Oktober 1, 2020
Von Contraste
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Unsere Autorin lebt seit zehn Jahren im Wohnkollektiv SchrĂ€gwinkel in der NĂ€he von Bern. Sie treibt die Frage um, wie sie und ihre Mitbewohner*innen ihre politischen Inhalte in die Realpolitik der (bisher) bĂŒrgerlich dominierten Agglomerationsgemeinde Kehrsatz einbringen kann. Ihr Artikel erschien zuerst in der Zeitung des KommuJa-Netzwerkes.

Laura Rossi, Wohnkollektiv SchrÀgwinkel, Schweiz

Seit zehn Jahren beleben wir ein ehemaliges Bauernhaus sowie ehemalige GewerberĂ€umlichkeiten am Rande von Kehrsatz, einer Berner Agglomerationsgemeinde mit rund 4.000 Einwohner*innen. In diesen zehn Jahren waren wir sehr stark mit dem Umbau der GebĂ€ude sowie der Konsolidierung der Gruppe beschĂ€ftigt. Es ist zwar den meisten Leuten in der Gemeinde bekannt, dass ganz oben im Dorf in einem alten Bauernhaus eine große Wohngemeinschaft lebt, viele Spuren haben wir im Dorf aber noch nicht hinterlassen. Bisher verbindet uns auch nur wenig mit dem Dorf. Vier der sechs Kinder besuchen zwar die Schule im Dorf, die Eltern dieser Kinder engagieren sich auch in der Elternvertretung, dem Turnverein, Freund*innen der Kinder kommen zu Besuch, doch unsere Lebensweise, die gemeinsame Ökonomie, die geteilte Care-Arbeit, haben im Dorf, in dem wir leben, bisher nur wenig bis gar keine Außenwirkung entfaltet. Die Eltern der Freund*innen unserer Kinder beneiden uns zwar um unsere gut funktionierende Kinderbetreuung, die den Elternteilen viel Freiraum gibt, doch bisher hat unsere diesbezĂŒgliche Erfahrung im Dorf nicht weitere Personen motiviert, die Care-Arbeit neu zu organisieren.

In Kehrsatz leben mehrere Familien und Einzelpersonen, die ursprĂŒnglich aus Eritrea geflohen sind. An einem unserer Hausfeste haben wir zusammen mit eritreischen Frauen* gekocht und haben uns gegenseitig sehr ĂŒber dieses Zusammenwirken und den Austausch gefreut, doch auch diese Interaktion blieb punktuell.

Frauen*streik 2019

Vor rund einem Jahr, am 14. Juni 2019, fand in der Schweiz der zweite Frauen*streik statt, die grĂ¶ĂŸte politische Mobilisierung seit dem Landesstreik 19181. In allen Dörfern, StĂ€dten, Institutionen und Betrieben standen Frauen* auf und forderten: »Mehr Zeit, Lohn und Respekt!« So auch in unserem kleinen Dorf. Bereits Monate vor dem feministischen Streik trafen sich Frauen* aus unserem Wohnkollektiv mit Frauen* aus dem Dorf, es kamen Menschen zusammen, die sonst kaum zusammengefunden hĂ€tten: Hausfrauen*, kirchlich Engagierte, Frauen* aus dem Dorfverein, von den GrĂŒnen, aus der Elternvertretung, aus den Gewerkschaften, Schweizerinnen, EU-BĂŒrgerinnen und geflĂŒchtete Frauen*. Es wurde diskutiert, was an diesem 14. Juni in unserem Dorf geschehen soll. Als Mobilisierungsanlass veranstalteten wir einen Filmabend, an dem Filmmaterial vom Frauenstreik 1991 gezeigt und im Anschluss ĂŒber »Frauenanliegen« in unserem Dorf diskutiert wurde. Und es kamen ganz viele jĂŒngere und Ă€ltere Frauen*. Die Ă€lteren Semester teilten mit uns ihre Erfahrungen als VorkĂ€mpfer*innen fĂŒr familienergĂ€nzende Kinderbetreuung, Mittagstische und Blockzeiten. Sie forderten uns auf, uns in der Gemeindepolitik zu engagieren und nicht nur auf der Straße Forderungen zu stellen, denn in den Institutionen wĂŒrden die Entscheidungen in einer Gemeinde getroffen, da könne Engagement Wirkung entfalten. Diese Statements stimmten mich nachdenklich, und ich stellte mir ganz konkret die Frage: Wie kann ich mich in meiner unmittelbaren Umgebung, in unserem Dorf politisch sinnvoll einbringen?

Der 14. Juni 2019 wurde zu einem ĂŒberwĂ€ltigenden Anlass, schweizweit, aber auch in unserem Dorf. Im Nachgang zum feministischen Streik sind im Dorf neue Verbindungen entstanden. Seit dieser Mobilisierung gehe ich anders durchs Dorf, treffe hier und dort Mitstreiterinnen, nicke dort einer Ă€lteren Dame zu, die ich am Filmabend kennen gelernt habe, und weiß, dass es bereits vor uns in diesem Dorf Menschen gab, die die ersten Mittagstische fĂŒr Schulkinder, die Umweltgruppe oder den FlĂŒchtlingssonntag organisiert haben.

Dann kommt der 16. MÀrz 2020: Lockdown. Bezeichnenderweise wird ausgehend vom Frauenstreiknetzwerk die Nachbarschaftshilfe organisiert, an der sich selbstverstÀndlich auch MÀnner beteiligen können.

