Juli 15, 2022
Von FAU Duesseldorf
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von Norbert Hinrichs (Syndikat-A)

Da liegt bei dem Verfasser dieser Zeilen morgens im Briefkasten die Zeitung „Graswurzelrevolution“. Nanu, habe ich doch gar nicht im Abo. Direkt auf der ersten Seite ein Artikel von Torsten Bewernitz zum Themenkomplex „RĂ€tekommunismus“ (1). Da wir vom Syndikat-A immer wieder gern rĂ€tekommunistische LektĂŒren veröffentlichen, war der Artikel vom Bewi sozusagen der AufhĂ€nger, um auch noch ein paar Zeilen zum Thema loszuwerden.
Schon zu Beginn unserer BroschĂŒrenproduktion des Syndikat-A Ende der achtziger Jahre (wo es noch richtig gute Mucke gab) war uns „der“ RĂ€tekommunismus ein Anliegen. Da wussten viele unserer werten anarcho-syndikalistischen Mitstreiterinnen noch gar nicht, was das fĂŒr ein Verein ist bzw. war. Sogar die rĂ€tekommunistische Gruppe „Red Devil“, deren „rĂ€tekommunistische Streitschrift“ wir ein paar Jahre spĂ€ter in Buchform veröffentlichten, existierte da noch nicht. Wir brachten damals zwei BroschĂŒren von Paul Mattick heraus, einem der bekannteren rĂ€tekommunistischen Theoretiker. Voll die Bestseller, die BroschĂŒren lagen mit ihren im marxistischen Slang verfassten Analysen wie Steine in unserem Buch-Lager. Es war kaum Interesse vorhanden. Das aktuelle Buch von Felix Klopotek, das nach Torstens DafĂŒrhalten wohl ein kleines Revival in Sachen RĂ€tekommunismus (RK) ausgelöst haben soll, habe ich nie gelesen. RĂ€usper. Daher hatte uns diese LektĂŒre auch nicht dazu verleitet, mit dem RK zu sympathisieren, oder gar mit der recht neuen Bourrinet BroschĂŒre ĂŒber die hollĂ€ndische RĂ€tegruppe GIK auf einen ominösen und letztendlich nicht vorhandenen Zug aufzuspringen, um hohe Verkaufserlöse zu generieren (das sagt man heutzutage so). Schon damals wurden wir aber gefragt, warum wir solche drögen „Marxisten“ in einem anarcho-syndikalistischen Miniverlag veröffentlichen.

Gemeinsamkeiten
Damals wie heute gilt: Weil sich das revolutionĂ€re Subjekt, die sogenannte Arbeiterinnenklasse, einfach nicht bewegen wollte und will! FĂŒr mich als damaliger Stahlarbeiter war es nicht nachzuvollziehen, warum sich die Leute von ihrer Existenz als Lohnarbeiterin nicht freistrampeln wollten und sich auch geistig von der sozialpartnerschaftlichen Hochkonjunktur im eigenen Kopf nicht im geringsten emanzipierten. Diese „Problemstellung“ brachte uns dazu, auch ĂŒber andere Themen wie (kritische) Psychologie, PĂ€dagogik, spĂ€ter Neurobiologie – und hier vor allem die Epigenetik – nachzudenken. Alles wurde auf einen emanzipatorischen Gehalt abgeklopft 
 wir suchten einfach Antworten. Und das ist heute noch so. In dem Zusammenhang war und ist der RĂ€tekommunismus mit seinen freiheitlichen GrundsĂ€tzen selbstverstĂ€ndlich fĂŒr uns auch interessant.
Auch der Rheinhausener Stahlarbeiterstreik, den ich als Betroffener hautnah miterleben durfte und wo meine oft solidarischen, aber ansonsten lethargischen Kolleginnen mich mit ihren direkten Aktionen mehrmals links ĂŒberholten, war letztendlich doch nur ein laues LĂŒftchen. Ich spĂŒrte nur das Potential dieser Klasse, wenn sie sich denn mal bewegt. Warum tut sie es also nicht? Höchstens mal eine Art von AufbĂ€umen und das nur in Konjunkturen, wenn sie wirklich mit dem „RĂŒcken zur Wand steht“.
