November 18, 2020
Von Indymedia
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Die ersten Gedanken zu diesem Text sind jetzt ein Jahr alt. Denn vor ziemlich genau einem Jahr saß ich bereits mehrere Abende da und wollte aufschreiben, was ich an sexistischem, ĂŒbergriffigem, gewaltvollem und frauenverachtendem Verhalten in der Leipziger Graffitiszene mitbekommen habe.

Dass ich dann doch nicht schrieb, hatte vielerlei GrĂŒnde und es ist mir erst jetzt gelungen, mich ĂŒber sie hinwegzusetzen. Zum einen ist da der Gedanke, dass ich vielleicht, als relativ schlechte Malerin, gar nicht das Recht hĂ€tte, ĂŒber die Szene zu schreiben. Außerdem die Scham, dass ich ĂŒberhaupt einmal und dann auch recht lange, mit solchen Typen rumhing und auch die Scham ĂŒber meine grenzenlose NaivitĂ€t, in welcher ich annahm, dass ich irgendwas an den Einstellungen genau jener Leute hĂ€tte verĂ€ndern können; dass diese Leute mich so schĂ€tzen wĂŒrden, dass sie vielleicht auch mir zuliebe irgendwas an ihrem Verhalten Ă€ndern wĂŒrden (aber da war ich mir meiner Stellung als Frau einfach noch nicht genug bewusst).

Außerdem ist klar, dass es nicht sowas wie „Die Graffitiszene“ gibt. Es gibt dort unterschiedliche Strukturen und Personen und die althergebrachten ZusammenhĂ€nge sind im Wandel begriffen. Mehr FLINT* kommen dazu, Stile differenzieren sich aus und die Subkultur als solche (wenn davon ĂŒberhaupt in einem annĂ€hernd homogenen Sinne die Rede sein kann) verĂ€ndert sich. Dementsprechend gibt es viele Personen in der Szene, die sich ganz anders verhalten, als diejenigen die ich anprangere, was sich auch daran zeigt, dass beispielsweise die Radicals (die Crew, um die es hier vorrangig geht) gefĂŒhlt immer mehr an Relevanz verlieren.

Nichtsdestotrotz: Die nĂ€chste Generation kleiner Graffitimacker steht schon in den Startlöchern. Das zeigte sich beispielsweise auch anhand der BefĂŒrchtungen der Veranstalterin einer FLINT*-Graffiti-Jam dieses Jahr, dass es vielleicht unangenehme ZwischenfĂ€lle geben könnte. Sie wurde zuvor entsprechend blöd angemacht und Drohungen, die in diese Richtung gingen, angedeutet. Und auch von anderen ZwischenfĂ€llen und Situationen, die mit sexistischem Verhalten und Gewalt gegenĂŒber Frauen zu tun hatten, wurde mir berichtet.

<strong>Sexismus und Gewalt gegen Frauen bei den Radicals</strong>

Aber zurĂŒck zum Ausgangspunkt. Auslöser fĂŒr diesen Text war eine Bahnfahrt, bei der ich mit mehreren Mitgliedern der Leipziger Graffiti-Crew Radicals (RCS) unterwegs zu einer Party war. Ich selbst war nie Teil der Radicals, habe auch nie mit ihnen gemalt – aber ich war wohl kurze Zeit Teil eines Freundeskreises innerhalb der RCS.

Mir fielen an diesem Abend bei einer Bekannten, welche die Freundin eines dieser besagten Crew-Mitglieder war, sichtbare Spuren von Gewalteinwirkung auf und auch der Versuch, diese ein wenig zu verstecken. Im Nachhinein wurde mein Verdacht, dass ihr damaliger Freund ihr dies zugefĂŒgt hatte, bestĂ€tigt. Ich will nicht genauer darauf eingehen, da ich nicht weiß, wie die Betroffene damit umgehen will. Dennoch war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Seit der Zeit, die ich mit diesen Leuten verbrachte, war ich immer wieder Zeugin von ĂŒbergriffigem Verhalten mir gegenĂŒber oder erfuhr aus zweiter Hand von solchen Geschichten gegenĂŒber anderen.

Da war zum Beispiel der Typ, der mir und einem Freund bereits einige Jahre zuvor, unter TrĂ€nen gestand, dass er Angst vor sich selbst habe, wenn er Alkohol konsumiere, weil er sich nicht mehr im Griff habe und gegenĂŒber Frauen fĂŒr nichts garantieren könne. Mit diesem Typen hatte ich ca. zwei Monate vor der besagten Bahnfahrt ein GesprĂ€ch, was zum endgĂŒltigen Bruch fĂŒhrte. Es ging um eine Geschichte bei der Fusion 2019, die wir gemeinsam besuchten. Eine Freundin hatte zu viel konsumiert und es ging ihr dermaßen schlecht, dass er gebeten wurde, mit ihr zur Toilette zu gehen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er sie hinter ein Auto zog und versuchte sie zu kĂŒssen und an ihr herumzufummeln.

