Juli 28, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Einleitung der Soligruppe fĂŒr Gefangene:

Wir haben einen weiteren wichtigen Text ausgegraben und aus dem Italienischen ĂŒbersetzt, einen der schon seit vielen Jahren auf der Liste ganz oben stand, ein Text der uns in unserer Jugend sehr beeinflusste und auch vor 15 Jahren, oder lĂ€nger, hĂ€tte erscheinen können, aber erst jetzt das Licht sieht. Wie auch immer


Unter dem Strich geht es gegen die Legalisierung von besetzten HĂ€usern, wie der Titel schon selbst sagt, aber nicht nur. Es sollte erwĂ€hnt werden, dass dessen Voraussetzung, logischerweise, aber eben besetzte HĂ€user waren, was heutzutage, zumindest hier in Berlin nicht gerade en vogue ist. Deshalb spielte dieser Text, der ursprĂŒnglich aus Italien, 1994 veröffentlicht, konkret aus einem anarchistischen besetzten Haus in Turin stammt, eine wichtige Rolle fĂŒr einigen LĂ€nder, in denen es eine große Welle an Besetzungen gab und zum Teil noch gibt, also nicht nur Italien, damals so wie heute, sondern auch z.B., der spanische Staat, wo dieser Text schon in den spĂ€ten 1990er im Umlauf war.

Denn eine wichtige Frage, die sich alle anarchistischen und revolutionĂ€ren Gruppen stellen sollten, ist, was fĂŒr eine genaue Funktion diese denn haben sollen. Ist es, wie der Text selbst vorschlĂ€gt, ein Sprungbrett fĂŒr die Selbstverwaltung von KĂ€mpfen, fĂŒr Direkte Aktionen, usw. oder ist es ein Fetisch, welcher von jeglicher herrschenden Ideologie eingenommen werden kann? Dies wĂ€ren nur ein paar wenige der Fragen, die dieser Text behandelt.

Als der Text erschien, sprich vier Jahre nach der GrĂŒndung der BRD, sind vor allem in Berlin die letzten besetzten HĂ€user entweder legalisiert worden, als sie einen Vertrag kriegten, oder gerĂ€umt worden. Es entgeht unser Kenntnisse, wie und ob in den frĂŒheren 1980er und dann spĂ€ter in den frĂŒheren 1990er, aber dann vor allem in Ost-Berlin, Debatten und Diskussionen um das Legalisieren von besetzten HĂ€usern existierten, bzw., es entgeht uns wie dies genau stattfand. Ob dies nur intern in der Bewegung diskutiert wurde, oder ob es auch lĂ€ngere Debatten gab, die niedergeschrieben wurden und fĂŒrs hier und jetzt von großem Nutzen wĂ€ren. Wir wissen von Bekannten, die diese Zeit erlebten und in den KĂ€mpfen involviert waren, dass vor allem in den 1980er, in West-Berlin zumindest, solche Debatten und Diskussionen existierten und die Mehrheit der Bewegung gegen die Legalisierung war. Das Ende dieser Geschichte ist die Niederlage dieser Bewegung und der Sieg derjenigen reformistischen und realpolitischen KrĂ€fte, die danach dem Konzept der Hausprojekte TĂŒr und Tor öffneten, als nicht wenige ehemalige besetzte HĂ€user legalisiert wurden und die Dynamik von KĂ€mpfen diesem Widerspruch angepasst wurden. Es lĂ€sst sich daraus die Frage stellen, was fĂŒr Konsequenzen dies alles bis in unsere Tage noch mitbeeinflusst.

Ein weiteres Thema, das in diesem Text von Bedeutung ist, dreht sich um die Frage der Selbstverwaltung, aber nicht in der sinnentleerten Form wie sie heute gestellt und geĂ€ußert wird, sondern sich plastisch aus der Frage der Praxis im Kampf gegen Staat und Kapital bildet. Oder anders formuliert, es handelt sich um die Selbstverwaltung der KĂ€mpfe und die entscheidende Rolle die darin RĂ€ume wie besetzte HĂ€user spielen könnten.

Alles weitere was uns zu diesem Text einfÀllt, sind Fragen, die in anderen BeitrÀgen zu der Frage von Eigentum und Wohnungsfrage, zu Themen wie dem Reformismus in einigen anarchistischen Gruppen und weiteres erscheinen werden.

Tod dem sozialen Frieden!


OPUSCOLO DI SVILUPPO DEL MANIFESTO CONTRO LA LEGALIZZAZIONE DEGLI SPAZI OCCUPATI

Torino, febbraio 1994

da El Paso Occupato e Barocchio Occupato


GEGEN DIE LEGALISIERUNG VON BESETZTEN RÄUMEN

Turin, Februar 1994

PAMPHLET ZUR ENTWICKLUNG DES MANIFESTS GEGEN DIE LEGALISIERUNG VON BESETZTEN RÄUMEN

von Mario Frisetti, Mario Spesso, Luca Bruno, aus El Paso Occupato und Barocchio Occupato

EINLEITUNG: FREI LEBEN ODER STERBEN

Unser Traum ist es, frei zu leben, alle Formen der konstituierten Macht und alle Hierarchien, die ihre Negation sind, zu zerstören.

FĂŒr uns ist die Freiheit nicht von der Freude zu trennen. Wir sind jedoch bereit, titanische Anstrengungen zu unternehmen, um Freiheit und Freude zu erreichen. Im Bewusstsein, dass es keine Freiheit in der Opferung und Aufopferung gibt.

In diesem Sinne ist die vollstĂ€ndigste Erfahrung, die wir heute machen können, die der Selbstverwaltung, die Raum fĂŒr direkte Aktionen schafft, verstanden als eine offene, kollektive, erweiterbare Erfahrung, die sich nicht um die vom Staat gezogenen ZĂ€une zwischen LegalitĂ€t und IllegalitĂ€t schert.