Da kam der Mattick mit der marxistischen Krisentheorie als einem von diversen ErklĂ€rungsansĂ€tzen umme Ecke. Nach dem Motto: Die Menschen machen ihre Geschichte, aber sie werden dazu „freiwillig“ gezwungen. Solange der Laden lĂ€uft und der große Teil der Bevölkerung nett konsumieren kann und halbwegs zufrieden ist, wird sich kein Mensch bewegen. Aktuell fĂŒhlt sich die „Klasse“ einfach zu nichts „freiwillig gezwungen“. Außerdem gab Mattick uns den vĂ€terlichen Rat, sich als Arbeiterklasse knallhart an die eigenen politisch-wirtschaftlichen Interessen zu halten. Nach dem Motto: Mehr ist zur Zeit nicht drin! Das kam mir als AnhĂ€nger des Anarcho-Syndikalismus (AS) sehr entgegen und wirkte mental etwas als persönliche „Entlastung“, vielleicht sogar als Trost.
Damit haben wir schon die erste Gemeinsamkeit zwischen dem AS und dem RK. Beide Theorien haben die Dominanz der ökonomischen VerhĂ€ltnisse in menschlichen Gesellschaften anerkannt, doch ziehen beide „leicht“ andere SchlĂŒsse daraus. Übrigens: Als orthodoxe Marxisten haben RĂ€tekommunistinnen immer die „Kritik der POLITISCHEN Ökonomie“ zu ihrem Anliegen gemacht. Sie als Ökonomisten zu bezeichnen ist nicht wirklich nett und schlicht falsch.

Die nĂ€chste Übereinstimmung
Beide Strömungen lehnen die Organisationsform einer Partei grundsĂ€tzlich ab. Parteien sind immer bĂŒrgerlich, heißt: Sie sind immer nach dem gleichen Muster, nach gleicher Struktur gestrickt, ein Abbild der bĂŒrgerlichen Gesellschaft. Mehr oder weniger wie eine Pyramide, Parteivorstand, Zentrale Leitung, ZK oder wie sie sich gerade schimpfen. Kurz war es mal bei der Partei der „GrĂŒnen“ etwas anders, die sogar mit einem imperativen Mandat (Rotation von FunktionĂ€ren, schnelle AbwĂ€hlbarkeit etc.) zu Beginn ihrer Karriere kokettierten 
 aber – was der AS und auch der RK theoretisch schon damals klugscheißerisch vorher wussten – die bĂŒrgerliche Form einer Organisation dient nicht der Emanzipation, sondern lehrt uns, weiterhin auf Weisungen „von oben“ zu „gehorchen/zu hören“ (weil die wissen oben als BerufsfunktionĂ€re eh alles besser) und hĂ€lt die sogenannte Basis in UnmĂŒndigkeit. Und die Basis lĂ€sst sich gern in UnmĂŒndigkeit halten (dieser Sachverhalt darf nicht unter den Tisch fallen), weil: ist ja auch furchtbar bequem. Die Institution der Partei dient immer dem Erhalt des Bestehenden, die wollen bzw. werden nix grundlegend umwĂ€lzen (können). Die Leute in einer Partei werden im Laufe der Zeit durch deren Strukturen korrumpiert (wenn sie es nicht vorher schon waren) und wenn sie noch vor ihrer Karriere politisch gut drauf waren 
. nach ein paar Jahren wird der ehemalige StraßenkĂ€mpfer zum Außenminister 
. nicht nur vom Outfit her!

Eine weitere Gemeinsamkeit: Die RĂ€te!
