Juni 21, 2021
Von InfoRiot
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Schiedsrichter Burkhard Bock engagiert sich gegen Diskriminierung im Fußball

Schiedsrichter Burkhard Bock engagiert sich gegen Diskriminierung im Fußball

Foto: ND/Claudia Krieg

Burkhard Bock ist ein ernster Typ. Seine Geschichte ist auch keine, die nur vom Spaß am Sport erzĂ€hlt. »HĂ€tte ich das alles bloß frĂŒher gemacht«, habe er gedacht, nachdem er sich vor neun Jahren gegenĂŒber Freunden als schwul geoutet hatte, erzĂ€hlt er am Samstag beim Sommerfest der Initiative »MĂŒncheberg ist bunt«. Hier sitzen 50, 60 Menschen mit Abstand auf Picknickdecken in der sommerlichen WĂ€rme am Stadtsee der mĂ€rkisch-oderlĂ€ndischen Kleinstadt. Es gibt kĂŒhle GetrĂ€nke, eine HĂŒpfburg und ein kleines Fußballfeld. Die AtmosphĂ€re ist herzlich, man freut sich, nach den langen Lockdown-Monaten der Pandemie endlich wieder einmal zusammenkommen zu können, erzĂ€hlt Mitorganisatorin Friederike Fuchs.

Sie hat auch Burkhard Bock fĂŒr eine kleine Diskussionsrunde eingeladen, die den Titel trĂ€gt: »Verbindet Sport? Sport verbindet!« Bock ist Jahrgang 1959, 35 Jahre lang hatte er bis zum Zeitpunkt seines Outings verheimlicht, dass er sich, seit er denken kann, in MĂ€nner verlieben möchte – aber sich nicht traut, es zuzugeben und seine HomosexualitĂ€t zu leben. Auch weil der Fußball, den er seit seiner Kindheit ebenfalls sehr liebt, fĂŒr schwule MĂ€nner offensichtlich keinen Platz hat, erklĂ€rt der passionierte Schiedsrichter. Sein Leben sei jahrelang geprĂ€gt gewesen von der »Angst vor Diskriminierung«, erinnert sich Bock, und das hat ihn auch gezeichnet. Seit einiger Zeit gehört der 62-JĂ€hrige aus dem uckermĂ€rkischen Lychen nun zum Beratungsnetzwerk »Verein fĂŒr Vielfalt«. Die bundesweite Initiative von zahlreichen homosexuellen Profi- und Amateursportler*innen hat ihm selbst geholfen, sich aus seiner Lage zu befreien. Jetzt unterstĂŒtzt er andere Menschen dabei, den Mut und die Kraft zu finden, sich als Teil einer vielfĂ€ltigen Gesellschaft und nicht als Außenseiter zu begreifen: »Wir mĂŒssen noch viel mehr tun, damit das möglich ist«, erklĂ€rt Bock. Er ist zugleich der Meinung, dass Diskriminierung im Sport in lĂ€ndlichen Regionen nicht so stark ausgeprĂ€gt sei wie in der Großstadt, weil der Sport hier eine mehr verbindende Rolle habe.

Auch Heike KrĂŒger, die beim Kreis-Kinder- und Jugendring (KKJR) MĂ€rkisch-Oderland das Netzwerk fĂŒr Toleranz und Integration koordiniert, interessiert sich dafĂŒr, ob die 200 Sportvereine in der Region eher eine offene oder doch geschlossene Angelegenheit sind. »Der Sportplatz ist neben der Kirche der wichtigste Ort, an dem sich Menschen bei uns treffen, aber trotzdem gibt es Vereine, die FlĂŒchtlingskinder, die sehr gern auch Sport treiben möchten, nicht aufnehmen«, erlĂ€utert KrĂŒger. Ob die Mitdiskutantin und CDU-Kreisvorsitzende Kristy Augustin dafĂŒr eine ErklĂ€rung habe? Augustin sitzt im Landtag dem Ausschuss fĂŒr Bildung, Jugend und Sport vor, und sie sieht in der Region »sehr vielfĂ€ltige Sportvereine«. Sport sei Bildungsarbeit fĂŒr Offenheit, Toleranz und Integration, befindet die CDU-Politikerin.

Die Frage Heike MĂŒllers beantwortet dann eher Burkhard Bock: »Vereine brauchen mehr UnterstĂŒtzung durch die Politik, und sie brauchen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten fĂŒr ihre Übungsleiter, damit durch das Leben in den Vereinen auch tatsĂ€chlich das VerstĂ€ndnis fĂŒr Vielfalt wachsen kann«, erklĂ€rt der Toleranz-Botschafter.

Auch das Sommerfest von »MĂŒncheberg ist bunt« will dem BedĂŒrfnis nach Vielfalt aktiv entgegenkommen. Gemeinsam wird das 18-Uhr-Spiel der Fußball-Europameisterschaft geschaut und fĂŒr das Spiel um 20 Uhr will man dann weiterziehen zur Gemeinschaftsunterkunft fĂŒr FlĂŒchtlinge an der Seelower Straße. Klar ist fĂŒr die Initiator*innen: Sport kann Verbindung schaffen, aber automatisch geschieht das nicht. So wie hier lĂ€uft vieles nicht ohne ehrenamtliches und selbstorganisiertes Engagement.

Auch die in der offenen Kinder- und Jugendarbeit Engagierten aus dem Landkreis können ein Lied von den Schwierigkeiten struktureller UnterstĂŒtzung singen. Nicht nur die rechte AfD als stĂ€rkste Fraktion mauert hier bei vielen sozial- und gesellschaftspolitischen Vorhaben. Unter anderem deshalb haben Engagierte, Kinder und Eltern fĂŒr das Fest einfach Kuchen gebacken und Kaffee gekocht, der gegen Spende gekauft werden kann – »damit wir nicht um jeden Cent betteln mĂŒssen«, verrĂ€t jemand.

Den Kindern macht die Hitze an diesem Samstag nichts aus. Stolz stehen sie hinter ihrem Stand, an dem es auch von ihnen selbstgeschleuderten Honig gibt. Die GlĂ€ser haben sie ebenfalls selbst beschriftet im »Sommergarten Kinder- und Jugendtreff«, in dem sie seit dem 19. Mai ĂŒbergangsweise imkern, bauen, werkeln, sich bewegen und unter sich sein können – betreut von den Sozialarbeiter*innen Meral Kurt und Sven Zepke.

Kreativ- und Umweltbildung stehen im Mittelpunkt des Angebots, fĂŒr das sich die Aktiven des KKJR von der Stadt RĂ€ume erstritten haben, die sie nun gemeinsam mit der Stiftung SozialpĂ€dagogisches Institut Walter May bis zum Herbst den MĂŒncheberger Kids zur VerfĂŒgung stellen. Denn ob es wieder einen Jugendclub geben wird, nachdem der alte vor einigen Monaten erneut einem Brand zum Opfer fiel, ist offen.




Quelle: Inforiot.de