April 22, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Anmerkung zur ├ťbersetzung des Manifests

Der Text Industrial Society and its Future, auch als Unabomber-Manifest bekannt, erschien erstmals als Abdruck eines 56-seitigen Manuskripts, das eine sich als ┬╗FC┬ź (Freedom Club) bezeichnende ├Âkologisch-anarchistische Gruppe 1995 an die New York Times und die Washington Post schickte. FC forderte die Ver├Âffentlichung des Textes und bot im Gegenzug die Einstellung einer Bombenserie an, die in den USA bisher drei Menschen get├Âtet und mehrere schwer verletzt hatte. Seit dem Abdruck des Textes durch beide Zeitungen kursieren mehrere Fassungen des Textes im Internet.

Seit 2001 steht Lutz Dammbeck in brieflichem Kontakt mit Ted Kaczynski, der ihm im August 2002 anbot, eine authentische und korrigierte Fassung des Textes zu schicken. Im Jahre 2003 beendete Ted Kaczynski im US-Penitentiary MAX/Florence, Colorado, die Arbeit an der Fassung, die der deutschen ├ťbersetzung zugrunde liegt.

Dazu Ted Kaczynski in einem Brief an Lutz Dammbeck:

┬╗Wenn mich mein Ged├Ąchtnis nicht tr├╝gt, haben Sie mich in einem Ihrer Briefe gefragt, wer an den zahlreichen Fehlem der ver├Âffentlichten Versionen des Manifestes schuld sei. Schuld daran sind die Leute, die das Manifest sorglos und nachl├Ąssig transcribiert haben. Alle ver├Âffentlichten Versionen des Manifestes beruhen direkt oder indirekt auf der Version der Zeitung The Washington Post. Infolge der Nachl├Ąssigkeit der Angestellten dieser Zeitung sind viele Fehler, besonders das Auslassen von Teilen mancher S├Ątze und sogar von ganzen S├Ątzen, in dieser Version erschienen. Jedes Mal, wenn jemand das Manifest wieder transcribiert hat, hat er diese Fehler ├╝bertragen und auch eigene Fehler beigetragen, sodass die ver├Âffentlichten Versionen immer schlechter geworden sind.┬ź

EINLEITUNG

1. Die industrielle Revolution und ihre Folgen sind eine Katastrophe f├╝r die Menschheit. Zwar ist die Lebenserwartung derer, die in ┬╗hoch entwickelten┬ź L├Ąndern leben, dadurch bedeutend gestiegen, gleichzeitig aber ist eine Destabilisierung der Gesellschaft eingetreten, das Leben bringt keine Erf├╝llung mehr, Menschen sind Dem├╝tigungen unterworfen, psychische Leiden sind weit verbreitet (in der Dritten Welt auch k├Ârperliche Leiden) und der Natur ist schwerer Schaden zugef├╝gt worden. Die technologische Fortentwicklung wird die Lage weiter verschlimmern. Mit Sicherheit wird die Menschheit noch gr├Â├čere Dem├╝tigungen erleiden und die Natur noch mehr gesch├Ądigt werden, wahrscheinlich werden sich die gesellschaftliche Zerst├Ârung und die psychischen Leiden verst├Ąrken, und schlie├člich k├Ânnte es selbst in den ┬╗hoch entwickelten┬ź L├Ąndern einen Anstieg von Krankheiten geben.

2. Das industriell-technologische System kann ├╝berleben oder es kann zusammenbrechen. Wenn es ├╝berlebt, K├ľNNTE es darin eines Tages m├Âglicherweise nur noch geringe psychische und physische Leiden geben, aber nur nach einer langen und sehr schmerzhaften Zeit der Anpassung und nur um den Preis einer dauerhaften Reduzierung der Menschen und anderer Lebewesen auf designte Produkte und blo├če R├Ądchen im Getriebe. Au├čerdem wird es, wenn das System ├╝berlebt, keine M├Âglichkeit geben, durch Reformen oder Eingriffe zu verhindern, dass den Menschen darin ihre W├╝rde und Autonomie genommen werden.

3. Aber auch wenn das System zusammenbricht, werden die Folgen noch immer sehr schmerzhaft sein. Je m├Ąchtiger aber das System sich entwickelt, desto katastrophaler werden die Folgen des Zusammenbruchs sein, so dass ein baldiger Zusammenbruch des Systems w├╝nschenswerter ist als ein sp├Ąterer.

4. Deshalb treten wir f├╝r eine Revolution gegen das industrielle System ein. Diese Revolution kann mit oder ohne Gewalt durchgef├╝hrt werden; sie kann pl├Âtzlich eintreten oder in einem l├Ąngeren Prozess ├╝ber mehrere Jahrzehnte. Wir k├Ânnen nichts davon Voraussagen. Aber wir skizzieren generell die Ma├čnahmen, die jene, die das industrielle System hassen, ergreifen sollten, um den Weg f├╝r eine Revolution gegen diese Form der Gesellschaft zu bereiten. Es wird keine POLITISCHE Revolution sein. Ihr Ziel wird sein, nicht Regierungen, sondern die ├Âkonomischen und technologischen Grundlagen der bestehenden Gesellschaft zu st├╝rzen.

5. In dieser Abhandlung betrachten wir nur einige der negativen Entwicklungen, die aus dem industriell-technologischen System entstanden sind. Andere Entwicklungen werden wir nur kurz andeuten oder gar nicht behandeln. Das bedeutet nicht, dass wir diese anderen Entwicklungen f├╝r unwichtig halten. Nur aus praktischen Gr├╝nden m├╝ssen wir unsere Er├Ârterung auf Bereiche beschr├Ąnken, denen bis jetzt nur ungen├╝gende ├Âffentliche Aufmerksamkeit zugekommen ist oder in denen wir etwas Neues zu sagen haben. Zum Beispiel gibt es inzwischen eine sehr aktive Umwelt- und Naturschutzbewegung, weswegen wir nur sehr wenig ├╝ber Umweltverschmutzung und die Zerst├Ârung der urspr├╝nglichen Natur geschrieben haben, obwohl wir diese f├╝r ├Ąu├čerst wichtig halten.

PSYCHOLOGIE DER MODERNEN LINKEN

6. Wohl jeder wird mit uns ├╝bereinstimmen, dass wir gegenw├Ąrtig in einer zutiefst gest├Ârten Gesellschaft leben. Eines der verbreitetsten Symptome des Wahnwitzes unserer Welt ist die linksgerichtete Ideologie, weswegen eine Er├Ârterung der Psychologie der Linken als Einleitung einer Er├Ârterung der Probleme der modernen Gesellschaft im Allgemeinen dienen kann.

7. Was aber versteht man unter linksgerichteter Ideologie? W├Ąhrend der ersten H├Ąlfte des zwanzigsten Jahrhunderts konnte man linksgerichtete Ideologie praktisch gleichsetzen mit Sozialismus. Heute ist die Bewegung zersplittert und es ist nicht klar, wer zutreffend als Linker bezeichnet werden kann. Wenn wir in dieser Abhandlung ├╝ber Linke sprechen, denken wir vor allem an Sozialisten, Kollektivisten, Anh├Ąnger der ┬╗political correctness┬ź, Feministinnen, Aktivisten der Schwulen- und Behindertenbewegungen, Tiersch├╝tzer und dergleichen. Aber nicht jeder, der einer dieser Bewegungen verbunden ist, ist ein Linker. In unserer Er├Ârterung der Linken versuchen wir weniger, eine Ideologie zu fassen als einen psychologischen Typus, oder eher noch eine Ansammlung verwandter psychologischer Typen. So wird sich im Verlauf unserer Er├Ârterung ├╝ber linke Psychologie klarer ergeben, was wir mit linksgerichteter Ideologie meinen, (siehe auch Abschnitte 227-230)

8. Dennoch wird unser Begriff von linksgerichteter Ideologie wohl nicht so klar werden, wie wir es uns w├╝nschen w├╝rden, aber dagegen scheint es kein Mittel zu geben. Wir versuchen hier lediglich, ann├Ąhernd und in groben Z├╝gen die beiden psychologischen Tendenzen zu umrei├čen, die unserer Meinung nach die Hauptantriebskr├Ąfte der modernen linken Ideologie sind. Wir beanspruchen keineswegs, damit die GANZE Wahrheit ├╝ber linksgerichtete Psychologie zu verk├╝nden. Auch ist unsere Er├Ârterung lediglich auf die moderne linksgerichtete Ideologie bezogen. Wir lassen die Frage offen, inwieweit unsere Er├Ârterung auf die Linken des 19. und fr├╝hen 20. Jahrhunderts ├╝bertragbar w├Ąre.

9. Die beiden psychologischen Tendenzen, die der modernen linksgerichteten Ideologie zugrunde liegen, nennen wir Gef├╝hle von Minderwertigkeit und ├ťberangepasstheit. Gef├╝hle von Minderwertigkeit sind charakteristisch f├╝r die gesamte moderne Linke, ├ťberangepasstheit dagegen nur f├╝r einen Teil der modernen Linken; aber gerade dieser Teil ist h├Âchst einflussreich.

GEF├ťHLE VON MINDERWERTIGKEIT

10. Unter ┬╗Gef├╝hlen von Minderwertigkeit┬ź verstehen wir nicht nur Minderwertigkeitsgef├╝hle im engeren Sinne, sondern ein ganzes Spektrum verwandter Eigenschaften: schwaches Selbstbewusstsein, Ohnmachtsgef├╝hle, depressive Neigungen, Def├Ątismus, Schuldgef├╝hle, Selbsthass usw. Wir behaupten, dass die modernen Linken zu diesen Gef├╝hlen neigen (m├Âglicherweise mehr oder weniger verdr├Ąngt), und dass diese Gef├╝hle entscheidend die Richtung der modernen linksgerichteten Ideologie pr├Ągen.

11. Wenn jemand nahezu alles, was ├╝ber ihn (oder ├╝ber Gruppen, mit denen er sich identifiziert) gesagt wird, als Geringsch├Ątzung interpretiert, schlie├čen wir daraus, dass er Minderwertigkeitsgef├╝hle oder ein schwaches Selbstbewusstsein hat. Diese Neigung ist unter Aktivisten f├╝r Minderheitenrechte besonders ausgepr├Ągt, ob sie nun zu der Minderheitengruppe geh├Âren, deren Rechte sie verteidigen, oder nicht. Sie sind hypersensibel gegen├╝ber den Ausdr├╝cken, die Minderheiten bezeichnen und gegen├╝ber allem, was ├╝ber Minderheiten gesagt wird. Die Begriffe ┬╗Neger┬ź, ┬╗Orientale┬ź, ┬╗Behinderter┬ź oder ┬╗chick┬ź f├╝r Afrikaner, Asiaten, k├Ârperlich eingeschr├Ąnkte Personen oder Frauen hatten urspr├╝nglich keine abwertenden Konnotationen. ┬╗Broad┬ź und ┬╗chick┬ź waren blo├č die weiblichen Entsprechungen zu ┬╗guy┬ź, ┬╗dude┬ź oder ┬╗fellow┬ź: Kerl, Bursche, Kumpel. Die negativen Konnotationen haben erst die Aktivisten selbst mit diesen Ausdr├╝cken verbunden.

Manche Tiersch├╝tzer gehen so weit, dass sie das Wort ┬╗pet┬ź, Haustier, ablehnen und auf der Bezeichnung ┬╗animal compa- nion┬ź, Tier-Gef├Ąhrte, bestehen. Linksgerichtete Anthropologen geben sich gro├če M├╝he zu vermeiden, irgendetwas ├╝ber primitive V├Âlker zu sagen, das wom├Âglich als negativ interpretiert werden k├Ânnte. Sie ersetzen das Wort ┬╗primitiv┬ź durch ┬╗nicht- alphabetisiert┬ź oder ┬╗schriftlos┬ź. Sie wirken fast paranoid in ihrer Bef├╝rchtung, den Eindruck zu erwecken, sie hielten irgendeine primitive Kultur im Vergleich zu unserer eigenen f├╝r minderwertig. (Wir wollen nicht unterstellen, dass primitive Kulturen der unseren tats├Ąchlich unterlegen SIND. Wir wollen lediglich die Hypersensibilit├Ąt linksgerichteter Anthropologen aufzeigen.)

12. Diejenigen, die am sensibelsten auf ┬╗politisch inkorrekte┬ź Terminologie reagieren, sind nicht der durchschnittliche schwarze Ghettobewohner, der asiatische Immigrant, die misshandelte Frau und der Behinderte, sondern eine Minderheit von Aktivisten, von denen viele nicht einmal einer ┬╗unterdr├╝ckten┬ź Gruppe angeh├Âren, sondern privilegierten Gesellschaftsschichten entstammen. Die Hochburg der ┬╗political correct- ness┬ź bilden Universit├Ątsprofessoren, die sichere Arbeitspl├Ątze und gute Einkommen haben und die in ihrer Mehrheit heterosexuelle wei├če M├Ąnner aus der mittleren bis oberen Mittelschicht sind.

13. Viele Linke identifizieren sich stark mit den Problemen von Gruppen, die allgemein als schwach (Frauen), unterdr├╝ckt (Indianer), absto├čend (Homosexuelle) oder anderweitig minderwertig angesehen werden. Die Linken selbst empfinden diese Gruppen als minderwertig. Sie w├╝rden es sich selbst gegen├╝ber zwar nie zugeben, dass sie so empfinden, aber genau deswegen, weil sie diese Gruppen als minderwertig ansehen, identifizieren sie sich mit ihren Problemen. (Wir wollen nicht unterstellen, dass Frauen, Indianer usw. tats├Ąchlich minderwertig SIND; uns geht es lediglich um linksgerichtete Psychologie.)

14. Feministinnen und Feministen sind verzweifelt darauf aus zu beweisen, dass Frauen genauso stark und f├Ąhig sind wie M├Ąnner. Dahinter steckt deutlich die Bef├╝rchtung, Frauen k├Ânnten NICHT so stark und f├Ąhig wie M├Ąnner sein.

15. Die Linken neigen dazu, alles zu hassen, was als stark, gut und erfolgreich gilt. Sie hassen Amerika, sie hassen die westliche Zivilisation, sie hassen wei├če M├Ąnner, sie hassen Rationalit├Ąt. Die Gr├╝nde, die die Linken f├╝r diesen Hass auf den Westen usw. selbst vorgeben, stimmen ganz klar nicht mit ihren wahren Motiven ├╝berein. Sie SAGEN, dass sie den Westen hassen, weil er kriegerisch, imperialistisch, sexistisch, ethno- zentristisch usw. sei, aber wo diese Makel in sozialistischen L├Ąndern oder primitiven Kulturen auftreten, wird der Linke Entschuldigungen daf├╝r finden oder h├Âchstens WIDERWILLIG zugeben, dass sie existieren; wohingegen er BEGEISTERT auf diese Makel hin weisen (und sie oft grob ├╝bertreiben) wird, wenn sie in westlichen Zivilisationen auftreten. So ist es klar, dass diese Makel nicht die tats├Ąchlichen Motive f├╝r den Hass des Linken auf Amerika und den Westen sind. Er hasst Amerika und den Westen, weil sie stark und erfolgreich sind.

16. Begriffe wie ┬╗Selbstvertrauen┬ź, ┬╗Selbstst├Ąndigkeit┬ź, ┬╗Initiative┬ź, ┬╗Unternehmungsgeist┬ź, ┬╗Optimismus┬ź usw. spielen im linken Vokabular nur eine geringe Rolle. Der Linke ist antiindividualistisch und prokollektivistisch. Er will, dass die Gesellschaft jedermanns Probleme l├Âst, jedermanns Bed├╝rfnisse befriedigt und f├╝r jeden sorgt. Er geh├Ârt nicht zu denen, die Vertrauen in ihre F├Ąhigkeit haben, ihre eigenen Probleme zu l├Âsen und ihre eigenen Bed├╝rfnisse zu befriedigen. Der Linke lehnt das Wettbewerbsprinzip ab, weil er sich tief im Innern als Verlierer f├╝hlt.

17. Kunstformen, die moderne linksgerichtete Intellektuelle ansprechen, thematisieren Elend, Niederlage und Verzweiflung, oder aber sie nehmen einen orgiastischen Ton an und werfen jegliche rationale Kontrolle ├╝ber Bord, als ob es keine Hoffnung g├Ąbe, irgendetwas durch rationale Berechnung zu vollbringen und als ob die einzige M├Âglichkeit sei, in den Empfindungen des Augenblicks zu versinken.

18. Moderne linksgerichtete Philosophen neigen dazu, Vernunft, Wissenschaft, objektive Realit├Ąt zu verwerfen und auf einem Kulturrelativismus zu bestehen. Zwar kann man ernsthaft hinterfragen, worauf wissenschaftliche Erkenntnis beruht und wie, wenn ├╝berhaupt, ein Konzept objektiver Realit├Ąt definiert werden kann. Aber ganz offensichtlich sind linksgerichtete Philosophen nicht einfach k├╝hle Logiker, die die Grundlagen von Erkenntnis systematisch analysieren. Sie sind bei ihrem Angriff auf Wahrheit und Wirklichkeit emotional stark beteiligt. Sie greifen diese Konzepte aufgrund ihrer eigenen psychologischen Bed├╝rfnisse an. Zum einen ist ihr Angriff ein Ventil f├╝r ihre Feindseligkeit, und er befriedigt, wenn er erfolgreich ist, ihren Machttrieb. Vor allem aber hasst der Linke Wissenschaft und Rationalit├Ąt, weil diese gewisse Annahmen als wahr klassifizieren (d.h. als erfolgreich, als ├╝berlegen) und andere Annahmen als falsch (d.h. als gescheitert, als minderwertig). Die Minderwertigkeitsgef├╝hle des Linken sind so tief verwurzelt, dass er eine solche Einteilung der Dinge in erfolgreich und ├╝berlegen einerseits und gescheitert und unterlegen andererseits nicht ertragen kann. Hierauf beruht auch die Ablehnung, die viele Linke dem Begriff von Geisteskrankheit und der N├╝tzlichkeit von Intelligenztests entgegenbringen. Linke weisen genetische Erkl├Ąrungen f├╝r menschliche F├Ąhigkeiten und Verhaltensweisen zur├╝ck, weil solche Erkl├Ąrungen dazu f├╝hren, dass einige Menschen anderen gegen├╝ber als ├╝berlegen bzw. unterlegen erscheinen. Linke geben lieber der Gesellschaft das Verdienst oder die Schuld an den F├Ąhigkeiten eines Menschen oder an deren Fehlen. Wenn ein Mensch denn ┬╗unterlegen┬ź ist, so ist es nicht sein Verschulden, sondern das der Gesellschaft, die bei seiner Erziehung versagt hat.

19. Der Linke geh├Ârt ├╝blicherweise nicht zu denen, die ihre Minderwertigkeitsgef├╝hle durch Angeberei, Ichbezogenheit, R├╝pelei, Selbstdarstellung oder r├╝cksichtslose Konkurrenz kompensieren; denn jene haben ihren Glauben an sich selbst nicht v├Âllig verloren. Es fehlt ihnen an Vertrauen in ihre Kr├Ąfte und an Selbstwertgef├╝hl, aber sie k├Ânnen sich trotzdem vorstellen, stark zu sein, und die Anstrengungen, diese St├Ąrke tats├Ąchlich zu erlangen, sind die Ursache f├╝r ihr unangenehmes Verhalten. Aber davon ist der Linke weit entfernt. Seine Minderwertigkeitsgef├╝hle sind so eingefleischt, dass er sich nicht als starkes und wertvolles Individuum begreifen kann. Daher der Kollektivismus der Linken. Er kann sich nur als Mitglied einer gro├čen Organisation oder einer Massenbewegung stark f├╝hlen, mit der er sich identifiziert.

20. Man beachte die masochistische Tendenz linker Taktiken. Linke protestieren mit Sitzstreiks, indem sie sich vor Fahrzeugen auf den Boden niederlegen, sie provozieren bewusst die Polizei oder Rassisten, sie zu misshandeln, usw. Diese Taktiken m├Âgen zwar oft wirkungsvoll sein, aber viele Linke nutzen sie nicht als Mittel zum Zweck, sondern weil sie masochistische Taktiken BEVORZUGEN. Selbsthass ist eine linke Eigenschaft.

21. Linke behaupten, dass ihr Aktivismus durch Mitgef├╝hl oder moralische Prinzipien motiviert ist, und moralische Prinzipien spielen auch in der Tat eine Rolle f├╝r den ├╝bersozialisierten Typus des Linken. Aber Mitleid und moralische Prinzipien k├Ânnen nicht die Hauptmotive von linkem Aktivismus sein. Feindseligkeit ist ein zu herausragender Aspekt linken Verhaltens; ebenso der Machttrieb. Au├čerdem ist linkes Verhalten nicht rational ├╝berlegt darauf ausgerichtet, was f├╝r diejenigen, denen helfen zu wollen die Linken behaupten, am besten w├Ąre. Wenn jemand zum Beispiel glaubt, eine Politik der gezielten F├Ârderung von Minderheiten sei gut f├╝r Schwarze, ist es dann sinnvoll, diese in einer feindseligen oder dogmatischen Terminologie einzufordern? Ganz offensichtlich w├Ąre es konstruktiver, diplomatisch und vers├Âhnlich vorzugehen, denn das w├╝rde wenigstens eine verbale und symbolische Konzession gegen├╝ber den Wei├čen bedeuten, die f├╝rchten, die gezielte Minderheitenf├Ârderung w├╝rde sie benachteiligen. Aber linke Aktivisten gehen deshalb nicht so vor, weil es ihre emotionalen Bed├╝rfnisse nicht befriedigen w├╝rde. Schwarzen zu helfen ist nicht ihr wahres Ziel. Statt dessen m├╝ssen die Rassismusprobleme als Vorwand daf├╝r herhalten, dass die Linken ihre Feindseligkeit und ihren frustrierten Machttrieb ausleben. Doch tats├Ąchlich schaden sie damit den Schwarzen, denn die feindselige Haltung der Aktivisten gegen├╝ber der wei├čen Mehrheit sch├╝rt den Rassenhass.

22. Wenn es in unserer Gesellschaft ├╝berhaupt keine sozialen Konflikte g├Ąbe, m├╝ssten die Linken Konflikte ERFINDEN, um einen Vorwand f├╝r ihr Getue zu haben.

23. Wir betonen, dass das Gesagte keine akkurate Beschreibung eines jeden, der als Linker bezeichnet werden k├Ânnte, geben soll. Es ist nur eine grobe Umrisszeichnung einer generellen Tendenz der linksgerichteten Ideologie.

├ťBERANGEPASSTHEIT

24. Mit dem Begriff ┬╗Sozialisation┬ź oder Anpassung bezeichnen Psychologen den Erziehungsprozess, durch den Kinder dazu gebracht werden, so zu denken und zu handeln, wie es die Gesellschaft fordert. Jemand gilt als gut sozialisiert, wenn er an die moralischen Normen ihrer Gesellschaft glaubt und sie befolgt und sich als funktionierendes Teil in diese Gesellschaft einpasst. Es scheint daher zun├Ąchst unsinnig zu behaupten, viele Linke seien ├╝bersozialisiert oder ├╝berangepasst, da Linke im Allgemeinen als Aufr├╝hrer gelten. Trotzdem kann diese Behauptung aufrecht erhalten werden. Viele Linke sind nicht so aufr├╝hrerisch, wie es den Anschein hat.

25. Der moralische Code unserer Gesellschaft ist derart anspruchsvoll, dass niemand in vollkommener ├ťbereinstimmung damit denken, f├╝hlen und handeln kann. So gilt es etwa als unmoralisch, jemanden zu hassen, und doch hasst nahezu jeder zu irgendeinem Zeitpunkt einmal jemand anderen, ob er es sich eingesteht oder nicht. Manche Menschen sind derart stark angepasst, dass ihr Anspruch, moralisch zu denken, zu f├╝hlen und zu handeln, f├╝r sie eine schwere Last bedeutet. Um Schuldgef├╝hle zu vermeiden, m├╝ssen sie sich ├╝ber ihre eigenen Motive st├Ąndig selbst betr├╝gen und moralische Erkl├Ąrungen f├╝r Gef├╝hle und Handlungen finden, die in Wirklichkeit gar keinen moralischen Hintergrund haben. Solche Leute nennen wir ┬╗├╝berangepasst┬ź.

26. ├ťberangepasstheit kann zu geringer Selbstachtung, Ohnmachtsgef├╝hlen, Def├Ątismus, Schuldgef├╝hlen usw. f├╝hren. Eine der wichtigsten Methoden, mit denen unsere Gesellschaft Kinder sozialisiert, ist die, ihnen ein Gef├╝hl der Scham zu vermitteln, wenn ihr Verhalten oder ihr Sprechen nicht den Erwartungen der Gesellschaft entspricht. Wenn dies ├╝bertrieben wird, oder wenn ein Kind besonders empfindlich ist, kommt es dazu, dass sich das Kind SEINER SELBST sch├Ąmt. Au├čerdem sind die Gedanken und das Handeln des ├╝berangepassten Menschen durch die gesellschaftlichen Erwartungen st├Ąrker eingeschr├Ąnkt als die eines weniger stark angepassten Menschen. Die Mehrheit der Menschen verst├Â├čt in nicht geringem Ma├če regelm├Ą├čig gegen Normen. Sie l├╝gen, klauen, versto├čen gegen Verkehrsregeln, dr├╝cken sich vor Arbeit, sie hassen jemanden, sie reden geh├Ąssig ├╝ber den anderen oder intrigieren, um ihn loszuwerden. Der ├╝berangepasste Mensch kann diese Dinge nicht tun, oder wenn er sie tut, verursacht es in ihm ein Gef├╝hl von Scham und Selbsthass. Der ├╝berangepasste Mensch ist noch nicht einmal in der Lage, ohne Schuldgef├╝hle Gedanken oder Empfindungen zu haben, die der allgemein akzeptierten Moral entgegenstehen; er kann keine ┬╗schmutzigen┬ź Gedanken denken. Und Sozialisation ist nicht nur eine Frage der Moral; wir werden auch sozialisiert, um vielen Verhaltensnormen zu gen├╝gen, die mit Moral nichts zu tun haben. So wird der ├╝berangepasste Mensch im Joch gehalten und bleibt sein ganzes Leben lang in den von der Gesellschaft vorgegebenen Bahnen. In vielen ├╝berangepassten Menschen f├╝hrt dies zu einem Gef├╝hl von Zwang und Machtlosigkeit, unter dem sie sehr leiden. Unserer Meinung nach geh├Ârt ├ťberanpassung zu den schlimmsten Grausamkeiten, die Menschen einander antun.

27. Wir behaupten, dass ein erheblicher und einflussreicher Teil der modernen Linken ├╝berangepasst ist und dass ihre ├ťberangepasstheit die Richtung der modernen linksgerichteten Ideologie stark bestimmt. Linke des ├╝bersozialisierten Typus sind eher Intellektuelle oder stammen aus der oberen Mittelschicht. Man beachte, dass Akademiker die am st├Ąrksten angepasste Gruppe in unserer Gesellschaft sind und auch die am weitesten links stehende.

28. Der Linke vom ├╝berangepassten Typus versucht, durch Aufstand sein psychologisches Joch abzusch├╝tteln und seine Autonomie zu behaupten. Aber meistens ist er nicht stark genug, um sich gegen die grundlegenden Werte der Gesellschaft aufzulehnen. Im Gro├čen und Ganzen stehen die Ziele der heutigen Linken NICHT im Widerspruch zur allgemein akzeptierten Moral. Im Gegenteil, der Linke nimmt ein allgemein akzeptiertes moralisches Prinzip, gibt es als sein eigenes aus und beschuldigt dann die Mehrheit der Gesellschaft, dieses Prinzip zu verletzen. Beispiele: Rassengleichheit, Gleichheit der Geschlechter, Unterst├╝tzung der Armen, Frieden, Gewaltlosigkeit, Meinungsfreiheit, Tierschutz. Tiefgreifender, die Pflicht des Individuums, der Gesellschaft zu dienen und die Pflicht der Gesellschaft, das Individuum zu besch├╝tzen. All diese Werte sind in unserer Gesellschaft seit Langem tief verwurzelt (wenigstens in ihren Mittel- und Oberschichten). Diese Werte sind implizit oder explizit in den meisten Darstellungen der Massenkommunikationsmedien und des Bildungssystems genannt oder vorausgesetzt. Linke, besonders jene vom ├╝berangepassten Typus, lehnen sich im Allgemeinen nicht gegen diese Prinzipien auf, sondern rechtfertigen ihre Feindseligkeit gegen├╝ber der Gesellschaft mit der Behauptung (die zu einem gewissen Grad wahr ist), dass sich die Gesellschaft nicht nach diesen Prinzipien richtet.

29. An einem Beispiel soll gezeigt werden, wie der ├╝bersozialisierte Linke tats├Ąchlich die Konventionen unserer Gesellschaft akzeptiert, w├Ąhrend er gleichzeitig vorgibt, sich dagegen aufzulehnen. Viele Linke setzen sich f├╝r eine gezielte F├Ârderung von Schwarzen ein, daf├╝r, dass Schwarze in prestigetr├Ąchtige Berufe aufsteigen k├Ânnen, f├╝r die Verbesserung der Bildung in schwarzen Schulen und finanzielle Unterst├╝tzung solcher Schulen; sie betrachten die Lebensweise der schwarzen ┬╗Unterschicht┬ź als eine gesellschaftliche Schande. Sie wollen den Schwarzen in das System integrieren, indem sie einen Gesch├Ąftsmann, einen Rechtsanwalt oder einen Wissenschaftler aus ihm machen, der so ist wie die Wei├čen aus der Oberschicht. Die Linken werden einwenden, dass sie nichts weniger w├╝nschen, als den Schwarzen zu einer Kopie des Wei├čen zu machen; im Gegenteil, sie wollen seine afro-amerikanische Kultur bewahren. Aber worin besteht diese Bewahrung der afro-amerikanischen Kultur? Sie kann kaum mehr bedeuten als typisch schwarze K├╝che, schwarze Musik, schwarze Mode und schwarze Kirchen bzw. Moscheen zu pflegen. Anders gesagt, diese Kultur kann sich nur in oberfl├Ąchlichen Dingen ├Ąu├čern. Im WESENTLICHEN aber wollen die meisten ├╝berangepassten Linken den Schwarzen den Idealen der wei├čen Mittelklasse entsprechend formen. Er soll technische F├Ącher studieren, ein Manager oder Wissenschaftler werden und sein Leben damit verbringen, die Statusleiter emporzuklimmen um zu beweisen, dass Schwarze so gut sind wie Wei├če. Schwarze V├Ąter sollen ┬╗Verantwortung ├╝bernehmen┬ź, schwarze Banden sollen Gewalt ablehnen usw. Aber dies sind genau die Werte des industrielltechnologischen Systems. Das System schert sich keinen Deut darum, was f├╝r Musik jemand h├Ârt, was f├╝r Kleidung er tr├Ągt oder welche Religion er aus├╝bt, solange er zur Schule geht, eine angesehene Arbeit hat, die Statusleiter erklimmt, ein ┬╗verantwortungsvolles┬ź Elternteil ist, nicht gewaltt├Ątig ist usw. In Wirklichkeit, wie sehr er es auch leugnen mag, will der ├╝ber- angepasste Linke den Schwarzen ins System integrieren und verlangt von ihm, dessen Werte zu ├╝bernehmen.

30. Wir behaupten nicht, dass Linke, sogar ├╝berangepasste Linke, NIEMALS gegen die grundlegenden Werte unserer Gesellschaft aufbegehren. Selbstverst├Ąndlich tun sie das mitunter. Einige ├╝berangepasste Linke sind sogar so weit gegangen, gegen eines der wichtigsten gesellschaftlichen Prinzipien zu revoltieren, gegen die Gewaltlosigkeit. Nach ihrer eigenen Einsch├Ątzung ist k├Ârperliche Gewalt f├╝r sie eine Form der ┬╗Befreiung┬ź. Mit anderen Worten, sie benutzen Gewalt, um die psychologischen Zw├Ąnge zu durchbrechen, die ihnen anerzogen worden sind. Weil sie ├╝berangepasst sind, waren sie durch diese Zw├Ąnge st├Ąrker eingeengt als andere; daher ihr starkes Bed├╝rfnis, sich davon zu befreien. Aber sie rechtfertigen ihre Revolte meist mit dem Vokabular der allgemein anerkannten Werte. Wenn sie Gewalt anwenden, begr├╝nden sie das damit, gegen Rassismus zu k├Ąmpfen oder ├ähnliches.

31. Es ist uns klar, dass man gegen die hier grob skizzierte linke Psychologie viele Ein w├Ąnde Vorbringen kann. Die tats├Ąchliche Lage ist komplex, und eine auch nur ann├Ąhernd vollst├Ąndige Beschreibung auf der Basis aller zug├Ąnglichen Fakten w├╝rde mehrere B├Ąnde f├╝llen. Wir erheben nur den Anspruch, die beiden wichtigsten Tendenzen in der Psychologie der modernen Linken grob Umrissen zu haben.

32. Die Probleme der Linken sind symptomatisch f├╝r die Probleme unserer gesamten Gesellschaft. Geringe Selbstachtung, Depressionsneigung und Def├Ątismus sind nicht auf die Linke beschr├Ąnkt. Wenn sie auch dort besonders wahrnehmbar sind, so sind sie doch in unserer Gesellschaft insgesamt weit verbreitet. Und die heutige Gesellschaft versucht uns st├Ąrker als jede vorhergehende zu sozialisieren. Experten sagen uns sogar, was wir essen sollen, wie wir Sport treiben sollen, wie unser Liebesieben sein soll, wie wir unsere Kinder aufziehen sollen und so weiter.

POWER PROCESS

33. Menschen haben ein Bed├╝rfnis (wahrscheinlich biologisch bedingt) nach etwas, das wir den power process nennen wollen. Es ist eng verbunden mit dem Bed├╝rfnis nach Macht (weitgehend anerkannt), aber es ist nicht genau dasselbe. Der power process besteht aus vier Elementen. Die drei am deutlichsten definierbaren nennen wir Ziel, Anstrengung und Erreichen des Ziels. (Jeder braucht Ziele, die zu erreichen Anstrengung erfordert, und muss wenigstens einige seiner Ziele erreichen.) Das vierte Element ist schwieriger zu definieren und ist m├Âglicherweise nicht f├╝r jeden notwendig. Wir nennen es Autonomie und werden es sp├Ąter er├Ârtern (Abschnitte 42-44).

34. Nehmen wir den hypothetischen Fall eines Menschen, der alles, was er will, sofort bekommt, einfach, indem er es sich w├╝nscht. Dieser Mensch hat zwar Macht, aber er wird schwere psychische Probleme bekommen. Am Anfang wird es ihm Spa├č machen, aber nach und nach wird er sich unertr├Ąglich langweilen und demoralisiert werden. Wom├Âglich wird er eines Tages krankhaft depressiv. Die Geschichte zeigt, dass die m├╝├čige Aristokratie zur Dekadenz neigte. Die k├Ąmpfenden Aristokraten dagegen mussten sich anstrengen, um ihre Macht zu erhalten. Aber m├╝├čige, gesicherte Aristokraten, die nicht k├Ąmpfen mussten, wurden im Allgemeinen gelangweilt, hedonistisch und demoralisiert, trotz ihrer Machtf├╝lle. Dies zeigt, dass Macht allein nicht gen├╝gt. Man muss Ziele haben, auf die man die Aus├╝bung seiner Macht richtet.

35. Jeder hat Ziele; selbst wenn diese nur darin bestehen, das Lebensnotwendigste zu erlangen: Nahrung, Wasser und dem Klima angemessene Kleidung und Unterkunft. Der m├╝├čige Aristokrat bekommt diese Dinge ohne Anstrengungen. Daher seine Langeweile und Kraftlosigkeit.

36. Das Nichterreichen wichtiger Ziele endet mit dem Tod, wenn es sich dabei um lebensnotwendige Ziele handelt, und mit Frustration, wenn die Ziele nicht lebensnotwendig sind. Lebenslanges st├Ąndiges Scheitern beim Versuch, seine Ziele zu erreichen, f├╝hrt schlie├člich zu Def├Ątismus, geringer Selbstachtung oder Depression.

37. Also muss der Mensch, um ernsthafte psychologische Probleme zu vermeiden, Ziele haben, deren Erreichen Anstrengung erfordert, und er muss eine gewisse Erfolgsrate beim Erreichen dieser Ziele haben.

ERSATZHANDLUNGEN

38. Nicht jeder m├╝├čige Aristokrat wird irgendwann gelangweilt und demoralisiert. Kaiser Hirohito widmete sich der Meeresbiologie, anstatt einem dekadenten Hedonismus zu verfallen und zeichnete sich auf diesem Gebiet besonders aus. Wenn Menschen ohne Anstrengung ihre k├Ârperlichen Bed├╝rfnisse befriedigen k├Ânnen, schaffen sie sich oft k├╝nstliche Ziele. In vielen F├Ąllen verfolgen sie diese Ziele mit derselben Energie und emotionalen Beteiligung, die sie sonst f├╝r das Streben nach Lebensnotwendigem eingesetzt h├Ątten. So hatten die Aristokraten des R├Âmischen Reiches literarische Ambitionen; viele europ├Ąische Aristokraten investierten vor einigen Jahrhunderten enorm viel Zeit und Aufwand in die Jagd, obwohl sie das Fleisch sicherlich nicht brauchten; andere Aristokraten versuchten ihr Ansehen zu vergr├Â├čern, indem sie ihren Reichtum auf ausgesuchte Weise darstellten, und ein paar Aristokraten, wie Hirohito, wandten sich der Wissenschaft zu.

