Mai 29, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Ernst Kovahl
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 195 – MĂ€rz / April 2022

#Herrschen

Was ist reaktionÀre Politik und welche Bedeutung hat diese Denk-Tradition heute in der deutschen Rechten?

antifa Magazin der rechte rand
© Mark MĂŒhlhaus | attenzione

Schlips, Sakko mit Karos, brauner V-Kragen-Pullover und Einstecktuch: Der Schauspieler der Reihe »Klassiker des Herrenwitzes« in der »Harald Schmidt Show« war fĂŒr seine Rolle passend eingekleidet worden. Das Image des bĂŒrgerlichen Spießers mit gehobenem Einkommen und reaktionĂ€rem Weltbild. Der »gepflegte Herrenwitz« oder das Verhöhnen und LĂ€cherlichmachen von prominenten Frauen in der Politik oder Wirtschaft anhand von körperlichen Merkmalen, scheinbaren KompetenzmĂ€ngeln oder vermeintlich unangebrachter Kleidung ist heute wahrscheinlich eine der verbreitetsten Formen, wie sich reaktionĂ€re Vorstellungen artikulieren – und das gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen haben in diesem Weltbild Frauen höchstens in AusnahmefĂ€llen als eigenstĂ€ndige und einflussreiche Personen etwas in der gehobenen Gesellschaft und in fĂŒhrenden Positionen verloren, genau so wenig ĂŒbrigens wie Arbeiter*innen oder Nicht-Akademiker*innen. Das Recht zum Herrschen und FĂŒhren hat nur eine Elite. Demokratie – also die Herrschaft der Masse – ist fĂŒr ReaktionĂ€re nur der Ausnahmezustand von einer naturgegeben Ordnung. Zum anderen wird die Abwertung des gesellschaftlich UnerwĂŒnschten durch vermeintliche Witze selbst als eine Form des Widerstands gegen die heutige Gesellschaft verstanden – also als eine Reaktion auf Modernisierung.

Oben und unten
ReaktionĂ€re Politik, das ist – erst einmal begrifflich eng gedacht – die Ablehnung von Modernisierung und progressiven VerĂ€nderungen der Gesellschaft. Leitend fĂŒr diese Vorstellung ist, dass vermeintlich immerwĂ€hrende Werte die Welt leiten.
FĂŒr ReaktionĂ€re ist die heutige Welt unverstĂ€ndlich und auf absehbare Zeit sowie auf demokratischem Weg nicht zu verĂ€ndern. Ihr UnverstĂ€ndnis auf den Punkt gebracht: Es könne doch nicht gesellschaftliche RealitĂ€t sein, was die Natur, die Tradition oder der Glaube nicht vorgesehen haben. »Das Konservative, das Rechte, das ReaktionĂ€re, das UnzeitgemĂ€ĂŸe, das WiderstĂ€ndige, das ImmergĂŒltige muß gestĂ€rkt werden – in der AfD genauso wie gesamtgesellschaftlich«, schrieb Götz Kubitschek 2014 auf dem Blog seiner Zeitschrift »Sezession«. Den Begriff des »ReaktionĂ€ren« reihte er wie selbstverstĂ€ndlich ein zwischen dem Konservatismus und der Rechten. Jahrzehntelang stellte er fĂŒr die radikale Rechte keinen Bezugspunkt dar. Vielmehr nutzten ihn »NationalrevolutionĂ€re« in den 1970er Jahren sogar als Abgrenzung gegenĂŒber der NPD, der eine reaktionĂ€re Politik vorgeworfen wurde; gemeint waren rechtes SpießbĂŒrgertum und biedere Formen der Politik. Seit einigen Jahren ist der Begriff in der »Neuen Rechten« dagegen wieder en vogue. Es sei der Widerstand gegen das Moderne und der in der heutigen Gesellschaft zurĂŒckgezogen gelebte Widerstand gegen die Errungenschaften, die sich aus den Ideen der französischen Revolution ergeben haben: Die Idee der AufklĂ€rung, der SolidaritĂ€t, Freiheit und Gleichheit. Heino Bosselmann, ein Dauerautor der »Sezession«, brachte diese Haltung 2014 auf den Punkt: »Es ist das Vorrecht des ReaktionĂ€rs, sich innerlich widerwĂ€rtigen ZeitlĂ€ufen zu verweigern, auch wenn er in dieser Haltung immer skurriler und absurder wirkt.« ReaktionĂ€re Haltung heute, das sei die Sezession von der modernen Welt.