Dieses utopische Element einer Selbstverwaltung steht im RK wie im AS hoch im Kurs. Die Menschen, die in einem Haus, in einer Straße zusammenleben, organisieren diese Straße; eine Stufe höher kommt der Stadtteil, die Kommune usw. hinzu. Im Betrieb wird es nicht anders sein. Der AS redet oft von Syndikaten, die aber bei nĂ€herem Hinsehen nach Ă€hnlichen direktdemokratischen Prinzipien wie in der rĂ€tekommunistischen Theorie organisiert sind. Das Prinzip, dass die Leute dort entscheiden, wo sie arbeiten und leben, ist eine wesentliche Übereinstimmung beider Konzepte. Das RĂ€tesystem verlangt viel von dem „sozialistischen“ Menschen, und ob dieses System wirklich umsetzbar ist, wird sich noch zeigen, wenn die RĂ€te ĂŒberhaupt diese historische Chance noch mal bekommen. Der heutige Mensch (me too) ist m.M. nach zu sehr ein Kind dieser Gesellschaft und kann nicht von heute auf morgen powerful die Gesellschaft „von unten auf“ nach dem RĂ€teprinzip organisieren. Wer das Gegenteil behauptet, ist noch nicht in der RealitĂ€t angekommen. Die Kritik an den Parteien setzt sich in der Staatskritik der beiden ungleichen BrĂŒder oder Schwestern fort. Die radikale Kritik an dem sogenannten proletarischen Staat fĂŒhrt in der Regel – und zu Ende gedacht – auch zu einer illusionslosen Bolschewismuskritik. Der RK argumentiert gerade bei dem Thema knallhart mit Marx, der AS begrĂŒndet seine Kritik tendenziell eher mit einer sozialistischen Ethik. Aber auch dort kommen beide Konzeptionen auf eine erhebliche Schnittmenge.

Unterschiede
Den AS zeichnet im Gegensatz zum RĂ€tekommunismus m.M. nach aus, dass er schon im Hier und Jetzt die Gesellschaft im Kleinen fĂŒr das Morgen vorbereiten möchte. Er predigt die Praxis (die er ab und wann auch hat) und nicht nur eine (sicher nicht ausgereifte) Analyse. Daher sind anarcho-syndikalistische Organisationen sehr auf möglichst flache Strukturen aus, Koordination statt Weisungsbefugnis (die GeKo in der FAU hat zum Beispiel nur eine koordinierende Arbeit zu leisten), keine bezahlten FunktionĂ€re etc. Er schafft sich Strukturen, die gewisse MissstĂ€nde wie Korruption, Elitedenken, Seilschaften etc. ausschließen sollen und befördert das selbststĂ€ndige Denken und Handeln des Einzelnen. Was den AS in dem Zusammenhang auch auszeichnet ist die sogenannte „Politik in der ersten Person“. Eigentlich eine Begrifflichkeit, die dem autonomen Slang der achtziger Jahre zugehörig war. D.h. wir mischen dort mit, wo wir unseren Alltag leben, und wenn es sein muss, auch darĂŒber hinaus. Wer es aber schon nicht geschissen bekommt, in „seinem“ Betrieb, in seinem gelebten Alltag was auf die Beine zu stellen und lieber in einer der zahlreichen AGs Papier produzieren möchte, passt nicht so toll in das anarcho-syndikalistische Projekt. DarĂŒber kann mensch natĂŒrlich auch streiten. Wer sich in die Niederungen dieser „Politik in der ersten Person“ begibt, macht unweigerlich Fehler ĂŒber Fehler und driftet schnell in eine Art Sozialarbeiterinnentum ab (als erstes grĂŒndet eine FAU Gruppe in der Regel eine Sozialberatung), in eine Spielart von gut gemeintem Reformismus. RĂ€tekommunistinnen wĂŒrden die AnhĂ€ngerinnen des AS ĂŒbrigens per se als Reformisten bezeichnen.
Dabei ist fĂŒr den AS Reform nicht gleich Reform. Auch hier differenzieren wir: „Reformen sind immer Bestandteil des Kampfes der Ausgebeuteten und UnterdrĂŒckten gewesen. Sie sind alltĂ€gliche Schritte zur Verbesserung der Lebenssituation. Die Verbesserung der unmittelbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen ist ein berechtigtes Interesse der ausgebeuteten und unterdrĂŒckten Klassen. Ebenso die Festschreibung erkĂ€mpften Rechte und die Begrenzung von Ausbeutung gegenĂŒber dem Kapital. Wir sind keine Gegner von Reformen, aber wir lehnen den Reformismus als Strategie ab. Jede reale Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, jedes grĂ¶ĂŸere Maß politischer Freiheit ist Teil (wie Bedingung) des Kampfes fĂŒr eine bessere Gesellschaft, bedeutet die Erweiterung der Macht von unten. Solche konkreten Verbesserungen abzulehnen ist sektiererisch (zumal in nichtrevolutionĂ€ren Situationen). Allerdings verbleiben Reformen in den Grenzen der real existierenden Eigentums-und Machtstrukturen, im Rahmen der kapitalistischen Gesellschafts(un)ordnung. Mehr noch: Die BeschrĂ€nkung auf Reformen, auf die ,,Reformierung“ der Gesellschaft trĂ€gt letztlich nur zur Stabilisierung der Ausbeutungs- und UnterdrĂŒckungsverhĂ€ltnisse bei.
