April 10, 2021
Von Anika - Anarchismus In Karlsruhe
239 ansichten


Im Februar erschien der Artikel „Gegen den Ausverkauf der Stadt und die Politik der VerdrĂ€ngung in Karlsruhe“. Thema war der Verkauf stĂ€dtischer RĂ€ume und FlĂ€chen in Karlsruhe an die GEM Ingenieurgesellschaft mbH MĂŒller + Partner, deren Mehrheitseignerin die CG Gruppe AG ist. Mit dem Verkauf wird der Raum fĂŒr viele kleine Gewerbetreibende, aber auch fĂŒr ca. 100 Bands und fĂŒr selbstverwaltete Kunst- und Kulturzentren, wegfallen. Ersatzlos.

Wenn man diesen Vorgang zum ersten Mal wahrnimmt, schießen Gedanken in den Kopf wie: „Ok, das klingt schlecht, aber die Stadt wird schon wissen, was das Beste fĂŒr die Gesamtheit der BĂŒrger*innen ist.“ Oder auch: „Ok, arme Bands, aber hey, die Stadt lĂ€sst doch ihre Jugend und Kreativen und so nicht im Stich, die wird schon fĂŒr Ersatz sorgen.“ Und dann liest man auf der Website der GEM, dass am 05.10.2016 ein Workshop stattfand zum stĂ€dtebaulichen Rahmenplan des Areal C, unter Beteiligung des Stadtplanungsamtes. 2016, das ist 4,5 Jahre her! Seitdem gibt es keine Angebote zu alternativen FlĂ€chen und RĂ€ume seitens der Stadt Karlsruhe laut Artikel. Krass.

Langsam wallt das GefĂŒhl auf, dass die Stadt andere Interessen vertritt, als die der VerdrĂ€ngten.

Diese Feststellung zieht im Bauch. Der Kopf kann vielleicht noch abwiegeln und behaupten, dass die Entscheidung der Stadt bestimmt so viel Gutes fĂŒr die Bewohner*innen von Karlsruhe bringen wird, dass das Gute das Schlechte des Verkaufs ĂŒberwiegen wird. Der Bauch weiß: diesmal sind es diese Menschen, nĂ€chstes Mal vielleicht ich.

Es ist verstĂ€ndlich, wenn eine Stadt Entscheidungen auf Grundlage verschiedener Interessen treffen muss. Aber kein Interesse darf GrundbedĂŒrfnisse der Stadtbewohner*innen ĂŒberwiegen, deren Leben direkt mit der Entscheidung verbunden sind.

Doch wie kommt es zu solchen Entscheidungen? Warum bietet die Stadt den Betroffenen keine alternativen FlĂ€chen und RĂ€ume an? Vielleicht, weil keine vorhanden sind. Vielleicht, weil zum Zeitpunkt der Entscheidung zum Verkauf niemand nachgeschaut hat, ob ErsatzflĂ€chen vorhanden sein wĂŒrden. Damit wird zu Ausdruck gebracht: wir wussten, als die Entscheidung zum Verkauf getroffen wurde, dass keine alternativen FlĂ€chen und RĂ€ume vorhanden sind bzw. war es uns egal. Wir haben trotzdem so entschieden. Ihr VerdrĂ€ngten seit uns egal.

Wenn es so gelaufen wĂ€re, hĂ€tte sich in den letzten 4,5 Jahren doch mehr Protest zusammengefunden, oder? Warum kĂ€mpfen die Menschen nicht fĂŒr ihre Stadt? Warum zucken die meisten Menschen nur mit den Schultern, wenn sie vom Verkauf ohne ErsatzflĂ€chen hören, obwohl sie selbst gerne auf dem GelĂ€nde des Areal C auf Konzerte gegangen sind oder nette Leute kennen, die in den betroffenen Bands spielen?

Im Sommer 2020 wurde auf dem GelĂ€nde der P8, in Kooperation mit dem Cafe Noir der Film „Ungleichland“ ĂŒber die Machenschaften der CG Gruppe AG gezeigt. Es kamen einige Interessierte, vor allem junge Menschen, aber auch erfahrene Wohnprojektler von der MiKa. Es wurde bis spĂ€t abends ĂŒber den Ausverkauf von StĂ€dten geredet. Was am Ende des Abends blieb, war laut einigen JĂŒngeren ein GefĂŒhl von Ohnmacht. Hilfesuchend wurden die anwesenden Wohnprojektler der MiKa befragt, was zu tun sei, um z.B. eine MiKa 2.0 ins Leben zu rufen. Die Antwort war: machen. Etwas machen, anfangen, protestieren, Wohnprojektgruppen grĂŒnden, sich mit „der Stadt“ anlegen, Interessen verteidigen. Die jungen Menschen zuckten mit den Schultern. Damals sei alles leichter gewesen. Heute ginge das alles nicht mehr so einfach. Ein Mensch von der MiKa antwortete: damals war es auch schwer, aber wir haben es riskiert.