Die Besetzung von verlassenen RÀumen bringt diese PrÀrogative zusammen und öffnet den Weg, auf die richtige Art und Weise, zur Selbstverwaltung. Die Entwicklung der Selbstverwaltung unseres Lebens ist nicht möglich, ohne das Bestehende zu unterwandern.

DIE SELBSTVERWALTUNG

Ist die Form der Verwaltung der Anarchie. Ihr schlagendes Herz.

Selbstverwaltung ist die Möglichkeit, nach dem Prinzip der Eigenverantwortung und der Methode der Einstimmigkeit (sicher nicht der der – demokratischen – Mehrheit) die Regeln unserer Existenz festzulegen.

Selbstverwaltung, um die Möglichkeit zu bieten, die getrennten SphÀren der menschlichen Erfahrung wieder zu vereinen: die Ideen und Handlungen, Hand- und Kopfarbeit, um jene VollstÀndigkeit wiederzugewinnen, die uns durch die von der Kultur der Macht auferlegte Spezialisierung der TÀtigkeiten genommen wurde.

DENN DIE SELBSTVERWALTUNG IST DIE PRIMÄRE KRAFT DER BESETZUNGEN UND DIE UNABDINGBARE VORAUSSETZUNG FÜR IHRE ENTWICKLUNG IM SUBVERSIVEN SINNE.

Schon 1988 schrieben die Besetzer von El Paso im Bulletin der Sozialen Zentren, dass die Besetzer die Subjekte ihrer Aktion seien, die ersten Nutzer, die ersten, die diese Genugtuung verspĂŒrten.

Das Besetzen von HĂ€usern geht von der Notwendigkeit aus, die realen BedĂŒrfnisse zu befriedigen; nach einem Zuhause, einem Ausdrucksraum, einem Ort der Geselligkeit und der Nicht-Kommerzialisierung, sowie der Ablehnung gegenĂŒber den entfremdenden Regeln der Institutionen.

Nur dieses direkte Interesse, der Wunsch, diese starken Bestrebungen zu verwirklichen, die verweigert werden, gibt den Besetzern die Kraft, die Phasen der Repression zu ĂŒberwinden, von RĂ€umung zu RĂ€umung, von Anzeige zu Anzeige zu gehen, bis sie es schaffen, einen Raum zu öffnen und wirklich die kollektive Selbstverwaltung zu beginnen. Und die tausenden von Schikanen der Macht gegen die besetzten Orte (Kontrollen – Razzien – neue Anzeigen) zu ertragen.

Die Tatsache, dass die Besetzer die Ergebnisse ihrer Aktionen und ihrer Selbstverwaltung egoistisch in erster Linie auf sich selbst richten, ist die beste Garantie fĂŒr die Echtheit ihres Diskurses. Diejenigen, die das Gleiche tun wollen, finden so einen neuen Weg, der bereits getestet wurde. Auf diese Weise verleugnen die Besetzer, ohne auf den politischen Kampf oder vielmehr den Kampf fĂŒr die Zerstörung der Politik verzichten zu mĂŒssen, negieren sich die Besetzer selbst losgelöst von der militanten Avantgarde und schlagen sich selbst als die ersten Benutzer ihrer Werke vor, indem sie sich persönlich aufs Spiel setzen.

Die GĂŒte ihres Lebensexperiments und die subversive Aufladung ihrer VorschlĂ€ge wird sich an den Ergebnissen der Selbstverwaltung innerhalb und außerhalb des besetzten Hauses zeigen.

Die persönlich beteiligten Besetzer, nicht mehr nur auf der Ebene der ideologischen Abstraktion – wie die Militanten der politischen Kollektive – werden also tausend gute GrĂŒnde haben, fĂŒr die Verwirklichung der Selbstverwaltungsprojekte hart zu kĂ€mpfen, die sie als Protagonisten einer unmittelbaren Verbesserung ihrer LebensqualitĂ€t durch die Wiederaneignung der von der Macht weggenommenen FreiheitsrĂ€ume sehen.

Auf diese Weise wird die vollstĂ€ndige Überwindung der traurigen und anachronistischen Figur des politisch-ideologischen Militanten der 70er Jahre, der mit der Dynamik der Selbstverwaltung unvereinbar ist, in einem subversiven Sinn realisiert. Und mit seinem Verschwinden haben auch die blassen Gestalten der Viehtreiber und der Massen (A.d.Ü., Menschenmassen) der Platz-Manöver, kĂŒnftige Stimmen der Linken, ein schweres Leben. Ein sauberer Bruch mit der politischen Entfremdung der marxistisch-leninistischen Matrix, die zu den bekannten Katastrophen der 70er und 80er Jahre fĂŒhrte.

Ein Schlag ins Gesicht der Massifizierung, welches Delegation und Hierarchie voraussetzt, sowie der Rollenteilung und der starren Organisation. Ein Schlag ins Gesicht fĂŒr das Quantitative als zentrales Bewertungskriterium aller Initiativen und Ideen.

Das quantitatives Konzept des „mit allen Mitteln“, das der viel beschworenen Politik der Aggregation zugrunde liegt.

DIE EINGESPERRTE SELBSTVERWALTUNG STIRBT

Die Selbstverwaltung ist die unabdingbare Voraussetzung fĂŒr die Entwicklung einer subversiven Praxis der SoziabilitĂ€t.

Dies ist in den Besetzungen stark ausgeprÀgt.

Aber die Selbstverwaltung, die in den Mauern einer Besetzung eingeschlossen ist, stirbt.

Die subversive libertĂ€re Idee und Praxis kann nicht in der Erhaltung eines Raumes erschöpft werden, auch wenn besetzt. Ihre Entwicklung schließt eine statische Dimension aus.