39. Mit dem Begriff ┬╗Ersatzhandlung┬ź bezeichnen wir eine Handlung, die sich auf ein k├╝nstliches Ziel richtet, welches sich Menschen nur deshalb setzen, damit sie etwas haben, wonach sie streben k├Ânnen, oder sagen wir, nur f├╝r die ┬╗Erf├╝llung┬ź, die ihnen das Streben nach diesem Ziel bringt. Eine Faustregel zum Erkennen von Ersatzhandlungen geht folgenderma├čen: Eine Person, die viel Zeit und Energie in das Streben nach Ziel X investiert, frage man: Wenn sie den gr├Â├čten Teil ihrer Zeit und Energie darangeben m├╝sste, ihre biologischen Bed├╝rfnisse zu befriedigen, und wenn diese Anstrengung es erforderte, dass die Person ihre k├Ârperlichen und geistigen F├Ąhigkeiten auf abwechslungsreiche und interessante Weise einsetzte, w├╝rde sie dann frustriert sein, wenn sie Ziel X nicht erreicht? Wenn die Antwort Nein ist, ist das Streben der Person nach Ziel X eine Ersatzhandlung. Hirohitos Meeresbiologie-Studien stellten ganz klar eine Ersatzhandlung dar, denn es ist recht sicher, dass Hirohito, wenn er seine Zeit auf interessante nichtwissenschaftliche Arbeiten h├Ątte verwenden m├╝ssen, um das Lebensnotwendige zu bekommen, nicht frustriert gewesen w├Ąre, nur weil er nicht alles ├╝ber die Anatomie und die Lebenszyklen der Meeresfauna gewusst h├Ątte. Im Gegensatz dazu ist das Streben nach Sex und Liebe (zum Beispiel) keine Ersatzhandlung, denn die meisten Menschen w├Ąren, auch wenn ihre Existenz anderweitig befriedigend w├Ąre, frustriert, h├Ątten sie ihr Leben lang nie eine Beziehung mit einer Person des anderen Geschlechts. (Aber das Streben nach ├╝berm├Ą├čig viel Sex, mehr als man wirklich braucht, kann eine Ersatzhandlung sein.)

40. In der modernen Industriegesellschaft sind nur minimale Anstrengungen erforderlich, um die physischen Bed├╝rfnisse zu befriedigen. Es reicht, eine Ausbildung zu absolvieren, sich leichte technische F├Ąhigkeiten anzueignen, dann p├╝nktlich zur Arbeit zu kommen und das bescheidene Ma├č an Anstrengung aufzuwenden, das n├Âtig ist, um einen Job zu halten. Die einzigen Voraussetzungen sind ein bescheidenes Ma├č an Intelligenz und, vor allem, simpler GEHORSAM. Wenn man diese Voraussetzungen erf├╝llt, sorgt die Gesellschaft f├╝r einen von der Wiege bis zum Grab. (Ja, sicher gibt es eine Unterschicht, die die Erf├╝llung ihrer physischen Bed├╝rfnisse nicht voraussetzen kann, aber wir sprechen hier vom gesellschaftlichen Mainstream.) So ist es nicht ├╝berraschend, dass Ersatzhandlungen in der modernen Gesellschaft sehr h├Ąufig Vorkommen. Dazu geh├Âren wissenschaftliche Arbeit, sportliche Leistungen, humanit├Ąre T├Ątigkeiten, k├╝nstlerisches und literarisches Schaffen, das Erklimmen der Firmenhierarchie, das Anh├Ąufen von Geld und G├╝tern weit ├╝ber den Punkt hinaus, an dem diese zus├Ątzliche physische Befriedigung geben, und sozialer Aktivismus, wo er Themen betrifft, die nicht f├╝r den Aktivisten selbst wichtig sind, wie im Falle der wei├čen Aktivisten, die f├╝r die Rechte nichtwei├čer Minderheiten k├Ąmpfen. Dies sind nicht immer REINE Ersatzhandlungen, denn f├╝r viele Menschen m├Âgen sie teilweise durch andere Bed├╝rfnisse motiviert sein als dem, einfach einem Ziel zuzustreben. Wissenschaftliche Arbeit mag zum Teil durch das Streben nach Prestige motiviert sein, k├╝nstlerisches Schaffen durch das Bed├╝rfnis, Gef├╝hle auszudr├╝cken, militanter sozialer Aktivismus durch Feindseligkeit. Aber f├╝r die meisten Menschen sind diese Aktivit├Ąten zum gro├čen Teil Ersatzhandlungen. Zum Beispiel wird die Mehrheit der Wissenschaftler wohl zustimmen, dass die ┬╗Erf├╝llung┬ź, die ihnen ihre Arbeit bringt, wichtiger ist als Geld und Prestige.

41. F├╝r viele, wenn nicht gar alle Menschen sind Ersatzhandlungen weniger befriedigend als das Streben nach wahren Zielen (Ziele, die Menschen auch dann erreichen wollen w├╝rden, wenn ihr Bed├╝rfnis nach dem power process schon erf├╝llt w├Ąre). Ein Anzeichen daf├╝r ist die Tatsache, dass viele oder die meisten der Menschen, die sich intensiv ihren Ersatzhandlungen widmen, immer rastlos und nie zufrieden sind. So strebt der Kapitalist st├Ąndig nach mehr und mehr Reichtum. Der Wissenschaftler hat kaum ein Problem gel├Âst, schon nimmt er das n├Ąchste in Angriff. Der Langstreckenl├Ąufer verlangt sich immer noch weitere Strecken und h├Âhere Geschwindigkeit ab. Viele Menschen, die sich Ersatzhandlungen widmen, werden behaupten, dass diese ihnen viel mehr Erf├╝llung bringen als die ┬╗banale┬ź Befriedigung der physischen Bed├╝rfnisse, aber das liegt daran, dass in unserer Gesellschaft die Anstrengung, die notwendig ist, um diese Bed├╝rfnisse zu befriedigen, trivial gering geworden ist. Vor allem befriedigen die Menschen ihre physischen Bed├╝rfnisse nicht AUTONOM, sondern als Teilchen einer immensen sozialen Maschine. Demgegen├╝ber genie├čen die Menschen im Allgemeinen viel Autonomie beim Betreiben ihrer Ersatzhandlungen.

AUTONOMIE

42. Autonomie als Teil des power process mag nicht f├╝r jeden eine Notwendigkeit sein. Aber die meisten Menschen brauchen ein bestimmtes Ma├č an Autonomie, um ihre Ziele zu verwirklichen. Sie m├╝ssen ihre Anstrengungen daf├╝r auf eigenen Entschluss hin beginnen und sie unter eigener F├╝hrung und Kontrolle durchf├╝hren k├Ânnen. Doch m├╝ssen Entschluss, Ausrichtung und Kontrolle nicht unbedingt von jedem einzelnen Individuum gefasst bzw. ausge├╝bt werden. Normalerweise ist es ausreichend, als Mitglied einer KLEINEN Gruppe zu handeln. Wenn so ein halbes Dutzend Leute untereinander ein Ziel ausmacht und es erfolgreich in gemeinsamer Anstrengung erreicht, wird das Bed├╝rfnis nach dem power process jedes Einzelnen erf├╝llt. Aber wenn sie unter strikter Anweisung von oben handeln, die ihnen keinen Raum f├╝r autonome Entscheidungen und Eigeninitiative bel├Ąsst, wird dieses Bed├╝rfnis nicht befriedigt werden. Das gleiche gilt, wenn Entscheidungen kollektiv getroffen werden, die Gruppe aber so gro├č ist, dass die Rolle des einzelnen Individuums darin unbedeutend ist.

43. Es stimmt, dass einige Menschen offenbar nur ein geringes Bed├╝rfnis nach Selbstverwirklichung haben. Entweder ist ihr Machttrieb schwach entwickelt oder sie befriedigen ihn, indem sie sich mit einer m├Ąchtigen Organisation identifizieren, der sie angeh├Âren. Und dann gibt es noch geistlose, animalische Typen, denen die reine physische Macht gen├╝gend Befriedigung verschafft (der gute Frontsoldat, dem seine Geschicklichkeit im Kampf gen├╝gend Machtgef├╝hl gibt, und dem es v├Âllig ausreicht, diese in blindem Gehorsam gegen├╝ber seinen Vorgesetzten einzusetzen).

44. Doch f├╝r die meisten Menschen gilt, dass ihnen der power process – ein Ziel zu haben, eine selbstst├Ąndige Anstrengung daf├╝r zu unternehmen und es schlie├člich zu erreichen – Selbstachtung, Selbstvertrauen und Machtgef├╝hle verschafft. Wenn jemand keine angemessene Gelegenheit bekommt, den power process zu durchlaufen, sind die Konsequenzen (abh├Ąngig von der Pers├Ânlichkeit und von der Art und Weise, wie der power process gest├Ârt oder abgebrochen wurde) Langeweile, Mutlosigkeit, schwache Selbstachtung, Minderwertigkeitsgef├╝hle, Def├Ątismus, Depressionen, Angst- und Schuldgef├╝hle, Frustration, Feindseligkeit, Misshandlungen von Frau und Kindern, unstillbarer Hedonismus, abnormes Sexual verhalten, Schlafst├Ârungen, Essst├Ârungen usw.

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Zur Entstehung dieser Deprivationssymptome im power process: Bereits einem Laienverst├Ąndnis der menschlichen Natur zufolge f├╝hrt das Fehlen von anspruchsvollen Zielen zu Langeweile, diese Langeweile f├╝hrt, wenn sie lange andauert, oft irgendwann zu Depressionen. Das Scheitern im Erreichen der Ziele f├╝hrt zu Frustration und zur Schw├Ąchung der Selbstachtung. Frustration f├╝hrt zu ├ärger, ├ärger zu Aggression, h├Ąufig in Form von Misshandlungen von Frau und Kindern. Es ist erwiesen, dass lang anhaltende Frustration im Allgemeinen zu Depression f├╝hrt und Depressionen sich h├Ąufig in Angst- und Schuldgef├╝hlen, Schlafst├Ârungen, Essst├Ârungen und einem negativen Selbstbild niederschlagen. Diejenigen, die zu Depressionen neigen, suchen als Gegenmittel h├Ąufig Vergn├╝gungen; daher der unstillbare Hedonismus und exzessiver Sex, wobei Perversionen zus├Ątzliche Lust geben sollen. Auch der Gelangweilte neigt zu ausufernder Vergn├╝gungssucht, wobei das Vergn├╝gen in Ermangelung anderer Ziele selbst zum Ziel wird. Siehe auch das Diagramm.

Das Gesagte ist eine Vereinfachung. Die Wirklichkeit ist komplexer, und selbstverst├Ąndlich ist Deprivation im power process nicht die EINZIGE Ursache der beschriebenen Symptome.

├ťbrigens meinen wir mit Depression nicht nur so schwere Depressionen, die die Behandlung durch einen Psychiater erfordern. H├Ąufig sind nur milde Formen der Depression im Spiel. Und wenn wir von Zielen sprechen, meinen wir nicht nur langfristige, durchdachte Ziele. Im Laufe der Menschheitsgeschichte war die Sorge um ein Leben von der Hand in den Mund (das hei├čt, die blo├če t├Ągliche Versorgung der eigenen Familie mit Nahrung) ein durchaus ausreichendes Ziel.

URSPR├ťNGE GESELLSCHAFTLICHER PROBLEME

45. Jedes der bisher dargestellten Symptome kann in jeder Gesellschaft auftreten, in der modernen Industriegesellschaft sind sie jedoch in verst├Ąrktem Ma├če vorhanden. Wir sind nicht die ersten, die darauf hin weisen, dass die Welt heute aus den Fugen zu geraten scheint. Dies ist eine au├čergew├Âhnliche Situation in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Es gibt gute Gr├╝nde anzunehmen, dass der primitive Mensch weniger unter Stress und Frustration gelitten hat und mit seinem Leben zufriedener war, als der heutige Mensch es ist. Zwar war nicht alles eitel Sonnenschein in primitiven Gesellschaften. Unter den australischen Aborigines war es ├╝blich, Frauen zu schlagen, Transsexualit├Ąt war unter einigen amerikanischen Indianerst├Ąmmen recht weit verbreitet. Aber es scheint so, dass IM ALLGEMEINEN die Art von Problemen, die wir in den obigen Abschnitten aufgef├╝hrt haben, unter primitiven V├Âlkern weit weniger verbreitet gewesen sind als in der modernen Gesellschaft.

46. Wir f├╝hren die sozialen und psychologischen Probleme der modernen Gesellschaft auf die Tatsache zur├╝ck, dass diese Gesellschaft den Menschen grundlegend andere Lebensbedingungen aufzwingt als die, unter denen die Menschheit sich herausgebildet hat, und von ihnen ein Verhalten verlangt, das den Ver- haltensmustem entgegensteht, die sich im Leben unter den fr├╝heren Bedingungen entwickelt haben. Aus dem bisher Gesagten wird klar, dass f├╝r uns das Fehlen von M├Âglichkeiten, den power process anders als durch Ersatzhandlungen zu erfahren, die schwerwiegendste der abnormen Bedingungen darstellt, denen die moderne Gesellschaft die Menschen unterwirft. Doch ist sie nicht die einzige. Bevor wir die St├Ârung des power process als eine Quelle sozialer Probleme genauer behandeln, werden wir einige der anderen Quellen er├Ârtern.

47. Zu den abnormen Bedingungen der modernen Industriegesellschaft geh├Âren die exzessive Bev├Âlkerungsdichte, die Isolation des Menschen von der Natur, die ungeheure Geschwindigkeit sozialen Wandels und der Zusammenbruch nat├╝rlicher kleinerer Gemeinschaften wie Gro├čfamilie, Dorf oder Stamm.

48. Bekanntlich verursachen eine hohe Bev├Âlkerungsdichte und Menschenmengen Stress und Aggression. Die heutige Dichte der Menschen und ihre Isolation von der Natur sind Folgen des technologischen Fortschritts. Alle vorindustriellen Gesellschaften waren vorwiegend l├Ąndlich. Die industrielle Revolution hat die Gr├Â├če der St├Ądte und den Anteil der St├Ądter innerhalb der Gesamtbev├Âlkerung ungeheuer anwachsen lassen, und durch moderne Agrartechnologie wurde es m├Âglich, eine so dicht wie nie zuvor zusammenlebende Bev├Âlkerung ├╝berhaupt zu ern├Ąhren. (Auch verschlimmert die Technologie die Konsequenzen der ├ťberbev├Âlkerung, weil sie den Menschen verst├Ąrkt zerst├Ârerische Kr├Ąfte zug├Ąnglich gemacht hat. Zum Beispiel viele l├Ąrmerzeugende Maschinen wie M├Ąhmaschinen, Radios, Motorr├Ąder usw. Wenn die Benutzung dieser Maschinen nicht eingeschr├Ąnkt wird, frustriert dies Menschen, die Ruhe und Frieden suchen. Wenn die Benutzung eingeschr├Ąnkt wird, frustriert es die Menschen, die diese Maschinen benutzen. Aber wenn diese Maschinen nie erfunden worden w├Ąren, g├Ąbe es keine Konflikte und Frustrationen durch sie.)

49. F├╝r primitive Gesellschaften stellte die nat├╝rliche Umwelt (die sich gew├Âhnlich nur langsam ver├Ąndert) stabile Rahmenbedingungen dar und gab ihnen somit ein Gef├╝hl von Sicherheit. In der modernen Welt beherrscht die menschliche Gesellschaft die Natur und nicht umgekehrt, und die moderne Gesellschaft ver├Ąndert sich aufgrund der technologischen Ver├Ąnderungen sehr rasch. So gibt es keine stabilen Rahmenbedingungen mehr.

50. Die Konservativen sind Narren: Sie jammern ├╝ber den Verfall traditioneller Werte, und doch unterst├╝tzen sie mit Begeisterung jeden technischen Fortschritt und ├Âkonomisches Wachstum. Offenbar kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass man keine raschen und drastischen Ver├Ąnderungen in der Technologie und der Wirtschaft einer Gesellschaft haben kann, ohne auch in allen anderen gesellschaftlichen Aspekten rasche Ver├Ąnderungen zu verursachen, und solche raschen Ver├Ąnderungen f├╝hren unvermeidlich zum Verfall traditioneller Werte.

51. Der Zusammenbruch traditioneller Werte zieht auch in einem gewissen Ma├č die Zerst├Ârung der Bindungen nach sich, die traditionelle kleine soziale Gruppen Zusammenhalten. Die Zersetzung dieser Gruppen wird durch die Tatsache noch gef├Ârdert, dass die modernen Lebensbedingungen den Individuen h├Ąufig abverlangen oder sie dazu verlocken, an neue Orte zu ziehen und sich von ihren Gemeinschaften zu l├Âsen. Au├čerdem MUSS die technologische Gesellschaft die Familienbande und kleine Gemeinschaften schw├Ąchen, wenn sie effizient funktionieren soll. In der modernen Gesellschaft muss ein Individuum an erster Stelle dem System gegen├╝ber loyal sein und erst an zweiter Stelle der kleineren Gemeinschaft gegen├╝ber, denn wenn die internen Loyalit├Ąten der Gemeinschaften st├Ąrker w├Ąren als die Loyalit├Ąt zum System, w├╝rden die Gemeinschaften auf Kosten des Systems ihren eigenen Vorteil suchen.

52. Angenommen, ein ├Âffentlicher Beamter oder ein Verwaltungsangestellter gibt seinem Vetter, seinem Freund oder seinem Glaubensgenossen eher einen freien Posten als der Person, die f├╝r diese Arbeit am besten qualifiziert w├Ąre. Dann hat er pers├Ânliche Loyalit├Ąt ├╝ber seine Loyalit├Ąt zum System gestellt, und wir haben es mit ┬╗Nepotismus┬ź oder ┬╗Diskriminierung┬ź zu tun, beides schreckliche S├╝nden in der modernen Gesellschaft. M├Âchtegern-Industriegesellschaften, denen es nicht gelungen ist, pers├Ânliche oder lokale Loyalit├Ąten der Loyalit├Ąt zum System unterzuordnen, sind gew├Âhnlich sehr leistungsschwach (siehe Lateinamerika). Also kann eine hoch entwickelte Industriegesellschaft nur solche kleinen Gemeinschaften tolerieren, die kraftlos und gez├Ąhmt sind und dem System als willf├Ąhrige Werkzeuge dienen.

53. ├ťberbev├Âlkerung, rascher sozialer Wandel und die Zerst├Ârung kleiner Gemeinschaften sind weitgehend als Ursachen sozialer Probleme anerkannt. Aber wir glauben nicht, dass sie als Erkl├Ąrung f├╝r das Ausma├č der Probleme, die wir heute erkennen, ausreichen.

54. Einige vorindustrielle St├Ądte waren sehr gro├č und dicht bev├Âlkert, doch scheinen ihre Bewohner nicht im selben Ma├če an psychischen Problemen gelitten zu haben wie der moderne Mensch. In Amerika gibt es noch immer einige d├╝nn besiedelte l├Ąndliche Gegenden, und dort finden wir dieselben Probleme wie in urbanen Gegenden, obwohl sie auf dem Land im Allgemeinen weniger akut sind. Also scheint die Bev├Âlkerungsdichte nicht der entscheidende Faktor zu sein.

55. Mit dem zunehmenden Vorsto├č ins amerikanische Grenzland, den ┬╗Wilden Westen┬ź, im 19. Jahrhundert hat die Mobilit├Ąt der Bev├Âlkerung sicherlich gro├če Familien und kleine Gemeinschaften auseinandergerissen, mindestens im selben Ma├če, wie dies heute geschieht. Tats├Ąchlich lebten damals viele Kleinfamilien freiwillig in v├Âlliger Abgeschiedenheit. Im Umkreis mehrerer Meilen hatten sie weder Nachbarn noch Verbindung zu Ortschaften, und doch scheint dies nicht zu Problemen gef├╝hrt zu haben.

56. Auch war der soziale Wandel in der amerikanischen Pioniergesellschaft rasch und tiefgreifend. Es war m├Âglich, dass ein Mensch in einer Blockh├╝tte geboren wurde und dort aufwuchs, au├čerhalb der Reichweite von Recht und Ordnung, und sich vorwiegend von Wild ern├Ąhrte; und dass dieser Mensch im Alter einer geregelten Arbeit nachging und in einer geordneten Gesellschaft mit einem organisierten Polizeiapparat lebte. Das waren tiefergreifende Ver├Ąnderungen, als sie im Leben eines modernen Menschen ├╝blicherweise Vorkommen, und doch scheinen diese nicht zu psychologischen Problemen gef├╝hrt zu haben. Tats├Ąchlich hatte die amerikanische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts eine optimistische und selbstbewusste Grundeinstellung, sehr im Gegensatz zur heutigen Gesellschaft.

57. Der Unterschied, so meinen wir, liegt darin, dass der moderne Mensch das (berechtigte) Gef├╝hl hat, ihm sei der Wandel AUFGEZWUNGEN worden, wohingegen der Pionier des 19. Jahrhunderts das (ebenso berechtigte) Gef├╝hl hatte, den Wandel selbst herbeizuf├╝hren, aus eigenem Willen. Ein Pionier siedelte auf einem St├╝ck Land seiner Wahl und machte mit eigener Anstrengung eine Farm daraus. In jenen Zeiten konnte ein ganzer Landkreis nur ein paar hundert Einwohner haben und viel abgeschiedener und autonomer sein als ein vergleichbarer Bezirk heute. So nahm der Pionier-Farmer als Mitglied einer recht kleinen Gruppe aktiv daran teil, eine neue, geordnete Gemeinschaft zu schaffen. Man kann sich fragen, ob die Schaffung dieser Gemeinschaft eine Verbesserung war, aber jedenfalls befriedigte sie das Bed├╝rfnis des Pioniers nach seiner Selbstverwirklichung im power process.

58. Man k├Ânnte andere Beispiele von Gesellschaften geben, in denen es raschen sozialen Wandel und/oder fehlende gemeinschaftliche Bindungen ohne die massiven Verhaltensst├Ârungen gab, die wir in der heutigen Industriegesellschaft beobachten. Wir behaupten, dass die wichtigste Ursache sozialer und psychologischer Probleme in der modernen Gesellschaft darin liegt, dass die Menschen nur unzureichend Gelegenheit haben, den power process auf normale Weise zu durchlaufen. Wir wollen nicht sagen, dass die moderne Gesellschaft die einzige sei, in der der power process gest├Ârt wird. Wahrscheinlich haben die meisten oder alle Gesellschaften mehr oder weniger stark in den power process eingegriffen. Aber in der modernen Industriegesellschaft ist das Problem besonders schwerwiegend geworden. Linksgerichtete Ideologie, wenigstens in ihrer neuen Form (Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts), ist zum Teil ein Symptom der Deprivation im power process.

ST├ľRUNG DES POWER PROCESS IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT

59. Wir teilen die menschlichen Triebe in drei Gruppen ein: (1) Triebe, die durch geringste Anstrengungen befriedigt werden k├Ânnen; (2) Triebe, die nur durch gro├če Anstrengungen befriedigt werden k├Ânnen; (3) Triebe, die trotz aller Anstrengungen nicht angemessen befriedigt werden k├Ânnen. Derpower process ist ein Prozess der Befriedigung der Triebe der zweiten Gruppe. Je mehr Triebe der dritten Gruppe es gibt, desto mehr Frustration und ├ärger und schlie├člich Def├Ątismus und Depression usw. gibt es.

60. In der modernen Industriegesellschaft besteht die Tendenz, die nat├╝rlichen menschlichen Triebe in die erste und dritte Gruppe zu zwingen, w├Ąhrend die zweite Gruppe zunehmend aus k├╝nstlich geschaffenen Bed├╝rfnissen besteht.

61. In primitiven Gesellschaften fallen die physischen Bed├╝rfnisse im Allgemeinen in die zweite Gruppe: Sie k├Ânnen befriedigt werden, aber unter gro├čen Anstrengungen. In der modernen Gesellschaft dagegen ist die Befriedigung der physischen Bed├╝rfnisse meistens f├╝r jedermann mit minimalen Anstrengungen zu erreichen, daher geh├Âren physische Bed├╝rfnisse hier in die erste Gruppe. (Man kann dar├╝ber streiten, ob die Anstrengungen, eine feste Arbeit zu bekommen, wirklich ┬╗minimal┬ź sind; aber im Allgemeinen, was niedrige und mittlere Arbeiten angeht, ist die einzige Erfordernis GEHORSAM. Man sitzt oder steht dort, wo man angewiesen wurde zu sitzen oder zu stehen, und tut dasjenige auf die Art und Weise, wie es einem gesagt wurde. Selten nur muss man sich wirklich anstrengen, und in kaum einem Fall hat man bei der Arbeit irgendeine Autonomie, sodass das Bed├╝rfnis nach power process nicht befriedigt werden kann.)

62. Soziale Bed├╝rfnisse wie Sexualit├Ąt, Liebe und gesellschaftliches Ansehen geh├Âren in der modernen Gesellschaft in die zweite Gruppe, dies ist abh├Ąngig von der Situation des Einzelnen. Aber abgesehen von Menschen, die ein ausnehmend starkes Geltungsbed├╝rfnis haben, ist die Anstrengung, die n├Âtig ist, um diese sozialen Bed├╝rfnisse zu befriedigen, nicht ausreichend, um das Bed├╝rfnis nach dem power process ebenfalls angemessen zu befriedigen.

63. Deshalb wurden gewisse k├╝nstliche Bed├╝rfnisse geschaffen, die in die zweite Gruppe geh├Âren, die also das Bed├╝rfnis nach dem power process befriedigen sollen. Werbe- und Marketingstrategien wurden entwickelt, die bei vielen Menschen Bed├╝rfnisse nach Dingen wecken, die ihre Gro├čeltern niemals gew├╝nscht und sich nicht h├Ątten tr├Ąumen lassen. Da es gro├če Anstrengungen erfordert, genug Geld zu verdienen, um diese k├╝nstlichen Bed├╝rfnisse zu befriedigen, fallen sie in die zweite Gruppe. (Man beachte allerdings die Abschnitte 80-82.) Der moderne Mensch muss sein Bed├╝rfnis nach dem power process weitgehend durch das Streben nach k├╝nstlichen, von der Werbe- und Marketingindustrie hervorgerufenen Bed├╝rfnissen und durch Ersatzhandlungen befriedigen.

64. F├╝r viele Menschen, vielleicht f├╝r die Mehrheit, scheinen diese k├╝nstlichen Formen des power process ungen├╝gend zu sein. Ein Thema, das in sozialkritischen Schriften der zweiten H├Ąlfte des 20. Jahrhunderts immer wiederkehrt, ist das Gef├╝hl der Ziellosigkeit, unter dem in der modernen Gesellschaft viele Menschen leiden. (Diese Ziellosigkeit wird oft auch anders genannt, ┬╗Anomie┬ź oder ┬╗Mittelklasse-Leere┬ź.) Wir vermuten, dass die sogenannte ┬╗Identit├Ątskrise┬ź tats├Ąchlich eine Sinnsuche ist, eine Suche nach einer geeigneten Ersatzhandlung, der man sich widmen kann. M├Âglicherweise ist der Existenzialismus zum gro├čen Teil eine Antwort auf die Ziellosigkeit modernen Lebens. Das Streben nach ┬╗Erf├╝llung┬ź ist in unserer Gesellschaft sehr weit verbreitet. Aber wir glauben, dass f├╝r die Mehrheit der Menschen eine Handlung, deren Hauptziel Erf├╝llung ist (also eine Ersatzhandlung), keine wirklich befriedigende Erf├╝llung bringen kann. Mit anderen Worten, eine solche Handlung befriedigt nicht wirklich das Bed├╝rfnis nach dem power process. (Siehe Absatz 41) Dieses Bed├╝rfnis kann nur durch T├Ątigkeiten v├Âllig befriedigt werden, die ein ├Ąu├čeres Ziel haben, so wie physische Notwendigkeiten, Sex, Liebe, soziale Geltung, Rache usw.

65. ├ťberdies sind die meisten Menschen, die solche Ziele haben, die durch Geld verdienen, Erklimmen der Karriereleiter oder das gute Funktionieren als Teil im System zu erreichen sind, nicht in der Position, ihre Ziele AUTONOM zu verfolgen. Die meisten Arbeiter sind als Angestellte von jemand anderem abh├Ąngig und m├╝ssen, wie wir in Abschnitt 61 ausgef├╝hrt haben, den ganzen Tag Dinge tun, die ihnen aufgetragen wurden, auf die Art und Weise, wie es ihnen aufgetragen wurde. Selbst diejenigen, die in ihrem eigenen Unternehmen arbeiten, haben dadurch nur begrenzte Autonomie. Es ist eine st├Ąndige Klage kleiner Gewerbetreibender und Unternehmer, dass ihnen durch ├╝bertriebene staatliche Reglementierung die H├Ąnde gebunden seien. Einige dieser Reglementierungen sind zweifellos unn├Âtig, aber meistens sind staatliche Einschr├Ąnkungen grundlegende und unabdingbare Aspekte unserer extrem komplexen Gesellschaft. Ein gro├čer Teil der kleinen Unternehmen arbeitet heute auf der Basis von Franchise-Systemen. Vor ein paar Jahren wurde im Wall Street Journal berichtet, dass viele der Franchise-Lizenzgeber von den Bewerbern verlangen, einen Pers├Ânlichkeitstest zu machen, der jene AUSSCHLIESSEN soll, die Kreativit├Ąt und Initiative erkennen lassen, denn solche Personen sind nicht ausreichend unterw├╝rfig, um im Franchise-System gehorsam zu funktionieren. Damit sind viele Unternehmer, die ein besonderes Bed├╝rfnis nach Autonomie haben, vom Gesch├Ąft ausgeschlossen.

66. Heutzutage leben die Menschen eher nach dem, was das System f├╝r sie tut oder was es ihnen antut, als nach dem, was sie f├╝r sich selbst tun. Und was sie f├╝r sich tun, verl├Ąuft immer mehr in den Bahnen, die das System vorgibt. Gelegenheiten ergeben sich nur, wenn das System sie bereitstellt, sie m├╝ssen innerhalb der Regeln und Reglementierungen genutzt werden und unter Beachtung der Techniken, die Fachleute vorgeben, wenn das Unternehmen Erfolg haben soll.

67. Somit ist in unserer Gesellschaft kein power process m├Âglich, denn es gibt keine wirklichen Ziele und keine Autonomie, um diese Ziele durchzusetzen. Sie ist auch wegen der Zugeh├Ârigkeit dieser menschlichen Triebkr├Ąfte zur dritten Gruppe unm├Âglich, derjenigen Triebkr├Ąfte also, die man nicht hinreichend befriedigen kann, ganz gleich, welche Anstrengungen daf├╝r unternommen werden. Eine dieser Triebkr├Ąfte ist das Sicherheitsbed├╝rfnis. Unser Leben h├Ąngt von Entscheidungen anderer Leute ab; wir haben ├╝ber diese Entscheidungen keine Kontrolle und kennen ├╝blicherweise nicht einmal die Menschen, die sie treffen. (┬╗Wir leben in einer Welt, in der relativ wenige Menschen – vielleicht 500 oder 1000 – die wichtigen Entscheidungen treffen.┬ź Philip B. Heymann, Harvard Law School, zitiert nach Anthony Lewis, New York Times vom 21. April 1995) Unser Leben h├Ąngt davon ab, welche Sicherheitsstandards in Kernkraftwerken gew├Ąhrleistet sind; wie hoch der zul├Ąssige Pestizidgehalt in unserer Nahrung ist oder wie hoch die zul├Ąssige Luftverschmutzung; wie kompetent (oder inkompetent) unser Arzt ist; ob wir einen Job bekommen oder verlieren, kann von Entscheidungen abh├Ąngen, die von Wirtschaftsexperten der Regierung oder von Firmenmanagem getroffen werden, und so weiter. Die meisten Individuen sind nicht in der Lage, sich gegen diese Bedrohungen mehr als zu einem sehr geringen Grad abzusichem. Das Sicherheitsbed├╝rfnis des Einzelnen ist daher frustriert, was zu einem Gef├╝hl der Ohnmacht f├╝hrt.

68. Man k├Ânnte ein wenden, dass der primitive Mensch physisch in gr├Â├čerer Unsicherheit lebte als der moderne Mensch, was sich auch in seiner k├╝rzeren Lebenserwartung zeigt, und der moderne Mensch eher weniger Unsicherheit erleide, jedenfalls nicht mehr, als es f├╝r Menschen normal ist. Doch geht psychologische Sicherheit nicht so eng mit physischer Sicherheit einher. Was uns uns sicher F├ťHLEN l├Ąsst, ist nicht so sehr die objektive Sicherheit, als vielmehr ein Gef├╝hl des Vertrauens in unsere F├Ąhigkeiten, f├╝r uns selbst zu sorgen. Der primitive Mensch, der von einem Raubtier oder durch Hunger bedroht ist, kann sich k├Ąmpfend verteidigen oder auf der Suche nach Nahrung fortziehen. Er hat keine Erfolgsgarantie bei diesen Anstrengungen, aber er steht den Dingen, die ihn bedrohen, keinesfalls hilflos gegen├╝ber. Das moderne Individuum ist dagegen vielen Bedrohungen hilflos ausgeliefert: nukleare Unf├Ąlle, krebserregende Stoffe in der Nahrung, Umweltverschmutzung, Krieg, Steuererh├Âhungen, Eingriffe in seine Privatsph├Ąre durch gro├če Organisationen, das ganze Land betreffende gesellschaftliche und wirtschaftliche Ereignisse, die seine Lebensweise zerst├Âren k├Ânnen.

69. Es stimmt, dass auch der primitive Mensch gegen einige Bedrohungen machtlos ist, zum Beispiel gegen Krankheiten. Diesem Krankheitsrisiko kann er aber gelassen entgegensehen, denn es geh├Ârt zu den nat├╝rlichen Dingen, es ist niemandes Schuld, au├čer die von imagin├Ąren, verk├Ârperten D├Ąmonen vielleicht. Dagegen sind die Bedrohungen des modernen Menschen weitgehend durch den MENSCHEN verursacht. Sie sind nicht das Ergebnis von Zuf├Ąllen, sondern werden ihm von anderen Personen, deren Entscheidungen er einzeln nicht beeinflussen kann, AUFERLEGT. Infolgedessen entstehen bei ihm Gef├╝hle von Frustration, Dem├╝tigung und Wut.

70. Somit bestimmt der primitive Mensch gr├Â├čtenteils selbst ├╝ber seine Sicherheit (entweder als Individuum oder als Mitglied einer KLEINEN Gruppe), w├Ąhrend die Sicherheit des modernen Menschen in den H├Ąnden von Menschen oder Organisationen liegt, die entweder zu fern oder zu umfassend sind, als dass er sie pers├Ânlich beeinflussen k├Ânnte. Damit geh├Ârt das Bed├╝rfnis des modernen Menschen nach Sicherheit in die erste und dritte Gruppe; in einigen Bereichen (wie Nahrung, Unterkunft usw.) ist seine Sicherheit durch nur geringe Anstrengungen garantiert, wohingegen es in anderen Bereichen f├╝r ihn UNM├ľGLICH ist, Sicherheit zu erlangen. (Das Gesagte vereinfacht die reale Situation stark, verdeutlicht aber im Groben und Allgemeinen den Unterschied der Lebensbedingungen zwischen dem modernen und dem primitiven Menschen.)

71. Menschen haben auch viele vor├╝bergehende Bed├╝rfnisse oder Impulse, die im modernen Leben zwangsl├Ąufig frustriert werden und die also in die dritte Gruppe fallen. Zum Beispiel werden Menschen w├╝tend, aber die Gesellschaft l├Ąsst k├Ârperliche Auseinandersetzungen nicht zu. In vielen Situationen ist nicht einmal verbale Aggression erlaubt. Ob man eilig irgendwohin m├Âchte oder aber Lust hat, langsam zu fahren, es bleibt einem nichts anderes ├╝brig, als sich dem flie├čenden Verkehr anzupassen und die Verkehrsschilder zu beachten. M├Âglicherweise w├╝rde man eine andere Arbeitsweise vorziehen, aber ├╝blicherweise muss man die Arbeit nach den vom Arbeitgeber vorgegebenen Regeln verrichten. Auf vielfache Weise wird der moderne Mensch durch ein Netzwerk von Regeln und Vorschriften (expliziten oder impliziten) niedergehalten, das viele seiner Impulse unterdr├╝ckt und somit den power process st├Ârt. Die meisten dieser Vorschriften sind f├╝r das Funktionieren der Industriegesellschaft unabk├Âmmlich.

72. In gewisser Hinsicht ist die moderne Gesellschaft extrem freiz├╝gig. In Bereichen, die f├╝r das Funktionieren des Systems irrelevant sind, k├Ânnen wir im Allgemeinen tun, was wir wollen. Wir k├Ânnen jeder beliebigen Religion angeh├Âren (wenn diese nicht ein Verhalten f├Ârdert, das eine Gefahr f├╝r das System darstellt). Wir k├Ânnen mit jedem beliebigen Partner ins Bett gehen (solange wir ┬╗safer sex┬ź praktizieren). Wir k├Ânnen alles tun, was wir wollen, solange es UNWICHTIG ist. In allen WICHTIGEN Bereichen wird das System jedoch in zunehmendem Ma├če unser Verhalten bestimmen.

73. Verhalten wird nicht nur durch Vorschriften und nicht nur von der Regierung bestimmt. Oft wird Kontrolle durch indirekten Zwang oder durch psychologischen Druck oder Manipulation ausge├╝bt, durch andere Organisationen als die Regierung oder durch das System selbst. Die meisten gro├čen Organisationen nutzen Formen der Propaganda, um damit allgemeine Einstellungen und Verhaltensweisen zu manipulieren. Propaganda beschr├Ąnkt sich nicht allein auf Werbung und Reklame, und mitunter wird sie nicht einmal von den Leuten, die sie machen, bewusst als Propaganda verstanden. Zum Beispiel ist der Inhalt von Unterhaltungsprogrammen eine m├Ąchtige Propaganda. Ein Beispiel von indirektem Zwang: Es gibt kein Gesetz, dass uns zwingt, jeden Tag zur Arbeit zu gehen und den Anordnungen unserer Vorgesetzten zu folgen. Vom Gesetz her kann uns niemand hindern, wie primitive Menschen in der Wildnis zu leben oder uns selbstst├Ąndig zu machen. In der Realit├Ąt ist aber kaum noch Wildnis vorhanden, und in der Wirtschaft ist nur f├╝r eine begrenzte Anzahl von kleinen Selbstst├Ąndigen Platz. Somit k├Ânnen die meisten von uns nur als Angestellte ├╝berleben.

74. Unserer Ansicht nach ist das zwanghafte Streben des modernen Menschen nach langer Lebensdauer, nach andauernder physischer Vitalit├Ąt und sexueller Attraktivit├Ąt bis ins hohe Alter ein Symptom f├╝r die Unerf├╝lltheit seines Lebens, die ihren Grund in der Deprivation des power process hat. Ein solches Symptom ist auch die sogenannte ┬╗Midlife-Crisis┬ź sowie der in der modernen Gesellschaft weit verbreitete Verzicht auf Kinder, der in primitiven Gesellschaften nahezu unbekannt ist.