Ich erzĂ€hlte im Anschluss mehreren Leuten von diesem Vorfall und bat ihn auch zu einem GesprĂ€ch, allerdings ohne mitzuteilen worum es ging – dafĂŒr hatte er keine Zeit. Irgendwann rief er mich wĂŒtend an und meinte wir mĂŒssten reden. Also trafen wir uns bei mir in der Wohnung, wo er eine Show abzog, was fĂŒr eine hinterhĂ€ltige Kuh ich doch sei. Als ich den Vorfall ansprach, dementierte er das Geschehene. Daraufhin fragte ich ihn, was denn aber mit der Geschichte mir gegenĂŒber sei – ich kam in einer Nacht zu unserem Zeltlager zurĂŒck, kurze Zeit spĂ€ter erschien er, zog sich komplett nackt aus und fing an, sich solange selbst anzufassen, bis er mit erigiertem Penis und forderndem Blick vor mir saß. Er konnte sich an diese Situation zunĂ€chst nicht erinnern, doch sogar als es ihm langsam dĂ€mmerte, war er nicht bereit, Konsequenzen zu ziehen. Ich forderte ihn auf, eine Therapie zu machen – keine Zeit – dann dĂŒrfe er zumindest keinen Alkohol trinken, bis er Zeit habe – nee, das passe ihm gerade nicht so. Er endete mit den Worten, dass er solche Freunde wie mich nicht brauche; auf den Gedanken, dass ich eventuell nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle, schien er gar nicht zu kommen. Ich forderte ihn auf, meine Wohnung zu verlassen und wurde daraufhin von einem anderen Typen aus der Crew, der mein Verhalten als verrĂ€terisch und unsolidarisch beurteilte, gemieden und schlecht gemacht.

Eben jener Typ, der so empört ĂŒber mein „illoyales“ Verhalten gegenĂŒber besagtem Crewmitglied war, wollte einige Wochen zuvor betrunken mit mir ein „Spaßsparring“ machen, was ich (fair enough – ebenfalls betrunken) mehrmals entschieden ablehnte. Schließlich kassierte ich einen „Spaßlowkick“, wobei ich meine Hand reflexhaft schĂŒtzend vor meinen Oberschenkel hielt. Er brach mir dabei zwei Knochen meiner linken Hand.

Ein anderer Typ, der frĂŒher Teil der Crew war, hat es tatsĂ€chlich geschafft, aus der Crew ausgeschlossen zu werden. Dieser Typ hat seine Ex-Freundin solange gestalkt, ist ihr gegenĂŒber gewalttĂ€tig geworden etc., bis sie eine einstweilige VerfĂŒgung gegen ihn erreichte. Allerdings flog er nicht deshalb aus der Crew, sondern weil er ein anderes Crewmitglied angelogen hatte und damit Geld und mediale Aufmerksamkeit einheimsen wollte. Die Ironie dessen, was als tolerierbar gilt und was nicht, ist schon fast schmerzhaft.

Es gab noch andere VorfĂ€lle, wobei die unzĂ€hligen dummen SprĂŒche nicht mal mehr der Rede wert scheinen – wichtig dabei ist, dass all diese Situationen und Ereignisse, den Mitgliedern intern bekannt gewesen sind. Und dass es ihnen egal war. Statt zu thematisieren und problematisieren, wurde einfach darĂŒber hinweggegangen – und dieses Todschweigen als Zeichen von LoyalitĂ€t und BrĂŒderlichkeit ausgelegt. Im Gegenteil wurde jeder Angriff, gar jedes Ansprechen dieser Probleme mit einem Augenrollen quittiert.

<strong>Alles fĂŒr die Crew</strong>

Die Crew als RĂŒcken schĂŒtzt auch die grĂ¶ĂŸten Arschlöcher und deren Egos. Das ist ein strukturelles Problem einer Gruppendynamik, die auffangen und Halt bieten soll, gleichzeitig aber neue Feindbilder schafft und – wenn Menschen einen falschen LoyalitĂ€tsbegriff haben – dazu fĂŒhrt, dass Scheiße nicht als solche benannt wird, außer sie fĂŒhrt zu einem internen Interessenkonflikt.

