MĂ€rz 19, 2021
Von Anarchistische Gruppe LĂŒbeck
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Dieser Text ist inspiriert von einem Pamphlet, das 2005 von Anarchist*innen aus Roverto und Trento in Italien geschrieben wurde und zum „NoPrison! NoState!“ Wochenende 2008 in Kiel ins Deutsche ĂŒbersetzt wurde. Auch nach den 16 bis zum heutigen Tage verstrichenen Jahren erachten wir diesen Text und seine Zentralen Aussagen als sehr wichtig. Vielleicht ist er sogar aktueller denn je. In manchen Teilen wurde der Text unverĂ€ndert ĂŒbernommen und an anderen Stellen wurden Inhalte und Formulierungen von uns abgeĂ€ndert, um unsere persönliche Meinung zu diesem Thema besser wiederspiegeln zu können.

***TRIGGERWARNUNG – sexualisierte Gewalt***

Uns wird erzĂ€hlt, dass der Knast absolut notwendig wĂ€re um Leute, welche die Gesetze der Gesellschaft ĂŒbertreten zu bestrafen. Nun, das setzt voraus, dass wir als Gesellschaft Vereinbarungen darĂŒber getroffen haben, was als bestrafenswert gilt und dass wir diese Vereinbarungen alle teilen. Doch ist dies wirklich der Fall? Vertreten die Regierungen wirklich den Willen der Regierten? Stimmt der*die Arme den Reichen zu, die durch seine *ihre Arbeit profitieren? WĂŒrde der*die Dieb*in weiter stehlen, wenn er*sie in eine Familie mit viel Geld reingeboren worden wĂ€re? Wenn Migrant*innen in andere LĂ€nder fliehen, haben sie mit Freude und ohne jeden Zwang entschieden, Gesetze zu brechen um zu ĂŒberleben, nur um am Ende dafĂŒr eingesperrt zu werden?

Eigentlich können wir uns nur aussuchen, wie wir zu Gesetzen stehen, sie beschlossen haben nicht wir, sondern die Regierungen, auf die die Stimme der UnterdrĂŒckten noch nie einen wirklich signifikanten Einfluss hatte. Bevor wir uns fragen, ob es richtig oder falsch ist diejenigen, welche die „Regeln“ ĂŒbertreten haben, zu bestrafen, sollten wir uns erst einmal fragen, wer denn und auf welchem Weg die Regeln dieser Gesellschaft bestimmt. Sie Sagen, der Knast wĂŒrde uns vor Gewalt schĂŒtzen – ist dies wirklich der Fall? Wieso sind einige der schlimmsten Gewalttaten wie Krieg oder von Menschen gemachter Hunger perfekt legal? Wieso landet jemand im Knast, der*die im Streit zuschlĂ€gt, aber wenn jemand eine gesamte Bevölkerung bombardiert wird diese Person als Held*in gefeiert? Der Knast bestraft hauptsĂ€chlich diejenigen, welche die Reichen oder den Staat belĂ€stigen. Wie viele Bullen brechen tĂ€glich ihre eigenen Gesetze? Wie viele Unternehmen betrĂŒgen uns? Wie viele Politiker*innen sind maßlos Korrupt? Sind unsere KnĂ€ste etwa voll von diesen Menschen? Nein, denn die strukturelle Gewalt der MĂ€chtigen wird stĂ€ndig vor dem Knast geschĂŒtzt. Gelegentlich werden dann besonders abscheuliche Straftaten wie sexueller Missbrauch vorgebracht um den Knast zu rechtfertigen. Doch wenn unsere Justiz diese Art von Straftaten angeblich so sehr verurteilt, warum sitzen dann GeldfĂ€lscher*innen oder Dealer*innen lĂ€nger im Knast als Vergewaltiger*innen? Warum wird dann den meisten Betroffenen nicht geglaubt? Warum wird nichts gegen das Patriarchat unternommen, dass diese Gewalt erst ermöglicht? Ist das etwa die Gerechtigkeit von der sie reden? Letzten Endes beschĂŒtzt das Gesetz vor allem das private Eigentum und nicht das Wohl der Menschen.

Sie sagen uns, dass das Gesetz fĂŒr alle gleich ist. Im Knast sitzen jedoch fast nur Menschen, die eine niedrige Schulbildung besitzen. Illegalisierte, Migrant*innen oder Kinder von Arbeiter*innen, welche zumeist wegen „Verbrechen“ an EigentumsverhĂ€ltnissen sitzen, wegen Aktionen, die in unserer Gesellschaft tief verwurzelt sind. Es ist die Notwendigkeit, die sie von morgens bis abends bewegt: Geld finden zu mĂŒssen. Hinzu kommt, dass viele von ihnen schon lĂ€ngst draußen wĂ€ren, wenn sie das Geld fĂŒr eine*n anstĂ€ndige*n AnwĂ€lt*in hĂ€tten.

