Januar 14, 2021
Von Paradox-A
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Heute vor 100 Jahren wurde der US-amerikanische Anarchist Murray Bookchin (wikipedia) geboren. Gemeinsam mit seiner LebensgefĂ€hrtin Janet Biehl entwickelte er die Konzepte der sozialen Ökologie und das des libertĂ€ren Kommunalismus. Ersteres inspirierte öko-anarchistische Bewegungen in den USA wie etwas verzögert auch in der BRD in den 1970ern und 1980ern. Letzteres wurde von der kurdischen Autonomiebewegung aufgegriffen und mĂŒndete in die Struktur des demokratischen Konföderalismus, welche heute in Rojava praktiziert und weiter aufgebaut wird. Bookchin war der Überzeugung, dass Menschen in einer modernen Gesellschaft ökologisch vertrĂ€glich leben können, wenn das HerrschaftsverhĂ€ltnis ĂŒber die Natur gleichermaßen, wie das von Menschen ĂŒber Menschen abgeschafft wĂŒrde. Aus der Perspektive der radikalen Ökologiebewegungen arbeitete er an der Erneuerung eines anarchistischen RevolutionsverstĂ€ndnisses. Weiterhin beschĂ€ftigte er sich mit herrschaftsfreier Stadtplanung und wie die kapitalistische Mangelgesellschaft durch einen dezentralen Sozialismus ĂŒberwunden werden könnte. 1971 war er an der GrĂŒndung des Institute for Social Ecology, gewissermaßen einem anarchistischen thinktank – etwas, dass es im deutschsprachigen Raum bedauerlicherweise nicht gibt.

In höherem Alter gelang es Bookchin aber leider nicht mehr mit den VerĂ€nderungen der Zeit und der sozialen Bewegungen mitzugehen. Zwar kritisierte er zurecht die esoterischen Tendenzen in der Ökologiebewegung, konstruierte jedoch eine falsche Kluft zwischen Social Anarchism or Lifestyle Anarchism (1995), die vermeintlich unĂŒberbrĂŒckbar wĂ€re – als wenn die umfassende VerĂ€nderung des eigenen Lebens nicht immer ein Teil des Anarchismus gewesen wĂ€re und die Möglichkeiten zur Entfaltung von IndividualitĂ€t nicht ein Gradmesser fĂŒr die gesamtgesellschaftliche Emanzipation seien! Unter anderem Bob Black antwortete ihm mit dem Buch Anarchy after Leftism (1997), in welchem er Bookchin fies, aber sehr erheiternd als „grumpy old man“ bezeichnete – und dessen Thesen ziemlich eloquent zerlegt, um seinen Individualanarchismus zu entfalten.

Auch diese Episode verdeutlicht jedoch die Bedeutung, welche Bookchin die die anarchistische Bewegung ĂŒber einige Jahrzehnte hatte – zumals es wenige Anarchist*innen gibt, die als öffentliche Intellektuelle wirken, eigenstĂ€ndige Konzepte entwickeln und es schaffen, in verschiedene Bevölkerungskreisen Gehör zu finden.

Murray Bookchin starb am 30.06.2006.




Quelle: Paradox-a.de