Der Gedanke der Selbstverwaltung ist nicht denkbar, wenn er nicht auf alle Lebensbereiche ausgedehnt wird und die Einpferchung in vier WĂ€nden nicht akzeptiert wird. Aus der zurĂŒckgezogenen Selbstverwaltung wird unweigerlich die Selbstverwaltung des Elends, die Selbstverwaltung des Ghettos.

Sich an die KrĂŒmel zu klammern, die vom Bankett der MĂ€chtigen fallen, wenn es alles wiederzugewinnen gibt, ist ein Diskurs der kleinlichen Erhaltung, der uns fremd ist, der stattdessen den PlĂ€nen der Kontrolle und der Wiedererlangung1 der Macht entgegenkommt.

Die Erfahrungen der sozialen Zentren und der besetzten HÀuser der 80er Jahre in Italien und die internationalen Erfahrungen, geben uns ein klares Bild vom traurigen Ende der selbstverwalteten RealitÀten, die sich in sich selbst eingeschlossen haben.

Die Stadien der Selbstauslöschung sind wiederkehrend: große Verknappung der nach außen gerichteten AktivitĂ€ten. Vor allem keine politische TĂ€tigkeit. Jegliche politische AktivitĂ€t, die als Beginn der Korruption erlebt wird, wird verteufelt und – nicht ohne Grund – als nutzlose OpfertĂ€tigkeit identifiziert.

Man spezialisiert sich darauf, andere KĂ€fige zu betreten: den der ‚kĂŒnstlerisch‘-handwerklichen KreativitĂ€t, der Selbstgestaltung, der Selbstinszenierung, der kollektiven Arbeit oder der Unterhaltung: Sex, Drugs, Rock’n’Roll.

Die AusprÀgung und Spezialisierung der Selbstverwalter auf eine oder wenige dieser TÀtigkeiten trennte sie vom Rest der gelebten Erfahrung, die nur dann behandelt wird, wenn man sich den Kopf zerbricht, individuell.

Zu den ersten „politischen“ Formen, die fallen, gehört die Vollversammlung: eine nutzlose Zeitverschwendung. ÜberflĂŒssig in Ansammlungen von wenigen Individuen, instrumentalisiert von geschwĂ€tzigen AnfĂŒhrern, niemals erschöpfend wegen ihrer eigenen Begrenztheit, bleibt die Vollversammlung ein Instrument der Konfrontation und der kollektiven Entscheidungsfindung, das in bevölkerungsreichen Besetzungen voller Initiativen nicht ersetzt werden kann. Es ist in der Tat unabdingbar fĂŒr AnfĂŒhrer in der Ausbildung, zu viele Konfrontationen zu vermeiden, besonders kollektive, um ihre Initiativen als vollendete Tatsachen durchzusetzen.

Die MitlĂ€ufer der Herde ihrerseits sind sehr froh, ihre Zeit nicht an einem frustrierenden Ort vergeuden zu mĂŒssen, an dem sich andere Ă€ußern und an dem sie immer still und passiv sind.

Die Delegation entwickelt sich als natĂŒrliche Art des Umgangs miteinander, und damit auch Verleumdung und Murren als Ventil fĂŒr Unzufriedenheit.

Mit der Schließung von nach außen gerichteten AktivitĂ€ten herrscht ein natĂŒrlich hierarchischer Bandengeist. Und die Aufteilung der Rollen entsprechend dieser Hierarchie.

So entstehen Kapos und Unterkapos und einfache Statisten. Echte Chefs, die entscheiden, ohne sich mit den anderen abzusprechen, sondern die „die Luft riechen“. Die Umsetzung der Entscheidungen der Kapos obliegt den Unterkapos, die in der Gruppe der Loyalisten zu finden sind, die sich um die Kapos dreht.

Auch in Situationen der Überbelegung ĂŒberwiegt die Freundschaft – wir sind hier alle Freunde – was zur fast sofortigen Bildung von mafiösen Beziehungen fĂŒhrt. Es gibt nĂ€mlich nicht mehr eine gemeinsame Vereinbarung, an die sich jeder Einzelne hĂ€lt, weil er sie frei gewĂ€hlt hat, indem er sie mit den anderen besprochen und nach der Methode der Einstimmigkeit gebilligt hat. Aber alles wird von denen zugegeben, die Freunde des Freundes sind, nichts von denen, die in Ungnade fallen oder als Außenstehende der Bande gelten. Es werden (miserable) Privilegien und MissbrĂ€uche verĂŒbt, ohne dass es eine Möglichkeit gibt, die eigenen GrĂŒnde in einem Moment der kollektiven Konfrontation, die nicht mehr existiert, geltend zu machen. Die einzigen Möglichkeiten, sich durchzusetzen, sind Gewalt und Intrigen.

Alle individuellen Spannungen, die sich draußen und vor Ort aufgestaut haben, explodieren im Inneren der Hausbesetzung. Es gibt keine Möglichkeit mehr, sie nach außen zu verschĂŒtten, wo sie herkommen, es fehlen nach außen gerichtete AktivitĂ€ten und revoltierende Aktionen.

Wenn AktivitĂ€ten fĂŒr die Außenwelt ĂŒberleben, dann sind es „stille“ Dinge: schlampige und ĂŒberflĂŒssige handwerkliche Produktionen, soziale Teilleistungen, die mit einem Enthusiasmus erbracht werden, der nur mit dem der Parastaaten vergleichbar ist, meist Shows.

Alles wird zur Kasse gebeten, nicht um neue Initiativen der Selbstverwaltung zu fördern, sondern um die Manager der „Selbstverwaltung“ zu erhalten. StĂ€ndige Verarmung der Ideen, die nur noch im privaten Bereich eine Konfrontation haben. Man trifft sich nur zu rituellen AktivitĂ€ten, die aus der Zeit stammen, als es noch ein GefĂŒhl in der Gruppe gab, das mĂŒde wiederholt wurde. Offensichtliche Permanenz im besetzten Haus aufgrund der UnfĂ€higkeit, andere, mehr anstrebenswerte Möglichkeiten zu schaffen und nicht aus freien StĂŒcken.

