckt, weil Mussolini und Hitler darin versagten ihre ergriffene Macht zu behalten, und weil die erfolgreichen Zionisten ihren Staat in einen Weltpolizisten gegen alle anderen nationalen Befreiungsfronten verwandelt haben. Lenin, Stalin und Mao Zedong muss sogar mehr zugute gehalten werden, als sie verdienen.

Die ĂŒberarbeiteten und universell anwendbaren Modelle arbeiten ziemlich gleich wie die Originale, aber geschmeidiger; nationale Befreiung ist eine angewandte Wissenschaft geworden; der Apparat ist vielfach getestet worden; die zahlreichen Macken in den Originalen sind mittlerweile ausgemerzt worden. Alles, das benötigt wird, um den Apparat ins Laufen zu bringen, ist ein Fahrer, ein Keilriemen und Treibstoff.

Der Fahrer ist natĂŒrlich der Theoretiker selbst oder sein engster JĂŒnger. Der Keilriemen ist der Generalstab, die Organisation, auch die Partei oder die kommunistische Partei genannt. Diese kommunistische Partei mit einem kleinen k ist genau das, was im ĂŒblichen Sprachgebrauch darunter verstanden wird. Sie ist der Kern einer Polizeiorganisation, die die SĂ€uberungen ĂŒbernimmt und die selbst gesĂ€ubert werden wird, sobald der AnfĂŒhrer Nationaler FĂŒhrer geworden ist und die unverĂ€nderlichen Gedanken ĂŒberarbeiten muss, wĂ€hrend er sich an die Familie der Nationen anpasst, oder zumindest an die Familien der Bankiers, der Munitionszulieferer und der Investoren. Und der Treibstoff: die unterdrĂŒckte Nation, die leidenden Massen, das befreite Volk ist und wird weiterhin der Treibstoff sein.

Der AnfĂŒhrer und der Generalstab werden nicht von außerhalb eingeflogen; sie sind keine auslĂ€ndischen Agitatoren. Sie sind integrale Produkte des kapitalistischen Produktionsprozesses. Dieser Produktionsprozess wurde unverĂ€ndert von Rassismus begleitet. Rassismus ist kein notwendiger Bestandteil der Produktion, aber Rassismus (in gewisser Form) ist ein notwendiger Bestandteil des Prozesses der ursprĂŒnglichen Akkumulation des Kapitals gewesen und er ist fast immer in den Produktionsprozess getropft.

Industrialisierte Nationen haben ihr ursprĂŒngliches Kapital durch Enteignung, Deportation, Verfolgung und Segregation, wenn nicht gar immer durch Vernichtung von Menschen, die als legitime Beute bestimmt werden, beschafft. Sippschaften wurden gebrochen, Umgebungen wurden zerstört, kulturelle Orientierungen und Gepflogenheiten wurden ausgerottet.

Nachkommen der Überlebenden solcher Angriffe haben GlĂŒck, wenn sie auch nur das kleinste Relikt bewahren können, den fliehendsten Schatten der Kulturen ihrer Vorfahren. Viele der Nachfahren behalten nicht einmal Schatten; sie sind vollkommen entleert; sie gehen arbeiten; sie vergrĂ¶ĂŸern weiterhin den Apparat, der die Kultur ihrer Vorfahren zerstört hat. Und in der Welt der Arbeit sind sie an den Rand verbannt, zu den unangenehmsten und am schlechtesten bezahlten Jobs. Das macht sie wahnsinnig. Ein Supermarktpacker beispielsweise kann mehr ĂŒber das Lager und die Bestellungen wissen als der Manager, kann wissen, dass Rassismus der einzige Grund dafĂŒr ist, dass nicht er der Manager ist und der Manager kein Packer. Ein Security kann wissen, dass Rassismus der einzige Grund dafĂŒr ist, dass er kein Polizeichef ist. Es ist unter Menschen, die all ihre Wurzeln verloren haben, die davon trĂ€umen Supermarktmanager und Polizeichef zu werden, wo die nationale Befreiung ihre Wurzeln schlĂ€gt; das ist der Ort, an dem AnfĂŒhrer und Generalstab geformt werden.

Der Nationalismus ĂŒbt weiterhin seinen Reiz auf die Entleerten aus, weil andere Aussichten trostloser erscheinen. Die Kultur der Vorfahren wurde zerstört; daraus lĂ€sst sich schließen, anhand pragmatischer Standards gemessen, dass sie versagt hat; die einzigen Vorfahren, die ĂŒberlebt haben, waren jene, die sich an das System der Invasoren angepasst haben, und sie ĂŒberlebten an den RĂ€ndern von MĂŒlldeponien. Die unterschiedlichen Utopien der Dichter und TrĂ€umer und die zahlreichen »Mythologien des Proletariats« haben auch versagt; sie haben sich in der Praxis nicht bewĂ€hrt; sie sind nichts gewesen als heiße Luft, TagtrĂ€ume, Luftschlösser; das aktuelle Proletariat ist genauso rassistisch gewesen wie die Bosse und die Polizei.

