Oktober 13, 2021
Von InfoRiot
271 ansichten


Seit der MachtĂŒbernahme der radikalislamischen Taliban in Afghanistan hat sich die Lage fĂŒr viele Menschen vor Ort drastisch verschlechtert, vor allem fĂŒr Frauen und MĂ€dchen. Menschenrechtsaktivist:innen, Journalist:innen und ehemalige OrtskrĂ€fte, die fĂŒr das westliche MilitĂ€r gearbeitet haben, sind der Verfolgung durch die Taliban ausgesetzt und mĂŒssen um ihr Leben fĂŒrchten. Potsdam hat sich bereit erklĂ€rt, einige OrtskrĂ€fte aufzunehmen, die ersten sind bereits in der Landeshauptstadt angekommen: Drei Familien mit insgesamt elf Menschen. Am Montag zog die erste Familie in den Staudenhof ein, zwei weitere sind in GemeinschaftsunterkĂŒnften untergebracht und sollen bald folgen.

Potsdam will 60 Menschen aus Afghanistan aufnehmen

Insgesamt will die Stadt 60 Menschen – OrtskrĂ€fte inklusive Familien – aufnehmen und stellt dazu 23 Wohnungen im Staudenhof zur VerfĂŒgung. „Die ersten elf Wohnungen sind bezugsfertig. Die anderen zwölf Wohnungen werden sukzessive bereitgestellt“, sagte Stadtsprecher Jan Brunzlow. Damit sind die GeflĂŒchteten in Sicherheit, doch viele mussten Familienangehörige in Afghanistan zurĂŒcklassen – das Visum gilt nur fĂŒr die OrtskrĂ€fte und ihre Kernfamilie, also Partner:innen und Kinder.

Nadjib Rahmati befindet sich in einer Ă€hnlichen Situation: Der 28-jĂ€hrige Afghane lebt seit 2011 in Potsdam, nachdem er vor den Taliban geflohen war. „Meine Mutter und meine jĂŒngeren Geschwister sind noch in Afghanistan, drei Schwestern und zwei kleine BrĂŒder“, sagt Rahmati. Vor einigen Monaten hatten sie sich noch in Pakistan aufgehalten, doch dann lief ihr Visum ab und sie mussten zurĂŒck nach Afghanistan. „Genau dann haben die Taliban die Macht ĂŒbernommen“, sagt Rahmati.

[Was ist los in Potsdam und Brandenburg? Die Potsdamer Neuesten Nachrichten informieren Sie direkt aus der Landeshauptstadt. Mit dem Newsletter Potsdam HEUTE sind Sie besonders nah dran – in den Herbstferien einmal wöchentlich am Freitag. Hier geht’s zur kostenlosen Bestellung.]

Nun verstecken sich Rahmatis Mutter und Geschwister in einem kleinen Dorf und trauen sich aus Angst vor den Taliban nicht auf die Straße. Das letzte Mal, als Rahmati mit ihnen Kontakt hatte, ging es ihnen sehr schlecht: „Sie weinten die ganze Zeit. Sie sagen, wir können nicht nach draußen gehen, wir können nicht mehr zur Schule gehen, wir können nur hier im Haus sitzen.“ Rahmatis Familie sei schon frĂŒher bedroht worden: Sein Vater war Politiker und sei von den Taliban immer wieder unter Druck gesetzt worden, mit ihnen zusammenzuarbeiten. „Aber er hat sich geweigert“, sagt Rahmati.

Die Erlebnisse aus seinem Heimatland verfolgen ihn noch nach Jahren

Eines Tages beschossen die Taliban sein Haus mit Raketen, Rahmatis Onkel wurde dabei getötet, er und seine Geschwister wurden verletzt. „Seitdem habe ich eine Metallplatte im Bein“, sagt Rahmati. Danach verschleppten die Taliban Rahmatis Vater, drei Monate spĂ€ter legten sie seinen Leichnam vor das Haus der Familie. „Danach wollten sie mich haben“, sagt Rahmati. Er schaffte es, nach Deutschland zu fliehen und sich in Potsdam nach und nach eine neue Existenz aufzubauen: Von 2015 bis 2017 machte er eine Ausbildung zum Hotelfachmann, lernte seine heutige LebensgefĂ€hrtin kennen, ist mittlerweile stolzer Vater und arbeitet als Sicherheitskraft im Potsdamer Jobcenter.

