April 22, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
325 ansichten


Anmerkung zur Übersetzung des Manifests

Der Text Industrial Society and its Future, auch als Unabomber-Manifest bekannt, erschien erstmals als Abdruck eines 56-seitigen Manuskripts, das eine sich als »FC« (Freedom Club) bezeichnende ökologisch-anarchistische Gruppe 1995 an die New York Times und die Washington Post schickte. FC forderte die Veröffentlichung des Textes und bot im Gegenzug die Einstellung einer Bombenserie an, die in den USA bisher drei Menschen getötet und mehrere schwer verletzt hatte. Seit dem Abdruck des Textes durch beide Zeitungen kursieren mehrere Fassungen des Textes im Internet.

Seit 2001 steht Lutz Dammbeck in brieflichem Kontakt mit Ted Kaczynski, der ihm im August 2002 anbot, eine authentische und korrigierte Fassung des Textes zu schicken. Im Jahre 2003 beendete Ted Kaczynski im US-Penitentiary MAX/Florence, Colorado, die Arbeit an der Fassung, die der deutschen Übersetzung zugrunde liegt.

Dazu Ted Kaczynski in einem Brief an Lutz Dammbeck:

»Wenn mich mein GedĂ€chtnis nicht trĂŒgt, haben Sie mich in einem Ihrer Briefe gefragt, wer an den zahlreichen Fehlem der veröffentlichten Versionen des Manifestes schuld sei. Schuld daran sind die Leute, die das Manifest sorglos und nachlĂ€ssig transcribiert haben. Alle veröffentlichten Versionen des Manifestes beruhen direkt oder indirekt auf der Version der Zeitung The Washington Post. Infolge der NachlĂ€ssigkeit der Angestellten dieser Zeitung sind viele Fehler, besonders das Auslassen von Teilen mancher SĂ€tze und sogar von ganzen SĂ€tzen, in dieser Version erschienen. Jedes Mal, wenn jemand das Manifest wieder transcribiert hat, hat er diese Fehler ĂŒbertragen und auch eigene Fehler beigetragen, sodass die veröffentlichten Versionen immer schlechter geworden sind.«

EINLEITUNG

1. Die industrielle Revolution und ihre Folgen sind eine Katastrophe fĂŒr die Menschheit. Zwar ist die Lebenserwartung derer, die in »hoch entwickelten« LĂ€ndern leben, dadurch bedeutend gestiegen, gleichzeitig aber ist eine Destabilisierung der Gesellschaft eingetreten, das Leben bringt keine ErfĂŒllung mehr, Menschen sind DemĂŒtigungen unterworfen, psychische Leiden sind weit verbreitet (in der Dritten Welt auch körperliche Leiden) und der Natur ist schwerer Schaden zugefĂŒgt worden. Die technologische Fortentwicklung wird die Lage weiter verschlimmern. Mit Sicherheit wird die Menschheit noch grĂ¶ĂŸere DemĂŒtigungen erleiden und die Natur noch mehr geschĂ€digt werden, wahrscheinlich werden sich die gesellschaftliche Zerstörung und die psychischen Leiden verstĂ€rken, und schließlich könnte es selbst in den »hoch entwickelten« LĂ€ndern einen Anstieg von Krankheiten geben.

2. Das industriell-technologische System kann ĂŒberleben oder es kann zusammenbrechen. Wenn es ĂŒberlebt, KÖNNTE es darin eines Tages möglicherweise nur noch geringe psychische und physische Leiden geben, aber nur nach einer langen und sehr schmerzhaften Zeit der Anpassung und nur um den Preis einer dauerhaften Reduzierung der Menschen und anderer Lebewesen auf designte Produkte und bloße RĂ€dchen im Getriebe. Außerdem wird es, wenn das System ĂŒberlebt, keine Möglichkeit geben, durch Reformen oder Eingriffe zu verhindern, dass den Menschen darin ihre WĂŒrde und Autonomie genommen werden.

3. Aber auch wenn das System zusammenbricht, werden die Folgen noch immer sehr schmerzhaft sein. Je mĂ€chtiger aber das System sich entwickelt, desto katastrophaler werden die Folgen des Zusammenbruchs sein, so dass ein baldiger Zusammenbruch des Systems wĂŒnschenswerter ist als ein spĂ€terer.

4. Deshalb treten wir fĂŒr eine Revolution gegen das industrielle System ein. Diese Revolution kann mit oder ohne Gewalt durchgefĂŒhrt werden; sie kann plötzlich eintreten oder in einem lĂ€ngeren Prozess ĂŒber mehrere Jahrzehnte. Wir können nichts davon Voraussagen. Aber wir skizzieren generell die Maßnahmen, die jene, die das industrielle System hassen, ergreifen sollten, um den Weg fĂŒr eine Revolution gegen diese Form der Gesellschaft zu bereiten. Es wird keine POLITISCHE Revolution sein. Ihr Ziel wird sein, nicht Regierungen, sondern die ökonomischen und technologischen Grundlagen der bestehenden Gesellschaft zu stĂŒrzen.

5. In dieser Abhandlung betrachten wir nur einige der negativen Entwicklungen, die aus dem industriell-technologischen System entstanden sind. Andere Entwicklungen werden wir nur kurz andeuten oder gar nicht behandeln. Das bedeutet nicht, dass wir diese anderen Entwicklungen fĂŒr unwichtig halten. Nur aus praktischen GrĂŒnden mĂŒssen wir unsere Erörterung auf Bereiche beschrĂ€nken, denen bis jetzt nur ungenĂŒgende öffentliche Aufmerksamkeit zugekommen ist oder in denen wir etwas Neues zu sagen haben. Zum Beispiel gibt es inzwischen eine sehr aktive Umwelt- und Naturschutzbewegung, weswegen wir nur sehr wenig ĂŒber Umweltverschmutzung und die Zerstörung der ursprĂŒnglichen Natur geschrieben haben, obwohl wir diese fĂŒr Ă€ußerst wichtig halten.

PSYCHOLOGIE DER MODERNEN LINKEN

6. Wohl jeder wird mit uns ĂŒbereinstimmen, dass wir gegenwĂ€rtig in einer zutiefst gestörten Gesellschaft leben. Eines der verbreitetsten Symptome des Wahnwitzes unserer Welt ist die linksgerichtete Ideologie, weswegen eine Erörterung der Psychologie der Linken als Einleitung einer Erörterung der Probleme der modernen Gesellschaft im Allgemeinen dienen kann.

7. Was aber versteht man unter linksgerichteter Ideologie? WĂ€hrend der ersten HĂ€lfte des zwanzigsten Jahrhunderts konnte man linksgerichtete Ideologie praktisch gleichsetzen mit Sozialismus. Heute ist die Bewegung zersplittert und es ist nicht klar, wer zutreffend als Linker bezeichnet werden kann. Wenn wir in dieser Abhandlung ĂŒber Linke sprechen, denken wir vor allem an Sozialisten, Kollektivisten, AnhĂ€nger der »political correctness«, Feministinnen, Aktivisten der Schwulen- und Behindertenbewegungen, TierschĂŒtzer und dergleichen. Aber nicht jeder, der einer dieser Bewegungen verbunden ist, ist ein Linker. In unserer Erörterung der Linken versuchen wir weniger, eine Ideologie zu fassen als einen psychologischen Typus, oder eher noch eine Ansammlung verwandter psychologischer Typen. So wird sich im Verlauf unserer Erörterung ĂŒber linke Psychologie klarer ergeben, was wir mit linksgerichteter Ideologie meinen, (siehe auch Abschnitte 227-230)

8. Dennoch wird unser Begriff von linksgerichteter Ideologie wohl nicht so klar werden, wie wir es uns wĂŒnschen wĂŒrden, aber dagegen scheint es kein Mittel zu geben. Wir versuchen hier lediglich, annĂ€hernd und in groben ZĂŒgen die beiden psychologischen Tendenzen zu umreißen, die unserer Meinung nach die HauptantriebskrĂ€fte der modernen linken Ideologie sind. Wir beanspruchen keineswegs, damit die GANZE Wahrheit ĂŒber linksgerichtete Psychologie zu verkĂŒnden. Auch ist unsere Erörterung lediglich auf die moderne linksgerichtete Ideologie bezogen. Wir lassen die Frage offen, inwieweit unsere Erörterung auf die Linken des 19. und frĂŒhen 20. Jahrhunderts ĂŒbertragbar wĂ€re.

9. Die beiden psychologischen Tendenzen, die der modernen linksgerichteten Ideologie zugrunde liegen, nennen wir GefĂŒhle von Minderwertigkeit und Überangepasstheit. GefĂŒhle von Minderwertigkeit sind charakteristisch fĂŒr die gesamte moderne Linke, Überangepasstheit dagegen nur fĂŒr einen Teil der modernen Linken; aber gerade dieser Teil ist höchst einflussreich.

GEFÜHLE VON MINDERWERTIGKEIT

10. Unter »GefĂŒhlen von Minderwertigkeit« verstehen wir nicht nur MinderwertigkeitsgefĂŒhle im engeren Sinne, sondern ein ganzes Spektrum verwandter Eigenschaften: schwaches Selbstbewusstsein, OhnmachtsgefĂŒhle, depressive Neigungen, DefĂ€tismus, SchuldgefĂŒhle, Selbsthass usw. Wir behaupten, dass die modernen Linken zu diesen GefĂŒhlen neigen (möglicherweise mehr oder weniger verdrĂ€ngt), und dass diese GefĂŒhle entscheidend die Richtung der modernen linksgerichteten Ideologie prĂ€gen.

11. Wenn jemand nahezu alles, was ĂŒber ihn (oder ĂŒber Gruppen, mit denen er sich identifiziert) gesagt wird, als GeringschĂ€tzung interpretiert, schließen wir daraus, dass er MinderwertigkeitsgefĂŒhle oder ein schwaches Selbstbewusstsein hat. Diese Neigung ist unter Aktivisten fĂŒr Minderheitenrechte besonders ausgeprĂ€gt, ob sie nun zu der Minderheitengruppe gehören, deren Rechte sie verteidigen, oder nicht. Sie sind hypersensibel gegenĂŒber den AusdrĂŒcken, die Minderheiten bezeichnen und gegenĂŒber allem, was ĂŒber Minderheiten gesagt wird. Die Begriffe »Neger«, »Orientale«, »Behinderter« oder »chick« fĂŒr Afrikaner, Asiaten, körperlich eingeschrĂ€nkte Personen oder Frauen hatten ursprĂŒnglich keine abwertenden Konnotationen. »Broad« und »chick« waren bloß die weiblichen Entsprechungen zu »guy«, »dude« oder »fellow«: Kerl, Bursche, Kumpel. Die negativen Konnotationen haben erst die Aktivisten selbst mit diesen AusdrĂŒcken verbunden.

Manche TierschĂŒtzer gehen so weit, dass sie das Wort »pet«, Haustier, ablehnen und auf der Bezeichnung »animal compa- nion«, Tier-GefĂ€hrte, bestehen. Linksgerichtete Anthropologen geben sich große MĂŒhe zu vermeiden, irgendetwas ĂŒber primitive Völker zu sagen, das womöglich als negativ interpretiert werden könnte. Sie ersetzen das Wort »primitiv« durch »nicht- alphabetisiert« oder »schriftlos«. Sie wirken fast paranoid in ihrer BefĂŒrchtung, den Eindruck zu erwecken, sie hielten irgendeine primitive Kultur im Vergleich zu unserer eigenen fĂŒr minderwertig. (Wir wollen nicht unterstellen, dass primitive Kulturen der unseren tatsĂ€chlich unterlegen SIND. Wir wollen lediglich die HypersensibilitĂ€t linksgerichteter Anthropologen aufzeigen.)

12. Diejenigen, die am sensibelsten auf »politisch inkorrekte« Terminologie reagieren, sind nicht der durchschnittliche schwarze Ghettobewohner, der asiatische Immigrant, die misshandelte Frau und der Behinderte, sondern eine Minderheit von Aktivisten, von denen viele nicht einmal einer »unterdrĂŒckten« Gruppe angehören, sondern privilegierten Gesellschaftsschichten entstammen. Die Hochburg der »political correct- ness« bilden UniversitĂ€tsprofessoren, die sichere ArbeitsplĂ€tze und gute Einkommen haben und die in ihrer Mehrheit heterosexuelle weiße MĂ€nner aus der mittleren bis oberen Mittelschicht sind.

13. Viele Linke identifizieren sich stark mit den Problemen von Gruppen, die allgemein als schwach (Frauen), unterdrĂŒckt (Indianer), abstoßend (Homosexuelle) oder anderweitig minderwertig angesehen werden. Die Linken selbst empfinden diese Gruppen als minderwertig. Sie wĂŒrden es sich selbst gegenĂŒber zwar nie zugeben, dass sie so empfinden, aber genau deswegen, weil sie diese Gruppen als minderwertig ansehen, identifizieren sie sich mit ihren Problemen. (Wir wollen nicht unterstellen, dass Frauen, Indianer usw. tatsĂ€chlich minderwertig SIND; uns geht es lediglich um linksgerichtete Psychologie.)

14. Feministinnen und Feministen sind verzweifelt darauf aus zu beweisen, dass Frauen genauso stark und fĂ€hig sind wie MĂ€nner. Dahinter steckt deutlich die BefĂŒrchtung, Frauen könnten NICHT so stark und fĂ€hig wie MĂ€nner sein.

15. Die Linken neigen dazu, alles zu hassen, was als stark, gut und erfolgreich gilt. Sie hassen Amerika, sie hassen die westliche Zivilisation, sie hassen weiße MĂ€nner, sie hassen RationalitĂ€t. Die GrĂŒnde, die die Linken fĂŒr diesen Hass auf den Westen usw. selbst vorgeben, stimmen ganz klar nicht mit ihren wahren Motiven ĂŒberein. Sie SAGEN, dass sie den Westen hassen, weil er kriegerisch, imperialistisch, sexistisch, ethno- zentristisch usw. sei, aber wo diese Makel in sozialistischen LĂ€ndern oder primitiven Kulturen auftreten, wird der Linke Entschuldigungen dafĂŒr finden oder höchstens WIDERWILLIG zugeben, dass sie existieren; wohingegen er BEGEISTERT auf diese Makel hin weisen (und sie oft grob ĂŒbertreiben) wird, wenn sie in westlichen Zivilisationen auftreten. So ist es klar, dass diese Makel nicht die tatsĂ€chlichen Motive fĂŒr den Hass des Linken auf Amerika und den Westen sind. Er hasst Amerika und den Westen, weil sie stark und erfolgreich sind.

16. Begriffe wie »Selbstvertrauen«, »SelbststĂ€ndigkeit«, »Initiative«, »Unternehmungsgeist«, »Optimismus« usw. spielen im linken Vokabular nur eine geringe Rolle. Der Linke ist antiindividualistisch und prokollektivistisch. Er will, dass die Gesellschaft jedermanns Probleme löst, jedermanns BedĂŒrfnisse befriedigt und fĂŒr jeden sorgt. Er gehört nicht zu denen, die Vertrauen in ihre FĂ€higkeit haben, ihre eigenen Probleme zu lösen und ihre eigenen BedĂŒrfnisse zu befriedigen. Der Linke lehnt das Wettbewerbsprinzip ab, weil er sich tief im Innern als Verlierer fĂŒhlt.

17. Kunstformen, die moderne linksgerichtete Intellektuelle ansprechen, thematisieren Elend, Niederlage und Verzweiflung, oder aber sie nehmen einen orgiastischen Ton an und werfen jegliche rationale Kontrolle ĂŒber Bord, als ob es keine Hoffnung gĂ€be, irgendetwas durch rationale Berechnung zu vollbringen und als ob die einzige Möglichkeit sei, in den Empfindungen des Augenblicks zu versinken.

18. Moderne linksgerichtete Philosophen neigen dazu, Vernunft, Wissenschaft, objektive RealitĂ€t zu verwerfen und auf einem Kulturrelativismus zu bestehen. Zwar kann man ernsthaft hinterfragen, worauf wissenschaftliche Erkenntnis beruht und wie, wenn ĂŒberhaupt, ein Konzept objektiver RealitĂ€t definiert werden kann. Aber ganz offensichtlich sind linksgerichtete Philosophen nicht einfach kĂŒhle Logiker, die die Grundlagen von Erkenntnis systematisch analysieren. Sie sind bei ihrem Angriff auf Wahrheit und Wirklichkeit emotional stark beteiligt. Sie greifen diese Konzepte aufgrund ihrer eigenen psychologischen BedĂŒrfnisse an. Zum einen ist ihr Angriff ein Ventil fĂŒr ihre Feindseligkeit, und er befriedigt, wenn er erfolgreich ist, ihren Machttrieb. Vor allem aber hasst der Linke Wissenschaft und RationalitĂ€t, weil diese gewisse Annahmen als wahr klassifizieren (d.h. als erfolgreich, als ĂŒberlegen) und andere Annahmen als falsch (d.h. als gescheitert, als minderwertig). Die MinderwertigkeitsgefĂŒhle des Linken sind so tief verwurzelt, dass er eine solche Einteilung der Dinge in erfolgreich und ĂŒberlegen einerseits und gescheitert und unterlegen andererseits nicht ertragen kann. Hierauf beruht auch die Ablehnung, die viele Linke dem Begriff von Geisteskrankheit und der NĂŒtzlichkeit von Intelligenztests entgegenbringen. Linke weisen genetische ErklĂ€rungen fĂŒr menschliche FĂ€higkeiten und Verhaltensweisen zurĂŒck, weil solche ErklĂ€rungen dazu fĂŒhren, dass einige Menschen anderen gegenĂŒber als ĂŒberlegen bzw. unterlegen erscheinen. Linke geben lieber der Gesellschaft das Verdienst oder die Schuld an den FĂ€higkeiten eines Menschen oder an deren Fehlen. Wenn ein Mensch denn »unterlegen« ist, so ist es nicht sein Verschulden, sondern das der Gesellschaft, die bei seiner Erziehung versagt hat.

19. Der Linke gehört ĂŒblicherweise nicht zu denen, die ihre MinderwertigkeitsgefĂŒhle durch Angeberei, Ichbezogenheit, RĂŒpelei, Selbstdarstellung oder rĂŒcksichtslose Konkurrenz kompensieren; denn jene haben ihren Glauben an sich selbst nicht völlig verloren. Es fehlt ihnen an Vertrauen in ihre KrĂ€fte und an SelbstwertgefĂŒhl, aber sie können sich trotzdem vorstellen, stark zu sein, und die Anstrengungen, diese StĂ€rke tatsĂ€chlich zu erlangen, sind die Ursache fĂŒr ihr unangenehmes Verhalten. Aber davon ist der Linke weit entfernt. Seine MinderwertigkeitsgefĂŒhle sind so eingefleischt, dass er sich nicht als starkes und wertvolles Individuum begreifen kann. Daher der Kollektivismus der Linken. Er kann sich nur als Mitglied einer großen Organisation oder einer Massenbewegung stark fĂŒhlen, mit der er sich identifiziert.

20. Man beachte die masochistische Tendenz linker Taktiken. Linke protestieren mit Sitzstreiks, indem sie sich vor Fahrzeugen auf den Boden niederlegen, sie provozieren bewusst die Polizei oder Rassisten, sie zu misshandeln, usw. Diese Taktiken mögen zwar oft wirkungsvoll sein, aber viele Linke nutzen sie nicht als Mittel zum Zweck, sondern weil sie masochistische Taktiken BEVORZUGEN. Selbsthass ist eine linke Eigenschaft.

21. Linke behaupten, dass ihr Aktivismus durch MitgefĂŒhl oder moralische Prinzipien motiviert ist, und moralische Prinzipien spielen auch in der Tat eine Rolle fĂŒr den ĂŒbersozialisierten Typus des Linken. Aber Mitleid und moralische Prinzipien können nicht die Hauptmotive von linkem Aktivismus sein. Feindseligkeit ist ein zu herausragender Aspekt linken Verhaltens; ebenso der Machttrieb. Außerdem ist linkes Verhalten nicht rational ĂŒberlegt darauf ausgerichtet, was fĂŒr diejenigen, denen helfen zu wollen die Linken behaupten, am besten wĂ€re. Wenn jemand zum Beispiel glaubt, eine Politik der gezielten Förderung von Minderheiten sei gut fĂŒr Schwarze, ist es dann sinnvoll, diese in einer feindseligen oder dogmatischen Terminologie einzufordern? Ganz offensichtlich wĂ€re es konstruktiver, diplomatisch und versöhnlich vorzugehen, denn das wĂŒrde wenigstens eine verbale und symbolische Konzession gegenĂŒber den Weißen bedeuten, die fĂŒrchten, die gezielte Minderheitenförderung wĂŒrde sie benachteiligen. Aber linke Aktivisten gehen deshalb nicht so vor, weil es ihre emotionalen BedĂŒrfnisse nicht befriedigen wĂŒrde. Schwarzen zu helfen ist nicht ihr wahres Ziel. Statt dessen mĂŒssen die Rassismusprobleme als Vorwand dafĂŒr herhalten, dass die Linken ihre Feindseligkeit und ihren frustrierten Machttrieb ausleben. Doch tatsĂ€chlich schaden sie damit den Schwarzen, denn die feindselige Haltung der Aktivisten gegenĂŒber der weißen Mehrheit schĂŒrt den Rassenhass.

22. Wenn es in unserer Gesellschaft ĂŒberhaupt keine sozialen Konflikte gĂ€be, mĂŒssten die Linken Konflikte ERFINDEN, um einen Vorwand fĂŒr ihr Getue zu haben.

23. Wir betonen, dass das Gesagte keine akkurate Beschreibung eines jeden, der als Linker bezeichnet werden könnte, geben soll. Es ist nur eine grobe Umrisszeichnung einer generellen Tendenz der linksgerichteten Ideologie.

ÜBERANGEPASSTHEIT

24. Mit dem Begriff »Sozialisation« oder Anpassung bezeichnen Psychologen den Erziehungsprozess, durch den Kinder dazu gebracht werden, so zu denken und zu handeln, wie es die Gesellschaft fordert. Jemand gilt als gut sozialisiert, wenn er an die moralischen Normen ihrer Gesellschaft glaubt und sie befolgt und sich als funktionierendes Teil in diese Gesellschaft einpasst. Es scheint daher zunĂ€chst unsinnig zu behaupten, viele Linke seien ĂŒbersozialisiert oder ĂŒberangepasst, da Linke im Allgemeinen als AufrĂŒhrer gelten. Trotzdem kann diese Behauptung aufrecht erhalten werden. Viele Linke sind nicht so aufrĂŒhrerisch, wie es den Anschein hat.

25. Der moralische Code unserer Gesellschaft ist derart anspruchsvoll, dass niemand in vollkommener Übereinstimmung damit denken, fĂŒhlen und handeln kann. So gilt es etwa als unmoralisch, jemanden zu hassen, und doch hasst nahezu jeder zu irgendeinem Zeitpunkt einmal jemand anderen, ob er es sich eingesteht oder nicht. Manche Menschen sind derart stark angepasst, dass ihr Anspruch, moralisch zu denken, zu fĂŒhlen und zu handeln, fĂŒr sie eine schwere Last bedeutet. Um SchuldgefĂŒhle zu vermeiden, mĂŒssen sie sich ĂŒber ihre eigenen Motive stĂ€ndig selbst betrĂŒgen und moralische ErklĂ€rungen fĂŒr GefĂŒhle und Handlungen finden, die in Wirklichkeit gar keinen moralischen Hintergrund haben. Solche Leute nennen wir Â»ĂŒberangepasst«.

26. Überangepasstheit kann zu geringer Selbstachtung, OhnmachtsgefĂŒhlen, DefĂ€tismus, SchuldgefĂŒhlen usw. fĂŒhren. Eine der wichtigsten Methoden, mit denen unsere Gesellschaft Kinder sozialisiert, ist die, ihnen ein GefĂŒhl der Scham zu vermitteln, wenn ihr Verhalten oder ihr Sprechen nicht den Erwartungen der Gesellschaft entspricht. Wenn dies ĂŒbertrieben wird, oder wenn ein Kind besonders empfindlich ist, kommt es dazu, dass sich das Kind SEINER SELBST schĂ€mt. Außerdem sind die Gedanken und das Handeln des ĂŒberangepassten Menschen durch die gesellschaftlichen Erwartungen stĂ€rker eingeschrĂ€nkt als die eines weniger stark angepassten Menschen. Die Mehrheit der Menschen verstĂ¶ĂŸt in nicht geringem Maße regelmĂ€ĂŸig gegen Normen. Sie lĂŒgen, klauen, verstoßen gegen Verkehrsregeln, drĂŒcken sich vor Arbeit, sie hassen jemanden, sie reden gehĂ€ssig ĂŒber den anderen oder intrigieren, um ihn loszuwerden. Der ĂŒberangepasste Mensch kann diese Dinge nicht tun, oder wenn er sie tut, verursacht es in ihm ein GefĂŒhl von Scham und Selbsthass. Der ĂŒberangepasste Mensch ist noch nicht einmal in der Lage, ohne SchuldgefĂŒhle Gedanken oder Empfindungen zu haben, die der allgemein akzeptierten Moral entgegenstehen; er kann keine »schmutzigen« Gedanken denken. Und Sozialisation ist nicht nur eine Frage der Moral; wir werden auch sozialisiert, um vielen Verhaltensnormen zu genĂŒgen, die mit Moral nichts zu tun haben. So wird der ĂŒberangepasste Mensch im Joch gehalten und bleibt sein ganzes Leben lang in den von der Gesellschaft vorgegebenen Bahnen. In vielen ĂŒberangepassten Menschen fĂŒhrt dies zu einem GefĂŒhl von Zwang und Machtlosigkeit, unter dem sie sehr leiden. Unserer Meinung nach gehört Überanpassung zu den schlimmsten Grausamkeiten, die Menschen einander antun.

27. Wir behaupten, dass ein erheblicher und einflussreicher Teil der modernen Linken ĂŒberangepasst ist und dass ihre Überangepasstheit die Richtung der modernen linksgerichteten Ideologie stark bestimmt. Linke des ĂŒbersozialisierten Typus sind eher Intellektuelle oder stammen aus der oberen Mittelschicht. Man beachte, dass Akademiker die am stĂ€rksten angepasste Gruppe in unserer Gesellschaft sind und auch die am weitesten links stehende.

28. Der Linke vom ĂŒberangepassten Typus versucht, durch Aufstand sein psychologisches Joch abzuschĂŒtteln und seine Autonomie zu behaupten. Aber meistens ist er nicht stark genug, um sich gegen die grundlegenden Werte der Gesellschaft aufzulehnen. Im Großen und Ganzen stehen die Ziele der heutigen Linken NICHT im Widerspruch zur allgemein akzeptierten Moral. Im Gegenteil, der Linke nimmt ein allgemein akzeptiertes moralisches Prinzip, gibt es als sein eigenes aus und beschuldigt dann die Mehrheit der Gesellschaft, dieses Prinzip zu verletzen. Beispiele: Rassengleichheit, Gleichheit der Geschlechter, UnterstĂŒtzung der Armen, Frieden, Gewaltlosigkeit, Meinungsfreiheit, Tierschutz. Tiefgreifender, die Pflicht des Individuums, der Gesellschaft zu dienen und die Pflicht der Gesellschaft, das Individuum zu beschĂŒtzen. All diese Werte sind in unserer Gesellschaft seit Langem tief verwurzelt (wenigstens in ihren Mittel- und Oberschichten). Diese Werte sind implizit oder explizit in den meisten Darstellungen der Massenkommunikationsmedien und des Bildungssystems genannt oder vorausgesetzt. Linke, besonders jene vom ĂŒberangepassten Typus, lehnen sich im Allgemeinen nicht gegen diese Prinzipien auf, sondern rechtfertigen ihre Feindseligkeit gegenĂŒber der Gesellschaft mit der Behauptung (die zu einem gewissen Grad wahr ist), dass sich die Gesellschaft nicht nach diesen Prinzipien richtet.

29. An einem Beispiel soll gezeigt werden, wie der ĂŒbersozialisierte Linke tatsĂ€chlich die Konventionen unserer Gesellschaft akzeptiert, wĂ€hrend er gleichzeitig vorgibt, sich dagegen aufzulehnen. Viele Linke setzen sich fĂŒr eine gezielte Förderung von Schwarzen ein, dafĂŒr, dass Schwarze in prestigetrĂ€chtige Berufe aufsteigen können, fĂŒr die Verbesserung der Bildung in schwarzen Schulen und finanzielle UnterstĂŒtzung solcher Schulen; sie betrachten die Lebensweise der schwarzen »Unterschicht« als eine gesellschaftliche Schande. Sie wollen den Schwarzen in das System integrieren, indem sie einen GeschĂ€ftsmann, einen Rechtsanwalt oder einen Wissenschaftler aus ihm machen, der so ist wie die Weißen aus der Oberschicht. Die Linken werden einwenden, dass sie nichts weniger wĂŒnschen, als den Schwarzen zu einer Kopie des Weißen zu machen; im Gegenteil, sie wollen seine afro-amerikanische Kultur bewahren. Aber worin besteht diese Bewahrung der afro-amerikanischen Kultur? Sie kann kaum mehr bedeuten als typisch schwarze KĂŒche, schwarze Musik, schwarze Mode und schwarze Kirchen bzw. Moscheen zu pflegen. Anders gesagt, diese Kultur kann sich nur in oberflĂ€chlichen Dingen Ă€ußern. Im WESENTLICHEN aber wollen die meisten ĂŒberangepassten Linken den Schwarzen den Idealen der weißen Mittelklasse entsprechend formen. Er soll technische FĂ€cher studieren, ein Manager oder Wissenschaftler werden und sein Leben damit verbringen, die Statusleiter emporzuklimmen um zu beweisen, dass Schwarze so gut sind wie Weiße. Schwarze VĂ€ter sollen »Verantwortung ĂŒbernehmen«, schwarze Banden sollen Gewalt ablehnen usw. Aber dies sind genau die Werte des industrielltechnologischen Systems. Das System schert sich keinen Deut darum, was fĂŒr Musik jemand hört, was fĂŒr Kleidung er trĂ€gt oder welche Religion er ausĂŒbt, solange er zur Schule geht, eine angesehene Arbeit hat, die Statusleiter erklimmt, ein »verantwortungsvolles« Elternteil ist, nicht gewalttĂ€tig ist usw. In Wirklichkeit, wie sehr er es auch leugnen mag, will der ĂŒber- angepasste Linke den Schwarzen ins System integrieren und verlangt von ihm, dessen Werte zu ĂŒbernehmen.

30. Wir behaupten nicht, dass Linke, sogar ĂŒberangepasste Linke, NIEMALS gegen die grundlegenden Werte unserer Gesellschaft aufbegehren. SelbstverstĂ€ndlich tun sie das mitunter. Einige ĂŒberangepasste Linke sind sogar so weit gegangen, gegen eines der wichtigsten gesellschaftlichen Prinzipien zu revoltieren, gegen die Gewaltlosigkeit. Nach ihrer eigenen EinschĂ€tzung ist körperliche Gewalt fĂŒr sie eine Form der »Befreiung«. Mit anderen Worten, sie benutzen Gewalt, um die psychologischen ZwĂ€nge zu durchbrechen, die ihnen anerzogen worden sind. Weil sie ĂŒberangepasst sind, waren sie durch diese ZwĂ€nge stĂ€rker eingeengt als andere; daher ihr starkes BedĂŒrfnis, sich davon zu befreien. Aber sie rechtfertigen ihre Revolte meist mit dem Vokabular der allgemein anerkannten Werte. Wenn sie Gewalt anwenden, begrĂŒnden sie das damit, gegen Rassismus zu kĂ€mpfen oder Ähnliches.

31. Es ist uns klar, dass man gegen die hier grob skizzierte linke Psychologie viele Ein wĂ€nde Vorbringen kann. Die tatsĂ€chliche Lage ist komplex, und eine auch nur annĂ€hernd vollstĂ€ndige Beschreibung auf der Basis aller zugĂ€nglichen Fakten wĂŒrde mehrere BĂ€nde fĂŒllen. Wir erheben nur den Anspruch, die beiden wichtigsten Tendenzen in der Psychologie der modernen Linken grob Umrissen zu haben.

32. Die Probleme der Linken sind symptomatisch fĂŒr die Probleme unserer gesamten Gesellschaft. Geringe Selbstachtung, Depressionsneigung und DefĂ€tismus sind nicht auf die Linke beschrĂ€nkt. Wenn sie auch dort besonders wahrnehmbar sind, so sind sie doch in unserer Gesellschaft insgesamt weit verbreitet. Und die heutige Gesellschaft versucht uns stĂ€rker als jede vorhergehende zu sozialisieren. Experten sagen uns sogar, was wir essen sollen, wie wir Sport treiben sollen, wie unser Liebesieben sein soll, wie wir unsere Kinder aufziehen sollen und so weiter.

POWER PROCESS

33. Menschen haben ein BedĂŒrfnis (wahrscheinlich biologisch bedingt) nach etwas, das wir den power process nennen wollen. Es ist eng verbunden mit dem BedĂŒrfnis nach Macht (weitgehend anerkannt), aber es ist nicht genau dasselbe. Der power process besteht aus vier Elementen. Die drei am deutlichsten definierbaren nennen wir Ziel, Anstrengung und Erreichen des Ziels. (Jeder braucht Ziele, die zu erreichen Anstrengung erfordert, und muss wenigstens einige seiner Ziele erreichen.) Das vierte Element ist schwieriger zu definieren und ist möglicherweise nicht fĂŒr jeden notwendig. Wir nennen es Autonomie und werden es spĂ€ter erörtern (Abschnitte 42-44).

34. Nehmen wir den hypothetischen Fall eines Menschen, der alles, was er will, sofort bekommt, einfach, indem er es sich wĂŒnscht. Dieser Mensch hat zwar Macht, aber er wird schwere psychische Probleme bekommen. Am Anfang wird es ihm Spaß machen, aber nach und nach wird er sich unertrĂ€glich langweilen und demoralisiert werden. Womöglich wird er eines Tages krankhaft depressiv. Die Geschichte zeigt, dass die mĂŒĂŸige Aristokratie zur Dekadenz neigte. Die kĂ€mpfenden Aristokraten dagegen mussten sich anstrengen, um ihre Macht zu erhalten. Aber mĂŒĂŸige, gesicherte Aristokraten, die nicht kĂ€mpfen mussten, wurden im Allgemeinen gelangweilt, hedonistisch und demoralisiert, trotz ihrer MachtfĂŒlle. Dies zeigt, dass Macht allein nicht genĂŒgt. Man muss Ziele haben, auf die man die AusĂŒbung seiner Macht richtet.

35. Jeder hat Ziele; selbst wenn diese nur darin bestehen, das Lebensnotwendigste zu erlangen: Nahrung, Wasser und dem Klima angemessene Kleidung und Unterkunft. Der mĂŒĂŸige Aristokrat bekommt diese Dinge ohne Anstrengungen. Daher seine Langeweile und Kraftlosigkeit.

36. Das Nichterreichen wichtiger Ziele endet mit dem Tod, wenn es sich dabei um lebensnotwendige Ziele handelt, und mit Frustration, wenn die Ziele nicht lebensnotwendig sind. Lebenslanges stĂ€ndiges Scheitern beim Versuch, seine Ziele zu erreichen, fĂŒhrt schließlich zu DefĂ€tismus, geringer Selbstachtung oder Depression.

37. Also muss der Mensch, um ernsthafte psychologische Probleme zu vermeiden, Ziele haben, deren Erreichen Anstrengung erfordert, und er muss eine gewisse Erfolgsrate beim Erreichen dieser Ziele haben.

ERSATZHANDLUNGEN

38. Nicht jeder mĂŒĂŸige Aristokrat wird irgendwann gelangweilt und demoralisiert. Kaiser Hirohito widmete sich der Meeresbiologie, anstatt einem dekadenten Hedonismus zu verfallen und zeichnete sich auf diesem Gebiet besonders aus. Wenn Menschen ohne Anstrengung ihre körperlichen BedĂŒrfnisse befriedigen können, schaffen sie sich oft kĂŒnstliche Ziele. In vielen FĂ€llen verfolgen sie diese Ziele mit derselben Energie und emotionalen Beteiligung, die sie sonst fĂŒr das Streben nach Lebensnotwendigem eingesetzt hĂ€tten. So hatten die Aristokraten des Römischen Reiches literarische Ambitionen; viele europĂ€ische Aristokraten investierten vor einigen Jahrhunderten enorm viel Zeit und Aufwand in die Jagd, obwohl sie das Fleisch sicherlich nicht brauchten; andere Aristokraten versuchten ihr Ansehen zu vergrĂ¶ĂŸern, indem sie ihren Reichtum auf ausgesuchte Weise darstellten, und ein paar Aristokraten, wie Hirohito, wandten sich der Wissenschaft zu.

