Mai 17, 2022
Von InfoRiot
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Der Angeklagte sitzt im Verhandlungssaal an seinem Platz.

Der Angeklagte sitzt im Verhandlungssaal an seinem Platz.

Foto: dpa/Fabian Sommer

F√ľr Ober¬≠staats¬≠an¬≠walt Cyrill Kle¬≠ment besteht ¬Ľkein Zwei¬≠fel¬ę: Der Ange¬≠klag¬≠te Josef S., gebo¬≠ren am 16. Novem¬≠ber 1920 im litaui¬≠schen Mariam¬≠pol, habe von 1942 bis 1945 als Wach¬≠mann im KZ Sach¬≠sen¬≠hau¬≠sen sowie kurz im Au√üen¬≠la¬≠ger Hasel¬≠horst gedient und sich dabei der Bei¬≠hil¬≠fe zum Mord an min¬≠des¬≠tens 3522 H√§ft¬≠lin¬≠gen schul¬≠dig gemacht. Die Beweis¬≠auf¬≠nah¬≠me in dem seit ver¬≠gan¬≠ge¬≠nem Okto¬≠ber lau¬≠fen¬≠den Ver¬≠fah¬≠ren, die Rich¬≠ter Udo Lech¬≠ter¬≠mann am Diens¬≠tag¬≠mor¬≠gen geschlos¬≠sen hat, habe die Vor¬≠w√ľr¬≠fe ¬Ľvoll¬≠auf best√§¬≠tigt¬ę, f√ľhrt Ober¬≠staats¬≠an¬≠walt Kle¬≠ment in sei¬≠nem sich anschlie¬≠√üen¬≠den Pl√§¬≠doy¬≠er aus.

Der inzwi¬≠schen 101-j√§h¬≠ri¬≠ge Josef S. hat im Pro¬≠zess bestrit¬≠ten, √ľber¬≠haupt SS-Mann gewe¬≠sen zu sein. Statt¬≠des¬≠sen will er im frag¬≠li¬≠chen Zeit¬≠raum als Land¬≠ar¬≠bei¬≠ter bei Pase¬≠walk t√§tig gewe¬≠sen sein. Im Kon¬≠zen¬≠tra¬≠ti¬≠ons¬≠la¬≠ger h√§t¬≠te er, da er damals kein Wort Deutsch gespro¬≠chen habe, die Befeh¬≠le von Vor¬≠ge¬≠setz¬≠ten doch gar nicht ver¬≠ste¬≠hen k√∂n¬≠nen, brach¬≠te Josef S. vor.

Ober¬≠staats¬≠an¬≠walt Kle¬≠ment schil¬≠dert am Diens¬≠tag, war¬≠um dies nicht glaub¬≠haft sei. Einen SS-Sch√ľt¬≠zen Josef S., des¬≠sen F√ľh¬≠rung von der SS als gut bewer¬≠tet und der bis zum Rot¬≠ten¬≠f√ľh¬≠rer bef√∂r¬≠dert wur¬≠de, hat es im KZ Sachen¬≠hau¬≠sen nach¬≠weis¬≠lich gege¬≠ben ‚Äď gebo¬≠ren am 16. Novem¬≠ber 1920 in Mariam¬≠pol. Einen zwei¬≠ten SS-Sch√ľt¬≠zen Josef S. habe es im gesam¬≠ten KZ-Sys¬≠tem nicht gegeben.

Als die Sowjet¬≠uni¬≠on 1940 das sei¬≠ner¬≠zeit unab¬≠h√§n¬≠gi¬≠ge Litau¬≠en besetz¬≠te, leis¬≠te¬≠te Josef S. gera¬≠de sei¬≠nen Wehr¬≠dienst in den litaui¬≠schen Streit¬≠kr√§f¬≠ten und wur¬≠de in die Rote Armee √ľber¬≠nom¬≠men. Als Rot¬≠ar¬≠mist wur¬≠de er zum Ser¬≠gan¬≠ten bef√∂r¬≠dert. Doch Volks¬≠deut¬≠sche wie die Fami¬≠lie von Josef S. durf¬≠ten im Rah¬≠men des Hit¬≠ler-Sta¬≠lin-Pakts umsie¬≠deln und das hat die Fami¬≠lie getan.