75. In primitiven Gesellschaften bedeutet Leben die Aufeinanderfolge von Lebensabschnitten. Wenn die Bed├╝rfnisse und Zwecke eines Lebensabschnitts erf├╝llt sind, besteht keine besondere Abneigung dagegen, zum n├Ąchsten Abschnitt ├╝berzugehen. Der power process eines jungen Mannes besteht darin, zum J├Ąger zu werden, nicht als Sport oder weil es ihm Erf├╝llung gibt, sondern um das f├╝r seine Nahrung notwendige Fleisch zu bekommen. (Bei jungen Frauen verl├Ąuft der power process komplexer, da hier mehr Gewicht auf der sozialen Macht liegt; er soll hier nicht weiter ber├╝cksichtigt werden.) Wenn der junge Mann diese Lebensphase hinter sich hat, wird er ohne Widerstreben sesshaft werden und die Verantwortung f├╝r die Gr├╝ndung einer Familie ├╝bernehmen. (Im Gegensatz dazu schieben viele moderne Menschen den Kinderwunsch auf unabsehbare Zeit hinaus, weil sie zu sehr damit besch├Ąftigt sind, irgendwelche ┬╗Erf├╝llung┬ź zu suchen. Unserer Meinung nach liegt die Erf├╝llung, die sie suchen, in der angemessenen Erfahrung des power process – mit wahren Zielen anstelle der k├╝nstlichen Ziele und Ersatzhandlungen.) Wenn der primitive Mensch dann seine Kinder aufgezogen hat und sie durch den power process mit allem Lebensnotwendigen versorgt hat, hat er seine Aufgabe erf├╝llt und ist bereit, Alter (falls er so lange lebt) und Tod zu akzeptieren. Dagegen verst├Ârt viele moderne Menschen die Aussicht auf k├Ârperlichen Verfall und Tod, was sich in den fortw├Ąhrenden Anstrengungen zeigt, die sie f├╝r die Erhaltung ihrer k├Ârperlichen Kondition, ihres guten Aussehens und ihrer Gesundheit unternehmen. Dies ist ein Zeichen f├╝r die Unerf├╝lltheit, die daher r├╝hrt, dass diese Menschen ihre k├Ârperliche Kraft niemals f├╝r irgendwelche praktischen Zwecke eingesetzt haben, dass sie nie den power process durchlaufen haben, in dem sie ihre K├Ârper ernsthaft h├Ątten nutzen m├╝ssen. Der primitive Mensch, der seinen K├Ârper t├Ąglich f├╝r praktische Zwecke braucht, f├╝rchtet den Alterungsprozess nicht, nur der moderne Mensch, der seinen K├Ârper nie zu anderen Zwecken genutzt hat als von seinem Auto in sein Haus zu gelangen. Der Mann, dessen Bed├╝rfnis nach dem power process im Laufe seines Lebens befriedigt wurde, ist am besten auf das Ende dieses Lebens vorbereitet und kann es akzeptieren.

76. Aus der Argumentation in diesem Abschnitt k├Ânnte man schlussfolgern: ┬╗Die Gesellschaft muss einen Weg finden, den Menschen Gelegenheit zu geben, den power process zu durchlaufen.┬ź Doch wird das f├╝r jene, die ein Bed├╝rfnis nach Autonomie im power process haben, nicht funktionieren. Denn f├╝r solche Menschen ist die Gelegenheit gerade dadurch nichts mehr wert, dass die Gesellschaft sie ihnen gibt. Vielmehr m├╝ssen sie selbst ihre eigenen Gelegenheiten finden oder schaffen. Solange das System ihnen Gelegenheiten GIBT, liegen sie an seiner Leine. Um Autonomie zu erreichen, m├╝ssen sie sich von dieser Leine losmachen.

PROBLEME DER ANPASSUNG

77. Nicht jeder in der industriell-technologischen Gesellschaft leidet unter psychologischen Problemen. Manche bekennen sogar, in der bestehenden Gesellschaft recht zufrieden zu sein. Wir wollen nun ├╝ber einige der Gr├╝nde daf├╝r sprechen, dass die Reaktion der Menschen auf die moderne Gesellschaft so unterschiedlich ausf├Ąllt.

78. Erstens gibt es zweifellos angeborene Unterschiede in der St├Ąrke des Machttriebs. Menschen mit einem schwachen Machttrieb werden ein relativ geringes Bed├╝rfnis haben, den power process zu durchlaufen, oder zumindest ein relativ geringes Bed├╝rfnis nach Selbstverwirklichung und nach Selbstbestimmung im power process. Es sind f├╝gsame Typen, die auch als Plantagenneger in den alten S├╝dstaaten gl├╝cklich geworden w├Ąren. (Damit wollen wir keineswegs Verachtung f├╝r die ┬╗Plantagenneger┬ź der S├╝dstaaten ausdr├╝cken. Man muss ihnen zugestehen, dass die meisten dieser Sklaven NICHT mit ihrer Knechtschaft zufrieden waren. Wir verachten diejenigen, die mit Knechtschaft zufrieden SIND.)

79. Manche Menschen haben ein au├čergew├Âhnlich starkes Bed├╝rfnis nach Selbstverwirklichung. Zum Beispiel k├Ânnen Leute, die ein besonders ausgepr├Ągtes Geltungsbed├╝rfnis haben, ihr ganzes Leben damit verbringen, unerm├╝dlich die Erfolgsleiter des gesellschaftlichen und sozialen Status zu erklimmen, ohne dass es ihnen jemals langweilig wird.

80. Auch die Empf├Ąnglichkeit f├╝r Werbung und Vermarktungsstrategien ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manche sind derart empf├Ąnglich, dass sie, selbst wenn sie sehr viel Geld verdienen, nicht ihr st├Ąndiges Begehren f├╝r die glitzernden neuen Spielzeuge, die die Marketingindustrie ihnen vorf├╝hrt, befriedigen k├Ânnen. Selbst wenn sie ein hohes Einkommen haben, geraten sie schnell in finanzielle Schwierigkeiten und k├Ânnen sich nicht alle Anspr├╝che erf├╝llen.

81. Andere sind f├╝r Werbung und Vermarktungsstrategien nahezu unempf├Ąnglich. Diese Menschen sind an Geld nicht interes siert. Die Anh├Ąufung materieller G├╝ter befriedigt nicht ihr Bed├╝rfnis nach dem power process.

82. Menschen mit durchschnittlicher Empf├Ąnglichkeit f├╝r Werbung und Vermarktungsstrategien sind in der Lage, genug Geld zu verdienen, um ihr Begehren f├╝r G├╝ter und Dienstleistungen zu befriedigen, aber nur aufgrund gr├Â├čerer Anstrengungen (sie machen ├ťberstunden, nehmen Zweitjobs an, bem├╝hen sich um Bef├Ârderungen usw.). Insofern dient die Anh├Ąufung materieller G├╝ter dem Bed├╝rfnis nach ihrer Selbstverwirklichung im power process. Aber daraus folgt nicht notwendigerweise, dass dieses Bed├╝rfnis vollst├Ąndig befriedigt wird. Es kann sein, dass diese Menschen nur unzureichende Autonomie im power process haben (etwa wenn ihre Arbeit darin besteht, Anweisungen zu erf├╝llen) und einige ihrer Triebe k├Ânnen frustriert werden (z.B. der nach Sicherheit oder nach Aggression). (In den Abschnitten 80-82 machen wir uns der Vereinfachung schuldig, weil wir voraussetzen, dass der Wunsch nach Anh├Ąufung von materiellen G├╝tern allein durch die Werbe- und Marketingindustrie geschaffen wird. So einfach ist das nat├╝rlich nicht.)

83. Manche Menschen befriedigen ihr Bed├╝rfnis nach Macht zum Teil dadurch, dass sie sich mit einer m├Ąchtigen Organisation oder einer Massenbewegung identifizieren. Eine Person, der Macht oder eigene Ziele fehlen, schlie├čt sich einer Bewegung oder einer Organisation an, ├╝bernimmt deren Zielsetzungen als ihre eigenen und arbeitet dann auf deren Verwirklichung hin. Werden einige dieser Ziele erreicht, dann empfindet der Einzelne, m├Âgen seine pers├Ânlichen Anstrengungen auch eine unbedeutende Rolle in der Verwirklichung der Ziele gespielt haben, (durch die Identifikation mit der Bewegung oder der Organisation) so, als habe er den power process durchlaufen. Dieses Ph├Ąnomen wurde von Faschisten, Nazis und Kommunisten ausgenutzt. Auch unsere Gesellschaft nutzt es, wenn auch weniger offensichtlich. Beispiel: Manuel Noriega war f├╝r die USA ein ├ärgernis. (Ziel: Bestrafung Noriegas.) Die USA marschierten in Panama ein (Anstrengung) und bestraften Noriega (Erreichung des Ziels). Die USA durchliefen damit den power process, und viele Amerikaner erlebten ihn stellvertretend, weil sie sich mit den USA identifizieren. Dies erkl├Ąrt die weit verbreitete ├Âffentliche Zustimmung f├╝r die Panama-Invasion, sie hat den Leuten ein Machtgef├╝hl vermittelt. Dasselbe Ph├Ąnomen kann man in Armeen, K├Ârperschaften, politischen Parteien, Menschenrechtsorganisationen, religi├Âsen und ideologischen Bewegungen beobachten. Besonders linksgerichtete Bewegungen haben f├╝r Menschen, die ihr Machtbed├╝rfnis befriedigen wollen, eine gro├če Anziehungskraft. Dennoch kann die Identifikation mit gro├čen Organisationen oder Massenbewegungen das Machtbed├╝rfnis der meisten Menschen nicht v├Âllig befriedigen.

84. Eine andere M├Âglichkeit zur Befriedigung des Bed├╝rfnisses nach Selbstverwirklichung im power process k├Ânnen Ersatzhandlungen sein. Wie wir in den Abschnitten 38-40 erkl├Ąrt haben, ist eine Ersatzhandlung auf ein k├╝nstliches Ziel ausgerichtet, das jemand um der ┬╗Erf├╝llung┬ź willen verfolgt, die er sich vom Verfolgen dieses Ziels verspricht, und nicht, weil er das Ziel selbst erreichen m├╝sste. Zum Beispiel gibt es keinen praktischen Grund, sich enorme Muskeln anzutrainieren, einen kleinen wei├čen Ball in ein Loch zu schlagen oder einen kompletten Satz Briefmarken zusammenzukriegen. Dennoch widmen sich viele Menschen in unserer Gesellschaft mit Leidenschaft dem Bodybuilding, Golfspielen oder Briefmarkensammeln. Einige Menschen sind st├Ąrker ┬╗fremdbestimmt┬ź als andere und sind deshalb eher geneigt, einer Ersatzhandlung Bedeutung beizumessen, blo├č weil diese von den Menschen in ihrer Umgebung als bedeutsam betrachtet wird oder weil die Gesellschaft ihnen sagt, sie sei wichtig. Deshalb nehmen manche Menschen v├Âllig triviale Aktivit├Ąten wie Sport, Bridge, Schach oder obskures Streben nach Wissen sehr wichtig, wohingegen andere, scharfsichtigere Menschen diese Dinge stets nur als das sehen, was sie sind, n├Ąmlich Ersatzhandlungen, und ihnen deshalb auch niemals gen├╝gend Bedeutung beimessen, um ihr Bed├╝rfnis nach dem power process auf diese Weise zu befriedigen. Hinzuzuf├╝gen ist nur noch, dass die dem Lebensunterhalt dienende Berufst├Ątigkeit h├Ąufig auch eine Art Ersatzhandlung ist. Keine REINE Ersatzhandlung, da diese Besch├Ąftigung teilweise wirklich dazu dient, den physisch notwendigen Lebensunterhalt zu erwerben sowie (f├╝r manche Menschen) den sozialen Status und den Luxus, den die Werbung sie verlangen l├Ąsst. Doch viele Menschen widmen sich ihrer Arbeit mit einer weit gr├Â├čeren Anstrengung, als n├Âtig w├Ąre, um so viel Geld und Status zu erwerben, wie sie ben├Âtigen, und diese zus├Ątzliche Anstrengung ist eine Ersatzhandlung. Diese zus├Ątzliche Anstrengung, zusammen mit dem emotionalen Einsatz, der diese begleitet, ist eine der m├Ąchtigsten Kr├Ąfte zur kontinuierlichen Entwicklung und Perfektionierung des Systems, mit negativen Folgen f├╝r die individuelle Freiheit (vgl. Abschnitt 131). Besonders f├╝r die kreativsten Wissenschaftler und Ingenieure ist Arbeit zum gro├čen Teil Ersatzhandlung. Dieser Punkt ist derart wichtig, dass er eine gesonderte Er├Ârterung erfordert, die wir in K├╝rze vornehmen werden (Abschnitte 87-92).

85. In diesem Abschnitt haben wir dargelegt, wie viele Menschen in der modernen Gesellschaft ihr Bed├╝rfnis nach dem power process tats├Ąchlich mehr oder weniger befriedigen. Doch glauben wir, dass die Mehrheit der Menschen ihr Bed├╝rfnis nach dem power process nicht vollst├Ąndig befriedigen kann. Denn zum einen stellen die Menschen, die ein uners├Ąttliches Geltungsbed├╝rfnis haben, oder die sich einer Ersatzhandlung v├Âllig verschreiben, oder die sich stark genug mit einer Bewegung oder Organisation identifizieren, um ihren Machttrieb auf diese Weise zu befriedigen, Ausnahmen dar. Andere sind weder durch Ersatzhandlungen noch durch Identifikation mit einer Organisation vollst├Ąndig zu befriedigen (vgl. Abschnitte 41 und 64). Zum anderen ├╝bt das System durch explizite Vorschriften oder durch Anpassungsdruck zu viel Kontrolle aus, was zu einem Mangel an Autonomie f├╝hrt und zu Frustration ├╝ber die Unm├Âglichkeit, bestimmte Ziele zu erreichen und ├╝ber den Zwang, zu viele Impulse unterdr├╝cken zu m├╝ssen.

86. Doch selbst wenn die meisten Menschen in der industrielltechnologischen Gesellschaft zufriedengestellt w├Ąren, w├╝rden wir (FC) uns dennoch gegen diese Gesellschaftsform auflehnen, (unter anderem) weil wir es erniedrigend finden, wenn das Bed├╝rfnis nach dem power process durch Ersatzhandlungen oder durch Identifikation mit m├Ąchtigen Organisationen befriedigt wird anstatt durch das Streben nach wahren Zielen.

MOTIVATION DER WISSENSCHAFTLER

87. Wissenschaft und Technologie bilden die wichtigsten Beispiele f├╝r Ersatzhandlungen. Manche Wissenschaftler behaupten, ihre Motivation bestehe in ┬╗Neugier┬ź oder in einem Wunsch nach ┬╗Nutzen f├╝r die Menschheit┬ź. Doch es ist leicht zu durchschauen, dass weder das eine noch das andere das Hauptmotiv der meisten Wissenschaftler sein kann. Was die ┬╗Neugier┬ź betrifft, so ist diese Vorstellung einfach absurd. Die meisten Wissenschaftler arbeiten an hoch spezialisierten Problemen, die normaler Neugier nicht zug├Ąnglich sind. Kann man etwa behaupten, dass ein Astronom, ein Mathematiker oder ein Insek- tenkundler neugierig auf die Eigenschaften von Isopropyltri- methylmethan ist? Selbstverst├Ąndlich nicht. Nur ein Chemiker empfindet daf├╝r Neugier, und nur deshalb, weil Chemie seine Ersatzhandlung darstellt. Ist aber der Chemiker neugierig auf die geeignete Klassifizierung einer neuen K├Ąferart? Nein. Denn diese Frage interessiert nur den Insektenkundler, weil Insektenkunde dessen Ersatzhandlung ist. Wenn der Chemiker und der Insektenkundler f├╝r die Sicherung ihrer existenziellen Bed├╝rfnisse ernsthafte Anstrengungen unternehmen m├╝ssten, und wenn diese Anstrengungen ihre F├Ąhigkeiten auf eine interessante Weise, aber nicht in wissenschaftlichem Streben herausfordern w├╝rden, dann w├╝rden sie sich um Isopropyltrimethylmethan oder die Klassifizierung von K├Ąfern einen Dreck scheren. Nehmen wir einmal an, dass knappe Geldmittel der Graduiertenf├Ârderung dazu gef├╝hrt h├Ątten, dass der Chemiker stattdessen Versicherungsagent geworden w├Ąre. In diesem Fall w├Ąre er sehr an Versicherungsangelegenheiten interessiert, Iso- propyltrimethylmethan w├Ąre ihm aber gleichg├╝ltig. Jedenfalls ist es nicht normal, der Befriedigung blo├čer Neugier derart viel Zeit und Anstrengung zu widmen, wie Wissenschaftler in ihre Arbeit investieren. Mit ┬╗Neugier┬ź ist die Motivation der Wissenschaftler nicht zu erkl├Ąren.

88. Die Erkl├Ąrung, es gehe ihnen um den ┬╗Nutzen f├╝r die Menschheit┬ź, ist nicht plausibler. Manche Wissenschaften haben gar keinen denkbaren Bezug zum Wohlergehen der Menschheit – Arch├Ąologie zum Beispiel oder vergleichende Sprachwissenschaften. Andere Wissenschaftsgebiete er├Âffnen ganz offensichtlich gef├Ąhrliche M├Âglichkeiten. Und doch sind die Wissenschaftler in diesen Gebieten ebenso begeistert von ihrer Arbeit wie die, die an der Entwicklung eines Impfstoffs arbeiten oder Luftverschmutzung untersuchen. Man denke an den Fall des Dr. Edward Teller, der sich offensichtlich emotional ber├╝hrt f├╝r Kernkraftwerke einsetzte. Kann man behaupten, dass dieser Einsatz aus dem Wunsch herr├╝hrte, der Menschlichkeit zu dienen? Wenn das so w├Ąre, warum hat sich Dr. Teller nicht f├╝r andere ┬╗humanit├Ąre┬ź Aufgaben begeistert? Wenn er so ein Menschenfreund war, warum hat er sich dann an der Entwicklung der Wasserstoffbombe beteiligt? Wie bei vielen anderen wissenschaftlichen Errungenschaften ist es ├Ąu├čerst fragw├╝rdig, inwiefern Kernkraftwerke tats├Ąchlich zum Nutzen der Menschheit sind. Wiegt die billige Elektrizit├Ąt den sich ansammelnden nuklearen Abfall und das Risiko von Unf├Ąllen auf? Dr. Teller hat nur die eine Seite dieser Frage betrachtet. Es ist v├Âllig klar, dass sein emotionales Eintreten f├╝r die Atomkraft nicht dem Wunsch nach ┬╗Nutzen f├╝r die Menschheit┬ź entsprang, sondern einer pers├Ânlichen Befriedigung, die er aus seiner Arbeit und der M├Âglichkeit, diese in die Praxis umgesetzt zu sehen,zog.

89. Dies trifft auf alle Wissenschaftler zu. Von m├Âglichen, wenigen Ausnahmen abgesehen sind ihre Motive weder Neugier noch der Wunsch, der Menschheit zu n├╝tzen, sondern das Bed├╝rfnis, den power process zu durchlaufen: ein Ziel zu haben (ein wissenschaftliches Problem zu l├Âsen), eine Anstrengung zu unternehmen (Forschung) und das Ziel zu erreichen (L├Âsung des Problems). Wissenschaft ist eine Ersatzhandlung, weil die Wissenschaftler haupts├Ąchlich um der Erf├╝llung willen arbeiten, die ihnen diese Arbeit bringt.

90. Nat├╝rlich ist das nicht so simpel. Bei vielen Wissenschaftlern spielen noch andere Motive eine Rolle. Geld und Status zum Beispiel. Manche Wissenschaftler geh├Âren zum Typus mit dem uners├Ąttlichen Geltungsdrang (vgl. Abschnitt 79), und in diesem mag ein gro├čer Teil ihrer Motivation bestehen. Ganz sicher ist die Mehrheit der Wissenschaftler, wie die Mehrheit der Gesamtbev├Âlkerung, f├╝r Werbung und Marketingstrategien mehr oder weniger empf├Ąnglich, und braucht daher Geld, um ihr Begehren nach G├╝tern und Dienstleistungen zu befriedigen. Somit ist Wissenschaft keine REINE Ersatzhandlung. Aber sie ist zum gro├čen Teil eine Ersatzhandlung.

91. Au├čerdem haben sich Wissenschaft und Technologie zu einer m├Ąchtigen Massenbewegung entwickelt, und viele Wissenschaftler erf├╝llen ihr Machtbed├╝rfnis, indem sie sich mit dieser Massenbewegung identifizieren (vgl. Abschnitt 83).

92. Der Vormarsch der Wissenschaft geschieht blindlings, ohne dass ein wirklicher Nutzen f├╝r die Menschheit dabei in Betracht gezogen w├╝rde, er ist einzig orientiert an den psychologischen Bed├╝rfnissen der Wissenschaftler, der Regierungsbeamten und Untemehmensmanager, die Forschungsmittel daf├╝r bereitstellen.

DAS WESEN DER FREIHEIT

93. Wir werden ausf├╝hren, dass die fortschreitende Einschr├Ąnkung der Freiheit der Menschen in der industriell-technologischen Gesellschaft nicht durch Reformen dieser Gesellschaft aufgehalten werden kann. Doch weil ┬╗Freiheit┬ź ein Begriff ist, der auf vielfache Weise interpretiert werden kann, werden wir zun├Ąchst definieren, welche Art von Freiheit wir meinen.

94. Wir verstehen unter ┬╗Freiheit┬ź die M├Âglichkeit, den power process zu durchlaufen, mit wahren Zielen und nicht den k├╝nstlichen Zielen von Ersatzhandlungen, und ohne Einmischung, Manipulation oder ├ťberwachung durch wen auch immer, besonders nicht durch gro├če Organisationen. Freiheit bedeutet, die Kontrolle (als Individuum oder Mitglied einer KLEINEN Gruppe) ├╝ber die existenziellen Dinge des eigenen Lebens zu haben: Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Verteidigung gegen jedwede ├Ąu├čere Bedrohung. Freiheit bedeutet, Macht zu haben, aber nicht die Macht, andere Menschen zu kontrollieren, sondern die Macht, die eigenen Lebensumst├Ąnde zu kontrollieren. Man hat keine Freiheit, wenn irgendjemand (insbesondere eine gro├če Organisation) Macht ├╝ber einen aus├╝bt, egal wie wohlt├Ątig, tolerant oder freiz├╝gig diese ausge├╝bt wird. Freiheit ist keinesfalls mit Freiz├╝gigkeit zu verwechseln (vgl. Abschnitt 72).

95. Es wird behauptet, dass wir in einer freien Gesellschaft leben, weil uns durch die Verfassung eine Reihe von Rechten garantiert wird. Diese sind aber nicht so wichtig, wie sie scheinen. Der Grad der pers├Ânlichen Freiheit in einer Gesellschaft wird eher durch die wirtschaftliche und technologische Struktur dieser Gesellschaft bestimmt als durch ihre Gesetze oder ihre Regierungsform. Die meisten Indianer-Nationen in Neuengland waren Monarchien, und viele St├Ądte der italienischen Renaissance wurden von Diktatoren beherrscht. Jedoch kann man sich beim Lesen ├╝ber diese Gesellschaften nicht des Eindrucks erwehren, dass sie weit mehr pers├Ânliche Freiheit zulie├čen als unsere Gesellschaft. Teilweise lag das daran, dass ihnen effiziente Mittel fehlten, um den Willen des Herrschers durchzusetzen: es gab keinen modernen, gut organisierten Polizeiapparat, keine schnelle Femkommunikation, keine ├ťberwachungskameras, keine Informationsberichte ├╝ber das Leben der Durchschnittsb├╝rger. Somit war es relativ leicht, der Kontrolle auszu weichen.

96. Was unsere durch die Verfassung garantierten Rechte betrifft, so denke man beispielsweise an die Pressefreiheit. Wir wollen dieses Recht ganz sicherlich nicht abschaffen; es ist ein sehr wichtiges Mittel, um die Konzentration der politischen Macht einzugrenzen und um diejenigen, die politische Macht besitzen, durch die ├Âffentliche Bekanntmachung ihres Fehlverhaltens zu z├╝geln. Jedoch ist die Pressefreiheit f├╝r den Durchschnittsb├╝rger als Person nur von geringem Nutzen. Die Massenmedien stehen gr├Â├čtenteils unter der Kontrolle gro├čer Organisationen, die in das System integriert sind. Jeder kann f├╝r wenig Geld etwas drucken lassen oder im Internet publizieren, doch was er zu sagen hat, wird in der Masse der Medieninformationen untergehen und deshalb nur wenig Wirkung erzielen. Die Gesellschaft mit Worten zu beeindrucken ist deshalb f├╝r die meisten Einzelpersonen oder kleinen Gruppen nahezu unm├Âglich. Nehmen wir uns (FC) selbst zum Beispiel. Wenn wir nicht gewaltsam gehandelt und die vorliegende Schrift einem Verleger vorgelegt h├Ątten, w├Ąre sie wahrscheinlich nicht angenommen worden. Selbst wenn sie akzeptiert und ver├Âffentlicht worden w├Ąre, h├Ątte sie wahrscheinlich nicht viele Leser interessiert, denn es macht mehr Spa├č, die Unterhaltungssendungen der Medien anzusehen als eine n├╝chterne Abhandlung zu lesen. Aber selbst wenn diese Schrift viele Leser gefunden h├Ątte, w├╝rden die meisten dieser Leser das Gelesene bald vergessen haben, weil ihr Ged├Ąchtnis durch die Informationsflut der Massenmedien ├╝berflutet wird. Damit wir ├╝berhaupt eine Chance hatten, unsere Botschaft mit nachhaltigem Eindruck zu ver├Âffentlichen, mussten wir Menschen t├Âten.

97. Durch die Verfassung festgeschriebene Rechte sind bis zu einem gewissen Grad n├╝tzlich, aber sie k├Ânnen nicht viel mehr garantieren als das, was man eine b├╝rgerliche Auffassung von Freiheit nennen k├Ânnte. Gem├Ą├č der b├╝rgerlichen Auffassung ist ein ┬╗freier┬ź Mensch im Wesentlichen Teil einer gesellschaftlichen Maschinerie und hat nur ein bestimmtes B├╝ndel vorgeschriebener und begrenzter Freiheiten, Freiheiten n├Ąmlich, die vor allem der gesellschaftlichen Maschine dienen und weniger dem Einzelnen. So hat der b├╝rgerliche ┬╗freie┬ź Mensch wirtschaftliche Freiheit, weil sie Wachstum und Fortschritt dient; er hat Pressefreiheit, weil ├Âffentliche Kritik das Fehl verhalten politischer F├╝hrer einschr├Ąnkt; er hat das Recht auf einen fairen Prozess, weil Verhaftungen nach der blo├čen Willk├╝r der M├Ąchtigen schlecht f├╝r das System w├Ąren. Dies entspricht eindeutig der Haltung Simon Bolivars. Ihm zufolge verdienten die Menschen nur dann Freiheit, wenn sie sie dazu einsetzen, den Fortschritt zu f├Ârdern (Fortschritt im b├╝rgerlichen Verst├Ąndnis). Andere b├╝rgerliche Denker haben eine ├Ąhnliche Auffassung von Freiheit vertreten, sie als blo├čes Mittel zum gemeinsamen Zweck verstanden. Chester C. Tan, Chinesisches Politisches Denken im Zwanzigsten Jahrhundert, Seite 202, erkl├Ąrt die Philosophie des Kuomintang-F├╝hrers Hu Han-min: ┬╗Einem Einzelnen werden Rechte zugestanden, weil er ein Mitglied der Gesellschaft ist und das Leben der Gemeinschaft diese Rechte erfordert. Mit Gemeinschaft meint Hu Han-min die gesamte Gesellschaft oder Nation.┬ź Auf Seite 259 f├╝hrt Tan aus, dass Freiheit Carsum Chang (Chang Chun-mai, F├╝hrer der Sozialistischen Staatspartei Chinas) zufolge im Interesse des Staates und des gesamten Volkes als Gesamtheit genutzt werden muss. Aber was f├╝r eine Freiheit ist das, die nur auf von anderen vorgeschriebene Weise genutzt werden darf? Die Auffassung von Freiheit, die FC vertritt, ist eine andere als die Bolivars, Hus, Changs oder anderer b├╝rgerlicher Theoretiker. Die Schwierigkeit mit solchen Theoretikern besteht darin, dass die Entwicklung und Anwendung sozialer Theorien ihre Ersatzhandlung geworden ist. Infolgedessen sind diese Theorien so entworfen, dass sie eher den Bed├╝rfnissen der Theoretiker dienen als den Bed├╝rfnissen von Menschen, die das Pech haben, in einer Gesellschaft zu leben, der diese Theorien aufgezwungen wurden.

98. Noch ein weiterer Punkt geh├Ârt in diesen Abschnitt: Man sollte nicht meinen, dass eine Person genug Freiheit hat, nur weil sie das von sich BEHAUPTET. Die Freiheit wird zum Teil durch psychologische Kontrollen eingeschr├Ąnkt, die den Menschen ├╝berhaupt nicht bewusst sind, und dar├╝ber hinaus werden die Vorstellungen der meisten Menschen dessen, was Freiheit bedeutet, stark von gesellschaftlichen Konventionen gesteuert und weniger von ihren wirklichen Bed├╝rfnissen. Zum Beispiel w├╝rden wahrscheinlich viele ├╝berangepasste Linke behaupten, dass die meisten Menschen, einschlie├člich ihrer selbst, eher zu wenig als zu stark angepasst seien, und doch zahlt der ├╝berangepasste Linke einen hohen psychologischen Preis f├╝r seinen hohen Grad an Angepasstheit.

EINIGE PRINZIPIEN DER GESCHICHTE

99. Man kann sich Geschichte als Summe zweier Komponenten vorstellen: einem unberechenbaren Teil, der aus unvorhersehbaren Ereignissen besteht, die keinem erkennbaren Muster folgen, und einem regelhaften Teil, der aus langfristigen historischen Str├Âmungen besteht. Im folgenden Abschnitt geht es uns um die langfristigen Str├Âmungen.

100. ERSTES PRINZIP. Wenn eine KLEINE Ver├Ąnderung eintritt, die auf eine langfristige historische Str├Âmung wirkt, dann ist die Wirkung dieser Ver├Ąnderung fast immer nur vor├╝bergehend – die Str├Âmung wird bald wieder den urspr├╝nglichen Verlauf nehmen. (Beispiel: eine Reformbewegung, die politische Korruption in einer Gesellschaft bek├Ąmpfen will, hat selten mehr als eine kurzzeitige Wirkung; fr├╝her oder sp├Ąter werden die Reformer nachlassen und die Korruption wird sich allm├Ąhlich wieder einschleichen. Der Grad politischer Korruption in einer Gesellschaft neigt dazu, konstant zu bleiben oder sich nur langsam infolge der gesellschaftlichen Weiterentwicklung zu ver├Ąndern. Normalerweise kann eine politische S├Ąuberung nur dann dauerhaft sein, wenn sie von weitreichenden sozialen Ver├Ąnderungen begleitet wird; eine KLEINE Ver├Ąnderung in der Gesellschaft wird nicht hinreichen.) Wenn eine kleine Ver├Ąnderung innerhalb eines langfristigen historischen Verlaufs anzudauem scheint, dann nur deshalb, weil die Ver├Ąnderung in die gleiche Richtung zielt wie die allgemeine Str├Âmung und diese dadurch nicht ver├Ąndert, sondern vielmehr vorw├Ąrtsgetrieben wird.

101. Das erste Prinzip ist fast eine Tautologie. Wenn eine historische Str├Âmung kleinen Ver├Ąnderungen nicht standhielte, w├╝rde sie keiner bestimmten Richtung folgen, sondern w├Ąre ziellos. Mit anderen Worten, es w├╝rde sich gar nicht um eine langfristige Str├Âmung handeln.

102. ZWEITES PRINZIP. Wenn eine Ver├Ąnderung eintritt, die gro├č genug ist, um eine langfristige historische Str├Âmung dauerhaft zu ver├Ąndern, dann wird sie die Gesellschaft im Ganzen ver├Ąndern. Mit anderen Worten, eine Gesellschaft ist ein System, in dem alle Teile zueinander in Beziehung stehen, und kein Teil kann dauerhaft ver├Ąndert werden, ohne dass sich alle anderen Teile auch ├Ąndern.

103. DRITTES PRINZIP. Wenn eine Ver├Ąnderung eintritt, die gro├č genug ist, um eine langfristige Str├Âmung dauerhaft zu ver├Ąndern, k├Ânnen die Folgen f├╝r die gesamte Gesellschaft nicht vorausgesagt werden. (Es sei denn, verschiedene andere Gesellschaften haben bereits die gleiche Ver├Ąnderung durchgemacht und die gleichen Folgen erlebt, in diesem Fall kann man auf empirischer Grundlage Voraussagen, dass eine andere Gesellschaft, die die gleiche Ver├Ąnderung durchmacht, wahrscheinlich ├Ąhnliche Folgen erleben wird.)

104. VIERTES PRINZIP. Eine neue Gesellschaft kann nicht auf dem Papier entworfen werden. Das bedeutet, man kann eine neue Gesellschaftsform nicht im Voraus planen, dann errichten und erwarten, dass sie in der geplanten Weise funktioniert.

105. Das dritte und vierte Prinzip ergeben sich aus der Komplexit├Ąt menschlicher Gesellschaften. Eine Ver├Ąnderung des menschlichen Verhaltens wird sich sowohl auf die Wirtschaft einer Gesellschaft als auch auf ihre physische Umwelt auswirken; die Wirtschaft wird die Umwelt beeinflussen und umgekehrt, und die Ver├Ąnderungen von Wirtschaft und Umwelt werden das menschliche Verhalten in komplexer, nicht vorhersehbarer Weise beeintr├Ąchtigen usw. Das Netzwerk von Ursache und Wirkung ist viel zu komplex, um es zu entwirren und zu begreifen.

106. F├ťNFTES PRINZIP. Eine Gesellschaftsform wird von Menschen nicht bewusst und rational ausgew├Ąhlt. Gesellschaften entwickeln sich durch Prozesse sozialer Evolution, die nicht der Kontrolle der menschlichen Vernunft unterliegen.

107. Das f├╝nfte Prinzip ergibt sich folgerichtig aus den vier anderen Prinzipien.

108. Zur Erl├Ąuterung: Das erste Prinzip besagt, dass Versuche sozialer Reformen im Allgemeinen entweder in die Richtung zielen, in die sich die Gesellschaft ohnehin entwickelt (sodass sie eine Ver├Ąnderung nur beschleunigen, die in jedem Fall stattgefunden h├Ątte), oder nur eine vor├╝bergehende Wirkung haben, sodass die Gesellschaft bald in ihr altes Fahrwasser zur├╝ckf├Ąllt. Um eine dauerhafte Ver├Ąnderung der Entwicklungsrichtung irgendeines wichtigen Aspekts der Gesellschaft zu bewirken, sind Reformen ungeeignet, und eine Revolution ist notwendig. (Revolution bedeutet nicht zwangsl├Ąufig bewaffnete Erhebung oder Sturz der Regierung.) Das zweite Prinzip besagt, dass eine Revolution niemals nur einen Aspekt der Gesellschaft ver├Ąndert, sie ver├Ąndert die Gesellschaft im Ganzen; und das dritte Prinzip besagt, dass immer Ver├Ąnderungen auftreten, die von den Revolution├Ąren nicht erwartet oder erw├╝nscht waren. Das vierte Prinzip besagt, dass eine Gesellschaft, die von Revolution├Ąren oder Utopisten entworfen wurde, nie so funktioniert wie geplant.

109. Die Amerikanische Revolution ist daf├╝r kein Gegenbeispiel. Die Amerikanische ┬╗Revolution┬ź war n├Ąmlich keine Revolution, wie wir sie verstehen, sondern ein Unabh├Ąngigkeitskrieg, gefolgt von recht weitreichenden politischen Reformen. Die Gr├╝nderv├Ąter haben weder die Richtung ge├Ąndert, in die sich die amerikanische Gesellschaft entwickelte, noch haben sie dies angestrebt. Sie haben die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft lediglich von den retardierenden Auswirkungen britischer Herrschaft befreit. Ihre politische Reform hat keine grunds├Ątzliche Str├Âmung umgelenkt, sondern die Entwicklung der amerikanischen politischen Kultur nur in ihrer nat├╝rlichen Richtung beschleunigt. Schon die britische Gesellschaft, aus der die amerikanische hervorgegangen ist, hatte sich seit Langem in die Richtung einer repr├Ąsentativen Demokratie bewegt. Bereits vor dem Unabh├Ąngigkeitskrieg hatten die Amerikaner in den Kolonialversammlungen repr├Ąsentative Demokratie in bedeutendem Umfang praktiziert. Das von der Verfassung etablierte politische System war dem englischen System und der Kolonialversammlung nachgebildet. Mit wichtigen ├änderungen, sicherlich – zweifellos haben die Gr├╝nderv├Ąter einen wichtigen Schritt getan. Aber es war ein Schritt auf dem Weg, den die englischsprachige Welt bereits eingeschlagen hatte. Der Beweis daf├╝r ist, dass England und diejenigen seiner Kolonien, die haupts├Ąchlich von Menschen britischer Herkunft bev├Âlkert waren, letztendlich alle ein System repr├Ąsentativer Demokratie eingef├╝hrt haben, das dem der Vereinigten Staaten ├Ąhnelt. H├Ątten die Gr├╝nderv├Ąter damals die Geduld verloren und es abgelehnt, die Unabh├Ąngigkeitserkl├Ąrung zu unterzeichnen, w├Ąre unsere Lebensweise heute nicht viel anders. Vielleicht h├Ątten wir etwas engere Bindungen an England, ein Parlament und einen Premierminister anstelle eines Kongresses und eines Pr├Ąsidenten. Keine gro├če Sache. Somit stellt die Amerikanische Revolution kein Gegenbeispiel zu unseren Prinzipien dar, sondern illustriert diese vielmehr.

110. Trotzdem muss man seinen gesunden Menschenverstand gebrauchen, um die Prinzipien richtig anzuwenden. Wir haben sie in einer unpr├Ązisen Sprache verfasst, die Raum f├╝r Interpretationen l├Ąsst, auch kann man Ausnahmen davon finden. Wir stellen diese Prinzipien nicht als unab├Ąnderliche Gesetze dar, sondern eher als Faustregeln oder Denkanst├Â├če, die vielleicht eine Art Gegenmittel zu naiven Ideen ├╝ber die Zukunft der Gesellschaft sein k├Ânnen. Man sollte sich diese Prinzipien immer wieder bewusst machen, und wann immer man zu Ergebnissen kommt, die diesen Prinzipien widersprechen, sollte man seine ├ťberlegungen sorgf├Ąltig ├╝berpr├╝fen und seine Schlussfolgerung nur dann aufrecht halten, wenn es gute, solide Gr├╝nde daf├╝r gibt.