Der Packer und der Security haben den Kontakt zur alten Kultur verloren; TagtrĂ€ume und Utopien interessieren sie nicht, sind tatsĂ€chlich abgewehrt durch die GeringschĂ€tzung des GeschĂ€ftsmannes gegenĂŒber Dichtern, Herumtreibern und TrĂ€umern. Der Nationalismus bietet ihnen etwas Konkretes, etwas, das seit Langem erprobt ist und von dem bekannt ist, dass es funktioniert. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund fĂŒr die Nachfahren der Verfolgten verfolgt zu bleiben, wenn der Nationalismus ihnen die Aussicht bietet, Verfolger zu werden. Nahe und entfernte Verwandte von Opfern können ein rassistischer Nationalstaat werden; sie können selbst Menschen in Konzentrationslager pferchen, andere Menschen nach Lust und Laune herumschubsen, genozidalen Krieg gegen sie fĂŒhren, ursprĂŒngliches Kapital beschaffen, indem sie diese enteignen. Und wenn »rassische Verwandte« von Hitlers Opfern das tun können, so können das auch nahe und entfernte Verwandte der Opfer von Washington, Jackson, Reagan oder Begin.

Jede unterdrĂŒckte Bevölkerung kann eine Nation werden, ein fotografisches Negativ der UnterdrĂŒckernation, ein Platz, wo der ehemalige Packer der Supermarktmanager ist, wo der ehemalige Security Polizeichef ist. Indem man die korrekte Strategie anwendet, kann jeder Security dem Beispiel der prĂ€torianischen Wachen des antiken Roms folgen. Die Sicherheitspolizei eines auslĂ€ndischen Minenkartells kann sich als Republik ausrufen, das Volk befreien und dieses weiterhin befreien, bis ihm nichts anderes ĂŒbrig bleibt als zu beten, dass die Befreiung irgendwann enden möge. Sogar vor der Machtergreifung kann eine Gang sich eine Front nennen und heftig besteuerten und konstant kontrollierten armen Menschen etwas anbieten, das ihnen noch fehlt: eine tributeintreibende Organisation und ein Mordkommando, genauer zusĂ€tzliche SteuerpĂ€chter und eine Polizei, eine, die diesen Menschen gehört. Auf diese Weise können Menschen von den ZĂŒgen ihrer viktimisierten Vorfahren befreit werden; all die Relikte, die immer noch aus prĂ€industriellen Zeiten und nicht-kapitalistischen Kulturen ĂŒberleben, können endlich permanent ausgerottet werden.

Die Vorstellung, dass ein VerstĂ€ndnis des Genozids, eine Erinnerung an die Holocauste, Menschen nur dazu bringen kann, das System niederzureißen, ist irrtĂŒmlich. Der anhaltende Reiz des Nationalismus legt nahe, dass das Gegenteil wahrer ist, nĂ€mlich dass ein VerstĂ€ndnis der Genozide Menschen dazu gebracht hat genozidale Armeen zu mobilisieren, dass die Erinnerung an Holocauste Menschen dazu gebracht hat Holocauste zu begehen. Die sensiblen Dichter, die sich der Verluste erinnerten, die Forscher, die diese dokumentiert haben, sind wie die reinen Wissenschaftler gewesen, die die Struktur des Atoms entdeckt haben. Angewandte Wissenschaftler verwendeten die Entdeckung, wie man den Atomkern spaltet, dazu Waffen zu produzieren, die jeden Atomkern spalten konnten; Nationalisten verwendeten die Poesie, um menschliche Bevölkerungen zu spalten und zu fusionieren, genozidale Armeen zu mobilisieren, neue Holocauste zu begehen.

Die reinen Wissenschaftler, die Poeten und Forscher betrachten sich als unschuldig im Hinblick auf die verwĂŒsteten Landschaften und die verkohlten Körper.

Sind sie unschuldig?

