August 2, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Salzkruste in Wueste Rub al Chali Oman Copyright xMEVx ALLMVMEV121036

Der folgende Text soll hier als eine indirekte Antwort auf den Artikel „Forschung: Droht der Zivilisationskollaps im Jahr 2040“ eingereicht werden. Auch wenn am Ende jenes Artikels eine gewisse Distanz zur wissenschaftlichen Forschung in der Tradition des Club of Rome eingenommen wird, denke ich, dass es Ă€ußerst kontraproduktiv ist, sich die Forschung einer grĂŒnen Kapitalfraktion zum Ausgangspunkt eigener Analysen zu wĂ€hlen. Der Club of Rome hat in der Vergangenheit vielfach Überlegungen angestellt, wie sich die von ihnen erzĂ€hlte Fassung des Weltkollapses innerhalb der verschiedenen Phasen einer heute beinahe zahnlos gewordenen Umweltbewegung platzieren lĂ€sst. TatsĂ€chlich lĂ€sst sich beobachten, dass zentrale Forderungen der heutigen Klimabewegung sich weitestgehend mit den Perspektiven des Club of Rome decken. Dabei ist spannend dass es hier gelungen scheint, eine Perspektive, die die ökologische Zerstörung in einen Zusammenhang mit der globalen Vernetzung bringt (ohne das ganze als kolonialistisch beim Namen zu nennen, ĂŒbrigens), aufs Engste mit dem Fortbestand dieses kapitalistisch-kolonialen Systems zu denken. Das Narrativ der KlimaerwĂ€rmung, das abertausende und -millionen PhĂ€nomene ökologischer Zerstörung und deren soziale HintergrĂŒnde auf einen einzigen Nenner bringt, dabei abstrahiert (Was brauchen etwa Menschen, die mit offenen Augen in den Abgrund eines Tagebaus blicken ĂŒber CO2 zu wissen, um sich das Ausmaß der Zerstörung zu vergegenwĂ€rtigen?) und scheinbar gegeneinander aufrechenbar macht (wenn hier ein Wald gerodet wird, könne das durch die Pflanzung eines neuen Waldes, bzw. einer Holzplantage dort ausgeglichen werden), scheint mir dafĂŒr entscheidend zu sein. Genau jenes Narrativ zu ĂŒbernehmen scheint mir folglich zumindest eine ambivalente Angelegenheit zu sein. Geschrieben als eine Intervention in die Fridays for Future Proteste im Sommer 2019 ist der nachfolgende Artikel vielleicht auch in einem Kontext von Interesse, in dem reformistische Positionen einem erwarteten Zusammenbruchsszenario gewichen sind, wie es mir in dem entsprechenden Artikel hier zu sein scheint. Denn auch hier könnte es lohnenswert ausgehend von einer Betrachtung der Genese der eigenen Analysen, diese zu ĂŒberdenken und vielleicht auch ĂŒber Bord zu werfen, bzw. sich zumindest vor Augen zu halten, mit welchen Zielen diese Analyseinstrumente einst entwickelt wurden.


Es ist einige Wochen her, dass die seit Monaten demonstrierenden Aktivist*innen der Bewegung Fridays for Future in MĂŒnchen mit einem Forderungskatalog an die Stadt MĂŒnchen herangetreten sind. „Diese Forderungen richten sich an den Stadtrat der Landeshauptstadt MĂŒnchen, den derzeitigen BĂŒrgermeister sowie alle auf ihn folgenden BĂŒrgermeister*innen“, schreiben die Verfasser*innen und fallen damit gleich zu Beginn symbolisch auf die Knie, um die Pose der*des ewigen Bittsteller*in gegenĂŒber Staat und Politik zu mimen.