Sie sagen uns, Knast hilft dabei uns zu rehabilitieren. Aber die Mehrheit der Gefangenen sind WiederholungstĂ€ter*innen, weil sie, wenn sie wieder draußen sind, die gleichen oder sogar schlechtere Bedingungen vorfinden als vor ihrer Einknastung. Wenn es einen Weg gibt, wie man einen Menschen dabei behindern will, ĂŒber die eigenen Taten zu reflektieren, dann ist es genau dieser: Sie durch BuchfĂŒhrung dem Wert eines wilden Tieres gleichzustellen: x Verbrechen bedeutet x Jahre Knast. Wieso gilt jemand als rehabilitiert der*die Jahrelang von seinen*ihren Freund*innen getrennt wird und dazu verurteilt ist, Zeit verstreichen zu lassen, bis die Langeweile sie*ihn wahnsinnig macht. Hilft es einem Menschen wirklich, aus den eigenen Fehlern zu lernen, wenn die Gesellschaft eine*n ausgrenzt und fĂŒr immer und ewig als „kriminell“ abstempelt? Ist unsere Gesellschaft wirklich so tugendhaft und willkommenheißend, dass sie Menschen vorschreiben kann, Buße zu tun und sich dann in sie zu reintegrieren?

Sie sagen uns: Selbst wenn sie Leute nicht rehabilitieren können, wenigstens erschrecken sie sie. Und wieso werden die Gefangenen dann immer mehr? Wieso erweitert sich die Tendenz, mehr und mehr Verhalten zu kriminalisieren? Es handelt sich deutlich um ein großes Soziales Programm: Die Armen und Ausgestoßenen dieser Welt von den Straßen zu schaffen, um gleichzeitig ins Big Business des Einsperrens zu investieren (wie viele Firmen gibt es, die aus BauauftrĂ€gen, Instandhaltungen, Lieferungen, Telefondiensten und Gefangenenarbeit Profite schlagen?). In den USA, Spitzenreiter*in der Strafgesellschaft, gibt es mehr Gefangene als Bauern*BĂ€uerinnen, obwohl die Verbrechen weniger werden. Ist das der Weg, den wir gehen wollen?

-Wir sind gegen den Knast, weil er geschaffen und entwickelt wurde, um die Privilegien der Reichen und die Macht des Staates zu schĂŒtzen.

-Wir sind gegen den Knast, weil eine Gesellschaft ihn nicht mehr braucht, wenn sie nicht auf Geld und Profiten sondern auf Freiheit und SolidaritÀt basiert.

-Wir sind gegen den Knast, weil wir nach einer Welt streben, wo die Regeln wirklich gemeinsam entschieden werden.

-Wir sind gegen den Knast, weil die grĂ¶ĂŸten Verbrecher*innen diejenigen sind, die die SchlĂŒssel besitzen.

-Wir sind gegen den Knast, weil nichts Gutes auf Unterwerfung und Zwang wachsen kann.

-Wir sind gegen den Knast, weil wir diese Gesellschaft radikal verĂ€ndern wollen (und deswegen ihre Gesetze ĂŒbertreten), weil wir uns nicht friedlich in ihre StĂ€dte, ihre BĂŒros und Fabriken, ihre Kasernen und ihre Einkaufszentren integrieren wollen.

-Wir sind gegen den Knast, weil der LĂ€rm der SchlĂŒssel im Zellenschloss eine tĂ€gliche Folter ist, Isolation eine Abscheu, das Ende der Sprechstunde eine Qual, die eingesperrte Zeit eine Sanduhr, welche langsam tötet.

-Wir sind gegen den Knast, weil die Schließer*innen immer bereit sind zu jeglicher Gewalttat und jedem Missbrauch und gewöhnt an blindes Gehorsam und Denunziation.

-Wir sind gegen den Knast, weil er uns entweder zu viele Tage, Monate und Jahre, oder zu viele Freund*innen, Unbekannte und GefÀhrt*innen weggenommen hat.

-Wir sind gegen den Knast, weil die Menschen, die wir darin getroffen haben weder besser noch schlechter sind, als diejenigen, welche wir hier draußen antreffen.

-Wir sind gegen den Knast, weil die Notiz eines Ausbruchs unsere Herzen aufwĂ€rmt, mehr als der erste Tag des FrĂŒhlings.

-Wir sind gegen den Knast, weil man den Sinn der Gerechtigkeit niemals innerhalb irgendwelcher GesetzbĂŒcher finden wird.

-Wir sind gegen den Knast, weil eine Gesellschaft, die es nötig hat Menschen einzusperren und zu entmĂŒndigen, selbst ein Knast ist.

 




Quelle: Aghl.noblogs.org