Die Tendenz, im Laufe der Zeit alle RĂ€ume zu privatisieren und diejenigen, die nicht zum Wohnen genutzt werden, anzupassen, versucht, mit netten GeschĂ€ften ĂŒber die Runden zu kommen. Verwandlung des besetzten Ortes in einen riesigen heruntergekommenen Laden, in dem alle Bewohner gerne leben wĂŒrden, wobei sie die Illusion kultivieren, dem Vergleich mit dem Rest der Welt zu entkommen.

An diesem Punkt können wir nicht einmal von Selbstverwaltung des UnglĂŒcks sprechen, sondern nur von UnglĂŒck.

Innerhalb der Besetzung wurden alle Mechanismen der Entfremdung, des Autoritarismus, der Ausbeutung und des einfachen Konformismus, denen man durch die Besatzung entkommen ist, reproduziert, schlecht nachgeahmt.

Der Hausbesetzer verzichtet zunĂ€chst auf direkte Aktionen, erfĂŒllt von dem, was ihn zur Eroberung des Ortes gefĂŒhrt hat. Im Glauben, auf der glĂŒcklichen Insel leben zu können, verzichtet er nach und nach auf die Selbstverwaltung. Aber der Hausbesetzer, der die Selbstverwaltung verliert, verliert seinen Geist, seine IdentitĂ€t. Es ist nur der Unrat des Standes der Dinge.

DIE DIREKTEN AKTIONEN

Bekanntlich ist der Akt der Besetzung eines GebĂ€udes eine Form der direkten Aktion: illegal – kollektiv – offen durchgefĂŒhrt, die eine Gruppe von Individuen dazu bringt, einen lebenswichtigen Raum zurĂŒckzugewinnen, der der Gemeinschaft zuvor von der Macht genommen wurde.

Die anarchistische Praxis der direkten Aktion belebt die Selbstverwaltung der bestehenden Besetzungen, indem sie den Besetzern die richtige dynamische Dimension gibt, die die Besetzungen vom Sammelbecken des ganzen Elends aller Besitzlosen, dem Überbleibsel des Zustands der Dinge, in eine zĂŒgellose Erfahrung der Befreiung verwandeln kann.

Wir, die wir eine Vorliebe fĂŒr das Abenteuer und den freien Fluss der Leidenschaften kultivieren, sehen, dass wir nur durch die fortgesetzte Praxis der direkten Aktion, den Sprung aus den vier WĂ€nden, die Überwindung der vom Staat auferlegten Grenzen des Legalen mit GleichgĂŒltigkeit, neue RĂ€ume fĂŒr die Selbstverwaltung unseres Lebens jenseits der Hausbesetzung eröffnen und den bestehenden Besetzungen neue Spannung/Ansporn zufĂŒhren können. Kurz gesagt, um hier und jetzt die Praxis der generalisierten Selbstverwaltung zu verbreiten.

DAS ETIKETT DER SELBSTVERWALTUNG

Im bunten Panorama der Besetzungen in Italien sticht eine ganze Reihe von sozialen Zentren durch ihre einzigartige Interpretation der Selbstverwaltung hervor.

In diesen Zentren ĂŒberwiegt die politische Entfremdung gegenĂŒber anderen Formen der Entfremdung (kĂŒnstlerische, existenzielle, produktive Entfremdung). Es sind die Zentren, in denen sich die Zombies der Opfermilitanz noch mitschleppen. Ihre Matrix ist marxistisch-leninistisch mit hier und da etwas stalinistischer oder maoistischer FĂ€rbung. Hier, und nur hier, ist die Ideologie nie gestorben, die Zeit ist stehen geblieben, es kursieren BĂ€rte, Parkas, Ches Heiligenbilder und Hammer und Sichel in 3D.

Der einzige wirkliche Grund, warum sie entstanden sind, ist die Aggregation der Massen zu politischen Zielen, die von den FĂŒhrern der politischen Organisationen, denen sie angehören, beschlossen wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Zentren nur in Larvenstadium Formen der Selbstverwaltung aufweisen. Aber es ist gut, wie eine Fahne geschwenkt zu werden.
Einige dieser CSA2 zeichnen sich durch eine instrumentale, spektakulĂ€re und zentralisierte Verwaltung der Musik aus. Sie fĂŒhlen sich sehr wohl mit der Kommerzialisierung und dem Rockstar-System.

Wenn das Ziel ist, Leute anzugliedern, ist es besser, dass die berĂŒhmte Gruppe spielt, auch wenn sie Huren im Dienste des Kapitals einer großen Plattenfirma sind, es werden mehr Leute kommen. Und lasst die große Gruppe im großen sozialen Zentrum der Metropole spielen, wo, 
 mehr Menschen kommen werden.

Seltene und gelegentliche Praxis des Selbstaufbaus und ebenso seltene, gelegentliche und verzögerte Praxis der Selbstproduktion. Die Selbstproduktion wird mit erheblicher Verzögerung von der der LibertĂ€ren nachgeahmt. Aber sofort „modernisiert“ mit kĂŒhner Straffung im Sinne des machiavellistisch-jesuitischen Denkens, das jedes Mittel rechtfertigt, um den höchsten Zweck zu erreichen. Selbstproduktionen und Selbstverwaltung von Musik, die im GeschĂ€ft, in der Kommerzialisierung, in der Werbung versinken. Die das sterilisierende Zeichen aller AktivitĂ€ten tragen, die instrumentell fĂŒr einen ĂŒbergeordneten Willen geboren werden.

Die CSA, die sich Selbstverwaltung auf die Fahnen geschrieben haben, sind keineswegs gefeit vor der Forderung nach staatlichen ZuschĂŒssen und der Forderung nach Dienstleistungen fĂŒr den Staat (Umstrukturierung, Instandhaltung, Bereitstellung von Materialien), um natĂŒrlich auch andere Dienstleistungen fĂŒr die Gemeinschaft zu erbringen. Auf diese Weise können wir die touristische Herangehensweise an die Themen des Selbstaufbaus besser erklĂ€ren.