Im Kern richtet sich reaktionĂ€re Politik gegen die Errungenschaften und Ziele der Französischen Revolution von 1789. Es ist die Gegen-Revolution gegen »LibertĂ©, ÉgalitĂ©, Fraternité« (Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit). Hier wurzelt der Begriff, unter dem spĂ€ter Adel, Kleriker und bĂŒrgerliche Monarchisten zusammengefasst wurden, die sich gegen die radikalen Vertreter der Revolution, die Jakobiner, stellten und ein ZurĂŒck zur alten Herrschaft wollten. Das deutsche BĂŒrgertum stand schon damals der Durchsetzung der Ziele der Revolution ablehnend gegenĂŒber. WĂ€hrend bĂŒrgerliche Rechte und eine Emanzipation gegenĂŒber Klerus und FĂŒrsten aufgegriffen wurden, wurde die Ausweitung auf breitere Schichten bekĂ€mpft. SpĂ€ter, zum Scheitern der deutschen Revolution 1848/49, schrieb der Dichter Heinrich Heine, sie sei auf »Dummheit, Feigheit und politische MittelmĂ€ĂŸigkeit ihrer intellektuellen WortfĂŒhrer« zurĂŒckzufĂŒhren. Es sei nicht gelungen, die politischen Forderungen mit den »sozialen Anliegen der Massen des KleinbĂŒrgertums, der Bauern, Handwerker und Arbeiter zu verknĂŒpfen«, wie es in Frankreich den Jakobinern gelungen sei. Das BĂŒrgertum – zumindest Teile davon – war also in Deutschland in einer reaktionĂ€ren Rolle, die eine tatsĂ€chliche Entwicklung im Sinne der französischen Revolution verhinderte.

Internationaler Zirkel
Die radikale Rechte – gerade auch im Umfeld der Vordenker des Faschismus – griff den Begriff der Reaktion spĂ€testens in den 1930er Jahren wieder positiv auf. So schrieb der in der radikalen Rechten einflussreiche italienische Philosoph Julius Evola damals: »Nach unserer Überzeugung ist eine wahre Reaktion gegen den liberalistischen Verfall nur auf der Grundlage der traditionellen GrundsĂ€tze von Hierarchie, Aristokratie und Königtum möglich.« Und dennoch fand der Begriff spĂ€ter nicht zentral Eingang in beispielsweise das Kompendium »Die Konservative Revolution in Deutschland 1918 – 1932«, das rĂŒckwirkend aus den antidemokratischen Denkern der Zwischenkriegszeit im Umfeld des erstarkenden Faschismus eine scheinbar kohĂ€rente Denkschule konstruierte. Auch in zentralen Werken von beispielsweise Karlheinz Weißmann (»Alles was recht(s) ist. Ideen, Köpfe und Perspektiven der politischen Rechten«, 2000) oder in Caspar von Schrenk-Notzings in der Rechten verbreiteten »Lexikon des Konservatismus« (1996) findet der Begriff keine herausgehobene Verwendung.

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Buch ĂŒber das “Institut fĂŒr Staatspolitik” und die Faschist*innen des 21. Jahrhunderts
erschien 2020 und ist im Buchhandel erhÀltlich.