Nicht nur auf der Straße protestieren

An einem der ersten Lockdowntage gehe ich joggen, um frischen Wind in meinen Homeoffice-Kopf zu bringen. Dabei treffe ich auf meiner Joggingrunde den PrĂ€sidenten der GrĂŒnen Kehrsatz, der mich um ein GesprĂ€ch bittet. Wir vereinbaren einen Telefontermin. Am Telefon fragt er mich, ob ich fĂŒr die GrĂŒnen fĂŒr den Gemeinderat2 kandidieren möchte. Ich denke ĂŒber die Anfrage nach, dabei erinnere ich mich an den feministischen Filmabend und die Ă€ltere ChĂ€sitzerin3, welche uns jĂŒngere Frauen* aufgefordert hatte, unsere Forderungen in die Gemeindeinstitutionen reinzutragen und nicht nur auf der Straße zu protestieren. Ich denke auch an die vielen geflĂŒchteten Menschen, die in unserem Dorf leben, und entscheide mich, mich fĂŒr mehr Chancengerechtigkeit und Partizipation von Menschen ohne Schweizer Pass in unserem Dorf einzusetzen, statt auf jede Antira-Demo zu rennen. Ich entscheide mich, in der Kommission mitzuwirken, in der darĂŒber entschieden wird, wie auf kommunaler Ebene die EinbĂŒrgerungsgesuche geprĂŒft werden und wie die Umsetzung der sogenannten Integrationspolitik stattfindet. Diese Überlegungen fĂŒhren dazu, dass ich mich auf der gemeinsamen Liste der SP und der GrĂŒnen fĂŒr den dritten Listenplatz aufstellen lasse, mit der Option, bei der (geplanten) Demissionierung der grĂŒnen GemeinderĂ€tin deren Sitz wĂ€hrend der laufenden Legislatur zu ĂŒbernehmen.

Marsch durch die Dorfinstitutionen

Mit dieser Entscheidung habe ich bereits die ersten Schritte auf dem Marsch durch die Dorfinstitutionen gemacht. Ich, die ich in einem urbanen Umfeld aufgewachsen bin, in der außerparlamentarischen Linken rund um die Berner Reitschule4 politisiert wurde und schließlich als linke AnwĂ€ltin meinen beruflichen Weg eingeschlagen habe, hĂ€tte mir noch vor zehn Jahren nicht im Traum vorstellen können, auf dem Boden der Realpolitik zu landen und mich in die Kommunalpolitik einzumischen. Jetzt bin ich so weit und will es versuchen.

Dabei stelle ich mir natĂŒrlich unzĂ€hlige Fragen:

Wie schaffe ich es, meine politische Erfahrung in diversen ausserparlamentarischen Gruppen (Hausbesetzungen, Chiapas-Solibewegung, globalisierungskritische Bewegung, feministische Antifa, antirassistische KĂ€mpfe, Engagement fĂŒr Grundrechte und gegen PolizeiwillkĂŒr, etc.) und meine politische Alltagserfahrung im Wohnkollektiv SchrĂ€gwinkel (Konsens, geteilte Care-Arbeit, Gemeinsame Ökonomie, Ökologie) auf die realpolitische Ebene hinunterzubrechen?

Wie bringe ich »unsere Inhalte« in der Gemeinde ein?

Wie bringe ich unsere Moderationstools, unsere Diskussionskultur in Strukturen ein, die hierarchisch strukturiert sind?

Und wie kann unser Wohnkollektiv, das aus meiner Sicht eine gelebte Alternative darstellt, in unserem Dorf mehr Außenwirkung entfalten?

Wie schaffe ich es auf einer persönlichen Ebene, meinen Inhalten, Forderungen und Utopien treu zu bleiben, auch wenn ich mich in realpolitische Gefilde begebe, wo ĂŒber Fahrradwege, Parkplatzbewirtschaftung und Schulhaussanierungen gestritten wird?

Und umgekehrt: Schaffe ich es, die Themen, die die Gemeindepolitik beschÀftigen, auch in unser Wohnkollektiv reinzutragen und mir bei meinen Mitbewohner*innen den inhaltlichen und emotionalen Support zu holen, um mich in der Gemeindepolitik behaupten zu können?

Und wie gelingt es mir, nicht nur die Inhalte unserer »Blase« in die Gemeindepolitik einzubringen, sondern auch denjenigen eine Stimme zu geben, die strukturell ausgegrenzt und unterreprÀsentiert sind (Menschen ohne Schweizer Pass, Jugendliche, Menschen ohne Beschwerdemacht)? Oder ganz im Sinne der zapatistischen Bewegung: Was kann ich dazu beitragen, dass das Dorf, in dem wir leben, ein Ort wird, in dem viele RealitÀten Platz haben?

Fortsetzung folgt 


1. 1918 traten etwa 250.000 LohnabhĂ€ngige und Gewerkschafter*innen in den Generalstreik fĂŒr Neuwahlen, Frauenstimmrecht, Lebensmittelversorgung, Arbeitszeitbegrenzung, Alters- und Invalidenversicherung u.a.↩

2. Der Gemeinderat ist die Exekutive und besteht aus fĂŒnf Mitgliedern (aktuell zwei Sitze FDP, ein Sitz SVP, zwei Sitze SP/GrĂŒne.)↩

3. FĂŒr das Dorf Kehrsatz wird noch heute in Mundart der alemannische Namen »ChĂ€sitz« verwendet.↩

4. Basisdemokratisches Kulturzentrum mit Holzwerkstatt, Druckerei, Infoladen, Kino u.a.↩


Titelbild: Von der Straße ins Rathaus: Wie wirksam können Aktivist*innen sein, wenn sie sich in der Gemeindepolitik engagieren? (Foto: Regine Beyß)




Quelle: Contraste.org