Mir scheint es, dass zumindest eine von Marx’ Beobachtungen wahr ist: jede Minute, die dem kapitalistischen Produktionsprozess gewidmet ist, jeder Gedanke, der zum industriellen System beigetragen wird, vergrĂ¶ĂŸert weiterhin eine Macht, die der Natur, der Kultur, dem Leben feindselig entgegen steht. Angewandte Wissenschaft ist nichts Fremdes; sie ist integraler Bestandteil des kapitalistischen Produktionsprozesses. Nationalismus wird nicht von außerhalb eingeflogen. Er ist ein Produkt des kapitalistischen Produktionsprozesses, wie die chemischen Wirkstoffe, die die Seen, die Luft, die Tiere und die Menschen vergiften, wie die Kernkraftwerke, die die Mikro-Umgebungen radioaktiv verseuchen, in Vorbereitung darauf, die Makro-Umgebung radioaktiv zu verseuchen.

Als ein Postskriptum wĂŒrde ich gerne eine Frage beantworten, ehe sie gestellt werden wird. Die Frage lautet: »Denkst du nicht, dass der Nachfahre von unterdrĂŒckten Menschen als Supermarktmanager oder Polizeichef besser dran ist?« Meine Antwort ist eine andere Frage: Welcher Verwalter eines Konzentrationslagers, nationaler Exekutierer oder Folterer ist nicht der Nachfahre von unterdrĂŒckten Menschen?

Detroit,

Dezember 1984.

[1] [Hier wird auf die ĂŒberwiegend katholisch geprĂ€gte »Befreiungstheologie« angespielt, die Anfang der 60er Jahre in Lateinamerika entwickelt und durch das von 1962 bis 1965 tagende Zweite Vatikanische Konzil vertieft wurde und in Folge weite Verbreitung fand. Im Mittelpunkt der Befreiungstheologie steht die SolidaritĂ€t mit den Armen und mit der »politischen Befreiung unterdrĂŒckter Völker«. Auch in SĂŒdafrika, den USA (als »Schwarze Theologie«) und in einigen LĂ€ndern Asiens entwickelten sich spezifische Befreiungstheologien. Anm. d. Übs.]

[2] [Der heilige Georg ist ein christlicher MĂ€rtyrer und Schutzpatron von England. Der Legende nach erschlug er einen Drachen und rettete eine Prinzessin. Anm. d. Übs.]

[3] Der Untertitel des ersten Bandes des Kapitals ist Kritik der politischen Ökonomie: Der Produktionsprozess des Kapitals (auf englisch von Charles H. Kerr & Co. 1906 herausgegeben; von Random House, New York wiederveröffentlicht [das deutsche Original erschien 1867, Anm. d. Übs.]).

[4] Ebd., S. 784-850 [der englischen Ausgabe, Anm. d. Übs.]: Teil VIII [im deutschen Original Siebenter Abschnitt, 24. Kapitel]: »Die sogenannte ursprĂŒngliche Akkumulation«.

[5] E. Preobraschenski, Die neue Ökonomik (Moskau, 1926; englische Übersetzung veröffentlicht von Clarendon Press, Oxford, 1965 [deutsche Übersetzung Verlag Neuer Kurs GmbH, Berlin, 1971, Anm. d. Übs.]).

[6] Vgl. V. I. Lenin, Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland (Moskau; Progress Publishers, 1964 [englische Ausgabe, Anm. d. Übs.]; zuerst 1899 veröffentlicht). Ich zitiere ab Seite 599 [der englischen Ausgabe, Anm. d. Übs.]: »Wenn 
 wir die aktuelle Entwicklungsgeschwindigkeit mit der, die wir mit dem allgemeinen Niveau an Technik und Kultur, wie wir sie heute vorfinden, erreichten könnten, vergleichen, muss die aktuelle Entwicklungsrate des Kapitalismus in Russland als langsam betrachtet werden. Und sie kann nicht anders als langsam sein, denn in keinem einzigen kapitalistischen Land hat es solch ein reichliches Überleben altertĂŒmlicher Institutionen, die mit dem Kapitalismus unvereinbar sind, die seine Entwicklung verlangsamen und die die Bedingungen der Produzenten unermesslich verschlimmern «

[7] Oder die Befreiung des Staates: »Unser Mythos ist die Nation, unser Mythos ist die GrĂ¶ĂŸe der Nation«; »Es ist der Staat, der die Nation kreiert, den Willen ĂŒbertragend und damit das reale Leben auf ein Volk, das seiner moralischen Einheit bewusst gemacht worden ist«; »Das Maximum an Freiheit fĂ€llt immer mit dem Maximum an Kraft des Staates zusammen«; »Alles fĂŒr den Staat; nichts gegen den Staat; nichts außerhalb des Staates«. Von Che cosa Ăš il fascismo und La dottrina del fascimo, [auf Englisch, Anm. d. Übs.] zitiert von G. H. Sabine, A History of Political Theory (New York, 1955), S. 872-878.