Verwunderlich? Kaum. Auch wenn mensch von denjenigen, die seit mehr als einem halben Jahr wöchentlich auf die Straßen gehen, um ihre Anliegen einem „Vater Staat“ vorzutragen und dabei von selbigem und seinen Vertreter*innen von Anfang an belĂ€chelt, verspottet und sogar beleidigt wurden, eigentlich erwarten wĂŒrde, dass sie ein wenig mehr Einsicht in die RealitĂ€ten des Demokratiebetriebs hĂ€tten. Doch die LĂŒgen von Teilhabe und Mitbestimmung haben sich tief in die Köpfe der Beherrschten eingebrannt, das beweist nicht nur dieser Fall, und so bedarf es wohl schon etwas mehr als der wöchentlichen EnttĂ€uschungen eines unwirksamen Schulstreiks, um das eigene Denken von diesem Irrglauben zu befreien.

Doch im Fall von Fridays for Future steht dieser Befreiung noch etwas ganz anderes im Wege: Die uneingeschrĂ€nkte GlĂ€ubigkeit an die AutoritĂ€t „der Wissenschaft“ und die daraus resultierenden Implikationen, die jeglichen Ausweg aus einer (angeblich zukĂŒnftigen) Klimakatastrophe innerhalb der autoritĂ€ren GesetzmĂ€ĂŸigkeiten des kapitalistischen Herrschaftssystems verorten. Indem das apokalyptische Ende der Welt nicht nur fĂŒr die Zukunft prophezeit wird, sondern die Dimensionen der UrsĂ€chlichkeit zugleich auf ein fĂŒr das Individuum unĂŒberschaubares Level gehoben und potenzielle Lösungsmöglichkeiten daher naturgemĂ€ĂŸ nur in zentralistischen AnsĂ€tzen – geplant und gesteuert von Expert*innen und anderen machtvollen Akteur*innen – gesehen werden können, wird das Individuum schon konzeptuell jeglicher subversiver Handlungsmöglichkeiten beraubt. Stattdessen scheint mensch angesichts dieses Szenarios geradezu gezwungen zu sein, staatlichen AutoritĂ€ten zu vertrauen, damit diese in internationaler Zusammenarbeit eine Lösung zur Verhinderung dieser Apokalypse entwickeln.

Dabei geht es den staatlichen AutoritĂ€ten, an die mensch sich dabei zu wenden gedenkt, mitnichten um eine Verhinderung dieser Apokalypse. Vermutlich sind sie dafĂŒr auch im Gegensatz zu denjenigen, die glauben es wĂ€re – angenommen die wissenschaftlichen Prognosen erweisen sich als zutreffend – ĂŒberhaupt möglich, einen systemimmanenten Stopp der globalen ErwĂ€rmung und allgemeiner der Zerstörung der Umwelt herbeizufĂŒhren, zu große Realist*innen. Seit Jahrzehnten geht es Staaten des globalen Nordens ausschließlich darum, ihre eigene Hegemonie auch im Falle der prophezeiten Folgen einer voranschreitenden Klimakatastrophe zu bewahren. Seit dem Ende des Kalten Krieges erregten Fragen nach verheerenden klimatischen VerĂ€nderungen und anderen Umweltkatastrophen die Aufmerksamkeit der MilitĂ€rstrateg*innen. Wenn ganze Landstriche im Meer versinken, Regionen von der GrĂ¶ĂŸe eines Kontinents zu WĂŒsten werden, das Wasser knapp wird und in der Folge all dieser Entwicklungen hunderte Millionen Menschen, vielleicht sogar Milliarden, in die noch bewohnbaren Regionen der Welt fliehen mĂŒssen, machen sich die Chauvinist*innen dieser HemisphĂ€re – wen wundert’s? – vor allem Gedanken um die eigene Nahrungsmittelversorgung, den eigenen Wohlstand und in der Folge die Sicherheit der Grenzen, denn der Platz im „Paradies“ gilt bekanntlich als beschrĂ€nkt. Kanadas Marine etwa bereitet sich darauf vor in Zukunft auch den Schifsverkehr in den arktischen Gebieten besser kontrollieren zu können, das Pentagon veröffentlichte mehrere Papiere zum Einfluss der „KlimaerwĂ€rmung“ – die es dem US-PrĂ€sidenten zufolge ironischerweise ja gar nicht gibt – auf die Nationale Sicherheit und in der EU ist mensch lĂ€nsgt zwei Schritte weiter: Mensch schottet sich flĂŒchtenden Menschen gegenĂŒber ab, lĂ€sst diese im Mittelmeer ertrinken, von angrenzenden LĂ€ndern versklaven, foltern oder ermorden oder deportiert diese, wenn es ihnen trotz allem gelingt, eine der Grenzen zu passieren. Viele der schon heute flĂŒchtenden Menschen sind bereits auf der Flucht vor extremen klimatischen Bedingungen oder direkt oder indirekt daraus entstandenen militĂ€rischen Konflikten. Apokalypse in 10 Jahren? Wir sind doch bereits mitten drin!