Dieses Prinzip ist grundlegend fĂŒr alle möglichen Gruppen und macht auch einen Teil ihres Reizes aus. Gerade auch Teile der Graffitiszene, stellen ein Auffangbecken fĂŒr Menschen dar, die vermeintlich nicht so in die heile bildungsbĂŒrgerliche Welt passen, sondern sich vielleicht eher mit einer harten und roughen RealitĂ€t konfrontiert sehen. Was sonst soll das ewige Mantra von Straße und Realness und so weiter. Was einen ausstĂ¶ĂŸt, wird zur Tugend stilisiert. Sicherlich war das auch einer der GrĂŒnde, warum ich irgendwie gerne mit diesen Leuten herumhing: Genauso verkorkste und prekĂ€re ElternhĂ€user wie meins, alle mehr oder weniger lost und kaputt. Das verbindet. Also zumindest, wenn man mĂ€nnlich ist und „wirklich“ (also aktiv und !leistend!) zur Crew dazugehört. FĂŒr die Wahlfamilie gilt eben doch zu allererst: Broes before Hoes. Denn leider gehört genau zu diesen Biografien oft auch die Sozialisation mit klassischen Rollenbildern, leicht rechten Tendenzen und so weiter.

Und diese Prinzipien verstĂ€rken sich in der Gruppendynamik noch. Insbesondere, wenn die Gruppen auf IllegalitĂ€t, Konkurrenz und „Krassheit“ ausgelegt sind. Denn natĂŒrlich kommt der Frauenhass nicht aus der Graffiti-Szene, dennoch sind hier traditionell Prinzipien und Kodizes am Start, die sich klar an der patriarchalen Rollenverteilung orientieren. Das Credo lautet: immer aktiv und mutig, immer der Krasseste zu sein, keine SchwĂ€che zu zeigen, sein Revier zu verteidigen und auszuweiten und natĂŒrlich: alles fĂŒr die Familie, in dem Fall die Crew. Dazu kommen noch die ganzen ungeschriebenen Gesetze, die es verbieten zu crossen, außer man will Kannen abdrĂŒcken oder im schlimmsten Fall kassieren und auch die Crewfehden, welche Feindes Freund zu Feind werden lassen usw.. Es wird ein pseudo Clan-Klima geschaffen, in dem man sich endlich als starker Mann beweisen kann.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass es so gut wie keine Frauen in Teilen der Szene gibt. Nicht weil sie nicht aktiv oder krass wĂ€ren, sondern weil ihnen diese Eigenschaften abgesprochen und sie, wenn sie sich dagegen wehren, lĂ€cherlich gemacht, als nervig abgestempelt oder auf ihren eigentlichen Platz zurĂŒckverwiesen werden. Und wenn es doch eine Frau in die heiligen Reihen schafft, dann weil sie „WIRKLICH“ krass ist. Und das ist sie sicher, denn sich dort zu behaupten und sich diesem Druck auszusetzen bedeutet schon einiges.

<strong>Geht es auch anders?</strong>

Und natĂŒrlich geht es auch nicht ohne Mut und all das, wenn Graffiti nicht zu einer netten Vereins-und Auftragsmalereigeschichte verniedlicht werden soll. Graffiti ist krass, weil es illegal ist und es ist in jedem Fall kompetitiv. Es geht darum, den eigenen Namen im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Sich den öffentlichen Raum anzueignen. Als erste Person den besten Spot zu malen. Und der lĂ€sst sich nicht mit einem FLINT*-only-Schild reservieren. Keine Safe Spaces auf der Straße. Aber was geht, ist zumindest der Appell an die Typen, das, was sie machen zu reflektieren und vor allem, in welchen Strukturen sie unterwegs sind und was diese Strukturen mit ihnen machen. Und die Scheiße, die passiert, anzuprangern. Sich nicht bedingungslos zu schĂŒtzen, sondern Haltung zu zeigen und auf alle anderen in der Szene soziale Kontrolle auszuĂŒben. Vor allem wĂ€re es aber auch wichtig, dass Frauen und FLINT* nicht mehr nur Zuschauende sind oder Freundinnen von SprĂŒhern, sondern sich den öffentlichen Raum selbst aneignen. Dass sie selbst rausgehen und malen und darauf scheißen, ob sie von Anfang an mithalten können. Und je mehr FLINT* insgesamt in der Szene sind, umso schwieriger wird es, die patriarchalen Strukturen aufrechtzuerhalten, die dazu fĂŒhren, dass Personen ausgeschlossen bleiben und von Sexismus und Gewalt aus diesen Reihen betroffen sind.