39. Mit dem Begriff »Ersatzhandlung« bezeichnen wir eine Handlung, die sich auf ein kĂŒnstliches Ziel richtet, welches sich Menschen nur deshalb setzen, damit sie etwas haben, wonach sie streben können, oder sagen wir, nur fĂŒr die »ErfĂŒllung«, die ihnen das Streben nach diesem Ziel bringt. Eine Faustregel zum Erkennen von Ersatzhandlungen geht folgendermaßen: Eine Person, die viel Zeit und Energie in das Streben nach Ziel X investiert, frage man: Wenn sie den grĂ¶ĂŸten Teil ihrer Zeit und Energie darangeben mĂŒsste, ihre biologischen BedĂŒrfnisse zu befriedigen, und wenn diese Anstrengung es erforderte, dass die Person ihre körperlichen und geistigen FĂ€higkeiten auf abwechslungsreiche und interessante Weise einsetzte, wĂŒrde sie dann frustriert sein, wenn sie Ziel X nicht erreicht? Wenn die Antwort Nein ist, ist das Streben der Person nach Ziel X eine Ersatzhandlung. Hirohitos Meeresbiologie-Studien stellten ganz klar eine Ersatzhandlung dar, denn es ist recht sicher, dass Hirohito, wenn er seine Zeit auf interessante nichtwissenschaftliche Arbeiten hĂ€tte verwenden mĂŒssen, um das Lebensnotwendige zu bekommen, nicht frustriert gewesen wĂ€re, nur weil er nicht alles ĂŒber die Anatomie und die Lebenszyklen der Meeresfauna gewusst hĂ€tte. Im Gegensatz dazu ist das Streben nach Sex und Liebe (zum Beispiel) keine Ersatzhandlung, denn die meisten Menschen wĂ€ren, auch wenn ihre Existenz anderweitig befriedigend wĂ€re, frustriert, hĂ€tten sie ihr Leben lang nie eine Beziehung mit einer Person des anderen Geschlechts. (Aber das Streben nach ĂŒbermĂ€ĂŸig viel Sex, mehr als man wirklich braucht, kann eine Ersatzhandlung sein.)

40. In der modernen Industriegesellschaft sind nur minimale Anstrengungen erforderlich, um die physischen BedĂŒrfnisse zu befriedigen. Es reicht, eine Ausbildung zu absolvieren, sich leichte technische FĂ€higkeiten anzueignen, dann pĂŒnktlich zur Arbeit zu kommen und das bescheidene Maß an Anstrengung aufzuwenden, das nötig ist, um einen Job zu halten. Die einzigen Voraussetzungen sind ein bescheidenes Maß an Intelligenz und, vor allem, simpler GEHORSAM. Wenn man diese Voraussetzungen erfĂŒllt, sorgt die Gesellschaft fĂŒr einen von der Wiege bis zum Grab. (Ja, sicher gibt es eine Unterschicht, die die ErfĂŒllung ihrer physischen BedĂŒrfnisse nicht voraussetzen kann, aber wir sprechen hier vom gesellschaftlichen Mainstream.) So ist es nicht ĂŒberraschend, dass Ersatzhandlungen in der modernen Gesellschaft sehr hĂ€ufig Vorkommen. Dazu gehören wissenschaftliche Arbeit, sportliche Leistungen, humanitĂ€re TĂ€tigkeiten, kĂŒnstlerisches und literarisches Schaffen, das Erklimmen der Firmenhierarchie, das AnhĂ€ufen von Geld und GĂŒtern weit ĂŒber den Punkt hinaus, an dem diese zusĂ€tzliche physische Befriedigung geben, und sozialer Aktivismus, wo er Themen betrifft, die nicht fĂŒr den Aktivisten selbst wichtig sind, wie im Falle der weißen Aktivisten, die fĂŒr die Rechte nichtweißer Minderheiten kĂ€mpfen. Dies sind nicht immer REINE Ersatzhandlungen, denn fĂŒr viele Menschen mögen sie teilweise durch andere BedĂŒrfnisse motiviert sein als dem, einfach einem Ziel zuzustreben. Wissenschaftliche Arbeit mag zum Teil durch das Streben nach Prestige motiviert sein, kĂŒnstlerisches Schaffen durch das BedĂŒrfnis, GefĂŒhle auszudrĂŒcken, militanter sozialer Aktivismus durch Feindseligkeit. Aber fĂŒr die meisten Menschen sind diese AktivitĂ€ten zum großen Teil Ersatzhandlungen. Zum Beispiel wird die Mehrheit der Wissenschaftler wohl zustimmen, dass die »ErfĂŒllung«, die ihnen ihre Arbeit bringt, wichtiger ist als Geld und Prestige.

41. FĂŒr viele, wenn nicht gar alle Menschen sind Ersatzhandlungen weniger befriedigend als das Streben nach wahren Zielen (Ziele, die Menschen auch dann erreichen wollen wĂŒrden, wenn ihr BedĂŒrfnis nach dem power process schon erfĂŒllt wĂ€re). Ein Anzeichen dafĂŒr ist die Tatsache, dass viele oder die meisten der Menschen, die sich intensiv ihren Ersatzhandlungen widmen, immer rastlos und nie zufrieden sind. So strebt der Kapitalist stĂ€ndig nach mehr und mehr Reichtum. Der Wissenschaftler hat kaum ein Problem gelöst, schon nimmt er das nĂ€chste in Angriff. Der LangstreckenlĂ€ufer verlangt sich immer noch weitere Strecken und höhere Geschwindigkeit ab. Viele Menschen, die sich Ersatzhandlungen widmen, werden behaupten, dass diese ihnen viel mehr ErfĂŒllung bringen als die »banale« Befriedigung der physischen BedĂŒrfnisse, aber das liegt daran, dass in unserer Gesellschaft die Anstrengung, die notwendig ist, um diese BedĂŒrfnisse zu befriedigen, trivial gering geworden ist. Vor allem befriedigen die Menschen ihre physischen BedĂŒrfnisse nicht AUTONOM, sondern als Teilchen einer immensen sozialen Maschine. DemgegenĂŒber genießen die Menschen im Allgemeinen viel Autonomie beim Betreiben ihrer Ersatzhandlungen.

AUTONOMIE

42. Autonomie als Teil des power process mag nicht fĂŒr jeden eine Notwendigkeit sein. Aber die meisten Menschen brauchen ein bestimmtes Maß an Autonomie, um ihre Ziele zu verwirklichen. Sie mĂŒssen ihre Anstrengungen dafĂŒr auf eigenen Entschluss hin beginnen und sie unter eigener FĂŒhrung und Kontrolle durchfĂŒhren können. Doch mĂŒssen Entschluss, Ausrichtung und Kontrolle nicht unbedingt von jedem einzelnen Individuum gefasst bzw. ausgeĂŒbt werden. Normalerweise ist es ausreichend, als Mitglied einer KLEINEN Gruppe zu handeln. Wenn so ein halbes Dutzend Leute untereinander ein Ziel ausmacht und es erfolgreich in gemeinsamer Anstrengung erreicht, wird das BedĂŒrfnis nach dem power process jedes Einzelnen erfĂŒllt. Aber wenn sie unter strikter Anweisung von oben handeln, die ihnen keinen Raum fĂŒr autonome Entscheidungen und Eigeninitiative belĂ€sst, wird dieses BedĂŒrfnis nicht befriedigt werden. Das gleiche gilt, wenn Entscheidungen kollektiv getroffen werden, die Gruppe aber so groß ist, dass die Rolle des einzelnen Individuums darin unbedeutend ist.

43. Es stimmt, dass einige Menschen offenbar nur ein geringes BedĂŒrfnis nach Selbstverwirklichung haben. Entweder ist ihr Machttrieb schwach entwickelt oder sie befriedigen ihn, indem sie sich mit einer mĂ€chtigen Organisation identifizieren, der sie angehören. Und dann gibt es noch geistlose, animalische Typen, denen die reine physische Macht genĂŒgend Befriedigung verschafft (der gute Frontsoldat, dem seine Geschicklichkeit im Kampf genĂŒgend MachtgefĂŒhl gibt, und dem es völlig ausreicht, diese in blindem Gehorsam gegenĂŒber seinen Vorgesetzten einzusetzen).

44. Doch fĂŒr die meisten Menschen gilt, dass ihnen der power process – ein Ziel zu haben, eine selbststĂ€ndige Anstrengung dafĂŒr zu unternehmen und es schließlich zu erreichen – Selbstachtung, Selbstvertrauen und MachtgefĂŒhle verschafft. Wenn jemand keine angemessene Gelegenheit bekommt, den power process zu durchlaufen, sind die Konsequenzen (abhĂ€ngig von der Persönlichkeit und von der Art und Weise, wie der power process gestört oder abgebrochen wurde) Langeweile, Mutlosigkeit, schwache Selbstachtung, MinderwertigkeitsgefĂŒhle, DefĂ€tismus, Depressionen, Angst- und SchuldgefĂŒhle, Frustration, Feindseligkeit, Misshandlungen von Frau und Kindern, unstillbarer Hedonismus, abnormes Sexual verhalten, Schlafstörungen, Essstörungen usw.

f-c-freedom-club-ted-kaczynski-die-industrielle-ge-3.png

Zur Entstehung dieser Deprivationssymptome im power process: Bereits einem LaienverstĂ€ndnis der menschlichen Natur zufolge fĂŒhrt das Fehlen von anspruchsvollen Zielen zu Langeweile, diese Langeweile fĂŒhrt, wenn sie lange andauert, oft irgendwann zu Depressionen. Das Scheitern im Erreichen der Ziele fĂŒhrt zu Frustration und zur SchwĂ€chung der Selbstachtung. Frustration fĂŒhrt zu Ärger, Ärger zu Aggression, hĂ€ufig in Form von Misshandlungen von Frau und Kindern. Es ist erwiesen, dass lang anhaltende Frustration im Allgemeinen zu Depression fĂŒhrt und Depressionen sich hĂ€ufig in Angst- und SchuldgefĂŒhlen, Schlafstörungen, Essstörungen und einem negativen Selbstbild niederschlagen. Diejenigen, die zu Depressionen neigen, suchen als Gegenmittel hĂ€ufig VergnĂŒgungen; daher der unstillbare Hedonismus und exzessiver Sex, wobei Perversionen zusĂ€tzliche Lust geben sollen. Auch der Gelangweilte neigt zu ausufernder VergnĂŒgungssucht, wobei das VergnĂŒgen in Ermangelung anderer Ziele selbst zum Ziel wird. Siehe auch das Diagramm.

Das Gesagte ist eine Vereinfachung. Die Wirklichkeit ist komplexer, und selbstverstÀndlich ist Deprivation im power process nicht die EINZIGE Ursache der beschriebenen Symptome.

Übrigens meinen wir mit Depression nicht nur so schwere Depressionen, die die Behandlung durch einen Psychiater erfordern. HĂ€ufig sind nur milde Formen der Depression im Spiel. Und wenn wir von Zielen sprechen, meinen wir nicht nur langfristige, durchdachte Ziele. Im Laufe der Menschheitsgeschichte war die Sorge um ein Leben von der Hand in den Mund (das heißt, die bloße tĂ€gliche Versorgung der eigenen Familie mit Nahrung) ein durchaus ausreichendes Ziel.

URSPRÜNGE GESELLSCHAFTLICHER PROBLEME

45. Jedes der bisher dargestellten Symptome kann in jeder Gesellschaft auftreten, in der modernen Industriegesellschaft sind sie jedoch in verstĂ€rktem Maße vorhanden. Wir sind nicht die ersten, die darauf hin weisen, dass die Welt heute aus den Fugen zu geraten scheint. Dies ist eine außergewöhnliche Situation in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Es gibt gute GrĂŒnde anzunehmen, dass der primitive Mensch weniger unter Stress und Frustration gelitten hat und mit seinem Leben zufriedener war, als der heutige Mensch es ist. Zwar war nicht alles eitel Sonnenschein in primitiven Gesellschaften. Unter den australischen Aborigines war es ĂŒblich, Frauen zu schlagen, TranssexualitĂ€t war unter einigen amerikanischen IndianerstĂ€mmen recht weit verbreitet. Aber es scheint so, dass IM ALLGEMEINEN die Art von Problemen, die wir in den obigen Abschnitten aufgefĂŒhrt haben, unter primitiven Völkern weit weniger verbreitet gewesen sind als in der modernen Gesellschaft.

46. Wir fĂŒhren die sozialen und psychologischen Probleme der modernen Gesellschaft auf die Tatsache zurĂŒck, dass diese Gesellschaft den Menschen grundlegend andere Lebensbedingungen aufzwingt als die, unter denen die Menschheit sich herausgebildet hat, und von ihnen ein Verhalten verlangt, das den Ver- haltensmustem entgegensteht, die sich im Leben unter den frĂŒheren Bedingungen entwickelt haben. Aus dem bisher Gesagten wird klar, dass fĂŒr uns das Fehlen von Möglichkeiten, den power process anders als durch Ersatzhandlungen zu erfahren, die schwerwiegendste der abnormen Bedingungen darstellt, denen die moderne Gesellschaft die Menschen unterwirft. Doch ist sie nicht die einzige. Bevor wir die Störung des power process als eine Quelle sozialer Probleme genauer behandeln, werden wir einige der anderen Quellen erörtern.

47. Zu den abnormen Bedingungen der modernen Industriegesellschaft gehören die exzessive Bevölkerungsdichte, die Isolation des Menschen von der Natur, die ungeheure Geschwindigkeit sozialen Wandels und der Zusammenbruch natĂŒrlicher kleinerer Gemeinschaften wie Großfamilie, Dorf oder Stamm.

48. Bekanntlich verursachen eine hohe Bevölkerungsdichte und Menschenmengen Stress und Aggression. Die heutige Dichte der Menschen und ihre Isolation von der Natur sind Folgen des technologischen Fortschritts. Alle vorindustriellen Gesellschaften waren vorwiegend lĂ€ndlich. Die industrielle Revolution hat die GrĂ¶ĂŸe der StĂ€dte und den Anteil der StĂ€dter innerhalb der Gesamtbevölkerung ungeheuer anwachsen lassen, und durch moderne Agrartechnologie wurde es möglich, eine so dicht wie nie zuvor zusammenlebende Bevölkerung ĂŒberhaupt zu ernĂ€hren. (Auch verschlimmert die Technologie die Konsequenzen der Überbevölkerung, weil sie den Menschen verstĂ€rkt zerstörerische KrĂ€fte zugĂ€nglich gemacht hat. Zum Beispiel viele lĂ€rmerzeugende Maschinen wie MĂ€hmaschinen, Radios, MotorrĂ€der usw. Wenn die Benutzung dieser Maschinen nicht eingeschrĂ€nkt wird, frustriert dies Menschen, die Ruhe und Frieden suchen. Wenn die Benutzung eingeschrĂ€nkt wird, frustriert es die Menschen, die diese Maschinen benutzen. Aber wenn diese Maschinen nie erfunden worden wĂ€ren, gĂ€be es keine Konflikte und Frustrationen durch sie.)

49. FĂŒr primitive Gesellschaften stellte die natĂŒrliche Umwelt (die sich gewöhnlich nur langsam verĂ€ndert) stabile Rahmenbedingungen dar und gab ihnen somit ein GefĂŒhl von Sicherheit. In der modernen Welt beherrscht die menschliche Gesellschaft die Natur und nicht umgekehrt, und die moderne Gesellschaft verĂ€ndert sich aufgrund der technologischen VerĂ€nderungen sehr rasch. So gibt es keine stabilen Rahmenbedingungen mehr.

50. Die Konservativen sind Narren: Sie jammern ĂŒber den Verfall traditioneller Werte, und doch unterstĂŒtzen sie mit Begeisterung jeden technischen Fortschritt und ökonomisches Wachstum. Offenbar kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass man keine raschen und drastischen VerĂ€nderungen in der Technologie und der Wirtschaft einer Gesellschaft haben kann, ohne auch in allen anderen gesellschaftlichen Aspekten rasche VerĂ€nderungen zu verursachen, und solche raschen VerĂ€nderungen fĂŒhren unvermeidlich zum Verfall traditioneller Werte.

51. Der Zusammenbruch traditioneller Werte zieht auch in einem gewissen Maß die Zerstörung der Bindungen nach sich, die traditionelle kleine soziale Gruppen Zusammenhalten. Die Zersetzung dieser Gruppen wird durch die Tatsache noch gefördert, dass die modernen Lebensbedingungen den Individuen hĂ€ufig abverlangen oder sie dazu verlocken, an neue Orte zu ziehen und sich von ihren Gemeinschaften zu lösen. Außerdem MUSS die technologische Gesellschaft die Familienbande und kleine Gemeinschaften schwĂ€chen, wenn sie effizient funktionieren soll. In der modernen Gesellschaft muss ein Individuum an erster Stelle dem System gegenĂŒber loyal sein und erst an zweiter Stelle der kleineren Gemeinschaft gegenĂŒber, denn wenn die internen LoyalitĂ€ten der Gemeinschaften stĂ€rker wĂ€ren als die LoyalitĂ€t zum System, wĂŒrden die Gemeinschaften auf Kosten des Systems ihren eigenen Vorteil suchen.

52. Angenommen, ein öffentlicher Beamter oder ein Verwaltungsangestellter gibt seinem Vetter, seinem Freund oder seinem Glaubensgenossen eher einen freien Posten als der Person, die fĂŒr diese Arbeit am besten qualifiziert wĂ€re. Dann hat er persönliche LoyalitĂ€t ĂŒber seine LoyalitĂ€t zum System gestellt, und wir haben es mit »Nepotismus« oder »Diskriminierung« zu tun, beides schreckliche SĂŒnden in der modernen Gesellschaft. Möchtegern-Industriegesellschaften, denen es nicht gelungen ist, persönliche oder lokale LoyalitĂ€ten der LoyalitĂ€t zum System unterzuordnen, sind gewöhnlich sehr leistungsschwach (siehe Lateinamerika). Also kann eine hoch entwickelte Industriegesellschaft nur solche kleinen Gemeinschaften tolerieren, die kraftlos und gezĂ€hmt sind und dem System als willfĂ€hrige Werkzeuge dienen.

53. Überbevölkerung, rascher sozialer Wandel und die Zerstörung kleiner Gemeinschaften sind weitgehend als Ursachen sozialer Probleme anerkannt. Aber wir glauben nicht, dass sie als ErklĂ€rung fĂŒr das Ausmaß der Probleme, die wir heute erkennen, ausreichen.

54. Einige vorindustrielle StĂ€dte waren sehr groß und dicht bevölkert, doch scheinen ihre Bewohner nicht im selben Maße an psychischen Problemen gelitten zu haben wie der moderne Mensch. In Amerika gibt es noch immer einige dĂŒnn besiedelte lĂ€ndliche Gegenden, und dort finden wir dieselben Probleme wie in urbanen Gegenden, obwohl sie auf dem Land im Allgemeinen weniger akut sind. Also scheint die Bevölkerungsdichte nicht der entscheidende Faktor zu sein.

55. Mit dem zunehmenden Vorstoß ins amerikanische Grenzland, den »Wilden Westen«, im 19. Jahrhundert hat die MobilitĂ€t der Bevölkerung sicherlich große Familien und kleine Gemeinschaften auseinandergerissen, mindestens im selben Maße, wie dies heute geschieht. TatsĂ€chlich lebten damals viele Kleinfamilien freiwillig in völliger Abgeschiedenheit. Im Umkreis mehrerer Meilen hatten sie weder Nachbarn noch Verbindung zu Ortschaften, und doch scheint dies nicht zu Problemen gefĂŒhrt zu haben.

56. Auch war der soziale Wandel in der amerikanischen Pioniergesellschaft rasch und tiefgreifend. Es war möglich, dass ein Mensch in einer BlockhĂŒtte geboren wurde und dort aufwuchs, außerhalb der Reichweite von Recht und Ordnung, und sich vorwiegend von Wild ernĂ€hrte; und dass dieser Mensch im Alter einer geregelten Arbeit nachging und in einer geordneten Gesellschaft mit einem organisierten Polizeiapparat lebte. Das waren tiefergreifende VerĂ€nderungen, als sie im Leben eines modernen Menschen ĂŒblicherweise Vorkommen, und doch scheinen diese nicht zu psychologischen Problemen gefĂŒhrt zu haben. TatsĂ€chlich hatte die amerikanische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts eine optimistische und selbstbewusste Grundeinstellung, sehr im Gegensatz zur heutigen Gesellschaft.

57. Der Unterschied, so meinen wir, liegt darin, dass der moderne Mensch das (berechtigte) GefĂŒhl hat, ihm sei der Wandel AUFGEZWUNGEN worden, wohingegen der Pionier des 19. Jahrhunderts das (ebenso berechtigte) GefĂŒhl hatte, den Wandel selbst herbeizufĂŒhren, aus eigenem Willen. Ein Pionier siedelte auf einem StĂŒck Land seiner Wahl und machte mit eigener Anstrengung eine Farm daraus. In jenen Zeiten konnte ein ganzer Landkreis nur ein paar hundert Einwohner haben und viel abgeschiedener und autonomer sein als ein vergleichbarer Bezirk heute. So nahm der Pionier-Farmer als Mitglied einer recht kleinen Gruppe aktiv daran teil, eine neue, geordnete Gemeinschaft zu schaffen. Man kann sich fragen, ob die Schaffung dieser Gemeinschaft eine Verbesserung war, aber jedenfalls befriedigte sie das BedĂŒrfnis des Pioniers nach seiner Selbstverwirklichung im power process.

58. Man könnte andere Beispiele von Gesellschaften geben, in denen es raschen sozialen Wandel und/oder fehlende gemeinschaftliche Bindungen ohne die massiven Verhaltensstörungen gab, die wir in der heutigen Industriegesellschaft beobachten. Wir behaupten, dass die wichtigste Ursache sozialer und psychologischer Probleme in der modernen Gesellschaft darin liegt, dass die Menschen nur unzureichend Gelegenheit haben, den power process auf normale Weise zu durchlaufen. Wir wollen nicht sagen, dass die moderne Gesellschaft die einzige sei, in der der power process gestört wird. Wahrscheinlich haben die meisten oder alle Gesellschaften mehr oder weniger stark in den power process eingegriffen. Aber in der modernen Industriegesellschaft ist das Problem besonders schwerwiegend geworden. Linksgerichtete Ideologie, wenigstens in ihrer neuen Form (Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts), ist zum Teil ein Symptom der Deprivation im power process.

STÖRUNG DES POWER PROCESS IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT

59. Wir teilen die menschlichen Triebe in drei Gruppen ein: (1) Triebe, die durch geringste Anstrengungen befriedigt werden können; (2) Triebe, die nur durch große Anstrengungen befriedigt werden können; (3) Triebe, die trotz aller Anstrengungen nicht angemessen befriedigt werden können. Derpower process ist ein Prozess der Befriedigung der Triebe der zweiten Gruppe. Je mehr Triebe der dritten Gruppe es gibt, desto mehr Frustration und Ärger und schließlich DefĂ€tismus und Depression usw. gibt es.

60. In der modernen Industriegesellschaft besteht die Tendenz, die natĂŒrlichen menschlichen Triebe in die erste und dritte Gruppe zu zwingen, wĂ€hrend die zweite Gruppe zunehmend aus kĂŒnstlich geschaffenen BedĂŒrfnissen besteht.

61. In primitiven Gesellschaften fallen die physischen BedĂŒrfnisse im Allgemeinen in die zweite Gruppe: Sie können befriedigt werden, aber unter großen Anstrengungen. In der modernen Gesellschaft dagegen ist die Befriedigung der physischen BedĂŒrfnisse meistens fĂŒr jedermann mit minimalen Anstrengungen zu erreichen, daher gehören physische BedĂŒrfnisse hier in die erste Gruppe. (Man kann darĂŒber streiten, ob die Anstrengungen, eine feste Arbeit zu bekommen, wirklich »minimal« sind; aber im Allgemeinen, was niedrige und mittlere Arbeiten angeht, ist die einzige Erfordernis GEHORSAM. Man sitzt oder steht dort, wo man angewiesen wurde zu sitzen oder zu stehen, und tut dasjenige auf die Art und Weise, wie es einem gesagt wurde. Selten nur muss man sich wirklich anstrengen, und in kaum einem Fall hat man bei der Arbeit irgendeine Autonomie, sodass das BedĂŒrfnis nach power process nicht befriedigt werden kann.)

62. Soziale BedĂŒrfnisse wie SexualitĂ€t, Liebe und gesellschaftliches Ansehen gehören in der modernen Gesellschaft in die zweite Gruppe, dies ist abhĂ€ngig von der Situation des Einzelnen. Aber abgesehen von Menschen, die ein ausnehmend starkes GeltungsbedĂŒrfnis haben, ist die Anstrengung, die nötig ist, um diese sozialen BedĂŒrfnisse zu befriedigen, nicht ausreichend, um das BedĂŒrfnis nach dem power process ebenfalls angemessen zu befriedigen.

63. Deshalb wurden gewisse kĂŒnstliche BedĂŒrfnisse geschaffen, die in die zweite Gruppe gehören, die also das BedĂŒrfnis nach dem power process befriedigen sollen. Werbe- und Marketingstrategien wurden entwickelt, die bei vielen Menschen BedĂŒrfnisse nach Dingen wecken, die ihre Großeltern niemals gewĂŒnscht und sich nicht hĂ€tten trĂ€umen lassen. Da es große Anstrengungen erfordert, genug Geld zu verdienen, um diese kĂŒnstlichen BedĂŒrfnisse zu befriedigen, fallen sie in die zweite Gruppe. (Man beachte allerdings die Abschnitte 80-82.) Der moderne Mensch muss sein BedĂŒrfnis nach dem power process weitgehend durch das Streben nach kĂŒnstlichen, von der Werbe- und Marketingindustrie hervorgerufenen BedĂŒrfnissen und durch Ersatzhandlungen befriedigen.

64. FĂŒr viele Menschen, vielleicht fĂŒr die Mehrheit, scheinen diese kĂŒnstlichen Formen des power process ungenĂŒgend zu sein. Ein Thema, das in sozialkritischen Schriften der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts immer wiederkehrt, ist das GefĂŒhl der Ziellosigkeit, unter dem in der modernen Gesellschaft viele Menschen leiden. (Diese Ziellosigkeit wird oft auch anders genannt, »Anomie« oder »Mittelklasse-Leere«.) Wir vermuten, dass die sogenannte »IdentitĂ€tskrise« tatsĂ€chlich eine Sinnsuche ist, eine Suche nach einer geeigneten Ersatzhandlung, der man sich widmen kann. Möglicherweise ist der Existenzialismus zum großen Teil eine Antwort auf die Ziellosigkeit modernen Lebens. Das Streben nach »ErfĂŒllung« ist in unserer Gesellschaft sehr weit verbreitet. Aber wir glauben, dass fĂŒr die Mehrheit der Menschen eine Handlung, deren Hauptziel ErfĂŒllung ist (also eine Ersatzhandlung), keine wirklich befriedigende ErfĂŒllung bringen kann. Mit anderen Worten, eine solche Handlung befriedigt nicht wirklich das BedĂŒrfnis nach dem power process. (Siehe Absatz 41) Dieses BedĂŒrfnis kann nur durch TĂ€tigkeiten völlig befriedigt werden, die ein Ă€ußeres Ziel haben, so wie physische Notwendigkeiten, Sex, Liebe, soziale Geltung, Rache usw.

65. Überdies sind die meisten Menschen, die solche Ziele haben, die durch Geld verdienen, Erklimmen der Karriereleiter oder das gute Funktionieren als Teil im System zu erreichen sind, nicht in der Position, ihre Ziele AUTONOM zu verfolgen. Die meisten Arbeiter sind als Angestellte von jemand anderem abhĂ€ngig und mĂŒssen, wie wir in Abschnitt 61 ausgefĂŒhrt haben, den ganzen Tag Dinge tun, die ihnen aufgetragen wurden, auf die Art und Weise, wie es ihnen aufgetragen wurde. Selbst diejenigen, die in ihrem eigenen Unternehmen arbeiten, haben dadurch nur begrenzte Autonomie. Es ist eine stĂ€ndige Klage kleiner Gewerbetreibender und Unternehmer, dass ihnen durch ĂŒbertriebene staatliche Reglementierung die HĂ€nde gebunden seien. Einige dieser Reglementierungen sind zweifellos unnötig, aber meistens sind staatliche EinschrĂ€nkungen grundlegende und unabdingbare Aspekte unserer extrem komplexen Gesellschaft. Ein großer Teil der kleinen Unternehmen arbeitet heute auf der Basis von Franchise-Systemen. Vor ein paar Jahren wurde im Wall Street Journal berichtet, dass viele der Franchise-Lizenzgeber von den Bewerbern verlangen, einen Persönlichkeitstest zu machen, der jene AUSSCHLIESSEN soll, die KreativitĂ€t und Initiative erkennen lassen, denn solche Personen sind nicht ausreichend unterwĂŒrfig, um im Franchise-System gehorsam zu funktionieren. Damit sind viele Unternehmer, die ein besonderes BedĂŒrfnis nach Autonomie haben, vom GeschĂ€ft ausgeschlossen.

66. Heutzutage leben die Menschen eher nach dem, was das System fĂŒr sie tut oder was es ihnen antut, als nach dem, was sie fĂŒr sich selbst tun. Und was sie fĂŒr sich tun, verlĂ€uft immer mehr in den Bahnen, die das System vorgibt. Gelegenheiten ergeben sich nur, wenn das System sie bereitstellt, sie mĂŒssen innerhalb der Regeln und Reglementierungen genutzt werden und unter Beachtung der Techniken, die Fachleute vorgeben, wenn das Unternehmen Erfolg haben soll.

67. Somit ist in unserer Gesellschaft kein power process möglich, denn es gibt keine wirklichen Ziele und keine Autonomie, um diese Ziele durchzusetzen. Sie ist auch wegen der Zugehörigkeit dieser menschlichen TriebkrĂ€fte zur dritten Gruppe unmöglich, derjenigen TriebkrĂ€fte also, die man nicht hinreichend befriedigen kann, ganz gleich, welche Anstrengungen dafĂŒr unternommen werden. Eine dieser TriebkrĂ€fte ist das SicherheitsbedĂŒrfnis. Unser Leben hĂ€ngt von Entscheidungen anderer Leute ab; wir haben ĂŒber diese Entscheidungen keine Kontrolle und kennen ĂŒblicherweise nicht einmal die Menschen, die sie treffen. (»Wir leben in einer Welt, in der relativ wenige Menschen – vielleicht 500 oder 1000 – die wichtigen Entscheidungen treffen.« Philip B. Heymann, Harvard Law School, zitiert nach Anthony Lewis, New York Times vom 21. April 1995) Unser Leben hĂ€ngt davon ab, welche Sicherheitsstandards in Kernkraftwerken gewĂ€hrleistet sind; wie hoch der zulĂ€ssige Pestizidgehalt in unserer Nahrung ist oder wie hoch die zulĂ€ssige Luftverschmutzung; wie kompetent (oder inkompetent) unser Arzt ist; ob wir einen Job bekommen oder verlieren, kann von Entscheidungen abhĂ€ngen, die von Wirtschaftsexperten der Regierung oder von Firmenmanagem getroffen werden, und so weiter. Die meisten Individuen sind nicht in der Lage, sich gegen diese Bedrohungen mehr als zu einem sehr geringen Grad abzusichem. Das SicherheitsbedĂŒrfnis des Einzelnen ist daher frustriert, was zu einem GefĂŒhl der Ohnmacht fĂŒhrt.

68. Man könnte ein wenden, dass der primitive Mensch physisch in grĂ¶ĂŸerer Unsicherheit lebte als der moderne Mensch, was sich auch in seiner kĂŒrzeren Lebenserwartung zeigt, und der moderne Mensch eher weniger Unsicherheit erleide, jedenfalls nicht mehr, als es fĂŒr Menschen normal ist. Doch geht psychologische Sicherheit nicht so eng mit physischer Sicherheit einher. Was uns uns sicher FÜHLEN lĂ€sst, ist nicht so sehr die objektive Sicherheit, als vielmehr ein GefĂŒhl des Vertrauens in unsere FĂ€higkeiten, fĂŒr uns selbst zu sorgen. Der primitive Mensch, der von einem Raubtier oder durch Hunger bedroht ist, kann sich kĂ€mpfend verteidigen oder auf der Suche nach Nahrung fortziehen. Er hat keine Erfolgsgarantie bei diesen Anstrengungen, aber er steht den Dingen, die ihn bedrohen, keinesfalls hilflos gegenĂŒber. Das moderne Individuum ist dagegen vielen Bedrohungen hilflos ausgeliefert: nukleare UnfĂ€lle, krebserregende Stoffe in der Nahrung, Umweltverschmutzung, Krieg, Steuererhöhungen, Eingriffe in seine PrivatsphĂ€re durch große Organisationen, das ganze Land betreffende gesellschaftliche und wirtschaftliche Ereignisse, die seine Lebensweise zerstören können.

69. Es stimmt, dass auch der primitive Mensch gegen einige Bedrohungen machtlos ist, zum Beispiel gegen Krankheiten. Diesem Krankheitsrisiko kann er aber gelassen entgegensehen, denn es gehört zu den natĂŒrlichen Dingen, es ist niemandes Schuld, außer die von imaginĂ€ren, verkörperten DĂ€monen vielleicht. Dagegen sind die Bedrohungen des modernen Menschen weitgehend durch den MENSCHEN verursacht. Sie sind nicht das Ergebnis von ZufĂ€llen, sondern werden ihm von anderen Personen, deren Entscheidungen er einzeln nicht beeinflussen kann, AUFERLEGT. Infolgedessen entstehen bei ihm GefĂŒhle von Frustration, DemĂŒtigung und Wut.

70. Somit bestimmt der primitive Mensch grĂ¶ĂŸtenteils selbst ĂŒber seine Sicherheit (entweder als Individuum oder als Mitglied einer KLEINEN Gruppe), wĂ€hrend die Sicherheit des modernen Menschen in den HĂ€nden von Menschen oder Organisationen liegt, die entweder zu fern oder zu umfassend sind, als dass er sie persönlich beeinflussen könnte. Damit gehört das BedĂŒrfnis des modernen Menschen nach Sicherheit in die erste und dritte Gruppe; in einigen Bereichen (wie Nahrung, Unterkunft usw.) ist seine Sicherheit durch nur geringe Anstrengungen garantiert, wohingegen es in anderen Bereichen fĂŒr ihn UNMÖGLICH ist, Sicherheit zu erlangen. (Das Gesagte vereinfacht die reale Situation stark, verdeutlicht aber im Groben und Allgemeinen den Unterschied der Lebensbedingungen zwischen dem modernen und dem primitiven Menschen.)

71. Menschen haben auch viele vorĂŒbergehende BedĂŒrfnisse oder Impulse, die im modernen Leben zwangslĂ€ufig frustriert werden und die also in die dritte Gruppe fallen. Zum Beispiel werden Menschen wĂŒtend, aber die Gesellschaft lĂ€sst körperliche Auseinandersetzungen nicht zu. In vielen Situationen ist nicht einmal verbale Aggression erlaubt. Ob man eilig irgendwohin möchte oder aber Lust hat, langsam zu fahren, es bleibt einem nichts anderes ĂŒbrig, als sich dem fließenden Verkehr anzupassen und die Verkehrsschilder zu beachten. Möglicherweise wĂŒrde man eine andere Arbeitsweise vorziehen, aber ĂŒblicherweise muss man die Arbeit nach den vom Arbeitgeber vorgegebenen Regeln verrichten. Auf vielfache Weise wird der moderne Mensch durch ein Netzwerk von Regeln und Vorschriften (expliziten oder impliziten) niedergehalten, das viele seiner Impulse unterdrĂŒckt und somit den power process stört. Die meisten dieser Vorschriften sind fĂŒr das Funktionieren der Industriegesellschaft unabkömmlich.

72. In gewisser Hinsicht ist die moderne Gesellschaft extrem freizĂŒgig. In Bereichen, die fĂŒr das Funktionieren des Systems irrelevant sind, können wir im Allgemeinen tun, was wir wollen. Wir können jeder beliebigen Religion angehören (wenn diese nicht ein Verhalten fördert, das eine Gefahr fĂŒr das System darstellt). Wir können mit jedem beliebigen Partner ins Bett gehen (solange wir »safer sex« praktizieren). Wir können alles tun, was wir wollen, solange es UNWICHTIG ist. In allen WICHTIGEN Bereichen wird das System jedoch in zunehmendem Maße unser Verhalten bestimmen.

73. Verhalten wird nicht nur durch Vorschriften und nicht nur von der Regierung bestimmt. Oft wird Kontrolle durch indirekten Zwang oder durch psychologischen Druck oder Manipulation ausgeĂŒbt, durch andere Organisationen als die Regierung oder durch das System selbst. Die meisten großen Organisationen nutzen Formen der Propaganda, um damit allgemeine Einstellungen und Verhaltensweisen zu manipulieren. Propaganda beschrĂ€nkt sich nicht allein auf Werbung und Reklame, und mitunter wird sie nicht einmal von den Leuten, die sie machen, bewusst als Propaganda verstanden. Zum Beispiel ist der Inhalt von Unterhaltungsprogrammen eine mĂ€chtige Propaganda. Ein Beispiel von indirektem Zwang: Es gibt kein Gesetz, dass uns zwingt, jeden Tag zur Arbeit zu gehen und den Anordnungen unserer Vorgesetzten zu folgen. Vom Gesetz her kann uns niemand hindern, wie primitive Menschen in der Wildnis zu leben oder uns selbststĂ€ndig zu machen. In der RealitĂ€t ist aber kaum noch Wildnis vorhanden, und in der Wirtschaft ist nur fĂŒr eine begrenzte Anzahl von kleinen SelbststĂ€ndigen Platz. Somit können die meisten von uns nur als Angestellte ĂŒberleben.

74. Unserer Ansicht nach ist das zwanghafte Streben des modernen Menschen nach langer Lebensdauer, nach andauernder physischer VitalitĂ€t und sexueller AttraktivitĂ€t bis ins hohe Alter ein Symptom fĂŒr die UnerfĂŒlltheit seines Lebens, die ihren Grund in der Deprivation des power process hat. Ein solches Symptom ist auch die sogenannte »Midlife-Crisis« sowie der in der modernen Gesellschaft weit verbreitete Verzicht auf Kinder, der in primitiven Gesellschaften nahezu unbekannt ist.