Die schĂ€rfsten Konflikte werden gemildert, die unvereinbaren WidersprĂŒche in der Gesellschaft entschĂ€rft, einige der gröbsten ,,Fehlfunktionen“ des Kapitalismus repariert – zeitweilig. Die Strategie, durch Reformen ,,Schritt fĂŒr Schritt“ zu einer neuen Gesellschaft zu kommen, ist eine Illusion.“ (zitiert nach der alten PrinzipienerklĂ€rung der FAU/1989)
Wobei noch ergĂ€nzt werden mĂŒsste, dass es Reformen gibt, die der AS ablehnt, aber ebenso Reformen existieren, die mit unserer Zielsetzung, unserer konkreten Utopie sehr harmonieren. Einfaches Beispiel: Die vor Jahrzehnten mal aufgestellte Forderung nach Vergesellschaftung der Stahlindustrie, die im Kapitalismus immer zu einer Verstaatlichung fĂŒhren wĂŒrde, lehnte das Metallsyndikat der FAU damals ab. Diese Forderung hatte nichts mit unserem Wollen zu tun. Im Gegensatz dazu unterstĂŒtzten wir prinzipiell die Forderung nach einer VerkĂŒrzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Das wĂ€re eine reale Umverteilung von Oben nach Unten gewesen und fĂŒr uns eine Reform, die prima rĂŒberbrachte, dass es sowas wie eine Klassengesellschaft gibt, wo die Reichen reicher und die Armen Ă€rmer werden (diese Aussage ist selbstverstĂ€ndlich relativ und nicht absolut zu verstehen).
Solche Herangehensweisen sind dem RK völlig fremd. Das ist das abtörnende bei vielen RĂ€tekommunisten 
 Durch die prinzipielle Verweigerung von realen KĂ€mpfen entsteht eine Art von „Elfenbeinturmdenken“. Daher kommt dann auch in der RealitĂ€t – wie gerade auch beim Ukrainekrieg – eine etwas distanzierte Haltung des RK zum tragen. Dann geht es z.B. nur um zwei imperialistische Systeme und dass sich die Arbeiterklasse nicht von den entsprechenden Machtblöcken einspannen lĂ€sst (lassen soll). Das ist fĂŒr mich als Anarcho-Syndikalisten eine etwas grobschlĂ€chtige und unzulĂ€ngliche Analyse. Besser mĂŒsste die eben skizzierte Beschreibung als eine allgemeine/abstrakte Ebene der Analyse bezeichnet werden, und wenn man auf dieser Ebene bleiben möchte, ist natĂŒrlich alles easy und liegt auch irgendwie richtig. Nun gibt es aber auch konkrete Ebenen, wo man solche Geschehnisse wie z.B. den Krieg auch in den Blick nehmen muss/sollte. Das nenne ich dann eine differenzierte Sichtweise und man bekommt doch recht schnell mit, dass diese abstrakten Begriffe wie Arbeiterklasse auf den konkreten Menschen „heruntergebrochen“ werden (mĂŒssen), um besser zu „sehen“ und zu verstehen. Dann wird beispielsweise der Krieg in der Ukraine sehr viel komplexer, die Motivationen, warum Menschen zur Waffe greifen sind vielfĂ€ltig und nicht nur dadurch wird auch eine Beurteilung dieses Krieges komplexer. Und nicht nur abstrakt stellt sich dann auch unter anderem die Frage, welcher Machtblock gerade der grĂ¶ĂŸere oder der kleinere Scheißhaufen ist. Das kann fĂŒr die Menschen dort existentiell sein 
 was eine Couchpotato, die sich hierzulande anmaßt „die Lage beurteilen zu können“, nie in seinem Leben kennenlernte und hoffentlich auch nicht kennenlernen muss.
