September 7, 2021
Von Paradox-A
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Der Wahlkampf zieht noch mal richtig an, die Plakate belĂ€stigen mensch nun ĂŒberall. Doch auch VerbĂ€nde mobilisieren ihre Klientel, um ihre politischen Positionen deutlich zu machen und Bundespolitik zu beeinflussen. So fand in Berlin etwa eine Großdemo des Volksfront-BĂŒndnisses #unteilbar statt, welches gewissermaßen fĂŒr eine Regierungsoption von rot-grĂŒn-rot steht.

In Dresden geriet ich zufĂ€llig in eine CSD-Parade. Dort kam ich mir sehr alt vor, denn den letzten sommerlichen Samstag vor Schulbeginn nahmen offensichtlich zahlreiche SchĂŒler*innen zum Anlass, sich bunt und schrill feiernd die Straße zu nehmen. Da ich nicht wirklich in der LGBTQ-community unterwegs und ohnehin gerade mit ganz anderen Dingen beschĂ€ftigt bin (auch wenn ich die Homo-Lobby natĂŒrlich absolut unterstĂŒtze!), war ich zunĂ€chst verwundert, dass das besagte Event nicht im Juni oder Juli stattfand. DarĂŒber hinaus war mir auch nicht nach schrillen Massenevents zu Mute. Dass derartige Veranstaltungen von verschiedenen Vereinen dominiert werden, die sehr darauf bedacht sind, Förderungen zu erhalten und Teil der fiktiven gesellschaftlichen Mitte zu sein, ist bekannt und ein Grundproblem. Irritierend fand ich allerdings, einen Party-Wagen der FDP im Zug zu sehen. Dass Parteien bei einer derartigen Veranstaltungen mitfahren dĂŒrfen, zumal in Wahlzeiten, ist zutiefst problematisch und fĂŒr die Organisator*innen beschĂ€mend.

kein Bild vom CSD Dresden 2021

Der CSD ist ein Musterbeispiel dafĂŒr, wie dass der Kampf fĂŒr die Selbstbestimmung aller Menschen, stets die beiden Seiten von Integration/Anerkennung und Opposition/Rebellion hat. Das ist auch erst mal nicht weiter schlimm. Traurig aber ist, dass die community dahinter sich immer weiter entradikalisiert und auch entpolitisiert hat. Gegen eine Feierparade ist grundsĂ€tzlich ĂŒberhaupt nichts einzuwenden. Wenn damit jedoch keine Konfrontation eingegangen wird, bleibt unklar, wofĂŒr die Mobilisierung ĂŒberhaupt steht. Ja, fĂŒr eine liberale, demokratische Gesellschaft. DafĂŒr einzutreten ist in Sachsen beispielsweise durchaus nicht selbstverstĂ€ndlich. Gerade in den osteuropĂ€ischen LĂ€ndern gilt es derartige Events und Gruppierungen deswegen unbedingt zu unterstĂŒtzen. Ein CSD könnte aber so vieles mehr sein. Daher liegt es an linksradikalen Gruppierungen, dass sie zumindest eigene Blöcke auf derartigen Veranstaltungen formieren und sich kritisch mit der Funktion und Rolle derartiger Ereignisse auseinandersetzen.

Zugleich kann gesagt werden, dass sich in diesem Feld in den letztem 30 Jahren unheimlich viel getan hat. Allerdings bleibt es weiterhin sehr stark vom sozialen Milieu abhĂ€ngig, wer sich zur eigenen SexualitĂ€t bekennen kann, ohne angefeindet, ausgegrenzt oder mit dĂ€mlichen SprĂŒchen bedacht zu werden. „Schwuchtel“ bleibt vermutlich eines der verbreitetsten Beleidigungen auf dem Schulhof. Ebenso wirkt das Patriarchat weiter, wenn auch verdeckter und von vielen gekrĂ€nkten MĂ€nnern nun so vehement verfochten, dass sie sich damit selbst völlig lĂ€cherlich machen. Selbst das AfD-Klientel kommt nicht umhin einzusehen, dass fĂŒr einen bedeutenden Teil der Bevölkerung die #pride auf ihre eigene SexualitĂ€t und Seinsweise viel stĂ€rker ausgeprĂ€gt ist, als der Stolz auf die Nation.

Der CSD versinnbildlicht, wie progressive Inhalte und Themen Jahre und Jahrzehnte lang von marginalisierten radikalen Aktivist*innen verfochten werden, bevor sie dann an einem Kipppunkt von verstaatlichter Politik und hegemonialen ErzĂ€hlungen aufgegriffen und in die Narration der Herrschenden einbezogen werden. Mit Anerkennung und finanzieller Förderung geht KonformitĂ€t und AbhĂ€ngigkeit einher. Dies bedeutet nicht in jedem Fall, solche abzulehnen, aber damit zumindest einen strategischen Umgang zu finden. Selbstorganisierte, nach Autonomie strebende emanzipatorische soziale Bewegungen sehen anders aus. Daran gilt es sich allerdings zu orientieren. Was LGBTQI*-Rechte angeht und ebenso in allen anderen Bereichen. Insbesondere junge Menschen, auch bei Fridays for Future, ließen sich weiterhin von Parteien verarschen und nur wenigen gelang ist, sich aus ihrem bĂŒrgerlichen Bewusstsein hinaus zu entwickeln. Festgehalten werden kann immerhin, dass sich einiges bewegt hat und bewegt aktuell. Perspektiven und Positionen jenseits von Vereinsmeierei und auf den Staat bezogener Politik sind allerdings aktiv zu entwickeln und zu vermitteln.




Quelle: Paradox-a.de