75. In primitiven Gesellschaften bedeutet Leben die Aufeinanderfolge von Lebensabschnitten. Wenn die BedĂŒrfnisse und Zwecke eines Lebensabschnitts erfĂŒllt sind, besteht keine besondere Abneigung dagegen, zum nĂ€chsten Abschnitt ĂŒberzugehen. Der power process eines jungen Mannes besteht darin, zum JĂ€ger zu werden, nicht als Sport oder weil es ihm ErfĂŒllung gibt, sondern um das fĂŒr seine Nahrung notwendige Fleisch zu bekommen. (Bei jungen Frauen verlĂ€uft der power process komplexer, da hier mehr Gewicht auf der sozialen Macht liegt; er soll hier nicht weiter berĂŒcksichtigt werden.) Wenn der junge Mann diese Lebensphase hinter sich hat, wird er ohne Widerstreben sesshaft werden und die Verantwortung fĂŒr die GrĂŒndung einer Familie ĂŒbernehmen. (Im Gegensatz dazu schieben viele moderne Menschen den Kinderwunsch auf unabsehbare Zeit hinaus, weil sie zu sehr damit beschĂ€ftigt sind, irgendwelche »ErfĂŒllung« zu suchen. Unserer Meinung nach liegt die ErfĂŒllung, die sie suchen, in der angemessenen Erfahrung des power process – mit wahren Zielen anstelle der kĂŒnstlichen Ziele und Ersatzhandlungen.) Wenn der primitive Mensch dann seine Kinder aufgezogen hat und sie durch den power process mit allem Lebensnotwendigen versorgt hat, hat er seine Aufgabe erfĂŒllt und ist bereit, Alter (falls er so lange lebt) und Tod zu akzeptieren. Dagegen verstört viele moderne Menschen die Aussicht auf körperlichen Verfall und Tod, was sich in den fortwĂ€hrenden Anstrengungen zeigt, die sie fĂŒr die Erhaltung ihrer körperlichen Kondition, ihres guten Aussehens und ihrer Gesundheit unternehmen. Dies ist ein Zeichen fĂŒr die UnerfĂŒlltheit, die daher rĂŒhrt, dass diese Menschen ihre körperliche Kraft niemals fĂŒr irgendwelche praktischen Zwecke eingesetzt haben, dass sie nie den power process durchlaufen haben, in dem sie ihre Körper ernsthaft hĂ€tten nutzen mĂŒssen. Der primitive Mensch, der seinen Körper tĂ€glich fĂŒr praktische Zwecke braucht, fĂŒrchtet den Alterungsprozess nicht, nur der moderne Mensch, der seinen Körper nie zu anderen Zwecken genutzt hat als von seinem Auto in sein Haus zu gelangen. Der Mann, dessen BedĂŒrfnis nach dem power process im Laufe seines Lebens befriedigt wurde, ist am besten auf das Ende dieses Lebens vorbereitet und kann es akzeptieren.

76. Aus der Argumentation in diesem Abschnitt könnte man schlussfolgern: »Die Gesellschaft muss einen Weg finden, den Menschen Gelegenheit zu geben, den power process zu durchlaufen.« Doch wird das fĂŒr jene, die ein BedĂŒrfnis nach Autonomie im power process haben, nicht funktionieren. Denn fĂŒr solche Menschen ist die Gelegenheit gerade dadurch nichts mehr wert, dass die Gesellschaft sie ihnen gibt. Vielmehr mĂŒssen sie selbst ihre eigenen Gelegenheiten finden oder schaffen. Solange das System ihnen Gelegenheiten GIBT, liegen sie an seiner Leine. Um Autonomie zu erreichen, mĂŒssen sie sich von dieser Leine losmachen.

PROBLEME DER ANPASSUNG

77. Nicht jeder in der industriell-technologischen Gesellschaft leidet unter psychologischen Problemen. Manche bekennen sogar, in der bestehenden Gesellschaft recht zufrieden zu sein. Wir wollen nun ĂŒber einige der GrĂŒnde dafĂŒr sprechen, dass die Reaktion der Menschen auf die moderne Gesellschaft so unterschiedlich ausfĂ€llt.

78. Erstens gibt es zweifellos angeborene Unterschiede in der StĂ€rke des Machttriebs. Menschen mit einem schwachen Machttrieb werden ein relativ geringes BedĂŒrfnis haben, den power process zu durchlaufen, oder zumindest ein relativ geringes BedĂŒrfnis nach Selbstverwirklichung und nach Selbstbestimmung im power process. Es sind fĂŒgsame Typen, die auch als Plantagenneger in den alten SĂŒdstaaten glĂŒcklich geworden wĂ€ren. (Damit wollen wir keineswegs Verachtung fĂŒr die »Plantagenneger« der SĂŒdstaaten ausdrĂŒcken. Man muss ihnen zugestehen, dass die meisten dieser Sklaven NICHT mit ihrer Knechtschaft zufrieden waren. Wir verachten diejenigen, die mit Knechtschaft zufrieden SIND.)

79. Manche Menschen haben ein außergewöhnlich starkes BedĂŒrfnis nach Selbstverwirklichung. Zum Beispiel können Leute, die ein besonders ausgeprĂ€gtes GeltungsbedĂŒrfnis haben, ihr ganzes Leben damit verbringen, unermĂŒdlich die Erfolgsleiter des gesellschaftlichen und sozialen Status zu erklimmen, ohne dass es ihnen jemals langweilig wird.

80. Auch die EmpfĂ€nglichkeit fĂŒr Werbung und Vermarktungsstrategien ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manche sind derart empfĂ€nglich, dass sie, selbst wenn sie sehr viel Geld verdienen, nicht ihr stĂ€ndiges Begehren fĂŒr die glitzernden neuen Spielzeuge, die die Marketingindustrie ihnen vorfĂŒhrt, befriedigen können. Selbst wenn sie ein hohes Einkommen haben, geraten sie schnell in finanzielle Schwierigkeiten und können sich nicht alle AnsprĂŒche erfĂŒllen.

81. Andere sind fĂŒr Werbung und Vermarktungsstrategien nahezu unempfĂ€nglich. Diese Menschen sind an Geld nicht interes siert. Die AnhĂ€ufung materieller GĂŒter befriedigt nicht ihr BedĂŒrfnis nach dem power process.

82. Menschen mit durchschnittlicher EmpfĂ€nglichkeit fĂŒr Werbung und Vermarktungsstrategien sind in der Lage, genug Geld zu verdienen, um ihr Begehren fĂŒr GĂŒter und Dienstleistungen zu befriedigen, aber nur aufgrund grĂ¶ĂŸerer Anstrengungen (sie machen Überstunden, nehmen Zweitjobs an, bemĂŒhen sich um Beförderungen usw.). Insofern dient die AnhĂ€ufung materieller GĂŒter dem BedĂŒrfnis nach ihrer Selbstverwirklichung im power process. Aber daraus folgt nicht notwendigerweise, dass dieses BedĂŒrfnis vollstĂ€ndig befriedigt wird. Es kann sein, dass diese Menschen nur unzureichende Autonomie im power process haben (etwa wenn ihre Arbeit darin besteht, Anweisungen zu erfĂŒllen) und einige ihrer Triebe können frustriert werden (z.B. der nach Sicherheit oder nach Aggression). (In den Abschnitten 80-82 machen wir uns der Vereinfachung schuldig, weil wir voraussetzen, dass der Wunsch nach AnhĂ€ufung von materiellen GĂŒtern allein durch die Werbe- und Marketingindustrie geschaffen wird. So einfach ist das natĂŒrlich nicht.)

83. Manche Menschen befriedigen ihr BedĂŒrfnis nach Macht zum Teil dadurch, dass sie sich mit einer mĂ€chtigen Organisation oder einer Massenbewegung identifizieren. Eine Person, der Macht oder eigene Ziele fehlen, schließt sich einer Bewegung oder einer Organisation an, ĂŒbernimmt deren Zielsetzungen als ihre eigenen und arbeitet dann auf deren Verwirklichung hin. Werden einige dieser Ziele erreicht, dann empfindet der Einzelne, mögen seine persönlichen Anstrengungen auch eine unbedeutende Rolle in der Verwirklichung der Ziele gespielt haben, (durch die Identifikation mit der Bewegung oder der Organisation) so, als habe er den power process durchlaufen. Dieses PhĂ€nomen wurde von Faschisten, Nazis und Kommunisten ausgenutzt. Auch unsere Gesellschaft nutzt es, wenn auch weniger offensichtlich. Beispiel: Manuel Noriega war fĂŒr die USA ein Ärgernis. (Ziel: Bestrafung Noriegas.) Die USA marschierten in Panama ein (Anstrengung) und bestraften Noriega (Erreichung des Ziels). Die USA durchliefen damit den power process, und viele Amerikaner erlebten ihn stellvertretend, weil sie sich mit den USA identifizieren. Dies erklĂ€rt die weit verbreitete öffentliche Zustimmung fĂŒr die Panama-Invasion, sie hat den Leuten ein MachtgefĂŒhl vermittelt. Dasselbe PhĂ€nomen kann man in Armeen, Körperschaften, politischen Parteien, Menschenrechtsorganisationen, religiösen und ideologischen Bewegungen beobachten. Besonders linksgerichtete Bewegungen haben fĂŒr Menschen, die ihr MachtbedĂŒrfnis befriedigen wollen, eine große Anziehungskraft. Dennoch kann die Identifikation mit großen Organisationen oder Massenbewegungen das MachtbedĂŒrfnis der meisten Menschen nicht völlig befriedigen.

84. Eine andere Möglichkeit zur Befriedigung des BedĂŒrfnisses nach Selbstverwirklichung im power process können Ersatzhandlungen sein. Wie wir in den Abschnitten 38-40 erklĂ€rt haben, ist eine Ersatzhandlung auf ein kĂŒnstliches Ziel ausgerichtet, das jemand um der »ErfĂŒllung« willen verfolgt, die er sich vom Verfolgen dieses Ziels verspricht, und nicht, weil er das Ziel selbst erreichen mĂŒsste. Zum Beispiel gibt es keinen praktischen Grund, sich enorme Muskeln anzutrainieren, einen kleinen weißen Ball in ein Loch zu schlagen oder einen kompletten Satz Briefmarken zusammenzukriegen. Dennoch widmen sich viele Menschen in unserer Gesellschaft mit Leidenschaft dem Bodybuilding, Golfspielen oder Briefmarkensammeln. Einige Menschen sind stĂ€rker »fremdbestimmt« als andere und sind deshalb eher geneigt, einer Ersatzhandlung Bedeutung beizumessen, bloß weil diese von den Menschen in ihrer Umgebung als bedeutsam betrachtet wird oder weil die Gesellschaft ihnen sagt, sie sei wichtig. Deshalb nehmen manche Menschen völlig triviale AktivitĂ€ten wie Sport, Bridge, Schach oder obskures Streben nach Wissen sehr wichtig, wohingegen andere, scharfsichtigere Menschen diese Dinge stets nur als das sehen, was sie sind, nĂ€mlich Ersatzhandlungen, und ihnen deshalb auch niemals genĂŒgend Bedeutung beimessen, um ihr BedĂŒrfnis nach dem power process auf diese Weise zu befriedigen. HinzuzufĂŒgen ist nur noch, dass die dem Lebensunterhalt dienende BerufstĂ€tigkeit hĂ€ufig auch eine Art Ersatzhandlung ist. Keine REINE Ersatzhandlung, da diese BeschĂ€ftigung teilweise wirklich dazu dient, den physisch notwendigen Lebensunterhalt zu erwerben sowie (fĂŒr manche Menschen) den sozialen Status und den Luxus, den die Werbung sie verlangen lĂ€sst. Doch viele Menschen widmen sich ihrer Arbeit mit einer weit grĂ¶ĂŸeren Anstrengung, als nötig wĂ€re, um so viel Geld und Status zu erwerben, wie sie benötigen, und diese zusĂ€tzliche Anstrengung ist eine Ersatzhandlung. Diese zusĂ€tzliche Anstrengung, zusammen mit dem emotionalen Einsatz, der diese begleitet, ist eine der mĂ€chtigsten KrĂ€fte zur kontinuierlichen Entwicklung und Perfektionierung des Systems, mit negativen Folgen fĂŒr die individuelle Freiheit (vgl. Abschnitt 131). Besonders fĂŒr die kreativsten Wissenschaftler und Ingenieure ist Arbeit zum großen Teil Ersatzhandlung. Dieser Punkt ist derart wichtig, dass er eine gesonderte Erörterung erfordert, die wir in KĂŒrze vornehmen werden (Abschnitte 87-92).

85. In diesem Abschnitt haben wir dargelegt, wie viele Menschen in der modernen Gesellschaft ihr BedĂŒrfnis nach dem power process tatsĂ€chlich mehr oder weniger befriedigen. Doch glauben wir, dass die Mehrheit der Menschen ihr BedĂŒrfnis nach dem power process nicht vollstĂ€ndig befriedigen kann. Denn zum einen stellen die Menschen, die ein unersĂ€ttliches GeltungsbedĂŒrfnis haben, oder die sich einer Ersatzhandlung völlig verschreiben, oder die sich stark genug mit einer Bewegung oder Organisation identifizieren, um ihren Machttrieb auf diese Weise zu befriedigen, Ausnahmen dar. Andere sind weder durch Ersatzhandlungen noch durch Identifikation mit einer Organisation vollstĂ€ndig zu befriedigen (vgl. Abschnitte 41 und 64). Zum anderen ĂŒbt das System durch explizite Vorschriften oder durch Anpassungsdruck zu viel Kontrolle aus, was zu einem Mangel an Autonomie fĂŒhrt und zu Frustration ĂŒber die Unmöglichkeit, bestimmte Ziele zu erreichen und ĂŒber den Zwang, zu viele Impulse unterdrĂŒcken zu mĂŒssen.

86. Doch selbst wenn die meisten Menschen in der industrielltechnologischen Gesellschaft zufriedengestellt wĂ€ren, wĂŒrden wir (FC) uns dennoch gegen diese Gesellschaftsform auflehnen, (unter anderem) weil wir es erniedrigend finden, wenn das BedĂŒrfnis nach dem power process durch Ersatzhandlungen oder durch Identifikation mit mĂ€chtigen Organisationen befriedigt wird anstatt durch das Streben nach wahren Zielen.

MOTIVATION DER WISSENSCHAFTLER

87. Wissenschaft und Technologie bilden die wichtigsten Beispiele fĂŒr Ersatzhandlungen. Manche Wissenschaftler behaupten, ihre Motivation bestehe in »Neugier« oder in einem Wunsch nach »Nutzen fĂŒr die Menschheit«. Doch es ist leicht zu durchschauen, dass weder das eine noch das andere das Hauptmotiv der meisten Wissenschaftler sein kann. Was die »Neugier« betrifft, so ist diese Vorstellung einfach absurd. Die meisten Wissenschaftler arbeiten an hoch spezialisierten Problemen, die normaler Neugier nicht zugĂ€nglich sind. Kann man etwa behaupten, dass ein Astronom, ein Mathematiker oder ein Insek- tenkundler neugierig auf die Eigenschaften von Isopropyltri- methylmethan ist? SelbstverstĂ€ndlich nicht. Nur ein Chemiker empfindet dafĂŒr Neugier, und nur deshalb, weil Chemie seine Ersatzhandlung darstellt. Ist aber der Chemiker neugierig auf die geeignete Klassifizierung einer neuen KĂ€ferart? Nein. Denn diese Frage interessiert nur den Insektenkundler, weil Insektenkunde dessen Ersatzhandlung ist. Wenn der Chemiker und der Insektenkundler fĂŒr die Sicherung ihrer existenziellen BedĂŒrfnisse ernsthafte Anstrengungen unternehmen mĂŒssten, und wenn diese Anstrengungen ihre FĂ€higkeiten auf eine interessante Weise, aber nicht in wissenschaftlichem Streben herausfordern wĂŒrden, dann wĂŒrden sie sich um Isopropyltrimethylmethan oder die Klassifizierung von KĂ€fern einen Dreck scheren. Nehmen wir einmal an, dass knappe Geldmittel der Graduiertenförderung dazu gefĂŒhrt hĂ€tten, dass der Chemiker stattdessen Versicherungsagent geworden wĂ€re. In diesem Fall wĂ€re er sehr an Versicherungsangelegenheiten interessiert, Iso- propyltrimethylmethan wĂ€re ihm aber gleichgĂŒltig. Jedenfalls ist es nicht normal, der Befriedigung bloßer Neugier derart viel Zeit und Anstrengung zu widmen, wie Wissenschaftler in ihre Arbeit investieren. Mit »Neugier« ist die Motivation der Wissenschaftler nicht zu erklĂ€ren.

88. Die ErklĂ€rung, es gehe ihnen um den »Nutzen fĂŒr die Menschheit«, ist nicht plausibler. Manche Wissenschaften haben gar keinen denkbaren Bezug zum Wohlergehen der Menschheit – ArchĂ€ologie zum Beispiel oder vergleichende Sprachwissenschaften. Andere Wissenschaftsgebiete eröffnen ganz offensichtlich gefĂ€hrliche Möglichkeiten. Und doch sind die Wissenschaftler in diesen Gebieten ebenso begeistert von ihrer Arbeit wie die, die an der Entwicklung eines Impfstoffs arbeiten oder Luftverschmutzung untersuchen. Man denke an den Fall des Dr. Edward Teller, der sich offensichtlich emotional berĂŒhrt fĂŒr Kernkraftwerke einsetzte. Kann man behaupten, dass dieser Einsatz aus dem Wunsch herrĂŒhrte, der Menschlichkeit zu dienen? Wenn das so wĂ€re, warum hat sich Dr. Teller nicht fĂŒr andere »humanitĂ€re« Aufgaben begeistert? Wenn er so ein Menschenfreund war, warum hat er sich dann an der Entwicklung der Wasserstoffbombe beteiligt? Wie bei vielen anderen wissenschaftlichen Errungenschaften ist es Ă€ußerst fragwĂŒrdig, inwiefern Kernkraftwerke tatsĂ€chlich zum Nutzen der Menschheit sind. Wiegt die billige ElektrizitĂ€t den sich ansammelnden nuklearen Abfall und das Risiko von UnfĂ€llen auf? Dr. Teller hat nur die eine Seite dieser Frage betrachtet. Es ist völlig klar, dass sein emotionales Eintreten fĂŒr die Atomkraft nicht dem Wunsch nach »Nutzen fĂŒr die Menschheit« entsprang, sondern einer persönlichen Befriedigung, die er aus seiner Arbeit und der Möglichkeit, diese in die Praxis umgesetzt zu sehen,zog.

89. Dies trifft auf alle Wissenschaftler zu. Von möglichen, wenigen Ausnahmen abgesehen sind ihre Motive weder Neugier noch der Wunsch, der Menschheit zu nĂŒtzen, sondern das BedĂŒrfnis, den power process zu durchlaufen: ein Ziel zu haben (ein wissenschaftliches Problem zu lösen), eine Anstrengung zu unternehmen (Forschung) und das Ziel zu erreichen (Lösung des Problems). Wissenschaft ist eine Ersatzhandlung, weil die Wissenschaftler hauptsĂ€chlich um der ErfĂŒllung willen arbeiten, die ihnen diese Arbeit bringt.

90. NatĂŒrlich ist das nicht so simpel. Bei vielen Wissenschaftlern spielen noch andere Motive eine Rolle. Geld und Status zum Beispiel. Manche Wissenschaftler gehören zum Typus mit dem unersĂ€ttlichen Geltungsdrang (vgl. Abschnitt 79), und in diesem mag ein großer Teil ihrer Motivation bestehen. Ganz sicher ist die Mehrheit der Wissenschaftler, wie die Mehrheit der Gesamtbevölkerung, fĂŒr Werbung und Marketingstrategien mehr oder weniger empfĂ€nglich, und braucht daher Geld, um ihr Begehren nach GĂŒtern und Dienstleistungen zu befriedigen. Somit ist Wissenschaft keine REINE Ersatzhandlung. Aber sie ist zum großen Teil eine Ersatzhandlung.

91. Außerdem haben sich Wissenschaft und Technologie zu einer mĂ€chtigen Massenbewegung entwickelt, und viele Wissenschaftler erfĂŒllen ihr MachtbedĂŒrfnis, indem sie sich mit dieser Massenbewegung identifizieren (vgl. Abschnitt 83).

92. Der Vormarsch der Wissenschaft geschieht blindlings, ohne dass ein wirklicher Nutzen fĂŒr die Menschheit dabei in Betracht gezogen wĂŒrde, er ist einzig orientiert an den psychologischen BedĂŒrfnissen der Wissenschaftler, der Regierungsbeamten und Untemehmensmanager, die Forschungsmittel dafĂŒr bereitstellen.

DAS WESEN DER FREIHEIT

93. Wir werden ausfĂŒhren, dass die fortschreitende EinschrĂ€nkung der Freiheit der Menschen in der industriell-technologischen Gesellschaft nicht durch Reformen dieser Gesellschaft aufgehalten werden kann. Doch weil »Freiheit« ein Begriff ist, der auf vielfache Weise interpretiert werden kann, werden wir zunĂ€chst definieren, welche Art von Freiheit wir meinen.

94. Wir verstehen unter »Freiheit« die Möglichkeit, den power process zu durchlaufen, mit wahren Zielen und nicht den kĂŒnstlichen Zielen von Ersatzhandlungen, und ohne Einmischung, Manipulation oder Überwachung durch wen auch immer, besonders nicht durch große Organisationen. Freiheit bedeutet, die Kontrolle (als Individuum oder Mitglied einer KLEINEN Gruppe) ĂŒber die existenziellen Dinge des eigenen Lebens zu haben: Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Verteidigung gegen jedwede Ă€ußere Bedrohung. Freiheit bedeutet, Macht zu haben, aber nicht die Macht, andere Menschen zu kontrollieren, sondern die Macht, die eigenen LebensumstĂ€nde zu kontrollieren. Man hat keine Freiheit, wenn irgendjemand (insbesondere eine große Organisation) Macht ĂŒber einen ausĂŒbt, egal wie wohltĂ€tig, tolerant oder freizĂŒgig diese ausgeĂŒbt wird. Freiheit ist keinesfalls mit FreizĂŒgigkeit zu verwechseln (vgl. Abschnitt 72).

95. Es wird behauptet, dass wir in einer freien Gesellschaft leben, weil uns durch die Verfassung eine Reihe von Rechten garantiert wird. Diese sind aber nicht so wichtig, wie sie scheinen. Der Grad der persönlichen Freiheit in einer Gesellschaft wird eher durch die wirtschaftliche und technologische Struktur dieser Gesellschaft bestimmt als durch ihre Gesetze oder ihre Regierungsform. Die meisten Indianer-Nationen in Neuengland waren Monarchien, und viele StĂ€dte der italienischen Renaissance wurden von Diktatoren beherrscht. Jedoch kann man sich beim Lesen ĂŒber diese Gesellschaften nicht des Eindrucks erwehren, dass sie weit mehr persönliche Freiheit zuließen als unsere Gesellschaft. Teilweise lag das daran, dass ihnen effiziente Mittel fehlten, um den Willen des Herrschers durchzusetzen: es gab keinen modernen, gut organisierten Polizeiapparat, keine schnelle Femkommunikation, keine Überwachungskameras, keine Informationsberichte ĂŒber das Leben der DurchschnittsbĂŒrger. Somit war es relativ leicht, der Kontrolle auszu weichen.

96. Was unsere durch die Verfassung garantierten Rechte betrifft, so denke man beispielsweise an die Pressefreiheit. Wir wollen dieses Recht ganz sicherlich nicht abschaffen; es ist ein sehr wichtiges Mittel, um die Konzentration der politischen Macht einzugrenzen und um diejenigen, die politische Macht besitzen, durch die öffentliche Bekanntmachung ihres Fehlverhaltens zu zĂŒgeln. Jedoch ist die Pressefreiheit fĂŒr den DurchschnittsbĂŒrger als Person nur von geringem Nutzen. Die Massenmedien stehen grĂ¶ĂŸtenteils unter der Kontrolle großer Organisationen, die in das System integriert sind. Jeder kann fĂŒr wenig Geld etwas drucken lassen oder im Internet publizieren, doch was er zu sagen hat, wird in der Masse der Medieninformationen untergehen und deshalb nur wenig Wirkung erzielen. Die Gesellschaft mit Worten zu beeindrucken ist deshalb fĂŒr die meisten Einzelpersonen oder kleinen Gruppen nahezu unmöglich. Nehmen wir uns (FC) selbst zum Beispiel. Wenn wir nicht gewaltsam gehandelt und die vorliegende Schrift einem Verleger vorgelegt hĂ€tten, wĂ€re sie wahrscheinlich nicht angenommen worden. Selbst wenn sie akzeptiert und veröffentlicht worden wĂ€re, hĂ€tte sie wahrscheinlich nicht viele Leser interessiert, denn es macht mehr Spaß, die Unterhaltungssendungen der Medien anzusehen als eine nĂŒchterne Abhandlung zu lesen. Aber selbst wenn diese Schrift viele Leser gefunden hĂ€tte, wĂŒrden die meisten dieser Leser das Gelesene bald vergessen haben, weil ihr GedĂ€chtnis durch die Informationsflut der Massenmedien ĂŒberflutet wird. Damit wir ĂŒberhaupt eine Chance hatten, unsere Botschaft mit nachhaltigem Eindruck zu veröffentlichen, mussten wir Menschen töten.

97. Durch die Verfassung festgeschriebene Rechte sind bis zu einem gewissen Grad nĂŒtzlich, aber sie können nicht viel mehr garantieren als das, was man eine bĂŒrgerliche Auffassung von Freiheit nennen könnte. GemĂ€ĂŸ der bĂŒrgerlichen Auffassung ist ein »freier« Mensch im Wesentlichen Teil einer gesellschaftlichen Maschinerie und hat nur ein bestimmtes BĂŒndel vorgeschriebener und begrenzter Freiheiten, Freiheiten nĂ€mlich, die vor allem der gesellschaftlichen Maschine dienen und weniger dem Einzelnen. So hat der bĂŒrgerliche »freie« Mensch wirtschaftliche Freiheit, weil sie Wachstum und Fortschritt dient; er hat Pressefreiheit, weil öffentliche Kritik das Fehl verhalten politischer FĂŒhrer einschrĂ€nkt; er hat das Recht auf einen fairen Prozess, weil Verhaftungen nach der bloßen WillkĂŒr der MĂ€chtigen schlecht fĂŒr das System wĂ€ren. Dies entspricht eindeutig der Haltung Simon Bolivars. Ihm zufolge verdienten die Menschen nur dann Freiheit, wenn sie sie dazu einsetzen, den Fortschritt zu fördern (Fortschritt im bĂŒrgerlichen VerstĂ€ndnis). Andere bĂŒrgerliche Denker haben eine Ă€hnliche Auffassung von Freiheit vertreten, sie als bloßes Mittel zum gemeinsamen Zweck verstanden. Chester C. Tan, Chinesisches Politisches Denken im Zwanzigsten Jahrhundert, Seite 202, erklĂ€rt die Philosophie des Kuomintang-FĂŒhrers Hu Han-min: »Einem Einzelnen werden Rechte zugestanden, weil er ein Mitglied der Gesellschaft ist und das Leben der Gemeinschaft diese Rechte erfordert. Mit Gemeinschaft meint Hu Han-min die gesamte Gesellschaft oder Nation.« Auf Seite 259 fĂŒhrt Tan aus, dass Freiheit Carsum Chang (Chang Chun-mai, FĂŒhrer der Sozialistischen Staatspartei Chinas) zufolge im Interesse des Staates und des gesamten Volkes als Gesamtheit genutzt werden muss. Aber was fĂŒr eine Freiheit ist das, die nur auf von anderen vorgeschriebene Weise genutzt werden darf? Die Auffassung von Freiheit, die FC vertritt, ist eine andere als die Bolivars, Hus, Changs oder anderer bĂŒrgerlicher Theoretiker. Die Schwierigkeit mit solchen Theoretikern besteht darin, dass die Entwicklung und Anwendung sozialer Theorien ihre Ersatzhandlung geworden ist. Infolgedessen sind diese Theorien so entworfen, dass sie eher den BedĂŒrfnissen der Theoretiker dienen als den BedĂŒrfnissen von Menschen, die das Pech haben, in einer Gesellschaft zu leben, der diese Theorien aufgezwungen wurden.

98. Noch ein weiterer Punkt gehört in diesen Abschnitt: Man sollte nicht meinen, dass eine Person genug Freiheit hat, nur weil sie das von sich BEHAUPTET. Die Freiheit wird zum Teil durch psychologische Kontrollen eingeschrĂ€nkt, die den Menschen ĂŒberhaupt nicht bewusst sind, und darĂŒber hinaus werden die Vorstellungen der meisten Menschen dessen, was Freiheit bedeutet, stark von gesellschaftlichen Konventionen gesteuert und weniger von ihren wirklichen BedĂŒrfnissen. Zum Beispiel wĂŒrden wahrscheinlich viele ĂŒberangepasste Linke behaupten, dass die meisten Menschen, einschließlich ihrer selbst, eher zu wenig als zu stark angepasst seien, und doch zahlt der ĂŒberangepasste Linke einen hohen psychologischen Preis fĂŒr seinen hohen Grad an Angepasstheit.

EINIGE PRINZIPIEN DER GESCHICHTE

99. Man kann sich Geschichte als Summe zweier Komponenten vorstellen: einem unberechenbaren Teil, der aus unvorhersehbaren Ereignissen besteht, die keinem erkennbaren Muster folgen, und einem regelhaften Teil, der aus langfristigen historischen Strömungen besteht. Im folgenden Abschnitt geht es uns um die langfristigen Strömungen.

100. ERSTES PRINZIP. Wenn eine KLEINE VerĂ€nderung eintritt, die auf eine langfristige historische Strömung wirkt, dann ist die Wirkung dieser VerĂ€nderung fast immer nur vorĂŒbergehend – die Strömung wird bald wieder den ursprĂŒnglichen Verlauf nehmen. (Beispiel: eine Reformbewegung, die politische Korruption in einer Gesellschaft bekĂ€mpfen will, hat selten mehr als eine kurzzeitige Wirkung; frĂŒher oder spĂ€ter werden die Reformer nachlassen und die Korruption wird sich allmĂ€hlich wieder einschleichen. Der Grad politischer Korruption in einer Gesellschaft neigt dazu, konstant zu bleiben oder sich nur langsam infolge der gesellschaftlichen Weiterentwicklung zu verĂ€ndern. Normalerweise kann eine politische SĂ€uberung nur dann dauerhaft sein, wenn sie von weitreichenden sozialen VerĂ€nderungen begleitet wird; eine KLEINE VerĂ€nderung in der Gesellschaft wird nicht hinreichen.) Wenn eine kleine VerĂ€nderung innerhalb eines langfristigen historischen Verlaufs anzudauem scheint, dann nur deshalb, weil die VerĂ€nderung in die gleiche Richtung zielt wie die allgemeine Strömung und diese dadurch nicht verĂ€ndert, sondern vielmehr vorwĂ€rtsgetrieben wird.

101. Das erste Prinzip ist fast eine Tautologie. Wenn eine historische Strömung kleinen VerĂ€nderungen nicht standhielte, wĂŒrde sie keiner bestimmten Richtung folgen, sondern wĂ€re ziellos. Mit anderen Worten, es wĂŒrde sich gar nicht um eine langfristige Strömung handeln.

102. ZWEITES PRINZIP. Wenn eine VerĂ€nderung eintritt, die groß genug ist, um eine langfristige historische Strömung dauerhaft zu verĂ€ndern, dann wird sie die Gesellschaft im Ganzen verĂ€ndern. Mit anderen Worten, eine Gesellschaft ist ein System, in dem alle Teile zueinander in Beziehung stehen, und kein Teil kann dauerhaft verĂ€ndert werden, ohne dass sich alle anderen Teile auch Ă€ndern.

103. DRITTES PRINZIP. Wenn eine VerĂ€nderung eintritt, die groß genug ist, um eine langfristige Strömung dauerhaft zu verĂ€ndern, können die Folgen fĂŒr die gesamte Gesellschaft nicht vorausgesagt werden. (Es sei denn, verschiedene andere Gesellschaften haben bereits die gleiche VerĂ€nderung durchgemacht und die gleichen Folgen erlebt, in diesem Fall kann man auf empirischer Grundlage Voraussagen, dass eine andere Gesellschaft, die die gleiche VerĂ€nderung durchmacht, wahrscheinlich Ă€hnliche Folgen erleben wird.)

104. VIERTES PRINZIP. Eine neue Gesellschaft kann nicht auf dem Papier entworfen werden. Das bedeutet, man kann eine neue Gesellschaftsform nicht im Voraus planen, dann errichten und erwarten, dass sie in der geplanten Weise funktioniert.

105. Das dritte und vierte Prinzip ergeben sich aus der KomplexitÀt menschlicher Gesellschaften. Eine VerÀnderung des menschlichen Verhaltens wird sich sowohl auf die Wirtschaft einer Gesellschaft als auch auf ihre physische Umwelt auswirken; die Wirtschaft wird die Umwelt beeinflussen und umgekehrt, und die VerÀnderungen von Wirtschaft und Umwelt werden das menschliche Verhalten in komplexer, nicht vorhersehbarer Weise beeintrÀchtigen usw. Das Netzwerk von Ursache und Wirkung ist viel zu komplex, um es zu entwirren und zu begreifen.

106. FÜNFTES PRINZIP. Eine Gesellschaftsform wird von Menschen nicht bewusst und rational ausgewĂ€hlt. Gesellschaften entwickeln sich durch Prozesse sozialer Evolution, die nicht der Kontrolle der menschlichen Vernunft unterliegen.

107. Das fĂŒnfte Prinzip ergibt sich folgerichtig aus den vier anderen Prinzipien.

108. Zur ErlĂ€uterung: Das erste Prinzip besagt, dass Versuche sozialer Reformen im Allgemeinen entweder in die Richtung zielen, in die sich die Gesellschaft ohnehin entwickelt (sodass sie eine VerĂ€nderung nur beschleunigen, die in jedem Fall stattgefunden hĂ€tte), oder nur eine vorĂŒbergehende Wirkung haben, sodass die Gesellschaft bald in ihr altes Fahrwasser zurĂŒckfĂ€llt. Um eine dauerhafte VerĂ€nderung der Entwicklungsrichtung irgendeines wichtigen Aspekts der Gesellschaft zu bewirken, sind Reformen ungeeignet, und eine Revolution ist notwendig. (Revolution bedeutet nicht zwangslĂ€ufig bewaffnete Erhebung oder Sturz der Regierung.) Das zweite Prinzip besagt, dass eine Revolution niemals nur einen Aspekt der Gesellschaft verĂ€ndert, sie verĂ€ndert die Gesellschaft im Ganzen; und das dritte Prinzip besagt, dass immer VerĂ€nderungen auftreten, die von den RevolutionĂ€ren nicht erwartet oder erwĂŒnscht waren. Das vierte Prinzip besagt, dass eine Gesellschaft, die von RevolutionĂ€ren oder Utopisten entworfen wurde, nie so funktioniert wie geplant.

109. Die Amerikanische Revolution ist dafĂŒr kein Gegenbeispiel. Die Amerikanische »Revolution« war nĂ€mlich keine Revolution, wie wir sie verstehen, sondern ein UnabhĂ€ngigkeitskrieg, gefolgt von recht weitreichenden politischen Reformen. Die GrĂŒndervĂ€ter haben weder die Richtung geĂ€ndert, in die sich die amerikanische Gesellschaft entwickelte, noch haben sie dies angestrebt. Sie haben die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft lediglich von den retardierenden Auswirkungen britischer Herrschaft befreit. Ihre politische Reform hat keine grundsĂ€tzliche Strömung umgelenkt, sondern die Entwicklung der amerikanischen politischen Kultur nur in ihrer natĂŒrlichen Richtung beschleunigt. Schon die britische Gesellschaft, aus der die amerikanische hervorgegangen ist, hatte sich seit Langem in die Richtung einer reprĂ€sentativen Demokratie bewegt. Bereits vor dem UnabhĂ€ngigkeitskrieg hatten die Amerikaner in den Kolonialversammlungen reprĂ€sentative Demokratie in bedeutendem Umfang praktiziert. Das von der Verfassung etablierte politische System war dem englischen System und der Kolonialversammlung nachgebildet. Mit wichtigen Änderungen, sicherlich – zweifellos haben die GrĂŒndervĂ€ter einen wichtigen Schritt getan. Aber es war ein Schritt auf dem Weg, den die englischsprachige Welt bereits eingeschlagen hatte. Der Beweis dafĂŒr ist, dass England und diejenigen seiner Kolonien, die hauptsĂ€chlich von Menschen britischer Herkunft bevölkert waren, letztendlich alle ein System reprĂ€sentativer Demokratie eingefĂŒhrt haben, das dem der Vereinigten Staaten Ă€hnelt. HĂ€tten die GrĂŒndervĂ€ter damals die Geduld verloren und es abgelehnt, die UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung zu unterzeichnen, wĂ€re unsere Lebensweise heute nicht viel anders. Vielleicht hĂ€tten wir etwas engere Bindungen an England, ein Parlament und einen Premierminister anstelle eines Kongresses und eines PrĂ€sidenten. Keine große Sache. Somit stellt die Amerikanische Revolution kein Gegenbeispiel zu unseren Prinzipien dar, sondern illustriert diese vielmehr.

110. Trotzdem muss man seinen gesunden Menschenverstand gebrauchen, um die Prinzipien richtig anzuwenden. Wir haben sie in einer unprĂ€zisen Sprache verfasst, die Raum fĂŒr Interpretationen lĂ€sst, auch kann man Ausnahmen davon finden. Wir stellen diese Prinzipien nicht als unabĂ€nderliche Gesetze dar, sondern eher als Faustregeln oder DenkanstĂ¶ĂŸe, die vielleicht eine Art Gegenmittel zu naiven Ideen ĂŒber die Zukunft der Gesellschaft sein können. Man sollte sich diese Prinzipien immer wieder bewusst machen, und wann immer man zu Ergebnissen kommt, die diesen Prinzipien widersprechen, sollte man seine Überlegungen sorgfĂ€ltig ĂŒberprĂŒfen und seine Schlussfolgerung nur dann aufrecht halten, wenn es gute, solide GrĂŒnde dafĂŒr gibt.

