November 16, 2020
Von Anarchistische Gruppe LĂŒbeck
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AnlĂ€sslich der Rise Up 4 Rojava Aktionswoche zum Welt-Kobane-Tag wurden in LĂŒbeck hunderte Plakate, Sticker, Fahnen und mehrere Grafitti angebracht.Die Rahmenbedingungen, die Covid-19 schafft, lassen uns aus ĂŒblichen Handlungsmustern wie Massenveranstaltungen und Demos ausbrechen. Wir begrĂŒĂŸen die verschiedenen Aktionsformen zur Sichtbarmachung der Konflikte in Nordsyrien.

UrsprĂŒnglich riefen auch wir zur Demonstration am Samstag, 07.11.2020 auf, fĂŒr die der folgende Redebeitrag geschrieben wurde:

Freiheit als LebensrealitÀt in dieser Welt?

FĂŒr uns eigentlich kaum vorstellbar. Wohin wir unseren Blick auch richten, sehen wir uns nur umgeben von einem menschenverachtenden Wirtschaftssystem und einem repressiven Staat. In unseren Gesellschaften kommen wir fast nie nĂ€her an die Idee von freien RĂ€umen als maximal durch Hausbesetzungen. Aus dieser Perspektive heraus, in der Selbstbestimmung und das schöne Leben fĂŒr alle so weit weg sind, ist es fĂŒr uns umso hoffnungsvoller zu sehen, was fern von uns geschaffen wurde. Ein nicht allzu kleiner Freiraum in Autonomie und SolidaritĂ€t existiert nĂ€mlich.

Und zwar in Kobane. Seit Assads Truppen im Jahr 2012 diese und andere Provinzen in Nordsyrien verließen, ist dort fĂŒr viele Tausend Menschen ein freies Leben möglich geworden. Kurd*innen sowie viele andere Menschen leben dort in einer basisdemokratischen und selbstverwalteten Sozialökonomie. Doch das zieht Feind*innen an. Wie die Geschichte es und lehrt, muss die Schaffung von FreirĂ€umen sich immer direkt danach gegen die Feind*innen der Freiheit behaupten. So war es in der Pariser Kommune, im anarchistischen Spanien, in der Machno-Bewegung, in sĂ€mtlichen besetzten HĂ€usern Europas und so war es auch in Kobane. Im Jahr 2014 sahen die Verteidiger*innen Kobanes sich einer Streitmacht von 7000 Soldaten des IS gegenĂŒber. Die internationalen Reaktionen auf diese Bedrohungen ließen uns wieder einmal erkennen, mit welchen Augen die Regierungen dieser Welt freiheitliche Bewegungen betrachten. Die TĂŒrkei verwehrte jede UnterstĂŒtzung, die USA ließen verlauten, dass man Kobane eh fĂŒr verloren halte, Deutschland zog sich aus der Verantwortung, die UNO schlug eine diplomatische Lösung vor und Frankreich uns Russland ĂŒberlegten, eventuell einzugreifen. Fast die komplette Welt ließ die Menschen in Kobane im Angesicht ihres fast sicheren Todes im Stich.

Und trotzdem, wider aller Erwartungen und Feindseliger UmstĂ€nde wurde der IS zurĂŒckgeschlagen und Kobane erneut befreit. Doch diese Verteidigung kostete das Leben hunderter freiheitlich denkender Menschen. Doch in Gedenken an sie mĂŒssen wir uns immer wieder gewahr werden, wer sie im Stich ließ und somit dafĂŒr sorgte, dass so viele erst sterben mussten. Es waren die Staaten dieser Welt. All jene Systeme fĂŒr die nicht staatliche Organisation nur Bedrohung bedeutet. Damals vor sechs Jahren wurde dem Ruf um SolidaritĂ€t mit den KĂ€mpfer*innen in Kobane kaum Beachtung geschenkt. Dies mĂŒssen wir im Blick behalten, wenn es wie jetzt erneut darum geht, die Herrschenden um etwas zu bitten. Ein offener Brief an Merkel mit dem Gesuch, in den tĂŒrkischen Angriffskrieg gegen Rojava einzugreifen, wird dieses Gesuch nicht in ErfĂŒllung bringen. Warum auch sollten die Vertreter*innen der Unfreiheit die Gesuche der freien Menschen erhören? Wie kamen wir dazu zu glauben, dass Bittstellungen und Kompromisse mit den Machthabenden UnterstĂŒtzer*innen der Kriegsmaschinerie einen Krieg abwenden können?

Deswegen mahnen wir: Glaubt nicht, dass die Profiteur*innen von Hierarchie denjenigen helfen, die hierarchische Strukturen durchbrechen wollen. Dahingehend muss sich auch vor Augen gehalten werden, dass Kobane per se nicht nicht Freiheit bedeutet. Freiheit ist nichts, was einmalig erkĂ€mpft wird und von da an feststehend ist. Freiheit ist ein kontinuierlicher Prozess der Wandlung und bedarf stĂ€ndiger Selbstreflektion und Aktualisierung. Um diese erkĂ€mpfte Freiheit zu wahren, mĂŒssen wir auf Kooperation mit den Herrschenden verzichten. Denn wie sich unschwer erkennen lĂ€sst, ist die Freiheit in Kobane stĂ€ndiger Bedrohung ausgesetzt. Doch diese Bedrohungen sollten nicht dazu anregen, unfreie Mittel in ihrer BekĂ€mpfung zu wĂ€hlen. Dazu gehört auch das UnterdrĂŒcken von kritischen Stimmen. HĂ€ufiger ist es nun schon vorgekommen, dass die YPG in Rojava kritische Stimmen gewaltsam zum Schweigen gebracht hat. Auch die internen Hierarchien der Selbstverwaltungsstrukturen lassen ein wirklich freies Leben nicht zu. Dies können wir nicht akzeptieren und lĂ€sst uns unsere eigene SolidaritĂ€t auch kritisch hinterfragen. Deswegen muss fĂŒr ein Fortbestehen eines freien Kobanes auch AnnĂ€herung zu AutoritĂ€ten, wie zum Beispiel durch Kollaboration mit dem Assad-Regime oder offene Briefe an Regierungen, wie auch auf UnterdrĂŒckung der Meinungsfreiheit, verzichtet werden.

Nichts desto trotz ist das heutige Kobane ein Freiraum, der seines Gleichen sucht in dieser Welt, ein Freiraum fĂŒr dessen Fortbestand es sich weiterhin zu kĂ€mpfen lohnt.




Quelle: Aghl.noblogs.org