Ich will mit dem Text in keinster Weise etwas gegen Graffiti an sich sagen. Denn ich glaube nicht, dass das Reizvolle am Graffiti nur mit einer anderen, problematischen Seite der Medaille daherkommen kann. DafĂŒr kenne ich zu viele Gegenbeispiele. Crews und Personen und auch GruppenzusammenhĂ€nge, die cool und reflektiert sind. MĂ€nnliche Personen, die sowieso schon immer zusammen mit Frauen rausgehen und wo das nicht mal thematisiert werden muss, Frauengruppen die krass unterwegs sind (auch wenn sie noch stark in der Minderheit sind) oder auch MĂ€nner, die sich bemĂŒhen, Frauen ZugĂ€nge zu erleichtern und selbst keinen Bock auf reine MĂ€nnerbĂŒnde haben, da sie wissen, was hĂ€ufig damit einhergeht. Und ĂŒberall dort ist klar, das Aufregende an der illegalen Aktion, das Krasse, die „Draufgeschissen“-AttitĂŒde usw. haben an sich erstmal nichts mit dĂ€mlichem, mackrigem Verhalten zu tun.

Selbst der Kampf um die besten Spots und sogenanntes Reviermarkieren, mĂŒssen nicht ĂŒber so eine feindschaftliche Bandenscheiße laufen.

Das Nice ist ja auch, mit anderen Crews unterwegs zu sein, zu grĂŒĂŸen und so weiter. Und das Adrenalin, der ewige Trotz gegen die OrdnungshĂŒtenden, die Polizei, die SaubermĂ€nner- und Frauen dieser Welt.

Zu wissen, die und die Person war dort – selbst an den entlegensten Ecken der Erde und sich darĂŒber zu freuen. Zu sehen, wie sich neue Stile entwickeln und auch hier der Kanon aufgebrochen wird. Eine Stadt ohne Graffiti wĂ€re einfach nur langweilig, gehorsam und gefĂ€llig.

<strong>Raus aus dem Privaten</strong>

Ich schrieb anfangs, warum es mir schwerfiel, diesen Text zu schreiben. Es gab noch viel mehr GrĂŒnde dafĂŒr und ich denke es ist wichtig sie zu artikulieren, da sich in ihnen ebenfalls strukturelle Probleme widerspiegeln. Neben der genannten Scham war ich mir nicht sicher, ob es so einen Text wirklich braucht, ob es ĂŒbertrieben wĂ€re – noch so ein „Sexismus in den und den Gefilden“- Text. Ich hatte selbst im letzten Jahr so viele davon gelesen, dass ich nicht wusste, ob ich noch einen davon ertragen kann.

Damit verbunden war sicher auch eine diffuse Angst davor, die Spielverderberin zu sein. Das passt nicht in diese Szene, so Theorie-und Reflektionsgehabe. Akademisierung und Dekonstruktion. Das ist nervig. Aber wie oft musste ich mich von dummen und sexistischen SprĂŒchen nerven lassen – und das nur zum Spaß der Typen. Dieser Text hier, auch wenn er nerven mag, macht keinen Spaß – er ist notwendig.

Denn natĂŒrlich braucht es genau das. Es kann nicht angehen, dass man, statt mit dem Finger auf MissstĂ€nde zu zeigen, diese schluckt und rechtfertigt, in der Hoffnung Anerkennung dafĂŒr zu ernten, besonders tough zu sein (denn die bekommt man als krasse Frau in MĂ€nnerdomĂ€nen). Fuck it. Die ganzen Texte, die im letzten Jahr veröffentlicht wurden, zeigen nur, dass durch Schweigen nichts besser wird und es muss darum gehen, alles frei zu legen und sichtbar zu machen. Selbst in so klandestinen Bereichen wie Graffiti. DarĂŒber spricht man eigentlich nicht, keine Namen keine Strukturen. Aber das ist Bullshit. Wir mĂŒssen aufhören, beim Privaten wegzuschauen und TĂ€ter zu schĂŒtzen. Bedingungslose Freundschaft und Crew-Zugehörigkeit darf es nicht geben, wenn das dazu fĂŒhrt, dass menschenverachtendes Verhalten einfach so hingenommen wird. Wir mĂŒssen viel mehr öffentlich skandalisieren, auch wenn das unangenehm ist.

So unangenehm wie mir dieser Text ist, weil einige Freunde von mir auch Teil der Radicals sind und mir diese schon vorher mitgeteilt haben, wie beschissen sie es finden, wenn ich das hier veröffentliche. Und es tut mir auch sehr leid, wenn diese nun auch unter den VorwĂŒrfen gegen die Crew leiden – aber das ist eben die andere Seite, wenn man sich entscheidet, die Crew ĂŒber Individuen zu stellen.

Und diese Struktur lĂ€sst sich ĂŒbertragen, sie ist in der gesamten Gesellschaft zu finden, auch im linken Spektrum, wie dieses Jahr bewiesen hat. Umso wichtiger ist es, genau hinzuschauen und die Dinge beim Namen zu nennen. Damit sich diese abgefuckte Scheiße endlich Ă€ndert.




Quelle: De.indymedia.org