DIE INDUSTRIELL-TECHNOLOGISCHE GESELLSCHAFT KANN NICHT REFORMIERT WERDEN

111. Die aufgef├╝hrten Prinzipien machen deutlich, wie hoffnungslos schwierig es w├Ąre, das industrielle System derart zu reformieren, dass die fortschreitende Einschr├Ąnkung unserer Freiheit dadurch verhindert w├╝rde. Es besteht eine langfristige historische Str├Âmung, die mindestens bis auf die industrielle Revolution zur├╝ckgeht, das System auf Kosten der individuellen Freiheit und der lokalen Autonomie zu st├Ąrken. Deshalb w├╝rde jede Ver├Ąnderung, die darauf abzielt, Freiheit vor Technologie zu sch├╝tzen, einer grundlegenden Str├Âmung in der Entwicklung unserer Gesellschaft entgegenstehen. Folgerichtig w├Ąre eine solche Ver├Ąnderung entweder nur eine vor├╝bergehende – schon bald von der Flut der Geschichte hinweggeschwemmt – oder, sie w├╝rde, wenn sie ausreichend stark w├Ąre, um dauerhaft zu wirken, das Wesen der Gesellschaft im Ganzen ver├Ąndern. Damit w├Ąren das erste und zweite Prinzip erf├╝llt. Dar├╝ber hinaus best├╝nde ein gro├čes Risiko, dass sich die Gesellschaft in einer nicht voraussagbaren Weise ver├Ąndert (drittes Prinzip). Man kann kaum erwarten, dass Ver├Ąnderungen, die gro├č genug w├Ąren, um dauerhafte Ver├Ąnderungen zugunsten der Freiheit zu schaffen, bewusst vorgenommen werden, denn sie w├╝rden den Zusammenbruch des Systems herbeif├╝hren. Also werden Reformversuche stets zu zaghaft sein, um eine Wirkung zu zeitigen. Selbst wenn Ver├Ąnderungen von ausreichend gro├čem Umfang eingeleitet w├╝rden, die einen dauerhaften Unterschied bewirken k├Ânnten, w├╝rden diese gestoppt werden, sobald ihre systembeeintr├Ąchtigenden Auswirkungen sp├╝rbar w├╝rden. Also k├Ânnen dauerhafte Ver├Ąnderungen zugunsten der Freiheit nur von Menschen herbeigef├╝hrt werden, die zu radikalen, gef├Ąhrlichen und un vorhersehbaren ├änderungen des gesamten Systems bereit sind. Anders gesagt: von Revolution├Ąren, nicht von Reformern.

112. Menschen, die die Freiheit retten wollen, dabei aber ├Ąngstlich darauf bedacht sind, nicht die vermeintlichen Vorteile der Technologie daf├╝r zu opfern, werden naive Modelle einer neuen Gesellschaftsform entwerfen, in der Freiheit und Technologie vers├Âhnt w├Ąren. Abgesehen von der Tatsache, dass die Leute, die solche Vorschl├Ąge machen, selten auch praktische Schritte vorschlagen, wie diese neue Gesellschaftsform ├╝berhaupt errichtet werden soll, folgt aus dem vierten Prinzip auch, dass selbst wenn die neue Gesellschaftsform irgendwann etabliert w├╝rde, sie entweder zusammenbrechen oder g├Ąnzlich anders sein w├╝rde als erwartet.

113. Schon auf dieser ganz allgemeinen Ebene scheint es h├Âchst unwahrscheinlich, dass es irgendeine M├Âglichkeit gibt, die Gesellschaft derart zu ver├Ąndern, dass Freiheit und moderne Technologie miteinander vers├Âhnt werden k├Ânnten. In den folgenden Abschnitten werden wir spezifischere Begr├╝ndungen f├╝r unsere Schlussfolgerung, dass Freiheit und technologischer Fortschritt unvereinbar sind, darlegen.

DIE GRENZEN DER FREIHEIT IN DER INDUSTRIELLEN GESELLSCHAFT

114. Wie in den Abschnitten 65-67 und 70-73 dargelegt wurde, ist der moderne Mensch durch ein Geflecht von Regeln und Vorschriften gebunden, und sein Schicksal h├Ąngt von Handlungen anderer Menschen ab, die ihm fern sind und deren Entscheidungen er nicht beeinflussen kann. Dies ist weder Zufall noch Ergebnis der Willk├╝r arroganter B├╝rokraten. Es ist notwendig und unvermeidlich in jeder fortgeschrittenen technologischen Gesellschaft so. Das System MUSS menschliches Verhalten streng regulieren, um funktionieren zu k├Ânnen. Bei der Arbeit m├╝ssen Menschen das tun, was ihnen gesagt wurde, dann, wann es ihnen gesagt wurde und auf die Art, wie es ihnen gesagt wurde, sonst w├╝rde die Produktion im Chaos versinken. B├╝rokratien M├ťSSEN nach strengen Vorschriften gef├╝hrt werden. B├╝rokraten der unteren Ebenen sp├╝rbaren eigenen Ermessensspielraum zuzugestehen, w├╝rde das System beeintr├Ąchtigen und es dem Vorwurf der Ungerechtigkeit aussetzen, weil jeder B├╝rokrat nach seinem Ermessen und anders als ein anderer handeln w├╝rde. Sicher k├Ânnten einige Einschr├Ąnkungen unserer Freiheit abgeschafft werden, aber IM ALLGEMEINEN ist die Regulierung unseres Lebens durch gro├če Organisationen notwendig f├╝r das Funktionieren der industriell-technologischen Gesellschaft. Das Ergebnis ist ein Gef├╝hl der Ohnmacht beim Durchschnittsb├╝rger. Es ist jedoch m├Âglich, dass die formellen Einschr├Ąnkungen zunehmend durch psychologische Instrumente ersetzt werden, sodass wir freiwillig tun, was das System von uns verlangt (Propaganda, Erziehungsmethoden, Programme zur ┬╗mentalen Gesundheit┬ź usw.).

115. Das System MUSS die Menschen zu einem Verhalten zwingen, das sich immer st├Ąrker vom nat├╝rlichen Muster menschlichen Verhaltens unterscheidet. Beispielsweise braucht das System Wissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure. Es kann ohne sie nicht funktionieren. Deshalb werden Kinder unter starken Druck gesetzt, sich auf diesen Gebieten auszuzeichnen. Es ist unnat├╝rlich f├╝r einen heranwachsenden Menschen, den Gro├čteil seiner Zeit in Studien versunken an einem Schreibtisch zu verbringen. Ein normaler Heranwachsender m├Âchte seine Zeit damit verbringen, aktive Kontakte zur wirklichen Welt zu kn├╝pfen. Die Dinge, zu denen Kinder in primitiven V├Âlkern angeleitet werden, stehen in vern├╝nftigem Einklang mit ihren nat├╝rlichen menschlichen Impulsen. Bei den amerikanischen Indianern etwa wurden die Jungen zu Aktivit├Ąten und Besch├Ąftigungen au├čerhalb des Hauses angehalten – zu genau den Dingen, die Jungen m├Âgen. Aber in unserer Gesellschaft werden Kinder dazu gedr├Ąngt, sich mit technischen Studien zu besch├Ąftigen, was die meisten nur widerwillig tun.

116. Aufgrund des st├Ąndigen Drucks, den das System aus├╝bt, um das menschliche Verhalten zu ver├Ąndern, nimmt die Zahl der Menschen zu, die sich den Anforderungen der Gesellschaft nicht anpassen wollen oder k├Ânnen: Sozialhilfeschmarotzer, Jugendbanden, Sektenanh├Ąnger, Regierungsgegner, radikale Umweltsch├╝tzer und Saboteure, Aussteiger und andere Widerst├Ąndler.

117. In jeder technologisch fortgeschrittenen Gesellschaft MUSS das Schicksal des Einzelnen von Entscheidungen abh├Ąngig sein, auf die er selbst keinen nennenswerten Einfluss nehmen kann. Eine technologische Gesellschaft kann nicht in kleine autonome Gemeinschaften aufgeteilt werden, weil die Produktion vom Zusammenwirken einer gro├čen Anzahl von Menschen und Maschinen abh├Ąngt. Eine solche Gesellschaft MUSS hoch organisiert sein und Entscheidungen, die sich auf viele Menschen aus wirken, M├ťSSEN getroffen werden. Wenn eine Entscheidung etwa eine Million Menschen betrifft, dann hat jedes der betroffenen Individuen im Durchschnitt auch nur ein Millionstel Anteil an der Entscheidung. In der Praxis werden Entscheidungen ├╝blicherweise von ├Âffentlichen Beamten oder Managern von gro├čen K├Ârperschaften durchgef├╝hrt oder von technischen Spezialisten, aber selbst wenn die ├ľffentlichkeit einmal ├╝ber eine Entscheidung abstimmt, ist die Anzahl der Stimmberechtigten gew├Âhnlich zu gro├č, als dass die Stimme eines Einzelnen von Bedeutung w├Ąre. Also sind die meisten Menschen unf├Ąhig, einen messbaren Einfluss auf die meisten Entscheidungen auszu├╝ben, die ihr Leben betreffen. Es gibt in einer fortgeschrittenen technologischen Gesellschaft keinen denkbaren Ausweg aus dieser Situation. Das System versucht das Problem dadurch zu ┬╗l├Âsen┬ź, dass die Menschen durch Propaganda glauben gemacht werden, sie w├╝rden die Entscheidungen W├ťNSCHEN, die f├╝r sie getroffen wurden, aber selbst wenn diese ┬╗L├Âsung┬ź ein voller Erfolg w├Ąre und die Menschen sich dadurch tats├Ąchlich besser f├╝hlten, w├Ąre es erniedrigend.

118. Die Konservativen und einige andere bef├╝rworten st├Ąrkere ┬╗lokale Autonomie┬ź. ├ľrtliche Gemeinschaften waren fr├╝her tats├Ąchlich autonom, aber diese Art von Autonomie ist immer weniger m├Âglich, weil die kleinen Gemeinschaften immer mehr in gr├Â├čere Systeme ├╝bergehen und von ihnen abh├Ąngen, wie ├Âffentliche Versorgungsbetriebe, Computernetzwerke, Autobahnsysteme, Massenmedien, das moderne Gesundheitssystem. Auch die Tatsache, dass an einem Ort angewandte Technologie Menschen in anderen, weit abgelegenen Gebieten betrifft, wirkt gegen Autonomie. So k├Ânnen Pestizide und Chemikalien, die in der N├Ąhe eines Baches aufgebracht werden, die Wasserversorgung Hunderte von Meilen flussabw├Ąrts verschmutzen, und der Treibhauseffekt hat weltweite Auswirkungen.

119. Das System existiert nicht und kann nicht dazu existieren, menschliche Bed├╝rfnisse zu befriedigen. Vielmehr muss das menschliche Verhalten den Bed├╝rfnissen des Systems angepasst werden. Dies hat nichts mit der politischen oder gesellschaftlichen Ideologie zu tun, von der das technologische System angeblich gerade gelenkt wird. Es ist kein Fehler des Kapitalismus und kein Fehler des Sozialismus. Es ist der Fehler der Technologie selbst, weil das System gar nicht von einer Ideologie, sondern von technischen Notwendigkeiten gelenkt wird. Nat├╝rlich befriedigt das System viele menschliche Bed├╝rfnisse, aber im Allgemeinen nur soweit es Vorteile f├╝r das System hat. An erster Stelle stehen die Bed├╝rfnisse des Systems und nicht die der Menschen. Beispielsweise versorgt das System die Menschen mit Nahrung, weil es nicht bestehen k├Ânnte, wenn alle verhungern w├╝rden; es dient den psychologischen Bed├╝rfnissen der Menschen, wann immer es ihm PASST, weil es nicht funktionieren k├Ânnte, wenn zu viele Menschen depressiv oder aufr├╝hrerisch w├Ąren. Aber aus guten, soliden, praktischen Gr├╝nden muss das System st├Ąndig Druck auf Menschen aus├╝ben, um ihr Verhalten den Bed├╝rfnissen des Systems anzupassen. Es gibt zu viel M├╝ll? Die Regierung, die Medien, das Erziehungssystem, die Umweltsch├╝tzer ├╝berschwemmen uns mit Unmengen von Propaganda zum Recycling. Es wird mehr technisches Personal ben├Âtigt? Ein Chor von Stimmen ermahnt Jugendliche zum Studium der Naturwissenschaften. Niemand h├Ąlt einmal inne und stellt die Frage, ob es nicht unmenschlich ist, Jugendliche dazu zu zwingen, ihre Zeit mit Studienf├Ąchern zu verbringen, die die meisten von ihnen hassen. Wenn gelernte Arbeiter aufgrund des technologischen Fortschritts entlassen werden und sich einer ┬╗Weiterbildung┬ź unterziehen m├╝ssen, fragt niemand, ob es f├╝r sie wohl dem├╝tigend ist, so herumgeschubst zu werden. Es wird einfach vorausgesetzt, dass sich jedermann den technischen Anforderungen f├╝gen muss. Und mit gutem Grund: Wenn menschliche Bed├╝rfnisse vor technische Notwendigkeiten gesetzt werden, g├Ąbe es wirtschaftliche Probleme, Arbeitslosigkeit, Mangel oder Schlimmeres. Das Konzept ┬╗geistiger Gesundheit┬ź wird in unserer Gesellschaft im Allgemeinen daran gemessen, wie stark sich der Einzelne den Bed├╝rfnissen des Systems angemessen verh├Ąlt, ohne Stress-Symptome zu zeigen.

120. Anstrengungen, innerhalb des Systems Platz f├╝r Selbstverwirklichung und Autonomie schaffen zu wollen, sind ein Witz. Was w├Ąre, wenn ein Unternehmen jeden seiner Angestellten, die bisher jeweils nur einen Teil des gesamten Produkts hergestellt haben, das ganze Produkt hersteilen l├Ąsst, um ihnen ein Zielbewusstsein und ein Gef├╝hl von Leistung zu verschaffen? Einige Unternehmen haben versucht, ihren Angestellten bei der Arbeit mehr Autonomie zuzugestehen, aber aus praktischen Gr├╝nden kann dies normalerweise nur in sehr geringem Ma├če geschehen, und keinesfalls gibt man ihnen Autonomie ├╝ber die letztendlich angestrebten Ziele – ihre ┬╗autonomen┬ź Anstrengungen k├Ânnen niemals auf Ziele gerichtet sein, die sie sich selbst gesetzt haben, sondern nur auf die Ziele ihrer Arbeitgeber, etwa das ├ťberleben und das Wachstum des Unternehmens. Jedes Unternehmen, das seinen Angestellten erlauben w├╝rde, anders zu handeln, ginge schnell bankrott. Ganz ├Ąhnlich m├╝ssen die Arbeiter in einer Genossenschaft in einem sozialistischen System ihre Anstrengungen auf die Ziele der Genossenschaft richten, andernfalls wird die Genossenschaft nicht ihren Zweck als Teil des Systems erf├╝llen. Noch einmal, aus rein technischen Gr├╝nden k├Ânnen die meisten Individuen und kleinen Gruppen in einer industriellen Gesellschaft nicht viel Autonomie haben. Selbst der kleine selbstst├Ąndige Unternehmer hat gew├Âhnlich nur eine begrenzte Autonomie. Abgesehen von den staatlichen Regulierungen wird er dadurch eingeschr├Ąnkt, dass er sich dem Wirtschaftssystem anpassen und seinen Erfordernissen entsprechen muss. Wenn beispielsweise eine neue Technologie entwickelt wird, muss der Einzelunternehmer sich ihrer bedienen, ob er will oder nicht, um wettbewerbsf├Ąhig zu bleiben.

DIE UNTRENNBARKEIT VON ┬╗GUT┬ź UND ┬╗B├ľSE┬ź IN DER TECHNOLOGIE

121. Ein weiterer Grund daf├╝r, weshalb die industrielle Gesellschaft nicht zugunsten von mehr Freiheit reformiert werden kann, liegt darin, dass die moderne Technologie ein einheitliches System darstellt, in dem alle Teile voneinander abh├Ąngig sind. Man kann die ┬╗b├Âsen┬ź Seiten der Technologie nicht los werden und nur die ┬╗guten┬ź behalten. Ein Beispiel daf├╝r gibt die moderne Medizin. Der Fortschritt der medizinischen Wissenschaft h├Ąngt vom Fortschritt in Chemie, Physik, Biologie, Computerwissenschaft und anderen Gebieten ab. Moderne medizinische Behandlung erfordert eine teure High-Tech-Aus- r├╝stung, die nur in einer technologisch fortgeschrittenen und wirtschaftlich wohlhabenden Gesellschaft zur Verf├╝gung gestellt werden kann. Es wird deutlich, dass medizinischer Fortschritt nicht denkbar ist ohne das gesamte technologische System und allem, was dazu geh├Ârt.

122. Sogar wenn man den medizinischen Fortschritt ohne das ├╝brige technologische System aufrechterhalten k├Ânnte, w├╝rde er selbst einige ├ťbel mit sich bringen. Angenommen, man h├Ątte ein Heilmittel gegen Diabetes entdeckt. Menschen mit einer genetischen Anlage zu Diabetes k├Ânnten dann ├╝berleben und sich wie jeder andere fortpflanzen. Die nat├╝rliche Auslese gegen Diabetes-Gene wird dann gest├Ârt und diese Gene werden sich in der gesamten Bev├Âlkerung verbreiten. (Dies ist in gewissem Umfang bereits geschehen, weil Diabetes zwar nicht heilbar ist, aber mit Hilfe von Insulin unter Kontrolle gebracht werden kann.) Dasselbe wird mit vielen anderen Krankheiten geschehen, f├╝r die Menschen mit einer bestimmten genetischen Disposition anf├Ąllig sind (z.B. Krebs bei Kindern), die Folge ist eine massive genetische Degradierung der Bev├Âlkerung. Die einzige L├Âsung wird eine Art Eugenikprogramm sein oder extensive Genmanipulation beim Menschen, sodass der Mensch der Zukunft nicht l├Ąnger ein Gesch├Âpf der Natur oder des Zufalls oder Gottes (je nach religi├Âser oder philosophischer ├ťberzeugung) sein wird, sondern ein k├╝nstlich erzeugtes Produkt.

123. Wer findet, dass sich der Staat JETZT schon zu sehr in das Privatleben einmischt, sollte erst ab warten, bis der Staat die genetischen Anlagen seiner Kinder reguliert. Solche Regulierungen werden die unvermeidbare Folge sein, wenn Genmanipulationen beim Menschen zugelassen werden, weil die Konsequenzen einer nichtregulierten Genmanipulation verheerend sein w├╝rden.

124. Die ├╝bliche Antwort auf solche Bef├╝rchtungen ist das Gerede von ┬╗medizinischer Ethik┬ź. Aber ein ethischer Code w├╝rde die Freiheit nicht vor dem medizinischen Fortschritt sch├╝tzen k├Ânnen; er w├╝rde die Sache eher verschlimmern. Ein ethischer Code, der auf Genmanipulationen anzuwenden ist, w├Ąre im Endeffekt ein Mittel der Regulierung der genetischen Verfassung des Menschen. Irgendjemand (wahrscheinlich haupts├Ąchlich die obere Mittelschicht) w├╝rde entscheiden, dass diese oder jene Anwendung der Genmanipulation ┬╗ethisch┬ź sei, andere dagegen nicht, sodass sie letztlich ihre eigenen Wertvorstellungen ├╝ber die genetische Ausstattung der gesamten Bev├Âlkerung aufzwingen w├╝rden. Selbst wenn ein Ethikgesetz auf vollkommen demokratischer Grundlage beschlossen w├╝rde, h├Ątte damit die Mehrheit ihre Wertvorstellungen gegen├╝ber allen Minderheiten durchgesetzt, die vielleicht eine andere Vorstellung dessen haben, wie ein ┬╗ethischer┬ź Umgang mit Genmanipulationen aussehen k├Ânnte. Das einzige ethische Gesetz, das wirklich einen Schutz der Freiheit gew├Ąhrleisten k├Ânnte, w├Ąre das Verbot JEGLICHER Genmanipulation am Menschen, doch mit Sicherheit wird in einer technologischen Gesellschaft kein solches Gesetz erlassen werden. Kein Gesetz, das der Genmanipulation nur eine untergeordnete Rolle erlaubt, w├╝rde lange bestehen k├Ânnen, weil die Versuchung der unfassbaren Macht der Biotechnologie unwiderstehlich ist, besonders weil viele ihrer Anwendungen von der Mehrheit der Menschen ganz offensichtlich und unzweideutig f├╝r gut gehalten werden (das Ausrotten von physischen und geistigen Krankheiten, die M├Âglichkeit, Menschen die F├Ąhigkeiten zu geben, die sie brauchen, um in der heutigen Welt zurechtzukommen). Genmanipulation wird unvermeidlich in weitem Umfang angewandt werden, jedoch nur auf eine Art und Weise, die den Bed├╝rfnissen des industriell-technologischen Systems entspricht.

TECHNOLOGIE IST EINE MÄCHTIGERE GESELLSCHAFTLICHE KRAFT ALS DAS STREBEN NACH FREIHEIT

125. Es ist nicht m├Âglich, einen DAUERHAFTEN Kompromiss zwischen Technologie und Freiheit zu finden, weil die Technologie die weitaus st├Ąrkere gesellschaftliche Kraft ist und durch WIEDERHOLTE Kompromisse st├Ąndig in die Freiheit eingreift. Man stelle sich zwei Nachbarn vor, von denen jeder zu Beginn ein St├╝ck Land gleicher Gr├Â├če besitzt, einer von ihnen ist aber st├Ąrker als der andere. Nun verlangt der St├Ąrkere, dass der andere ihm einen Teil seines Besitzes abtreten solle. Der Schw├Ąchere lehnt das ab. Der St├Ąrkere sagt: ┬╗Gut, machen wir einen Kompromiss. Gib mir die H├Ąlfte von dem, was ich verlange.┬ź Der Schwache hat keine andere Wahl als einzuwilligen. Etwas sp├Ąter verlangt der st├Ąrkere Nachbar wieder ein St├╝ck Land, wieder gibt es einen Kompromiss, und so fort. Indem er vom Schw├Ącheren wiederholt Kompromisse erzwingt, eignet sich der St├Ąrkere schlie├člich dessen ganzes Land an. So geht es auch im Konflikt zwischen Technologie und Freiheit.

126. Nun wollen wir erkl├Ąren, warum Technologie eine st├Ąrkere gesellschaftliche Kraft ist als das Streben nach Freiheit.

127. Eine technologische Neuentwicklung, die die Freiheit zun├Ąchst nicht zu bedrohen scheint, erweist sich sp├Ąter oft als sehr bedrohlich. Nehmen wir zum Beispiel das motorisierte Transportwesen. Wenn fr├╝her ein Mensch zu Fu├č ging, konnte er gehen, wo und wohin er wollte, in seinem eigenen Rhythmus, ohne irgendeine Verkehrsvorschrift beachten zu m├╝ssen, er war unabh├Ąngig von technologischen Hilfssystemen. Die Einf├╝hrung motorisierter Fahrzeuge schien die Freiheit des Menschen zu vergr├Â├čern. Sie schr├Ąnkte die Freiheit des zu Fu├č gehenden Menschen nicht ein, niemand musste ein Automobil haben, wenn er nicht wollte, und wer sich daf├╝r entschied, eines zu kaufen, konnte sich viel schneller und weiter bewegen als der Fu├čg├Ąnger. Doch bald begann die Einf├╝hrung des motorisierten Transportwesens die Gesellschaft in einer Weise zu ver├Ąndern, durch die die menschliche Bewegungsfreiheit stark eingeschr├Ąnkt wurde. Mit der steigenden Anzahl der Automobile musste ihr Gebrauch umfassend geregelt werden. In dicht besiedelten Gebieten kann man sich mit einem Auto nicht einfach bewegen, wie man will; die eigene Bewegung wird vom Verkehrsfluss und verschiedenen Verkehrsregeln dirigiert. Man ist durch alle m├Âglichen Verpflichtungen gebunden: Antrag auf Fahrerlaubnis, Fahrpr├╝fung, Erneuerung der Fahrzeugmeldung, Versicherung, technische Kontrollen, monatliche Raten. Vor allem aber ist der motorisierte Transport nicht mehr freiwillig. Seit der Einf├╝hrung des Transportwesens hat sich die Struktur unserer St├Ądte derart ver├Ąndert, dass die Mehrzahl der B├╝rger ihren Arbeitsplatz, ihre Einkaufsm├Âglichkeiten und Freizeitst├Ątten nicht mehr zu Fu├č erreichen k├Ânnen, sodass sie von ihrem Auto abh├Ąngig sein M├ťSSEN. Oder sie m├╝ssen ├Âffentliche Transportmittel benutzen, in diesem Fall haben sie aber noch weniger Kontrolle ├╝ber ihre eigene Bewegungsfreiheit als in ihrem Auto. Selbst die Freiheit des Fu├čg├Ąngers ist nun stark eingeschr├Ąnkt. In den St├Ądten muss er st├Ąndig an Ampeln warten, die haupts├Ąchlich dem Autoverkehr dienen. Auf dem Lande macht der Autoverkehr das Wandern entlang der gro├čen Stra├čen gef├Ąhrlich und unangenehm. (Dieser gerade am Beispiel der Motorisierung erl├Ąuterte Punkt ist beachtenswert: Wenn eine neue technologische Errungenschaft als Option eingef├╝hrt wird, f├╝r oder gegen die der Einzelne sich entscheiden kann, hei├čt das nicht, dass diese Errungenschaft immer optional BLEIBT. In vielen F├Ąllen ver├Ąndert die neue Technologie die Gesellschaft auf eine Art und Weise, dass die Menschen sich schlie├člich dazu GEZWUNGEN sehen, sie zu verwenden.)

128. W├Ąhrend der technologische Prozess ALS GANZES unsere Freiheit kontinuierlich einengt, scheint jede einzelne technische Entwicklung F├ťR SICH BETRACHTET als w├╝nschenswert. Elektrizit├Ąt, flie├čend Wasser, schnelle Femkommunikations- mittel … wie kann man irgendeines dieser oder anderer Dinge der unz├Ąhligen technischen Entwicklungen ablehnen, die die moderne Gesellschaft ausmachen? Es w├Ąre absurd gewesen, etwa der Einf├╝hrung des Telefons Widerstand zu leisten. Es bot viele Vorteile und keine Nachteile. Und doch haben, wie in den Abschnitten 59-76 erl├Ąutert, all diese technischen Entwicklungen zusammengenommen eine Welt geschaffen, in der das Schicksal des gew├Âhnlichen Menschen nicht mehr in seiner Hand oder der von Nachbarn und Freunden liegt, sondern in denen der Politiker, Firmenmanager und fremder, unbekannter Techniker und B├╝rokraten, die er als Einzelner nicht beeinflussen kann. Dieser Prozess wird sich in Zukunft fortsetzen. Ein Beispiel ist die Genmanipulation. Nur wenige werden sich der Einf├╝hrung einer Gentechnik widersetzen, die Erbkrankheiten ausrottet. Sie richtet keinen sichtbaren Schaden an und verhindert viel Leiden. Und doch wird eine gro├če Zahl von Verbesserungen durch Genmanipulation den Menschen zu einem designten Produkt machen, das nichts mehr mit einer freien Sch├Âpfung des Zufalls (oder Gottes, oder wessen auch immer, je nach Glaubens Vorstellung) zu tun hat.

129. Ein anderer Grund, weshalb die Technologie eine so starke gesellschaftliche Kraft ist, liegt darin, dass der technologische Fortschritt im Umfeld der heute gegebenen Gesellschaft nur in eine Richtung verl├Ąuft; er kann nicht r├╝ckg├Ąngig gemacht werden. Ist eine technische Neuheit erst einmal eingef├╝hrt, werden die Menschen von ihr abh├Ąngig und k├Ânnen nicht mehr darauf verzichten, au├čer sie wird durch eine noch fortschrittlichere Neuheit ersetzt. Nicht nur die Menschen als Individuen werden abh├Ąngig von der neuen technologischen Errungenschaft, sondern das System als Ganzes wird abh├Ąngig. (Man stelle sich vor, was mit dem System passieren w├╝rde, wenn beispielsweise Computer heute aus dem Verkehr gezogen w├╝rden.) W├Ąhrend die Freiheit vor der Technologie zur├╝ckweichen muss, kann diese niemals einen Schritt hinter ihre eigene Entwicklung zur├╝ckgehen, weil dies das gesamte technologische System vernichten w├╝rde.

130. Technologie entwickelt sich mit gro├čer Geschwindigkeit und bedroht die Freiheit an vielen Stellen gleichzeitig (├ťberbev├Âlkerung, Gesetze und Vorschriften, zunehmende Abh├Ąngigkeit der Einzelnen von gro├čen Organisationen, Propaganda und andere psychologische Techniken, Genmanipulation, Eingriffe in die Privatsph├Ąre durch st├Ąndige ├ťberwachung und Computer usw.). Auch nur eine EINZIGE dieser Bedrohungen der Freiheit abzuwenden, w├╝rde einen langen und schwierigen sozialen Kampf erfordern. Diejenigen, die die Freiheit sch├╝tzen wollen, werden von der blo├čen Anzahl immer neuer Angriffe und der Schnelligkeit der Technologieentwicklung ├╝berw├Ąltigt, sodass sie apathisch werden und den Widerstand aufgeben. Jede einzelne Bedrohung getrennt bek├Ąmpfen zu wollen, w├Ąre vergeblich. Auf Erfolg kann man nur hoffen, wenn das technologische System als Ganzes bek├Ąmpft w├╝rde; aber dies w├Ąre Revolution und nicht Reform.

131. Techniker (wir gebrauchen diese Bezeichnung hier in einem weiten Sinn, gemeint sind alle, die eine spezialisierte T├Ątigkeit ausf├╝hren, f├╝r die es eine besondere Ausbildung braucht) neigen dazu, sich derart mit ihrer Arbeit (ihrer Ersatzhandlung) zu identifizieren, dass sie sich im Falle eines Konflikts zwischen ihrer technischen Arbeit und Freiheit fast immer f├╝r ihre technische Arbeit entscheiden w├╝rden. Bei Wissenschaftlern ist dies offensichtlich, aber es tritt auch anderswo auf: Erzieher, Menschenrechtsgruppen, Um Weltorganisationen haben keine Skrupel, Propaganda oder andere psychologische Techniken zu benutzen, um die von ihnen angepriesenen Ziele zu erreichen. Privatunternehmen und staatliche Agenturen z├Âgern nicht, Informationen ├╝ber Individuen einzuziehen, ohne R├╝cksicht auf deren Privatsph├Ąre. F├╝r Polizei und Sicherheitsdienste sind die in der Verfassung festgelegten Rechte der Verd├Ąchtigen und oft v├Âllig unschuldiger Personen h├Ąufig ein St├Ârfaktor, und sie tun, was sie legal (und manchmal illegal) tun k├Ânnen, um diese Rechte zu beschr├Ąnken oder zu umgehen. Die meisten dieser Erzieher, Regierungsbeamten und Polizisten glauben an Freiheit, Privatsph├Ąre und Verfassungsrechte, wenn diese aber im Konflikt mit ihrer Arbeit liegen, setzen sie sich dar├╝ber hinweg.

132. Bekanntlich arbeiten Menschen besser und ausdauernder, wenn sie daf├╝r eine Belohnung erwarten, als wenn sie blo├č eine Strafe oder eine negative Folge vermeiden wollen. Wissenschaftler und andere Techniker werden haupts├Ąchlich durch Belohnungen motiviert, die sie durch ihre Arbeit bekommen. Diejenigen jedoch, die sich gegen die technologische Invasion der Freiheit wenden, versuchen blo├č, eine negative Folge zu vermeiden; deswegen widmen sich nur wenige ausdauernd und gut dieser entmutigenden Aufgabe. Wenn es Reformern je gel├Ąnge, einen bemerkenswerten Sieg zu erringen, der einer weiteren Aush├Âhlung der Freiheit durch technologischen Fortschritt dauerhafte Grenzen zu setzen scheint, w├╝rden die meisten sich danach ausruhen und ihre Aufmerksamkeit angenehmeren Aufgaben widmen. Die Wissenschaftler aber w├╝rden weiter flei├čig in ihren Laboratorien arbeiten, und die Technologie w├╝rde sich gegen alle Widerst├Ąnde ihren Weg bahnen, immer gr├Â├čere Kontrolle ├╝ber jeden einzelnen Menschen gewinnen und sie mehr und mehr vom System abh├Ąngig machen.

133. Kein gesellschaftliches ├ťbereinkommen, seien es Gesetze, Institutionen, Br├Ąuche oder ethische Normen, kann permanenten Schutz gegen die Technologie gew├Ąhren. Die Geschichte hat gezeigt, dass alle gesellschaftlichen ├ťbereinkommen nur vor├╝bergehend gelten; sie ├Ąndern sich im Laufe der Zeit oder werden schlie├člich aufgehoben. Der technologische Fortschritt in einer gegebenen Zivilisation dagegen ├╝berdauert. Angenommen, man w├╝rde eine gesellschaftliche ├ťbereinkunft erreichen, derzufolge Genmanipulationen an Menschen oder da, wo Freiheit und W├╝rde bedroht w├Ąren, nicht zugelassen sind, dann w├Ąre die Technologie daf├╝r doch schon vorhanden. Fr├╝her oder sp├Ąter w├╝rde die ├ťbereinkunft aufgehoben. Wahrscheinlich eher fr├╝her, bei der Geschwindigkeit der Ver├Ąnderungen in unserer Gesellschaft. Dann w├╝rde die Genmanipulation beginnen, unsere Freiheit einzuschr├Ąnken, und diese Einschr├Ąnkungen w├Ąren unumkehrbar (au├čer die technologische Gesellschaft selbst br├Ąche zusammen). Jegliche Illusion, es k├Ânnte durch gesellschaftliche ├ťbereink├╝nfte irgendetwas Dauerhaftes erreicht werden, sollte allein durch die derzeitigen Entwicklungen in der Umweltschutzgesetzgebung aufgegeben werden. Vor einigen Jahren schien es sichere juristische Grenzen zu geben, die wenigstens EIN PAAR der schlimmsten Umweltzerst├Ârungen verhinderten. Eine Ver├Ąnderung der politischen Windrichtung, und schon beginnen diese Grenzen zu zerfallen.

134. Aus all den genannten Gr├╝nden ist die Technologie eine st├Ąrkere gesellschaftliche Kraft als das Streben nach Freiheit – jedoch mit einem Vorbehalt. Es scheint so, als w├╝rde das industriell-technologische System in den n├Ąchsten Jahrzehnten schweren Belastungen ausgesetzt werden, durch ├Âkonomische und ├Âkologische Probleme, besonders aber durch menschliches Verhalten verursachte Probleme (Entfremdung, Rebellion, Feindseligkeit, verschiedene soziale und psychische Schwierigkeiten). Wir hoffen, dass die Belastungen, denen das System wahrscheinlich ausgesetzt sein wird, es zusammenbrechen lassen oder wenigstens so schw├Ąchen werden, dass eine Revolution gegen dieses System m├Âglich wird. Wenn eine solche Revolution eintritt und Erfolg hat, w├╝rde dies beweisen, dass das Streben nach Freiheit in diesem besonderen Moment st├Ąrker ist als die Technologie.

135. In Abschnitt 125 haben wir das Beispiel des schwachen Nachbarn gebracht, der von einem st├Ąrkeren Nachbarn in Not gebracht wird, indem dieser sich in einer Folge von aufgezwungenen Kompromissen das ganze Land des Schw├Ącheren aneignet. Nehmen wir nun an, der starke Nachbar wird lich krank und unf├Ąhig, sich zu verteidigen. Der schwache Nachbar kann den starken dazu zwingen, ihm das Land zur├╝ckzugeben, oder er kann ihn t├Âten. L├Ąsst er den starken Mann ├╝berleben und zwingt ihn nur zur R├╝ckgabe seines Landes, w├Ąre er ein Narr, denn der starke Mann w├╝rde ihm das Land wieder wegnehmen, sobald er gesund geworden w├Ąre. Dem Schwachen bleibt keine sinnvolle Alternative als den Starken zu t├Âten, solange er die Chance dazu hat. Genauso m├╝ssen wir das industrielle System vernichten, sobald es einmal geschw├Ącht ist. Wenn wir einen Kompromiss eingehen und es sich wieder erholen lassen, dann wird es unsere Freiheit eines Tages endg├╝ltig ausl├Âschen.

DIE UNL├ľSBARKEIT GESELLSCHAFTLICHER PROBLEME

136. Sollte irgendjemand noch immer glauben, man k├Ânne das System reformieren und so die Freiheit vor den Auswirkungen der Technologie sch├╝tzen, so f├╝hre er sich vor Augen, wie ungeschickt und meistens auch erfolglos unsere Gesellschaft bisher mit anderen gesellschaftlichen Problemen umgegangen ist, die wesentlich einfacher waren. Unter anderem hat das System beim Kampf gegen Umweltzerst├Ârung, Korruption, Drogenhandel und h├Ąusliche Gewalt versagt.

137. Nehmen wir die Umweltprobleme zum Beispiel. Hier liegt der Konflikt ganz klar auf der Hand: unmittelbarer wirtschaftlicher Nutzen gegen├╝ber der Erhaltung wenigstens einiger nat├╝rlicher Ressourcen f├╝r kommende Generationen. Doch zu diesem Thema sind von den Machthabern nichts als Geschw├Ątz und Unklarheiten von den Verantwortlichen zu h├Âren, es l├Ąsst sich keine klare, konsequente Handlungsfolge erkennen, die Umweltprobleme wachsen weiter und unsere Enkel werden damit leben m├╝ssen. Versuche, Umweltfragen zu l├Âsen, haben Streit und Kompromisse unter den verschiedenen Fraktionen ausgel├Âst, die gegenw├Ąrtig noch zunehmen, und immer neue Streitfragen tauchen auf. Die Auseinandersetzung folgt dem raschen Wechsel in der ├Âffentlichen Meinung. Es ist weder ein rationaler Vorgang noch besteht die Aussicht auf eine zeitige und erfolgreiche L├Âsung des Problems. Die gr├Â├čten sozialen Probleme werden selten oder nie durch einen rationalen, nachvollziehbaren Plan gel├Âst, wenn sie ├╝berhaupt ┬╗gel├Âst┬ź werden. Sie l├Âsen sich h├Âchstens von selbst, indem verschiedene miteinander konkurrierende Gruppen auftauchen, die ihre (kurzfristigen) Eigeninteressen verfolgen, und die sich (meistens durch blo├čen Zufall) auf einen mehr oder weniger stabilen modus vivendi einigen. Tats├Ąchlich lassen die von uns in den Abschnitten 100-106 dargelegten Prinzipien daran zweifeln, dass vern├╝nftige langfristige gesellschaftliche Planung JEMALS erfolgreich sein kann.

