November 5, 2022
Von Paradox-A
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Lesedauer: 3 Minuten

Anfang des Sommers drückte mir eine Genossix bei meinem Besuch ein Buch in die Hand, das Anfang des Jahres veröffentlicht wurde: The Solutions are already here. Strategies for ecological revolution from below von Peter Gelderloos. Sie war dem Autoren persönlich begegnet und wirkte überzeugt. Obwohl ich mich direkt in die Lektüre stürzen wollte, dauerte es dann doch eine Weile, bis ich mich dem komplexen Thema widmen konnte.

In fünf Kapiteln verfolgt Gelderloos die anarchistische Herangehensweise, dass es an den Menschen selbst ist, also an uns liegt, unsere Geschichten zu schreiben und die Gesellschaft von unserer unmittelbaren Umgebung ausgehend, radikal zu verändern. Dies bedeutet zu protestieren, zu organisieren und zu gestalten. So umfassend wie die system-immanenten Krisen, welche die staatlich-kapitalistische Gegenwartsgesellschaft durchlaufen, müssen auch die Antworten auf die alltägliche Apokalypse in der wir zu leben gezwungen werden sein. Doch die schlichte und gute Nachricht, der ich mich vollkommen anschließe, ist: Alles was wir brauchen ist bereits da.

In fünf Kapiteln kritisiert der Autor grundlegend das Anthropozän, welches die Herrschaftsordnung eingeleitet hat („A ide-Angle View“) und zeigt auf, wie irrsinnig und heuchlerisch jegliche Bestrebungen zur „sozial-ökologische Transformation“ in der Umsetzung tatsächlich sind (Foxes Building Henhouses“). Er beschreibt, wo und wie aktuell protestiert wurde und welche Perspektiven daraus hervorgehen („The Solutions are already here“), wie sich diese zusammenbringen lassen („Versatile Strategies“) und wie eine grundlegend andere Zukunft aussehen könnte („A truly different future“).

Um einer ökologisch verträglichen Lebensweise Raum zu geben, bedeutet dies in zahlreichen Gegenden weltweit auch militant gegen Konzerne vorzugehen, deren schonungslose Ausbeutung von Mitwelt und Menschen durch staatliche und paramilitärische Repression gedeckt wird und legislativ und juristisch abgesichert wird. Die selben Akteure, welche Umweltaktivist*innen ermorden lassen preisen in ihrer Werbung ihre angeblich nachhaltige Produktionsweisen an, welche z.B. auf Kompensationszahlungen beruhen, die sie inzwischen ohnehin (manchmal) bezahlen müssen.

Gerade das letzte Kapitel halte ich für notwendig und innovativ, insofern es meistens weniger die Kritik an der bestehenden Gesellschaftsform ist, welche zu ihrer emanzipatorischen Überwindung motiviert, sondern die Hoffnung, dass konviviale, lebenswerte Zukünfte möglich sind. Dass wir ihnen stets nur gebrochen, tastend und widersprüchlich entgegen gehen können, versteht sich dabei von selbst. Und dennoch können wir mit diesem vielfältigen Streben nach Autonomie das Wagnis eingehen, die Gesellschaft neu zu schaffen. So „radikal“ einige Linke auch denken oder sich geben mögen – zu dieser anarchistischen Einsicht gelangen die wenigsten von ihnen.

Hierbei geht es nicht zuerst um die realen Machtverhältnisse, die ideologisch-affektive Verhaftung der Subjekte in der Herrschaftsordnung oder die Gefahr, dass faschistische Kräfte das Vakuum füllen könnten, dass beim Zusammenbruch des Bestehenden entsteht. Mit diesen Realitäten müssen sich selbstverständlich auch Anarchist*innen auseinandersetzen, wenn sie ihre Vorhaben voranbringen wollen. Wichtig ist jedoch die Frage der Perspektive: Wie schauen wir uns die Dinge an? Wie gehen wir an sie heran? Diese schwierig zu bewältigende Perspektiven-Verschiebung ist in sich ein Beitrag zur Umformung der Welt von unserer Seite her – und kann nur so gut funktionieren, wie sie an die materiellen und sonstigen Bedingungen rückgekoppelt ist, unter denen sie vollzogen werden kann.

Gelderloos aktuelles Buch ist dahingehend fundiert, dass er Interviews mit Aktivist*innen aus verschiedenen Teilen der Erde geführt und ihnen dabei gut zugehört hat. Dies überzeugt mich persönlich weit mehr als die Aussage, seine Erkenntnisse wären „wissenschaftlich fundiert“, wie er hinsichtlich „Worshiping Power. An anarchist view of early state formation“ (2013) behauptete. Dass der Autor involviert schreibt, dazu (vermutlich aufgrund seiner umtriebigen Lebenssituation) viel auf Internetquellen zurückgreift und seine Argumentation somit stark am Ziel orientiert ist, welches für ihn bereits feststeht, halte ich für legitim. Wichtig erscheint mir aber, dies transparent zu machen und damit überzeugen zu wollen. Ein wissenschaftlicher Anspruch würde seine stichhaltigen Argumente eher unglaubwürdig machen.

Doch wie erwähnt halte ich The Solutions are already here für lesenswert und am Puls der Zeit. Einmal deutlicher wird mir damit, dass der linken Szene im deutschsprachigen Raum anarchistische Perspektiven und Herangehensweisen gut tun würden.




Quelle: Paradox-a.de