Über den kolumbianischen Philosophen und in Abgeschiedenheit wirkenden Privatgelehrten NicolĂĄs Gomez DĂĄvilla (1913–1994) fand eine explizit reaktionĂ€re Denkschule wieder stĂ€rker Eingang in die radikale Rechte in Deutschland, vor allem die »Neue Rechte«. Sein Begriff des ReaktionĂ€ren unterschied sich vom Konservatismus oder Faschismus, es zielte auf das Ewige: »Der ReaktionĂ€r ist nicht der nostalgische TrĂ€umer abgeschaffter Vergangenheiten, sondern der JĂ€ger heiliger Schatten auf den ewigen HĂŒgeln.« Über den österreichischen »Karolinger Verlag« kamen seine Schriften schließlich in deutscher Übersetzung Anfang der 1990er Jahre verstĂ€rkt in die Debatten der Rechten hierzulande. Eine Revolte gegen die Moderne war Kern seines reaktionĂ€ren Denkens und die Ablehnung von AufklĂ€rung. Der rationalen Wissenschaft stellte er das scheinbar auf Dauer Gegebene und die vermeintlich ewigen Werte gegenĂŒber. DĂĄvilla wurde durch weitere Arbeiten, unter anderem von dem rechten Literaturwissenschaftler Till Kinzel, in der Rechten bekannt. Sein Buch »NicolĂĄs GĂłmez DĂĄvila. ParteigĂ€nger verlorener Sachen« erschien 2003 bei »Antaios«, dem Verlag von Götz Kubitschek, und 2015 in einer Neuauflage beim katholischen »Lepanto Verlag«.

ReaktionĂ€re Ideologie grenzt sich zum Faschismus mindestens dadurch ab, dass fĂŒr die Legitimation der Herrschaft die Massen nicht nur nicht benötigt, sondern vielmehr gar nicht erwĂŒnscht sind. Und Herrschaft könne auch nicht an Emporkömmlinge delegiert werden, sondern bedĂŒrfe »natĂŒrlicher« – ewiger – Legitimation. GegenĂŒber dem Konservatismus besteht eine Differenz in der harschen Ablehnung von Kompromissen und der VerstĂ€ndigung mit anderen Teilen der Gesellschaft in einem formal-demokratischen Verfahren und der Negation ihrer Prinzipien. Eine aus Sicht von ReaktionĂ€ren legitime Herrschaft kann und darf nicht durch demokratische Wahlen beendet werden – sie ist mit allen Mitteln zu verteidigen. Konservative akzeptieren die Abwahl – sowohl in der Praxis als auch im Grundsatz, selbst wenn es andere Beispiele gibt. ReaktionĂ€r, das ist der unbeschrĂ€nkte Wille zur Herrschaft, sobald sie durch ewige Werte legitimiert wĂ€re.

ReaktionĂ€re Politik versteht sich aber grundsĂ€tzlich in einer Position der Defensive. Gegen die Gleichheit, gegen die AufklĂ€rung, gegen die Emanzipation. Gegen eine Entwicklung der Welt, die sich scheinbar kontinuierlich – wenn auch mit RĂŒckschlĂ€gen – in Richtung Moderne und fortschrittlicher Werte entwickelt. Dem ReaktionĂ€r bleibt nur der RĂŒckzug. Damit entfaltet reaktionĂ€res Denken natĂŒrlich WirkmĂ€chtigkeit als eine Kraft, das Rad der Geschichte hin und wieder ein klein wenig zurĂŒckzudrehen oder progressive Entwicklungen auszubremsen. ReaktionĂ€res Denken kann sich – in Konsequenz gedacht – weder im Konservatismus, der sich im bĂŒrgerlich-demokratischen Staat an der Mitgestaltung beteiligt, ansiedeln, noch kann es an dem vermeintlich an den Massen orientierten und sich selbst als revolutionĂ€r verstehenden Faschismus andocken. ReaktionĂ€res Denken ist elitĂ€r und solitĂ€r und bleibt im Defensiven verhaftet – damit ist in der heutigen Bundesrepublik kaum AttraktivitĂ€t ĂŒber einen engen Kreis von Intellektuellen der radikalen Rechten zu gewinnen.




Quelle: Der-rechte-rand.de