138. Damit wird deutlich, dass die Menschheit, wenn ├╝berhaupt, nur sehr begrenzt f├Ąhig ist, selbst relativ einfache gesellschaftliche Probleme zu l├Âsen. Wie soll sie dann das viel schwierigere und subtilere Problem l├Âsen, menschliche Freiheit und Technologie zu vers├Âhnen? Technologie verspricht klare materielle Vorteile, wohingegen Freiheit ein Abstraktum ist, das f├╝r unterschiedliche Menschen Unterschiedliches bedeutet, und ihr Verlust ist durch Propaganda und modisches Geschw├Ątz leicht zu verschleiern.

139. Man sollte einen wichtigen Unterschied beachten: Es ist denkbar, dass (zum Beispiel) unsere Umweltprobleme eines Tages durch vern├╝nftige und einsichtige Planung geregelt werden k├Ânnten, aber wenn das geschieht, dann nur deshalb, weil eine solche L├Âsung langfristig im Interesse des Systems w├Ąre. Es ist aber NICHT im Interesse des Systems, Freiheit oder die Autonomie kleiner Gruppen zu bewahren. Im Gegenteil, es ist im Interesse des Systems, menschliche Verhaltensformen in h├Âchstm├Âglichem Ma├če zu kontrollieren. Somit kann das System zwar aus praktischen Gr├╝nden zu klugem und ├╝berlegtem Handeln hinsichtlich der Umweltprobleme gezwungen sein, gleicherma├čen praktische Gr├╝nde aber werden es zwingen, menschliches Verhalten immer st├Ąrker zu regulieren (vorzugsweise durch indirekte Ma├čnahmen, die die Einschr├Ąnkung der Freiheit verschleiern). Das ist nicht nur unsere Meinung. Bekannte Sozialwissenschaftler (z.B. James Q. Wilson) haben die Bedeutung der ┬╗Anpassung┬ź der Menschen ausf├╝hrlich dargelegt.

REVOLUTION IST EINFACHER ALS REFORM

140. Wir hoffen, den Leser davon ├╝berzeugt zu haben, dass das System nicht derart reformieren kann, das? Freiheit und Technologie miteinander vers├Âhnt w├╝rden. Der einzige Ausweg ist, das industriell-technologische System als Ganzes abzuschaffen. Das bedeutet Revolution, nicht unbedingt einen bewaffneten Aufstand, aber sicherlich eine radikale und fundamentale Ver├Ąnderung des Wesens der Gesellschaft.

141. Die Leute glauben, dass eine Revolution, weil sie viel gr├Â├čere Ver├Ąnderungen mit sich bringt als eine Reform, deshalb auch schwieriger zu realisieren w├Ąre. Tats├Ąchlich aber ist eine Revolution unter bestimmten Umst├Ąnden viel leichter durchf├╝hrbar als eine Reform. Der Grund liegt darin, dass eine revolution├Ąre Bewegung ein viel begeisterteres Engagement entfachen kann als eine Reformbewegung. Eine Reformbewegung verspricht blo├č, ein einzelnes gesellschaftliches Problem zu l├Âsen. Eine revolution├Ąre Bewegung verspricht mit einem Schlag alle Probleme zu l├Âsen und eine ganz neue Welt zu schaffen; sie bietet ein Ideal, f├╝r das Menschen gro├če Risiken auf sich nehmen und gro├če Opfer bringen. Deshalb w├Ąre es viel leichter, das ganze technologische System zu besiegen, als der Entwicklung oder Anwendung irgendeiner Technologie, der Genmanipulation zum Beispiel, effiziente, dauerhafte Beschr├Ąnkungen aufzuerlegen. Nicht viele Menschen werden sich mit ganzer Kraft und Leidenschaft der Aufgabe widmen, Einschr├Ąnkungen der Genmanipulation durchzusetzen und aufrechtzuerhalten, aber unter g├╝nstigen Umst├Ąnden werden sich viele Menschen begeistert einer Revolution gegen das industriell-technologische System anschlie├čen. Wie wir in Abschnitt 132 dargelegt haben, versuchen Reformer, die bestimmte Aspekte der Technologie einschr├Ąnken wollen, blo├č negative Folgen zu verhindern. Das Ziel der Revolution├Ąre ist dagegen die Erf├╝llung ihrer Vision, und daf├╝r k├Ânnen sie sich ungleich st├Ąrker und ausdauernder einsetzen als die Reformer.

142. Reform wird immer durch die Angst behindert, die Folgen der Ver├Ąnderungen k├Ânnten zu weitgehend sein. Wenn aber die ganze Gesellschaft erst einmal vom revolution├Ąren Fieber ergriffen ist, sind die Menschen bereit, f├╝r ihre Revolution grenzenlose M├╝hen auf sich zu nehmen. Das haben die Franz├Âsische und die Russische Revolution bewiesen. Es mag sein, dass nur eine Minderheit der Bev├Âlkerung die Revolution wirklich unterst├╝tzt, aber diese Minderheit ist stark und aktiv genug, um die beherrschende Kraft der Gesellschaft zu werden. ├ťber Revolution werden wir ausf├╝hrlicher in den Abschnitten 180-205 sprechen.

KONTROLLE MENSCHLICHEN VERHALTENS

143. Seit es Zivilisation gibt, haben organisierte Gesellschaften Druck auf Menschen ausge├╝bt, damit der soziale Organismus funktionieren konnte. Die Art der Unterdr├╝ckung ist von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich. Es gibt physische (Hungerrationen, Zwangsarbeit, Umweltverschmutzung) und psychologische Unterdr├╝ckung (L├Ąrm, hohe Bev├Âlkerungsdichte, Anpassung des menschlichen Verhaltens an die Erfordernisse der Gesellschaft). In der Vergangenheit hat sich die menschliche Natur kaum oder jedenfalls nur geringf├╝gig ver├Ąndert. Deshalb hatte der Druck, der auf die Menschen ausge├╝bt werden konnte, Grenzen. Sind diese Grenzen des menschlichen Durchhalteverm├Âgens erreicht, dann beginnen die Probleme: Aufruhr, Verbrechen, Korruption, Arbeitsverweigerung, Depression oder andere mentale Probleme, erh├Âhte Todesrate, Geburtenr├╝ckgang oder ├ähnliches, sodass die Gesellschaft entweder zusammenbricht oder ihr Funktionieren so fehlerhaft wird, dass sie (pl├Âtzlich oder allm├Ąhlich, durch Eroberung, Zerm├╝rbung oder Evolution) durch eine leistungsf├Ąhigere Gesellschaftsform abgel├Âst wird.

144. Auf diese Weise hat die menschliche Natur in der Vergangenheit der Entwicklung von Gesellschaften gewisse Grenzen gesetzt. Der Mensch konnte nur bis zu einem bestimmten Punkt Druck ertragen. Doch heute mag sich auch das ├Ąndern, weil die moderne Technologie Wege gefunden hat, die menschliche Natur zu ver├Ąndern.

145. Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die Menschen Lebensbedingungen unterwirft, die sie sehr ungl├╝cklich machen, und ihnen dann Drogen verabreicht, die das Gef├╝hl des Ungl├╝cklichseins beseitigen. Science-Fiction? Dies ist in gewissem Umfang in unserer eigenen Gesellschaft bereits ├╝blich. Wie weithin bekannt, sind die F├Ąlle klinischer Depression in den letzten Jahrzehnten dramatisch gestiegen. Wir sind ├╝berzeugt, dass dies auf die St├Ârung des power process zur├╝ckzuf├╝hren ist, wie in den Abschnitten 59-76 erl├Ąutert. Selbst wenn wir uns irren sollten, ist dieser Anstieg von Depressionen doch auf jeden Fall das Ergebnis EINIGER Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft. Anstatt die Bedingungen zu beseitigen, die die Menschen deprimieren, verabreicht ihnen die moderne Gesellschaft antidepressive Drogen. Im Endeffekt sind Antidepressiva ein Mittel, den inneren Zustand einer Person so zu ver├Ąndern, dass sie nun die sozialen Bedingungen aushalten kann, die ihr sonst unertr├Ąglich w├Ąren. (Ja, wir wissen, dass Depression oft rein genetisch bedingt ist. Wir beziehen uns hier auf die F├Ąlle, in denen die Umwelt eine wichtige Rolle spielt.)

146. Drogen, die auf das Bewusstsein einwirken, sind nur ein Beispiel f├╝r die neuen Methoden, die die Gesellschaft zur Kontrolle menschlichen Verhaltens entwickelt. Werfen wir einen Blick auf einige andere Methoden.

147. Da gibt es zun├Ąchst einmal die ├ťberwachungstechniken. Versteckte Kameras werden inzwischen in den meisten Gesch├Ąften eingesetzt, und an vielen anderen Orten ist der Einsatz von Computern ├╝blich, um zahlreiche Informationen ├╝ber Einzelpersonen zu sammeln und auszuwerten. Mit den auf solche Weise gesammelten Informationen l├Ąsst sich verst├Ąrkt Druck aus├╝ben (Polizei z.B.). Dann gibt es die Propagandamethoden der Massenmedien. Es wurden wirksame Methoden entwickelt, um Wahlen zu gewinnen, Produkte zu verkaufen, die ├Âffentliche Meinung zu beeinflussen. Die Unterhaltungsindustrie stellt ein wichtiges psychologisches Werkzeug des Systems dar, auch dann, wenn sie viel Sex und Gewalt zeigen. Unterhaltung erm├Âglicht dem modernen Menschen, seiner Realit├Ąt vor├╝bergehend zu entfliehen. W├Ąhrend er vor dem Fernseher oder Videoger├Ąt sitzt, kann er Stress, ├ängste, Entt├Ąuschungen und Unzufriedenheit vergessen. Viele primitive V├Âlker sind im Einklang mit sich selbst und der Welt, sie k├Ânnen deshalb, wenn die Arbeit getan ist, stundenlang herumsitzen ohne etwas zu tun. Der moderne Mensch dagegen muss st├Ąndig besch├Ąftigt oder unterhalten werden, sonst ┬╗langweilt┬ź er sich, d.h. er wird unruhig, f├╝hlt sich unbehaglich und gereizt.

148. Andere Techniken gehen weiter als die zuvor beschriebenen. Erziehung besteht nicht mehr nur darin, einem Kind den Hintern zu versohlen, wenn es seine Schulaufgaben nicht gemacht hat und ihm den Kopf zu streicheln, wenn es sie gut gemacht hat. Es ist zu einer wissenschaftlichen Aufgabe geworden, die Entwicklung des Kindes zu ├╝berwachen. Sylvan Learning Centers etwa waren sehr erfolgreich darin, Kinder zum Lernen zu motivieren, und ihre psychologischen Methoden wurden in vielen herk├Âmmlichen Schulen mehr oder weniger erfolgreich eingesetzt. Eltern wird in ┬╗Eltemschulen┬ź beigebracht, ihren Kindern die Grundwerte des Systems richtig zu vermitteln und ihr Verhalten nach den W├╝nschen des Systems zu formen. Programme zur ┬╗geistigen Gesundheit┬ź, Methoden der ┬╗Intervention┬ź, Psychotherapie u.a. wurden vorgeblich zum Nutzen der Menschen entwickelt, in Wirklichkeit dienen sie aber dazu, das Denken und Verhalten der Menschen dem System anzupassen. (Hierin liegt kein Widerspruch; eine Person, deren Einstellung oder Verhalten zu Konflikten mit dem System f├╝hrt, stellt sich gegen eine Macht, die zu gro├č ist, als dass sie ├╝berwunden werden oder man ihr entkommen k├Ânnte, also wird sie wahrscheinlich unter Stress, Niedergeschlagenheit und Frustration leiden. Sie hat es wesentlich leichter, wenn sie so denkt und handelt, wie das System es erfordert. In diesem Sinne handelt das System f├╝r das Wohlergehen des Einzelnen, wenn es ihn durch Gehirnw├Ąsche der Gesellschaft anpasst.) Kindesmisshandlung in ihren krassen und offensichtlichen Formen wird in den meisten, wenn nicht allen Kulturen verurteilt. Ein Kind aus trivialen oder gar keinen Gr├╝nden zu qu├Ąlen, schreckt nahezu jeden ab. Aber viele Psychologen fassen Kindesmisshandlung viel weiter. Sind Pr├╝gel als Ma├čnahme in einem rationalen und konsequenten Disziplinarsystem eine Form der Misshandlung? Diese Frage wird letztlich dadurch entschieden, ob k├Ârperliche Z├╝chtigung zu systemkonformem Verhalten f├╝hrt. Das Wort ┬╗Misshandlung┬ź wird in der Praxis als Sammelbegriff f├╝r alle Arten von Kindererziehung benutzt, die zu Verhalten f├╝hren, das nicht ins System passt. Wo Programme zur Verhinderung von ┬╗Kindesmissbrauch┬ź ├╝ber das Verhindern von offensichtlicher, sinnloser Grausamkeit hinausgehen, sind sie auf die Kontrolle systemkonformen menschlichen Verhaltens ausgerichtet.

149. Vermutlich wird die Forschung die Leistungsf├Ąhigkeit psychologischer Methoden zur Kontrolle menschlichen Verhaltens weiter steigern. Wir denken aber, dass psychologische Methoden allein wahrscheinlich nicht ausreichen, um Menschen einer Gesellschaft anzupassen, wie sie durch Technologie geschaffen wird. Man wird wahrscheinlich auch biologische Methoden anwenden m├╝ssen. Wir haben den Gebrauch von Drogen in diesem Zusammenhang bereits erw├Ąhnt. Die Neurologie k├Ânnte ein anderer Weg zur Ver├Ąnderung des menschlichen Bewusstseins sein. Genmanipulation am Menschen tritt als ┬╗Gentherapie┬ź bereits auf, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass solche Methoden nicht irgendwann angewandt werden, um diejenigen k├Ârperlichen Aspekte zu ver├Ąndern, die das mentale Funktionieren steuern.

150. Wie wir in Abschnitt 134 erw├Ąhnten, wird die industrielle Gesellschaft bald starken Belastungen durch Umwelt- und Wirtschaftsprobleme sowie durch menschliche Verhaltensweisen ausgesetzt werden. Und ein beachtlicher Teil dieser Wirtschafts- und Umweltprobleme des Systems wird durch menschliches Verhalten verursacht. Entfremdung, mangelndes Selbstwertgef├╝hl, Depressionen, Feindseligkeit, Rebellion, Lernverweigerung bei Kindern, Jugendbanden, Drogenmissbrauch, Vergewaltigung, Kindesmisshandlung, andere Kriminalit├Ąt, ungesch├╝tzter Sex, Schwangerschaften bei Jugendlichen, Bev├Âlkerungsexplosion, politische Korruption, Rassenhass, ethnische Auseinandersetzungen, ideologische Konflikte (z.B. ├╝ber Abtreibungen), politischer Extremismus, Terrorismus, Sabotage, Regierungsgegner. All dies bedroht das schiere ├ťberleben des Systems. Es ist daher GEZWUNGEN, alle praktischen M├Âglichkeiten zur Kontrolle menschlichen Verhaltens anzuwenden.

151. Die heute erkennbare gesellschaftliche Zerst├Ârung ist keineswegs Ergebnis eines blo├čen Zufalls, sondern kann nur das Ergebnis von Lebensbedingungen sein, die das System den Menschen auferlegt hat. (Wie wir bereits dargelegt haben, ist einer der Hauptgr├╝nde die St├Ârung des power process) Wenn es dem System gelingt, das menschliche Verhalten einer ausreichenden Kontrolle zu unterwerfen, die sein eigenes ├ťberleben sichert, w├Ąre ein Wendepunkt der Menschheitsgeschichte erreicht. W├Ąhrend die Grenzen menschlichen Durchhalteverm├Âgens fr├╝her auch der Entwicklung von Gesellschaften Grenzen setzten (wie in den Abschnitten 143 und 144 erkl├Ąrt), wird die industriell-technologische Gesellschaft in der Lage sein, diese Grenzen zu ├╝berschreiten, indem sie Menschen ver├Ąndert, sei es durch psychologische oder biologische Methoden oder beides. In Zukunft werden Gesellschaftssysteme nicht mehr den menschlichen Bed├╝rfnissen angepasst. Statt dessen werden die Menschen den Bed├╝rfnissen des Systems angepasst.

152. Im Allgemeinen l├Ąsst sich sagen, dass technologische Kontrolle ├╝ber menschliches Verhalten wahrscheinlich nicht unbedingt mit totalit├Ąren Absichten eingef├╝hrt werden wird oder gar aus einem bewussten Verlangen, menschliche Freiheit zu beschr├Ąnken. Jeder weitere Schritt auf dem Weg zur Kontrolle ├╝ber menschliches Bewusstsein wird f├╝r eine rationale Antwort auf ein Problem gehalten werden, mit dem die Gesellschaft konfrontiert ist, etwa Alkoholismus zu heilen, die Kriminalit├Ątsrate zu senken oder die Jugend dazu zu bringen, Wissenschaften und Technik zu studieren. In den meisten F├Ąllen wird sich eine humanit├Ąre Rechtfertigung finden. Zum Beispiel, wenn ein Psychiater einem depressiven Patienten ein antidepressives Medikament verschreibt, tut er dem Kranken ganz klar einen Gefallen. Es w├Ąre unmenschlich, jemandem das Medikament vorzuenthalten, der es ben├Âtigt. Wenn Eltern ihre Kinder in Sylvan Learning Center schicken, damit sie so manipuliert werden, dass sie mit Begeisterung lernen, dann tun sie das aus Sorge um das Wohl ihrer Kinder. Vielleicht w├Ąre es einigen Eltern lieber, es w├Ąre nicht n├Âtig, eine Spezialausbildung zu absolvieren, um einen Job zu bekommen, und dass ihre Kinder keiner Gehirnw├Ąsche unterzogen werden m├╝ssten, die sie zu Computerfreaks macht. Aber was bleibt ihnen ├╝brig? Sie k├Ânnen die Gesellschaft nicht ├Ąndern, und ihre Kinder bekommen keine Arbeit, wenn sie bestimmte F├Ąhigkeiten nicht gelernt haben. So werden sie also ihre Kinder in das Center schicken.

153. Somit wird die Kontrolle menschlichen Verhaltens nicht aufgrund einer rationalen Entscheidung der Beh├Ârden eingef├╝hrt, sondern im Zuge eines gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses (aber eines SCHNELLEN Prozesses). Es ist unm├Âglich, sich diesem Prozess entgegenzustellen, weil jede Entwicklung f├╝r sich gesehen n├╝tzlich scheint, oder wenigstens scheint das mit der Entwicklung einhergehende ├ťbel geringer als das ├ťbel, das man auf sich zu nehmen hat, wenn man diese Entwicklung nicht zul├Ąsst. (Vgl. Abschnitt 128) Propaganda wird beispielsweise f├╝r viele gute Zwecke benutzt, gegen Kindesmissbrauch oder Rassenhass. Sexuelle Aufkl├Ąrung ist zweifellos n├╝tzlich, dennoch wird durch sexuelle Aufkl├Ąrung (wenn sie erfolgreich ist) der Familie die Einflussnahme auf sexuelles Verhalten genommen und dem Staat, vertreten durch das ├Âffentliche Schulsystem, ├╝bertragen.

154. Nehmen wir an, man w├╝rde eine biologische Veranlagung entdecken, die die Wahrscheinlichkeit erh├Âht, dass ein Kind verbrecherische Neigungen entwickeln wird, und nehmen wir weiter an, eine bestimmte Gentherapie k├Ânnte diese Veranlagung ausschalten. Selbstverst├Ąndlich w├╝rden die meisten Eltern, deren Kinder solche Anlagen h├Ątten, sie der Therapie unterziehen. Alles andere w├Ąre inhuman, da das Kind sonst vielleicht ein elendes Leben als Verbrecher f├╝hren m├╝sste. Aber die meisten oder sogar alle primitiven Gesellschaften haben eine niedrige Verbrecherrate verglichen mit der unserer Gesellschaft, obwohl sie weder ├╝ber High-Tech-Methoden der Kindererziehung verf├╝gen noch ├╝ber ein strenges Strafsystem. Da es keinen Grund zu der Annahme gibt, dass mehr moderne Menschen als primitive Menschen kriminell veranlagt w├Ąren, muss die hohe Kriminalit├Ątsrate in unserer Gesellschaft auf den Druck zur├╝ckgef├╝hrt werden, den die modernen Lebensbedingungen auf die Menschen aus├╝ben und dem sich viele Menschen nicht beugen k├Ânnen oder wollen. Also w├Ąre eine Behandlung, die potenzielle kriminelle Tendenzen ausschaltet, wenigstens teilweise schon eine Manipulation oder ein Neudesign des Menschen mit dem Zweck, diesen den Anforderungen des Systems anzupassen.

155. Unsere Gesellschaft neigt dazu, jedes Denken oder Verhalten, das dem System unbequem ist, als ┬╗Krankheit┬ź anzusehen, und das ist nur plausibel, denn wenn eine Person nicht ins System passt, ist dies f├╝r die Person genauso schmerzhaft wie es dem System Probleme bereitet. Also betrachtet man die Manipulation von Menschen zwecks Anpassung an das System als ┬╗Heilung┬ź einer ┬╗Krankheit┬ź, und also als etwas Gutes.

156. ln Abschnitt 127 haben wir dargestellt, dass die Benutzung einer neuen technologischen Erfindung ANFANGS zwar optional sein mag, dies aber nicht unbedingt so BLEIBEN muss, weil die neue Technologie die Gesellschaft derart ver├Ąndert, dass es f├╝r den Einzelnen schwierig oder unm├Âglich wird, ohne diese Technologie auszukommen. Das l├Ąsst sich auch auf Technologien zur Verhaltenskontrolle anwenden. In einer Welt, in der die meisten Kinder durch spezielle Programme zum Lernen motiviert werden, werden alle Eltern geradezu gezwungen, auch ihre Kinder einem solchen Programm zu unterziehen, denn w├╝rden sie das nicht tun, blieben ihre Kinder vergleichsweise ungebildet und w├╝rden sp├Ąter keine Arbeit finden. Oder angenommen, man w├╝rde eine biologische Behandlungsmethode ohne unerw├╝nschte Nebenwirkungen entdecken, die den psychischen Stress, unter dem so viele Menschen in unserer Gesellschaft leiden, weitgehend verringern w├╝rde. Wenn viele Menschen sich dieser Behandlung unterz├Âgen, w├Ąre damit der allgemeine Grad an Stress in der Gesellschaft vermindert, und das System h├Ątte einen gr├Â├čeren Spielraum, die psychologischen Belastungen weiter zu erh├Âhen. Das w├╝rde dazu f├╝hren, dass mehr Menschen sich der Behandlung unterziehen und so weiter, so- dass der Druck schlie├člich so stark w├╝rde, dass kaum ein Mensch f├Ąhig w├Ąre, ohne die stressreduzierende Behandlung zu ├╝berleben. Tats├Ąchlich scheint so etwas bereits geschehen zu sein, n├Ąmlich in Form der Massenunterhaltung, die eines der wichtigsten psychologischen Mittel unserer Gesellschaft ist, um die Menschen dazu zu bringen, Stress zu ertragen (oder ihm wenigstens vor├╝bergehend zu entkommen). (Vgl. Abschnitt 147) Unser Gebrauch der Massenunterhaltung ist ┬╗optional┬ź: Kein Gesetz zwingt uns dazu fernzusehen, Radio zu h├Âren, Zeitschriften zu lesen. Dennoch ist Massenunterhaltung ein Mittel zur Flucht und zur Stressreduzierung, von dem die meisten von uns abh├Ąngig geworden sind. Jeder beschwert sich ├╝ber die schlechten Fernsehsendungen, aber fast jeder sieht sie sich an. Nur wenige haben das Fernsehen aufgegeben, aber nur selten gibt es heute noch jemanden, der ohne JEDE Form der Massenunterhaltung zurechtkommt. (Und doch kannten die meisten Menschen in der Menschheitsgeschichte bis vor Kurzem keine andere Unterhaltung als die, die ihre eigene kleine Gemeinschaft geschaffen hatte, und waren damit zufrieden.) Ohne die Unterhaltungsindustrie h├Ątte uns das System nicht so viel Stress hervorrufendem Druck aus setzen k├Ânnen, wie es zur Zeit der Fall ist.

157. Angenommen, die industrielle Gesellschaft ├╝berlebt, dann wird die Technologie wahrscheinlich in der Lage sein, menschliches Verhalten v├Âllig zu kontrollieren. Es ist ohne jeden Zweifel bewiesen, dass menschliches Bewusstsein und Verhalten vor allem eine biologische Grundlage haben. Wie Versuche gezeigt haben, k├Ânnen Gef├╝hle wie Hunger, Freude, ├ärger und Angst durch elektrische Stimulation gewisser Gehirnteile hervorgerufen oder abgeschaltet werden. Die Erinnerung kann durch die Zerst├Ârung von Teilen des Gehirns ausgel├Âscht oder durch elektrische Stimulation wiederbelebt werden. Halluzinationen und Stimmungen k├Ânnen durch Drogen ver├Ąndert werden. Es mag eine immaterielle menschliche Seele geben oder nicht, aber wenn es sie gibt, wirkt sie deutlich schw├Ącher als die biologischen Mechanismen auf das menschliche Verhalten ein. Denn wenn dies nicht der Fall w├Ąre, w├Ąren die Forscher nicht in der Lage, menschliche Gef├╝hle und Verhalten mittels Drogen und Strom so leicht zu manipulieren.

158. Vermutlich w├Ąre es nicht durchf├╝hrbar, allen Menschen Elektroden ins Hirn einzupflanzen, damit sie von den Beh├Ârden kontrolliert werden k├Ânnen. Aber die Tatsache, dass das menschliche Bewusstsein und Gef├╝hlsleben biologischen Eingriffen offenstehen, macht deutlich, dass es sich bei dem Problem der Kontrolle menschlichen Verhaltens lediglich um ein technisches Problem handelt; ein Problem von Neuronen, Hormonen und komplexen Molek├╝len; die Art von Problemen, die mit wissenschaftlichen Mitteln zu l├Âsen sind. Wenn man die au├čergew├Âhnliche Bilanz unserer Gesellschaft bei der L├Âsung technischer Probleme betrachtet, ist es ├╝berw├Ąltigend wahrscheinlich, dass auch bei der Verhaltenskontrolle gro├če Fortschritte erzielt werden.

159. W├╝rde ├Âffentlicher Widerstand die Einf├╝hrung technologischer Kontrolle menschlichen Verhaltens verhindern? Wenn eine solche pl├Âtzlich und auf ein Mal eingef├╝hrt w├╝rde, w├Ąre das sicherlich m├Âglich. Da die technologische Kontrolle aber nur ganz allm├Ąhlich durch eine Reihe kleiner Schritte eingef├╝hrt werden wird, wird es keinen rationalen und wirksamen ├Âffentlichen Widerstand dagegen geben. (Vgl. Abschnitte 127, 132 und 153)

160. Diejenigen, die meinen, alles hier Gesagte h├Âre sich zu sehr nach Science-Fiction an, seien daran erinnert, dass die Science-Fiction von gestern die Tatsachen von heute sind. Die industrielle Revolution hat die Umgebung und die Lebensweise des Menschen radikal ver├Ąndert, und es ist nur zu erwarten, dass der Mensch selbst, je mehr Technologie auf seinen K├Ârper und sein Bewusstsein angewandt wird, sich genauso radikal ver├Ąndern wird wie seine Umwelt und seine Lebensweise ver├Ąndert wurden.

DIE MENSCHHEIT AM SCHEIDEWEG

161. Doch wir greifen voraus. Es ist eine Sache, in Laborversuchen psychologische und biologische Techniken zur Manipulation menschlichen Verhaltens durchzuf├╝hren, und eine ganz andere, diese Techniken in ein funktionierendes soziales System zu integrieren. Das Letztere ist weitaus schwieriger. So kann es zum Beispiel sehr schwierig sein, die erziehungspsychologischen Techniken, die in den sogenannten ┬╗Lab Schools┬ź, wo sie entwickelt wurden, zweifellos sehr gut funktionieren, auch im gesamten allgemeinen Erziehungssystem effizient anzuwenden. Wir wissen alle, was an vielen unserer Schulen heute los ist. Die Lehrer sind zu sehr damit besch├Ąftigt, die Messer und Waffen der Kinder einzuziehen, sie k├Ânnen sie nicht auch noch den neuesten Techniken unterziehen, die sie zu Computerfreaks machen sollen. Somit ist das System bisher trotz aller technischen Fortschritte im Bereich der Kontrolle menschlichen Verhaltens nicht sehr erfolgreich in der Kontrolle von Menschen. Die Menschen, deren Verhalten bereits weitgehend vom System kontrolliert wird, sind die sogenannten ┬╗Bourgeois┬ź. Doch es w├Ąchst die Zahl der Menschen, die auf die eine oder andere Weise gegen das System rebellieren: Sozialhilfeschmarotzer, Jugendbanden, Sektenanh├Ąnger, Satanisten, Nazis, radikale Umweltsch├╝tzer, Milizen u.a.

162. Das System f├╝hrt seit einiger Zeit einen verzweifelten Kampf gegen gewisse Probleme, die sein ├ťberleben bedrohen, und die gr├Â├čten dieser Probleme werden durch menschliches Verhalten verursacht. Wenn es dem System schnell genug gelingt, ausreichende Kontrolle ├╝ber das menschliche Verhalten zu erlangen, dann wird es wahrscheinlich ├╝berleben. Andernfalls wird es zusammenbrechen. Wir glauben, dass sich diese Frage in den n├Ąchsten paar Jahrzehnten entscheiden wird, in etwa 40 bis 100 Jahren.

163. Nehmen wir an, das System ├╝berlebt die Krise in den n├Ąchsten Jahrzehnten. In dieser Zeit muss es ihm gelungen sein, seine Hauptprobleme zu l├Âsen oder wenigstens zu kontrollieren, besonders das Problem der ┬╗Anpassung┬ź der Menschen ans System; im Klartext, die Menschen m├╝ssen so gef├╝gig gemacht werden, dass ihr Verhalten das System nicht l├Ąnger bedrohen kann. Ist das einmal erreicht, gibt es keine H├╝rden mehr f├╝r die technologische Entwicklung, und die logische Konsequenz w├╝rde darin bestehen, alles auf der Erde vollst├Ąndig kontrollieren zu k├Ânnen, einschlie├člich der Menschen und aller anderen wichtigen Lebensformen. Das System k├Ânnte dann zu einer einheitlichen, monolithischen Organisation werden oder mehr oder weniger fragmentiert sein und aus einer Reihe von nebeneinander existierenden Organisationen bestehen, die gleichzeitig miteinander kooperieren und konkurrieren, so wie heute Regierung, Unternehmen und gro├če Organisationen sowohl miteinander kooperieren als auch konkurrieren. Menschliche Freiheit wird dann so gut wie verschwunden sein, weil Einzelpersonen und kleine Gruppen den gro├čen Organisationen machtlos gegen├╝berstehen, die mit Supertechnologien und einem Arsenal von fortschrittlichen psychologischen und biologischen Methoden zur Manipulation von Menschen ausger├╝stet sind, ganz abgesehen von Instrumenten zur ├ťberwachung und dem Monopol physischer Gewalt. Nur eine kleine Gruppe von Menschen hat dann wirkliche Macht, und selbst diese werden nur eine begrenzte Freiheit haben, denn auch ihr Verhalten wird reguliert werden; ganz wie unsere Politiker und Aufsichtsr├Ąte ihre Machtpositionen heute nur so lange halten k├Ânnen, wie ihr Verhalten innerhalb gewisser enger Grenzen bleibt.

164. Man glaube blo├č nicht, dass das System aufh├Âren wird, weitere Techniken zur Kontrolle von Mensch und Natur zu entwickeln, auch wenn die Krise der n├Ąchsten Jahrzehnte ├╝berwunden und weitere Kontrolle f├╝r das ├ťberleben des Systems nicht l├Ąnger notwendig sein wird. Im Gegenteil, wenn diese schwierigen Zeiten vor├╝ber sind, wird das System seine Kontrolle ├╝ber Mensch und Natur noch schneller verst├Ąrken, um nicht erneut von Problemen aufgehalten zu werden wie denen, die es gerade ├╝berwunden hat. Der Wille zu ├╝berleben ist nicht das Hauptmotiv f├╝r das Ausdehnen der Kontrolle. Wie wir in den Abschnitten 87-90 erkl├Ąrt haben, ist die Arbeit der Wissenschaftler und Techniker f├╝r sie eine Ersatzhandlung; das hei├čt, sie befriedigen ihr Machtbed├╝rfnis, indem sie technologische Probleme l├Âsen. Sie werden mit ungebremster Begeisterung damit fortfahren, und eines der interessantesten und herausforderndsten Probleme wird sein, den menschlichen K├Ârper und das menschliche Bewusstsein zu verstehen und in ihre Entwicklung einzugreifen. Alles ┬╗zum Besten der Menschheit┬ź, selbstverst├Ąndlich.

165. Doch nehmen wir nun im Gegenteil an, die Belastungen der kommenden Jahrzehnte erweisen sich als zu stark f├╝r das System. Wenn es zusammenbricht, g├Ąbe es zun├Ąchst eine Periode des Chaos, eine ┬╗Zeit der Unruhe┬ź, wie man sie aus verschiedenen anderen Geschichtsepochen der Vergangenheit kennt. Es ist unm├Âglich vorauszusagen, was aus dieser Zeit der Unruhe hervorgehen w├╝rde, in jedem Fall aber h├Ątte die Menschheit eine neue Chance. Die gr├Â├čte Gefahr w├Ąre dann, dass sich die industrielle Gesellschaft in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch wieder konsolidiert. Mit Sicherheit wird es viele Menschen geben (besonders die machtgierigen Charaktere), die daf├╝r Sorge tragen, die Fabriken wieder in Gang zu bringen.

166. Daher stellen sich denen, die die Sklaverei, zu der das industrielle System die Menschheit erniedrigt, bek├Ąmpfen wollen, zwei Aufgaben. Erstens m├╝ssen wir daran arbeiten, den gesellschaftlichen Druck innerhalb des Systems noch zu verst├Ąrken, um die Wahrscheinlichkeit seines Zusammenbruchs zu erh├Âhen oder es gen├╝gend zu schw├Ąchen, um dadurch eine Revolution m├Âglich zu machen. Zweitens muss man eine Ideologie entwickeln und propagieren, die sich gegen die Technologie und die industrielle Gesellschaft richtet. Solch eine Ideologie kann dann die Basis der Revolution gegen die industrielle Gesellschaft sein. Und solch eine Ideologie kann dabei helfen sicherzustellen, dass im Falle und zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der industriellen Gesellschaft ihre ├ťberreste v├Âllig zerst├Ârt werden, sodass sich das System nicht wieder konsolidieren kann. Fabriken m├╝ssen zerst├Ârt, technische Lehrb├╝cher verbrannt werden usw.

MENSCHLICHES LEIDEN

167. Das industrielle System wird nicht einfach als Ergebnis revolution├Ąrer Aktionen zusammenbrechen. Es wird erst und nur dann durch revolution├Ąre Angriffe verwundbar, wenn seine internen Entwicklungsprobleme zu ernsthaften Schwierigkeiten gef├╝hrt haben. Das System wird also entweder von selbst zusammenbrechen oder in einem Prozess, der zum Teil von selbst abl├Ąuft und zum Teil durch die Revolution├Ąre beschleunigt wird. Erfolgt der Zusammenbruch pl├Âtzlich, werden viele Menschen sterben, denn die Weltbev├Âlkerung hat derma├čen zugenommen, dass sie nicht einmal mehr in der Lage ist, sich ohne fortgeschrittene Technologie zu ern├Ąhren. Selbst wenn sich der Zusammenbruch so allm├Ąhlich vollzieht, dass die Bev├Âlkerung vor allem durch eine sinkende Geburten- und weniger durch eine steigende Todesrate verringert werden kann, wird der Prozess der De-Industrialisierung wahrscheinlich sehr chaotisch sein und viel Leiden verursachen. Es w├Ąre naiv zu glauben, die Technologie k├Ânnte nach einem wohlorganisierten, glatt verlaufenden Plan einfach abgebaut werden, besonders wo doch die Technologieanh├Ąnger hartn├Ąckig gegen jeden Schritt k├Ąmpfen werden. Ist es deshalb grausam, f├╝r den Zusammenbruch des Systems zu k├Ąmpfen? Das wird sich zeigen. Erstens werden Revolution├Ąre ├╝berhaupt nur dann in der Lage sein, das System zu zerst├Âren, wenn es schon so gest├Ârt ist, dass es sehr wahrscheinlich bald von selbst zerfallen w├╝rde; und je umfassender sich das System ausgedehnt hat, desto verheerender werden die Konsequenzen seines Zusammenbruchs sein, sodass die Revolution├Ąre, die den Zusammenbruch beschleunigen, das Ausma├č der Katastrophe eher verringern.

168. Zweitens hat man Kampf und Tod gegen den Verlust von Freiheit und W├╝rde abzuw├Ągen. F├╝r viele von uns bedeuten Freiheit und W├╝rde mehr als ein langes Leben oder die Vermeidung von k├Ârperlichen Schmerzen. Au├čerdem m├╝ssen wir alle einmal sterben, und es ist vielleicht besser, im Kampf ums ├ťberleben oder f├╝r eine Sache zu sterben, als ein langes, aber leeres und sinnloses Leben zu f├╝hren.