Und was sagt „die Wissenschaft“ dazu? Die verbleibt wie es zu erwarten stand innerhalb der autoritĂ€ren Ideologie des momentanen Herrschaftssystems. Aller Differenzen zum Trotz ist man sich vor allem in einem Punkt einig: Es ist an den Staaten zu handeln und ganz im Stile einer alten Idee der Apokalypse-Lobbyisten des Club of Rome, die schon in den frĂŒhen 1970ern im Auftrag der Volkswagen Stiftung Werbung fĂŒr einen gepflegten Weltuntergang im Jahre 2072 machten, beschrĂ€nkt sich der globale wissenschaftliche Ideenreichtum im Wesentlichen auf einen Abverkauf des Rechts auf Umweltzerstörung, mal mit, mal ohne Mengenrabatt. Aber was hĂ€tten wir auch anderes von denjenigen erwartet, die vor allem von Staaten und Firmen ihren Lebensunterhalt finanziert bekommen? NatĂŒrlich bringen sie die Interessen der Nationalstaaten mit denen der Konzerne in Einklang und suchen nach Wegen wie die einen weiter profitieren und die anderen dabei nicht um AufstĂ€nde bangen mĂŒssen. Vielleicht sehen auch sie sich nun im Angesicht der von ihnen prophezeiten Apokalypse von ihren Auftraggeber*innen geprellt, doch zumindest vorerst Ă€ndert das wenig an ihren – so scheint es – allgemein geschĂ€tzten Empfehlungen: Etwas Konsumkritik hier, die Ablöse eines Kraftwerks durch ein anderes dort, ein paar Energiespar-Tipps gibt es gratis oben drauf. Ach ja: Und die Autos – die sollen zumindest raus aus der Innenstadt. Ob da die Volkswagenstiftung nĂ€chstes Jahr nochmal Geld locker macht?

Bei Fridays for Future jedenfalls scheint mensch als Wissenschaftler*in dafĂŒr einen guten Ruf zu geniesen. Die Forderungen der Möchtegern-Rebell*innen an ihre persönlichen AutoritĂ€ten tragen allesamt das PrĂ€dikat „wissenschaftlich geprĂŒft“. Wobei mensch sich da schon fragt, wer denn auf die wissenschaftlich brilliante Idee gekommen ist, das Oktoberfest zu einem zertifizierten Bio-Volksfest, einem dritten Tolwood mit beinahe ebenso urigem Modebewusstsein zu machen, anstatt das ganze Spektakel gleich abzusagen.

So wird die UnterwĂŒrfigkeit der Fridays for Future Aktivist*innen auch kaum besser symbolisiert als auf ihren wöchentlichen Happenings, wenn sie zu rund einem Dutzend das als Lautsprecherwagen dienende, ausrangierte Feuerwehrfahrzeug wie antike Sklav*innen an einem Seil hinter sich herziehen. Klimabilanz 1 : 0 Aktivist*innen.

Dabei mĂŒsste es doch gar nicht so enden. Wen kĂŒmmert im Angesicht der Apokalypse schon der eigene ökologische Fußabdruck? Und ist ein brennendes Auto nun ein Sakrileg oder doch eher ein Schritt auf dem Weg zu einer besseren Welt? In Köln hat mensch das offenbar im Mathe-Unterricht ausgerechnet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass vier brennende Porsche sich dann doch eher positiv auf die Klimabilanz auswirken.

kopiert aus ZĂŒndlumpen Nr. 025

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Quelle: Schwarzerpfeil.de