Die deut¬≠sche Ein¬≠wan¬≠der¬≠er¬≠zen¬≠tral¬≠stel¬≠le stuf¬≠te Josef S. in einer in der Nazi¬≠zeit √ľbli¬≠chen ras¬≠si¬≠schen Beur¬≠tei¬≠lung mit der Zif¬≠fer ¬Ľr√∂misch Zwei¬ę ein, so Ober¬≠staats¬≠an¬≠walt Kle¬≠ment. Das sei f√ľr ihn der T√ľr¬≠√∂ff¬≠ner zur SS gewe¬≠sen. Doch die Eltern, die nach dem Angriff Hit¬≠ler¬≠deutsch¬≠lands auf die Sowjet¬≠uni¬≠on und der Erobe¬≠rung Litau¬≠ens durch die Wehr¬≠macht gern zur√ľck¬≠ge¬≠kehrt w√§ren, h√§t¬≠ten daf√ľr statt der Stu¬≠fe A die Stu¬≠fe O gebraucht. Das schei¬≠ter¬≠te an ihren man¬≠gel¬≠haf¬≠ten Deutsch¬≠kennt¬≠nis¬≠sen. Sich zur SS zu mel¬≠den, damit die Fami¬≠lie g√ľns¬≠ti¬≠ger beur¬≠teilt wird, k√∂nn¬≠te ein Motiv von Josef S. gewe¬≠sen sein, ver¬≠mu¬≠tet Kle¬≠ment. Im Schrift¬≠wech¬≠sel zur end¬≠li¬≠chen Ein¬≠b√ľr¬≠ge¬≠rung der Eltern im Jahr 1943 ist mehr¬≠fach ver¬≠merkt, dass der Sohn Josef bei der SS sei. Quel¬≠le die¬≠ser Anga¬≠ben waren sein Vater und sei¬≠ne Mutter.

Eine Sach¬≠ver¬≠st√§n¬≠di¬≠ge hat ein Jugend¬≠fo¬≠to des Ange¬≠klag¬≠ten mit einem in den Akten √ľber¬≠lie¬≠fer¬≠ten Bild ver¬≠gli¬≠chen und bei mehr als 100 Merk¬≠ma¬≠len eine √úber¬≠ein¬≠stim¬≠mung fest¬≠ge¬≠stellt. Nur extrem wenig spricht daf√ľr, dass die jeweils abge¬≠lich¬≠te¬≠ten Per¬≠so¬≠nen nicht iden¬≠tisch sind.

Ober¬≠staats¬≠an¬≠walt Kle¬≠ment betont, es habe Sprach¬≠un¬≠ter¬≠richt bereits im Umsied¬≠lungs¬≠la¬≠ger und dann auch in der 9. Wach¬≠kom¬≠pa¬≠nie von Sach¬≠sen¬≠hau¬≠sen gege¬≠ben, in der Josef S. dien¬≠te. ¬ĽDas ist Quatsch, dass Sie kein Deutsch konn¬≠ten¬ę, wen¬≠det sich Kle¬≠ment an den Ange¬≠klag¬≠ten. Josef S. habe bei sei¬≠nem Zwi¬≠schen¬≠spiel als sowje¬≠ti¬≠scher Sol¬≠dat in k√ľr¬≠zes¬≠ter Zeit Rus¬≠sisch gelernt, also habe er dann sp√§¬≠ter auch Deutsch gelernt und die Spra¬≠che im KZ Sach¬≠sen¬≠hau¬≠sen ver¬≠stan¬≠den. Am 18. Febru¬≠ar ist der in den Akten ver¬≠b√ľrg¬≠te Rot¬≠ten¬≠f√ľh¬≠rer Josef S. in eine Divi¬≠si¬≠on der Waf¬≠fen-SS ver¬≠setzt und an die Front geschickt wor¬≠den. Er geriet in Kriegs¬≠ge¬≠fan¬≠gen¬≠schaft, dann ver¬≠liert sich sei¬≠ne Spur.