Solcherart Fragen stellen sich mir im ĂŒbrigen auch bei historischen Sachverhalten, wie z. B. der sozialen Revolution in Spanien, wo dann Anarcho-Syndikalistinnen der CNT letztendlich auch das GeschĂ€ft der Republikaner mit erledigt haben und dafĂŒr der kompromisslosen Kritik der RĂ€tekommunisten, aber auch diverser Anarchistinnen ausgesetzt waren, gar als bĂŒrgerliche Antifaschisten abgekanzelt und zu Konferenzen ausgeladen wurden. Da ist dann Schluss mit den „ungleichen BrĂŒdern“. Wenn man sich nicht ins GetĂŒmmel begibt, kann man sich auch nicht die HĂ€nde schmutzig machen. Denn diese anarcho-syndikalistischen Genossinnen, die sich zu Beginn fĂŒr eine soziale Revolution (in Spanien) einsetzten und auch ins Gras bissen und am Ende freiwillig gezwungen dem Faschismus als der menschenverachtendsten Form des Kapitalismus Paroli boten, haben objektiv dem Kapitalismus in Form einer etwaigen oder zukĂŒnftigen bĂŒrgerlichen Republik fast den Arsch gerettet. Subjektiv war es aber nicht ihre Motivation. (Gerade die Ebene gewechselt.)
Wo wir gerade mal wieder versuchen zu differenzieren, es gilt: Wie auch beim „dem“ Anarcho-Syndikalismus gibt es „den“ RĂ€tekommunismus so pauschal nicht. Otto RĂŒhle z.B., der auch Betriebsorganisationen wie die A.A.U. unterstĂŒtzte, der Ă€hnlich wie Sperber oder Reich den orthodoxen Marxismus um die PĂ€dagogik und die Psychologie erweitern wollte, kann nicht unbedingt mit einem Paul Mattick in einen Topf geworfen werden. Mit dem rĂ€tekommunistisch orientierten Franz Pfemfert (Hg. der Zeitung „Die Aktion“) hatte sich RĂŒhle sogar wegen dessen unterschiedlichen Ansichten völlig zerstritten. Bei etlichen RĂ€tekommunistinnen ist schon „die Psychologie“ gleich welcher Art tendenziell eine bĂŒrgerliche Wissenschaft, die abzulehnen ist. Das sehe ich als Anarcho-Syndikalist ganz gewiss nicht so, denn wenn wir uns heute fragen, warum nirgends im entwickelten Kapitalismus eine revolutionĂ€re Bewegung im Entstehen begriffen ist, muss mensch sich schon mal mit Themen wie z.B. dem „autoritĂ€ren Charakter“ herumschlagen, selbstverstĂ€ndlich durchaus neben einer fundierten Krisentheorie oder anderen ökonomischen Grundlagen, siehe zum Beispiel den Text zur Lohn/Preis-Spirale in dieser Ausgabe. Sicher hatten und haben Teile der rĂ€tekommunistischen Denker und Dichter durchaus die Tendenz ins Ökonomische abzuschmieren
aber ein RĂ€tekommunist wie der gebildete und breit aufgestellte Wissenschaftler Anton Pannekoek gehört sicher nicht dazu.
Übrigens kann es dem Syndikalismus, der sich stark auf „reine“ (was ist schon rein?) ArbeitskĂ€mpfe, auf Gewerkschaftsarbeit selbst reduziert, durchaus auch passieren, sich in dem ökonomischen Klein-Klein zu verlieren und seine immanent reformistischen Tendenzen völlig ungeniert auszuleben. Auf einmal wird wieder ĂŒber bezahlte FunktionĂ€re diskutiert, weil ja die Arbeit Überhand nimmt. Und so weiter und so fort 
 MĂŒhsam wĂŒrde einfach nur vorschlagen, die Last der Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen. Erich war immer schon sehr pragmatisch und verkaufte nie seine Haltung.

Was kann also der AS vom RĂ€tekommunismus abkupfern? Analyse.