DIE INDUSTRIELL-TECHNOLOGISCHE GESELLSCHAFT KANN NICHT REFORMIERT WERDEN

111. Die aufgefĂŒhrten Prinzipien machen deutlich, wie hoffnungslos schwierig es wĂ€re, das industrielle System derart zu reformieren, dass die fortschreitende EinschrĂ€nkung unserer Freiheit dadurch verhindert wĂŒrde. Es besteht eine langfristige historische Strömung, die mindestens bis auf die industrielle Revolution zurĂŒckgeht, das System auf Kosten der individuellen Freiheit und der lokalen Autonomie zu stĂ€rken. Deshalb wĂŒrde jede VerĂ€nderung, die darauf abzielt, Freiheit vor Technologie zu schĂŒtzen, einer grundlegenden Strömung in der Entwicklung unserer Gesellschaft entgegenstehen. Folgerichtig wĂ€re eine solche VerĂ€nderung entweder nur eine vorĂŒbergehende – schon bald von der Flut der Geschichte hinweggeschwemmt – oder, sie wĂŒrde, wenn sie ausreichend stark wĂ€re, um dauerhaft zu wirken, das Wesen der Gesellschaft im Ganzen verĂ€ndern. Damit wĂ€ren das erste und zweite Prinzip erfĂŒllt. DarĂŒber hinaus bestĂŒnde ein großes Risiko, dass sich die Gesellschaft in einer nicht voraussagbaren Weise verĂ€ndert (drittes Prinzip). Man kann kaum erwarten, dass VerĂ€nderungen, die groß genug wĂ€ren, um dauerhafte VerĂ€nderungen zugunsten der Freiheit zu schaffen, bewusst vorgenommen werden, denn sie wĂŒrden den Zusammenbruch des Systems herbeifĂŒhren. Also werden Reformversuche stets zu zaghaft sein, um eine Wirkung zu zeitigen. Selbst wenn VerĂ€nderungen von ausreichend großem Umfang eingeleitet wĂŒrden, die einen dauerhaften Unterschied bewirken könnten, wĂŒrden diese gestoppt werden, sobald ihre systembeeintrĂ€chtigenden Auswirkungen spĂŒrbar wĂŒrden. Also können dauerhafte VerĂ€nderungen zugunsten der Freiheit nur von Menschen herbeigefĂŒhrt werden, die zu radikalen, gefĂ€hrlichen und un vorhersehbaren Änderungen des gesamten Systems bereit sind. Anders gesagt: von RevolutionĂ€ren, nicht von Reformern.

112. Menschen, die die Freiheit retten wollen, dabei aber Ă€ngstlich darauf bedacht sind, nicht die vermeintlichen Vorteile der Technologie dafĂŒr zu opfern, werden naive Modelle einer neuen Gesellschaftsform entwerfen, in der Freiheit und Technologie versöhnt wĂ€ren. Abgesehen von der Tatsache, dass die Leute, die solche VorschlĂ€ge machen, selten auch praktische Schritte vorschlagen, wie diese neue Gesellschaftsform ĂŒberhaupt errichtet werden soll, folgt aus dem vierten Prinzip auch, dass selbst wenn die neue Gesellschaftsform irgendwann etabliert wĂŒrde, sie entweder zusammenbrechen oder gĂ€nzlich anders sein wĂŒrde als erwartet.

113. Schon auf dieser ganz allgemeinen Ebene scheint es höchst unwahrscheinlich, dass es irgendeine Möglichkeit gibt, die Gesellschaft derart zu verĂ€ndern, dass Freiheit und moderne Technologie miteinander versöhnt werden könnten. In den folgenden Abschnitten werden wir spezifischere BegrĂŒndungen fĂŒr unsere Schlussfolgerung, dass Freiheit und technologischer Fortschritt unvereinbar sind, darlegen.

DIE GRENZEN DER FREIHEIT IN DER INDUSTRIELLEN GESELLSCHAFT

114. Wie in den Abschnitten 65-67 und 70-73 dargelegt wurde, ist der moderne Mensch durch ein Geflecht von Regeln und Vorschriften gebunden, und sein Schicksal hĂ€ngt von Handlungen anderer Menschen ab, die ihm fern sind und deren Entscheidungen er nicht beeinflussen kann. Dies ist weder Zufall noch Ergebnis der WillkĂŒr arroganter BĂŒrokraten. Es ist notwendig und unvermeidlich in jeder fortgeschrittenen technologischen Gesellschaft so. Das System MUSS menschliches Verhalten streng regulieren, um funktionieren zu können. Bei der Arbeit mĂŒssen Menschen das tun, was ihnen gesagt wurde, dann, wann es ihnen gesagt wurde und auf die Art, wie es ihnen gesagt wurde, sonst wĂŒrde die Produktion im Chaos versinken. BĂŒrokratien MÜSSEN nach strengen Vorschriften gefĂŒhrt werden. BĂŒrokraten der unteren Ebenen spĂŒrbaren eigenen Ermessensspielraum zuzugestehen, wĂŒrde das System beeintrĂ€chtigen und es dem Vorwurf der Ungerechtigkeit aussetzen, weil jeder BĂŒrokrat nach seinem Ermessen und anders als ein anderer handeln wĂŒrde. Sicher könnten einige EinschrĂ€nkungen unserer Freiheit abgeschafft werden, aber IM ALLGEMEINEN ist die Regulierung unseres Lebens durch große Organisationen notwendig fĂŒr das Funktionieren der industriell-technologischen Gesellschaft. Das Ergebnis ist ein GefĂŒhl der Ohnmacht beim DurchschnittsbĂŒrger. Es ist jedoch möglich, dass die formellen EinschrĂ€nkungen zunehmend durch psychologische Instrumente ersetzt werden, sodass wir freiwillig tun, was das System von uns verlangt (Propaganda, Erziehungsmethoden, Programme zur »mentalen Gesundheit« usw.).

115. Das System MUSS die Menschen zu einem Verhalten zwingen, das sich immer stĂ€rker vom natĂŒrlichen Muster menschlichen Verhaltens unterscheidet. Beispielsweise braucht das System Wissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure. Es kann ohne sie nicht funktionieren. Deshalb werden Kinder unter starken Druck gesetzt, sich auf diesen Gebieten auszuzeichnen. Es ist unnatĂŒrlich fĂŒr einen heranwachsenden Menschen, den Großteil seiner Zeit in Studien versunken an einem Schreibtisch zu verbringen. Ein normaler Heranwachsender möchte seine Zeit damit verbringen, aktive Kontakte zur wirklichen Welt zu knĂŒpfen. Die Dinge, zu denen Kinder in primitiven Völkern angeleitet werden, stehen in vernĂŒnftigem Einklang mit ihren natĂŒrlichen menschlichen Impulsen. Bei den amerikanischen Indianern etwa wurden die Jungen zu AktivitĂ€ten und BeschĂ€ftigungen außerhalb des Hauses angehalten – zu genau den Dingen, die Jungen mögen. Aber in unserer Gesellschaft werden Kinder dazu gedrĂ€ngt, sich mit technischen Studien zu beschĂ€ftigen, was die meisten nur widerwillig tun.

116. Aufgrund des stĂ€ndigen Drucks, den das System ausĂŒbt, um das menschliche Verhalten zu verĂ€ndern, nimmt die Zahl der Menschen zu, die sich den Anforderungen der Gesellschaft nicht anpassen wollen oder können: Sozialhilfeschmarotzer, Jugendbanden, SektenanhĂ€nger, Regierungsgegner, radikale UmweltschĂŒtzer und Saboteure, Aussteiger und andere WiderstĂ€ndler.

117. In jeder technologisch fortgeschrittenen Gesellschaft MUSS das Schicksal des Einzelnen von Entscheidungen abhĂ€ngig sein, auf die er selbst keinen nennenswerten Einfluss nehmen kann. Eine technologische Gesellschaft kann nicht in kleine autonome Gemeinschaften aufgeteilt werden, weil die Produktion vom Zusammenwirken einer großen Anzahl von Menschen und Maschinen abhĂ€ngt. Eine solche Gesellschaft MUSS hoch organisiert sein und Entscheidungen, die sich auf viele Menschen aus wirken, MÜSSEN getroffen werden. Wenn eine Entscheidung etwa eine Million Menschen betrifft, dann hat jedes der betroffenen Individuen im Durchschnitt auch nur ein Millionstel Anteil an der Entscheidung. In der Praxis werden Entscheidungen ĂŒblicherweise von öffentlichen Beamten oder Managern von großen Körperschaften durchgefĂŒhrt oder von technischen Spezialisten, aber selbst wenn die Öffentlichkeit einmal ĂŒber eine Entscheidung abstimmt, ist die Anzahl der Stimmberechtigten gewöhnlich zu groß, als dass die Stimme eines Einzelnen von Bedeutung wĂ€re. Also sind die meisten Menschen unfĂ€hig, einen messbaren Einfluss auf die meisten Entscheidungen auszuĂŒben, die ihr Leben betreffen. Es gibt in einer fortgeschrittenen technologischen Gesellschaft keinen denkbaren Ausweg aus dieser Situation. Das System versucht das Problem dadurch zu »lösen«, dass die Menschen durch Propaganda glauben gemacht werden, sie wĂŒrden die Entscheidungen WÜNSCHEN, die fĂŒr sie getroffen wurden, aber selbst wenn diese »Lösung« ein voller Erfolg wĂ€re und die Menschen sich dadurch tatsĂ€chlich besser fĂŒhlten, wĂ€re es erniedrigend.

118. Die Konservativen und einige andere befĂŒrworten stĂ€rkere »lokale Autonomie«. Örtliche Gemeinschaften waren frĂŒher tatsĂ€chlich autonom, aber diese Art von Autonomie ist immer weniger möglich, weil die kleinen Gemeinschaften immer mehr in grĂ¶ĂŸere Systeme ĂŒbergehen und von ihnen abhĂ€ngen, wie öffentliche Versorgungsbetriebe, Computernetzwerke, Autobahnsysteme, Massenmedien, das moderne Gesundheitssystem. Auch die Tatsache, dass an einem Ort angewandte Technologie Menschen in anderen, weit abgelegenen Gebieten betrifft, wirkt gegen Autonomie. So können Pestizide und Chemikalien, die in der NĂ€he eines Baches aufgebracht werden, die Wasserversorgung Hunderte von Meilen flussabwĂ€rts verschmutzen, und der Treibhauseffekt hat weltweite Auswirkungen.

119. Das System existiert nicht und kann nicht dazu existieren, menschliche BedĂŒrfnisse zu befriedigen. Vielmehr muss das menschliche Verhalten den BedĂŒrfnissen des Systems angepasst werden. Dies hat nichts mit der politischen oder gesellschaftlichen Ideologie zu tun, von der das technologische System angeblich gerade gelenkt wird. Es ist kein Fehler des Kapitalismus und kein Fehler des Sozialismus. Es ist der Fehler der Technologie selbst, weil das System gar nicht von einer Ideologie, sondern von technischen Notwendigkeiten gelenkt wird. NatĂŒrlich befriedigt das System viele menschliche BedĂŒrfnisse, aber im Allgemeinen nur soweit es Vorteile fĂŒr das System hat. An erster Stelle stehen die BedĂŒrfnisse des Systems und nicht die der Menschen. Beispielsweise versorgt das System die Menschen mit Nahrung, weil es nicht bestehen könnte, wenn alle verhungern wĂŒrden; es dient den psychologischen BedĂŒrfnissen der Menschen, wann immer es ihm PASST, weil es nicht funktionieren könnte, wenn zu viele Menschen depressiv oder aufrĂŒhrerisch wĂ€ren. Aber aus guten, soliden, praktischen GrĂŒnden muss das System stĂ€ndig Druck auf Menschen ausĂŒben, um ihr Verhalten den BedĂŒrfnissen des Systems anzupassen. Es gibt zu viel MĂŒll? Die Regierung, die Medien, das Erziehungssystem, die UmweltschĂŒtzer ĂŒberschwemmen uns mit Unmengen von Propaganda zum Recycling. Es wird mehr technisches Personal benötigt? Ein Chor von Stimmen ermahnt Jugendliche zum Studium der Naturwissenschaften. Niemand hĂ€lt einmal inne und stellt die Frage, ob es nicht unmenschlich ist, Jugendliche dazu zu zwingen, ihre Zeit mit StudienfĂ€chern zu verbringen, die die meisten von ihnen hassen. Wenn gelernte Arbeiter aufgrund des technologischen Fortschritts entlassen werden und sich einer »Weiterbildung« unterziehen mĂŒssen, fragt niemand, ob es fĂŒr sie wohl demĂŒtigend ist, so herumgeschubst zu werden. Es wird einfach vorausgesetzt, dass sich jedermann den technischen Anforderungen fĂŒgen muss. Und mit gutem Grund: Wenn menschliche BedĂŒrfnisse vor technische Notwendigkeiten gesetzt werden, gĂ€be es wirtschaftliche Probleme, Arbeitslosigkeit, Mangel oder Schlimmeres. Das Konzept »geistiger Gesundheit« wird in unserer Gesellschaft im Allgemeinen daran gemessen, wie stark sich der Einzelne den BedĂŒrfnissen des Systems angemessen verhĂ€lt, ohne Stress-Symptome zu zeigen.

120. Anstrengungen, innerhalb des Systems Platz fĂŒr Selbstverwirklichung und Autonomie schaffen zu wollen, sind ein Witz. Was wĂ€re, wenn ein Unternehmen jeden seiner Angestellten, die bisher jeweils nur einen Teil des gesamten Produkts hergestellt haben, das ganze Produkt hersteilen lĂ€sst, um ihnen ein Zielbewusstsein und ein GefĂŒhl von Leistung zu verschaffen? Einige Unternehmen haben versucht, ihren Angestellten bei der Arbeit mehr Autonomie zuzugestehen, aber aus praktischen GrĂŒnden kann dies normalerweise nur in sehr geringem Maße geschehen, und keinesfalls gibt man ihnen Autonomie ĂŒber die letztendlich angestrebten Ziele – ihre »autonomen« Anstrengungen können niemals auf Ziele gerichtet sein, die sie sich selbst gesetzt haben, sondern nur auf die Ziele ihrer Arbeitgeber, etwa das Überleben und das Wachstum des Unternehmens. Jedes Unternehmen, das seinen Angestellten erlauben wĂŒrde, anders zu handeln, ginge schnell bankrott. Ganz Ă€hnlich mĂŒssen die Arbeiter in einer Genossenschaft in einem sozialistischen System ihre Anstrengungen auf die Ziele der Genossenschaft richten, andernfalls wird die Genossenschaft nicht ihren Zweck als Teil des Systems erfĂŒllen. Noch einmal, aus rein technischen GrĂŒnden können die meisten Individuen und kleinen Gruppen in einer industriellen Gesellschaft nicht viel Autonomie haben. Selbst der kleine selbststĂ€ndige Unternehmer hat gewöhnlich nur eine begrenzte Autonomie. Abgesehen von den staatlichen Regulierungen wird er dadurch eingeschrĂ€nkt, dass er sich dem Wirtschaftssystem anpassen und seinen Erfordernissen entsprechen muss. Wenn beispielsweise eine neue Technologie entwickelt wird, muss der Einzelunternehmer sich ihrer bedienen, ob er will oder nicht, um wettbewerbsfĂ€hig zu bleiben.

DIE UNTRENNBARKEIT VON »GUT« UND »BÖSE« IN DER TECHNOLOGIE

121. Ein weiterer Grund dafĂŒr, weshalb die industrielle Gesellschaft nicht zugunsten von mehr Freiheit reformiert werden kann, liegt darin, dass die moderne Technologie ein einheitliches System darstellt, in dem alle Teile voneinander abhĂ€ngig sind. Man kann die »bösen« Seiten der Technologie nicht los werden und nur die »guten« behalten. Ein Beispiel dafĂŒr gibt die moderne Medizin. Der Fortschritt der medizinischen Wissenschaft hĂ€ngt vom Fortschritt in Chemie, Physik, Biologie, Computerwissenschaft und anderen Gebieten ab. Moderne medizinische Behandlung erfordert eine teure High-Tech-Aus- rĂŒstung, die nur in einer technologisch fortgeschrittenen und wirtschaftlich wohlhabenden Gesellschaft zur VerfĂŒgung gestellt werden kann. Es wird deutlich, dass medizinischer Fortschritt nicht denkbar ist ohne das gesamte technologische System und allem, was dazu gehört.

122. Sogar wenn man den medizinischen Fortschritt ohne das ĂŒbrige technologische System aufrechterhalten könnte, wĂŒrde er selbst einige Übel mit sich bringen. Angenommen, man hĂ€tte ein Heilmittel gegen Diabetes entdeckt. Menschen mit einer genetischen Anlage zu Diabetes könnten dann ĂŒberleben und sich wie jeder andere fortpflanzen. Die natĂŒrliche Auslese gegen Diabetes-Gene wird dann gestört und diese Gene werden sich in der gesamten Bevölkerung verbreiten. (Dies ist in gewissem Umfang bereits geschehen, weil Diabetes zwar nicht heilbar ist, aber mit Hilfe von Insulin unter Kontrolle gebracht werden kann.) Dasselbe wird mit vielen anderen Krankheiten geschehen, fĂŒr die Menschen mit einer bestimmten genetischen Disposition anfĂ€llig sind (z.B. Krebs bei Kindern), die Folge ist eine massive genetische Degradierung der Bevölkerung. Die einzige Lösung wird eine Art Eugenikprogramm sein oder extensive Genmanipulation beim Menschen, sodass der Mensch der Zukunft nicht lĂ€nger ein Geschöpf der Natur oder des Zufalls oder Gottes (je nach religiöser oder philosophischer Überzeugung) sein wird, sondern ein kĂŒnstlich erzeugtes Produkt.

123. Wer findet, dass sich der Staat JETZT schon zu sehr in das Privatleben einmischt, sollte erst ab warten, bis der Staat die genetischen Anlagen seiner Kinder reguliert. Solche Regulierungen werden die unvermeidbare Folge sein, wenn Genmanipulationen beim Menschen zugelassen werden, weil die Konsequenzen einer nichtregulierten Genmanipulation verheerend sein wĂŒrden.

124. Die ĂŒbliche Antwort auf solche BefĂŒrchtungen ist das Gerede von »medizinischer Ethik«. Aber ein ethischer Code wĂŒrde die Freiheit nicht vor dem medizinischen Fortschritt schĂŒtzen können; er wĂŒrde die Sache eher verschlimmern. Ein ethischer Code, der auf Genmanipulationen anzuwenden ist, wĂ€re im Endeffekt ein Mittel der Regulierung der genetischen Verfassung des Menschen. Irgendjemand (wahrscheinlich hauptsĂ€chlich die obere Mittelschicht) wĂŒrde entscheiden, dass diese oder jene Anwendung der Genmanipulation »ethisch« sei, andere dagegen nicht, sodass sie letztlich ihre eigenen Wertvorstellungen ĂŒber die genetische Ausstattung der gesamten Bevölkerung aufzwingen wĂŒrden. Selbst wenn ein Ethikgesetz auf vollkommen demokratischer Grundlage beschlossen wĂŒrde, hĂ€tte damit die Mehrheit ihre Wertvorstellungen gegenĂŒber allen Minderheiten durchgesetzt, die vielleicht eine andere Vorstellung dessen haben, wie ein »ethischer« Umgang mit Genmanipulationen aussehen könnte. Das einzige ethische Gesetz, das wirklich einen Schutz der Freiheit gewĂ€hrleisten könnte, wĂ€re das Verbot JEGLICHER Genmanipulation am Menschen, doch mit Sicherheit wird in einer technologischen Gesellschaft kein solches Gesetz erlassen werden. Kein Gesetz, das der Genmanipulation nur eine untergeordnete Rolle erlaubt, wĂŒrde lange bestehen können, weil die Versuchung der unfassbaren Macht der Biotechnologie unwiderstehlich ist, besonders weil viele ihrer Anwendungen von der Mehrheit der Menschen ganz offensichtlich und unzweideutig fĂŒr gut gehalten werden (das Ausrotten von physischen und geistigen Krankheiten, die Möglichkeit, Menschen die FĂ€higkeiten zu geben, die sie brauchen, um in der heutigen Welt zurechtzukommen). Genmanipulation wird unvermeidlich in weitem Umfang angewandt werden, jedoch nur auf eine Art und Weise, die den BedĂŒrfnissen des industriell-technologischen Systems entspricht.

TECHNOLOGIE IST EINE MÄCHTIGERE GESELLSCHAFTLICHE KRAFT ALS DAS STREBEN NACH FREIHEIT

125. Es ist nicht möglich, einen DAUERHAFTEN Kompromiss zwischen Technologie und Freiheit zu finden, weil die Technologie die weitaus stĂ€rkere gesellschaftliche Kraft ist und durch WIEDERHOLTE Kompromisse stĂ€ndig in die Freiheit eingreift. Man stelle sich zwei Nachbarn vor, von denen jeder zu Beginn ein StĂŒck Land gleicher GrĂ¶ĂŸe besitzt, einer von ihnen ist aber stĂ€rker als der andere. Nun verlangt der StĂ€rkere, dass der andere ihm einen Teil seines Besitzes abtreten solle. Der SchwĂ€chere lehnt das ab. Der StĂ€rkere sagt: »Gut, machen wir einen Kompromiss. Gib mir die HĂ€lfte von dem, was ich verlange.« Der Schwache hat keine andere Wahl als einzuwilligen. Etwas spĂ€ter verlangt der stĂ€rkere Nachbar wieder ein StĂŒck Land, wieder gibt es einen Kompromiss, und so fort. Indem er vom SchwĂ€cheren wiederholt Kompromisse erzwingt, eignet sich der StĂ€rkere schließlich dessen ganzes Land an. So geht es auch im Konflikt zwischen Technologie und Freiheit.

126. Nun wollen wir erklÀren, warum Technologie eine stÀrkere gesellschaftliche Kraft ist als das Streben nach Freiheit.

127. Eine technologische Neuentwicklung, die die Freiheit zunĂ€chst nicht zu bedrohen scheint, erweist sich spĂ€ter oft als sehr bedrohlich. Nehmen wir zum Beispiel das motorisierte Transportwesen. Wenn frĂŒher ein Mensch zu Fuß ging, konnte er gehen, wo und wohin er wollte, in seinem eigenen Rhythmus, ohne irgendeine Verkehrsvorschrift beachten zu mĂŒssen, er war unabhĂ€ngig von technologischen Hilfssystemen. Die EinfĂŒhrung motorisierter Fahrzeuge schien die Freiheit des Menschen zu vergrĂ¶ĂŸern. Sie schrĂ€nkte die Freiheit des zu Fuß gehenden Menschen nicht ein, niemand musste ein Automobil haben, wenn er nicht wollte, und wer sich dafĂŒr entschied, eines zu kaufen, konnte sich viel schneller und weiter bewegen als der FußgĂ€nger. Doch bald begann die EinfĂŒhrung des motorisierten Transportwesens die Gesellschaft in einer Weise zu verĂ€ndern, durch die die menschliche Bewegungsfreiheit stark eingeschrĂ€nkt wurde. Mit der steigenden Anzahl der Automobile musste ihr Gebrauch umfassend geregelt werden. In dicht besiedelten Gebieten kann man sich mit einem Auto nicht einfach bewegen, wie man will; die eigene Bewegung wird vom Verkehrsfluss und verschiedenen Verkehrsregeln dirigiert. Man ist durch alle möglichen Verpflichtungen gebunden: Antrag auf Fahrerlaubnis, FahrprĂŒfung, Erneuerung der Fahrzeugmeldung, Versicherung, technische Kontrollen, monatliche Raten. Vor allem aber ist der motorisierte Transport nicht mehr freiwillig. Seit der EinfĂŒhrung des Transportwesens hat sich die Struktur unserer StĂ€dte derart verĂ€ndert, dass die Mehrzahl der BĂŒrger ihren Arbeitsplatz, ihre Einkaufsmöglichkeiten und FreizeitstĂ€tten nicht mehr zu Fuß erreichen können, sodass sie von ihrem Auto abhĂ€ngig sein MÜSSEN. Oder sie mĂŒssen öffentliche Transportmittel benutzen, in diesem Fall haben sie aber noch weniger Kontrolle ĂŒber ihre eigene Bewegungsfreiheit als in ihrem Auto. Selbst die Freiheit des FußgĂ€ngers ist nun stark eingeschrĂ€nkt. In den StĂ€dten muss er stĂ€ndig an Ampeln warten, die hauptsĂ€chlich dem Autoverkehr dienen. Auf dem Lande macht der Autoverkehr das Wandern entlang der großen Straßen gefĂ€hrlich und unangenehm. (Dieser gerade am Beispiel der Motorisierung erlĂ€uterte Punkt ist beachtenswert: Wenn eine neue technologische Errungenschaft als Option eingefĂŒhrt wird, fĂŒr oder gegen die der Einzelne sich entscheiden kann, heißt das nicht, dass diese Errungenschaft immer optional BLEIBT. In vielen FĂ€llen verĂ€ndert die neue Technologie die Gesellschaft auf eine Art und Weise, dass die Menschen sich schließlich dazu GEZWUNGEN sehen, sie zu verwenden.)

128. WĂ€hrend der technologische Prozess ALS GANZES unsere Freiheit kontinuierlich einengt, scheint jede einzelne technische Entwicklung FÜR SICH BETRACHTET als wĂŒnschenswert. ElektrizitĂ€t, fließend Wasser, schnelle Femkommunikations- mittel … wie kann man irgendeines dieser oder anderer Dinge der unzĂ€hligen technischen Entwicklungen ablehnen, die die moderne Gesellschaft ausmachen? Es wĂ€re absurd gewesen, etwa der EinfĂŒhrung des Telefons Widerstand zu leisten. Es bot viele Vorteile und keine Nachteile. Und doch haben, wie in den Abschnitten 59-76 erlĂ€utert, all diese technischen Entwicklungen zusammengenommen eine Welt geschaffen, in der das Schicksal des gewöhnlichen Menschen nicht mehr in seiner Hand oder der von Nachbarn und Freunden liegt, sondern in denen der Politiker, Firmenmanager und fremder, unbekannter Techniker und BĂŒrokraten, die er als Einzelner nicht beeinflussen kann. Dieser Prozess wird sich in Zukunft fortsetzen. Ein Beispiel ist die Genmanipulation. Nur wenige werden sich der EinfĂŒhrung einer Gentechnik widersetzen, die Erbkrankheiten ausrottet. Sie richtet keinen sichtbaren Schaden an und verhindert viel Leiden. Und doch wird eine große Zahl von Verbesserungen durch Genmanipulation den Menschen zu einem designten Produkt machen, das nichts mehr mit einer freien Schöpfung des Zufalls (oder Gottes, oder wessen auch immer, je nach Glaubens Vorstellung) zu tun hat.

129. Ein anderer Grund, weshalb die Technologie eine so starke gesellschaftliche Kraft ist, liegt darin, dass der technologische Fortschritt im Umfeld der heute gegebenen Gesellschaft nur in eine Richtung verlĂ€uft; er kann nicht rĂŒckgĂ€ngig gemacht werden. Ist eine technische Neuheit erst einmal eingefĂŒhrt, werden die Menschen von ihr abhĂ€ngig und können nicht mehr darauf verzichten, außer sie wird durch eine noch fortschrittlichere Neuheit ersetzt. Nicht nur die Menschen als Individuen werden abhĂ€ngig von der neuen technologischen Errungenschaft, sondern das System als Ganzes wird abhĂ€ngig. (Man stelle sich vor, was mit dem System passieren wĂŒrde, wenn beispielsweise Computer heute aus dem Verkehr gezogen wĂŒrden.) WĂ€hrend die Freiheit vor der Technologie zurĂŒckweichen muss, kann diese niemals einen Schritt hinter ihre eigene Entwicklung zurĂŒckgehen, weil dies das gesamte technologische System vernichten wĂŒrde.

130. Technologie entwickelt sich mit großer Geschwindigkeit und bedroht die Freiheit an vielen Stellen gleichzeitig (Überbevölkerung, Gesetze und Vorschriften, zunehmende AbhĂ€ngigkeit der Einzelnen von großen Organisationen, Propaganda und andere psychologische Techniken, Genmanipulation, Eingriffe in die PrivatsphĂ€re durch stĂ€ndige Überwachung und Computer usw.). Auch nur eine EINZIGE dieser Bedrohungen der Freiheit abzuwenden, wĂŒrde einen langen und schwierigen sozialen Kampf erfordern. Diejenigen, die die Freiheit schĂŒtzen wollen, werden von der bloßen Anzahl immer neuer Angriffe und der Schnelligkeit der Technologieentwicklung ĂŒberwĂ€ltigt, sodass sie apathisch werden und den Widerstand aufgeben. Jede einzelne Bedrohung getrennt bekĂ€mpfen zu wollen, wĂ€re vergeblich. Auf Erfolg kann man nur hoffen, wenn das technologische System als Ganzes bekĂ€mpft wĂŒrde; aber dies wĂ€re Revolution und nicht Reform.

131. Techniker (wir gebrauchen diese Bezeichnung hier in einem weiten Sinn, gemeint sind alle, die eine spezialisierte TĂ€tigkeit ausfĂŒhren, fĂŒr die es eine besondere Ausbildung braucht) neigen dazu, sich derart mit ihrer Arbeit (ihrer Ersatzhandlung) zu identifizieren, dass sie sich im Falle eines Konflikts zwischen ihrer technischen Arbeit und Freiheit fast immer fĂŒr ihre technische Arbeit entscheiden wĂŒrden. Bei Wissenschaftlern ist dies offensichtlich, aber es tritt auch anderswo auf: Erzieher, Menschenrechtsgruppen, Um Weltorganisationen haben keine Skrupel, Propaganda oder andere psychologische Techniken zu benutzen, um die von ihnen angepriesenen Ziele zu erreichen. Privatunternehmen und staatliche Agenturen zögern nicht, Informationen ĂŒber Individuen einzuziehen, ohne RĂŒcksicht auf deren PrivatsphĂ€re. FĂŒr Polizei und Sicherheitsdienste sind die in der Verfassung festgelegten Rechte der VerdĂ€chtigen und oft völlig unschuldiger Personen hĂ€ufig ein Störfaktor, und sie tun, was sie legal (und manchmal illegal) tun können, um diese Rechte zu beschrĂ€nken oder zu umgehen. Die meisten dieser Erzieher, Regierungsbeamten und Polizisten glauben an Freiheit, PrivatsphĂ€re und Verfassungsrechte, wenn diese aber im Konflikt mit ihrer Arbeit liegen, setzen sie sich darĂŒber hinweg.

132. Bekanntlich arbeiten Menschen besser und ausdauernder, wenn sie dafĂŒr eine Belohnung erwarten, als wenn sie bloß eine Strafe oder eine negative Folge vermeiden wollen. Wissenschaftler und andere Techniker werden hauptsĂ€chlich durch Belohnungen motiviert, die sie durch ihre Arbeit bekommen. Diejenigen jedoch, die sich gegen die technologische Invasion der Freiheit wenden, versuchen bloß, eine negative Folge zu vermeiden; deswegen widmen sich nur wenige ausdauernd und gut dieser entmutigenden Aufgabe. Wenn es Reformern je gelĂ€nge, einen bemerkenswerten Sieg zu erringen, der einer weiteren Aushöhlung der Freiheit durch technologischen Fortschritt dauerhafte Grenzen zu setzen scheint, wĂŒrden die meisten sich danach ausruhen und ihre Aufmerksamkeit angenehmeren Aufgaben widmen. Die Wissenschaftler aber wĂŒrden weiter fleißig in ihren Laboratorien arbeiten, und die Technologie wĂŒrde sich gegen alle WiderstĂ€nde ihren Weg bahnen, immer grĂ¶ĂŸere Kontrolle ĂŒber jeden einzelnen Menschen gewinnen und sie mehr und mehr vom System abhĂ€ngig machen.

133. Kein gesellschaftliches Übereinkommen, seien es Gesetze, Institutionen, BrĂ€uche oder ethische Normen, kann permanenten Schutz gegen die Technologie gewĂ€hren. Die Geschichte hat gezeigt, dass alle gesellschaftlichen Übereinkommen nur vorĂŒbergehend gelten; sie Ă€ndern sich im Laufe der Zeit oder werden schließlich aufgehoben. Der technologische Fortschritt in einer gegebenen Zivilisation dagegen ĂŒberdauert. Angenommen, man wĂŒrde eine gesellschaftliche Übereinkunft erreichen, derzufolge Genmanipulationen an Menschen oder da, wo Freiheit und WĂŒrde bedroht wĂ€ren, nicht zugelassen sind, dann wĂ€re die Technologie dafĂŒr doch schon vorhanden. FrĂŒher oder spĂ€ter wĂŒrde die Übereinkunft aufgehoben. Wahrscheinlich eher frĂŒher, bei der Geschwindigkeit der VerĂ€nderungen in unserer Gesellschaft. Dann wĂŒrde die Genmanipulation beginnen, unsere Freiheit einzuschrĂ€nken, und diese EinschrĂ€nkungen wĂ€ren unumkehrbar (außer die technologische Gesellschaft selbst brĂ€che zusammen). Jegliche Illusion, es könnte durch gesellschaftliche ÜbereinkĂŒnfte irgendetwas Dauerhaftes erreicht werden, sollte allein durch die derzeitigen Entwicklungen in der Umweltschutzgesetzgebung aufgegeben werden. Vor einigen Jahren schien es sichere juristische Grenzen zu geben, die wenigstens EIN PAAR der schlimmsten Umweltzerstörungen verhinderten. Eine VerĂ€nderung der politischen Windrichtung, und schon beginnen diese Grenzen zu zerfallen.

134. Aus all den genannten GrĂŒnden ist die Technologie eine stĂ€rkere gesellschaftliche Kraft als das Streben nach Freiheit – jedoch mit einem Vorbehalt. Es scheint so, als wĂŒrde das industriell-technologische System in den nĂ€chsten Jahrzehnten schweren Belastungen ausgesetzt werden, durch ökonomische und ökologische Probleme, besonders aber durch menschliches Verhalten verursachte Probleme (Entfremdung, Rebellion, Feindseligkeit, verschiedene soziale und psychische Schwierigkeiten). Wir hoffen, dass die Belastungen, denen das System wahrscheinlich ausgesetzt sein wird, es zusammenbrechen lassen oder wenigstens so schwĂ€chen werden, dass eine Revolution gegen dieses System möglich wird. Wenn eine solche Revolution eintritt und Erfolg hat, wĂŒrde dies beweisen, dass das Streben nach Freiheit in diesem besonderen Moment stĂ€rker ist als die Technologie.

135. In Abschnitt 125 haben wir das Beispiel des schwachen Nachbarn gebracht, der von einem stĂ€rkeren Nachbarn in Not gebracht wird, indem dieser sich in einer Folge von aufgezwungenen Kompromissen das ganze Land des SchwĂ€cheren aneignet. Nehmen wir nun an, der starke Nachbar wird lich krank und unfĂ€hig, sich zu verteidigen. Der schwache Nachbar kann den starken dazu zwingen, ihm das Land zurĂŒckzugeben, oder er kann ihn töten. LĂ€sst er den starken Mann ĂŒberleben und zwingt ihn nur zur RĂŒckgabe seines Landes, wĂ€re er ein Narr, denn der starke Mann wĂŒrde ihm das Land wieder wegnehmen, sobald er gesund geworden wĂ€re. Dem Schwachen bleibt keine sinnvolle Alternative als den Starken zu töten, solange er die Chance dazu hat. Genauso mĂŒssen wir das industrielle System vernichten, sobald es einmal geschwĂ€cht ist. Wenn wir einen Kompromiss eingehen und es sich wieder erholen lassen, dann wird es unsere Freiheit eines Tages endgĂŒltig auslöschen.

DIE UNLÖSBARKEIT GESELLSCHAFTLICHER PROBLEME

136. Sollte irgendjemand noch immer glauben, man könne das System reformieren und so die Freiheit vor den Auswirkungen der Technologie schĂŒtzen, so fĂŒhre er sich vor Augen, wie ungeschickt und meistens auch erfolglos unsere Gesellschaft bisher mit anderen gesellschaftlichen Problemen umgegangen ist, die wesentlich einfacher waren. Unter anderem hat das System beim Kampf gegen Umweltzerstörung, Korruption, Drogenhandel und hĂ€usliche Gewalt versagt.

137. Nehmen wir die Umweltprobleme zum Beispiel. Hier liegt der Konflikt ganz klar auf der Hand: unmittelbarer wirtschaftlicher Nutzen gegenĂŒber der Erhaltung wenigstens einiger natĂŒrlicher Ressourcen fĂŒr kommende Generationen. Doch zu diesem Thema sind von den Machthabern nichts als GeschwĂ€tz und Unklarheiten von den Verantwortlichen zu hören, es lĂ€sst sich keine klare, konsequente Handlungsfolge erkennen, die Umweltprobleme wachsen weiter und unsere Enkel werden damit leben mĂŒssen. Versuche, Umweltfragen zu lösen, haben Streit und Kompromisse unter den verschiedenen Fraktionen ausgelöst, die gegenwĂ€rtig noch zunehmen, und immer neue Streitfragen tauchen auf. Die Auseinandersetzung folgt dem raschen Wechsel in der öffentlichen Meinung. Es ist weder ein rationaler Vorgang noch besteht die Aussicht auf eine zeitige und erfolgreiche Lösung des Problems. Die grĂ¶ĂŸten sozialen Probleme werden selten oder nie durch einen rationalen, nachvollziehbaren Plan gelöst, wenn sie ĂŒberhaupt »gelöst« werden. Sie lösen sich höchstens von selbst, indem verschiedene miteinander konkurrierende Gruppen auftauchen, die ihre (kurzfristigen) Eigeninteressen verfolgen, und die sich (meistens durch bloßen Zufall) auf einen mehr oder weniger stabilen modus vivendi einigen. TatsĂ€chlich lassen die von uns in den Abschnitten 100-106 dargelegten Prinzipien daran zweifeln, dass vernĂŒnftige langfristige gesellschaftliche Planung JEMALS erfolgreich sein kann.