Es wĂ€re gut, wenn die vom italienischen Staat subventionierten sozialen Zentren aus dem MissverstĂ€ndnis herauskommen wĂŒrden, indem sie jedem klar machen, dass der letzte Buchstabe ihres Akronyms fĂŒr Assistiert und nicht fĂŒr Selbstverwaltet steht.

Vor allem aber ist in vielen CSAs ein vertikales, auf Hierarchie und Delegation basierendes Entscheidungssystem erhalten geblieben, das mit Selbstverwaltung nichts zu tun hat. Diese Zentren kĂŒmmern sich sehr wenig um die Verbreitung der Praxis der Selbstverwaltung, sondern kĂŒmmern sich sehr um die von der Spitze der Organisation vorgegebene „Parteipolitik“, wobei das soziale Zentrum die Rolle des Transmissionsriemens spielt.

Die Zentralisierung von allem im großen sozialen Zentrum erzeugt verheerende Effekte der Verarmung der Peripherie, so dass die Parole 10-100-1000 Besetzungen wie ein Scherz klingt.

Schließlich sind viele CSA mehr als bereit, sich selbst zu reformieren und Kompromisse mit der Macht einzugehen, die vom GegenĂŒber zum GesprĂ€chspartner geworden ist, von dem sie sich Sicherheit, Anerkennung, Garantien, VertrĂ€ge, Rechte und Geld wĂŒnschen. Vor allem, wenn ein institutioneller Teil – die Parteien der Linken – sie unterstĂŒtzt (wenn auch aus unaussprechlichen GrĂŒnden der Wahlpropaganda). Der Mythos der Einheit auf gemeinsamen ideologischen Grundlagen taucht wie ein Gespenst wieder auf. Sie tun so, als ob sie es nicht wĂŒssten, und geben die Legalisierung – die im ĂŒbrigen Westeuropa das Ende der Besatzung bedeutete – als politischen Sieg aus


TatsĂ€chlich kann man sich mit einer guten Dosis Blindheit vormachen, dass die antagonistischen KĂ€mpfe auch von Zentren aus gefĂŒhrt werden können, die vom Staat legalisiert, subventioniert, umstrukturiert, reguliert und kontrolliert werden.

Was unter solchen Bedingungen sicher nicht entstehen kann, ist Selbstverwaltung.

Die Selbstverwaltung erfordert maximale Freiheit, um zu wachsen. Und die von den Besetzern praktizierte Selbstverwaltung ist die einzige kohĂ€rente Grundlage fĂŒr eine Entwicklung der Subversion außerhalb und innerhalb des besetzten Hauses.

SPEKTAKULARISIERUNG (A.d.Ü., DIE VERWANDLUNG IN EINEM SPEKTAKEL)

Seit ihrer Geburt bis vor wenigen Monaten wurden die Heldentaten der besetzten RĂ€ume in Italien immer von den großen versklavten Informationen (Presse, Radio, Fernsehen) zensiert. Ihr Spektakel wurde nur noch als FĂŒllreportage und gegenkulturelles Kolorit oder als Episoden der Kriminachrichten verbreitet. Das Bild des Hausbesetzers, das den Massen vorgeworfen wurde, oszillierte vom bunten jungen Punk bis zum angehenden „Terroristen“, Autonomen oder Anarchisten. Auf allen lastet der Verdacht, nur Junkies zu sein.

Wenn die Besetzer mit ihren Aktionen einen Aspekt der Lage in die Krise brachten, dann griffen sie auf das zweite, nicht sehr beruhigende Bild zurĂŒck: die Erben der extremistischen SchlĂ€ger der 70er Jahre, wĂŒtende VerrĂŒckte, völlig isoliert vom zivilen Kontext. Sonst wĂŒrde im Sommer irgendein bunter Bericht ĂŒber diese seltsamen Typen erscheinen, die von Arbeit nichts wissen wollen, sich die Ohren piercen, sich wie Tiere tĂ€towieren und Rock hören. Immer offen, zum anfĂ€nglichen Erstaunen der Bewohner selbst, die Kolumne ĂŒber die Shows in der großen Presse.

Die demokratische Offenheit fĂŒr die spektakulĂ€r-kulturellen Aspekte sozialer RĂ€ume ist eine Tatsache, die uns zum Nachdenken anregt.

Durch die große Presse waren die sozialen RĂ€ume in der Lage, den Massen das spektakulĂ€r-assistierende Gesicht zu prĂ€sentieren, das alles andere systematisch zensiert oder falsch dargestellt hat. Eine bedeutende und nicht zufĂ€llige VerstĂŒmmelung in der kollektiven Vorstellung.

Diese Situation ist seit Jahren unverĂ€ndert. Aber die Dinge Ă€ndern sich. Seit einiger Zeit, und gerade seit der RĂ€umung der CSA Leoncavallo3, erleben wir das Tauwetter großer und weniger großer Organe der Konsensmanipulation in den HĂ€nden der institutionellen Linken gegen die extreme Linke, vor allem die Autonomen, die in der CSA prĂ€sent sind.

Zwei Beispiele: die Berichte ĂŒber die Gutmenschen von Leonka (A.d.Ü., AbkĂŒrzung fĂŒr Leoncavallo) auf RAI34, das Manifest, das sich in eine TribĂŒne der Autonomie in der Frage der sozialen Zentren verwandelt.

Was ist passiert?

Einerseits beschloss die institutionelle Linke, PDS5, Rifondazione6, Rete, Verdi7, ihren Wahlkampf gegen die siegreiche Liga in Mailand mit der RĂ€umung des Leoncavallo zu beginnen.