Doch die Erlebnisse aus der Vergangenheit verfolgten ihn weiter: „Ich musste die Ausbildung zum Hotelfachmann aus gesundheitlichen GrĂŒnden abbrechen, ich hatte psychische Probleme wegen der Dinge, die ich in Afghanistan gesehen hatte“, so Rahmati. Dazu leidet er an Schlafstörungen; diese haben sich seit der MachtĂŒbernahme der Taliban verstĂ€rkt, da Rahmati in großer Sorge um seine Mutter und seine Geschwister ist. „Ich kann manchmal kaum schlafen“, sagt Rahmati. „Ich werde erst glĂŒcklich sein, wenn meine Familie in Sicherheit ist.“ So wie ihm geht es fast allen der 747 Afghaninnen und Afghanen, die in Potsdam leben: „Alle haben Verwandte in Afghanistan. Es ist sehr schlimm geworden“, sagt Rahmati.

Viele Afghan*innen in Potsdam sind in großer Sorge

Die Vorsitzende des Potsdamer Migrantenbeirats bestĂ€tigt dies. „Viele machen sich große Sorgen um ihre Familien und Verwandten“, sagt Fereshta Hussain, die selbst aus Afghanistan stammt. „Manche haben Frau und Kinder dort lassen mĂŒssen. Es gibt auch viele minderjĂ€hrige GeflĂŒchtete, die hier ankommen und sich Sorgen um ihre Eltern machen.“ Ende August hatte der Migrantenbeirat drei Sprechstunden fĂŒr Potsdamer Afghaninnen und Afghanen angeboten, an den ersten zwei Tagen nahmen 57 Menschen das Angebot wahr, am dritten Tag waren es sogar 70.

„Viele waren psychisch sehr angeschlagen, weil sie zum Teil seit vier oder fĂŒnf Wochen keinen Kontakt mehr zu ihren Angehörigen hatten“, sagt Hussain. Aufgrund der schwierigen VerhĂ€ltnisse im Land sei es nur selten möglich, die Verwandten per Telefon oder Internet zu erreichen. „Ihre Tagesstruktur war ganz durcheinander geraten, weil sie stĂ€ndig Nachrichten geschaut haben und versucht haben, an Informationen heranzukommen“, so Hussain.

Familiennachzug gestaltet sich oft schwierig

Viele wollen einen Familiennachzug beantragen, doch das gestaltet sich schwierig: Zum einen haben viele der in Potsdam lebenden Afghan:innen keinen Aufenthaltsstatus und sind nur geduldet, zum anderen sind die deutschen Botschaften derzeit ĂŒberlastet.

Auch Rahmati hat schon lange nichts mehr von seiner Familie gehört, im September hat er es nur einmal geschafft, mit ihnen zu sprechen. Vor eineinhalb Monaten hat er einen Antrag auf Familiennachzug gestellt, doch auch er weiß nicht, wie lange er auf die Bearbeitung des Antrags warten muss. „Wir brauchen mehr Hilfe von den Botschaften“, sagt Rahmati. Auch Hussain beklagt, dass viele Menschen aus dem Land in der Luft hĂ€ngen und kaum Ansprechpartner fĂŒr ihre Sorgen haben: „Es wĂ€re sehr gut, wenn die Behörden schneller arbeiten könnten.“

Rahmati bleibt nur ĂŒbrig, zu warten. Seiner Familie vor Ort helfen kann er nicht: „Wenn ich nach Afghanistan gehen wĂŒrde, wĂŒrden die Taliban mich töten. Das haben sie mir vor ein paar Tagen auf Facebook geschrieben.“ Er wĂŒnscht sich, dass seine Familie endlich in Sicherheit ist und genauso in Frieden leben kann, wie er. „Ich hoffe, dass meine Schwestern und BrĂŒder ihren Traum verwirklichen und in Deutschland zur Schule gehen können“, sagt Rahmati.




Quelle: Inforiot.de