138. Damit wird deutlich, dass die Menschheit, wenn ĂŒberhaupt, nur sehr begrenzt fĂ€hig ist, selbst relativ einfache gesellschaftliche Probleme zu lösen. Wie soll sie dann das viel schwierigere und subtilere Problem lösen, menschliche Freiheit und Technologie zu versöhnen? Technologie verspricht klare materielle Vorteile, wohingegen Freiheit ein Abstraktum ist, das fĂŒr unterschiedliche Menschen Unterschiedliches bedeutet, und ihr Verlust ist durch Propaganda und modisches GeschwĂ€tz leicht zu verschleiern.

139. Man sollte einen wichtigen Unterschied beachten: Es ist denkbar, dass (zum Beispiel) unsere Umweltprobleme eines Tages durch vernĂŒnftige und einsichtige Planung geregelt werden könnten, aber wenn das geschieht, dann nur deshalb, weil eine solche Lösung langfristig im Interesse des Systems wĂ€re. Es ist aber NICHT im Interesse des Systems, Freiheit oder die Autonomie kleiner Gruppen zu bewahren. Im Gegenteil, es ist im Interesse des Systems, menschliche Verhaltensformen in höchstmöglichem Maße zu kontrollieren. Somit kann das System zwar aus praktischen GrĂŒnden zu klugem und ĂŒberlegtem Handeln hinsichtlich der Umweltprobleme gezwungen sein, gleichermaßen praktische GrĂŒnde aber werden es zwingen, menschliches Verhalten immer stĂ€rker zu regulieren (vorzugsweise durch indirekte Maßnahmen, die die EinschrĂ€nkung der Freiheit verschleiern). Das ist nicht nur unsere Meinung. Bekannte Sozialwissenschaftler (z.B. James Q. Wilson) haben die Bedeutung der »Anpassung« der Menschen ausfĂŒhrlich dargelegt.

REVOLUTION IST EINFACHER ALS REFORM

140. Wir hoffen, den Leser davon ĂŒberzeugt zu haben, dass das System nicht derart reformieren kann, das? Freiheit und Technologie miteinander versöhnt wĂŒrden. Der einzige Ausweg ist, das industriell-technologische System als Ganzes abzuschaffen. Das bedeutet Revolution, nicht unbedingt einen bewaffneten Aufstand, aber sicherlich eine radikale und fundamentale VerĂ€nderung des Wesens der Gesellschaft.

141. Die Leute glauben, dass eine Revolution, weil sie viel grĂ¶ĂŸere VerĂ€nderungen mit sich bringt als eine Reform, deshalb auch schwieriger zu realisieren wĂ€re. TatsĂ€chlich aber ist eine Revolution unter bestimmten UmstĂ€nden viel leichter durchfĂŒhrbar als eine Reform. Der Grund liegt darin, dass eine revolutionĂ€re Bewegung ein viel begeisterteres Engagement entfachen kann als eine Reformbewegung. Eine Reformbewegung verspricht bloß, ein einzelnes gesellschaftliches Problem zu lösen. Eine revolutionĂ€re Bewegung verspricht mit einem Schlag alle Probleme zu lösen und eine ganz neue Welt zu schaffen; sie bietet ein Ideal, fĂŒr das Menschen große Risiken auf sich nehmen und große Opfer bringen. Deshalb wĂ€re es viel leichter, das ganze technologische System zu besiegen, als der Entwicklung oder Anwendung irgendeiner Technologie, der Genmanipulation zum Beispiel, effiziente, dauerhafte BeschrĂ€nkungen aufzuerlegen. Nicht viele Menschen werden sich mit ganzer Kraft und Leidenschaft der Aufgabe widmen, EinschrĂ€nkungen der Genmanipulation durchzusetzen und aufrechtzuerhalten, aber unter gĂŒnstigen UmstĂ€nden werden sich viele Menschen begeistert einer Revolution gegen das industriell-technologische System anschließen. Wie wir in Abschnitt 132 dargelegt haben, versuchen Reformer, die bestimmte Aspekte der Technologie einschrĂ€nken wollen, bloß negative Folgen zu verhindern. Das Ziel der RevolutionĂ€re ist dagegen die ErfĂŒllung ihrer Vision, und dafĂŒr können sie sich ungleich stĂ€rker und ausdauernder einsetzen als die Reformer.

142. Reform wird immer durch die Angst behindert, die Folgen der VerĂ€nderungen könnten zu weitgehend sein. Wenn aber die ganze Gesellschaft erst einmal vom revolutionĂ€ren Fieber ergriffen ist, sind die Menschen bereit, fĂŒr ihre Revolution grenzenlose MĂŒhen auf sich zu nehmen. Das haben die Französische und die Russische Revolution bewiesen. Es mag sein, dass nur eine Minderheit der Bevölkerung die Revolution wirklich unterstĂŒtzt, aber diese Minderheit ist stark und aktiv genug, um die beherrschende Kraft der Gesellschaft zu werden. Über Revolution werden wir ausfĂŒhrlicher in den Abschnitten 180-205 sprechen.

KONTROLLE MENSCHLICHEN VERHALTENS

143. Seit es Zivilisation gibt, haben organisierte Gesellschaften Druck auf Menschen ausgeĂŒbt, damit der soziale Organismus funktionieren konnte. Die Art der UnterdrĂŒckung ist von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich. Es gibt physische (Hungerrationen, Zwangsarbeit, Umweltverschmutzung) und psychologische UnterdrĂŒckung (LĂ€rm, hohe Bevölkerungsdichte, Anpassung des menschlichen Verhaltens an die Erfordernisse der Gesellschaft). In der Vergangenheit hat sich die menschliche Natur kaum oder jedenfalls nur geringfĂŒgig verĂ€ndert. Deshalb hatte der Druck, der auf die Menschen ausgeĂŒbt werden konnte, Grenzen. Sind diese Grenzen des menschlichen Durchhaltevermögens erreicht, dann beginnen die Probleme: Aufruhr, Verbrechen, Korruption, Arbeitsverweigerung, Depression oder andere mentale Probleme, erhöhte Todesrate, GeburtenrĂŒckgang oder Ähnliches, sodass die Gesellschaft entweder zusammenbricht oder ihr Funktionieren so fehlerhaft wird, dass sie (plötzlich oder allmĂ€hlich, durch Eroberung, ZermĂŒrbung oder Evolution) durch eine leistungsfĂ€higere Gesellschaftsform abgelöst wird.

144. Auf diese Weise hat die menschliche Natur in der Vergangenheit der Entwicklung von Gesellschaften gewisse Grenzen gesetzt. Der Mensch konnte nur bis zu einem bestimmten Punkt Druck ertragen. Doch heute mag sich auch das Àndern, weil die moderne Technologie Wege gefunden hat, die menschliche Natur zu verÀndern.

145. Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die Menschen Lebensbedingungen unterwirft, die sie sehr unglĂŒcklich machen, und ihnen dann Drogen verabreicht, die das GefĂŒhl des UnglĂŒcklichseins beseitigen. Science-Fiction? Dies ist in gewissem Umfang in unserer eigenen Gesellschaft bereits ĂŒblich. Wie weithin bekannt, sind die FĂ€lle klinischer Depression in den letzten Jahrzehnten dramatisch gestiegen. Wir sind ĂŒberzeugt, dass dies auf die Störung des power process zurĂŒckzufĂŒhren ist, wie in den Abschnitten 59-76 erlĂ€utert. Selbst wenn wir uns irren sollten, ist dieser Anstieg von Depressionen doch auf jeden Fall das Ergebnis EINIGER Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft. Anstatt die Bedingungen zu beseitigen, die die Menschen deprimieren, verabreicht ihnen die moderne Gesellschaft antidepressive Drogen. Im Endeffekt sind Antidepressiva ein Mittel, den inneren Zustand einer Person so zu verĂ€ndern, dass sie nun die sozialen Bedingungen aushalten kann, die ihr sonst unertrĂ€glich wĂ€ren. (Ja, wir wissen, dass Depression oft rein genetisch bedingt ist. Wir beziehen uns hier auf die FĂ€lle, in denen die Umwelt eine wichtige Rolle spielt.)

146. Drogen, die auf das Bewusstsein einwirken, sind nur ein Beispiel fĂŒr die neuen Methoden, die die Gesellschaft zur Kontrolle menschlichen Verhaltens entwickelt. Werfen wir einen Blick auf einige andere Methoden.

147. Da gibt es zunĂ€chst einmal die Überwachungstechniken. Versteckte Kameras werden inzwischen in den meisten GeschĂ€ften eingesetzt, und an vielen anderen Orten ist der Einsatz von Computern ĂŒblich, um zahlreiche Informationen ĂŒber Einzelpersonen zu sammeln und auszuwerten. Mit den auf solche Weise gesammelten Informationen lĂ€sst sich verstĂ€rkt Druck ausĂŒben (Polizei z.B.). Dann gibt es die Propagandamethoden der Massenmedien. Es wurden wirksame Methoden entwickelt, um Wahlen zu gewinnen, Produkte zu verkaufen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Die Unterhaltungsindustrie stellt ein wichtiges psychologisches Werkzeug des Systems dar, auch dann, wenn sie viel Sex und Gewalt zeigen. Unterhaltung ermöglicht dem modernen Menschen, seiner RealitĂ€t vorĂŒbergehend zu entfliehen. WĂ€hrend er vor dem Fernseher oder VideogerĂ€t sitzt, kann er Stress, Ängste, EnttĂ€uschungen und Unzufriedenheit vergessen. Viele primitive Völker sind im Einklang mit sich selbst und der Welt, sie können deshalb, wenn die Arbeit getan ist, stundenlang herumsitzen ohne etwas zu tun. Der moderne Mensch dagegen muss stĂ€ndig beschĂ€ftigt oder unterhalten werden, sonst »langweilt« er sich, d.h. er wird unruhig, fĂŒhlt sich unbehaglich und gereizt.

148. Andere Techniken gehen weiter als die zuvor beschriebenen. Erziehung besteht nicht mehr nur darin, einem Kind den Hintern zu versohlen, wenn es seine Schulaufgaben nicht gemacht hat und ihm den Kopf zu streicheln, wenn es sie gut gemacht hat. Es ist zu einer wissenschaftlichen Aufgabe geworden, die Entwicklung des Kindes zu ĂŒberwachen. Sylvan Learning Centers etwa waren sehr erfolgreich darin, Kinder zum Lernen zu motivieren, und ihre psychologischen Methoden wurden in vielen herkömmlichen Schulen mehr oder weniger erfolgreich eingesetzt. Eltern wird in »Eltemschulen« beigebracht, ihren Kindern die Grundwerte des Systems richtig zu vermitteln und ihr Verhalten nach den WĂŒnschen des Systems zu formen. Programme zur »geistigen Gesundheit«, Methoden der »Intervention«, Psychotherapie u.a. wurden vorgeblich zum Nutzen der Menschen entwickelt, in Wirklichkeit dienen sie aber dazu, das Denken und Verhalten der Menschen dem System anzupassen. (Hierin liegt kein Widerspruch; eine Person, deren Einstellung oder Verhalten zu Konflikten mit dem System fĂŒhrt, stellt sich gegen eine Macht, die zu groß ist, als dass sie ĂŒberwunden werden oder man ihr entkommen könnte, also wird sie wahrscheinlich unter Stress, Niedergeschlagenheit und Frustration leiden. Sie hat es wesentlich leichter, wenn sie so denkt und handelt, wie das System es erfordert. In diesem Sinne handelt das System fĂŒr das Wohlergehen des Einzelnen, wenn es ihn durch GehirnwĂ€sche der Gesellschaft anpasst.) Kindesmisshandlung in ihren krassen und offensichtlichen Formen wird in den meisten, wenn nicht allen Kulturen verurteilt. Ein Kind aus trivialen oder gar keinen GrĂŒnden zu quĂ€len, schreckt nahezu jeden ab. Aber viele Psychologen fassen Kindesmisshandlung viel weiter. Sind PrĂŒgel als Maßnahme in einem rationalen und konsequenten Disziplinarsystem eine Form der Misshandlung? Diese Frage wird letztlich dadurch entschieden, ob körperliche ZĂŒchtigung zu systemkonformem Verhalten fĂŒhrt. Das Wort »Misshandlung« wird in der Praxis als Sammelbegriff fĂŒr alle Arten von Kindererziehung benutzt, die zu Verhalten fĂŒhren, das nicht ins System passt. Wo Programme zur Verhinderung von »Kindesmissbrauch« ĂŒber das Verhindern von offensichtlicher, sinnloser Grausamkeit hinausgehen, sind sie auf die Kontrolle systemkonformen menschlichen Verhaltens ausgerichtet.

149. Vermutlich wird die Forschung die LeistungsfĂ€higkeit psychologischer Methoden zur Kontrolle menschlichen Verhaltens weiter steigern. Wir denken aber, dass psychologische Methoden allein wahrscheinlich nicht ausreichen, um Menschen einer Gesellschaft anzupassen, wie sie durch Technologie geschaffen wird. Man wird wahrscheinlich auch biologische Methoden anwenden mĂŒssen. Wir haben den Gebrauch von Drogen in diesem Zusammenhang bereits erwĂ€hnt. Die Neurologie könnte ein anderer Weg zur VerĂ€nderung des menschlichen Bewusstseins sein. Genmanipulation am Menschen tritt als »Gentherapie« bereits auf, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass solche Methoden nicht irgendwann angewandt werden, um diejenigen körperlichen Aspekte zu verĂ€ndern, die das mentale Funktionieren steuern.

150. Wie wir in Abschnitt 134 erwĂ€hnten, wird die industrielle Gesellschaft bald starken Belastungen durch Umwelt- und Wirtschaftsprobleme sowie durch menschliche Verhaltensweisen ausgesetzt werden. Und ein beachtlicher Teil dieser Wirtschafts- und Umweltprobleme des Systems wird durch menschliches Verhalten verursacht. Entfremdung, mangelndes SelbstwertgefĂŒhl, Depressionen, Feindseligkeit, Rebellion, Lernverweigerung bei Kindern, Jugendbanden, Drogenmissbrauch, Vergewaltigung, Kindesmisshandlung, andere KriminalitĂ€t, ungeschĂŒtzter Sex, Schwangerschaften bei Jugendlichen, Bevölkerungsexplosion, politische Korruption, Rassenhass, ethnische Auseinandersetzungen, ideologische Konflikte (z.B. ĂŒber Abtreibungen), politischer Extremismus, Terrorismus, Sabotage, Regierungsgegner. All dies bedroht das schiere Überleben des Systems. Es ist daher GEZWUNGEN, alle praktischen Möglichkeiten zur Kontrolle menschlichen Verhaltens anzuwenden.

151. Die heute erkennbare gesellschaftliche Zerstörung ist keineswegs Ergebnis eines bloßen Zufalls, sondern kann nur das Ergebnis von Lebensbedingungen sein, die das System den Menschen auferlegt hat. (Wie wir bereits dargelegt haben, ist einer der HauptgrĂŒnde die Störung des power process) Wenn es dem System gelingt, das menschliche Verhalten einer ausreichenden Kontrolle zu unterwerfen, die sein eigenes Überleben sichert, wĂ€re ein Wendepunkt der Menschheitsgeschichte erreicht. WĂ€hrend die Grenzen menschlichen Durchhaltevermögens frĂŒher auch der Entwicklung von Gesellschaften Grenzen setzten (wie in den Abschnitten 143 und 144 erklĂ€rt), wird die industriell-technologische Gesellschaft in der Lage sein, diese Grenzen zu ĂŒberschreiten, indem sie Menschen verĂ€ndert, sei es durch psychologische oder biologische Methoden oder beides. In Zukunft werden Gesellschaftssysteme nicht mehr den menschlichen BedĂŒrfnissen angepasst. Statt dessen werden die Menschen den BedĂŒrfnissen des Systems angepasst.

152. Im Allgemeinen lĂ€sst sich sagen, dass technologische Kontrolle ĂŒber menschliches Verhalten wahrscheinlich nicht unbedingt mit totalitĂ€ren Absichten eingefĂŒhrt werden wird oder gar aus einem bewussten Verlangen, menschliche Freiheit zu beschrĂ€nken. Jeder weitere Schritt auf dem Weg zur Kontrolle ĂŒber menschliches Bewusstsein wird fĂŒr eine rationale Antwort auf ein Problem gehalten werden, mit dem die Gesellschaft konfrontiert ist, etwa Alkoholismus zu heilen, die KriminalitĂ€tsrate zu senken oder die Jugend dazu zu bringen, Wissenschaften und Technik zu studieren. In den meisten FĂ€llen wird sich eine humanitĂ€re Rechtfertigung finden. Zum Beispiel, wenn ein Psychiater einem depressiven Patienten ein antidepressives Medikament verschreibt, tut er dem Kranken ganz klar einen Gefallen. Es wĂ€re unmenschlich, jemandem das Medikament vorzuenthalten, der es benötigt. Wenn Eltern ihre Kinder in Sylvan Learning Center schicken, damit sie so manipuliert werden, dass sie mit Begeisterung lernen, dann tun sie das aus Sorge um das Wohl ihrer Kinder. Vielleicht wĂ€re es einigen Eltern lieber, es wĂ€re nicht nötig, eine Spezialausbildung zu absolvieren, um einen Job zu bekommen, und dass ihre Kinder keiner GehirnwĂ€sche unterzogen werden mĂŒssten, die sie zu Computerfreaks macht. Aber was bleibt ihnen ĂŒbrig? Sie können die Gesellschaft nicht Ă€ndern, und ihre Kinder bekommen keine Arbeit, wenn sie bestimmte FĂ€higkeiten nicht gelernt haben. So werden sie also ihre Kinder in das Center schicken.

153. Somit wird die Kontrolle menschlichen Verhaltens nicht aufgrund einer rationalen Entscheidung der Behörden eingefĂŒhrt, sondern im Zuge eines gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses (aber eines SCHNELLEN Prozesses). Es ist unmöglich, sich diesem Prozess entgegenzustellen, weil jede Entwicklung fĂŒr sich gesehen nĂŒtzlich scheint, oder wenigstens scheint das mit der Entwicklung einhergehende Übel geringer als das Übel, das man auf sich zu nehmen hat, wenn man diese Entwicklung nicht zulĂ€sst. (Vgl. Abschnitt 128) Propaganda wird beispielsweise fĂŒr viele gute Zwecke benutzt, gegen Kindesmissbrauch oder Rassenhass. Sexuelle AufklĂ€rung ist zweifellos nĂŒtzlich, dennoch wird durch sexuelle AufklĂ€rung (wenn sie erfolgreich ist) der Familie die Einflussnahme auf sexuelles Verhalten genommen und dem Staat, vertreten durch das öffentliche Schulsystem, ĂŒbertragen.

154. Nehmen wir an, man wĂŒrde eine biologische Veranlagung entdecken, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein Kind verbrecherische Neigungen entwickeln wird, und nehmen wir weiter an, eine bestimmte Gentherapie könnte diese Veranlagung ausschalten. SelbstverstĂ€ndlich wĂŒrden die meisten Eltern, deren Kinder solche Anlagen hĂ€tten, sie der Therapie unterziehen. Alles andere wĂ€re inhuman, da das Kind sonst vielleicht ein elendes Leben als Verbrecher fĂŒhren mĂŒsste. Aber die meisten oder sogar alle primitiven Gesellschaften haben eine niedrige Verbrecherrate verglichen mit der unserer Gesellschaft, obwohl sie weder ĂŒber High-Tech-Methoden der Kindererziehung verfĂŒgen noch ĂŒber ein strenges Strafsystem. Da es keinen Grund zu der Annahme gibt, dass mehr moderne Menschen als primitive Menschen kriminell veranlagt wĂ€ren, muss die hohe KriminalitĂ€tsrate in unserer Gesellschaft auf den Druck zurĂŒckgefĂŒhrt werden, den die modernen Lebensbedingungen auf die Menschen ausĂŒben und dem sich viele Menschen nicht beugen können oder wollen. Also wĂ€re eine Behandlung, die potenzielle kriminelle Tendenzen ausschaltet, wenigstens teilweise schon eine Manipulation oder ein Neudesign des Menschen mit dem Zweck, diesen den Anforderungen des Systems anzupassen.

155. Unsere Gesellschaft neigt dazu, jedes Denken oder Verhalten, das dem System unbequem ist, als »Krankheit« anzusehen, und das ist nur plausibel, denn wenn eine Person nicht ins System passt, ist dies fĂŒr die Person genauso schmerzhaft wie es dem System Probleme bereitet. Also betrachtet man die Manipulation von Menschen zwecks Anpassung an das System als »Heilung« einer »Krankheit«, und also als etwas Gutes.

156. ln Abschnitt 127 haben wir dargestellt, dass die Benutzung einer neuen technologischen Erfindung ANFANGS zwar optional sein mag, dies aber nicht unbedingt so BLEIBEN muss, weil die neue Technologie die Gesellschaft derart verĂ€ndert, dass es fĂŒr den Einzelnen schwierig oder unmöglich wird, ohne diese Technologie auszukommen. Das lĂ€sst sich auch auf Technologien zur Verhaltenskontrolle anwenden. In einer Welt, in der die meisten Kinder durch spezielle Programme zum Lernen motiviert werden, werden alle Eltern geradezu gezwungen, auch ihre Kinder einem solchen Programm zu unterziehen, denn wĂŒrden sie das nicht tun, blieben ihre Kinder vergleichsweise ungebildet und wĂŒrden spĂ€ter keine Arbeit finden. Oder angenommen, man wĂŒrde eine biologische Behandlungsmethode ohne unerwĂŒnschte Nebenwirkungen entdecken, die den psychischen Stress, unter dem so viele Menschen in unserer Gesellschaft leiden, weitgehend verringern wĂŒrde. Wenn viele Menschen sich dieser Behandlung unterzögen, wĂ€re damit der allgemeine Grad an Stress in der Gesellschaft vermindert, und das System hĂ€tte einen grĂ¶ĂŸeren Spielraum, die psychologischen Belastungen weiter zu erhöhen. Das wĂŒrde dazu fĂŒhren, dass mehr Menschen sich der Behandlung unterziehen und so weiter, so- dass der Druck schließlich so stark wĂŒrde, dass kaum ein Mensch fĂ€hig wĂ€re, ohne die stressreduzierende Behandlung zu ĂŒberleben. TatsĂ€chlich scheint so etwas bereits geschehen zu sein, nĂ€mlich in Form der Massenunterhaltung, die eines der wichtigsten psychologischen Mittel unserer Gesellschaft ist, um die Menschen dazu zu bringen, Stress zu ertragen (oder ihm wenigstens vorĂŒbergehend zu entkommen). (Vgl. Abschnitt 147) Unser Gebrauch der Massenunterhaltung ist »optional«: Kein Gesetz zwingt uns dazu fernzusehen, Radio zu hören, Zeitschriften zu lesen. Dennoch ist Massenunterhaltung ein Mittel zur Flucht und zur Stressreduzierung, von dem die meisten von uns abhĂ€ngig geworden sind. Jeder beschwert sich ĂŒber die schlechten Fernsehsendungen, aber fast jeder sieht sie sich an. Nur wenige haben das Fernsehen aufgegeben, aber nur selten gibt es heute noch jemanden, der ohne JEDE Form der Massenunterhaltung zurechtkommt. (Und doch kannten die meisten Menschen in der Menschheitsgeschichte bis vor Kurzem keine andere Unterhaltung als die, die ihre eigene kleine Gemeinschaft geschaffen hatte, und waren damit zufrieden.) Ohne die Unterhaltungsindustrie hĂ€tte uns das System nicht so viel Stress hervorrufendem Druck aus setzen können, wie es zur Zeit der Fall ist.

157. Angenommen, die industrielle Gesellschaft ĂŒberlebt, dann wird die Technologie wahrscheinlich in der Lage sein, menschliches Verhalten völlig zu kontrollieren. Es ist ohne jeden Zweifel bewiesen, dass menschliches Bewusstsein und Verhalten vor allem eine biologische Grundlage haben. Wie Versuche gezeigt haben, können GefĂŒhle wie Hunger, Freude, Ärger und Angst durch elektrische Stimulation gewisser Gehirnteile hervorgerufen oder abgeschaltet werden. Die Erinnerung kann durch die Zerstörung von Teilen des Gehirns ausgelöscht oder durch elektrische Stimulation wiederbelebt werden. Halluzinationen und Stimmungen können durch Drogen verĂ€ndert werden. Es mag eine immaterielle menschliche Seele geben oder nicht, aber wenn es sie gibt, wirkt sie deutlich schwĂ€cher als die biologischen Mechanismen auf das menschliche Verhalten ein. Denn wenn dies nicht der Fall wĂ€re, wĂ€ren die Forscher nicht in der Lage, menschliche GefĂŒhle und Verhalten mittels Drogen und Strom so leicht zu manipulieren.

158. Vermutlich wĂ€re es nicht durchfĂŒhrbar, allen Menschen Elektroden ins Hirn einzupflanzen, damit sie von den Behörden kontrolliert werden können. Aber die Tatsache, dass das menschliche Bewusstsein und GefĂŒhlsleben biologischen Eingriffen offenstehen, macht deutlich, dass es sich bei dem Problem der Kontrolle menschlichen Verhaltens lediglich um ein technisches Problem handelt; ein Problem von Neuronen, Hormonen und komplexen MolekĂŒlen; die Art von Problemen, die mit wissenschaftlichen Mitteln zu lösen sind. Wenn man die außergewöhnliche Bilanz unserer Gesellschaft bei der Lösung technischer Probleme betrachtet, ist es ĂŒberwĂ€ltigend wahrscheinlich, dass auch bei der Verhaltenskontrolle große Fortschritte erzielt werden.

159. WĂŒrde öffentlicher Widerstand die EinfĂŒhrung technologischer Kontrolle menschlichen Verhaltens verhindern? Wenn eine solche plötzlich und auf ein Mal eingefĂŒhrt wĂŒrde, wĂ€re das sicherlich möglich. Da die technologische Kontrolle aber nur ganz allmĂ€hlich durch eine Reihe kleiner Schritte eingefĂŒhrt werden wird, wird es keinen rationalen und wirksamen öffentlichen Widerstand dagegen geben. (Vgl. Abschnitte 127, 132 und 153)

160. Diejenigen, die meinen, alles hier Gesagte höre sich zu sehr nach Science-Fiction an, seien daran erinnert, dass die Science-Fiction von gestern die Tatsachen von heute sind. Die industrielle Revolution hat die Umgebung und die Lebensweise des Menschen radikal verÀndert, und es ist nur zu erwarten, dass der Mensch selbst, je mehr Technologie auf seinen Körper und sein Bewusstsein angewandt wird, sich genauso radikal verÀndern wird wie seine Umwelt und seine Lebensweise verÀndert wurden.

DIE MENSCHHEIT AM SCHEIDEWEG

161. Doch wir greifen voraus. Es ist eine Sache, in Laborversuchen psychologische und biologische Techniken zur Manipulation menschlichen Verhaltens durchzufĂŒhren, und eine ganz andere, diese Techniken in ein funktionierendes soziales System zu integrieren. Das Letztere ist weitaus schwieriger. So kann es zum Beispiel sehr schwierig sein, die erziehungspsychologischen Techniken, die in den sogenannten »Lab Schools«, wo sie entwickelt wurden, zweifellos sehr gut funktionieren, auch im gesamten allgemeinen Erziehungssystem effizient anzuwenden. Wir wissen alle, was an vielen unserer Schulen heute los ist. Die Lehrer sind zu sehr damit beschĂ€ftigt, die Messer und Waffen der Kinder einzuziehen, sie können sie nicht auch noch den neuesten Techniken unterziehen, die sie zu Computerfreaks machen sollen. Somit ist das System bisher trotz aller technischen Fortschritte im Bereich der Kontrolle menschlichen Verhaltens nicht sehr erfolgreich in der Kontrolle von Menschen. Die Menschen, deren Verhalten bereits weitgehend vom System kontrolliert wird, sind die sogenannten »Bourgeois«. Doch es wĂ€chst die Zahl der Menschen, die auf die eine oder andere Weise gegen das System rebellieren: Sozialhilfeschmarotzer, Jugendbanden, SektenanhĂ€nger, Satanisten, Nazis, radikale UmweltschĂŒtzer, Milizen u.a.

162. Das System fĂŒhrt seit einiger Zeit einen verzweifelten Kampf gegen gewisse Probleme, die sein Überleben bedrohen, und die grĂ¶ĂŸten dieser Probleme werden durch menschliches Verhalten verursacht. Wenn es dem System schnell genug gelingt, ausreichende Kontrolle ĂŒber das menschliche Verhalten zu erlangen, dann wird es wahrscheinlich ĂŒberleben. Andernfalls wird es zusammenbrechen. Wir glauben, dass sich diese Frage in den nĂ€chsten paar Jahrzehnten entscheiden wird, in etwa 40 bis 100 Jahren.

163. Nehmen wir an, das System ĂŒberlebt die Krise in den nĂ€chsten Jahrzehnten. In dieser Zeit muss es ihm gelungen sein, seine Hauptprobleme zu lösen oder wenigstens zu kontrollieren, besonders das Problem der »Anpassung« der Menschen ans System; im Klartext, die Menschen mĂŒssen so gefĂŒgig gemacht werden, dass ihr Verhalten das System nicht lĂ€nger bedrohen kann. Ist das einmal erreicht, gibt es keine HĂŒrden mehr fĂŒr die technologische Entwicklung, und die logische Konsequenz wĂŒrde darin bestehen, alles auf der Erde vollstĂ€ndig kontrollieren zu können, einschließlich der Menschen und aller anderen wichtigen Lebensformen. Das System könnte dann zu einer einheitlichen, monolithischen Organisation werden oder mehr oder weniger fragmentiert sein und aus einer Reihe von nebeneinander existierenden Organisationen bestehen, die gleichzeitig miteinander kooperieren und konkurrieren, so wie heute Regierung, Unternehmen und große Organisationen sowohl miteinander kooperieren als auch konkurrieren. Menschliche Freiheit wird dann so gut wie verschwunden sein, weil Einzelpersonen und kleine Gruppen den großen Organisationen machtlos gegenĂŒberstehen, die mit Supertechnologien und einem Arsenal von fortschrittlichen psychologischen und biologischen Methoden zur Manipulation von Menschen ausgerĂŒstet sind, ganz abgesehen von Instrumenten zur Überwachung und dem Monopol physischer Gewalt. Nur eine kleine Gruppe von Menschen hat dann wirkliche Macht, und selbst diese werden nur eine begrenzte Freiheit haben, denn auch ihr Verhalten wird reguliert werden; ganz wie unsere Politiker und AufsichtsrĂ€te ihre Machtpositionen heute nur so lange halten können, wie ihr Verhalten innerhalb gewisser enger Grenzen bleibt.

164. Man glaube bloß nicht, dass das System aufhören wird, weitere Techniken zur Kontrolle von Mensch und Natur zu entwickeln, auch wenn die Krise der nĂ€chsten Jahrzehnte ĂŒberwunden und weitere Kontrolle fĂŒr das Überleben des Systems nicht lĂ€nger notwendig sein wird. Im Gegenteil, wenn diese schwierigen Zeiten vorĂŒber sind, wird das System seine Kontrolle ĂŒber Mensch und Natur noch schneller verstĂ€rken, um nicht erneut von Problemen aufgehalten zu werden wie denen, die es gerade ĂŒberwunden hat. Der Wille zu ĂŒberleben ist nicht das Hauptmotiv fĂŒr das Ausdehnen der Kontrolle. Wie wir in den Abschnitten 87-90 erklĂ€rt haben, ist die Arbeit der Wissenschaftler und Techniker fĂŒr sie eine Ersatzhandlung; das heißt, sie befriedigen ihr MachtbedĂŒrfnis, indem sie technologische Probleme lösen. Sie werden mit ungebremster Begeisterung damit fortfahren, und eines der interessantesten und herausforderndsten Probleme wird sein, den menschlichen Körper und das menschliche Bewusstsein zu verstehen und in ihre Entwicklung einzugreifen. Alles »zum Besten der Menschheit«, selbstverstĂ€ndlich.

165. Doch nehmen wir nun im Gegenteil an, die Belastungen der kommenden Jahrzehnte erweisen sich als zu stark fĂŒr das System. Wenn es zusammenbricht, gĂ€be es zunĂ€chst eine Periode des Chaos, eine »Zeit der Unruhe«, wie man sie aus verschiedenen anderen Geschichtsepochen der Vergangenheit kennt. Es ist unmöglich vorauszusagen, was aus dieser Zeit der Unruhe hervorgehen wĂŒrde, in jedem Fall aber hĂ€tte die Menschheit eine neue Chance. Die grĂ¶ĂŸte Gefahr wĂ€re dann, dass sich die industrielle Gesellschaft in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch wieder konsolidiert. Mit Sicherheit wird es viele Menschen geben (besonders die machtgierigen Charaktere), die dafĂŒr Sorge tragen, die Fabriken wieder in Gang zu bringen.

166. Daher stellen sich denen, die die Sklaverei, zu der das industrielle System die Menschheit erniedrigt, bekĂ€mpfen wollen, zwei Aufgaben. Erstens mĂŒssen wir daran arbeiten, den gesellschaftlichen Druck innerhalb des Systems noch zu verstĂ€rken, um die Wahrscheinlichkeit seines Zusammenbruchs zu erhöhen oder es genĂŒgend zu schwĂ€chen, um dadurch eine Revolution möglich zu machen. Zweitens muss man eine Ideologie entwickeln und propagieren, die sich gegen die Technologie und die industrielle Gesellschaft richtet. Solch eine Ideologie kann dann die Basis der Revolution gegen die industrielle Gesellschaft sein. Und solch eine Ideologie kann dabei helfen sicherzustellen, dass im Falle und zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der industriellen Gesellschaft ihre Überreste völlig zerstört werden, sodass sich das System nicht wieder konsolidieren kann. Fabriken mĂŒssen zerstört, technische LehrbĂŒcher verbrannt werden usw.

MENSCHLICHES LEIDEN

167. Das industrielle System wird nicht einfach als Ergebnis revolutionĂ€rer Aktionen zusammenbrechen. Es wird erst und nur dann durch revolutionĂ€re Angriffe verwundbar, wenn seine internen Entwicklungsprobleme zu ernsthaften Schwierigkeiten gefĂŒhrt haben. Das System wird also entweder von selbst zusammenbrechen oder in einem Prozess, der zum Teil von selbst ablĂ€uft und zum Teil durch die RevolutionĂ€re beschleunigt wird. Erfolgt der Zusammenbruch plötzlich, werden viele Menschen sterben, denn die Weltbevölkerung hat dermaßen zugenommen, dass sie nicht einmal mehr in der Lage ist, sich ohne fortgeschrittene Technologie zu ernĂ€hren. Selbst wenn sich der Zusammenbruch so allmĂ€hlich vollzieht, dass die Bevölkerung vor allem durch eine sinkende Geburten- und weniger durch eine steigende Todesrate verringert werden kann, wird der Prozess der De-Industrialisierung wahrscheinlich sehr chaotisch sein und viel Leiden verursachen. Es wĂ€re naiv zu glauben, die Technologie könnte nach einem wohlorganisierten, glatt verlaufenden Plan einfach abgebaut werden, besonders wo doch die TechnologieanhĂ€nger hartnĂ€ckig gegen jeden Schritt kĂ€mpfen werden. Ist es deshalb grausam, fĂŒr den Zusammenbruch des Systems zu kĂ€mpfen? Das wird sich zeigen. Erstens werden RevolutionĂ€re ĂŒberhaupt nur dann in der Lage sein, das System zu zerstören, wenn es schon so gestört ist, dass es sehr wahrscheinlich bald von selbst zerfallen wĂŒrde; und je umfassender sich das System ausgedehnt hat, desto verheerender werden die Konsequenzen seines Zusammenbruchs sein, sodass die RevolutionĂ€re, die den Zusammenbruch beschleunigen, das Ausmaß der Katastrophe eher verringern.

168. Zweitens hat man Kampf und Tod gegen den Verlust von Freiheit und WĂŒrde abzuwĂ€gen. FĂŒr viele von uns bedeuten Freiheit und WĂŒrde mehr als ein langes Leben oder die Vermeidung von körperlichen Schmerzen. Außerdem mĂŒssen wir alle einmal sterben, und es ist vielleicht besser, im Kampf ums Überleben oder fĂŒr eine Sache zu sterben, als ein langes, aber leeres und sinnloses Leben zu fĂŒhren.