169. Drittens ist es keineswegs sicher, dass das ├ťberleben des Systems weniger schlimme Folgen h├Ątte als sein Zusammenbruch. Das System ist die Ursache vieler Leiden in Vergangenheit und Gegenwart auf der ganzen Welt. Alte Kulturen, in denen Menschen jahrhundertelang im Einklang miteinander und mit ihrer Umwelt lebten, wurden durch den Kontakt mit der industriellen Gesellschaft zerst├Ârt, und das Ergebnis ist eine lange Liste von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, psychologischen und Umweltproblemen. Eine Folge des Eindringens der industriellen Gesellschaft war, dass ├╝berall in der Welt die nat├╝rliche Kontrolle des Bev├Âlkerungswachstums aus dem Gleichgewicht geraten ist. Daher die Bev├Âlkerungsexplosion mit all ihren Folgen. Eine andere Folge sind die in den vermeintlich gl├╝cklichen L├Ąndern der westlichen Welt weit verbreiteten psychologischen Krankheiten (vgl. Abschnitte 44-45). Niemand kann jetzt schon die Folgen des Ozonlochs, des Treibhauseffekts oder anderer Umweltprobleme Voraussagen. Wie die Weitergabe von nuklearem Material gezeigt hat, l├Ąsst sich nicht verhindern, dass neue Technologien in die Hand von Diktatoren und verantwortungslosen Dritte-Welt-L├Ąndern geraten. M├Âchten Sie sich vorstellen, wie der Irak oder Nordkorea Genmanipulation anwenden w├╝rden?

170. ┬╗Oh!┬ź, sagen die Technologieanh├Ąnger, ┬╗die Wissenschaft bringt das alles in Ordnung! Wir werden Hunger ├╝berwinden, psychisches Leiden ausrotten und jedermann gesund und gl├╝cklich machen!┬ź Ja, sicher. Das haben sie schon vor 200 Jahren gesagt. Die industrielle Revolution sollte die Armut beseitigen, jedermann gl├╝cklich machen usw. Aber das heutige Ergebnis sieht ganz anders aus. Die Technologieanh├Ąnger sind hoffnungslos naiv (oder sie t├Ąuschen sich selbst) in ihrer Auffassung gesellschaftlicher Probleme. Sie merken nicht (oder wollen nicht merken), dass gro├če Ver├Ąnderungen, selbst scheinbar zun├Ąchst positive, nicht in einer Gesellschaft eingef├╝hrt werden k├Ânnen, ohne eine lange Folge anderer Ver├Ąnderungen hervorzurufen, von denen die meisten nicht vorhersehbar sind (vgl. Abschnitt 103). Das Ergebnis ist die Zerst├Ârung der Gesellschaft. So ist es sehr wahrscheinlich, dass die Technologieanh├Ąnger bei ihren Versuchen, Armut und Krankheit zu besiegen und unterw├╝rfige, gl├╝ckliche Pers├Ânlichkeiten zu konstruieren usw., Gesellschaftssysteme schaffen werden, die von viel schlimmeren Problemen geplagt werden als die heutigen. Zum Beispiel br├╝sten sich Wissenschaftler damit, dass sie den Hunger durch neue genmanipulierte Nutzpflanzen besiegen werden. Aber damit wird die menschliche Bev├Âlkerung unendlich anwachsen k├Ânnen, und es ist bekannt, dass eine hohe Bev├Âlkerungsdichte zu Stress und Aggression f├╝hrt. Das ist nur ein Beispiel der VORAUSSAGBAREN Probleme, die auftreten werden. Wir betonen, dass technischer Fortschritt, wie vergangene Erfahrungen gezeigt haben, andere neue Probleme aufwirft, die NICHT vorhersehbar sind (vgl. Abschnitt 103). Tats├Ąchlich n├Ąmlich hat die Technologie seit der industriellen Revolution viel schneller neue gesellschaftliche Probleme geschaffen als alte gel├Âst werden konnten. So w├╝rde es eine lange und schwierige Periode von Versuch und Irrtum brauchen, damit die Technologieanh├Ąnger die Macken ihrer Sch├Ânen Neuen Welt wieder in Ordnung bringen k├Ânnen (falls sie das jemals tun werden). In der Zwischenzeit wird es viel Leiden geben. Deshalb ist es ├╝berhaupt nicht sicher, ob das ├ťberleben der industriellen Gesellschaft weniger Leiden bringen w├╝rde als ihr Zusammenbruch. Die Technologie hat die Menschheit in eine Falle gef├╝hrt, aus der sie wohl nicht so leicht entkommen wird.

DIE ZUKUNFT

171. Nehmen wir nun an, dass die industrielle Gesellschaft die n├Ąchsten Jahrzehnte ├╝berlebt und das System schlie├člich von seinen Fehlem weitgehend befreit wird, sodass es reibungslos funktioniert. Was w├Ąre es dann f├╝r eine Art von System? Wir wollen verschiedene M├Âglichkeiten betrachten.

172. Gehen wir zun├Ąchst von der Pr├Ąmisse aus, es sei den Computerwissenschaftlern gelungen, intelligente Maschinen zu entwickeln, die alle Dinge besser k├Ânnen als der Mensch. Es w├╝rden wahrscheinlich alle Arbeiten durch umfassende, hoch organisierte Maschinensysteme erledigt, und menschliche Anstrengungen w├Ąren nicht mehr notwendig. Dann k├Ânnte man entweder zulassen, dass die Maschinen alle Entscheidungen selbst treffen, ohne menschliche Aufsicht, oder aber der Mensch beh├Ąlt die Kontrolle ├╝ber die Maschinen.

173. Wenn Maschinen ihre eigenen Entscheidungen treffen, kann man ├╝ber die Folgen keine Mutma├čungen anstellen, weil es unm├Âglich ist einzusch├Ątzen, wie sich Maschinen verhalten werden. Wir k├Ânnen nur feststellen, dass das Schicksal der Menschheit dann von der Gnade der Maschinen abhinge. Man k├Ânnte einwenden, dass die Menschheit niemals so wahnsinnig w├Ąre, all ihre Macht an Maschinen abzugeben. Wir behaupten auch weder, dass die Menschheit ihre Macht freiwillig an die Maschinen abgeben, noch dass die Maschinen den Menschen willentlich die Macht entrei├čen w├╝rden. Aber was wir behaupten, ist, dass die Menschheit m├Âglicherweise in die Situation einer solchen Abh├Ąngigkeit von Maschinen geraten kann, so- dass sie praktisch keine andere Wahl hat, als alle Entscheidungen der Maschinen zu akzeptieren. Da die Gesellschaft und ihre Probleme immer komplexer und Maschinen immer intelligenter werden, werden die Menschen den Maschinen immer mehr Entscheidungen ├╝berlassen, einfach deshalb, weil maschinelle Entscheidungen zu besseren Ergebnissen f├╝hren als menschliche Entscheidungen. Schlie├člich wird man eine Stufe erreichen, auf der zur Systemerhaltung notwendige Entscheidungen so komplex werden, dass Menschen aufgrund ihrer begrenzten Intelligenz nicht mehr in der Lage sein w├╝rden, diese Entscheidungen zu treffen. Von diesem Moment an haben die Maschinen die tats├Ąchliche Kontrolle erlangt. Der Mensch kann die Maschinen dann nicht mehr einfach abschalten, weil er so abh├Ąngig von ihnen geworden ist, dass Abschalten kollektiven Selbstmord bedeuten w├╝rde.

174. Es ist aber andererseits auch m├Âglich, dass der Mensch die Kontrolle ├╝ber die Maschinen beh├Ąlt. In diesem Fall wird der Durchschnittsb├╝rger die Kontrolle ├╝ber einige Maschinen in seinem Privatbesitz behalten, ├╝ber sein Auto oder seinen Computer, aber die Kontrolle ├╝ber gro├če Maschinensysteme wird in der Hand einer kleinen Elite sein – wie heute auch, jedoch mit zwei Unterschieden. Wegen der fortgeschrittenen Techniken wird die Elite eine umfassendere Kontrolle ├╝ber die Massen aus├╝ben; und weil menschliche Arbeit nicht mehr notwendig ist, sind die Massen ├╝berfl├╝ssig, eine nutzlose B├╝rde f├╝r das System. Ist die Elite unbarmherzig, wird sie einfach entscheiden, die Masse der Menschheit zu vernichten. Ist sie human, wird sie mit Hilfe von Propaganda oder anderen psychologischen oder biologischen Techniken die Geburtenrate so weit senken, bis die Masse der Menschheit ausstirbt und die Welt der Elite ├╝berlassen bleibt. Sollte die Elite aus weichherzigen Linken bestehen, dann k├Ânnte sie entscheiden, die Rolle des guten Hirten zu spielen, der ├╝ber den Rest der Menschheit wacht. Sie w├╝rden daf├╝r sorgen, dass jedermanns physische Bed├╝rfnisse befriedigt werden, dass alle Kinder unter psychologisch hygienischen Bedingungen aufwachsen, dass jeder ein gesundes Hobby pflegt, das ihn besch├Ąftigt, und dass jeder, der unzufrieden ist, sich einer ┬╗Behandlung┬ź unterzieht, um sein ┬╗Problem┬ź zu l├Âsen. Nat├╝rlich wird das Leben dann so sinnlos sein, dass die Menschen biologisch oder psychologisch manipuliert werden m├╝ssen, um ihr Bed├╝rfnis nach dem power process und nach Selbstverwirklichung durch ein harmloses Hobby zu ┬╗sublimieren┬ź. Diese manipulierten Menschen m├Âgen in einer solchen Gesellschaft vielleicht gl├╝cklich sein, sie sind aber mit Sicherheit nicht frei. Sie sind auf die Stufe von Haustieren gesunken.

175. Nehmen wir nun an, dass die Computerwissenschaft nicht in der Lage sein wird, k├╝nstliche Intelligenz zu entwickeln, so- dass menschliche Arbeit weiterhin notwendig bleibt. Selbst dann werden Maschinen verst├Ąrkt einfache Arbeiten ├╝bernehmen und damit einen zunehmenden ├ťberschuss an ungelernten oder unbegabteren menschlichen Arbeitskr├Ąften schaffen. (Diese Entwicklung ist bereits heute sichtbar. Es gibt inzwischen viele Menschen, die keine Arbeit finden, weil sie aus intellektuellen oder psychologischen Gr├╝nden nicht den n├Âtigen Ausbildungsstand haben, der sie brauchbar f├╝r das gegenw├Ąrtige System macht.) An diejenigen, die Arbeit haben, werden immer h├Âhere Anforderungen gestellt: Sie ben├Âtigen mehr und mehr Ausbildung, mehr und mehr F├Ąhigkeiten, sie m├╝ssen noch zuverl├Ąssiger, anpassungsf├Ąhiger und unterw├╝rfiger werden, weil sie mehr und mehr nur noch wie Zellen in einem riesigen Organismus existieren. Ihr Aufgabenbereich wird immer st├Ąrker spezialisiert, sodass sie durch die Konzentration auf ihren winzigen Bereich den Bezug zur Realit├Ąt verlieren. Das System muss dann alle psychologischen und biologischen Mittel anwenden, um die Menschen so zu manipulieren, dass sie unterw├╝rfig bleiben, die F├Ąhigkeiten entwickeln, die das System erfordert, und dass sie ihren Machttrieb durch eine spezialisierte Arbeit ┬╗sublimieren┬ź. Die Behauptung, die Menschen in einer solchen Gesellschaft m├╝ssen unterw├╝rfig sein, muss vielleicht eingeschr├Ąnkt werden. F├╝r die Gesellschaft kann Konkurrenzgeist n├╝tzlich sein, vorausgesetzt, man kann ihn in Bahnen lenken, die den Bed├╝rfnissen des Systems dienen. Wir k├Ânnen uns eine zuk├╝nftige Gesellschaft vorstellen, in der es endlose Konkurrenzk├Ąmpfe um prestigetr├Ąchtige Positionen und Macht gibt. Doch werden stets nur sehr wenige die Spitze erreichen und wahre Macht haben (vgl. Abschnitt 163). Eine Gesellschaft, in der jemand seinen Machttrieb nur dadurch befriedigen kann, dass er viele andere aus dem Weg r├Ąumen und DEREN Machtstreben vereiteln muss, ist absto├čend.

176. Man kann sich Szenarien ausmalen, in denen Aspekte der hier vorgestellten M├Âglichkeiten anders verkn├╝pft werden. So w├Ąre es etwa m├Âglich, dass Maschinen vor allem die Arbeiten ├╝bernehmen, die wirklich wichtig sind, w├Ąhrend die Menschen damit besch├Ąftigt sind, unwichtige T├Ątigkeiten zu verrichten. Es wurde bereits vorgeschlagen, durch weitere Entwicklung im Dienstleistungssektor mehr Arbeitspl├Ątze zu schaffen. Dann w├╝rden die Menschen ihre Zeit damit verbringen, einander die Schuhe zu putzen, einander in Taxis herumzufahren, handwerkliche Arbeiten f├╝r einander auszuf├╝hren, einander in Restaurants zu bedienen, etc. Dies scheint uns durch und durch menschenunw├╝rdig zu sein, und wir bezweifeln, dass viele Menschen in dieser sinnlosen Besch├Ąftigungstherapie ein erf├╝lltes Leben finden w├╝rden. Sie w├╝rden dann andere, gef├Ąhrliche Ventile suchen (Drogen, Verbrechen, Sekten, Hassgruppen), au├čer man hat sie biologisch oder psychologisch manipuliert, um sie so diesem Leben anzupassen.

177. Es versteht sich von selbst, dass mit den hier aufgezeigten Szenarien nicht alle M├Âglichkeiten ersch├Âpft sind. Sie sollten nur die uns am wahrscheinlichsten scheinenden Folgen aufzeigen. Wir konnten aber kein plausibles Szenario finden, dass auch nur wenig attraktiver w├Ąre als die, die wir gerade beschrieben haben. Es ist h├Âchst wahrscheinlich, dass das industriell-technologische System, wenn es die n├Ąchsten 40 bis 100 Jahre ├╝berlebt, bestimmte allgemeine Merkmale entwickelt haben wird: Individuen (zumindest die ┬╗Bourgeois┬ź, die an das System angepasst sind und es am Laufen halten und die deshalb die Macht aus├╝ben) werden mehr als je zuvor von gro├čen Organisationen abh├Ąngig sein; sie werden ┬╗angepasster┬ź sein als je zuvor und ihre k├Ârperlichen und geistigen Eigenschaften werden in sp├╝rbarem Ausma├č (wahrscheinlich in sehr gro├čem Ausma├č) das Resultat k├╝nstlicher Manipulationen sein und nicht mehr Ergebnis des Zufalls (oder des g├Âttlichen Willens oder wessen auch immer); und was von der urspr├╝nglichen Natur ├╝brig geblieben sein wird, wird man zum Zwecke wissenschaftlicher Studien unter Aufsicht und Verwaltung von Wissenschaftlern stellen (damit verliert auch dieser Rest seine Urspr├╝nglichkeit). Auf Dauer (einige Jahrhunderte von jetzt an) ist es wahrscheinlich, dass weder die Menschheit noch andere wichtige Lebensformen in der heutigen Form fortbestehen werden, denn wenn Genmanipulation einmal begonnen wurde, gibt es keinen Grund, an einem bestimmten Punkt damit aufzuh├Âren, sodass so lange Ver├Ąnderungen vorgenommen werden, bis der Mensch und andere Lebensformen v├Âllig umgestaltet sein werden.

178. Was immer eintreten mag, eines ist sicher, die Technologie schafft f├╝r die Menschen eine neue nat├╝rliche und soziale Umwelt, die sich radikal von dem Spektrum der Umwelten unterscheidet, denen die Menschheit sich durch nat├╝rliche Auslese physisch und psychisch angepasst hat. Wird der Mensch nicht durch k├╝nstliche Manipulation an diese neue Umwelt angepasst, dann wird es durch einen langen, schmerzhaften Prozess der nat├╝rlichen Auslese geschehen. Das Erstere ist wesentlich wahrscheinlicher als das Letztere.

179. Es w├Ąre besser, das ganze verrottete System zu beseitigen und die Folgen zu tragen.

STRATEGIE

180. Die Technologieanh├Ąnger nehmen uns alle mit auf eine ├Ąu├čerst leichtsinnige Reise ins Ungewisse. Viele Menschen haben eine Vorstellung davon, was technologischer Fortschritt uns antut, bleiben aber passiv, weil sie ihn f├╝r unvermeidlich halten. Aber wir (FC) halten ihn nicht f├╝r unvermeidlich. Wir meinen, dass man ihn aufhalten kann und geben hier einige Hinweise, was man daf├╝r tun kann.

181. Wie wir in Abschnitt 166 festgestellt haben, bestehen die beiden Hauptaufgaben gegenw├Ąrtig darin, den sozialen Druck und die Instabilit├Ąt der industriellen Gesellschaft zu verst├Ąrken und eine Ideologie zu entwickeln und zu propagieren, die sich gegen die Technologie und das industrielle System richtet. Erst wenn das System ausreichend unter Druck ger├Ąt und instabil wird, k├Ânnte eine Revolution gegen die Technologie m├Âglich werden. Es w├Ąre dasselbe Muster wie bei der Franz├Âsischen und der Russischen Revolution. Die franz├Âsische und die russische Gesellschaft hatten in den Jahrzehnten vor dem Ausbruch ihrer jeweiligen Revolution wachsende Anzeichen von gesellschaftlichem Druck und Schw├Ąche gezeigt. Inzwischen waren neue Ideologien entwickelt worden, die ein neues Weltbild boten, das sich vom alten stark unterschied. In Russland waren Revolution├Ąre aktiv an der Zerst├Ârung der alten Ordnung beteiligt. Als dann das alte System unter gen├╝gend zus├Ątzlichen Druck geriet (in Frankreich durch die Finanzkrise, in Russland durch die milit├Ąrische Niederlage), wurde es von der Revolution hinweggefegt.

182. Man wird einwenden, dass die Franz├Âsische und die Russische Revolution gescheitert sind. Aber die meisten Revolutionen haben zwei Ziele. Eines liegt darin, die alte Gesellschaftsform zu zerst├Âren, und das andere darin, eine neue Gesellschaftsform nach den Visionen der Revolution├Ąre aufzubauen. Die franz├Âsischen und russischen Revolution├Ąre scheiterten (gl├╝cklicherweise) darin, die neue Gesellschaft zu errichten, von der sie getr├Ąumt hatten, aber sie waren durchaus erfolgreich darin, die alte Gesellschaft zu zerst├Âren. Wir machen uns nicht die Illusion, es w├Ąre durchf├╝hrbar, eine neue, ideale Form der Gesellschaft aufzubauen. Unser Ziel besteht einzig darin, die existierende Gesellschaft zu zerst├Âren.

183. Doch wenn man f├╝r eine Ideologie begeisterte Unterst├╝tzung bekommen will, muss sie sowohl ein positives als auch ein negatives Ideal bieten; sie muss F├ťR etwas und GEGEN etwas stehen. Das von uns vorgeschlagene positive Ideal ist die Natur. Damit ist die URSPR├ťNGLICHE Natur gemeint: die Erde und ihre Lebensformen, die unabh├Ąngig von Lenkung, Eingriffen und Kontrolle durch den Menschen existieren. Zur urspr├╝nglichen Natur geh├Ârt auch der Mensch, wobei wir die physischen Aspekte des Funktionierens des menschlichen Individuums meinen, die nicht einer Regulierung durch die organisierte Gesellschaft unterliegen, sondern vom Zufall, dem freien Willen oder Gott (je nach religi├Âser und philosophischer Vorstellung) abh├Ąngig sind.

184. Die Natur ist aus verschiedenen Gr├╝nden ein perfektes Gegen-Ideal zur Technologie. Natur (die au├čerhalb der Macht des Systems existiert) ist das Gegenteil von Technologie (die ihre Macht innerhalb des Systems unendlich auszuweiten sucht). Die meisten Menschen werden zugeben, dass Natur sch├Ân ist; sie hat eine gewaltige Anziehungskraft. Radikale Umweltsch├╝tzer vertreten BEREITS eine Ideologie, die die Natur lobpreist und die Technologie ablehnt. Es ist nicht n├Âtig, um der Natur willen eine fantastische Utopie oder eine neue Gesellschaftsordnung zu entwerfen. Die Natur sorgt f├╝r sich selbst: Sie war eine spontane Sch├Âpfung, die lange vor jeder menschlichen Gesellschaftsordnung existiert hat, und zahllose Jahrhunderte lang haben viele verschiedene Gesellschaften im Einklang mit der Natur gelebt, ohne gro├če Zerst├Ârungen anzurichten. Erst durch die industrielle Revolution begannen die Auswirkungen der menschlichen Gesellschaft in der Natur gro├čen Schaden anzurichten. Um die Natur von diesem Druck zu befreien, ist es nicht n├Âtig, ein besonderes Gesellschaftssystem zu schaffen, es reicht, sich von der industriellen Gesellschaft zu befreien. Nat├╝rlich werden damit nicht alle Probleme gel├Âst. Die industrielle Gesellschaft hat der Natur bereits enormen Schaden zugef├╝gt, und es wird sehr lange dauern, bis diese Narben verheilt sind. Au├čerdem f├╝gen selbst vorindustrielle Gesellschaften der Natur merkbaren Schaden zu. Dennoch wird erst durch das Verschwinden der industriellen Gesellschaft etwas Wesentliches erreicht werden. Es wird den schlimmsten Druck von der Natur nehmen, sodass die Narben verheilen k├Ânnen. Es wird der organisierten Gesellschaft die F├Ąhigkeit nehmen, die Natur immer st├Ąrker zu kontrollieren (einschlie├člich die menschliche Natur). Ganz gleich welche Gesellschaft nach dem Ende der industriellen Gesellschaft entstehen wird, die meisten Menschen werden naturverbunden leben, denn ohne fortgeschrittene Technologie K├ľNNEN Menschen nicht anders leben. Um sich zu ern├Ąhren, m├╝ssen sie Bauern, Hirten, Fischer, J├Ąger oder ├ähnliches sein. Die lokale Autonomie wird generell auch zunehmen, denn ohne fortgeschrittene Technologie und schnelle Kommunikation ist die F├Ąhigkeit von Regierungen oder anderen gro├čen Organisationen, lokale Gemeinwesen zu kontrollieren, eingeschr├Ąnkt.

185. Was die negativen Folgen des Zusammenbruchs der industriellen Gesellschaft angeht – nun ja, man kann nicht das Huhn essen und auch die Eier haben. Um das eine zu bekommen, muss man das andere aufgeben.

186. Viele Menschen f├╝rchten psychologische Konflikte. Deshalb vermeiden sie, ernsthaft ├╝ber schwierige gesellschaftliche Fragen nachzudenken und ziehen es vor, diese in leicht verst├Ąndlicher Form, schwarz-wei├č gemalt, pr├Ąsentiert zu bekommen: DIES ist ganz und gar gut und JENES ist ganz und gar ├╝bel. Die revolution├Ąre Ideologie muss daher auf zwei Ebenen entwickelt werden.

187. Auf der anspruchsvolleren Ebene sollte sie sich an diejenigen richten, die intelligent, nachdenklich und vern├╝nftig sind. Das Ziel sollte sein, eine Kerngruppe von Menschen zu bilden, die sich auf einer rationalen, durchdachten Basis gegen das industrielle System wenden und die sich v├Âllig im Klaren sind ├╝ber die Probleme und Ambiguit├Ąten, auf die sie treffen werden, sowie ├╝ber den Preis, der f├╝r die Abschaffung des Systems gezahlt werden muss. Es ist besonders wichtig, solche Menschen daf├╝r zu gewinnen, da sie viele F├Ąhigkeiten haben und deshalb andere beeinflussen k├Ânnen. An diese Menschen sollte man sich auf einer m├Âglichst rationalen Ebene wenden. Tatsachen sollten niemals absichtlich verdreht und sprachliche ├ťbertreibungen vermieden werden. Das soll nicht hei├čen, dass man nicht auch an Gef├╝hle appellieren k├Ânne, aber dabei sollte man vermeiden, die Wahrheit zu verf├Ąlschen oder das intellektuelle Ansehen der Ideologie auf andere Art zu besch├Ądigen.

188. Auf einer zweiten Ebene sollte die Ideologie in so vereinfachter Weise verbreitet werden, damit auch die gedankenlose Mehrheit den Konflikt Technologie gegen Natur in unzweideutiger Begrifflichkeit versteht. Aber auch auf dieser zweiten Ebene sollte die Ideologie in einer angemessenen Sprache verbreitet werden, unter Verzicht auf primitive, ├╝bertriebene oder irrationale Ausdrucks weise, damit die rational denkenden Menschen nicht davon abgesto├čen werden. Billige, ├╝bertriebene Propaganda kann zwar vor├╝bergehend erstaunlich erfolgreich sein, auf lange Sicht gesehen ist es aber vorteilhafter, die Loyalit├Ąt einer kleinen Gruppe intelligenter Menschen zu bewahren, als die Leidenschaften des gedankenlosen, unbest├Ąndigen Mobs zu entfachen, der seine Meinung wieder ├Ąndern wird, sobald ein anderer mit besseren Propagandatricks daherkommt. Doch auch Hetzpropaganda kann notwendig sein, wenn der Zeitpunkt des Zusammenbruchs des Systems sich n├Ąhert und es zum Endkampf zwischen rivalisierenden Ideologien kommt, der entscheidet, welche von beiden sich behaupten wird, nachdem das alte Weltbild untergegangen sein wird.

189. Vor diesem Endkampf sollten die Revolution├Ąre nicht erwarten, die Mehrheit auf ihre Seite ziehen zu k├Ânnen. Die Geschichte wird von aktiven, entschiedenen Minderheiten gemacht, nicht von der Mehrheit, die selten eine klare und konsequente Idee ihrer eigenen W├╝nsche hat. Bevor es zum entscheidenden Durchbruch der Revolution kommt, besteht die Aufgabe der Revolution├Ąre weniger darin, die oberfl├Ąchliche Unterst├╝tzung der Mehrheit zu gewinnen als darin, einen kleinen Kern von wirklich ├╝berzeugten Anh├Ąngern zu bilden. Bei der Mehrheit ist es ausreichend, sie mit der Existenz der neuen Ideologie bekannt zu machen und sie regelm├Ą├čig daran zu erinnern; obwohl es nat├╝rlich trotzdem w├╝nschenswert ist, die Unterst├╝tzung der Mehrheit zu gewinnen, sofern dies geschehen kann, ohne dadurch den Kern der ernsthaft ├╝berzeugten Menschen zu schw├Ąchen.

190. Jeder gesellschaftliche Konflikt tr├Ągt dazu bei, das System zu schw├Ąchen, aber man sollte sich vorsehen, welche Art von Konflikten man unterst├╝tzt. Es sollten immer Konflikte zwischen der Masse der Menschen und der die Macht aus├╝benden Elite der industriellen Gesellschaft (Politiker, Wissenschaftler, wichtige Wirtschafts- und Regierungsvertreter usw.) sein. Es sollten KEINE Konflikte zwischen den Revolution├Ąren und der Masse der Bev├Âlkerung sein. Zum Beispiel w├Ąre es eine schlechte Strategie der Revolution├Ąre, die Amerikaner wegen ihrer Konsumgewohnheiteii zu verurteilen. Vielmehr sollte der Durchschnittsamerikaner als Opfer der Werbe- und Marketingindustrie dargestellt werden, die ihn dazu verf├╝hrt hat, eine Menge unn├Âtigen Kram zu kaufen, den er nicht ben├Âtigt und der nur ein sehr schwacher Trost f├╝r den Verlust seiner Freiheit ist. Beide Strategien entsprechen den Tatsachen. Es ist nur eine Frage der Haltung, ob man die Werbeindustrie beschuldigt, die Leute zu manipulieren, oder die Leute daf├╝r, dass sie sich manipulieren lassen. Aus strategischen Gr├╝nden sollte man vermeiden, die Leute allgemein zu beschuldigen.

191. Man sollte sich zweimal ├╝berlegen, ob inan irgendeinen anderen gesellschaftlichen Konflikt unterst├╝tzt als den zwischen der Machtelite (die die Technologie beherrscht) und der allgemeinen Masse (die durch Technologie beherrscht wird). Zum einen lenken andere Konflikte die Aufmerksamkeit von der wichtigen Auseinandersetzung ab (zwischen Elite und allgemeiner Masse, zwischen Technologie und Natur); zum anderen k├Ânnten andere Konflikte die Technologisierung m├Âglicherweise noch vorantreiben, weil beide Konfliktparteien versuchen w├╝rden, mit Hilfe der Technologie Vorteile zu erlangen. Das wird bei Auseinandersetzungen zwischen Nationen deutlich oder bei ethnischen Konflikten innerhalb von Nationen. In Amerika zum Beispiel wollen viele schwarze F├╝hrer dadurch mehr Macht f├╝r die Afro-Amerikaner gewinnen, indem sie versuchen, Schwarze innerhalb der technologischen Machtelite zu platzieren. Sie wollen, dass es m├Âglichst viele schwarze Regierungsbeamte, Wissenschaftler, Firmenmanager usw. gibt. Damit unterst├╝tzen sie die Absorption der afro-amerikanischen Kultur ins technologische System. Deshalb sollte man generell nur jene gesellschaftlichen Konflikte unterst├╝tzen, die sich im Rahmen des allgemeinen Konflikts Machtelite gegen allgemeine Bev├Âlkerung, Technologie gegen Natur abspielen.

192. Doch um ethnische Konflikte zu l├Âsen, ist militantes Eintreten f├╝r Minderheitenrechte NICHT geeignet (vgl. Abschnitte 21 und 29). Statt dessen sollten die Revolution├Ąre betonen, dass die Benachteiligung, die Minderheiten mehr oder weniger stark erfahren, nur von untergeordneter Bedeutung ist. Unser wirklicher Feind ist das industriell-technologische System, und im Kampf gegen das System sind ethnische Unterscheidungen unbedeutend.

193. Die Revolution, die wir uns vorstellen, muss nicht notwendigerweise ein bewaffneter Aufstand gegen eine Regierung sein. Sie mag physische Gewalt anwenden oder auch nicht, jedenfalls wird es keine POLITISCHE Revolution sein. In ihrem Zentrum stehen Technologie und Wirtschaft, nicht Politik.

194. Die Revolution├Ąre sollten sogar VERMEIDEN, politische Macht zu ├╝bernehmen, ob mit legalen oder illegalen Mitteln, bis der Druck auf das industrielle System einen kritischen Punkt erreicht hat und es selbst von der Mehrheit der Bev├Âlkerung als Fehlschlag angesehen wird. Nehmen wir an, dass irgendeine ┬╗gr├╝ne┬ź Partei im US-Kongress bei den Wahlen die Mehrheit bekommt. Um ihre eigene Ideologie nicht zu verraten oder zu schw├Ąchen, m├╝sste sie energische Ma├čnahmen ergreifen, um das Wirtschaftswachstum stark einzuschr├Ąnken und die Wirtschaft sogar schrumpfen zu lassen. Dem Durchschnittsb├╝rger w├╝rden die Folgen katastrophal erscheinen: Es g├Ąbe Massenarbeitslosigkeit, Engp├Ąsse bei der Versorgung usw. Selbst wenn man die schlimmsten Folgen durch ├╝bermenschlich geschicktes Management verhindern k├Ânnte, m├╝ssten die Menschen dennoch eine Menge Luxus aufgeben, an den sie gew├Âhnt sind. Die Unzufriedenheit w├╝rde wachsen, die ┬╗gr├╝ne┬ź Partei w├╝rde abgew├Ąhlt und die Revolution├Ąre h├Ątten einen schweren R├╝ckschlag erlitten. Deshalb sollten die Revolution├Ąre nicht versuchen, politische Macht zu erlangen, bis sich das System von selbst derart desavouiert hat, dass alle Entbehrungen als Folge des Scheiterns des industriellen Systems selbst betrachtet werden und nicht als Folge der Politik der Revolution├Ąre. Die Revolution gegen die Technologie wird wahrscheinlich eine Revolution von Au├čenseitern sein m├╝ssen, eine Revolution von unten, nicht von oben.

195. Die Revolution muss international und weltweit durchgef├╝hrt werden. Sie kann nicht einzeln auf nationaler Basis erfolgen. Wann immer vorgeschlagen wird, dass die Vereinigten Staaten zum Beispiel ihren technologischen Fortschritt oder das Wirtschaftswachstum etwas bremsen sollten, werden die Leute hysterisch und jammern, dass dann die Japaner in der Technologie f├╝hrend w├╝rden. Heilige Roboter! Die Welt w├╝rde aus den Angeln gehoben, wenn die Japaner irgendwann mehr Autos verkaufen als wir! (Nationalismus ist ein starker Antrieb f├╝r die Technologie.) Etwas rationaler wird auch argumentiert, dass dann Diktatoren schlie├člich die Welt beherrschen w├╝rden, wenn die relativ demokratischen Nationen der Welt in der Technologie hinter die b├Âsen, diktatorischen Nationen wie China, Vietnam oder Nordkorea zur├╝ckfallen, weil diese sich technologisch weiterentwickeln. Aus diesem Grund muss das industrielle System weltweit in allen Staaten gleichzeitig angegriffen werden, soweit das m├Âglich ist. Es gibt nat├╝rlich keine Sicherheit daf├╝r, dass das industrielle System ├╝berall auf der Welt ann├Ąhernd gleichzeitig zerst├Ârt werden kann, und es ist sogar denkbar, dass der Versuch, das System zu besiegen, fehlschl├Ągt und es dann von Diktatoren beherrscht wird. Dieses Risiko muss man in Kauf nehmen. Es ist es wert, denn der Unterschied zwischen einem ┬╗demokratischen┬ź industriellen System und einem von Diktatoren kontrollierten ist klein im Vergleich zu dem zwischen einem industriellen und einem nichtindustriellen System. Man k├Ânnte sogar behaupten, dass ein von einem Diktator kontrolliertes industrielles System vorzuziehen w├Ąre, weil diktatorische Regimes im Allgemeinen weniger effizient sind, also vermutlich schneller zusammenbrechen werden. Man betrachte nur Kuba.

196. Revolution├Ąre sollten Ma├čnahmen unterst├╝tzen, die auf eine Vereinheitlichung der Weltwirtschaft abzielen. Freihandelsabkommen wie NAFTA und GATT sind wahrscheinlich auf kurze Zeit gesehen sch├Ądlich f├╝r die Umwelt, k├Ânnten aber auf Dauer Vorteile haben, weil sie wirtschaftliche Abh├Ąngigkeiten der Staaten untereinander f├Ârdern. Es wird leichter sein, das industrielle System weltweit zu zerst├Âren, wenn die Weltwirtschaft so vereinheitlicht ist, dass ihr Zusammenbruch in irgendeinem gro├čen Staat zum Zusammenbruch der Wirtschaft in allen Industrienationen f├╝hren wird.

197. Manche meinen, dass der moderne Mensch zu viel Macht und Kontrolle ├╝ber die Natur hat, sie fordern eine passivere Haltung der Menschheit. Aber meistens dr├╝cken sich diese Leute unklar aus, denn sie unterscheiden nicht zwischen der Macht GROSSER ORGANISATIONEN und der Macht von EINZELNEN und KLEINEN GRUPPEN. Es ist ein Irrtum, sich f├╝r Machtlosigkeit und Passivit├Ąt einzusetzen, denn Menschen BRAUCHEN Macht. Der moderne Mensch als kollektive Gesamtheit – das hei├čt, als industrielles System – hat ungeheure Macht ├╝ber die Natur, und wir (FC) betrachten das als ├ťbel. Aber moderne INDIVIDUEN und KLEINE GRUPPEN VON INDIVIDUEN haben viel weniger Macht als der primitive Mensch jemals hatte. Im Allgemeinen wird die gewaltige Macht des ┬╗modernen Menschen┬ź ├╝ber die Natur nicht durch Individuen oder kleine Gruppen ausge├╝bt, sondern durch gro├če Organisationen. Wenn das durchschnittliche moderne INDIVIDUUM noch technologische Macht aus├╝ben kann, ist ihm dies nur in engen Grenzen erlaubt und nur unter Aufsicht und Kontrolle des Systems. (F├╝r alles braucht man eine Genehmigung und mit dieser Genehmigung sind Regeln und Vorschriften verbunden.) Das Individuum hat nur die technologische Macht, die ihm das System zugesteht. Seine PERS├ľNLICHE Macht ├╝ber die Natur ist gering.

198. Der primitive Mensch als INDIVIDUUM und in KLEINEN GRUPPEN hatte tats├Ąchlich beachtliche Macht ├╝ber die Natur, oder vielleicht besser gesagt INNERHALB der Natur. Wenn der primitive Mensch Nahrung brauchte, wusste er, wie er essbare Wurzeln finden und wie er diese zubereiten konnte, wie man Wild aufsp├╝rt und es mit selbst gefertigten Waffen erlegt. Er wusste, wie er sich vor Hitze, K├Ąlte, Regen und gef├Ąhrlichen Tieren usw. sch├╝tzen konnte. Aber der primitive Mensch hat der Natur kaum Schaden zugef├╝gt, weil die KOLLEKTIVE Macht der primitiven Gesellschaft im Vergleich zur KOLLEKTIVEN Macht der industriellen Gesellschaft sehr schwach war.

199. Statt f├╝r Machtlosigkeit und Passivit├Ąt zu pl├Ądieren, sollte man sich daf├╝r einsetzen, dass die Macht des INDUSTRIELLEN SYSTEMS gebrochen wird, und dass dadurch die Macht und Freiheit des EINZELNEN und der KLEINEN GRUPPEN VERST├äRKT wird.

200. Bis das industrielle System g├Ąnzlich abgewrackt ist, muss die Zerst├Ârung des Systems f├╝r die Revolution├Ąre das EINZIGE Ziel sein. Andere Ziele w├╝rden die Aufmerksamkeit und Energie vom Hauptziel ablenken. Und was noch wichtiger ist, wenn die Revolution├Ąre sich anderen Zielen als der Zerst├Ârung der Technologie widmeten, w├╝rden sie in Versuchung gef├╝hrt, Technologie als Werkzeug zu benutzen, um diese anderen Ziele zu erreichen. Wenn sie dieser Versuchung nachgeben, werden sie selbst in die technologische Falle geraten, denn die moderne Technologie ist ein einheitliches, eng organisiertes System, sodass man bei dem Versuch, EINIGE Technologien zu bewahren, schlie├člich gezwungen ist, die MEISTE Technologie zu bewahren, es w├╝rde damit enden, dass lediglich einige Technologien symbolisch geopfert w├╝rden.

201. Angenommen, die Revolution├Ąre w├╝rden sich beispielsweise f├╝r ┬╗soziale Gerechtigkeit┬ź einsetzen. Wir kennen die menschliche Natur und wissen, soziale Gerechtigkeit wird sich nicht von selbst, sondern nur mit Zwang einstellen. Um sie zu erzwingen, m├╝ssten die Revolution├Ąre eine zentrale Organisation und Kontrolle beibehalten. Daf├╝r br├Ąuchten sie schnelle und weitreichende Transport- und Kommunikationsmittel, m├╝ssten also die Technologie haben, um solche Transport- und Kommunikations-Systeme zu unterst├╝tzen. Um arme Menschen mit Nahrung und Kleidung auszustatten, m├╝ssten sie landwirtschaftliche und Fabrik-Technologie benutzen. Und so weiter. Der Versuch, soziale Gerechtigkeit zu sichern, w├╝rde sie zwingen, das technologische System in weiten Teilen aufrechtzuerhalten. Wir haben nichts gegen soziale Gerechtigkeit einzuwenden, aber sie darf nicht die Anstrengungen behindern, das technologische System loszuwerden.

