Juni 30, 2021
Von Assoziation Autonomer Umtriebe
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Sinkende Inzidenzwerte und steigende Temperaturen lassen auch in Betrieben letztere nach oben klettern. Die so genannten „systemrelevanten“ Arbeiter*innen machen sich in der Umgebung wieder bemerkbar, allerdings in unterschiedlicher Form. In ihrer Zusammensetzung Ă€hneln sich die beiden Branchen dennoch, sind sie ĂŒberwiegend weiblich und/oder migrantisch, v.a. aber schlecht bezahlt mit miesen Arbeitsbedingungen und man setzt ihre permanente volle Leistung als selbstverstĂ€ndlich voraus. Die Aufmerksamkeit der Bevölkerung gegenĂŒber diesen Kolleg*innen schwand schon vor dem Fall der Infektionsrate.

Streiks bei IKEA in Eching und Leder Hoffmann in Odelzhausen

Ein herkömmlicher Tarifstreit der noch herkömmlicheren Gewerkschaft ver.di wurde schlussendlich zu einem Aufruf zur Arbeitsniederlegung. Trotz Umsatz und Gewinnsteigerung im Einzelhandel ist die Gegenseite nicht bereit, der moderaten Forderung nach 4,5% mehr Lohn, plus 45 Euro mehr und einem Mindeststundenlohn von 12,50 Euro in den unteren Lohngruppen nachzukommen. Im Corona Jahr 2020 wurde laut Statistischem Bundesamt ein Rekordumsatzplus von nominal 7,9% im bayerischen Einzelhandel erreicht – von den Arbeiter*innen versteht sich.

Im Landkreis Dachau war es Leder Hoffmann in Odelzhausen, deren Arbeiter*innen am 04.06.21 wohl zum ersten Mal in den Streik traten und am 18.06 nochmal mit einem Streiktag nachlegten. Von Seiten der ver.di war man trotzdem vorher auf Schadensbegrenzung aus, indem man nur kurze öffentliche Aktionen ankĂŒndigte oder gleich gar keine.

Auch in Eching ging es bei IKEA am 04.06.21 mit einem Warnstreik los, dem ersten seit knapp 10 Jahren. Damals war die Gegenseite nur bereit lĂ€ppische 1,5,% mehr Lohn anzubieten, diesmal gab es gar kein Angebot. Und weil es so schön war gab es am 18.06. gleich nochmal einen Streik bis zum 21.06.21 oben drauf. IKEA Eching machte den Streik freundlicherweise vorab publik und informierte die Kund*innen, dass es zu „leichten Verzögerungen“ kommen könnte.

Inwiefern die, gemessen am Umsatz, grĂ¶ĂŸte bayerische Branche nun genug unter Druck geraten ist, kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht erahnen. Die Verhandlungen gehen weiter. Business as usual fĂŒr ver.di, fĂŒr die die QualitĂ€t des Lebens als Lohnarbeiter*in ein reine Frage der Entlohnung war, ist und immer bleiben wird. Die potenzielle BeeintrĂ€chtigung der Gesundheit in der Pandemie, kann man erkaufen – dieses Mal mit 4,5,%, die man mit kleinen Warnstreiks sowieso nicht erreicht.

Protestaktion Helios Klinikum Dachau

Beim Thema Gesundheit und deren Schutz ist man am Helios Klinikum Dachau. Deren Arbeiter*innen lassen nicht locker die beschissenen Arbeitsbedingungen eben nicht zu akzeptieren. Die BegrĂŒndung, dass es am Profitstreben des grĂ¶ĂŸten europĂ€ischen Klinikkonzerns liegt, schmeckt den Dachauer Chefs so ganz und gar nicht, obwohl es doch ein Fakt ist, dass an privatisierten KrankenhĂ€usern erheblich weniger Personal auf allen Ebenen vorhanden ist als in öffentlichen. Der Helios Konzern ging mit einem Plus aus dem Corona Jahr 2020. Auch die Tatsache, dass hier Arbeiter*innen und UnterstĂŒtzer*innen – in Form des BĂŒndnisses systemrelevant & ungeduldig – selbstorgansiert aktiv werden, sticht hervor, ist aber dem Ausgang eines vergangenen Arbeitskampfs 2017/18 geschuldet, den ver.di erst verraten und dann gegen den Willen der Kolleg*innen beendet hat.

Bereits im Herbst 2020 gelang es der UnabhĂ€ngigen Betriebsgruppe am Klinikum zu einer betrieblichen Aktion zu mobilisieren. Zuletzt war die Bundesgesundheitsminister*innenkonferenz der Grund fĂŒr eine Aktion am 15.06.21 am Schrannenplatz in der Dachauer Altstadt. Zur Bundesgesundheitsminister*innenkonferenz fanden, wie letztes Jahr, bundesweit dezentrale Aktionen in vielen StĂ€dten statt. Die nĂ€chstgelegene Aktion gab es in NĂŒrnberg, wo sich Kolleg*innen der Service-Gesellschaft am Klinikum NĂŒrnberg seit Wochen im Arbeitskampf um ihre Angleichung an den Öffentlichen Dienst befinden. Ein Grußwort aus NĂŒrnberg wurde verlesen und dort eines aus Dachau. Am Helios Klinikum Dachau gab es zuletzt auch Bereiche, wie die Hausmeister und WĂ€scheversorgung, die von sich aus einen Corona Bonus forderten, der ihnen in der Helios Tochtergesellschaft bislang verwehrt blieb. Das ist bei weitem nicht die einzige Sauerei am Klinikum. Die durch Personalmangel bedingte Arbeitsbelastung soll am Besten kĂŒnftig nicht mehr nach außen dringen. Es war auf der Kundgebung mehrfach von EinschĂŒchterungen im Vorfeld der Aktion die Rede, welche die Chefetage gegenĂŒber der Presse natĂŒrlich vehement abstreitet. Die in RedebeitrĂ€gen geĂ€ußerten Beispiele ließen jedoch an Eindeutigkeit nichts zu wĂŒnschen ĂŒbrig. Eine neue VerschĂ€rfung der Konfliktlage zeichnet sich ab, die mit einer erneut gesteigerten Arbeitsbelastung im grĂ¶ĂŸten Betrieb in Dachau einher geht.

Ob Einzelhandel oder Klinikkonzern, beide profitieren von der Pandemie. WĂ€hrend andere sich safe zurĂŒck lehnen können und nicht am Ende des Monats laufend den Kontostand im Auge haben mĂŒssen, laufen sich die Kolleg*innen dort jeden Tag die Hacken ab, verdienen und interessieren einen Dreck. Sie haben nicht nur Beachtung verdient, sondern praktische SolidaritĂ€t und am besten kĂ€mpft man mal gemeinsam und miteinander. Das hat das Kapital sich mal richtig verdient.




Quelle: Aaud.noblogs.org