169. Drittens ist es keineswegs sicher, dass das Überleben des Systems weniger schlimme Folgen hĂ€tte als sein Zusammenbruch. Das System ist die Ursache vieler Leiden in Vergangenheit und Gegenwart auf der ganzen Welt. Alte Kulturen, in denen Menschen jahrhundertelang im Einklang miteinander und mit ihrer Umwelt lebten, wurden durch den Kontakt mit der industriellen Gesellschaft zerstört, und das Ergebnis ist eine lange Liste von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, psychologischen und Umweltproblemen. Eine Folge des Eindringens der industriellen Gesellschaft war, dass ĂŒberall in der Welt die natĂŒrliche Kontrolle des Bevölkerungswachstums aus dem Gleichgewicht geraten ist. Daher die Bevölkerungsexplosion mit all ihren Folgen. Eine andere Folge sind die in den vermeintlich glĂŒcklichen LĂ€ndern der westlichen Welt weit verbreiteten psychologischen Krankheiten (vgl. Abschnitte 44-45). Niemand kann jetzt schon die Folgen des Ozonlochs, des Treibhauseffekts oder anderer Umweltprobleme Voraussagen. Wie die Weitergabe von nuklearem Material gezeigt hat, lĂ€sst sich nicht verhindern, dass neue Technologien in die Hand von Diktatoren und verantwortungslosen Dritte-Welt-LĂ€ndern geraten. Möchten Sie sich vorstellen, wie der Irak oder Nordkorea Genmanipulation anwenden wĂŒrden?

170. »Oh!«, sagen die TechnologieanhĂ€nger, »die Wissenschaft bringt das alles in Ordnung! Wir werden Hunger ĂŒberwinden, psychisches Leiden ausrotten und jedermann gesund und glĂŒcklich machen!« Ja, sicher. Das haben sie schon vor 200 Jahren gesagt. Die industrielle Revolution sollte die Armut beseitigen, jedermann glĂŒcklich machen usw. Aber das heutige Ergebnis sieht ganz anders aus. Die TechnologieanhĂ€nger sind hoffnungslos naiv (oder sie tĂ€uschen sich selbst) in ihrer Auffassung gesellschaftlicher Probleme. Sie merken nicht (oder wollen nicht merken), dass große VerĂ€nderungen, selbst scheinbar zunĂ€chst positive, nicht in einer Gesellschaft eingefĂŒhrt werden können, ohne eine lange Folge anderer VerĂ€nderungen hervorzurufen, von denen die meisten nicht vorhersehbar sind (vgl. Abschnitt 103). Das Ergebnis ist die Zerstörung der Gesellschaft. So ist es sehr wahrscheinlich, dass die TechnologieanhĂ€nger bei ihren Versuchen, Armut und Krankheit zu besiegen und unterwĂŒrfige, glĂŒckliche Persönlichkeiten zu konstruieren usw., Gesellschaftssysteme schaffen werden, die von viel schlimmeren Problemen geplagt werden als die heutigen. Zum Beispiel brĂŒsten sich Wissenschaftler damit, dass sie den Hunger durch neue genmanipulierte Nutzpflanzen besiegen werden. Aber damit wird die menschliche Bevölkerung unendlich anwachsen können, und es ist bekannt, dass eine hohe Bevölkerungsdichte zu Stress und Aggression fĂŒhrt. Das ist nur ein Beispiel der VORAUSSAGBAREN Probleme, die auftreten werden. Wir betonen, dass technischer Fortschritt, wie vergangene Erfahrungen gezeigt haben, andere neue Probleme aufwirft, die NICHT vorhersehbar sind (vgl. Abschnitt 103). TatsĂ€chlich nĂ€mlich hat die Technologie seit der industriellen Revolution viel schneller neue gesellschaftliche Probleme geschaffen als alte gelöst werden konnten. So wĂŒrde es eine lange und schwierige Periode von Versuch und Irrtum brauchen, damit die TechnologieanhĂ€nger die Macken ihrer Schönen Neuen Welt wieder in Ordnung bringen können (falls sie das jemals tun werden). In der Zwischenzeit wird es viel Leiden geben. Deshalb ist es ĂŒberhaupt nicht sicher, ob das Überleben der industriellen Gesellschaft weniger Leiden bringen wĂŒrde als ihr Zusammenbruch. Die Technologie hat die Menschheit in eine Falle gefĂŒhrt, aus der sie wohl nicht so leicht entkommen wird.

DIE ZUKUNFT

171. Nehmen wir nun an, dass die industrielle Gesellschaft die nĂ€chsten Jahrzehnte ĂŒberlebt und das System schließlich von seinen Fehlem weitgehend befreit wird, sodass es reibungslos funktioniert. Was wĂ€re es dann fĂŒr eine Art von System? Wir wollen verschiedene Möglichkeiten betrachten.

172. Gehen wir zunĂ€chst von der PrĂ€misse aus, es sei den Computerwissenschaftlern gelungen, intelligente Maschinen zu entwickeln, die alle Dinge besser können als der Mensch. Es wĂŒrden wahrscheinlich alle Arbeiten durch umfassende, hoch organisierte Maschinensysteme erledigt, und menschliche Anstrengungen wĂ€ren nicht mehr notwendig. Dann könnte man entweder zulassen, dass die Maschinen alle Entscheidungen selbst treffen, ohne menschliche Aufsicht, oder aber der Mensch behĂ€lt die Kontrolle ĂŒber die Maschinen.

173. Wenn Maschinen ihre eigenen Entscheidungen treffen, kann man ĂŒber die Folgen keine Mutmaßungen anstellen, weil es unmöglich ist einzuschĂ€tzen, wie sich Maschinen verhalten werden. Wir können nur feststellen, dass das Schicksal der Menschheit dann von der Gnade der Maschinen abhinge. Man könnte einwenden, dass die Menschheit niemals so wahnsinnig wĂ€re, all ihre Macht an Maschinen abzugeben. Wir behaupten auch weder, dass die Menschheit ihre Macht freiwillig an die Maschinen abgeben, noch dass die Maschinen den Menschen willentlich die Macht entreißen wĂŒrden. Aber was wir behaupten, ist, dass die Menschheit möglicherweise in die Situation einer solchen AbhĂ€ngigkeit von Maschinen geraten kann, so- dass sie praktisch keine andere Wahl hat, als alle Entscheidungen der Maschinen zu akzeptieren. Da die Gesellschaft und ihre Probleme immer komplexer und Maschinen immer intelligenter werden, werden die Menschen den Maschinen immer mehr Entscheidungen ĂŒberlassen, einfach deshalb, weil maschinelle Entscheidungen zu besseren Ergebnissen fĂŒhren als menschliche Entscheidungen. Schließlich wird man eine Stufe erreichen, auf der zur Systemerhaltung notwendige Entscheidungen so komplex werden, dass Menschen aufgrund ihrer begrenzten Intelligenz nicht mehr in der Lage sein wĂŒrden, diese Entscheidungen zu treffen. Von diesem Moment an haben die Maschinen die tatsĂ€chliche Kontrolle erlangt. Der Mensch kann die Maschinen dann nicht mehr einfach abschalten, weil er so abhĂ€ngig von ihnen geworden ist, dass Abschalten kollektiven Selbstmord bedeuten wĂŒrde.

174. Es ist aber andererseits auch möglich, dass der Mensch die Kontrolle ĂŒber die Maschinen behĂ€lt. In diesem Fall wird der DurchschnittsbĂŒrger die Kontrolle ĂŒber einige Maschinen in seinem Privatbesitz behalten, ĂŒber sein Auto oder seinen Computer, aber die Kontrolle ĂŒber große Maschinensysteme wird in der Hand einer kleinen Elite sein – wie heute auch, jedoch mit zwei Unterschieden. Wegen der fortgeschrittenen Techniken wird die Elite eine umfassendere Kontrolle ĂŒber die Massen ausĂŒben; und weil menschliche Arbeit nicht mehr notwendig ist, sind die Massen ĂŒberflĂŒssig, eine nutzlose BĂŒrde fĂŒr das System. Ist die Elite unbarmherzig, wird sie einfach entscheiden, die Masse der Menschheit zu vernichten. Ist sie human, wird sie mit Hilfe von Propaganda oder anderen psychologischen oder biologischen Techniken die Geburtenrate so weit senken, bis die Masse der Menschheit ausstirbt und die Welt der Elite ĂŒberlassen bleibt. Sollte die Elite aus weichherzigen Linken bestehen, dann könnte sie entscheiden, die Rolle des guten Hirten zu spielen, der ĂŒber den Rest der Menschheit wacht. Sie wĂŒrden dafĂŒr sorgen, dass jedermanns physische BedĂŒrfnisse befriedigt werden, dass alle Kinder unter psychologisch hygienischen Bedingungen aufwachsen, dass jeder ein gesundes Hobby pflegt, das ihn beschĂ€ftigt, und dass jeder, der unzufrieden ist, sich einer »Behandlung« unterzieht, um sein »Problem« zu lösen. NatĂŒrlich wird das Leben dann so sinnlos sein, dass die Menschen biologisch oder psychologisch manipuliert werden mĂŒssen, um ihr BedĂŒrfnis nach dem power process und nach Selbstverwirklichung durch ein harmloses Hobby zu »sublimieren«. Diese manipulierten Menschen mögen in einer solchen Gesellschaft vielleicht glĂŒcklich sein, sie sind aber mit Sicherheit nicht frei. Sie sind auf die Stufe von Haustieren gesunken.

175. Nehmen wir nun an, dass die Computerwissenschaft nicht in der Lage sein wird, kĂŒnstliche Intelligenz zu entwickeln, so- dass menschliche Arbeit weiterhin notwendig bleibt. Selbst dann werden Maschinen verstĂ€rkt einfache Arbeiten ĂŒbernehmen und damit einen zunehmenden Überschuss an ungelernten oder unbegabteren menschlichen ArbeitskrĂ€ften schaffen. (Diese Entwicklung ist bereits heute sichtbar. Es gibt inzwischen viele Menschen, die keine Arbeit finden, weil sie aus intellektuellen oder psychologischen GrĂŒnden nicht den nötigen Ausbildungsstand haben, der sie brauchbar fĂŒr das gegenwĂ€rtige System macht.) An diejenigen, die Arbeit haben, werden immer höhere Anforderungen gestellt: Sie benötigen mehr und mehr Ausbildung, mehr und mehr FĂ€higkeiten, sie mĂŒssen noch zuverlĂ€ssiger, anpassungsfĂ€higer und unterwĂŒrfiger werden, weil sie mehr und mehr nur noch wie Zellen in einem riesigen Organismus existieren. Ihr Aufgabenbereich wird immer stĂ€rker spezialisiert, sodass sie durch die Konzentration auf ihren winzigen Bereich den Bezug zur RealitĂ€t verlieren. Das System muss dann alle psychologischen und biologischen Mittel anwenden, um die Menschen so zu manipulieren, dass sie unterwĂŒrfig bleiben, die FĂ€higkeiten entwickeln, die das System erfordert, und dass sie ihren Machttrieb durch eine spezialisierte Arbeit »sublimieren«. Die Behauptung, die Menschen in einer solchen Gesellschaft mĂŒssen unterwĂŒrfig sein, muss vielleicht eingeschrĂ€nkt werden. FĂŒr die Gesellschaft kann Konkurrenzgeist nĂŒtzlich sein, vorausgesetzt, man kann ihn in Bahnen lenken, die den BedĂŒrfnissen des Systems dienen. Wir können uns eine zukĂŒnftige Gesellschaft vorstellen, in der es endlose KonkurrenzkĂ€mpfe um prestigetrĂ€chtige Positionen und Macht gibt. Doch werden stets nur sehr wenige die Spitze erreichen und wahre Macht haben (vgl. Abschnitt 163). Eine Gesellschaft, in der jemand seinen Machttrieb nur dadurch befriedigen kann, dass er viele andere aus dem Weg rĂ€umen und DEREN Machtstreben vereiteln muss, ist abstoßend.

176. Man kann sich Szenarien ausmalen, in denen Aspekte der hier vorgestellten Möglichkeiten anders verknĂŒpft werden. So wĂ€re es etwa möglich, dass Maschinen vor allem die Arbeiten ĂŒbernehmen, die wirklich wichtig sind, wĂ€hrend die Menschen damit beschĂ€ftigt sind, unwichtige TĂ€tigkeiten zu verrichten. Es wurde bereits vorgeschlagen, durch weitere Entwicklung im Dienstleistungssektor mehr ArbeitsplĂ€tze zu schaffen. Dann wĂŒrden die Menschen ihre Zeit damit verbringen, einander die Schuhe zu putzen, einander in Taxis herumzufahren, handwerkliche Arbeiten fĂŒr einander auszufĂŒhren, einander in Restaurants zu bedienen, etc. Dies scheint uns durch und durch menschenunwĂŒrdig zu sein, und wir bezweifeln, dass viele Menschen in dieser sinnlosen BeschĂ€ftigungstherapie ein erfĂŒlltes Leben finden wĂŒrden. Sie wĂŒrden dann andere, gefĂ€hrliche Ventile suchen (Drogen, Verbrechen, Sekten, Hassgruppen), außer man hat sie biologisch oder psychologisch manipuliert, um sie so diesem Leben anzupassen.

177. Es versteht sich von selbst, dass mit den hier aufgezeigten Szenarien nicht alle Möglichkeiten erschöpft sind. Sie sollten nur die uns am wahrscheinlichsten scheinenden Folgen aufzeigen. Wir konnten aber kein plausibles Szenario finden, dass auch nur wenig attraktiver wĂ€re als die, die wir gerade beschrieben haben. Es ist höchst wahrscheinlich, dass das industriell-technologische System, wenn es die nĂ€chsten 40 bis 100 Jahre ĂŒberlebt, bestimmte allgemeine Merkmale entwickelt haben wird: Individuen (zumindest die »Bourgeois«, die an das System angepasst sind und es am Laufen halten und die deshalb die Macht ausĂŒben) werden mehr als je zuvor von großen Organisationen abhĂ€ngig sein; sie werden »angepasster« sein als je zuvor und ihre körperlichen und geistigen Eigenschaften werden in spĂŒrbarem Ausmaß (wahrscheinlich in sehr großem Ausmaß) das Resultat kĂŒnstlicher Manipulationen sein und nicht mehr Ergebnis des Zufalls (oder des göttlichen Willens oder wessen auch immer); und was von der ursprĂŒnglichen Natur ĂŒbrig geblieben sein wird, wird man zum Zwecke wissenschaftlicher Studien unter Aufsicht und Verwaltung von Wissenschaftlern stellen (damit verliert auch dieser Rest seine UrsprĂŒnglichkeit). Auf Dauer (einige Jahrhunderte von jetzt an) ist es wahrscheinlich, dass weder die Menschheit noch andere wichtige Lebensformen in der heutigen Form fortbestehen werden, denn wenn Genmanipulation einmal begonnen wurde, gibt es keinen Grund, an einem bestimmten Punkt damit aufzuhören, sodass so lange VerĂ€nderungen vorgenommen werden, bis der Mensch und andere Lebensformen völlig umgestaltet sein werden.

178. Was immer eintreten mag, eines ist sicher, die Technologie schafft fĂŒr die Menschen eine neue natĂŒrliche und soziale Umwelt, die sich radikal von dem Spektrum der Umwelten unterscheidet, denen die Menschheit sich durch natĂŒrliche Auslese physisch und psychisch angepasst hat. Wird der Mensch nicht durch kĂŒnstliche Manipulation an diese neue Umwelt angepasst, dann wird es durch einen langen, schmerzhaften Prozess der natĂŒrlichen Auslese geschehen. Das Erstere ist wesentlich wahrscheinlicher als das Letztere.

179. Es wÀre besser, das ganze verrottete System zu beseitigen und die Folgen zu tragen.

STRATEGIE

180. Die TechnologieanhĂ€nger nehmen uns alle mit auf eine Ă€ußerst leichtsinnige Reise ins Ungewisse. Viele Menschen haben eine Vorstellung davon, was technologischer Fortschritt uns antut, bleiben aber passiv, weil sie ihn fĂŒr unvermeidlich halten. Aber wir (FC) halten ihn nicht fĂŒr unvermeidlich. Wir meinen, dass man ihn aufhalten kann und geben hier einige Hinweise, was man dafĂŒr tun kann.

181. Wie wir in Abschnitt 166 festgestellt haben, bestehen die beiden Hauptaufgaben gegenwĂ€rtig darin, den sozialen Druck und die InstabilitĂ€t der industriellen Gesellschaft zu verstĂ€rken und eine Ideologie zu entwickeln und zu propagieren, die sich gegen die Technologie und das industrielle System richtet. Erst wenn das System ausreichend unter Druck gerĂ€t und instabil wird, könnte eine Revolution gegen die Technologie möglich werden. Es wĂ€re dasselbe Muster wie bei der Französischen und der Russischen Revolution. Die französische und die russische Gesellschaft hatten in den Jahrzehnten vor dem Ausbruch ihrer jeweiligen Revolution wachsende Anzeichen von gesellschaftlichem Druck und SchwĂ€che gezeigt. Inzwischen waren neue Ideologien entwickelt worden, die ein neues Weltbild boten, das sich vom alten stark unterschied. In Russland waren RevolutionĂ€re aktiv an der Zerstörung der alten Ordnung beteiligt. Als dann das alte System unter genĂŒgend zusĂ€tzlichen Druck geriet (in Frankreich durch die Finanzkrise, in Russland durch die militĂ€rische Niederlage), wurde es von der Revolution hinweggefegt.

182. Man wird einwenden, dass die Französische und die Russische Revolution gescheitert sind. Aber die meisten Revolutionen haben zwei Ziele. Eines liegt darin, die alte Gesellschaftsform zu zerstören, und das andere darin, eine neue Gesellschaftsform nach den Visionen der RevolutionĂ€re aufzubauen. Die französischen und russischen RevolutionĂ€re scheiterten (glĂŒcklicherweise) darin, die neue Gesellschaft zu errichten, von der sie getrĂ€umt hatten, aber sie waren durchaus erfolgreich darin, die alte Gesellschaft zu zerstören. Wir machen uns nicht die Illusion, es wĂ€re durchfĂŒhrbar, eine neue, ideale Form der Gesellschaft aufzubauen. Unser Ziel besteht einzig darin, die existierende Gesellschaft zu zerstören.

183. Doch wenn man fĂŒr eine Ideologie begeisterte UnterstĂŒtzung bekommen will, muss sie sowohl ein positives als auch ein negatives Ideal bieten; sie muss FÜR etwas und GEGEN etwas stehen. Das von uns vorgeschlagene positive Ideal ist die Natur. Damit ist die URSPRÜNGLICHE Natur gemeint: die Erde und ihre Lebensformen, die unabhĂ€ngig von Lenkung, Eingriffen und Kontrolle durch den Menschen existieren. Zur ursprĂŒnglichen Natur gehört auch der Mensch, wobei wir die physischen Aspekte des Funktionierens des menschlichen Individuums meinen, die nicht einer Regulierung durch die organisierte Gesellschaft unterliegen, sondern vom Zufall, dem freien Willen oder Gott (je nach religiöser und philosophischer Vorstellung) abhĂ€ngig sind.

184. Die Natur ist aus verschiedenen GrĂŒnden ein perfektes Gegen-Ideal zur Technologie. Natur (die außerhalb der Macht des Systems existiert) ist das Gegenteil von Technologie (die ihre Macht innerhalb des Systems unendlich auszuweiten sucht). Die meisten Menschen werden zugeben, dass Natur schön ist; sie hat eine gewaltige Anziehungskraft. Radikale UmweltschĂŒtzer vertreten BEREITS eine Ideologie, die die Natur lobpreist und die Technologie ablehnt. Es ist nicht nötig, um der Natur willen eine fantastische Utopie oder eine neue Gesellschaftsordnung zu entwerfen. Die Natur sorgt fĂŒr sich selbst: Sie war eine spontane Schöpfung, die lange vor jeder menschlichen Gesellschaftsordnung existiert hat, und zahllose Jahrhunderte lang haben viele verschiedene Gesellschaften im Einklang mit der Natur gelebt, ohne große Zerstörungen anzurichten. Erst durch die industrielle Revolution begannen die Auswirkungen der menschlichen Gesellschaft in der Natur großen Schaden anzurichten. Um die Natur von diesem Druck zu befreien, ist es nicht nötig, ein besonderes Gesellschaftssystem zu schaffen, es reicht, sich von der industriellen Gesellschaft zu befreien. NatĂŒrlich werden damit nicht alle Probleme gelöst. Die industrielle Gesellschaft hat der Natur bereits enormen Schaden zugefĂŒgt, und es wird sehr lange dauern, bis diese Narben verheilt sind. Außerdem fĂŒgen selbst vorindustrielle Gesellschaften der Natur merkbaren Schaden zu. Dennoch wird erst durch das Verschwinden der industriellen Gesellschaft etwas Wesentliches erreicht werden. Es wird den schlimmsten Druck von der Natur nehmen, sodass die Narben verheilen können. Es wird der organisierten Gesellschaft die FĂ€higkeit nehmen, die Natur immer stĂ€rker zu kontrollieren (einschließlich die menschliche Natur). Ganz gleich welche Gesellschaft nach dem Ende der industriellen Gesellschaft entstehen wird, die meisten Menschen werden naturverbunden leben, denn ohne fortgeschrittene Technologie KÖNNEN Menschen nicht anders leben. Um sich zu ernĂ€hren, mĂŒssen sie Bauern, Hirten, Fischer, JĂ€ger oder Ähnliches sein. Die lokale Autonomie wird generell auch zunehmen, denn ohne fortgeschrittene Technologie und schnelle Kommunikation ist die FĂ€higkeit von Regierungen oder anderen großen Organisationen, lokale Gemeinwesen zu kontrollieren, eingeschrĂ€nkt.

185. Was die negativen Folgen des Zusammenbruchs der industriellen Gesellschaft angeht – nun ja, man kann nicht das Huhn essen und auch die Eier haben. Um das eine zu bekommen, muss man das andere aufgeben.

186. Viele Menschen fĂŒrchten psychologische Konflikte. Deshalb vermeiden sie, ernsthaft ĂŒber schwierige gesellschaftliche Fragen nachzudenken und ziehen es vor, diese in leicht verstĂ€ndlicher Form, schwarz-weiß gemalt, prĂ€sentiert zu bekommen: DIES ist ganz und gar gut und JENES ist ganz und gar ĂŒbel. Die revolutionĂ€re Ideologie muss daher auf zwei Ebenen entwickelt werden.

187. Auf der anspruchsvolleren Ebene sollte sie sich an diejenigen richten, die intelligent, nachdenklich und vernĂŒnftig sind. Das Ziel sollte sein, eine Kerngruppe von Menschen zu bilden, die sich auf einer rationalen, durchdachten Basis gegen das industrielle System wenden und die sich völlig im Klaren sind ĂŒber die Probleme und AmbiguitĂ€ten, auf die sie treffen werden, sowie ĂŒber den Preis, der fĂŒr die Abschaffung des Systems gezahlt werden muss. Es ist besonders wichtig, solche Menschen dafĂŒr zu gewinnen, da sie viele FĂ€higkeiten haben und deshalb andere beeinflussen können. An diese Menschen sollte man sich auf einer möglichst rationalen Ebene wenden. Tatsachen sollten niemals absichtlich verdreht und sprachliche Übertreibungen vermieden werden. Das soll nicht heißen, dass man nicht auch an GefĂŒhle appellieren könne, aber dabei sollte man vermeiden, die Wahrheit zu verfĂ€lschen oder das intellektuelle Ansehen der Ideologie auf andere Art zu beschĂ€digen.

188. Auf einer zweiten Ebene sollte die Ideologie in so vereinfachter Weise verbreitet werden, damit auch die gedankenlose Mehrheit den Konflikt Technologie gegen Natur in unzweideutiger Begrifflichkeit versteht. Aber auch auf dieser zweiten Ebene sollte die Ideologie in einer angemessenen Sprache verbreitet werden, unter Verzicht auf primitive, ĂŒbertriebene oder irrationale Ausdrucks weise, damit die rational denkenden Menschen nicht davon abgestoßen werden. Billige, ĂŒbertriebene Propaganda kann zwar vorĂŒbergehend erstaunlich erfolgreich sein, auf lange Sicht gesehen ist es aber vorteilhafter, die LoyalitĂ€t einer kleinen Gruppe intelligenter Menschen zu bewahren, als die Leidenschaften des gedankenlosen, unbestĂ€ndigen Mobs zu entfachen, der seine Meinung wieder Ă€ndern wird, sobald ein anderer mit besseren Propagandatricks daherkommt. Doch auch Hetzpropaganda kann notwendig sein, wenn der Zeitpunkt des Zusammenbruchs des Systems sich nĂ€hert und es zum Endkampf zwischen rivalisierenden Ideologien kommt, der entscheidet, welche von beiden sich behaupten wird, nachdem das alte Weltbild untergegangen sein wird.

189. Vor diesem Endkampf sollten die RevolutionĂ€re nicht erwarten, die Mehrheit auf ihre Seite ziehen zu können. Die Geschichte wird von aktiven, entschiedenen Minderheiten gemacht, nicht von der Mehrheit, die selten eine klare und konsequente Idee ihrer eigenen WĂŒnsche hat. Bevor es zum entscheidenden Durchbruch der Revolution kommt, besteht die Aufgabe der RevolutionĂ€re weniger darin, die oberflĂ€chliche UnterstĂŒtzung der Mehrheit zu gewinnen als darin, einen kleinen Kern von wirklich ĂŒberzeugten AnhĂ€ngern zu bilden. Bei der Mehrheit ist es ausreichend, sie mit der Existenz der neuen Ideologie bekannt zu machen und sie regelmĂ€ĂŸig daran zu erinnern; obwohl es natĂŒrlich trotzdem wĂŒnschenswert ist, die UnterstĂŒtzung der Mehrheit zu gewinnen, sofern dies geschehen kann, ohne dadurch den Kern der ernsthaft ĂŒberzeugten Menschen zu schwĂ€chen.

190. Jeder gesellschaftliche Konflikt trĂ€gt dazu bei, das System zu schwĂ€chen, aber man sollte sich vorsehen, welche Art von Konflikten man unterstĂŒtzt. Es sollten immer Konflikte zwischen der Masse der Menschen und der die Macht ausĂŒbenden Elite der industriellen Gesellschaft (Politiker, Wissenschaftler, wichtige Wirtschafts- und Regierungsvertreter usw.) sein. Es sollten KEINE Konflikte zwischen den RevolutionĂ€ren und der Masse der Bevölkerung sein. Zum Beispiel wĂ€re es eine schlechte Strategie der RevolutionĂ€re, die Amerikaner wegen ihrer Konsumgewohnheiteii zu verurteilen. Vielmehr sollte der Durchschnittsamerikaner als Opfer der Werbe- und Marketingindustrie dargestellt werden, die ihn dazu verfĂŒhrt hat, eine Menge unnötigen Kram zu kaufen, den er nicht benötigt und der nur ein sehr schwacher Trost fĂŒr den Verlust seiner Freiheit ist. Beide Strategien entsprechen den Tatsachen. Es ist nur eine Frage der Haltung, ob man die Werbeindustrie beschuldigt, die Leute zu manipulieren, oder die Leute dafĂŒr, dass sie sich manipulieren lassen. Aus strategischen GrĂŒnden sollte man vermeiden, die Leute allgemein zu beschuldigen.

191. Man sollte sich zweimal ĂŒberlegen, ob inan irgendeinen anderen gesellschaftlichen Konflikt unterstĂŒtzt als den zwischen der Machtelite (die die Technologie beherrscht) und der allgemeinen Masse (die durch Technologie beherrscht wird). Zum einen lenken andere Konflikte die Aufmerksamkeit von der wichtigen Auseinandersetzung ab (zwischen Elite und allgemeiner Masse, zwischen Technologie und Natur); zum anderen könnten andere Konflikte die Technologisierung möglicherweise noch vorantreiben, weil beide Konfliktparteien versuchen wĂŒrden, mit Hilfe der Technologie Vorteile zu erlangen. Das wird bei Auseinandersetzungen zwischen Nationen deutlich oder bei ethnischen Konflikten innerhalb von Nationen. In Amerika zum Beispiel wollen viele schwarze FĂŒhrer dadurch mehr Macht fĂŒr die Afro-Amerikaner gewinnen, indem sie versuchen, Schwarze innerhalb der technologischen Machtelite zu platzieren. Sie wollen, dass es möglichst viele schwarze Regierungsbeamte, Wissenschaftler, Firmenmanager usw. gibt. Damit unterstĂŒtzen sie die Absorption der afro-amerikanischen Kultur ins technologische System. Deshalb sollte man generell nur jene gesellschaftlichen Konflikte unterstĂŒtzen, die sich im Rahmen des allgemeinen Konflikts Machtelite gegen allgemeine Bevölkerung, Technologie gegen Natur abspielen.

192. Doch um ethnische Konflikte zu lösen, ist militantes Eintreten fĂŒr Minderheitenrechte NICHT geeignet (vgl. Abschnitte 21 und 29). Statt dessen sollten die RevolutionĂ€re betonen, dass die Benachteiligung, die Minderheiten mehr oder weniger stark erfahren, nur von untergeordneter Bedeutung ist. Unser wirklicher Feind ist das industriell-technologische System, und im Kampf gegen das System sind ethnische Unterscheidungen unbedeutend.

193. Die Revolution, die wir uns vorstellen, muss nicht notwendigerweise ein bewaffneter Aufstand gegen eine Regierung sein. Sie mag physische Gewalt anwenden oder auch nicht, jedenfalls wird es keine POLITISCHE Revolution sein. In ihrem Zentrum stehen Technologie und Wirtschaft, nicht Politik.

194. Die RevolutionĂ€re sollten sogar VERMEIDEN, politische Macht zu ĂŒbernehmen, ob mit legalen oder illegalen Mitteln, bis der Druck auf das industrielle System einen kritischen Punkt erreicht hat und es selbst von der Mehrheit der Bevölkerung als Fehlschlag angesehen wird. Nehmen wir an, dass irgendeine »grĂŒne« Partei im US-Kongress bei den Wahlen die Mehrheit bekommt. Um ihre eigene Ideologie nicht zu verraten oder zu schwĂ€chen, mĂŒsste sie energische Maßnahmen ergreifen, um das Wirtschaftswachstum stark einzuschrĂ€nken und die Wirtschaft sogar schrumpfen zu lassen. Dem DurchschnittsbĂŒrger wĂŒrden die Folgen katastrophal erscheinen: Es gĂ€be Massenarbeitslosigkeit, EngpĂ€sse bei der Versorgung usw. Selbst wenn man die schlimmsten Folgen durch ĂŒbermenschlich geschicktes Management verhindern könnte, mĂŒssten die Menschen dennoch eine Menge Luxus aufgeben, an den sie gewöhnt sind. Die Unzufriedenheit wĂŒrde wachsen, die »grĂŒne« Partei wĂŒrde abgewĂ€hlt und die RevolutionĂ€re hĂ€tten einen schweren RĂŒckschlag erlitten. Deshalb sollten die RevolutionĂ€re nicht versuchen, politische Macht zu erlangen, bis sich das System von selbst derart desavouiert hat, dass alle Entbehrungen als Folge des Scheiterns des industriellen Systems selbst betrachtet werden und nicht als Folge der Politik der RevolutionĂ€re. Die Revolution gegen die Technologie wird wahrscheinlich eine Revolution von Außenseitern sein mĂŒssen, eine Revolution von unten, nicht von oben.

195. Die Revolution muss international und weltweit durchgefĂŒhrt werden. Sie kann nicht einzeln auf nationaler Basis erfolgen. Wann immer vorgeschlagen wird, dass die Vereinigten Staaten zum Beispiel ihren technologischen Fortschritt oder das Wirtschaftswachstum etwas bremsen sollten, werden die Leute hysterisch und jammern, dass dann die Japaner in der Technologie fĂŒhrend wĂŒrden. Heilige Roboter! Die Welt wĂŒrde aus den Angeln gehoben, wenn die Japaner irgendwann mehr Autos verkaufen als wir! (Nationalismus ist ein starker Antrieb fĂŒr die Technologie.) Etwas rationaler wird auch argumentiert, dass dann Diktatoren schließlich die Welt beherrschen wĂŒrden, wenn die relativ demokratischen Nationen der Welt in der Technologie hinter die bösen, diktatorischen Nationen wie China, Vietnam oder Nordkorea zurĂŒckfallen, weil diese sich technologisch weiterentwickeln. Aus diesem Grund muss das industrielle System weltweit in allen Staaten gleichzeitig angegriffen werden, soweit das möglich ist. Es gibt natĂŒrlich keine Sicherheit dafĂŒr, dass das industrielle System ĂŒberall auf der Welt annĂ€hernd gleichzeitig zerstört werden kann, und es ist sogar denkbar, dass der Versuch, das System zu besiegen, fehlschlĂ€gt und es dann von Diktatoren beherrscht wird. Dieses Risiko muss man in Kauf nehmen. Es ist es wert, denn der Unterschied zwischen einem »demokratischen« industriellen System und einem von Diktatoren kontrollierten ist klein im Vergleich zu dem zwischen einem industriellen und einem nichtindustriellen System. Man könnte sogar behaupten, dass ein von einem Diktator kontrolliertes industrielles System vorzuziehen wĂ€re, weil diktatorische Regimes im Allgemeinen weniger effizient sind, also vermutlich schneller zusammenbrechen werden. Man betrachte nur Kuba.

196. RevolutionĂ€re sollten Maßnahmen unterstĂŒtzen, die auf eine Vereinheitlichung der Weltwirtschaft abzielen. Freihandelsabkommen wie NAFTA und GATT sind wahrscheinlich auf kurze Zeit gesehen schĂ€dlich fĂŒr die Umwelt, könnten aber auf Dauer Vorteile haben, weil sie wirtschaftliche AbhĂ€ngigkeiten der Staaten untereinander fördern. Es wird leichter sein, das industrielle System weltweit zu zerstören, wenn die Weltwirtschaft so vereinheitlicht ist, dass ihr Zusammenbruch in irgendeinem großen Staat zum Zusammenbruch der Wirtschaft in allen Industrienationen fĂŒhren wird.

197. Manche meinen, dass der moderne Mensch zu viel Macht und Kontrolle ĂŒber die Natur hat, sie fordern eine passivere Haltung der Menschheit. Aber meistens drĂŒcken sich diese Leute unklar aus, denn sie unterscheiden nicht zwischen der Macht GROSSER ORGANISATIONEN und der Macht von EINZELNEN und KLEINEN GRUPPEN. Es ist ein Irrtum, sich fĂŒr Machtlosigkeit und PassivitĂ€t einzusetzen, denn Menschen BRAUCHEN Macht. Der moderne Mensch als kollektive Gesamtheit – das heißt, als industrielles System – hat ungeheure Macht ĂŒber die Natur, und wir (FC) betrachten das als Übel. Aber moderne INDIVIDUEN und KLEINE GRUPPEN VON INDIVIDUEN haben viel weniger Macht als der primitive Mensch jemals hatte. Im Allgemeinen wird die gewaltige Macht des »modernen Menschen« ĂŒber die Natur nicht durch Individuen oder kleine Gruppen ausgeĂŒbt, sondern durch große Organisationen. Wenn das durchschnittliche moderne INDIVIDUUM noch technologische Macht ausĂŒben kann, ist ihm dies nur in engen Grenzen erlaubt und nur unter Aufsicht und Kontrolle des Systems. (FĂŒr alles braucht man eine Genehmigung und mit dieser Genehmigung sind Regeln und Vorschriften verbunden.) Das Individuum hat nur die technologische Macht, die ihm das System zugesteht. Seine PERSÖNLICHE Macht ĂŒber die Natur ist gering.

198. Der primitive Mensch als INDIVIDUUM und in KLEINEN GRUPPEN hatte tatsĂ€chlich beachtliche Macht ĂŒber die Natur, oder vielleicht besser gesagt INNERHALB der Natur. Wenn der primitive Mensch Nahrung brauchte, wusste er, wie er essbare Wurzeln finden und wie er diese zubereiten konnte, wie man Wild aufspĂŒrt und es mit selbst gefertigten Waffen erlegt. Er wusste, wie er sich vor Hitze, KĂ€lte, Regen und gefĂ€hrlichen Tieren usw. schĂŒtzen konnte. Aber der primitive Mensch hat der Natur kaum Schaden zugefĂŒgt, weil die KOLLEKTIVE Macht der primitiven Gesellschaft im Vergleich zur KOLLEKTIVEN Macht der industriellen Gesellschaft sehr schwach war.

199. Statt fĂŒr Machtlosigkeit und PassivitĂ€t zu plĂ€dieren, sollte man sich dafĂŒr einsetzen, dass die Macht des INDUSTRIELLEN SYSTEMS gebrochen wird, und dass dadurch die Macht und Freiheit des EINZELNEN und der KLEINEN GRUPPEN VERSTÄRKT wird.

200. Bis das industrielle System gĂ€nzlich abgewrackt ist, muss die Zerstörung des Systems fĂŒr die RevolutionĂ€re das EINZIGE Ziel sein. Andere Ziele wĂŒrden die Aufmerksamkeit und Energie vom Hauptziel ablenken. Und was noch wichtiger ist, wenn die RevolutionĂ€re sich anderen Zielen als der Zerstörung der Technologie widmeten, wĂŒrden sie in Versuchung gefĂŒhrt, Technologie als Werkzeug zu benutzen, um diese anderen Ziele zu erreichen. Wenn sie dieser Versuchung nachgeben, werden sie selbst in die technologische Falle geraten, denn die moderne Technologie ist ein einheitliches, eng organisiertes System, sodass man bei dem Versuch, EINIGE Technologien zu bewahren, schließlich gezwungen ist, die MEISTE Technologie zu bewahren, es wĂŒrde damit enden, dass lediglich einige Technologien symbolisch geopfert wĂŒrden.