202. Es w├Ąre hoffnungslos f├╝r die Revolution├Ąre, das System anzugreifen, ohne EINIGE moderne Technologien zu nutzen. Wenigstens m├╝ssen sie Kommunikationsmedien nutzen, um ihre Botschaft zu verbreiten. Aber sie sollten die moderne Technologie nur f├╝r den EINEN Zweck nutzen: das technologische System zu bek├Ąmpfen.

203. Man stelle sich einen Alkoholiker vor, der vor einem Fass Wein sitzt und sich sagt: ┬╗Wein ist nicht schlecht, wenn du ihn mit Ma├čen trinkst. Man sagt sogar, kleine Mengen Wein sind gut. Es wird mir nicht schaden, wenn ich nur ein bisschen trinke…┬ź Man wei├č ja, was geschehen wird. Man darf niemals vergessen, dass es der Menschheit mit der Technologie geht wie einem Alkoholiker mit einem Fass Wein.

204. Revolution├Ąre sollten so viele Kinder wie m├Âglich bekommen. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass soziales Verhalten ├╝berwiegend erblich bedingt ist. Das will nicht sagen, dass soziales Verhalten direkt aus den genetischen Anlagen folgt, aber es scheint, dass Charakterz├╝ge einer Pers├Ânlichkeit teilweise erblich bedingt sind und dass bestimmte Charakterz├╝ge im Kontext unserer Gesellschaft das soziale Verhalten einer Person mehr in diese oder jene Richtung tendieren lassen. Es gibt Gegenargumente, die aber schwach sind und ideologisch motiviert zu sein scheinen. Jedoch bezweifelt niemand, dass Kinder im Allgemeinen in ihrem sozialen Verhalten ihren Eltern ├Ąhnlich sind. F├╝r uns hat es keine gro├če Bedeutung, ob das Verhalten genetisch oder durch Erziehung weitergegeben wird, wichtig ist nur, DASS es weitergegeben wird.

205. Das Problem ist, dass diejenigen, die gegen das industrielle System sind, auch ├╝ber Bev├Âlkerungsprobleme beunruhigt sind und deshalb nur wenige oder keine Kinder haben. Auf diese Weise aber ├╝bergeben sie die Welt den Menschen, die das industrielle System unterst├╝tzen oder wenigstens akzeptieren. Um die n├Ąchste Generation starker Revolution├Ąre zu sichern, m├╝ssen sie sich vermehren. Dabei werden sie das Problem der ├ťberbev├Âlkerung nur wenig verst├Ąrken. Die wichtigste Aufgabe ist, das industrielle System abzuschaffen, denn wenn es einmal verschwunden ist, wird sich die Weltbev├Âlkerung notwendigerweise verringern (vgl. Abschnitt 167); wohingegen das industrielle System, falls es ├╝berlebt, neue Techniken der Nahrungsproduktion entwickeln wird, die einen weiteren unaufh├Ârlichen Anstieg der Weltbev├Âlkerung erm├Âglichen werden.

206. Hinsichtlich einer revolution├Ąren Strategie bestehen wir absolut auf folgenden Punkten: Das ausschlaggebende einzige Ziel muss die Vernichtung der modernen Technologie sein und keine anderen Ziele d├╝rfen damit konkurrieren. F├╝r den Rest sollten die Revolution├Ąre die Empirie entscheiden lassen. Wenn die Erfahrung zeigt, dass einige der hier gemachten Vorschl├Ąge zu keinen guten Ergebnissen f├╝hren, sollte man diese Vorschl├Ąge verwerfen.

ZWEI ARTEN VON TECHNOLOGIE

207. Man wird gegen unsere Revolution wahrscheinlich argumentieren, dass sie zum Scheitern verurteilt ist, weil (so wird behauptet) Technologie im Verlauf der Geschichte immer fortgeschritten und niemals r├╝ckl├Ąufig gewesen ist, somit ist ein technologischer R├╝ckschritt unm├Âglich. Aber diese Behauptung ist falsch.

208. Wir unterscheiden zwei Arten von Technologie, die wir als small-scale-Technologie (in kleinem Ma├čstab) und als organisationenabh├Ąngige Technologie bezeichnen. Die small-scale- Technologie kann in kleinen Gemeinschaften ohne ├Ąu├čere Hilfestellung angewendet werden. Die organisationsabh├Ąngige Technologie ist von gro├čen gesellschaftlichen Organisationen abh├Ąngig. Es sind uns keine bedeutenden F├Ąlle von R├╝ckentwicklungen in der kleinen Technologie bekannt. Aber die organisationenabh├Ąngige Technologie IST r├╝ckg├Ąngig zu machen, wenn die soziale Organisation, von der sie abh├Ąngt, zusammenbricht. Beispiel: Als das R├Âmische Reich zusammenbrach, ├╝berlebte die small-scale-Technologie der R├Âmer, weil jeder geschickte Dorfhandwerker in der Lage war, zum Beispiel ein Wasserrad herzustellen, jeder geschickte Schmied konnte mit den r├Âmischen Techniken Stahl herstellen usw. Aber die organisationsabh├Ąngige Technologie der R├Âmer bildete sich zur├╝ck. Die Aqu├Ądukte verfielen und wurden nie wieder aufgebaut. Ihre Technik des Stra├čenbaus ging verloren. Das r├Âmische System sanit├Ąrer Anlagen in den St├Ądten geriet in Vergessenheit, und erst seit recht kurzer Zeit hat man in europ├Ąischen St├Ądten wieder sanit├Ąre Anlagen vom Standard derer im Alten Rom.

209. Der Grund daf├╝r, dass Technologie immer fortzuschreiten scheint, liegt darin, dass noch bis zu vielleicht ein oder zwei Jahrhunderten vor der industriellen Revolution die meiste Technologie small-scale-Technologie war. Die seit der industriellen Revolution entwickelte Technologie ist jedoch vor allem organisationsabh├Ąngige Technologie. Ein Beispiel daf├╝r ist der K├╝hlschrank. Ohne industriell vorgefertigte Ersatzteile, Maschinen oder Werkst├Ątten w├Ąre es f├╝r normale Handwerker unm├Âglich, einen K├╝hlschrank zu bauen. Auch wenn sie wunderbarerweise einen bauen k├Ânnten, w├Ąre er ohne eine zuverl├Ąssige Stromquelle nicht zu benutzen. Sie m├╝ssten also einen Fluss stauen und einen Generator bauen. Generatoren brauchen viel Kupferdraht. Wie soll man diesen Draht ohne moderne Maschinen herstellen? Und woher soll man dann das notwendige K├╝hlmittel bekommen? Es w├Ąre viel einfacher, einen Eiskeller zu bauen oder die Nahrung durch Trocknen oder Einlegen haltbar zu machen, wie man es vor der Erfindung des K├╝hlschranks getan hat.

210. Das hei├čt aber, dass die K├╝hlschranktechnologie schnell verloren gehen wird, wenn das industrielle System einmal g├Ąnzlich zusammenbricht. Dasselbe gilt f├╝r andere organisationsabh├Ąngige Technologien. Wenn diese Technologie erst einmal eine Generation lang verloren ist, w├╝rde es Jahrhunderte dauern, sie wieder zu entwickeln, wie es Jahrhunderte gedauert hat, sie zum ersten Mal zu entwickeln. Technische B├╝cher w├Ąren dann kaum mehr zu finden. Eine industrielle Gesellschaft ganz von vorne und ohne Hilfe von au├čen aufzubauen, kann nur stufenweise geschehen: Man braucht dazu Werkzeuge, um Werkzeuge herzustellen, um damit wiederum Werkzeuge herzustellen … ein langer Prozess wirtschaftlicher Entwicklung und des Fortschritts in der gesellschaftlichen Organisation w├Ąre erforderlich. Und selbst ohne eine technologiefeindliche Ideologie besteht kein Grund zu der Annahme, irgendjemand h├Ątte an einer Wiederherstellung der industriellen Gesellschaft Interesse. Die Begeisterung f├╝r den ┬╗Fortschritt┬ź ist eine besondere Erscheinung der modernen Gesellschaftsform und scheint vor dem 17. Jahrhundert nicht existiert zu haben.

211. Im sp├Ąten Mittelalter gab es vier Hauptzivilisationen, die ungef├Ąhr gleich ┬╗fortgeschritten┬ź waren: Europa, die Islamische Welt, Indien und der Feme Osten (China, Japan, Korea). Drei dieser Zivilisationen blieben mehr oder weniger unver├Ąndert, nur Europa entwickelte sich dynamisch. Niemand kann erkl├Ąren, warum Europa in dieser Zeit eine solche Dynamik entwickelte; Historiker haben dar├╝ber Theorien entwickelt, die aber nur Spekulation sind. Auf jeden Fall wird deutlich, dass eine schnelle Entwicklung zu einer technologischen Gesellschaft nur unter besonderen Bedingungen stattfindet. Deshalb gibt es keinen Grund anzunehmen, ein lang andauernder technologischer R├╝ckschritt w├Ąre undenkbar.

212. K├Ânnte sich die Gesellschaft aber IRGENDWANN erneut in die Richtung einer industriell-technologischen Form entwickeln? Vielleicht, aber das ist kein Grund zur Sorge, da wir die Ereignisse der n├Ąchsten 500 oder 1000 Jahre sowieso nicht voraussehen und kontrollieren k├Ânnen. Diese Probleme m├╝ssen dann von den Menschen gel├Âst werden, die in dieser Zeit leben.

DIE GEFAHR DER LINKSGERICHTETEN IDEOLOGIE

213. Weil Linke und andere Menschen dieses psychologischen Typus das Bed├╝rfnis nach Auflehnung und Zugeh├Ârigkeit zu einer Bewegung haben, sind sie h├Ąufig von rebellischen und militanten Bewegungen angezogen, deren Ziele urspr├╝nglich nicht linksgerichtet sind. Der Zustrom von Linken in eine nicht linksgerichtete Bewegung kann leicht dazu f├╝hren, dass sie in eine linke Bewegung verwandelt wird und damit linke Ziele die eigentlichen Ziele der Bewegung ersetzen oder verdrehen.

214. Um das zu verhindern, muss eine Bewegung, die sich f├╝r die Natur und gegen Technologie einsetzt, eine nachdr├╝cklich antilinke Position einnehmen und jede Zusammenarbeit mit Linken vermeiden. Linksgerichtete Ideologie ist auf die Dauer unvereinbar mit urspr├╝nglicher Natur, menschlicher Freiheit und der Zerst├Ârung moderner Technologie. Linksgerichtete Ideologie ist kollektivistisch, sie versucht die ganze Welt (sowohl die Natur als auch die Menschheit) zu einem einheitlichen Ganzen zu verbinden. Aber das erfordert die Verwaltung von Natur und menschlichem Leben durch eine organisierte Gesellschaft, und es erfordert eine fortgeschrittene Technologie. Man kann ohne schnelle Verkehrssysteme und Kommunikation die Welt nicht vereinheitlichen; man kann ohne die Anwendung hoch entwickelter psychologischer Techniken die Menschen nicht dazu bringen, einander zu lieben; man kann ohne technologische Grundlage keine ┬╗geplante Gesellschaft┬ź errichten. Vor allem aber liegt der Antrieb der Linken in ihrem Streben nach Macht auf kollektiver Basis, durch Identifikation mit einer Massenbewegung oder einer Organisation. Die linksgerichtete Ideologie wird niemals auf Technologie verzichten, weil Technologie eine zu wertvolle Quelle kollektiver Macht bedeutet.

215. Auch der Anarchist strebt nach Macht, aber er versucht sie als individuelle Pers├Ânlichkeit oder kleine Gruppe zu erlangen; er will, dass der Einzelne und kleine Gemeinschaften in der Lage sind, ihre eigenen Lebensumst├Ąnde zu kontrollieren. Seine antitechnologische Haltung resultiert aus der Erkenntnis, dass Technologie kleine Gemeinschaften von gro├čen Organisationen abh├Ąngig macht.

216. Manche Linke wenden sich scheinbar gegen Technologie, aber sie sind nur solange dagegen, wie sie selbst Au├čenseiter sind und das technologische System von Nichtlinken kontrolliert wird. Sollte aber die linksgerichtete Ideologie jemals eine f├╝hrende Rolle in der Gesellschaft ├╝bernehmen, sodass das technologische System nun ein Werkzeug in den H├Ąnden der Linken w├Ąre, w├╝rden sie begeistert Gebrauch davon machen und seine Entwicklung f├Ârdern. So w├╝rde sich ein Muster wiederholen, das linksgerichtete Ideologie in der Vergangenheit immer wieder gezeigt hat. Solange die Bolschewisten in Russland Au├čenseiter waren, bek├Ąmpften sie energisch die Zensur und Geheimpolizei, setzten sich f├╝r Selbstbestimmung ethnischer Minderheiten ein usw.; aber sobald sie selbst an die Macht kamen, f├╝hrten sie eine strengere Zensur ein und schufen eine unbarmherzigere Geheimpolizei, als unter dem Zaren existiert hatte, und sie unterdr├╝ckten die ethnischen Minderheiten mindestens so stark wie zur Zarenzeit. Als in den Vereinigten Staaten vor ein paar Jahrzehnten die Linken eine Minderheit an den Universit├Ąten waren, waren linksgerichtete Professoren eifrige Verfechter der akademischen Freiheit, aber heute nehmen sie an den Universit├Ąten, an denen Linke dominieren, je dem anderen die akademische Freiheit. (Das bedeutet ┬╗political correctness┬ź.) Dasselbe w├╝rde mit Linken und Technologie geschehen: Wenn sie sie je unter ihre Kontrolle bringen, w├╝rden sie sie benutzen, um jeden anderen zu unterdr├╝cken.

217. In fr├╝heren Revolutionen haben die besonders machtgierigen Linken wiederholt zuerst mit den nicht linksgerichteten Revolution├Ąren zusammengearbeitet, genauso wie mit Linken libert├Ąrer Ausrichtung, und sp├Ąter haben sie dann ein falsches Spiel getrieben, um die alleinige Macht an sich zu rei├čen. Robespierre in der Franz├Âsischen Revolution, die Bolschewisten in der Russischen Revolution, die Kommunisten in Spanien 1938 und Castro und seine Anh├Ąnger in Kuba. Betrachtet man die Geschichte der Linken, w├Ąren nicht linksgerichtete Revolution├Ąre dumm, wenn sie heute mit den Linken Zusammenarbeiten w├╝rden.

218. Verschiedene Denker haben darauf hingewiesen, dass linksgerichtete Ideologie eine Art von Religion ist. Sie ist keine Religion im eigentlichen Sinn, weil die linksgerichtete Lehre nicht die Existenz eines ├╝bernat├╝rlichen Seins postuliert. Aber f├╝r den Linken hat die linksgerichtete Ideologie psychologisch eine ├Ąhnliche Bedeutung wie die Religion f├╝r andere Menschen. Der Linke MUSS an linksgerichtete Ideologie glauben, das spielt f├╝r sein psychologisches Gleichgewicht eine lebenswichtige Rolle. Seine Glaubensvorstellungen k├Ânnen durch Logik oder Tatsachen nicht leicht ver├Ąndert werden. Er ist der tiefen ├ťberzeugung, dass linksgerichtete Ideologie moralisch Richtig ist, mit einem gro├čgeschriebenen R, und dass er nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, an alles die Ma├čst├Ąbe der linksgerichteten Moral zu setzen. (Viele, die wir hier ┬╗Linke┬ź nennen, sehen sich selbst nicht als Linke an und w├╝rden ihr Glaubenssystem nicht als linksgerichtete Ideologie beschreiben. Wir benutzen den Begriff ┬╗linksgerichtete Ideologie┬ź, weil wir keinen besseren Ausdruck gefunden haben, um das Spektrum der einander verwandten Ansichten zu bezeichnen, die die feministische, Schwulen-, ┬╗p.c.┬ź-Bewegungen u.├ä. einschlie├čen, und auch weil diese Bewegungen eine starke Verbundenheit zur alten Linken haben (vgl. Abschnitte 227-230).

219. Linksgerichtete Ideologie ist eine totalit├Ąre Kraft. Wo immer linksgerichtete Ideologie die Macht erlangt hat, versucht sie jeden Winkel der Privatsph├Ąre zu durchdringen und jeden Gedanken in ein linksgerichtetes Schema zu pressen. Das hat teilweise mit dem quasi-religi├Âsen Charakter der linksgerichteten Ideologie zu tun: Alles, was der linksgerichteten Ideologie entgegensteht, ist S├╝nde. Vor allem aber aufgrund des Machtstrebens der Linken ist linksgerichtete Ideologie eine totalit├Ąre Kraft. Der Linke sucht sein Bed├╝rfnis nach Macht durch Identifikation mit einer gesellschaftlichen Bewegung zu befriedigen, und er versucht den power process dadurch zu durchlaufen, dass er mithilft, die Ziele der Bewegung zu verfolgen und zu erreichen (vgl. Abschnitt 83). Aber ganz gleich, wie viele Ziele die Bewegung schon erreicht hat, der Linke wird niemals zufrieden sein, weil seine Aktivit├Ąten Ersatzhandlungen sind (vgl. Abschnitt 41). Das bedeutet, die wirklichen Motive des Linken liegen nicht im Erreichen der angeblichen Ziele der linksgerichteten Ideologie; in Wirklichkeit ist er durch das Machtgef├╝hl motiviert, das er empfindet, wenn er f├╝r ein gesellschaftliches Ziel k├Ąmpft und dieses erreicht. Infolgedessen ist der Linke niemals mit den Zielen zufrieden, die er erreicht hat; er braucht f├╝r den power process immer neue Ziele. Der Linke fordert Chancengleichheit f├╝r Minderheiten. Hat er diese erreicht, besteht er auf statistischer Verteilung der Leistungen der Minderheiten. Und solange irgendjemand verd├Ąchtig ist, eine negative Haltung gegen├╝ber Minderheiten zu hegen, muss der Linke ihn umerziehen. Und ethnische Minderheiten sind nicht genug; es darf auch niemand eine negative Haltung gegen├╝ber Homosexuellen, Behinderten, fetten, alten, h├Ąsslichen Menschen usw. usw. einnehmen. So gen├╝gt es nicht, die ├ľffentlichkeit ├╝ber die Sch├Ądlichkeit des Rauchens zu informieren; es muss au├čerdem noch eine Warnung auf jede Zigarettenpackung gestempelt werden. Dann muss man Zigarettenreklame einschr├Ąnken, wenn nicht sogar verbieten. Die Aktivisten werden sich damit nicht zufrieden geben, bis Tabak ├╝berhaupt verboten sein wird, und danach kommt der Alkohol dran, dann Fast Food usw. Aktivisten haben gegen schwere Kindesmisshandlung gek├Ąmpft, was verst├Ąndlich war. Aber jetzt wollen sie jeden Klaps verbieten. Wenn sie damit fertig sind, werden sie etwas anderes verbieten lassen wollen, das ihnen ungesund erscheint, und danach wieder etwas anderes. Sie werden sich niemals zufrieden geben, bis sie die Kontrolle ├╝ber die gesamte Kindererziehung haben. Und danach werden sie sich eine andere Sache vornehmen.

220. Nehmen wir an, man w├╝rde Linke auffordem, eine Liste ALLER Dinge anzufertigen, die ihrer Meinung nach in der Gesellschaft falsch sind, und JEDE ├änderung durchf├╝hren, die sie fordern. Dann k├Ânnte man mit Sicherheit sagen, dass die Mehrheit der Linken ein paar Jahre sp├Ąter wieder etwas findet, wor├╝ber sie sich beschweren k├Ânnte, ein neues soziales ┬╗├ťbel┬ź, das behoben werden muss; denn, noch einmal, es geht dem Linken weniger um Missst├Ąnde in der Gesellschaft als um das Bed├╝rfnis, seinen Machttrieb zu befriedigen, indem er der Gesellschaft seine L├Âsungen aufzwingt.

221. Wegen der Einschr├Ąnkungen, die sie ihren Gedanken und ihrem Verhalten auferlegen, k├Ânnen viele ├╝berangepasste Linke ihren Machttrieb nicht wie andere Menschen verfolgen. Ihr Machtstreben findet deshalb ein moralisch akzeptables Ventil nur im Kampf f├╝r die Verbreitung ihrer Moralvorstellungen.

222. Linke, insbesondere die ├╝berangepassten Linken, sind wahre Gl├Ąubige oder Fanatiker im Sinne des Buches von Eric Hoffer, The True Believer (auf deutsch Der Fanatiker). Aber nicht alle Fanatiker haben das gleiche Psychogramm wie die Linken. Vermutlich unterscheidet sich ein fanatischer Nazi psychologisch stark von einem fanatischen Linken. Wegen ihrer F├Ąhigkeit zur unbeirrbaren Hingabe an eine Sache sind Fanatiker f├╝r jede revolution├Ąre Bewegung n├╝tzlich, vielleicht sogar notwendig. Dies wirft ein Problem auf, das wir zugegebenerma├čen nicht l├Âsen k├Ânnen. Wir sind nicht sicher, wie man die Energien der Fanatiker in einer Revolution gegen die Technologie nutzbar machen kann. Zum jetzigen Zeitpunkt k├Ânnen wir nur sagen, dass kein Fanatiker ein zuverl├Ąssiger Rekrut f├╝r die Revolution ist, wenn nicht sein einziges Ziel die Zerst├Ârung der Technologie ist. Hat er dagegen auch andere Ideale, dann kann es sein, dass er Technologie als ein Werkzeug gebrauchen wird, um diese anderen Ideale zu erreichen (vgl. Abschnitte 220-221).

223. Einige Leser werden vielleicht sagen: ┬╗Dieses Zeug ├╝ber linksgerichtete Ideologie ist ein ziemlicher Bl├Âdsinn. Ich kenne den und den, der ist links und weit entfernt von solch totalit├Ąren Tendenzen.┬ź Nat├╝rlich sind viele Linke, wahrscheinlich sogar die Mehrheit von ihnen, anst├Ąndige Menschen, die ehrlich glauben, die Wertvorstellungen anderer zu tolerieren (bis zu einem gewissen Punkt jedenfalls), und die keine eigenm├Ąchtigen Methoden zur Durchsetzung ihrer gesellschaftlichen Ziele anwenden wollen w├╝rden. Unsere Anmerkungen ├╝ber linksgerichtete Ideologie sollen auch nicht f├╝r jeden einzelnen Linken gelten, sondern den allgemeinen Charakter linksgerichteter Ideologie als einer Bewegung beschreiben. Und der allgemeine Charakter einer Bewegung ist nicht notwendigerweise von der zahlenm├Ą├čigen Gr├Â├čenordung derjenigen Menschen bestimmt, die dieser Bewegung angeh├Âren.

224. Die Menschen, die in den linken Bewegungen in Machtpositionen aufsteigen, sind meist Linke vom besonders machtbesessenen Typus, denn machtbesessene Menschen k├Ąmpfen am st├Ąrksten um Machtpositionen. Wenn dieser machtbesessene Typus einmal die Kontrolle ├╝ber die Bewegung erlangt hat, werden zwar viele Linke von weicherem Charakter innerlich viele Aktionen der F├╝hrer ablehnen, sich aber nicht dazu durchringen k├Ânnen, auch dagegen zu opponieren. Sie BRAUCHEN ihren Glauben an die Bewegung, und weil sie diesen Glauben nicht aufgeben k├Ânnen, folgen sie den F├╝hrern. Es stimmt, dass EINIGE Linke den Mut haben, sich den auftretenden totalit├Ąren Str├Âmungen zu widersetzen, aber meistens verlieren sie, denn die Machtbesessenen sind besser organisiert, skrupelloser und machiavellistischer, sie haben sich vorsorglich eine starke Machtgrundlage aufgebaut.

225. Diese Erscheinung hat man deutlich in Russland und anderen Staaten gesehen, in denen die Linken an der Macht waren. ├ähnlich haben die westlichen Linken vor dem Zusammenbruch des Kommunismus in der Sowjetunion diesen Staat selten kritisiert. Wenn man hartn├Ąckig fragte, gaben sie zu, dass die UdSSR viele falsche Dinge getan hat, versuchten dann aber Entschuldigungen f├╝r die Kommunisten zu finden und begannen ├╝ber die Fehler des Westens zu sprechen. Immer waren sie gegen westlichen milit├Ąrischen Widerstand gegen eine eventuelle kommunistische Aggression. So protestierten die Linken in der ganzen Welt heftig gegen die US-Milit├Ąraktionen in Vietnam, als aber die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte, taten sie nichts dergleichen. Nicht, dass sie das Vorgehen der Sowjets gebilligt h├Ątten; aber wegen ihres linken Glaubens konnten sie es nicht ertragen, sich kritisch gegen den Kommunismus zu wenden. Heute gibt es an denjenigen unserer Universit├Ąten, an denen die ┬╗political correctness┬ź herrscht, wahrscheinlich viele Linke, die pers├Ânlich gegen diese Unterdr├╝ckung der akademischen Freiheit sind, sich aber unterordnen.

226. So kann die Tatsache, dass viele Linke pers├Ânlich tolerant und nachgiebig sind, nicht verhindern, dass die linksgerichtete Ideologie als ganzes eine totalit├Ąre Richtung nimmt.

227. Unsere Diskussion ├╝ber linksgerichtete Ideologie hat eine ernsthafte Schw├Ąche. Es bleibt noch immer unklar, was wir mit dem Wort meinen. Daran k├Ânnen wir wohl nicht viel ├Ąndern. In der heutigen Zeit ist linksgerichtete Ideologie in ein ganzes Spektrum von aktivistischen Bewegungen aufgesplittert. Dabei sind nicht alle aktivistischen Bewegungen links, und einige dieser Bewegungen (z.B. die radikale Umweltbewegung) scheinen sowohl Pers├Ânlichkeiten vom linken Typ als auch durch und durch nicht linksgerichtete Pers├Ânlichkeiten, die wissen m├╝ssten, dass man mit Linken besser nicht zusammenarbeitet, anzuziehen. Verschiedene Typen von Linken gehen allm├Ąhlich ├╝ber in verschiedene Typen von Nichtlinken, und wir selbst h├Ątten oft Schwierigkeiten zu entscheiden, ob eine bestimmte Person als Linker bezeichnet werden kann oder nicht. Soweit eine Definition also ├╝berhaupt m├Âglich ist, ist unser Konzept der linksgerichteten Ideologie hier dargestellt und wir k├Ânnen dem Leser nur raten, nach seinem eigenen Urteilsverm├Âgen zu entscheiden, wer ein Linker ist.

228. Es kann aber hilfreich sein, einige Kriterien an die Hand zu geben, um linksgerichtete Ideologie diagnostizieren zu k├Ânnen. Diese Merkmale m├╝ssen nicht strikt und immer auftreten. Auf einige Personen werden einige dieser Merkmale zutreffen, ohne dass sie Linke sind; daf├╝r werden sie einigen Linken fehlen. Man sollte also nach eigenem Ermessen urteilen.

229. Der Linke ist auf weitreichenden Kollektivismus ausgerichtet. Er betont die Pflicht des Einzelnen, der Gesellschaft zu dienen und die Pflicht der Gesellschaft, f├╝r den Einzelnen zu sorgen. Im Individualismus sieht er etwas Negatives. Er nimmt gerne einen moralisierenden Ton an. Er ist im Allgemeinen f├╝r Kontrolle von Waffen, sexuelle Aufkl├Ąrung und andere psychologisch ┬╗aufgekl├Ąrte┬ź Erziehungsmethoden, f├╝r Gesellschaftsplanung, f├╝r gezielte F├Ârderung von Minderheiten, f├╝r Multikulturalismus. Er neigt dazu, sich mit Opfern zu identifizieren. Er ist gegen Wettbewerb und gegen Gewalt, aber er findet meist Entschuldigungen f├╝r die Linken, die Gewalt an wenden. Er benutzt gerne allgemeine Schlagw├Ârter der Linken wie ┬╗Rassismus┬ź, ┬╗Sexismus┬ź, ┬╗Homophobie┬ź, ┬╗Kapitalismus┬ź, ┬╗Imperialismus┬ź, ┬╗Neokolonialismus┬ź, ┬╗Genozid┬ź, ┬╗gesellschaftliche Ver├Ąnderungen┬ź, ┬╗soziale Gerechtigkeit┬ź, ┬╗gesellschaftliche Verantwortung┬ź. Am besten kann man linksgerichtete Ideologie vielleicht an ihrer Neigung erkennen, mit den folgenden Bewegungen zu sympathisieren: Feminismus, Schwulenbewegung, Bewegungen f├╝r die Rechte ethnischer Minderheiten, Political Correctness. Jeder, der stark mit ALLEN diesen Bewegungen sympathisiert, ist mit gro├čer Sicherheit ein Linker.

230. Die gef├Ąhrlicheren Linken, die Machtbesessenen, erkennt man meistens an ihrer Arroganz oder an ihrem dogmatischen Verh├Ąltnis zur Ideologie. Doch der gef├Ąhrlichste Linke ist der ├╝berangepasste Typus, der es vermeidet, verunsichernde Aggressivit├Ąt zur Schau zu stellen und sich zu seiner linksgerich teten Ideologie nicht offensiv bekennt, daf├╝r aber im Stillen und unauff├Ąllig kollektivistische Werte, ┬╗aufgekl├Ąrte┬ź psychologische Methoden der Kindererziehung, Abh├Ąngigkeit des Einzelnen von der Gesellschaft usw. f├Ârdert. Diese Krypto-Linken (wie wir sie nennen wollen) sind gewissen bourgeoisen Charakteren ├Ąhnlich, soweit es um praktische Aktionen geht, sie unterscheiden sich aber von jenen in Psychologie, Ideologie und Motivation. Der normale Bourgeois versucht, andere unter die Kontrolle des Systems zu bringen, um seine Lebensweise zu bewahren, oder einfach nur, weil er konventionell eingestellt ist. Der Krypto-Linke versucht, Menschen unter die Kontrolle des Systems zu bringen, weil er ein Fanatiker der kollektivistischen Ideologie ist. Der Krypto-Linke unterscheidet sich von dem normalen Linken des ├╝berangepassten Typus dadurch, dass seine aufr├╝hrerischen Impulse schw├Ącher sind und er zuverl├Ąssiger sozialisiert ist. Er unterscheidet sich von dem gew├Âhnlich gut sozialisierten Bourgeois dadurch, dass er innerlich einen gro├čen Mangel f├╝hlt, der ihn dazu bringt, sich einer Sache v├Âllig zu widmen und im Kollektiv aufzugehen. Und vielleicht ist sein (gut sublimiertes) Machtbed├╝rfnis st├Ąrker als das des Durchschnitts-Bourgeois.

ABSCHLUSSBEMERKUNG

231. Im Verlaufe dieser Abhandlung haben wir ungenaue Aussagen gemacht und Aussagen, die nur unter Vorbehalt und Einschr├Ąnkung gelten; und manche unserer Darstellungen m├Âgen schlicht falsch sein. Mangel an gen├╝gender Information und der Zwang zur K├╝rze machten es unm├Âglich, unsere Behauptungen genauer auszuf├╝hren und alle n├Âtigen Einschr├Ąnkungen vorzunehmen. Und in einer solchen Er├Ârterung muss man sich selbstverst├Ąndlich stark auf intuitives Ermessen verlassen, das sich mitunter als falsch erweist. Deshalb behaupten wir nicht, dass es sich in der vorliegenden Abhandlung um mehr als eine ungef├Ąhre Ann├Ąherung an die Wahrheit handelt.

232. Gleichwohl sind wir ├╝berzeugt, dass die allgemeinen Umrisse des Bildes, das wir hier gezeichnet haben, zutreffen. Nur ein m├Âglicher Schwachpunkt muss angef├╝hrt werden. Wir haben die linke Ideologie in ihrer modernen Form als ein besonderes Ph├Ąnomen unserer Zeit und als ein Symptom der St├Ârung des power process dargestellt. Es k├Ânnte aber sein, dass wir uns hier irren. ├ťberangepasste Charaktere, die zur Befriedigung ihres Machtstrebens anderen ihre eigenen moralischen Anschauungen aufzwingen wollen, gab es sicher auch schon in fr├╝heren Zeiten. Aber wir DENKEN, dass die entscheidende Rolle, die Minderwertigkeitsgef├╝hle, geringe Selbstachtung, Machtlosigkeit und Identifikation mit Opfern spielen, eine Besonderheit der modernen linksgerichteten Ideologie ist. Auch in der linken Bewegung des 19. Jahrhunderts und im fr├╝hen Christentum gab es eine Identifikation mit Opfern durch Menschen, die selbst keine Opfer waren, aber soweit wir beurteilen k├Ânnen, waren die Symptome des geringen Selbstvertrauens usw. lange nicht so offensichtlich in diesen Bewegungen, wie sie sich in der modernen linksgerichteten Ideologie ├Ąu├čern. Wir sind aber nicht in einer Position, um mit Sicherheit behaupten zu k├Ânnen, es habe keine solchen Bewegungen vor der modernen linksgerichteten Ideologie gegeben. Das ist eine bedeutende Frage, der sich die Historiker widmen sollten.

CHRONOLOGIE

26. Mai 1978, Northwestern University, Evanston, Illinois

Der Sicherheitsmann Terry Marker wird durch eine Paketbombe verletzt.

9.Mai 1979, Northwestern University, Evanston, Illinois

Der Student John G. Harris wird im Technologischen Institut der Universit├Ąt durch eine Paketbombe verletzt.

15. November 1979

Explosion einer Bombe im Frachtraum einer Boeing 727 der American Airlines. Zw├Âlf Menschen erleiden eine Rauchvergiftung.

10.Juni 1980, Lake Forest, Illinois

Der Pr├Ąsident der Fluggesellschaft United Airlines, Percy A. Wood, wird durch eine Briefbombe verletzt. Auf einem der Bombensplitter finden die Ermittler die aufgestempelten Initialen FC.

Juni 1980

Die Sondereinheit ┬╗UNABOM┬ź wird gebildet. ┬╗UN┬ź steht f├╝r ┬╗university┬ź und ┬╗A┬ź f├╝r ┬╗airline┬ź.

8. Oktober 1981, University of Utah, Salt Lake City

Eine Paketbombe wird in einem Seminarraum der Universit├Ąt entdeckt und entsch├Ąrft. Keine Verletzten.

5. Mai 1982, Vanderbilt University, Nashville, Tennessee

Janet Smith, Sekret├Ąrin der Fakult├Ąt f├╝r Computerwissenschaft, wird durch eine Paketbombe verletzt.

2.Juli 1982, University of California, Berkeley, Kalifornien

Diogenes J. Angelakos, Professor f├╝r Elektro-Ingenieurswesen und Computerwissenschaft, wird durch eine Rohrbombe verletzt.

15. Mai 1985, University of California, Berkeley, Kalifornien

Der Air-Force-Pilot und Ingenieurstudent John E. Hauser wird durch eine Bombe schwer verletzt.

13. Juni 1985, Boeing Aircraft Corp., Aubum, Washington

Eine an die Produktionsabteilung der Boeing-Flugzeugwerke adressierte Paketbombe kann entsch├Ąrft werden. Keine Verletzten.

15. November 1985, Ann Arbor, Michigan Professor James V. McConnell und sein Assistent Nicklaus Sui- no von der University of Michigan werden durch eine Paketbombe verletzt.

11. Dezember 1985, Sacramento, Kalifornien

Hugh C. Scrutton, der Besitzer eines Versandhandels f├╝r Computer, wird durch eine mit N├Ągeln gef├╝llte Bombe get├Âtet.

20. Februar 1987, Salt Lake City, Utah

Gary Wright, Besitzer eines Computergesch├Ąfts, wird durch eine Bombe verletzt. Eine Zeugin beobachtet, wie ein Mann mit Kapuze und dunkler Sonnenbrille die Bombe deponiert. Nach ihren Aussagen wird vom FBI das erste und einzige Phantombild des Unabombers angefertigt.

1987 Die Spezialeinheit UTF (Unabomber Task Force) wird verst├Ąrkt.

Sechs Jahre lang gibt es keine vom FBI dem Unabomber zugeordneten Anschl├Ąge.

22. Juni 1993, Tiburon, Kalifornien

Dr. Charles Epstein, ein Genetiker der Universit├Ąt von Kalifornien, wird durch eine Paketbombe verletzt.

24. Juni 1993, New Haven, Connecticut

Dr. David Gelernter, ein Computerexperte der Yale-Universit├Ąt, wird durch eine Paketbombe schwer verletzt.

24.Juni 1993

Die New York Times erh├Ąlt einen Brief einer bis dahin unbekannten Gruppe ┬╗FC┬ź, die darin ihre ├Âko-anarchistischen ├ťberzeugungen erl├Ąutert.

10. Dezember 1994, North Caldwell, New Jersey

Der Werbemanager Thomas Mosser wird durch eine Bombe get├Âtet.

24. April 1995

Der Computerwissenschaftler Dr. David Gelernter, die Biologen Dr. Phillip A. Sharp vom M.I.T. und Dr. Richard J. Roberts von den New England Biolabs erhalten Briefe von ┬╗FC┬ź, in denen sie zur Einstellung ihrer Forschungen aufgefordert werden. Am gleichen Tag erh├Ąlt die New York Times einen Brief von ┬╗FC┬ź, der Gr├╝nde aufz├Ąhlt, weshalb Gelernter, Epstein und Mosser als Anschlagsziele ausgew├Ąhlt wurden. Gleichzeitig bietet ┬╗FC┬ź an, die ┬╗terroristischen Aktivit├Ąten┬ź einzustellen, wenn ein von ┬╗FC┬ź verfasstes Manifest ver├Âffentlicht wird. Der Brief endet mit den Worten: ┬╗We reserve the right to engage in Sabotage.┬ź

24. April 1995, Sacramento, Kalifornien

Gilbert G. Murray, Pr├Ąsident der kalifornischen Beh├Ârde f├╝r Forstwirtschaft, wird durch eine Briefbombe get├Âtet.

27. Juni 1995

Der San Francisco Chronicle erh├Ąlt einen Brief von ┬╗FC┬ź, der die Warnung enth├Ąlt, dass ┬╗eine Terrorgruppe, vom FBI >Unabomber< genannt, in den n├Ąchsten Tagen die Zerst├Ârung eines Flugzeugs nach dem Start vom Los Angeles International Airport plant┬ź.