Dies ist ein exemplarischer Fall von politischem Opportunismus der Ex-PCI8, die 1989, als sie mit dem Genosse Craxi9 die Stadt regierte, den grĂ¶ĂŸten Teil von Leoncavallo militĂ€risch gerĂ€umt und dem Erdboden gleichgemacht hatte. Aber das gierige Anti-Liga-Stichwort10 hat dazu gefĂŒhrt, dass sich die politische EinschĂ€tzung der sozialen Zentren plötzlich geĂ€ndert hat.

Von Seiten der Autonomie, die das Leoncavallo leitet, geht die Entscheidung, das Ă€lteste und berĂŒhmteste soziale Zentrum Italiens „mit allen Mitteln“ zu retten, mit der offensichtlichen Entscheidung einher, – auf höchster Ebene – eine gewisse Legitimation durch den Staat zu suchen.

In Mailand, wie auch in Rom, sucht die Autonomie nach der politischen StĂ€rke, die notwendig ist, um dem Staat eine gewisse Anerkennung abzuringen. Aber diese Kraft ist nicht da, und es ist notwendig, BĂŒndnisse zu schließen und sich zu verbĂŒnden.

Und hier ist ein altes Werkzeug, das zyklisch zum Vorschein kommt, wenn die extreme Linke in einer Krise von Ideen und Projekten steckt. Das BĂŒndnis auf ideologischen Grundlagen mit der institutionellen Linken.

In Rom bringt die obszöne Umarmung die CSA dazu, zusammen mit ARCI11 und den Pfadfindern Unterschriften fĂŒr die Legalisierung zu sammeln und Rutelli12 im Wahlkampf zu unterstĂŒtzen. Aber es ist in Mailand, dass die um Leoncavallo vereinte „Volksfront“ ihren vollstĂ€ndigsten Ausdruck in der Show findet. Interviews, GesprĂ€chsrunden, endlose Berichte, Paraden, Proteste, Gegenproteste, KĂŒnstler, Akrobaten, Clowns, MĂ€rtyrer, Oscar-PreistrĂ€ger, progressive Intellektuelle, Gießer und Polizisten, große Zeitungsseiten und besorgte MĂŒtter. Fiktion und RealitĂ€t vermischen sich und alles wird zum Spektakel.

Und mit dem Spektakel kommt die Sterilisation.

Alles geschieht in einer großen Show, und die Show dominiert das Leben.

Das Soziale Zentrum, das 1989 Molotow-Cocktails als Verteidigungsmittel gewĂ€hlt hatte, verteidigt sich nun mit den Zeitungsberichten seiner Rauswerfer13. Und die Bedingungen sind sehr hart. Zwei Monate Leoncavallo-Spektakel fĂŒhren es in eine Sackgasse, die allmĂ€hlich von den Genossen der institutionellen Linken definiert wird. Das Zentrum rĂŒckt vorĂŒbergehend an die Ă€ußerste Peripherie und unterschreibt sehr einschrĂ€nkende Bedingungen, sollten diese angewendet werden.

Und wenn das Leonka aus dem mit der Linken vereinbarten Skript herausrutscht und etwas passiert, was den Genossen nicht gefÀllt, kommen die Stockhiebe vorher und das Schweigen der Zensur nachher.

In der Zwischenzeit ging monatelang das entmutigende Bild, das als Prototyp des sozialen Zentrums aufgedrĂ€ngt wurde, durch alle FernsehgerĂ€te und Zeitungen. Das, was den Parteien gefĂ€llt, das soziale Zentrum als Ort der Versorgung von Ausgegrenzten, schwarzen Nicht-EU-BĂŒrgern, als Ort der Rehabilitierung von bedauernswerten FĂ€llen, als Ort der „Freizeit“, fĂŒr die UnglĂŒcklichen, als Erzeuger und BehĂ€lter von Jugendsubkultur, als Zentrum des Treffpunkts von Spannungen, die sich dort offensichtlich sublimieren, geadelt nur durch die Tatsache, links zu sein und letztlich ein Reservoir von Stimmen und Kadern fĂŒr die linken Parteien zu bilden.

Im Wesentlichen ist das soziale Zentrum als unterstĂŒtzter und ergĂ€nzender Ort der Reproduktion des Konformismus und der Normalisierung durch die Verwaltung von Dienstleistungen, die dem Staat fehlen, an jene marginalen Subjekte gerichtet, die, da sie sich in den GroßstĂ€dten vermehren, zu einem Problem fĂŒr die öffentliche Ordnung werden könnten.

Das ist vielleicht der beunruhigendste Aspekt der Spektakularisierung, die die gesamte Linke vereint auf Leoncavallo ausĂŒbt.

DIE LEGALISIERUNG IM AUSLAND

Ungeachtet der unterschiedlichen Entwicklung und Geschichte der nordeuropĂ€ischen Besetzungen sind bestimmte Beobachtungen möglich, vor allem ĂŒber das VerhĂ€ltnis zwischen der „Bewegung“ der Besetzer und der Macht.

Die Legalisierung, eines der wirksamsten Mittel gegen die Beschwerden der Subversion, wurde vor allem von den sozialdemokratischen Regimen eingesetzt, um die radikalsten und offen subversiven Bestrebungen zu dÀmpfen.

Schon vor Jahren schlug der TREVI-Plan14, der von verschiedenen EWG-Innenministern15 gegen jede soziale Subversion ausgearbeitet wurde, zwei Wege zur Lösung des Hausbesetzerproblems vor: das direkte Eingreifen der öffentlichen Gewalt oder den RĂŒckgriff auf „
schrittweise Prozesse der Legalisierung/Integration“ (aus UmanitĂ  Nova, 28.11.93).

Hier in KĂŒrze einige der PhĂ€nomene, die die Legalisierung in den großen europĂ€ischen StĂ€dten, Hamburg, Berlin, Genf, Paris, ZĂŒrich, hervorgebracht hat:

Trennung in der Absicht und vor allem in der Praxis zwischen Hausbesetzern und Legalisierten. Legalisierte HĂ€user sind in der Regel nicht solidarisch mit illegalen, von RĂ€umung bedrohten HĂ€usern.