¬ĽDas alles, Herr Ange¬≠klag¬≠ter, ist kei¬≠ne Theo¬≠rie¬ę, so Kle¬≠ment. Es pas¬≠se alles zu dem Ange¬≠klag¬≠ten Josef S., der 1985 in der DDR, als es um sei¬≠ne Ren¬≠te ging, ein For¬≠mu¬≠lar zu sei¬≠nem Wer¬≠de¬≠gang unter¬≠schieb. Dar¬≠in ist ange¬≠ge¬≠ben, er habe von 1940 bis 1945 Wehr- und Kriegs¬≠dienst geleis¬≠tet. Dass dies wegen immer noch schlech¬≠ter Deutsch¬≠kennt¬≠nis¬≠se jemand f√ľr ihn nie¬≠der¬≠schrieb und er nicht gewusst habe, was er da unter¬≠zeich¬≠ne¬≠te, h√§lt Ober¬≠staats¬≠an¬≠walt Kle¬≠ment f√ľr eine Aus¬≠re¬≠de. Alles ande¬≠re habe ja auch pr√§¬≠zi¬≠se gestimmt. Dage¬≠gen die Behaup¬≠tung, im Zwei¬≠ten Welt¬≠krieg Land¬≠ar¬≠bei¬≠ter bei Pase¬≠walk gewe¬≠sen zu sein ‚Äď das habe Josef S. dem Gericht ¬Ľinhalts¬≠leer¬ę geschil¬≠dert. Fest steht, dass sei¬≠ne Fami¬≠lie damals bei Pase¬≠walk leb¬≠te und von dort 1943 mel¬≠de¬≠te, der Sohn sei bei der SS. Im Ermitt¬≠lungs¬≠ver¬≠fah¬≠ren vor dem Gerichts¬≠pro¬≠zess hat¬≠te Josef S. noch ver¬≠langt, man sol¬≠le ihm ins Litaui¬≠sche √ľber¬≠set¬≠zen, da er nicht genug Deutsch k√∂n¬≠ne, erin¬≠nert Kle¬≠ment. Nun habe er aber dem Gerichts¬≠pro¬≠zess ohne √úber¬≠set¬≠zung sehr wohl fol¬≠gen k√∂n¬≠nen. Kle¬≠ment ver¬≠mu¬≠tet, der Ange¬≠klag¬≠te habe sich wie vie¬≠le ande¬≠re T√§ter nach dem Krieg sei¬≠ne Wahr¬≠heit so zurecht¬≠ge¬≠legt, dass er damit leben konnte.

Kon¬≠kret wirft Kle¬≠ment Josef S. unter ande¬≠rem Bei¬≠hil¬≠fe zum Mas¬≠sen¬≠mord an sowje¬≠ti¬≠schen Kriegs¬≠ge¬≠fan¬≠ge¬≠nen im Jahr 1942 vor. Mehr als 10‚ÄČ000 H√§ft¬≠lin¬≠ge wur¬≠den damals durch Genick¬≠sch√ľs¬≠se get√∂¬≠tet. ¬ĽWir k√∂n¬≠nen davon aus¬≠ge¬≠hen, dass die 9. Kom¬≠pa¬≠nie sehr nah dran war an den Erschie¬≠√üun¬≠gen¬ę, f√ľhrt Kle¬≠ment aus. Jedem Sol¬≠da¬≠ten ‚Äď und Josef S. war Sol¬≠dat ‚Äď m√ľs¬≠se klar gewe¬≠sen sein, dass die Ermord¬≠nung von Kriegs¬≠ge¬≠fan¬≠ge¬≠nen ein Ver¬≠bre¬≠chen sei. Die Genick¬≠sch√ľs¬≠se qua¬≠li¬≠fi¬≠zier¬≠te Kle¬≠ment als ¬Ľheim¬≠t√ľ¬≠cki¬≠schen Mord¬ę.