19. September 1995

Washington Post und New York Times publizieren zun├Ąchst in Ausz├╝gen und sp├Ąter vollst├Ąndig das 35000 Worte umfassende Manifest Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft von ┬╗FC┬ź.

Februar 1996

David Kaczynski nimmt auf Dr├Ąngen seiner Frau Kontakt mit dem FBI auf und gibt den Verdacht zu Protokoll, dass sein Bruder Ted der Autor des Manifests sein k├Ânnte.

3. April 1996

Ted Kaczynski wird von FBI-Agenten in seiner H├╝tte in Lincoln, Montana, verhaftet.

22. Januar 1998

Vor Beginn der Gerichtsverhandlung gegen Ted Kaczynski wird von den Anw├Ąlten mit der Regierung und dem Richter ein plea bargain ausgehandelt, das Ted Kaczynski akzeptiert. Das bedeutet: viermal lebensl├Ąnglich und 30 Jahre Zuchthaus, keine Einweisung in eine Psychiatrie, keine Todesstrafe und keine M├Âglichkeit auf Begnadigung; zus├Ątzlich Zahlung von 15.026.000 $ an die Hinterbliebenen und Familien der Opfer.

LEBENSLAUF THEODORE JOHN KACZYNSKI

22. Mai 1942 Theodore John Kaczynski wird in Chicago (111.) geboren. Seine Mutter Theresa (Wanda) Dombeck Kaczynski ist Lehrerin, sein Vater Theodore Richard Kaczynski ist Metzger. 1990 begeht der Vater Selbstmord.

1958 Ted Kaczynski beginnt als 16-J├Ąhriger das Studium der Mathematik an der Harvard-Universit├Ąt, das er 1962 mit dem ┬╗Bachelor of Arts┬ź abschlie├čt.

1959 Versuchsperson f├╝r eine Studie des Psychologen Prof. H. A. Murray am Institut f├╝r Soziale Beziehungen der HarvardUniversit├Ąt.

1963-1967 Fortsetzung des Studiums an der Universit├Ąt von Michigan in Ann Arbor. Abschluss mit dem ┬╗Master of Arts┬ź und Promotion. Sp├Ąteren FBI-Berichten zufolge ┬╗erste psychiatrische Konsultationen und Pl├Ąne f├╝r ein Leben in den W├Ąldern abseits der Zivilisation┬ź.

1967-1969 Assistenzprofessor am Department of Mathematics der Universit├Ąt von Kalifornien in Berkeley.

1969 Ted Kaczynski k├╝ndigt seine Professur. Gelegenheitsjobs als Lagerarbeiter. Reist mit seinem Bruder David nach Kanada, um ein St├╝ck Land f├╝r den gemeinsam geplanten Ausstieg zu suchen.

1970 Ted Kaczynski schickt einige Texte zu den Themen ┬╗Technologie und Freiheit┬ź an Zeitungen in Chicago und ├╝berregionale Magazine. Keiner der Texte wird ver├Âffentlicht. Liest die B├╝cher Die technologische Gesellschaft und Autopsie einer Revolution des franz├Âsischen Autors Jacques Ellul, die ihn stark beeinflussen. Ablehnung des Kaufgesuchs f├╝r das Grundst├╝ck in Kanada. Ted Kaczynski ist arbeitslos und lebt von der Unterst├╝tzung durch seine Familie.

19. Juni 1971 Clifford Gehring Senior verpachtet ein kleines Landst├╝ck in Lincoln, Montana, an Ted und David Kaczynski.

1972-1973 Ted Kaczynski baut sich auf dem gepachteten Landst├╝ck eine H├╝tte. Mit einem Gewehr geht er auf die Jagd, stellt Fallen auf, mit denen er Hasen f├Ąngt, und zieht in einem kleinen Garten M├Âhren und Kartoffeln. Er kartografiert bei seinen ausgedehnten Wanderungen die Landschaft und protokolliert auf ├╝ber 24000 Seiten seinen Alltag und Experimente verschiedenster Art. Viel Zeit verbringt er in der Bibliothek von Lincoln. Die Bibliothekarin Sherri Wood z├Ąhlt ihn zu ihren Stammkunden und besorgt ihm per Fernleihe auch seltene Fachliteratur.

Nach Aussagen seiner Nachbarn Chris Waits und Butch Gehring beginnt er Mitte der 70er Jahre, mit Explosivstoffen zu experimentieren.

1973 Gelegenheitsjob in Salt Lake City.

1988 Ted Kaczynski beginnt eine umfangreiche Korrespondenz mit dem mexikanischen Landarbeiter Juan S├Ąnchez Areola, einem illegalen Immigranten. Ber├Ąt Areola auch bei verschiedenen juristischen Problemen.

3.April 1996 Ted Kaczynski wird von FBI-Agenten in seiner H├╝tte verhaftet. Nach sp├Ąteren Angaben der Staatsanwaltschaft finden die Ermittler bei der Durchsuchung der H├╝tte zahlreiches Belastungsmaterial: zum Bombenbau geeignete Z├╝nder, Batterien und Kabel, eine funktionsf├Ąhige Bombe und codierte Notizb├╝cher, in denen Ted Kaczynski angeblich den Wunsch ├Ąu├čert, jemanden zu t├Âten und sich an der Gesellschaft zu r├Ąchen. Vor allem diese Textstellen geh├Âren sp├Ąter zu den Kaczynski am meisten belastenden Indizien der Staatsanwaltschaft.

18. Juni 1996 Ted Kaczynski wird in Sacramento wegen der Morde an Scrutton und Murray und der Anschl├Ąge auf Epstein und Gelernter und sp├Ąter in New Jersey wegen des Mordes an Thomas J. Mosser angeklagt.

25. Juni 1996 Ted Kaczynski bezeichnet sich als nichtschuldig im Sinne der Anklage.

15. Mai 1997 Nach Presseberichten fordert die US-Justizministerin Janet Reno die Todesstrafe f├╝r Ted Kaczynski, die Clinton-Regierung sei ┬╗tough on terrorists┬ź.

12. November 1997 Nach Medienberichten Aufnahme von Gespr├Ąchen ├╝ber ein plea bargain (eine US-spezifische Form der Absprache zwischen Anklage und Verteidigung, um das Verfahren abk├╝rzen oder um zu einem Ergebnis kommen zu k├Ânnen, wenn dessen Zustandekommen auf Grund mangelnder Beweislage oder anderer Gr├╝nde schwierig oder unm├Âglich erscheint) .

5. Dezember 1997 Ted Kaczynskis H├╝tte wird von der Verteidigung als Beweisst├╝ck f├╝r seine Geisteskrankheit nach Sacramento gebracht.

22. Dezember 1997 Meinungsverschiedenheiten zwischen Ted Kaczynski und seinen Pflichtverteidigern ├╝ber die Prozessstrategie.

5. Januar 1998 Der Prozessbeginn wird mehrfach verschoben, weil Ted Kaczynski gegen die Strategie seiner Verteidiger protestiert, die versuchen, ihn als geisteskrank darzustellen. Er will in einem politischen Prozess den Gerichtssaal als B├╝hne f├╝r seine Anschauungen nutzen.

7.Januar 1998 Ted Kaczynski schl├Ągt den linksliberalen kalifornischen Staranwalt J. Toni Serra als neuen Verteidiger vor, der bereit ist, das Mandat ohne Honorar zu ├╝bernehmen. Die Staatsanwaltschaft und der Richter lehnen den Wechsel der Verteidigung als zu sp├Ąt und als Prozessverz├Âgerung ab.

In der darauf folgenden Nacht unternimmt Ted Kaczynski nach TV-Berichten einen Selbstmordversuch in seiner Zelle im Untersuchungsgef├Ąngnis von Sacramento.

8.Januar 1998 Ted Kaczynski verlangt vom Richter, sich selbst verteidigen zu d├╝rfen.

9.Januar 1998 Richter Garland D. Burell ordnet eine psychiatrische Untersuchung Ted Kaczynskis an, um dessen F├Ąhigkeit feststellen zu lassen, sich selbst zu verteidigen. Die Untersuchung f├╝hrt Dr. Sally Johnson durch, eine forensische Psychiaterin beim U.S. Bureau of Prisons.

17. Januar 1998 Das Gutachten der Psychiater attestiert Ted Kaczynski paranoide Verhaltensst├Ârungen und Schizophrenie, aber auch die F├Ąhigkeit, sich selbst verteidigen zu k├Ânnen. Das Gutachten steht kurze Zeit sp├Ąter im Internet und wird in den Medien ausgiebig kommentiert.

22. Januar 1998 Richter Burell lehnt Kaczynskis Bitte ab, sich selbst verteidigen zu d├╝rfen und ordnet an, dass Kaczynski den Prozess mit seinen bisherigen Verteidigern fortsetzen muss. Hinter verschlossenen T├╝ren kommt es nun zu intensiven Gespr├Ąchen ├╝ber ein plea bargain, das Kaczynski akzeptiert. Damit bekennt er sich schuldig im Sinne der Anklage, es erfolgt aber keine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt und kein Vollzug der Todesstrafe.

4.Mai 1998 Ted Kaczynski wird zu viermal lebensl├Ąnglich und zus├Ątzlich 30 Jahren Zuchthaus verurteilt, unter Ausschluss der M├Âglichkeit auf Begnadigung. Er wird in das Hochsicherheitsgef├Ąngnis von Florence (Colorado) ├╝berf├╝hrt.

17. August 2001 Sein Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens wird endg├╝ltig abgelehnt.

Die Folgen dieser neuen Organisationsform wurden um 1900 sichtbar, als 76% der inzwischen 2.805.346 Einwohner von Massachusetts St├Ądter waren. Gewaltt├Ątiges oder ungew├Âhnliches Verhalten, das in einer ungezwungenen, unabh├Ąngigen Gesellschaft toleriert werden konnte, war in der formelleren, kooperativen Atmosph├Ąre der sp├Ąteren Zeit nicht mehr tragbar. … Die Verst├Ądterung hatte, kurz gesagt, eine Generation hervorgebracht, die f├╝gsamer, st├Ąrker sozialisiert und >zivilisierter< war als ihre Vorfahren.┬ź

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[1] Im Original werden hier die Ausdr├╝cke ┬╗leftism┬ź bzw. ┬╗leftist┬ź in einem besonderen, im folgenden er├Ârterten Verst├Ąndnis des Begriffs verwendet. Das Substantiv ┬╗leftist┬ź wird im Folgenden der K├╝rze wegen mit ┬╗Linker┬ź ├╝bersetzt, das Adjektiv ┬╗leftist┬ź mit ┬╗linksgerichtet┬ź. Anm. d. ├ť.

[2] Wir behaupten nicht, dass ALLE, ja noch nicht einmal die meisten, R├╝pel und r├╝cksichtslosen Konkurrenten an Minderwertigkeitsgef├╝hlen leiden.

[3] Im viktorianischen Zeitalter litten viele ├╝berangepasste Menschen an ernsthaften psychischen Problemen, weil sie ihren Sexualtrieb unterdr├╝ckten oder zu unterdr├╝cken versuchten. Freud hat offensichtlich seine Theorien an Menschen von diesem Typ entwickelt. Heute hat sich der Fokus der Sozialisation von der Sexualit├Ąt zur Aggressivit├Ąt verschoben.

[4] Nicht unbedingt eingeschlossen hoch spezialisierte Ingenieure oder Vertreter der ┬╗reinen┬ź Wissenschaften

[5] Es gibt viele Individuen aus der Mittel- und Oberschicht, die einige dieser Werte ablehnen, aber im Allgemeinen ist ihre Ablehnung mehr oder weniger bedeckt. Solche Ablehnung erscheint in den Massenmedien nur in sehr geringem Ma├če. Der Tenor der Propaganda in unserer Gesellschaft ist zugunsten der genannten Werte.
Der Hauptgrund, aus dem diese Werte sozusagen die offiziellen Werte unserer Gesellschaft geworden sind, liegt darin, dass sie f├╝r das industrielle System n├╝tzlich sind. Gewalt wird verurteilt, weil sie das Funktionieren des Systems st├Âren w├╝rde. Rassismus wird verurteilt, weil ethnische Konflikte ebenfalls das System st├Âren und Diskriminierung die Talente von Angeh├Ârigen von Minderheitengruppen verschwendet, die dem System n├╝tzlich sein k├Ânnen. Armut muss ┬╗geheilt┬ź werden, weil die unteren Klassen dem System Probleme bereiten und der Kontakt mit ihnen die Moral der anderen Klassen schw├Ącht. Frauen werden in der Arbeitswelt unterst├╝tzt, weil ihre Begabungen dem System n├╝tzen und vor allem, weil Frauen mit fester Arbeit besser in das System direkt eingebunden werden anstatt nur ├╝ber ihre Familien. Dies schw├Ącht die famili├Ąre Solidarit├Ąt. (Die F├╝hrer des Systems behaupten, sie wollen die Familie st├Ąrken, aber tats├Ąchlich wollen sie die Familie nur als effizientes Werkzeug zur Sozialisation der Kinder im Sinne des Bedarfs der Gesellschaft nutzen. Wir behaupten in den Abschnitten 51 und 52, dass sich das System nicht leisten kann, die Familie oder andere kleine soziale Gruppen stark und autonom werden zu lassen.)

[6] Was genau mit power process gemeint ist, wird im Folgenden erl├Ąutert. Es ist sowohl eine Art Trieb zur als auch eine Art Prozess der Selbstverwirklichung, weil aber die Macht (power) eine signifikante Rolle dabei spielt, soll der Begriff im englischen Original stehen bleiben. Anm. d. ├ť.

[7] Man kann ein wenden, dass die Mehrheit der Menschen keine eigenen Entscheidungen treffen will, sondern F├╝hrer w├╝nscht, die ihr das Denken abnehmen. Es gibt ein K├Ârnchen Wahrheit in diesem Ein wand. Menschen treffen gerne ihre eigenen Entscheidungen in kleinen Dingen, aber Entscheidungen in schwierigen, grundlegenden Fragen erfordern Auseinandersetzungen bis hin zu psychologischen Konflikten. Also verlassen sie sich bei schwierigen Entscheidungen lieber auf andere. Aber daraus folgt nicht, dass sie sich gerne Entscheidungen aufst├╝lpen lassen ohne die Gelegenheit, diese irgendwie zu beeinflussen. Die meisten Menschen sind geborene Mitl├Ąufer, nicht F├╝hrer, aber sie m├Âchten direkten pers├Ânlichen Zugang zu den F├╝hrern haben, sie wollen die F├╝hrer beeinflussen k├Ânnen und in gewissem Ma├če sogar an den schwierigen Entscheidungen teilhaben. Mindestens zu diesem Grad brauchen auch sie Autonomie.

[8] Manche dieser Symptome ├Ąhneln denen von Tieren in K├Ąfighaltung.

[9] Eine Ausnahme stellen einige passive, nach innen gerichtete Gruppen dar wie die Amish, die kaum Auswirkungen auf die gr├Â├čere Gesellschaft haben. Au├čer diesen existieren heute noch ein paar echte kleinere Gemeinschaften in Amerika. Zum Beispiel Jugendbanden und ┬╗Sekten┬ź. Jeder h├Ąlt sie f├╝r gef├Ąhrlich, und das sind sie auch, weil die Mitglieder dieser Gruppen prim├Ąr zueinander loyal sind anstatt zum System, also kann das System sie nicht kontrollieren.
Oder nehmen wir die Zigeuner. Im Allgemeinen werden Zigeuner f├╝r Diebstahl und Betrug nicht bestraft, weil ihre Loyalit├Ąten so geartet sind, dass sich immer andere Zigeuner finden werden, die durch ihre Aussage die Unschuld der ersten ┬╗beweisen┬ź. Ganz offensichtlich w├Ąre das System in ernster Gefahr, wenn zu viele Menschen solchen Gruppen angeh├Ârten.
Einige chinesische Philosophen des fr├╝hen zwanzigsten Jahrhunderts erkannten, dass die Modernisierung Chinas es erfordern w├╝rde, kleine soziale Gemeinschaften wie die Familie zu zerst├Âren: ┬╗(Nach Sun Yat-sen) brauchte das chinesische Volk eine neue Welle des Patriotismus, die zu einer Verschiebung der Loyalit├Ąten von der Familie zum Staat f├╝hren w├╝rde. […] (Nach Li Huang) mussten traditionelle Bindungen, besonders in der Familie, aufgegeben werden, wenn sich in China Nationalismus entwickeln sollte.┬ź [Chester C. Tan, Chinese Political Thought in the Twentieth Century, p.124, p.297]

[10] Es ist uns bewusst, dass das Amerika des 19. Jahrhunderts seine ernsten Probleme hatte, aber um der K├╝rze willen m├╝ssen wir vereinfachen.

[11] Wir vernachl├Ąssigen die ┬╗Unterschicht┬ź. Wir sprechen vom Mainstream.

[12] Einige Soziologen, P├Ądagogen, Psychologen und dergleichen versuchen angestrengt, diese sozialen Triebe in die erste Gruppe zu verschieben, damit m├Âglichst jeder ein zufriedenstellendes Sozialleben hat.

[13] Ist das Bed├╝rfnis nach unbegrenztem Erwerb materieller G├╝ter wirklich ein durch die Werbe- und Marketingindustrie k├╝nstlich geschaffenes? Mit Sicherheit gibt es keinen angeborenen Trieb, Verm├Âgen anzuh├Ąufen. Es hat viele Kulturen gegeben, deren V├Âlker nur einen geringf├╝gig ├╝ber das absolut Lebensnotwendige hinausgehenden materiellen Wohlstand anstrebten (australische Aborigines, traditionelle mexikanische Bauemkulturen, einige afrikanische Kulturen). Andererseits hat es auch viele vorindustrielle Kulturen gegeben, in denen materieller Reichtum eine wichtige Rolle spielte. Wir k├Ânnen deshalb nicht behaupten, dass die heutige erwerbsorientierte Kultur ausschlie├člich eine Sch├Âpfung der Werbe- und Marketingindustrie w├Ąre. Dennoch ist offensichtlieh, dass die Werbe- und Marketingindustrie einen bedeutenden Anteil an der Schaffung dieser Kultur hatte. Die gro├čen Unternehmen, die Millionen f├╝r Reklame ausgeben, w├╝rden dies kaum tun, wenn es nicht erwiesen w├Ąre, dass sie dieses Geld durch erh├Âhte Verk├Ąufe wieder einnehmen. Ein Mitglied von FC hat vor einigen Jahren einen Verkaufsmanager getroffen, der ihm offen und ehrlich erkl├Ąrte: ┬╗Unser Job ist es, den Leuten Sachen aufzuschwatzen, die sie weder w├╝nschen noch brauchen.┬ź Dann beschrieb er, wie unge├╝bte Verk├Ąufer jemandem die tats├Ąchlichen Eigenschaften eines Produkts erl├Ąutern und damit gar keine Verk├Ąufe machen, w├Ąhrend erfahrene und professionelle Verk├Ąufer denselben Kunden eine Menge Waren verkaufen k├Ânnen. Dies zeigt, dass die Menschen dahingehend manipuliert werden, Waren zu kaufen, die sie nicht wirklich wollen.

[14] Das Problem der Ziellosigkeit scheint seit Mitte der 1990er Jahre an Bedeutung verloren zu haben, weil sich die Menschen heute physisch und ├Âkonomisch weniger abgesichert f├╝hlen als fr├╝her und das Bed├╝rfnis nach Sicherheit bietet ihnen ein Ziel. Aber statt der Ziellosigkeit ist jetzt die Frustration ├╝ber die Schwierigkeit, Sicherheit zu erlangen, das Problem. Wir betonen das Problem der Ziellosigkeit, weil Linke unsere sozialen Probleme dadurch l├Âsen wollen, dass die Gesellschaft jedem Sicherheit garantiert; aber selbst wenn das m├Âglich w├Ąre, w├╝rde das alte Problem der Ziellosigkeit wieder auftreten. Die Frage ist nicht, ob die Gesellschaft gut oder schlecht f├╝r die Sicherheit der Menschen sorgt; sondern das Problem liegt darin, dass die Menschen f├╝r ihre Sicherheit vom System abh├Ąngen und sie nicht in ihrer Hand liegt. Dies ist ├╝brigens ein Grund daf├╝r, dass sich manche Menschen so stark f├╝r das Recht, Waffen zu tragen, einsetzen; der Besitz eines Gewehrs vermittelt ihnen das Gef├╝hl, wenigstens dieser Teil der Sicherheit liege in ihrer Hand.

[15] Die Bem├╝hungen der Konservativen, die staatlichen Reglementierungen zu reduzieren, haben kaum Auswirkungen auf Durchschnittsb├╝rger. Zum einen kann nur ein Bruchteil der Bestimmungen aufgehoben werden, da die meisten unverzichtbar sind. Zum anderen betrifft die Aufhebung solcher Bestimmungen meistens Gesch├Ąftsvorg├Ąnge und nicht Einzelpersonen, sodass das Ergebnis vor allem darin besteht, dass der Regierung Macht entzogen und privaten Gro├čunternehmen gegeben wird. F├╝r den Durchschnittsb├╝rger bedeutet dies blo├č, dass Eingriffe in sein Privatleben weniger durch die Regierung, sondern durch gro├če Firmen geschehen, denen zum Beispiel erlaubt wird, mehr Chemikalien in sein Trinkwasser zu leiten und damit sein Krebsrisiko zu erh├Âhen. Die Konservativen halten den Durchschnittsb├╝rger f├╝r einen Dummkopf und nutzen seinen Zorn auf die Gro├čen in der Regierung zur Vergr├Â├čerung der Macht der Gro├čen in der Gesch├Ąftswelt.

[16] Wenn jemand den Zweck von Propaganda in einem bestimmten Fall guthei├čt, nennt er sie im Allgemeinen ┬╗Erziehung┬ź oder mit einem ├Ąhnlichen Euphemismus. Doch Propaganda bleibt Propaganda, unabh├Ąngig vom Zweck, f├╝r den sie eingesetzt wird.

[17] Siehe auch Anm. 13

[18] Wir wollen zur Panama-Invasion weder Zustimmung noch Ablehnung zum Ausdruck bringen und bringen das Beispiel nur zur Verdeutlichung unseres Punkts.

[19] 19 Als die amerikanischen Kolonien noch unter britischer Herrschaft standen, gab es weniger gesetzlich garantierte Freiheiten als nach dem Inkrafttreten der amerikanischen Verfassung, und doch gab es im vorindustriellen Amerika mehr pers├Ânliche Freiheiten, sowohl vor als auch nach dem Unabh├Ąngigkeitskrieg, als nach der Industriellen Revolution. Wir zitieren aus dem Werk Violence in America: Historical and Comparative Perspectives, hg. von Hugh Davis Graham und Ted Robert Gurr, Kapitel 12, S. 476-478, Roger Lane: ┬╗Die allm├Ąhliche Erh├Âhung der Standards gesellschaftlichen Benehmens und mit ihr die zunehmende Zuverl├Ąssigkeit der offiziellen Polizei (im Amerika des 19. Jahrhunderts) … waren der gesamten Gesellschaft gemein. … Die Ver├Ąnderung der sozialen Umgangsformen vollzieht sich so langfristig und so umfassend, dass ein Zusammenhang mit dem grundlegendsten zeitgen├Âssischen gesellschaftlichen Prozess anzunehmen ist, dem Prozess der industriellen Urbanisierung selbst. … 1835 hatte Massachusetts eine Bev├Âlkerung von etwa 660.940, davon waren 81% dort geboren und lebten in vorwiegend vorindustriellen l├Ąndlichen Gebieten. Die B├╝rger genossen betr├Ąchtliche pers├Ânliche Freiheiten. Ob sie Fuhrm├Ąnner, Farmer oder Handwerker waren, sie waren daran gew├Âhnt, ihren Tagesablauf selbst zu bestimmen, und das Wesen ihrer T├Ątigkeit machte sie voneinander unabh├Ąngig. … Pers├Ânliche Schwierigkeiten, S├╝nden, selbst Verbrechen verursachten im Allgemeinen kein gr├Â├čeres gesellschaftliches Interesse. … Doch die zweifache Bewegung in die St├Ądte und in die Fabrik, die 1835 gerade begann, verursachte sichtbare Ver├Ąnderungen des pers├Ânlichen Verhaltens, das ganze 19. Jahrhundert hindurch bis ins 20. Jahrhundert. Die Fabrik erforderte Regelm├Ą├čigkeit, das Leben wurde vom Rhythmus von Uhr und Kalender bestimmt und von den Forderungen der Vorarbeiter und Aufseher. Das Leben in enger Nachbarschaft in den St├Ądten verbat nun viele Dinge, die zuvor nichts Anst├Â├čiges hatten. Sowohl Arbeiter als auch Angestellte in gr├Â├čeren Unternehmen waren auf ihre Kollegen angewiesen; da die Arbeit des einen vom anderen abhing, die eigenen Angelegenheiten waren nicht mehr nur die eigenen.

[20] siehe auch Anm. 16

[21] Apologeten des Systems zitieren gerne F├Ąlle, in denen Wahlen durch eine oder zwei Stimmen entschieden wurden, diese F├Ąlle sind aber ├Ąu├čerst selten.

[22] ┬╗Geographische, religi├Âse und politische Unterschiede unber├╝cksichtigt, lebt heute in technisch entwickelten L├Ąndern der Mensch unter ganz verwandten Bedingungen. Der Alltag eines christlichen Bankangestellten in Chicago, eines buddhistischen in Tokio und eines kommunistischen in Moskau hat mehr Verwandtes als das Leben irgendeines der drei mit dem Leben irgendeines Mannes vor tausend Jahren. Diese Verwandtschaft ruht in der gemeinsamen Technik […].┬ź L. Sprague de Camp, The Ancient Engineers; deutsch: Ingenieure der Antike, D├╝sseldorf/Wien 1965, S. 26. Die Lebensl├Ąufe der drei Bankangestellten sind nicht IDENTISCH. Ideologie hat sicher EINIGE Auswirkungen. Aber um zu ├╝berleben, m├╝ssen sich alle technologischen Gesellschaften in einer ANN├äHERND gleichen Richtung entfalten.

[23] Man stelle sich nur vor, ein verantwortungsloser Genetiker erschaffe einen Haufen von Terroristen.

[24] Ein weiteres Beispiel unerw├╝nschter Folgen des medizinischen Fortschritts w├Ąre eine verl├Ąssliche Heilmethode gegen Krebs. Selbst wenn die Behandlung so teuer w├Ąre, dass sie nur der Elite zugute k├Ąme, w├╝rde sie den Anreiz, sich gegen den Austritt krebserregender Stoffe in die Umwelt einzusetzen, schw├Ąchen.

[25] Da es f├╝r die meisten paradox klingen mag, dass eine gro├če Anzahl von guten Sachen zu einer schlechten Sache werden kann, wollen wir diesen Punkt mit einer Analogie illustrieren. Nehmen wir an, dass A mit B Schach spielt. Dabei schaut C, ein Gro├čmeister im Schach, A ├╝ber die Schulter. Selbstverst├Ąndlich m├Âchte Adas Spiel gewinnen, wenn C ihm also einen guten Zug empfiehlt, tut er A damit einen Gefallen. Nehmen wir jetzt aber an, C empfiehlt A ALLE Z├╝ge. Dann tut er A in jedem einzelnen Moment einen Gefallen, wenn er ihm den besten Zug zeigt, aber wenn er ALLE Z├╝ge f├╝r ihn tut, dann verdirbt er das Spiel, denn es hat keinen Sinn f├╝r A, das Spiel zu spielen, wenn jemand anderes alle seine Z├╝ge macht.
Die Situation des modernen Menschen gleicht der von A. Das System erleichtert das Leben des Einzelnen auf vielerlei Weise, aber gerade dadurch beraubt es ihn der Kontrolle ├╝ber sein eigenes Schicksal.

[26] Vgl. Anm. 16

[27] Wir betrachten hier nur die Konflikte zwischen allgemein anerkannten Werten. Um der Einfachheit willen verzichten wir auf eine Darstellung von Wertvorstellungen von ┬╗Au├čenseitern┬ź wie der, dass die urspr├╝ngliche Natur generell wichtiger sei als das wirtschaftliche Wohlergehen der Menschen.

[28] Eigeninteresse bedeutet nicht immer MATERIELLES Eigeninteresse. Es kann auch um die Erf├╝llung psychischer Bed├╝rfnisse gehen, zum Beispiel die eigene Ideologie oder Religion zu f├Ârdern.

[29] Eine Einschr├Ąnkung: Es ist im Interesse des Systems, in einigen Gebieten Freiheit zu einem genau umschriebenen Grad zu gew├Ąhren. Zum Beispiel n├╝tzt ├Âkonomische Freiheit (mit angemessenen Einschr├Ąnkungen und Auflagen) erwiesenerma├čen dem Wirtschaftswachstum. Im Interest des Systems liegt aber nur geplante, fest umrissene und begrenzte Freiheit. Der Einzelne muss immer an der Leine gef├╝hrt werden, selbst wenn diese Leine manchmal lang ist. Vgl. Abschnitte 94 und 97.

[30] Wir wollen damit nicht behaupten, die Leistungsf├Ąhigkeit oder das ├ťberlebenspotenzial einer Gesellschaft st├╝nden stets in einem umgekehrten Verh├Ąltnis zum Ausma├č von Unterdr├╝ckung oder Unbehagen, dem die Gesellschaft die Menschen aussetzt. Das ist sicherlich nicht der Fall. Es gibt gute Gr├╝nde anzunehmen, dass viele primitive Gesellschaften die Menschen weniger unterdr├╝ckt haben, als es die europ├Ąische Gesellschaft getan hat, aber die europ├Ąische Gesellschaft hat sich als wesentlich leistungsf├Ąhiger als jede primitive Gesellschaft erwiesen und war aufgrund ihres technologischen Fortschritts diesen Gesellschaften immer ├╝berlegen.

[31] Wer glaubt, eine leistungsf├Ąhigere Polizei sei unzweideutig eine gute Sache, weil sie Verbrechen verhindere, sei daran erinnert, dass das, was das System als Verbrechen definiert, nicht notwendigerweise auch von einem SELBST als Verbrechen betrachtet wird. Heute ist es ein ┬╗Verbrechen┬ź, Marihuana zu konsumieren, und in einigen Staaten der USA auch der Besitz einer nichtregistrierten Handfeuerwaffe. Morgen ist vielleicht der Besitz JEGLICHER Feuerwaffe, registriert oder nicht, ein Verbrechen, und dasselbe mag f├╝r missbilligte Erziehungsmethoden wie die k├Ârperliche Z├╝chtigung gelten. In manchen L├Ąndern ist die ├äu├čerung einer abweichenden politischen Meinung ein Verbrechen, und es gibt keine Gewissheit, dass dies in den USA nicht auch passieren k├Ânnte, da keine Verfassung und kein politisches System ewig dauern.
Wenn eine Gesellschaft eine starke und m├Ąchtige Polizei braucht, dann liegt etwas in dieser Gesellschaft sehr im Argen; sie muss die Menschen stark unter Druck setzen; sie ist deshalb gen├Âtigt, Menschen unter Druck zu setzen, da sich so viele weigern, sich an die Vorschriften zu halten. In der Vergangenheit sind viele Gesellschaften ohne offizielle oder mit einer schwachen Polizei ausgekommen.

[32] Sicher hatten auch vergangene Gesellschaften Einflussm├Âglichkeiten auf menschliches Verhalten, diese waren aber verh├Ąltnism├Ą├čig primitiv und wirkungslos verglichen mit den technologischen M├Âglichkeiten, die jetzt entwickelt werden.

[33] Einige Psychologen haben ihre Geringsch├Ątzung menschlicher Freiheit allerdings ├Âffentlich bekanntgegeben. Und der Mathematiker Claude Shannon wird in Omni (August 1987) mit den Worten zitiert: ┬╗Ich sehe eine Zeit vor mir, in der wir f├╝r die Roboter sein werden, was Hunde jetzt f├╝r Menschen sind, und ich stimme f├╝r die Maschinen.┬ź

[34] Vgl. Anm. 16

[35] Das ist keine Science-Fiction! Nachdem wir den Abschnitt 154 niedergeschrieben hatten, stie├čen wir auf einen Artikel im Scientific American, demzufolge Wissenschaftler an Methoden, mit denen m├Âgliche zuk├╝nftige Verbrecher identifiziert und mit biologischen und psychologischen Mitteln behandelt werden k├Ânnen. Einige Wissenschaftler setzen sich f├╝r die obligatorische Anwendung dieser Behandlungen ein, die in n├Ąchster Zeit verf├╝gbar sein werden. (Siehe ┬╗Seeking the Criminal Element┬ź von W. Wayt Gibbs, Scientific American,, M├Ąrz 1995.) Man mag denken, dies sei schon in Ordnung, weil damit ja nur die potenziellen Gewaltverbrecher behandelt w├╝rden. Doch dort w├╝rde man sicher nicht stehen bleiben. Als n├Ąchstes w├╝rde man auf diese Weise potenzielle Alkoholiker am Steuer behandeln (die auch Menschenleben bedrohen), dann w├╝rde man sich diejenigen vornehmen, die ihre Kinder pr├╝geln, dann die Umweltsch├╝tzer, die Holzf├Ąllertransporte sabotieren, und schlie├člich jeden, dessen Verhalten nicht systemkonform ist.

[36] Ein weiterer Vorteil der Natur als Gegen-Ideal zur Technologie liegt darin, dass die Natur vielen Menschen eine Art religi├Âser Verehrung einfl├Â├čt, sodass die Natur vielleicht in religi├Âser Form angebetet werden k├Ânnte. Zwar hat die Religion in vielen Gesellschaften als Rechtfertigung und St├╝tze der etablierten Ordnung gedient, aber ebenso oft bot Religion die Basis f├╝r einen Aufstand. Es w├Ąre also von Nutzen, den Aufstand gegen die Technologie mit einem religi├Âsen Element zu versehen, umso mehr, als die westliche Gesellschaft heute keine starke religi├Âse Grundlage besitzt. Heutzutage wird die Religion entweder zur billigen und leicht zu durchschauenden Unterst├╝tzung von engstirnigem, kurzsichtigem Egoismus genutzt (einige Konservative bedienen sich ihrer auf diese Weise), oder sie wird zynisch missbraucht, um Geld damit zu machen (von vielen Predigern), oder sie ist zu krudem Irrationalismus degeneriert (bei fundamentalistischen protestantischen Sekten), oder aber sie stagniert einfach (im Katholizismus oder im gew├Âhnlichen Protestantismus). Am n├Ąchsten kommt der Vorstellung von einer starken, weit verbreiteten dynamischen Religion noch die Quasi-Religion der linksgerichteten Ideologie, die der Westen j├╝ngst erlebt hat, aber die Linke heute ist zersplittert und hat kein klares, einheitliches, begeisterndes Ziel.
Somit existiert ein religi├Âses Vakuum in unserer Gesellschaft, das man vielleicht durch eine Religion ausf├╝llen k├Ânnte, in deren Zentrum die Natur als Gegensatz zur Technologie steht. Es w├Ąre allerdings ein Irrtum, wenn man versuchen w├╝rde, eine k├╝nstliche Religion zusammenzubasteln, die diese Rolle ├╝bernimmt. Eine solche erfundene Religion w├Ąre ein Misserfolg. Ein Beispiel daf├╝r ist die ┬╗Gaia┬ź-Religion. Glauben ihre Anh├Ąnger WIRKLICH daran oder spielen sie bloss Theater? In diesem Fall w├Ąre ihre Religion schlie├člich ein Flop. Es w├Ąre wohl am besten, nicht den Versuch zu machen, in den Konflikt Natur gegen Technologie die Religion einzuf├╝hren, wenn man nicht selbst WIRKLICH an diese Religion glaubt und meint, dass sie auch in anderen Menschen tiefen, starken, echten Anklang finden wird.

[37] Wir setzen voraus, dass es den einen entscheidenden Durchbruch geben wird. Es ist auch denkbar, dass das industrielle System graduell und st├╝ckweise abgeschafft wird. Vgl. die Abschnitte 4 und 167 sowie die Anm. 38.

[38] Es ist sogar (entfernt) denkbar, dass die Revolution nur in einer massiven Haltungs├Ąnderung gegen├╝ber der Technologie bestehen w├╝rde, die eine stufenweise und relativ schmerzlose Zersetzung des industriellen Systems zur Folge h├Ątte. Das w├Ąre aber ein ausgesprochener Gl├╝cksfall. Es ist viel wahrscheinlicher, dass der ├ťbergang zu einer nichttechnologischen Gesellschaft sehr schwierig und voller Konflikte und Katastrophen sein wird.

[39] Die wirtschaftliche und die technologische Struktur einer Gesellschaft sind f├╝r das normale Leben eines Durchschnittsb├╝rgers wesentlich wichtiger als ihre politische Struktur. Vgl. Abschnitte 95 und 119 und die Anm. 19 und 22.

[40] Diese Behauptung bezieht sich auf einen Anarchismus nach unserem besonderen Verst├Ąndnis. Eine Reihe von sehr verschiedenen gesellschaftlichen Einstellungen wurden als ┬╗anarchistisch┬ź bezeichnet, m├Âglicherweise werden auch viele, die sich selbst zu den Anarchisten z├Ąhlen, unsere Behauptung nicht akzeptieren. Auch sei angemerkt, dass es eine gewaltlose anarchistische Bewegung gibt, deren Mitglieder FC wahrscheinlich nicht als Anarchisten anerkennen w├╝rden und sicherlich auch die gewaltt├Ątigen Methoden von FC nicht f├╝r angemessen halten.

[41] Viele Linke sind auch durch Feindseligkeit getrieben, aber die Feindseligkeit entsteht wohl teilweise aus dem frustrierten Bed├╝rfnis nach Macht.

[42] Wir m├Âchten betonen, dass hier jemand gemeint ist, der mit diesen BEWEGUNGEN, wie sie heute in unserer Gesellschaft bestehen, sympathisiert. Jemand, der glaubt, dass Frauen, Homosexuellen usw. gleiche Rechte zustehen, ist nicht notwendigerweise ein Linker. Die feministische, Schwulen- usw. -bewegung, die heute in unserer Gesellschaft existieren, haben diesen besonderen ideologischen Ton, der linksgerichtete Ideologie charakterisiert, und wenn man zum Beispiel f├╝r die Gleichberechtigung von Frauen ist, folgt daraus nicht notwendigerweise, dass man mit der feministischen Bewegung, wie sie heute existiert, sympathisiert.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org