Sind die Wohnung und der Wohnraum erst einmal durch einen Vertrag mit dem Vermieter erobert, lÀsst die Anspannung der Ex-Besetzer nach, sie sind seltener bei Demonstrationen und KÀmpfen zu sehen, das hÀusliche Familienleben tritt an die Stelle der Lust am Handeln.

In Berlin und Hamburg wurden in der Besetzungsbewegung der frĂŒhen 80er Jahre die illegalen Hausbesetzungen allmĂ€hlich weniger, bis sie verschwanden, gleichzeitig dĂŒnnten sich auch die radikalsten KĂ€mpfe aus.

VertrÀge binden die Bewohner.

Die unter Vertrag stehenden HĂ€user werden nach Absprache mit dem EigentĂŒmer renoviert, Graffiti und Fassaden werden neu gestrichen, der EigentĂŒmer verlangt die Zahlung der Miete. Der Hausbesetzer wird von einem potentiellen Subversiven zu einem normalen betreuten Mieter.

Das alternative GeschÀft ist geboren.

Von Berlin bis Genf gibt es viele legalisierte soziale Zentren, die ihre Kellner bezahlen, wer die Plakate aufhÀngt, den Kassierer, der die Tickets abnimmt.

Musikbusiness, Showbusiness, Partybusiness: Selbst in den alternativsten RĂ€umen fragen Theater-, Film- und Musikgruppen nach Subventionen der Kommune und treten fĂŒr eine Handvoll Geld gerne die elementaren Prinzipien der UnabhĂ€ngigkeit, der Selbstfinanzierung und der Selbstverwaltung mit FĂŒĂŸen, wĂ€hrend sie das alternative Label pflegen. Außerdem ist es nicht unĂŒblich, dass sie die verschiedenen Steuern, die der Staat auf Musik und Unterhaltung erhebt, akzeptieren.

Isolierung der radikalsten Diskurse.

Initiativen und Aktionen, Demonstrationen und KĂ€mpfe werden einer Bewegung vorgeschlagen, die sich bereits mit der Illusion zufrieden gibt, den Haifischen ein paar Quadratmeter abgetrotzt zu haben. In der Praxis der direkten Aktion drĂŒckt sich die Bewegung tatsĂ€chlich in festen und spektakulĂ€ren Stichtagen aus; ein markantes Beispiel ist das sportliche Ritual des Berliner Maifeiertags.

In Hamburg sind die Hausbesetzungen trotz der bekannten RadikalitĂ€t der Aktionen in der Hafenstraße alle legalisiert. Besetzer werden in 24 Stunden gerĂ€umt. Einige Hausbesetzer haben sich mit dem Wohnungsproblem arrangiert, indem sie in Wohnwagen leben. Die gleiche Lösung wurde in Bema gewĂ€hlt: Zaffaraya ist ein Lager aus Wohnwagen und Lastwagen am Stadtrand, das von etwa zwanzig Hausbesetzern bewohnt wird.

DIE POLITISCHE VERANTWORTUNG DERJENIGEN, DIE EINE LEGALISIERUNG WOLLEN

In letzter Zeit sind fast alle linken Parteien wegen ihrer angeblichen Sympathie fĂŒr die sozialen Zentren in den Vordergrund getreten; natĂŒrlich geschah dies vor allem wegen des instrumentellen Antagonismus, den sie gegenĂŒber der Rechten (dem Monster des Augenblicks, das es zu bekĂ€mpfen gilt, den Rest vergessend und die Linke wĂ€hlend, die „die Nase rĂŒmpft“) erscheinen lassen wollten, der Rechten, deren hasserfĂŒllte und kristalline Position gegenĂŒber der CSA allen wohl bekannt ist.

Nicht zufĂ€llig sprechen sie nicht von Besetzungen, sondern von sozialen Zentren: Dieser furchterregende Begriff mit dem Beigeschmack bĂŒrokratisch-sozialistischer Realpolitik schließt unterschiedslos alle Orte ein, die in der institutionellen Interpretation und in den Augen der so genannten Zivilgesellschaft gemeinnĂŒtzige Funktionen ausĂŒben: von Seniorenzentren bis zu Genossenschaften von Keramikern, von Notaufnahmen fĂŒr Junkies bis zu NachbarschaftsproberĂ€umen. Alles sozialen Zentren.

Bei solch zweideutigen Begriffen hat die Linke mit allen Mitteln der SolidaritĂ€t um jeden Preis gewettert, aber IMMER VERMIEDEN, ÜBER BESETZUNGEN ZU REDEN. Als Folge dieser Haltung haben die roten StadtrĂ€te weiterhin jeden illegalen Ort gerĂ€umt, sobald sie ihre Sitze errungen hatten: von Genua bis Rom, in einer idealen Fortsetzung der guten linken Regierung, die all jene gut kennen, die in den letzten 10 Jahren von den roten StadtrĂ€ten in Turin, Mailand, Bologna, Genua etc. etc. gerĂ€umt wurden. So viel zu den Faschisten!

Wir haben also gesagt, dass es kein Zufall ist, dass wir nicht von Besetzungen sprechen: Die linken Parteien (Rifondazione, PDS, Verdi, Rete) sind bereit, die C.S. nur und ausschließlich dann zu tolerieren, wenn sie eine vom zivilen Konsortium anerkannte Funktion haben und wenn sie durch die Zufriedenheit der Nutzer ihrer Dienstleistungen legitimiert sind, um den WĂ€hlerkonsens nicht zu verlieren und den Vorwurf zu vermeiden, Situationen zu tolerieren, die der bestehenden Ordnung fremd oder sogar feindlich sind.