Wirklich mal grundsĂ€tzlich zu schauen, wie diese Gesellschaft, wie der Kapitalismus funktioniert. Ohne Moralisierei, sondern auf die Sache bezogen (siehe z.B. Hermann Lueers tolles Buch „Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative“). Eine zweite wichtige Message des RĂ€tekommunismus sagt: Dein Wille allein, die Gesellschaft verĂ€ndern zu wollen, reicht nicht. Das lĂ€uft unter Idealismus. Der RĂ€tekommunismus verweist immer wieder auf bestimmte UmstĂ€nde, die zum Willen auf Umgestaltung der Gesellschaft hinzukommen mĂŒssen, ansonsten fĂŒhrt der revolutionĂ€re Eifer nur zum Aktionismus, der letztendlich keine Ergebnisse zeitigt. Über dieses Argument kann natĂŒrlich auch gestritten werden. Ich denke aber, dass an dieser Sicht was dran ist. Das kann historisch untersucht, aber auch in jĂŒngeren ArbeitskĂ€mpfen nachgezeichnet werden. Da sind Erkenntnisse möglich, die die rĂ€tekommunistische Sichtweise durchaus untermauern.
Gleich welcher sozialistischen Richtung oder Spielart der Einzelne sich zugehörig fĂŒhlt: Letztendlich ist es der Mensch, fĂŒr den „der“ Sozialismus geschaffen werden soll, es ist immer nur der Mensch, der ihn sich erarbeiten / erkĂ€mpfen muss und ihn leben möchte (oder auch nicht). Leider muss es immer wieder erwĂ€hnt werden, dass der handelnde Mensch Dreh-und Angelpunkt fĂŒr eine grundsĂ€tzliche (radikale) Umgestaltung der Gesellschaft ist.
Wenn wir aber die Augen aufmachen und unsere Mitmenschen und auch uns selber ohne Illusionen betrachten, wird doch schnell klar, dass wir eine wirkliche VerĂ€nderung z.Z. nicht geschissen bekommen. Wir haben es nicht drauf. Heißt, der „neue“ Mensch oder anders formuliert die neuen freien Geister fallen nicht vom Himmel und erretten uns. Das mĂŒssen wir schon selber machen. Dazu – und das zeichnet den Anarcho-Syndikalismus vor allen anderen sozialistischen Konzepten aus – benötigen wir die Chance, uns in dieser aktuellen und menschenunfreundlichen Gesellschaft verĂ€ndern zu können/zu dĂŒrfen. Wenn wir auch nur ansatzweise unsere Persönlichkeiten/Charaktere/Psychen oder wie immer man es nennen möchte in eine emanzipatorische Richtung entwickeln könnten, wĂ€re schon viel gewonnen. Das Konzept des AS bringt hier „Schulen“ ins Spiel, Schulen der Emanzipation, die oft erstmal nur Nischen sein können und sicher keine „FreirĂ€ume“ sind. Der Begriff „Freiraum“ ist nur eine neue Illusion. Wir leben halt nicht auf einer abgeschotteten Insel. Diese emanzipatorischen Schulen sind letztendlich die Scharniere, die uns die TĂŒr zu einer zukĂŒnftigen Systemtransformation öffnen können. Nochmal muss die alte PrinzipienerklĂ€rung der alten FAU 1989 herhalten:
„Die Organisation, die wir heute als Kampforganisation aufbauen, muss in sich schon die Elemente tragen, die zur Organisierung einer neuen Gesellschaft nötig sind: Die neue Welt in der Schale der alten entwickeln!“
Diese Entwicklung gilt fĂŒr alle Ebenen des gesellschaftlichen Lebens. Daher ist der Anarcho-Syndikalismus prinzipiell immer „mehr als nur eine Gewerkschaft“ und damit sicher auch viel mehr als nur „eine kĂ€mpferische Basisgewerkschaft“. Die Gewerkschaft bzw. der Syndikalismus ist eine sich selbst auferlegte Begrenzung. Sie steht tendenziell fĂŒr Reform und nicht fĂŒr die soziale Revolution. Dazu gehört weit mehr. Daher hat Rudolf Rocker schon ganz richtig formuliert:
„Der Sozialismus ist letztendlich eine Kulturfrage.“ Aber diese Kulturfrage ist ohne Gewerkschaft oder besser ohne eine „wirtschaftliche Kampforganisation“ ein Papiertiger.