201. Angenommen, die RevolutionĂ€re wĂŒrden sich beispielsweise fĂŒr »soziale Gerechtigkeit« einsetzen. Wir kennen die menschliche Natur und wissen, soziale Gerechtigkeit wird sich nicht von selbst, sondern nur mit Zwang einstellen. Um sie zu erzwingen, mĂŒssten die RevolutionĂ€re eine zentrale Organisation und Kontrolle beibehalten. DafĂŒr brĂ€uchten sie schnelle und weitreichende Transport- und Kommunikationsmittel, mĂŒssten also die Technologie haben, um solche Transport- und Kommunikations-Systeme zu unterstĂŒtzen. Um arme Menschen mit Nahrung und Kleidung auszustatten, mĂŒssten sie landwirtschaftliche und Fabrik-Technologie benutzen. Und so weiter. Der Versuch, soziale Gerechtigkeit zu sichern, wĂŒrde sie zwingen, das technologische System in weiten Teilen aufrechtzuerhalten. Wir haben nichts gegen soziale Gerechtigkeit einzuwenden, aber sie darf nicht die Anstrengungen behindern, das technologische System loszuwerden.

202. Es wĂ€re hoffnungslos fĂŒr die RevolutionĂ€re, das System anzugreifen, ohne EINIGE moderne Technologien zu nutzen. Wenigstens mĂŒssen sie Kommunikationsmedien nutzen, um ihre Botschaft zu verbreiten. Aber sie sollten die moderne Technologie nur fĂŒr den EINEN Zweck nutzen: das technologische System zu bekĂ€mpfen.

203. Man stelle sich einen Alkoholiker vor, der vor einem Fass Wein sitzt und sich sagt: »Wein ist nicht schlecht, wenn du ihn mit Maßen trinkst. Man sagt sogar, kleine Mengen Wein sind gut. Es wird mir nicht schaden, wenn ich nur ein bisschen trinke…« Man weiß ja, was geschehen wird. Man darf niemals vergessen, dass es der Menschheit mit der Technologie geht wie einem Alkoholiker mit einem Fass Wein.

204. RevolutionĂ€re sollten so viele Kinder wie möglich bekommen. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass soziales Verhalten ĂŒberwiegend erblich bedingt ist. Das will nicht sagen, dass soziales Verhalten direkt aus den genetischen Anlagen folgt, aber es scheint, dass CharakterzĂŒge einer Persönlichkeit teilweise erblich bedingt sind und dass bestimmte CharakterzĂŒge im Kontext unserer Gesellschaft das soziale Verhalten einer Person mehr in diese oder jene Richtung tendieren lassen. Es gibt Gegenargumente, die aber schwach sind und ideologisch motiviert zu sein scheinen. Jedoch bezweifelt niemand, dass Kinder im Allgemeinen in ihrem sozialen Verhalten ihren Eltern Ă€hnlich sind. FĂŒr uns hat es keine große Bedeutung, ob das Verhalten genetisch oder durch Erziehung weitergegeben wird, wichtig ist nur, DASS es weitergegeben wird.

205. Das Problem ist, dass diejenigen, die gegen das industrielle System sind, auch ĂŒber Bevölkerungsprobleme beunruhigt sind und deshalb nur wenige oder keine Kinder haben. Auf diese Weise aber ĂŒbergeben sie die Welt den Menschen, die das industrielle System unterstĂŒtzen oder wenigstens akzeptieren. Um die nĂ€chste Generation starker RevolutionĂ€re zu sichern, mĂŒssen sie sich vermehren. Dabei werden sie das Problem der Überbevölkerung nur wenig verstĂ€rken. Die wichtigste Aufgabe ist, das industrielle System abzuschaffen, denn wenn es einmal verschwunden ist, wird sich die Weltbevölkerung notwendigerweise verringern (vgl. Abschnitt 167); wohingegen das industrielle System, falls es ĂŒberlebt, neue Techniken der Nahrungsproduktion entwickeln wird, die einen weiteren unaufhörlichen Anstieg der Weltbevölkerung ermöglichen werden.

206. Hinsichtlich einer revolutionĂ€ren Strategie bestehen wir absolut auf folgenden Punkten: Das ausschlaggebende einzige Ziel muss die Vernichtung der modernen Technologie sein und keine anderen Ziele dĂŒrfen damit konkurrieren. FĂŒr den Rest sollten die RevolutionĂ€re die Empirie entscheiden lassen. Wenn die Erfahrung zeigt, dass einige der hier gemachten VorschlĂ€ge zu keinen guten Ergebnissen fĂŒhren, sollte man diese VorschlĂ€ge verwerfen.

ZWEI ARTEN VON TECHNOLOGIE

207. Man wird gegen unsere Revolution wahrscheinlich argumentieren, dass sie zum Scheitern verurteilt ist, weil (so wird behauptet) Technologie im Verlauf der Geschichte immer fortgeschritten und niemals rĂŒcklĂ€ufig gewesen ist, somit ist ein technologischer RĂŒckschritt unmöglich. Aber diese Behauptung ist falsch.

208. Wir unterscheiden zwei Arten von Technologie, die wir als small-scale-Technologie (in kleinem Maßstab) und als organisationenabhĂ€ngige Technologie bezeichnen. Die small-scale- Technologie kann in kleinen Gemeinschaften ohne Ă€ußere Hilfestellung angewendet werden. Die organisationsabhĂ€ngige Technologie ist von großen gesellschaftlichen Organisationen abhĂ€ngig. Es sind uns keine bedeutenden FĂ€lle von RĂŒckentwicklungen in der kleinen Technologie bekannt. Aber die organisationenabhĂ€ngige Technologie IST rĂŒckgĂ€ngig zu machen, wenn die soziale Organisation, von der sie abhĂ€ngt, zusammenbricht. Beispiel: Als das Römische Reich zusammenbrach, ĂŒberlebte die small-scale-Technologie der Römer, weil jeder geschickte Dorfhandwerker in der Lage war, zum Beispiel ein Wasserrad herzustellen, jeder geschickte Schmied konnte mit den römischen Techniken Stahl herstellen usw. Aber die organisationsabhĂ€ngige Technologie der Römer bildete sich zurĂŒck. Die AquĂ€dukte verfielen und wurden nie wieder aufgebaut. Ihre Technik des Straßenbaus ging verloren. Das römische System sanitĂ€rer Anlagen in den StĂ€dten geriet in Vergessenheit, und erst seit recht kurzer Zeit hat man in europĂ€ischen StĂ€dten wieder sanitĂ€re Anlagen vom Standard derer im Alten Rom.

209. Der Grund dafĂŒr, dass Technologie immer fortzuschreiten scheint, liegt darin, dass noch bis zu vielleicht ein oder zwei Jahrhunderten vor der industriellen Revolution die meiste Technologie small-scale-Technologie war. Die seit der industriellen Revolution entwickelte Technologie ist jedoch vor allem organisationsabhĂ€ngige Technologie. Ein Beispiel dafĂŒr ist der KĂŒhlschrank. Ohne industriell vorgefertigte Ersatzteile, Maschinen oder WerkstĂ€tten wĂ€re es fĂŒr normale Handwerker unmöglich, einen KĂŒhlschrank zu bauen. Auch wenn sie wunderbarerweise einen bauen könnten, wĂ€re er ohne eine zuverlĂ€ssige Stromquelle nicht zu benutzen. Sie mĂŒssten also einen Fluss stauen und einen Generator bauen. Generatoren brauchen viel Kupferdraht. Wie soll man diesen Draht ohne moderne Maschinen herstellen? Und woher soll man dann das notwendige KĂŒhlmittel bekommen? Es wĂ€re viel einfacher, einen Eiskeller zu bauen oder die Nahrung durch Trocknen oder Einlegen haltbar zu machen, wie man es vor der Erfindung des KĂŒhlschranks getan hat.

210. Das heißt aber, dass die KĂŒhlschranktechnologie schnell verloren gehen wird, wenn das industrielle System einmal gĂ€nzlich zusammenbricht. Dasselbe gilt fĂŒr andere organisationsabhĂ€ngige Technologien. Wenn diese Technologie erst einmal eine Generation lang verloren ist, wĂŒrde es Jahrhunderte dauern, sie wieder zu entwickeln, wie es Jahrhunderte gedauert hat, sie zum ersten Mal zu entwickeln. Technische BĂŒcher wĂ€ren dann kaum mehr zu finden. Eine industrielle Gesellschaft ganz von vorne und ohne Hilfe von außen aufzubauen, kann nur stufenweise geschehen: Man braucht dazu Werkzeuge, um Werkzeuge herzustellen, um damit wiederum Werkzeuge herzustellen … ein langer Prozess wirtschaftlicher Entwicklung und des Fortschritts in der gesellschaftlichen Organisation wĂ€re erforderlich. Und selbst ohne eine technologiefeindliche Ideologie besteht kein Grund zu der Annahme, irgendjemand hĂ€tte an einer Wiederherstellung der industriellen Gesellschaft Interesse. Die Begeisterung fĂŒr den »Fortschritt« ist eine besondere Erscheinung der modernen Gesellschaftsform und scheint vor dem 17. Jahrhundert nicht existiert zu haben.

211. Im spĂ€ten Mittelalter gab es vier Hauptzivilisationen, die ungefĂ€hr gleich »fortgeschritten« waren: Europa, die Islamische Welt, Indien und der Feme Osten (China, Japan, Korea). Drei dieser Zivilisationen blieben mehr oder weniger unverĂ€ndert, nur Europa entwickelte sich dynamisch. Niemand kann erklĂ€ren, warum Europa in dieser Zeit eine solche Dynamik entwickelte; Historiker haben darĂŒber Theorien entwickelt, die aber nur Spekulation sind. Auf jeden Fall wird deutlich, dass eine schnelle Entwicklung zu einer technologischen Gesellschaft nur unter besonderen Bedingungen stattfindet. Deshalb gibt es keinen Grund anzunehmen, ein lang andauernder technologischer RĂŒckschritt wĂ€re undenkbar.

212. Könnte sich die Gesellschaft aber IRGENDWANN erneut in die Richtung einer industriell-technologischen Form entwickeln? Vielleicht, aber das ist kein Grund zur Sorge, da wir die Ereignisse der nĂ€chsten 500 oder 1000 Jahre sowieso nicht voraussehen und kontrollieren können. Diese Probleme mĂŒssen dann von den Menschen gelöst werden, die in dieser Zeit leben.

DIE GEFAHR DER LINKSGERICHTETEN IDEOLOGIE

213. Weil Linke und andere Menschen dieses psychologischen Typus das BedĂŒrfnis nach Auflehnung und Zugehörigkeit zu einer Bewegung haben, sind sie hĂ€ufig von rebellischen und militanten Bewegungen angezogen, deren Ziele ursprĂŒnglich nicht linksgerichtet sind. Der Zustrom von Linken in eine nicht linksgerichtete Bewegung kann leicht dazu fĂŒhren, dass sie in eine linke Bewegung verwandelt wird und damit linke Ziele die eigentlichen Ziele der Bewegung ersetzen oder verdrehen.

214. Um das zu verhindern, muss eine Bewegung, die sich fĂŒr die Natur und gegen Technologie einsetzt, eine nachdrĂŒcklich antilinke Position einnehmen und jede Zusammenarbeit mit Linken vermeiden. Linksgerichtete Ideologie ist auf die Dauer unvereinbar mit ursprĂŒnglicher Natur, menschlicher Freiheit und der Zerstörung moderner Technologie. Linksgerichtete Ideologie ist kollektivistisch, sie versucht die ganze Welt (sowohl die Natur als auch die Menschheit) zu einem einheitlichen Ganzen zu verbinden. Aber das erfordert die Verwaltung von Natur und menschlichem Leben durch eine organisierte Gesellschaft, und es erfordert eine fortgeschrittene Technologie. Man kann ohne schnelle Verkehrssysteme und Kommunikation die Welt nicht vereinheitlichen; man kann ohne die Anwendung hoch entwickelter psychologischer Techniken die Menschen nicht dazu bringen, einander zu lieben; man kann ohne technologische Grundlage keine »geplante Gesellschaft« errichten. Vor allem aber liegt der Antrieb der Linken in ihrem Streben nach Macht auf kollektiver Basis, durch Identifikation mit einer Massenbewegung oder einer Organisation. Die linksgerichtete Ideologie wird niemals auf Technologie verzichten, weil Technologie eine zu wertvolle Quelle kollektiver Macht bedeutet.

215. Auch der Anarchist strebt nach Macht, aber er versucht sie als individuelle Persönlichkeit oder kleine Gruppe zu erlangen; er will, dass der Einzelne und kleine Gemeinschaften in der Lage sind, ihre eigenen LebensumstĂ€nde zu kontrollieren. Seine antitechnologische Haltung resultiert aus der Erkenntnis, dass Technologie kleine Gemeinschaften von großen Organisationen abhĂ€ngig macht.

216. Manche Linke wenden sich scheinbar gegen Technologie, aber sie sind nur solange dagegen, wie sie selbst Außenseiter sind und das technologische System von Nichtlinken kontrolliert wird. Sollte aber die linksgerichtete Ideologie jemals eine fĂŒhrende Rolle in der Gesellschaft ĂŒbernehmen, sodass das technologische System nun ein Werkzeug in den HĂ€nden der Linken wĂ€re, wĂŒrden sie begeistert Gebrauch davon machen und seine Entwicklung fördern. So wĂŒrde sich ein Muster wiederholen, das linksgerichtete Ideologie in der Vergangenheit immer wieder gezeigt hat. Solange die Bolschewisten in Russland Außenseiter waren, bekĂ€mpften sie energisch die Zensur und Geheimpolizei, setzten sich fĂŒr Selbstbestimmung ethnischer Minderheiten ein usw.; aber sobald sie selbst an die Macht kamen, fĂŒhrten sie eine strengere Zensur ein und schufen eine unbarmherzigere Geheimpolizei, als unter dem Zaren existiert hatte, und sie unterdrĂŒckten die ethnischen Minderheiten mindestens so stark wie zur Zarenzeit. Als in den Vereinigten Staaten vor ein paar Jahrzehnten die Linken eine Minderheit an den UniversitĂ€ten waren, waren linksgerichtete Professoren eifrige Verfechter der akademischen Freiheit, aber heute nehmen sie an den UniversitĂ€ten, an denen Linke dominieren, je dem anderen die akademische Freiheit. (Das bedeutet »political correctness«.) Dasselbe wĂŒrde mit Linken und Technologie geschehen: Wenn sie sie je unter ihre Kontrolle bringen, wĂŒrden sie sie benutzen, um jeden anderen zu unterdrĂŒcken.

217. In frĂŒheren Revolutionen haben die besonders machtgierigen Linken wiederholt zuerst mit den nicht linksgerichteten RevolutionĂ€ren zusammengearbeitet, genauso wie mit Linken libertĂ€rer Ausrichtung, und spĂ€ter haben sie dann ein falsches Spiel getrieben, um die alleinige Macht an sich zu reißen. Robespierre in der Französischen Revolution, die Bolschewisten in der Russischen Revolution, die Kommunisten in Spanien 1938 und Castro und seine AnhĂ€nger in Kuba. Betrachtet man die Geschichte der Linken, wĂ€ren nicht linksgerichtete RevolutionĂ€re dumm, wenn sie heute mit den Linken Zusammenarbeiten wĂŒrden.

218. Verschiedene Denker haben darauf hingewiesen, dass linksgerichtete Ideologie eine Art von Religion ist. Sie ist keine Religion im eigentlichen Sinn, weil die linksgerichtete Lehre nicht die Existenz eines ĂŒbernatĂŒrlichen Seins postuliert. Aber fĂŒr den Linken hat die linksgerichtete Ideologie psychologisch eine Ă€hnliche Bedeutung wie die Religion fĂŒr andere Menschen. Der Linke MUSS an linksgerichtete Ideologie glauben, das spielt fĂŒr sein psychologisches Gleichgewicht eine lebenswichtige Rolle. Seine Glaubensvorstellungen können durch Logik oder Tatsachen nicht leicht verĂ€ndert werden. Er ist der tiefen Überzeugung, dass linksgerichtete Ideologie moralisch Richtig ist, mit einem großgeschriebenen R, und dass er nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, an alles die MaßstĂ€be der linksgerichteten Moral zu setzen. (Viele, die wir hier »Linke« nennen, sehen sich selbst nicht als Linke an und wĂŒrden ihr Glaubenssystem nicht als linksgerichtete Ideologie beschreiben. Wir benutzen den Begriff »linksgerichtete Ideologie«, weil wir keinen besseren Ausdruck gefunden haben, um das Spektrum der einander verwandten Ansichten zu bezeichnen, die die feministische, Schwulen-, »p.c.«-Bewegungen u.Ä. einschließen, und auch weil diese Bewegungen eine starke Verbundenheit zur alten Linken haben (vgl. Abschnitte 227-230).

219. Linksgerichtete Ideologie ist eine totalitĂ€re Kraft. Wo immer linksgerichtete Ideologie die Macht erlangt hat, versucht sie jeden Winkel der PrivatsphĂ€re zu durchdringen und jeden Gedanken in ein linksgerichtetes Schema zu pressen. Das hat teilweise mit dem quasi-religiösen Charakter der linksgerichteten Ideologie zu tun: Alles, was der linksgerichteten Ideologie entgegensteht, ist SĂŒnde. Vor allem aber aufgrund des Machtstrebens der Linken ist linksgerichtete Ideologie eine totalitĂ€re Kraft. Der Linke sucht sein BedĂŒrfnis nach Macht durch Identifikation mit einer gesellschaftlichen Bewegung zu befriedigen, und er versucht den power process dadurch zu durchlaufen, dass er mithilft, die Ziele der Bewegung zu verfolgen und zu erreichen (vgl. Abschnitt 83). Aber ganz gleich, wie viele Ziele die Bewegung schon erreicht hat, der Linke wird niemals zufrieden sein, weil seine AktivitĂ€ten Ersatzhandlungen sind (vgl. Abschnitt 41). Das bedeutet, die wirklichen Motive des Linken liegen nicht im Erreichen der angeblichen Ziele der linksgerichteten Ideologie; in Wirklichkeit ist er durch das MachtgefĂŒhl motiviert, das er empfindet, wenn er fĂŒr ein gesellschaftliches Ziel kĂ€mpft und dieses erreicht. Infolgedessen ist der Linke niemals mit den Zielen zufrieden, die er erreicht hat; er braucht fĂŒr den power process immer neue Ziele. Der Linke fordert Chancengleichheit fĂŒr Minderheiten. Hat er diese erreicht, besteht er auf statistischer Verteilung der Leistungen der Minderheiten. Und solange irgendjemand verdĂ€chtig ist, eine negative Haltung gegenĂŒber Minderheiten zu hegen, muss der Linke ihn umerziehen. Und ethnische Minderheiten sind nicht genug; es darf auch niemand eine negative Haltung gegenĂŒber Homosexuellen, Behinderten, fetten, alten, hĂ€sslichen Menschen usw. usw. einnehmen. So genĂŒgt es nicht, die Öffentlichkeit ĂŒber die SchĂ€dlichkeit des Rauchens zu informieren; es muss außerdem noch eine Warnung auf jede Zigarettenpackung gestempelt werden. Dann muss man Zigarettenreklame einschrĂ€nken, wenn nicht sogar verbieten. Die Aktivisten werden sich damit nicht zufrieden geben, bis Tabak ĂŒberhaupt verboten sein wird, und danach kommt der Alkohol dran, dann Fast Food usw. Aktivisten haben gegen schwere Kindesmisshandlung gekĂ€mpft, was verstĂ€ndlich war. Aber jetzt wollen sie jeden Klaps verbieten. Wenn sie damit fertig sind, werden sie etwas anderes verbieten lassen wollen, das ihnen ungesund erscheint, und danach wieder etwas anderes. Sie werden sich niemals zufrieden geben, bis sie die Kontrolle ĂŒber die gesamte Kindererziehung haben. Und danach werden sie sich eine andere Sache vornehmen.

220. Nehmen wir an, man wĂŒrde Linke auffordem, eine Liste ALLER Dinge anzufertigen, die ihrer Meinung nach in der Gesellschaft falsch sind, und JEDE Änderung durchfĂŒhren, die sie fordern. Dann könnte man mit Sicherheit sagen, dass die Mehrheit der Linken ein paar Jahre spĂ€ter wieder etwas findet, worĂŒber sie sich beschweren könnte, ein neues soziales Â»Ăœbel«, das behoben werden muss; denn, noch einmal, es geht dem Linken weniger um MissstĂ€nde in der Gesellschaft als um das BedĂŒrfnis, seinen Machttrieb zu befriedigen, indem er der Gesellschaft seine Lösungen aufzwingt.

221. Wegen der EinschrĂ€nkungen, die sie ihren Gedanken und ihrem Verhalten auferlegen, können viele ĂŒberangepasste Linke ihren Machttrieb nicht wie andere Menschen verfolgen. Ihr Machtstreben findet deshalb ein moralisch akzeptables Ventil nur im Kampf fĂŒr die Verbreitung ihrer Moralvorstellungen.

222. Linke, insbesondere die ĂŒberangepassten Linken, sind wahre GlĂ€ubige oder Fanatiker im Sinne des Buches von Eric Hoffer, The True Believer (auf deutsch Der Fanatiker). Aber nicht alle Fanatiker haben das gleiche Psychogramm wie die Linken. Vermutlich unterscheidet sich ein fanatischer Nazi psychologisch stark von einem fanatischen Linken. Wegen ihrer FĂ€higkeit zur unbeirrbaren Hingabe an eine Sache sind Fanatiker fĂŒr jede revolutionĂ€re Bewegung nĂŒtzlich, vielleicht sogar notwendig. Dies wirft ein Problem auf, das wir zugegebenermaßen nicht lösen können. Wir sind nicht sicher, wie man die Energien der Fanatiker in einer Revolution gegen die Technologie nutzbar machen kann. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir nur sagen, dass kein Fanatiker ein zuverlĂ€ssiger Rekrut fĂŒr die Revolution ist, wenn nicht sein einziges Ziel die Zerstörung der Technologie ist. Hat er dagegen auch andere Ideale, dann kann es sein, dass er Technologie als ein Werkzeug gebrauchen wird, um diese anderen Ideale zu erreichen (vgl. Abschnitte 220-221).

223. Einige Leser werden vielleicht sagen: »Dieses Zeug ĂŒber linksgerichtete Ideologie ist ein ziemlicher Blödsinn. Ich kenne den und den, der ist links und weit entfernt von solch totalitĂ€ren Tendenzen.« NatĂŒrlich sind viele Linke, wahrscheinlich sogar die Mehrheit von ihnen, anstĂ€ndige Menschen, die ehrlich glauben, die Wertvorstellungen anderer zu tolerieren (bis zu einem gewissen Punkt jedenfalls), und die keine eigenmĂ€chtigen Methoden zur Durchsetzung ihrer gesellschaftlichen Ziele anwenden wollen wĂŒrden. Unsere Anmerkungen ĂŒber linksgerichtete Ideologie sollen auch nicht fĂŒr jeden einzelnen Linken gelten, sondern den allgemeinen Charakter linksgerichteter Ideologie als einer Bewegung beschreiben. Und der allgemeine Charakter einer Bewegung ist nicht notwendigerweise von der zahlenmĂ€ĂŸigen GrĂ¶ĂŸenordung derjenigen Menschen bestimmt, die dieser Bewegung angehören.

224. Die Menschen, die in den linken Bewegungen in Machtpositionen aufsteigen, sind meist Linke vom besonders machtbesessenen Typus, denn machtbesessene Menschen kĂ€mpfen am stĂ€rksten um Machtpositionen. Wenn dieser machtbesessene Typus einmal die Kontrolle ĂŒber die Bewegung erlangt hat, werden zwar viele Linke von weicherem Charakter innerlich viele Aktionen der FĂŒhrer ablehnen, sich aber nicht dazu durchringen können, auch dagegen zu opponieren. Sie BRAUCHEN ihren Glauben an die Bewegung, und weil sie diesen Glauben nicht aufgeben können, folgen sie den FĂŒhrern. Es stimmt, dass EINIGE Linke den Mut haben, sich den auftretenden totalitĂ€ren Strömungen zu widersetzen, aber meistens verlieren sie, denn die Machtbesessenen sind besser organisiert, skrupelloser und machiavellistischer, sie haben sich vorsorglich eine starke Machtgrundlage aufgebaut.

225. Diese Erscheinung hat man deutlich in Russland und anderen Staaten gesehen, in denen die Linken an der Macht waren. Ähnlich haben die westlichen Linken vor dem Zusammenbruch des Kommunismus in der Sowjetunion diesen Staat selten kritisiert. Wenn man hartnĂ€ckig fragte, gaben sie zu, dass die UdSSR viele falsche Dinge getan hat, versuchten dann aber Entschuldigungen fĂŒr die Kommunisten zu finden und begannen ĂŒber die Fehler des Westens zu sprechen. Immer waren sie gegen westlichen militĂ€rischen Widerstand gegen eine eventuelle kommunistische Aggression. So protestierten die Linken in der ganzen Welt heftig gegen die US-MilitĂ€raktionen in Vietnam, als aber die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte, taten sie nichts dergleichen. Nicht, dass sie das Vorgehen der Sowjets gebilligt hĂ€tten; aber wegen ihres linken Glaubens konnten sie es nicht ertragen, sich kritisch gegen den Kommunismus zu wenden. Heute gibt es an denjenigen unserer UniversitĂ€ten, an denen die »political correctness« herrscht, wahrscheinlich viele Linke, die persönlich gegen diese UnterdrĂŒckung der akademischen Freiheit sind, sich aber unterordnen.

226. So kann die Tatsache, dass viele Linke persönlich tolerant und nachgiebig sind, nicht verhindern, dass die linksgerichtete Ideologie als ganzes eine totalitÀre Richtung nimmt.

227. Unsere Diskussion ĂŒber linksgerichtete Ideologie hat eine ernsthafte SchwĂ€che. Es bleibt noch immer unklar, was wir mit dem Wort meinen. Daran können wir wohl nicht viel Ă€ndern. In der heutigen Zeit ist linksgerichtete Ideologie in ein ganzes Spektrum von aktivistischen Bewegungen aufgesplittert. Dabei sind nicht alle aktivistischen Bewegungen links, und einige dieser Bewegungen (z.B. die radikale Umweltbewegung) scheinen sowohl Persönlichkeiten vom linken Typ als auch durch und durch nicht linksgerichtete Persönlichkeiten, die wissen mĂŒssten, dass man mit Linken besser nicht zusammenarbeitet, anzuziehen. Verschiedene Typen von Linken gehen allmĂ€hlich ĂŒber in verschiedene Typen von Nichtlinken, und wir selbst hĂ€tten oft Schwierigkeiten zu entscheiden, ob eine bestimmte Person als Linker bezeichnet werden kann oder nicht. Soweit eine Definition also ĂŒberhaupt möglich ist, ist unser Konzept der linksgerichteten Ideologie hier dargestellt und wir können dem Leser nur raten, nach seinem eigenen Urteilsvermögen zu entscheiden, wer ein Linker ist.

228. Es kann aber hilfreich sein, einige Kriterien an die Hand zu geben, um linksgerichtete Ideologie diagnostizieren zu können. Diese Merkmale mĂŒssen nicht strikt und immer auftreten. Auf einige Personen werden einige dieser Merkmale zutreffen, ohne dass sie Linke sind; dafĂŒr werden sie einigen Linken fehlen. Man sollte also nach eigenem Ermessen urteilen.

229. Der Linke ist auf weitreichenden Kollektivismus ausgerichtet. Er betont die Pflicht des Einzelnen, der Gesellschaft zu dienen und die Pflicht der Gesellschaft, fĂŒr den Einzelnen zu sorgen. Im Individualismus sieht er etwas Negatives. Er nimmt gerne einen moralisierenden Ton an. Er ist im Allgemeinen fĂŒr Kontrolle von Waffen, sexuelle AufklĂ€rung und andere psychologisch »aufgeklĂ€rte« Erziehungsmethoden, fĂŒr Gesellschaftsplanung, fĂŒr gezielte Förderung von Minderheiten, fĂŒr Multikulturalismus. Er neigt dazu, sich mit Opfern zu identifizieren. Er ist gegen Wettbewerb und gegen Gewalt, aber er findet meist Entschuldigungen fĂŒr die Linken, die Gewalt an wenden. Er benutzt gerne allgemeine Schlagwörter der Linken wie »Rassismus«, »Sexismus«, »Homophobie«, »Kapitalismus«, »Imperialismus«, »Neokolonialismus«, »Genozid«, »gesellschaftliche VerĂ€nderungen«, »soziale Gerechtigkeit«, »gesellschaftliche Verantwortung«. Am besten kann man linksgerichtete Ideologie vielleicht an ihrer Neigung erkennen, mit den folgenden Bewegungen zu sympathisieren: Feminismus, Schwulenbewegung, Bewegungen fĂŒr die Rechte ethnischer Minderheiten, Political Correctness. Jeder, der stark mit ALLEN diesen Bewegungen sympathisiert, ist mit großer Sicherheit ein Linker.

230. Die gefĂ€hrlicheren Linken, die Machtbesessenen, erkennt man meistens an ihrer Arroganz oder an ihrem dogmatischen VerhĂ€ltnis zur Ideologie. Doch der gefĂ€hrlichste Linke ist der ĂŒberangepasste Typus, der es vermeidet, verunsichernde AggressivitĂ€t zur Schau zu stellen und sich zu seiner linksgerich teten Ideologie nicht offensiv bekennt, dafĂŒr aber im Stillen und unauffĂ€llig kollektivistische Werte, »aufgeklĂ€rte« psychologische Methoden der Kindererziehung, AbhĂ€ngigkeit des Einzelnen von der Gesellschaft usw. fördert. Diese Krypto-Linken (wie wir sie nennen wollen) sind gewissen bourgeoisen Charakteren Ă€hnlich, soweit es um praktische Aktionen geht, sie unterscheiden sich aber von jenen in Psychologie, Ideologie und Motivation. Der normale Bourgeois versucht, andere unter die Kontrolle des Systems zu bringen, um seine Lebensweise zu bewahren, oder einfach nur, weil er konventionell eingestellt ist. Der Krypto-Linke versucht, Menschen unter die Kontrolle des Systems zu bringen, weil er ein Fanatiker der kollektivistischen Ideologie ist. Der Krypto-Linke unterscheidet sich von dem normalen Linken des ĂŒberangepassten Typus dadurch, dass seine aufrĂŒhrerischen Impulse schwĂ€cher sind und er zuverlĂ€ssiger sozialisiert ist. Er unterscheidet sich von dem gewöhnlich gut sozialisierten Bourgeois dadurch, dass er innerlich einen großen Mangel fĂŒhlt, der ihn dazu bringt, sich einer Sache völlig zu widmen und im Kollektiv aufzugehen. Und vielleicht ist sein (gut sublimiertes) MachtbedĂŒrfnis stĂ€rker als das des Durchschnitts-Bourgeois.

ABSCHLUSSBEMERKUNG

231. Im Verlaufe dieser Abhandlung haben wir ungenaue Aussagen gemacht und Aussagen, die nur unter Vorbehalt und EinschrĂ€nkung gelten; und manche unserer Darstellungen mögen schlicht falsch sein. Mangel an genĂŒgender Information und der Zwang zur KĂŒrze machten es unmöglich, unsere Behauptungen genauer auszufĂŒhren und alle nötigen EinschrĂ€nkungen vorzunehmen. Und in einer solchen Erörterung muss man sich selbstverstĂ€ndlich stark auf intuitives Ermessen verlassen, das sich mitunter als falsch erweist. Deshalb behaupten wir nicht, dass es sich in der vorliegenden Abhandlung um mehr als eine ungefĂ€hre AnnĂ€herung an die Wahrheit handelt.

232. Gleichwohl sind wir ĂŒberzeugt, dass die allgemeinen Umrisse des Bildes, das wir hier gezeichnet haben, zutreffen. Nur ein möglicher Schwachpunkt muss angefĂŒhrt werden. Wir haben die linke Ideologie in ihrer modernen Form als ein besonderes PhĂ€nomen unserer Zeit und als ein Symptom der Störung des power process dargestellt. Es könnte aber sein, dass wir uns hier irren. Überangepasste Charaktere, die zur Befriedigung ihres Machtstrebens anderen ihre eigenen moralischen Anschauungen aufzwingen wollen, gab es sicher auch schon in frĂŒheren Zeiten. Aber wir DENKEN, dass die entscheidende Rolle, die MinderwertigkeitsgefĂŒhle, geringe Selbstachtung, Machtlosigkeit und Identifikation mit Opfern spielen, eine Besonderheit der modernen linksgerichteten Ideologie ist. Auch in der linken Bewegung des 19. Jahrhunderts und im frĂŒhen Christentum gab es eine Identifikation mit Opfern durch Menschen, die selbst keine Opfer waren, aber soweit wir beurteilen können, waren die Symptome des geringen Selbstvertrauens usw. lange nicht so offensichtlich in diesen Bewegungen, wie sie sich in der modernen linksgerichteten Ideologie Ă€ußern. Wir sind aber nicht in einer Position, um mit Sicherheit behaupten zu können, es habe keine solchen Bewegungen vor der modernen linksgerichteten Ideologie gegeben. Das ist eine bedeutende Frage, der sich die Historiker widmen sollten.

CHRONOLOGIE

26. Mai 1978, Northwestern University, Evanston, Illinois

Der Sicherheitsmann Terry Marker wird durch eine Paketbombe verletzt.

9.Mai 1979, Northwestern University, Evanston, Illinois

Der Student John G. Harris wird im Technologischen Institut der UniversitÀt durch eine Paketbombe verletzt.

15. November 1979

Explosion einer Bombe im Frachtraum einer Boeing 727 der American Airlines. Zwölf Menschen erleiden eine Rauchvergiftung.

10.Juni 1980, Lake Forest, Illinois

Der PrÀsident der Fluggesellschaft United Airlines, Percy A. Wood, wird durch eine Briefbombe verletzt. Auf einem der Bombensplitter finden die Ermittler die aufgestempelten Initialen FC.

Juni 1980

Die Sondereinheit »UNABOM« wird gebildet. »UN« steht fĂŒr »university« und »A« fĂŒr »airline«.

8. Oktober 1981, University of Utah, Salt Lake City

Eine Paketbombe wird in einem Seminarraum der UniversitÀt entdeckt und entschÀrft. Keine Verletzten.

5. Mai 1982, Vanderbilt University, Nashville, Tennessee

Janet Smith, SekretĂ€rin der FakultĂ€t fĂŒr Computerwissenschaft, wird durch eine Paketbombe verletzt.

2.Juli 1982, University of California, Berkeley, Kalifornien

Diogenes J. Angelakos, Professor fĂŒr Elektro-Ingenieurswesen und Computerwissenschaft, wird durch eine Rohrbombe verletzt.

15. Mai 1985, University of California, Berkeley, Kalifornien

Der Air-Force-Pilot und Ingenieurstudent John E. Hauser wird durch eine Bombe schwer verletzt.

13. Juni 1985, Boeing Aircraft Corp., Aubum, Washington

Eine an die Produktionsabteilung der Boeing-Flugzeugwerke adressierte Paketbombe kann entschÀrft werden. Keine Verletzten.

15. November 1985, Ann Arbor, Michigan Professor James V. McConnell und sein Assistent Nicklaus Sui- no von der University of Michigan werden durch eine Paketbombe verletzt.

11. Dezember 1985, Sacramento, Kalifornien

Hugh C. Scrutton, der Besitzer eines Versandhandels fĂŒr Computer, wird durch eine mit NĂ€geln gefĂŒllte Bombe getötet.

20. Februar 1987, Salt Lake City, Utah

Gary Wright, Besitzer eines ComputergeschÀfts, wird durch eine Bombe verletzt. Eine Zeugin beobachtet, wie ein Mann mit Kapuze und dunkler Sonnenbrille die Bombe deponiert. Nach ihren Aussagen wird vom FBI das erste und einzige Phantombild des Unabombers angefertigt.

1987 Die Spezialeinheit UTF (Unabomber Task Force) wird verstÀrkt.

Sechs Jahre lang gibt es keine vom FBI dem Unabomber zugeordneten AnschlÀge.

22. Juni 1993, Tiburon, Kalifornien

Dr. Charles Epstein, ein Genetiker der UniversitÀt von Kalifornien, wird durch eine Paketbombe verletzt.

24. Juni 1993, New Haven, Connecticut

Dr. David Gelernter, ein Computerexperte der Yale-UniversitÀt, wird durch eine Paketbombe schwer verletzt.

24.Juni 1993

Die New York Times erhĂ€lt einen Brief einer bis dahin unbekannten Gruppe »FC«, die darin ihre öko-anarchistischen Überzeugungen erlĂ€utert.

10. Dezember 1994, North Caldwell, New Jersey

Der Werbemanager Thomas Mosser wird durch eine Bombe getötet.

24. April 1995

Der Computerwissenschaftler Dr. David Gelernter, die Biologen Dr. Phillip A. Sharp vom M.I.T. und Dr. Richard J. Roberts von den New England Biolabs erhalten Briefe von »FC«, in denen sie zur Einstellung ihrer Forschungen aufgefordert werden. Am gleichen Tag erhĂ€lt die New York Times einen Brief von »FC«, der GrĂŒnde aufzĂ€hlt, weshalb Gelernter, Epstein und Mosser als Anschlagsziele ausgewĂ€hlt wurden. Gleichzeitig bietet »FC« an, die »terroristischen AktivitĂ€ten« einzustellen, wenn ein von »FC« verfasstes Manifest veröffentlicht wird. Der Brief endet mit den Worten: »We reserve the right to engage in Sabotage.«

24. April 1995, Sacramento, Kalifornien

Gilbert G. Murray, PrĂ€sident der kalifornischen Behörde fĂŒr Forstwirtschaft, wird durch eine Briefbombe getötet.

27. Juni 1995

Der San Francisco Chronicle erhÀlt einen Brief von »FC«, der die Warnung enthÀlt, dass »eine Terrorgruppe, vom FBI >Unabomber< genannt, in den nÀchsten Tagen die Zerstörung eines Flugzeugs nach dem Start vom Los Angeles International Airport plant«.