Ein Gest√§nd¬≠nis sei nicht erfor¬≠der¬≠lich, um den Ange¬≠klag¬≠ten zu √ľber¬≠f√ľh¬≠ren, ver¬≠si¬≠chert Kle¬≠ment. Ohne dass die¬≠ser sich zu den Taten √§u√üert, sei es aber schwie¬≠rig, mil¬≠dern¬≠de Umst√§n¬≠de gel¬≠tend zu machen. Sicher sei es viel ver¬≠langt von einem damals noch sehr jun¬≠gen Men¬≠schen, sich von der Ras¬≠seideo¬≠lo¬≠gie der Faschis¬≠ten abzu¬≠wen¬≠den und Befeh¬≠le zu ver¬≠wei¬≠gern. Aber er h√§t¬≠te sich ver¬≠set¬≠zen las¬≠sen k√∂n¬≠nen. Sol¬≠che F√§l¬≠le habe es gege¬≠ben. Nie¬≠mand sei gezwun¬≠gen gewe¬≠sen, als Wach¬≠mann im KZ zu die¬≠nen. Man konn¬≠te sich an die Front mel¬≠den. ¬ĽEs gibt kei¬≠nen doku¬≠men¬≠tier¬≠ten Ver¬≠such, da wegzukommen.¬ę

√úber die Gewalt¬≠af¬≠fi¬≠ni¬≠t√§t in der 9. Kom¬≠pa¬≠nie des Wach¬≠ba¬≠tail¬≠lons, √ľber die Genick¬≠sch√ľs¬≠se und die Ver¬≠ga¬≠sung von H√§ft¬≠lin¬≠gen m√ľs¬≠se der SS-Mann infor¬≠miert gewe¬≠sen sein, √ľber die lebens¬≠feind¬≠li¬≠chen Bedin¬≠gun¬≠gen im Lager sowie¬≠so, meint Kle¬≠ment. Von den Wach¬≠t√ľr¬≠men waren die Bara¬≠cken und auch die Genick¬≠schuss¬≠an¬≠la¬≠ge und die T√∂tungs¬≠sta¬≠ti¬≠on Z einzusehen.

F√ľr den Ange¬≠klag¬≠ten spricht aus Sicht von Kle¬≠ment, dass er sich trotz sei¬≠nes hohen Alters dem Ver¬≠fah¬≠ren stell¬≠te und auch nach einer Coro¬≠na-Erkran¬≠kung und einer Ope¬≠ra¬≠ti¬≠on am Fu√ü in die zum Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠saal umfunk¬≠tio¬≠nier¬≠te Turn¬≠hal¬≠le an der Max-Josef-Metz¬≠ger-Stra¬≠√üe in Brandenburg/Havel zur√ľck¬≠kehr¬≠te. F√ľr ihn spricht auch, dass er nach dem Krieg als unbe¬≠schol¬≠te¬≠ner Mann gelebt hat. Sein Straf¬≠re¬≠gis¬≠ter ent¬≠h√§lt bis¬≠her kei¬≠ner¬≠lei Eintragungen.

¬ĽSie l√ľgen nach mei¬≠nem Daf√ľr¬≠hal¬≠ten, was ihre Betei¬≠li¬≠gung am Gesche¬≠hen im KZ Sach¬≠sen¬≠hau¬≠sen betrifft¬ę, schlie√üt Kle¬≠ment und for¬≠dert f√ľnf Jah¬≠re Haft. Danach unter¬≠bricht Rich¬≠ter Udo Lech¬≠ter¬≠mann die Ver¬≠hand¬≠lung bis kom¬≠men¬≠den Mon¬≠tag. Dann wird mit den Pl√§¬≠doy¬≠ers der Anw√§l¬≠te der Neben¬≠kl√§¬≠ger fort¬≠ge¬≠setzt. Einer von ihnen, Tho¬≠mas Walt¬≠her, nennt das von der Staats¬≠an¬≠walt¬≠schaft genann¬≠te Straf¬≠ma√ü ¬Ľf√ľnf Jah¬≠re Frei¬≠heits¬≠stra¬≠fe durch¬≠aus ange¬≠mes¬≠sen¬ę. Ob das Urteil rechts¬≠kr√§f¬≠tig wird und noch voll¬≠streckt wer¬≠den kann, ist jedoch frag¬≠lich ‚Äď nie¬≠mand wei√ü, wie lan¬≠ge der Ange¬≠klag¬≠te noch lebt, sei eine ande¬≠re Sache. Kom¬≠men¬≠tar




Quelle: Inforiot.de