Weiter prÀzisierte Rudolf Rocker in einem Vortrag in Erfurt 1922 das VerhÀltnis von Syndikalismus und Anarchismus:
„Darum sage ich, daß Anarchismus und Syndikalismus sich gegenseitig ergĂ€nzen. Die syndikalistische Bewegung wĂŒrde in dem Moment ihren ursprĂŒnglichen Charakter verlieren und zur gewöhnlichen Gewerkschaftsbewegung degradiert werden, wenn sie die großen Prinzipien des freiheitlichen Sozialismus, oder, um es noch deutlicher auszusprechen, des kommunistischen Anarchismus aus dem Auge verlieren wĂŒrde. Als syndikalistische Bewegung bestĂ€nde sie dann nicht mehr; sie wĂ€re dann nicht mehr als eine gewöhnliche Gewerkschaft, die sich ausschließlich mit Lohnfragen und Ă€hnlichen Dingen beschĂ€ftigt. Auch das hĂ€tte seine Berechtigung, aber der große Zug fĂŒr die Neugestaltung der Gesellschaft im Sinne des freien Sozialismus wĂ€re dann ausgeschaltet, der gerade der syndikalistischen Bewegung ihre eigentliche Bedeutung gibt. Ebenso sage ich den anarchistischen Kameraden: Wenn ihr euch auch fernerhin in kleinen Gruppen zusammenschließt, um eure Arbeit zu verrichten, so ist dagegen durchaus nichts einzuwenden. Diese Arbeit ist nĂŒtzlich, sie kann und soll getan werden. Eines aber vergeßt nicht: Mit Studiengruppen, Diskussionsgesellschaften, freien Verlagsanstalten usw. leistet man zwar eine Ă€ußerst nĂŒtzliche Propagandaarbeit; aber eine neue Gesellschaft im Sinne des kommunistischen Anarchismus lĂ€ĂŸt sich damit nicht aufbauen. Dazu gehört etwas mehr: der Wirtschaftsverband, die Arbeiterbewegung. Auch der Anarchismus bleibt unfruchtbar, wenn er nicht in der Arbeiterbewegung wurzelt; und die Arbeiterbewegung bleibt ein fruchtloses Ringen, wenn sie nicht von den großen Idealen des freiheitlichen Sozialismus getragen wird. Deshalb mĂŒssen beide Bewegungen einander ergĂ€nzen, und je williger und umfassender dies geschieht, desto rascher wird uns die Stunde der Befreiung schlagen.“
Dem ist nichts mehr hinzuzufĂŒgen!

ResĂŒmee:
Der RĂ€tekommunismus bietet uns keine einzige „Schule der Emanzipation“. „Nur“ AufklĂ€rung, nur Propaganda 
 als hĂ€tte jemals allein das Wort, die Schrift die Menschen dazu gebracht, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Nein. Dazu gehört die andere Seite der materialistischen Medaille: Die Praxis/das Handeln 
 kein Bock? Then forget it.
Wiederum können wir mehr vom RĂ€tekommunismus mitnehmen als von linken Gewerkschafterinnen, die verzweifelt versuchen, den DGB von innen zu reformieren 
 Gewerkschaftlicher Plattformismus törnt sowat von ab.

Literaturtipp:
Rudolf Rocker: „Anarcho-Syndikallismus“ (Softcover – Hardcover)

Autor*in faud1

Mitglied der FAUD seit den 1990er Jahren,
Mitglied der AFD (jetzt FdA) seit den 1990er Jahren,
GrĂŒndungsmitglied der Anarchistischen Studierenden Initiative (AStI),
Redaktionsmitglied des “MĂŒhsam” – Zeitung des Bilddungssyndikates,
Mitglied des Theater ohne Namens (ToN) und der Gruppe M.A.S.S.A.K.A. (Auftritte in DĂŒsseldorf und Appelscha),
Teil der Organisationsgruppe des I02 in Essen,
Teil der Oragnisationsgruppe der libertÀren Mendienmesse 2010/2012/2014,
Teil der FAUD-Akademie,
MitgrĂŒnder der Schwarzroten Rad-/Wander*innen,
Vortragsreisender (BRD, A, CH, SRB)




Quelle: Duesseldorf.fau.org