Tatsache ist: Hartz-Reformen, Privatisierung von staatlichem Wohneigentum, wirtschaftsliberale Steuergesetzreformen und, und, und – heute riskiert man materiell viel mehr, wenn man fĂŒr eigene Interessen kĂ€mpft. Mal ein Jahr von StĂŒtze leben, um ein Wohnprojekt voranzutreiben? Heute sicherlich schwieriger, als damals. Im Studium mal ein, zwei Semester Module und PrĂŒfungen verpassen, um politisch aktiv zu sein? Jup, kann man machen, kann dann aber auch sein, dass man direkt aus dem Studiengang fliegt. Der Freiraum der Menschen wird enger, auch wenn sie es nicht realisieren. Nicht nur der materielle Freiraum, auch der Freiraum fĂŒr eigene Gedanken, fĂŒr das Ausbilden einer Haltung, ohne die niemand protestieren geht, schrumpft, wird ĂŒberlagert von Zeitdruck, Erfolgsdruck, Konsum, SachzwĂ€ngen.

Erich Fromm hat in „Die Seele des Menschen – ihre FĂ€higkeit zum Guten und zum Bösen“ beschrieben, was passiert, wenn eben dieser Freiraum nicht vorhanden ist. Der Mensch wird zum Automaten. Wer Automat ist, sieht andere Menschen auch als Automaten, als Gruppen von Dienstleistern, als Gruppen von Verbrauchern, als Gruppen von Konkurrenten, als Gruppen von verdrĂ€ngten Musiker*innen – nicht aber als Individuen. Der Mensch wird den Menschen zum (toten) Ding.

Und genau hier könnte der springende Punkt liegen, warum Proteste klein bleiben, warum Menschen nicht fĂŒr Ihre BedĂŒrfnisse kĂ€mpfen, obwohl es heute vielleicht wichtiger wĂ€re denn je, obwohl viele von ihnen materiell doch noch gut genug aufgestellt sind:

Menschen kĂ€mpfen nicht fĂŒr Ihre BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche, wenn sie keine Liebe zum Leben, zum Lebendigen spĂŒren. Und diese Liebe zum Leben braucht Freiraum, Freiheit, wie Fromm in o. g. Text verdeutlicht:

„Zusammenfassend ist zu sagen, daß sich die Liebe zum Leben am besten in einer Gesellschaft entfalten wird, wenn darin folgende Voraussetzungen gegeben sind: Sicherheit in dem Sinn, daß die materiellen Grundlagen fĂŒr ein menschenwĂŒrdiges Dasein nicht bedroht sind, Gerechtigkeit in dem Sinn, daß niemand als Mittel zum Zweck fĂŒr andere ausgenutzt werden kann, und Freiheit in dem Sinn, daß jedermann die Möglichkeit hat, ein aktives und veranwortungsbewußtes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Der letzte Punkt ist besonders wichtig. Selbst in einer Gesellschaft, in der Sicherheit und Gerechtigkeit herrschen, kann die Liebe zum Leben sich nicht entwickeln, wenn in ihr nicht die kreative SelbsttĂ€tigkeit des einzelnen gefördert wird. Es genĂŒgt nicht, daß die Menschen keine Sklaven sind; wenn die gesellschaftlichen Bedingungen zur Existenz von Automaten fĂŒhren, wird das Ergebnis nicht Liebe zum Lebendigen, sondern Liebe zum Toten sein.“

Eine erschĂŒtternde Selbsterkenntnis zu der ganzen Sache: ich selbst habe beim Lesen des Artikels ĂŒber den Verkauf des Areal C an Bands gedacht, an eine Gruppe Gewerbetreibende, an ein Kunstkollektiv – aber nicht an Anna*, die das GefĂŒhl, das sie beim Spielen ihrer Bassgitarre hat, jede Woche braucht, um genug Kraft zu haben, ihren Alltag anzugehen. HĂ€tte ich an Anna gedacht, hĂ€tte ich ihr helfen wollen, ihr als Person. Ich hĂ€tte sie gefragt, wie ich ihr helfen kann. Und dann wĂ€ren wir zu zweit vielleicht auf die Idee gekommen, uns einer Demo anzuschließen oder eine ins Leben zu rufen. Wir wĂ€ren als Menschen in Kontakt gekommen, so wie es die vielen selbst betroffenen „Annas“ und ihre Freund*innen tatsĂ€chlich gemacht haben und wir hĂ€tten etwas gemacht. So aber habe ich den Artikel gelesen, die ganze Sache als sehr schade befunden, an den Goodwill der EntscheidungstrĂ€ger*innen mehr oder weniger geglaubt und den Artikel (fast) abgehakt.

Dass die Menschen keine aktiven und verantwortungsbewussten Mitglieder der Gesellschaft sind, dass sie keine FreirĂ€ume in Form von Zeit und Orten haben, um solche zu werden, dass sie durch BĂŒrokratisierung weiten Teilen des Lebens nur in gleichen, engen Bahnen leben können und andere Menschen dadurch nicht als Individuen betrachten (können), ist zusammengenommen also eine mögliche ErklĂ€rung, warum laute, große Proteste von (diesmal) nicht direkt betroffenen Menschen fehlen.

Menschen, die einander nicht als Individuen sehen (können), Menschen, die Totes mehr lieben (mĂŒssen), als Lebendiges – wie kann sich das Ă€ndern? Sich der eigenen Behinderung, der eignen Unfreiheit bewusst zu werden, ist der erste Schritt.

*Name frei erfunden



on Twitter


on Facebook


on Google+




Quelle: Anika.noblogs.org