19. September 1995

Washington Post und New York Times publizieren zunĂ€chst in AuszĂŒgen und spĂ€ter vollstĂ€ndig das 35000 Worte umfassende Manifest Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft von »FC«.

Februar 1996

David Kaczynski nimmt auf DrÀngen seiner Frau Kontakt mit dem FBI auf und gibt den Verdacht zu Protokoll, dass sein Bruder Ted der Autor des Manifests sein könnte.

3. April 1996

Ted Kaczynski wird von FBI-Agenten in seiner HĂŒtte in Lincoln, Montana, verhaftet.

22. Januar 1998

Vor Beginn der Gerichtsverhandlung gegen Ted Kaczynski wird von den AnwÀlten mit der Regierung und dem Richter ein plea bargain ausgehandelt, das Ted Kaczynski akzeptiert. Das bedeutet: viermal lebenslÀnglich und 30 Jahre Zuchthaus, keine Einweisung in eine Psychiatrie, keine Todesstrafe und keine Möglichkeit auf Begnadigung; zusÀtzlich Zahlung von 15.026.000 $ an die Hinterbliebenen und Familien der Opfer.

LEBENSLAUF THEODORE JOHN KACZYNSKI

22. Mai 1942 Theodore John Kaczynski wird in Chicago (111.) geboren. Seine Mutter Theresa (Wanda) Dombeck Kaczynski ist Lehrerin, sein Vater Theodore Richard Kaczynski ist Metzger. 1990 begeht der Vater Selbstmord.

1958 Ted Kaczynski beginnt als 16-JĂ€hriger das Studium der Mathematik an der Harvard-UniversitĂ€t, das er 1962 mit dem »Bachelor of Arts« abschließt.

1959 Versuchsperson fĂŒr eine Studie des Psychologen Prof. H. A. Murray am Institut fĂŒr Soziale Beziehungen der HarvardUniversitĂ€t.

1963-1967 Fortsetzung des Studiums an der UniversitĂ€t von Michigan in Ann Arbor. Abschluss mit dem »Master of Arts« und Promotion. SpĂ€teren FBI-Berichten zufolge »erste psychiatrische Konsultationen und PlĂ€ne fĂŒr ein Leben in den WĂ€ldern abseits der Zivilisation«.

1967-1969 Assistenzprofessor am Department of Mathematics der UniversitÀt von Kalifornien in Berkeley.

1969 Ted Kaczynski kĂŒndigt seine Professur. Gelegenheitsjobs als Lagerarbeiter. Reist mit seinem Bruder David nach Kanada, um ein StĂŒck Land fĂŒr den gemeinsam geplanten Ausstieg zu suchen.

1970 Ted Kaczynski schickt einige Texte zu den Themen »Technologie und Freiheit« an Zeitungen in Chicago und ĂŒberregionale Magazine. Keiner der Texte wird veröffentlicht. Liest die BĂŒcher Die technologische Gesellschaft und Autopsie einer Revolution des französischen Autors Jacques Ellul, die ihn stark beeinflussen. Ablehnung des Kaufgesuchs fĂŒr das GrundstĂŒck in Kanada. Ted Kaczynski ist arbeitslos und lebt von der UnterstĂŒtzung durch seine Familie.

19. Juni 1971 Clifford Gehring Senior verpachtet ein kleines LandstĂŒck in Lincoln, Montana, an Ted und David Kaczynski.

1972-1973 Ted Kaczynski baut sich auf dem gepachteten LandstĂŒck eine HĂŒtte. Mit einem Gewehr geht er auf die Jagd, stellt Fallen auf, mit denen er Hasen fĂ€ngt, und zieht in einem kleinen Garten Möhren und Kartoffeln. Er kartografiert bei seinen ausgedehnten Wanderungen die Landschaft und protokolliert auf ĂŒber 24000 Seiten seinen Alltag und Experimente verschiedenster Art. Viel Zeit verbringt er in der Bibliothek von Lincoln. Die Bibliothekarin Sherri Wood zĂ€hlt ihn zu ihren Stammkunden und besorgt ihm per Fernleihe auch seltene Fachliteratur.

Nach Aussagen seiner Nachbarn Chris Waits und Butch Gehring beginnt er Mitte der 70er Jahre, mit Explosivstoffen zu experimentieren.

1973 Gelegenheitsjob in Salt Lake City.

1988 Ted Kaczynski beginnt eine umfangreiche Korrespondenz mit dem mexikanischen Landarbeiter Juan SÀnchez Areola, einem illegalen Immigranten. BerÀt Areola auch bei verschiedenen juristischen Problemen.

3.April 1996 Ted Kaczynski wird von FBI-Agenten in seiner HĂŒtte verhaftet. Nach spĂ€teren Angaben der Staatsanwaltschaft finden die Ermittler bei der Durchsuchung der HĂŒtte zahlreiches Belastungsmaterial: zum Bombenbau geeignete ZĂŒnder, Batterien und Kabel, eine funktionsfĂ€hige Bombe und codierte NotizbĂŒcher, in denen Ted Kaczynski angeblich den Wunsch Ă€ußert, jemanden zu töten und sich an der Gesellschaft zu rĂ€chen. Vor allem diese Textstellen gehören spĂ€ter zu den Kaczynski am meisten belastenden Indizien der Staatsanwaltschaft.

18. Juni 1996 Ted Kaczynski wird in Sacramento wegen der Morde an Scrutton und Murray und der AnschlÀge auf Epstein und Gelernter und spÀter in New Jersey wegen des Mordes an Thomas J. Mosser angeklagt.

25. Juni 1996 Ted Kaczynski bezeichnet sich als nichtschuldig im Sinne der Anklage.

15. Mai 1997 Nach Presseberichten fordert die US-Justizministerin Janet Reno die Todesstrafe fĂŒr Ted Kaczynski, die Clinton-Regierung sei »tough on terrorists«.

12. November 1997 Nach Medienberichten Aufnahme von GesprĂ€chen ĂŒber ein plea bargain (eine US-spezifische Form der Absprache zwischen Anklage und Verteidigung, um das Verfahren abkĂŒrzen oder um zu einem Ergebnis kommen zu können, wenn dessen Zustandekommen auf Grund mangelnder Beweislage oder anderer GrĂŒnde schwierig oder unmöglich erscheint) .

5. Dezember 1997 Ted Kaczynskis HĂŒtte wird von der Verteidigung als BeweisstĂŒck fĂŒr seine Geisteskrankheit nach Sacramento gebracht.

22. Dezember 1997 Meinungsverschiedenheiten zwischen Ted Kaczynski und seinen Pflichtverteidigern ĂŒber die Prozessstrategie.

5. Januar 1998 Der Prozessbeginn wird mehrfach verschoben, weil Ted Kaczynski gegen die Strategie seiner Verteidiger protestiert, die versuchen, ihn als geisteskrank darzustellen. Er will in einem politischen Prozess den Gerichtssaal als BĂŒhne fĂŒr seine Anschauungen nutzen.

7.Januar 1998 Ted Kaczynski schlĂ€gt den linksliberalen kalifornischen Staranwalt J. Toni Serra als neuen Verteidiger vor, der bereit ist, das Mandat ohne Honorar zu ĂŒbernehmen. Die Staatsanwaltschaft und der Richter lehnen den Wechsel der Verteidigung als zu spĂ€t und als Prozessverzögerung ab.

In der darauf folgenden Nacht unternimmt Ted Kaczynski nach TV-Berichten einen Selbstmordversuch in seiner Zelle im UntersuchungsgefÀngnis von Sacramento.

8.Januar 1998 Ted Kaczynski verlangt vom Richter, sich selbst verteidigen zu dĂŒrfen.

9.Januar 1998 Richter Garland D. Burell ordnet eine psychiatrische Untersuchung Ted Kaczynskis an, um dessen FĂ€higkeit feststellen zu lassen, sich selbst zu verteidigen. Die Untersuchung fĂŒhrt Dr. Sally Johnson durch, eine forensische Psychiaterin beim U.S. Bureau of Prisons.

17. Januar 1998 Das Gutachten der Psychiater attestiert Ted Kaczynski paranoide Verhaltensstörungen und Schizophrenie, aber auch die FÀhigkeit, sich selbst verteidigen zu können. Das Gutachten steht kurze Zeit spÀter im Internet und wird in den Medien ausgiebig kommentiert.

22. Januar 1998 Richter Burell lehnt Kaczynskis Bitte ab, sich selbst verteidigen zu dĂŒrfen und ordnet an, dass Kaczynski den Prozess mit seinen bisherigen Verteidigern fortsetzen muss. Hinter verschlossenen TĂŒren kommt es nun zu intensiven GesprĂ€chen ĂŒber ein plea bargain, das Kaczynski akzeptiert. Damit bekennt er sich schuldig im Sinne der Anklage, es erfolgt aber keine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt und kein Vollzug der Todesstrafe.

4.Mai 1998 Ted Kaczynski wird zu viermal lebenslĂ€nglich und zusĂ€tzlich 30 Jahren Zuchthaus verurteilt, unter Ausschluss der Möglichkeit auf Begnadigung. Er wird in das HochsicherheitsgefĂ€ngnis von Florence (Colorado) ĂŒberfĂŒhrt.

17. August 2001 Sein Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens wird endgĂŒltig abgelehnt.

Die Folgen dieser neuen Organisationsform wurden um 1900 sichtbar, als 76% der inzwischen 2.805.346 Einwohner von Massachusetts StĂ€dter waren. GewalttĂ€tiges oder ungewöhnliches Verhalten, das in einer ungezwungenen, unabhĂ€ngigen Gesellschaft toleriert werden konnte, war in der formelleren, kooperativen AtmosphĂ€re der spĂ€teren Zeit nicht mehr tragbar. … Die VerstĂ€dterung hatte, kurz gesagt, eine Generation hervorgebracht, die fĂŒgsamer, stĂ€rker sozialisiert und >zivilisierter< war als ihre Vorfahren.«

f-c-freedom-club-ted-kaczynski-die-industrielle-ge-5.png

[1] Im Original werden hier die AusdrĂŒcke »leftism« bzw. »leftist« in einem besonderen, im folgenden erörterten VerstĂ€ndnis des Begriffs verwendet. Das Substantiv »leftist« wird im Folgenden der KĂŒrze wegen mit »Linker« ĂŒbersetzt, das Adjektiv »leftist« mit »linksgerichtet«. Anm. d. Ü.

[2] Wir behaupten nicht, dass ALLE, ja noch nicht einmal die meisten, RĂŒpel und rĂŒcksichtslosen Konkurrenten an MinderwertigkeitsgefĂŒhlen leiden.

[3] Im viktorianischen Zeitalter litten viele ĂŒberangepasste Menschen an ernsthaften psychischen Problemen, weil sie ihren Sexualtrieb unterdrĂŒckten oder zu unterdrĂŒcken versuchten. Freud hat offensichtlich seine Theorien an Menschen von diesem Typ entwickelt. Heute hat sich der Fokus der Sozialisation von der SexualitĂ€t zur AggressivitĂ€t verschoben.

[4] Nicht unbedingt eingeschlossen hoch spezialisierte Ingenieure oder Vertreter der »reinen« Wissenschaften

[5] Es gibt viele Individuen aus der Mittel- und Oberschicht, die einige dieser Werte ablehnen, aber im Allgemeinen ist ihre Ablehnung mehr oder weniger bedeckt. Solche Ablehnung erscheint in den Massenmedien nur in sehr geringem Maße. Der Tenor der Propaganda in unserer Gesellschaft ist zugunsten der genannten Werte.
Der Hauptgrund, aus dem diese Werte sozusagen die offiziellen Werte unserer Gesellschaft geworden sind, liegt darin, dass sie fĂŒr das industrielle System nĂŒtzlich sind. Gewalt wird verurteilt, weil sie das Funktionieren des Systems stören wĂŒrde. Rassismus wird verurteilt, weil ethnische Konflikte ebenfalls das System stören und Diskriminierung die Talente von Angehörigen von Minderheitengruppen verschwendet, die dem System nĂŒtzlich sein können. Armut muss »geheilt« werden, weil die unteren Klassen dem System Probleme bereiten und der Kontakt mit ihnen die Moral der anderen Klassen schwĂ€cht. Frauen werden in der Arbeitswelt unterstĂŒtzt, weil ihre Begabungen dem System nĂŒtzen und vor allem, weil Frauen mit fester Arbeit besser in das System direkt eingebunden werden anstatt nur ĂŒber ihre Familien. Dies schwĂ€cht die familiĂ€re SolidaritĂ€t. (Die FĂŒhrer des Systems behaupten, sie wollen die Familie stĂ€rken, aber tatsĂ€chlich wollen sie die Familie nur als effizientes Werkzeug zur Sozialisation der Kinder im Sinne des Bedarfs der Gesellschaft nutzen. Wir behaupten in den Abschnitten 51 und 52, dass sich das System nicht leisten kann, die Familie oder andere kleine soziale Gruppen stark und autonom werden zu lassen.)

[6] Was genau mit power process gemeint ist, wird im Folgenden erlĂ€utert. Es ist sowohl eine Art Trieb zur als auch eine Art Prozess der Selbstverwirklichung, weil aber die Macht (power) eine signifikante Rolle dabei spielt, soll der Begriff im englischen Original stehen bleiben. Anm. d. Ü.

[7] Man kann ein wenden, dass die Mehrheit der Menschen keine eigenen Entscheidungen treffen will, sondern FĂŒhrer wĂŒnscht, die ihr das Denken abnehmen. Es gibt ein Körnchen Wahrheit in diesem Ein wand. Menschen treffen gerne ihre eigenen Entscheidungen in kleinen Dingen, aber Entscheidungen in schwierigen, grundlegenden Fragen erfordern Auseinandersetzungen bis hin zu psychologischen Konflikten. Also verlassen sie sich bei schwierigen Entscheidungen lieber auf andere. Aber daraus folgt nicht, dass sie sich gerne Entscheidungen aufstĂŒlpen lassen ohne die Gelegenheit, diese irgendwie zu beeinflussen. Die meisten Menschen sind geborene MitlĂ€ufer, nicht FĂŒhrer, aber sie möchten direkten persönlichen Zugang zu den FĂŒhrern haben, sie wollen die FĂŒhrer beeinflussen können und in gewissem Maße sogar an den schwierigen Entscheidungen teilhaben. Mindestens zu diesem Grad brauchen auch sie Autonomie.

[8] Manche dieser Symptome Àhneln denen von Tieren in KÀfighaltung.

[9] Eine Ausnahme stellen einige passive, nach innen gerichtete Gruppen dar wie die Amish, die kaum Auswirkungen auf die grĂ¶ĂŸere Gesellschaft haben. Außer diesen existieren heute noch ein paar echte kleinere Gemeinschaften in Amerika. Zum Beispiel Jugendbanden und »Sekten«. Jeder hĂ€lt sie fĂŒr gefĂ€hrlich, und das sind sie auch, weil die Mitglieder dieser Gruppen primĂ€r zueinander loyal sind anstatt zum System, also kann das System sie nicht kontrollieren.
Oder nehmen wir die Zigeuner. Im Allgemeinen werden Zigeuner fĂŒr Diebstahl und Betrug nicht bestraft, weil ihre LoyalitĂ€ten so geartet sind, dass sich immer andere Zigeuner finden werden, die durch ihre Aussage die Unschuld der ersten »beweisen«. Ganz offensichtlich wĂ€re das System in ernster Gefahr, wenn zu viele Menschen solchen Gruppen angehörten.
Einige chinesische Philosophen des frĂŒhen zwanzigsten Jahrhunderts erkannten, dass die Modernisierung Chinas es erfordern wĂŒrde, kleine soziale Gemeinschaften wie die Familie zu zerstören: »(Nach Sun Yat-sen) brauchte das chinesische Volk eine neue Welle des Patriotismus, die zu einer Verschiebung der LoyalitĂ€ten von der Familie zum Staat fĂŒhren wĂŒrde. […] (Nach Li Huang) mussten traditionelle Bindungen, besonders in der Familie, aufgegeben werden, wenn sich in China Nationalismus entwickeln sollte.« [Chester C. Tan, Chinese Political Thought in the Twentieth Century, p.124, p.297]

[10] Es ist uns bewusst, dass das Amerika des 19. Jahrhunderts seine ernsten Probleme hatte, aber um der KĂŒrze willen mĂŒssen wir vereinfachen.

[11] Wir vernachlÀssigen die »Unterschicht«. Wir sprechen vom Mainstream.

[12] Einige Soziologen, PÀdagogen, Psychologen und dergleichen versuchen angestrengt, diese sozialen Triebe in die erste Gruppe zu verschieben, damit möglichst jeder ein zufriedenstellendes Sozialleben hat.

[13] Ist das BedĂŒrfnis nach unbegrenztem Erwerb materieller GĂŒter wirklich ein durch die Werbe- und Marketingindustrie kĂŒnstlich geschaffenes? Mit Sicherheit gibt es keinen angeborenen Trieb, Vermögen anzuhĂ€ufen. Es hat viele Kulturen gegeben, deren Völker nur einen geringfĂŒgig ĂŒber das absolut Lebensnotwendige hinausgehenden materiellen Wohlstand anstrebten (australische Aborigines, traditionelle mexikanische Bauemkulturen, einige afrikanische Kulturen). Andererseits hat es auch viele vorindustrielle Kulturen gegeben, in denen materieller Reichtum eine wichtige Rolle spielte. Wir können deshalb nicht behaupten, dass die heutige erwerbsorientierte Kultur ausschließlich eine Schöpfung der Werbe- und Marketingindustrie wĂ€re. Dennoch ist offensichtlieh, dass die Werbe- und Marketingindustrie einen bedeutenden Anteil an der Schaffung dieser Kultur hatte. Die großen Unternehmen, die Millionen fĂŒr Reklame ausgeben, wĂŒrden dies kaum tun, wenn es nicht erwiesen wĂ€re, dass sie dieses Geld durch erhöhte VerkĂ€ufe wieder einnehmen. Ein Mitglied von FC hat vor einigen Jahren einen Verkaufsmanager getroffen, der ihm offen und ehrlich erklĂ€rte: »Unser Job ist es, den Leuten Sachen aufzuschwatzen, die sie weder wĂŒnschen noch brauchen.« Dann beschrieb er, wie ungeĂŒbte VerkĂ€ufer jemandem die tatsĂ€chlichen Eigenschaften eines Produkts erlĂ€utern und damit gar keine VerkĂ€ufe machen, wĂ€hrend erfahrene und professionelle VerkĂ€ufer denselben Kunden eine Menge Waren verkaufen können. Dies zeigt, dass die Menschen dahingehend manipuliert werden, Waren zu kaufen, die sie nicht wirklich wollen.

[14] Das Problem der Ziellosigkeit scheint seit Mitte der 1990er Jahre an Bedeutung verloren zu haben, weil sich die Menschen heute physisch und ökonomisch weniger abgesichert fĂŒhlen als frĂŒher und das BedĂŒrfnis nach Sicherheit bietet ihnen ein Ziel. Aber statt der Ziellosigkeit ist jetzt die Frustration ĂŒber die Schwierigkeit, Sicherheit zu erlangen, das Problem. Wir betonen das Problem der Ziellosigkeit, weil Linke unsere sozialen Probleme dadurch lösen wollen, dass die Gesellschaft jedem Sicherheit garantiert; aber selbst wenn das möglich wĂ€re, wĂŒrde das alte Problem der Ziellosigkeit wieder auftreten. Die Frage ist nicht, ob die Gesellschaft gut oder schlecht fĂŒr die Sicherheit der Menschen sorgt; sondern das Problem liegt darin, dass die Menschen fĂŒr ihre Sicherheit vom System abhĂ€ngen und sie nicht in ihrer Hand liegt. Dies ist ĂŒbrigens ein Grund dafĂŒr, dass sich manche Menschen so stark fĂŒr das Recht, Waffen zu tragen, einsetzen; der Besitz eines Gewehrs vermittelt ihnen das GefĂŒhl, wenigstens dieser Teil der Sicherheit liege in ihrer Hand.

[15] Die BemĂŒhungen der Konservativen, die staatlichen Reglementierungen zu reduzieren, haben kaum Auswirkungen auf DurchschnittsbĂŒrger. Zum einen kann nur ein Bruchteil der Bestimmungen aufgehoben werden, da die meisten unverzichtbar sind. Zum anderen betrifft die Aufhebung solcher Bestimmungen meistens GeschĂ€ftsvorgĂ€nge und nicht Einzelpersonen, sodass das Ergebnis vor allem darin besteht, dass der Regierung Macht entzogen und privaten Großunternehmen gegeben wird. FĂŒr den DurchschnittsbĂŒrger bedeutet dies bloß, dass Eingriffe in sein Privatleben weniger durch die Regierung, sondern durch große Firmen geschehen, denen zum Beispiel erlaubt wird, mehr Chemikalien in sein Trinkwasser zu leiten und damit sein Krebsrisiko zu erhöhen. Die Konservativen halten den DurchschnittsbĂŒrger fĂŒr einen Dummkopf und nutzen seinen Zorn auf die Großen in der Regierung zur VergrĂ¶ĂŸerung der Macht der Großen in der GeschĂ€ftswelt.

[16] Wenn jemand den Zweck von Propaganda in einem bestimmten Fall gutheißt, nennt er sie im Allgemeinen »Erziehung« oder mit einem Ă€hnlichen Euphemismus. Doch Propaganda bleibt Propaganda, unabhĂ€ngig vom Zweck, fĂŒr den sie eingesetzt wird.

[17] Siehe auch Anm. 13

[18] Wir wollen zur Panama-Invasion weder Zustimmung noch Ablehnung zum Ausdruck bringen und bringen das Beispiel nur zur Verdeutlichung unseres Punkts.

[19] 19 Als die amerikanischen Kolonien noch unter britischer Herrschaft standen, gab es weniger gesetzlich garantierte Freiheiten als nach dem Inkrafttreten der amerikanischen Verfassung, und doch gab es im vorindustriellen Amerika mehr persönliche Freiheiten, sowohl vor als auch nach dem UnabhĂ€ngigkeitskrieg, als nach der Industriellen Revolution. Wir zitieren aus dem Werk Violence in America: Historical and Comparative Perspectives, hg. von Hugh Davis Graham und Ted Robert Gurr, Kapitel 12, S. 476-478, Roger Lane: »Die allmĂ€hliche Erhöhung der Standards gesellschaftlichen Benehmens und mit ihr die zunehmende ZuverlĂ€ssigkeit der offiziellen Polizei (im Amerika des 19. Jahrhunderts) … waren der gesamten Gesellschaft gemein. … Die VerĂ€nderung der sozialen Umgangsformen vollzieht sich so langfristig und so umfassend, dass ein Zusammenhang mit dem grundlegendsten zeitgenössischen gesellschaftlichen Prozess anzunehmen ist, dem Prozess der industriellen Urbanisierung selbst. … 1835 hatte Massachusetts eine Bevölkerung von etwa 660.940, davon waren 81% dort geboren und lebten in vorwiegend vorindustriellen lĂ€ndlichen Gebieten. Die BĂŒrger genossen betrĂ€chtliche persönliche Freiheiten. Ob sie FuhrmĂ€nner, Farmer oder Handwerker waren, sie waren daran gewöhnt, ihren Tagesablauf selbst zu bestimmen, und das Wesen ihrer TĂ€tigkeit machte sie voneinander unabhĂ€ngig. … Persönliche Schwierigkeiten, SĂŒnden, selbst Verbrechen verursachten im Allgemeinen kein grĂ¶ĂŸeres gesellschaftliches Interesse. … Doch die zweifache Bewegung in die StĂ€dte und in die Fabrik, die 1835 gerade begann, verursachte sichtbare VerĂ€nderungen des persönlichen Verhaltens, das ganze 19. Jahrhundert hindurch bis ins 20. Jahrhundert. Die Fabrik erforderte RegelmĂ€ĂŸigkeit, das Leben wurde vom Rhythmus von Uhr und Kalender bestimmt und von den Forderungen der Vorarbeiter und Aufseher. Das Leben in enger Nachbarschaft in den StĂ€dten verbat nun viele Dinge, die zuvor nichts AnstĂ¶ĂŸiges hatten. Sowohl Arbeiter als auch Angestellte in grĂ¶ĂŸeren Unternehmen waren auf ihre Kollegen angewiesen; da die Arbeit des einen vom anderen abhing, die eigenen Angelegenheiten waren nicht mehr nur die eigenen.

[20] siehe auch Anm. 16

[21] Apologeten des Systems zitieren gerne FĂ€lle, in denen Wahlen durch eine oder zwei Stimmen entschieden wurden, diese FĂ€lle sind aber Ă€ußerst selten.

[22] »Geographische, religiöse und politische Unterschiede unberĂŒcksichtigt, lebt heute in technisch entwickelten LĂ€ndern der Mensch unter ganz verwandten Bedingungen. Der Alltag eines christlichen Bankangestellten in Chicago, eines buddhistischen in Tokio und eines kommunistischen in Moskau hat mehr Verwandtes als das Leben irgendeines der drei mit dem Leben irgendeines Mannes vor tausend Jahren. Diese Verwandtschaft ruht in der gemeinsamen Technik […].« L. Sprague de Camp, The Ancient Engineers; deutsch: Ingenieure der Antike, DĂŒsseldorf/Wien 1965, S. 26. Die LebenslĂ€ufe der drei Bankangestellten sind nicht IDENTISCH. Ideologie hat sicher EINIGE Auswirkungen. Aber um zu ĂŒberleben, mĂŒssen sich alle technologischen Gesellschaften in einer ANNÄHERND gleichen Richtung entfalten.

[23] Man stelle sich nur vor, ein verantwortungsloser Genetiker erschaffe einen Haufen von Terroristen.

[24] Ein weiteres Beispiel unerwĂŒnschter Folgen des medizinischen Fortschritts wĂ€re eine verlĂ€ssliche Heilmethode gegen Krebs. Selbst wenn die Behandlung so teuer wĂ€re, dass sie nur der Elite zugute kĂ€me, wĂŒrde sie den Anreiz, sich gegen den Austritt krebserregender Stoffe in die Umwelt einzusetzen, schwĂ€chen.

[25] Da es fĂŒr die meisten paradox klingen mag, dass eine große Anzahl von guten Sachen zu einer schlechten Sache werden kann, wollen wir diesen Punkt mit einer Analogie illustrieren. Nehmen wir an, dass A mit B Schach spielt. Dabei schaut C, ein Großmeister im Schach, A ĂŒber die Schulter. SelbstverstĂ€ndlich möchte Adas Spiel gewinnen, wenn C ihm also einen guten Zug empfiehlt, tut er A damit einen Gefallen. Nehmen wir jetzt aber an, C empfiehlt A ALLE ZĂŒge. Dann tut er A in jedem einzelnen Moment einen Gefallen, wenn er ihm den besten Zug zeigt, aber wenn er ALLE ZĂŒge fĂŒr ihn tut, dann verdirbt er das Spiel, denn es hat keinen Sinn fĂŒr A, das Spiel zu spielen, wenn jemand anderes alle seine ZĂŒge macht.
Die Situation des modernen Menschen gleicht der von A. Das System erleichtert das Leben des Einzelnen auf vielerlei Weise, aber gerade dadurch beraubt es ihn der Kontrolle ĂŒber sein eigenes Schicksal.

[26] Vgl. Anm. 16

[27] Wir betrachten hier nur die Konflikte zwischen allgemein anerkannten Werten. Um der Einfachheit willen verzichten wir auf eine Darstellung von Wertvorstellungen von »Außenseitern« wie der, dass die ursprĂŒngliche Natur generell wichtiger sei als das wirtschaftliche Wohlergehen der Menschen.

[28] Eigeninteresse bedeutet nicht immer MATERIELLES Eigeninteresse. Es kann auch um die ErfĂŒllung psychischer BedĂŒrfnisse gehen, zum Beispiel die eigene Ideologie oder Religion zu fördern.

[29] Eine EinschrĂ€nkung: Es ist im Interesse des Systems, in einigen Gebieten Freiheit zu einem genau umschriebenen Grad zu gewĂ€hren. Zum Beispiel nĂŒtzt ökonomische Freiheit (mit angemessenen EinschrĂ€nkungen und Auflagen) erwiesenermaßen dem Wirtschaftswachstum. Im Interest des Systems liegt aber nur geplante, fest umrissene und begrenzte Freiheit. Der Einzelne muss immer an der Leine gefĂŒhrt werden, selbst wenn diese Leine manchmal lang ist. Vgl. Abschnitte 94 und 97.

[30] Wir wollen damit nicht behaupten, die LeistungsfĂ€higkeit oder das Überlebenspotenzial einer Gesellschaft stĂŒnden stets in einem umgekehrten VerhĂ€ltnis zum Ausmaß von UnterdrĂŒckung oder Unbehagen, dem die Gesellschaft die Menschen aussetzt. Das ist sicherlich nicht der Fall. Es gibt gute GrĂŒnde anzunehmen, dass viele primitive Gesellschaften die Menschen weniger unterdrĂŒckt haben, als es die europĂ€ische Gesellschaft getan hat, aber die europĂ€ische Gesellschaft hat sich als wesentlich leistungsfĂ€higer als jede primitive Gesellschaft erwiesen und war aufgrund ihres technologischen Fortschritts diesen Gesellschaften immer ĂŒberlegen.

[31] Wer glaubt, eine leistungsfĂ€higere Polizei sei unzweideutig eine gute Sache, weil sie Verbrechen verhindere, sei daran erinnert, dass das, was das System als Verbrechen definiert, nicht notwendigerweise auch von einem SELBST als Verbrechen betrachtet wird. Heute ist es ein »Verbrechen«, Marihuana zu konsumieren, und in einigen Staaten der USA auch der Besitz einer nichtregistrierten Handfeuerwaffe. Morgen ist vielleicht der Besitz JEGLICHER Feuerwaffe, registriert oder nicht, ein Verbrechen, und dasselbe mag fĂŒr missbilligte Erziehungsmethoden wie die körperliche ZĂŒchtigung gelten. In manchen LĂ€ndern ist die Äußerung einer abweichenden politischen Meinung ein Verbrechen, und es gibt keine Gewissheit, dass dies in den USA nicht auch passieren könnte, da keine Verfassung und kein politisches System ewig dauern.
Wenn eine Gesellschaft eine starke und mÀchtige Polizei braucht, dann liegt etwas in dieser Gesellschaft sehr im Argen; sie muss die Menschen stark unter Druck setzen; sie ist deshalb genötigt, Menschen unter Druck zu setzen, da sich so viele weigern, sich an die Vorschriften zu halten. In der Vergangenheit sind viele Gesellschaften ohne offizielle oder mit einer schwachen Polizei ausgekommen.

[32] Sicher hatten auch vergangene Gesellschaften Einflussmöglichkeiten auf menschliches Verhalten, diese waren aber verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig primitiv und wirkungslos verglichen mit den technologischen Möglichkeiten, die jetzt entwickelt werden.

[33] Einige Psychologen haben ihre GeringschĂ€tzung menschlicher Freiheit allerdings öffentlich bekanntgegeben. Und der Mathematiker Claude Shannon wird in Omni (August 1987) mit den Worten zitiert: »Ich sehe eine Zeit vor mir, in der wir fĂŒr die Roboter sein werden, was Hunde jetzt fĂŒr Menschen sind, und ich stimme fĂŒr die Maschinen.«

[34] Vgl. Anm. 16

[35] Das ist keine Science-Fiction! Nachdem wir den Abschnitt 154 niedergeschrieben hatten, stießen wir auf einen Artikel im Scientific American, demzufolge Wissenschaftler an Methoden, mit denen mögliche zukĂŒnftige Verbrecher identifiziert und mit biologischen und psychologischen Mitteln behandelt werden können. Einige Wissenschaftler setzen sich fĂŒr die obligatorische Anwendung dieser Behandlungen ein, die in nĂ€chster Zeit verfĂŒgbar sein werden. (Siehe »Seeking the Criminal Element« von W. Wayt Gibbs, Scientific American,, MĂ€rz 1995.) Man mag denken, dies sei schon in Ordnung, weil damit ja nur die potenziellen Gewaltverbrecher behandelt wĂŒrden. Doch dort wĂŒrde man sicher nicht stehen bleiben. Als nĂ€chstes wĂŒrde man auf diese Weise potenzielle Alkoholiker am Steuer behandeln (die auch Menschenleben bedrohen), dann wĂŒrde man sich diejenigen vornehmen, die ihre Kinder prĂŒgeln, dann die UmweltschĂŒtzer, die HolzfĂ€llertransporte sabotieren, und schließlich jeden, dessen Verhalten nicht systemkonform ist.

[36] Ein weiterer Vorteil der Natur als Gegen-Ideal zur Technologie liegt darin, dass die Natur vielen Menschen eine Art religiöser Verehrung einflĂ¶ĂŸt, sodass die Natur vielleicht in religiöser Form angebetet werden könnte. Zwar hat die Religion in vielen Gesellschaften als Rechtfertigung und StĂŒtze der etablierten Ordnung gedient, aber ebenso oft bot Religion die Basis fĂŒr einen Aufstand. Es wĂ€re also von Nutzen, den Aufstand gegen die Technologie mit einem religiösen Element zu versehen, umso mehr, als die westliche Gesellschaft heute keine starke religiöse Grundlage besitzt. Heutzutage wird die Religion entweder zur billigen und leicht zu durchschauenden UnterstĂŒtzung von engstirnigem, kurzsichtigem Egoismus genutzt (einige Konservative bedienen sich ihrer auf diese Weise), oder sie wird zynisch missbraucht, um Geld damit zu machen (von vielen Predigern), oder sie ist zu krudem Irrationalismus degeneriert (bei fundamentalistischen protestantischen Sekten), oder aber sie stagniert einfach (im Katholizismus oder im gewöhnlichen Protestantismus). Am nĂ€chsten kommt der Vorstellung von einer starken, weit verbreiteten dynamischen Religion noch die Quasi-Religion der linksgerichteten Ideologie, die der Westen jĂŒngst erlebt hat, aber die Linke heute ist zersplittert und hat kein klares, einheitliches, begeisterndes Ziel.
Somit existiert ein religiöses Vakuum in unserer Gesellschaft, das man vielleicht durch eine Religion ausfĂŒllen könnte, in deren Zentrum die Natur als Gegensatz zur Technologie steht. Es wĂ€re allerdings ein Irrtum, wenn man versuchen wĂŒrde, eine kĂŒnstliche Religion zusammenzubasteln, die diese Rolle ĂŒbernimmt. Eine solche erfundene Religion wĂ€re ein Misserfolg. Ein Beispiel dafĂŒr ist die »Gaia«-Religion. Glauben ihre AnhĂ€nger WIRKLICH daran oder spielen sie bloss Theater? In diesem Fall wĂ€re ihre Religion schließlich ein Flop. Es wĂ€re wohl am besten, nicht den Versuch zu machen, in den Konflikt Natur gegen Technologie die Religion einzufĂŒhren, wenn man nicht selbst WIRKLICH an diese Religion glaubt und meint, dass sie auch in anderen Menschen tiefen, starken, echten Anklang finden wird.

[37] Wir setzen voraus, dass es den einen entscheidenden Durchbruch geben wird. Es ist auch denkbar, dass das industrielle System graduell und stĂŒckweise abgeschafft wird. Vgl. die Abschnitte 4 und 167 sowie die Anm. 38.

[38] Es ist sogar (entfernt) denkbar, dass die Revolution nur in einer massiven HaltungsĂ€nderung gegenĂŒber der Technologie bestehen wĂŒrde, die eine stufenweise und relativ schmerzlose Zersetzung des industriellen Systems zur Folge hĂ€tte. Das wĂ€re aber ein ausgesprochener GlĂŒcksfall. Es ist viel wahrscheinlicher, dass der Übergang zu einer nichttechnologischen Gesellschaft sehr schwierig und voller Konflikte und Katastrophen sein wird.

[39] Die wirtschaftliche und die technologische Struktur einer Gesellschaft sind fĂŒr das normale Leben eines DurchschnittsbĂŒrgers wesentlich wichtiger als ihre politische Struktur. Vgl. Abschnitte 95 und 119 und die Anm. 19 und 22.

[40] Diese Behauptung bezieht sich auf einen Anarchismus nach unserem besonderen VerstĂ€ndnis. Eine Reihe von sehr verschiedenen gesellschaftlichen Einstellungen wurden als »anarchistisch« bezeichnet, möglicherweise werden auch viele, die sich selbst zu den Anarchisten zĂ€hlen, unsere Behauptung nicht akzeptieren. Auch sei angemerkt, dass es eine gewaltlose anarchistische Bewegung gibt, deren Mitglieder FC wahrscheinlich nicht als Anarchisten anerkennen wĂŒrden und sicherlich auch die gewalttĂ€tigen Methoden von FC nicht fĂŒr angemessen halten.

[41] Viele Linke sind auch durch Feindseligkeit getrieben, aber die Feindseligkeit entsteht wohl teilweise aus dem frustrierten BedĂŒrfnis nach Macht.

[42] Wir möchten betonen, dass hier jemand gemeint ist, der mit diesen BEWEGUNGEN, wie sie heute in unserer Gesellschaft bestehen, sympathisiert. Jemand, der glaubt, dass Frauen, Homosexuellen usw. gleiche Rechte zustehen, ist nicht notwendigerweise ein Linker. Die feministische, Schwulen- usw. -bewegung, die heute in unserer Gesellschaft existieren, haben diesen besonderen ideologischen Ton, der linksgerichtete Ideologie charakterisiert, und wenn man zum Beispiel fĂŒr die Gleichberechtigung von Frauen ist, folgt daraus nicht notwendigerweise, dass man mit der feministischen Bewegung, wie sie heute existiert, sympathisiert.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org