[8] »  die allmĂ€hliche Ausweitung unserer Siedlungen wird sehr sicherlich den Wilden als auch den Wolf zum RĂŒckzug zwingen; da sie beide Raubtiere sind, wenn sie sich auch in der Gestalt unterscheiden« (G. Washington 1783). »  wenn wir je gezwungen sind das Kriegsbeil gegen irgendeinen Stamm zu erheben, werden wir es nie mehr sinken lassen, bis dieser Stamm ausgelöscht ist oder vertrieben « (T. Jefferson 1807). »  die grausamen Massaker, die sie mithilfe eines Überraschungsangriffs an den Frauen und Kindern an unseren Grenzen verĂŒbt haben, werden uns nun zwingen sie bis zur Vernichtung zu verfolgen oder sie an neue Orte außerhalb unserer Reichweite zu vertreiben.« (T. Jefferson 1813). [Auf Englisch, Anm. d. Übs.] von Richard Drinnon zitiert in Facing West: The Metaphysics of Indian-Hating and Empire Building (New York: New American Library, 1980), S. 65, 96, 98.

[9] Bequem als Taschenbuch erhĂ€ltlich als Worte des Vorsitzenden Mao [Tsetung] (Peking: Politische Abteilung der Volksbefreiungsarmee, 1966 [fĂŒr die englische Ausgabe, auf deutsch erschien sie erstmals 1967 in der Fischer BĂŒcherei und ist den meisten wohl als »Mao-Bibel« oder »Das kleine rote Buch« bekannt, Anm. d. Übs.])

[10] Black & Red hat vor ĂŒber zehn Jahren versucht diese Situation mit einem gefĂ€lschten Handbuch fĂŒr revolutionĂ€re AnfĂŒhrer [Manual for Revolutionary Leaders; dieses Buch wurde bisher nicht ins Deutsche ĂŒbersetzt, Anm. d. Übs.] satirisch darzustellen, eine »Wie-man-es-macht«-Gebrauchsanweisung, deren Autor, Michael Velli, anbot, fĂŒr den modernen revolutionĂ€ren Prinzen dasselben zu tun wie Macchiavelli fĂŒr den feudalen Prinzen. Dieses gefĂ€lschte »Handbuch« verschmolz Maoismus mit den Gedanken Lenins, Stalins, Mussolinis, Hitlers und ihrer modernen Nachfolger, und bot grĂ€ssliche Rezepte zur Vorbereitung revolutionĂ€rer Organisationen und die Ergreifung totaler Macht. Verstörenderweise kam mindestens die HĂ€lfte aller Anfragen fĂŒr dieses »Handbuch« von aufstrebenden nationalen Befreiern, und es ist möglich, dass einige der aktuellen Versionen nationalistischer Metaphysiken Rezepte von Michael Velli enthalten.

[11] [Die wortwörtliche Übersetzung des Begriffs »Maoismus« im Chinesischen ist »Mao-Zedong-Gedanke«. Im Englischen ist neben »Maoism« auch die Bezeichnung »Mao Zedong Thought« gebrĂ€uchlich, die in diesem Text Verwendung findet, Anm. d. Übs.]

[12] Ich ĂŒbertreibe nicht. Ich habe ein buchlanges Pamphlet vor mir mit dem Titel The Mythology of the White Proletariat; A Short Course for Understanding Babylone [Die Mythologie des weißen Proletariats: Ein kurzer Kurs, um Babylon zu verstehen] von J. Sakai (Chicago: Morningstar Press, 1983). Als eine Anwendung des Maoismus auf die amerikanische Geschichte ist es das sensibelste maoistische Werk, das ich bisher gesehen habe. Der*die Autor*in dokumentiert und beschreibt, manchmal lebhaft, die UnterdrĂŒckung der versklavten Afrikaner:innen in Amerika, die Deportationen und Vernichtungen an den indigenen Bewohner:innen des amerikanischen Kontinents, die rassistische Ausbeutung der Chines:innen, die Einsperrung von Japano-Amerikaner:innen in Konzentrationslager. Die*der Autor*in mobilisiert all diese Erfahrungen des totalen Terrors nicht, um nach Wegen zu suchen, um das System abzulösen, das diesen verĂŒbte, sondern um die Opfer zu drĂ€ngen dieses System unter ihnen zu reproduzieren. Gespickt mit Bildern und Zitaten der Vorsitzenden Lenin, Stalin, Mao Zedong und Ho-Chi Minh macht diese Arbeit keinen Versuch deren repressive Ziele zu verstecken oder zu verschleiern; sie drĂ€ngt die Afrikaner:innen ebenso wie die Navahos, Apaches ebenso wie die PalĂ€stinenser eine Partei zu organisieren, die Staatsmacht zu ergreifen und Parasiten zu liquidieren.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org