Mit wenigen Worten: Die Macht arrangiert sich, indem sie die physische Existenz von vier WĂ€nden, die nicht direkt von ihr gewĂ€hrt werden, nur unter der Bedingung toleriert, dass die Wege und endgĂŒltigen Absichten, die von der Gegenseite kommen, nicht im Gegensatz zum Status quo stehen; und daher die kostenlosen und freiwilligen Dienstleistungen willkommen heißen, die die WohlfahrtslĂŒcken des Staates ausgleichen; die sozialen Werke willkommen heißen, die einerseits die Existenz der C. S. gegenĂŒber dem Volk legitimieren, andererseits legitimieren sie die Macht, die sie zulĂ€sst, und ihre gute Regierung, mit deren Mitarbeit wir unsere Lebensweise in diesem Staat verbessern können, ohne jemals seine Existenz zu gefĂ€hrden.

Aber unglaublicherweise sind es nicht – wie es logisch wĂ€re zu denken – nur die Parteien der Wiedererlangung16, die auf eine Legalisierung, auf eine friedliche Koexistenz, auf einen Wiedereintritt der Instanzen der Revolte in Kategorien, die von der Macht besser assimilierbar sind, drĂ€ngen, sondern auch einige spezifische RealitĂ€ten des Gebietes, das wir, wenn auch mit gebĂŒhrenden Vorbehalten, „Bewegung“ nennen werden, insbesondere des Gebietes der sogenannten Autonomie.

In diesem Fall scheint es, dass die Instanzen der Legalisierung und/oder der Versöhnung mit den Institutionen Hand in Hand mit der Konsolidierung ihrer eigenen Sitze gehen, also mit der Anerkennung einer Macht oder Gegenmacht, wie man will. Dies ist eine direkte Folge einer Art und Weise, der Art und Weise, die Besetzungen zu leben, die wenig mit den eigenen WĂŒnschen und dem Wunsch, sich zu befreien, zu tun hat, sondern die sich aus einer politischen Methodik ableitet, die schon auf individueller Ebene all ihre monströsen FehlschlĂ€ge gezeigt hat.

Um vollstÀndig zu verstehen, was ihre Verantwortlichkeiten angesichts der oben erwÀhnten Legalisierungsbewegung sind, lasst uns ein paar Details im Auge behalten:

1) FĂŒr sie legitimiert sich C.S. nur durch Massenverwendung.

2) Botschaften, Arten der Kommunikation, Nutzer und vor allem AktivitÀten werden in strikter Beziehung zur Existenz prÀziser sozialer Klassen (dieselben, die die Macht vorsieht) etabliert: Proletarier (!?!), Studenten, schwarze Immigranten.

3) Jede individuelle revolutionĂ€re Dimension wird ignoriert, d.h. das eigene Leben Ă€ndert sich ĂŒberhaupt nicht, sondern wird zwischen der Zeit der „privaten“ und der kĂ€mpferischen „freien“ Zeit aufgeteilt.

4) Totales Verschwinden auch des revolutionĂ€ren ImaginĂ€ren: nicht mehr „Glaubt den Medien nicht“, sondern „wir benutzen sie, weil die Botschaft stark ist“; nicht mehr „Um eine Zukunft zu haben, mĂŒssen wir zuerst von ihr trĂ€umen“, denn es ist Zeit, konkret zu werden, es gibt immer eine Masse auf dem Platz, der wir prĂ€zise Hinweise geben können; nicht mehr „Gegen die Mafia der Parteien“, denn nicht alle Parteien sind gleich, es gibt linke Parteien mit Freunden, die wir kennen, die uns helfen, beraten, verteidigen, unterstĂŒtzen, finanzieren können; der Feind ist nur die Rechte.

Behalten wir diese vier Besonderheiten im Hinterkopf.

Rahmen wir sie in das nationale Panorama ein, in dem es mindestens hundert berufliche RealitĂ€ten gibt, aber Informationen, die ausschließlich (wie es die Gewohnheit aller Massenmedien ist) die Positionen von zwei großen organisierten RealitĂ€ten, Rom und Mailand, widerspiegeln.

Und nun denken wir darĂŒber nach, was die Folgen von Vereinbarungen sein können, die von großen Orten in diesen beiden StĂ€dten in Bezug auf den Rest der Welt getroffen werden: ZunĂ€chst einmal wird sich zeigen, dass man nicht einmal dort (wo die Massen sind, wo also nach der demokratischen und Herden-MentalitĂ€t die grĂ¶ĂŸten KĂ€mpfe stattfinden, auch wenn sie vom politischen und revolutionĂ€ren Standpunkt aus unbedeutend sind) einen Ort besetzen und halten kann, ohne sich mit den Parteien auseinanderzusetzen, geschweige denn in den provinziellen RealitĂ€ten oder fĂŒr diejenigen, die – ach, wehe! sie sind schuldig, dass keine Masse hinter ihnen steht!

Und stellen wir uns die Haltung der Administratoren vor, die sich angesichts eines solchen Beispiels ihrer politischen Unverletzlichkeit sehr sicher sein werden, falls diejenigen, die sich solchen Pakten nicht beugen, gerĂ€umt werden mĂŒssen; wenn es solche eklatanten PrĂ€zedenzfĂ€lle gibt, ist die Karriere sicher (es sei denn, das Blut fließt und dann gibt es noch eklatantere FĂ€lle).

Alle anderen Orte, die bereits geborenen, aber vor allem die neuen, die der Metropole, aber vor allem die der KleinstĂ€dte und Provinzen, INSBESONDERE DIE NICHT AUFGESTELLTEN, werden mit einer sofortigen und militĂ€rischen UnterdrĂŒckung konfrontiert sein oder mit der Alternative, einen Zustand zu akzeptieren, der in einem begrenzten Sinne durch die Vereinbarungen bedingt ist, die zuvor von anderen RealitĂ€ten „in hohen Positionen“ getroffen wurden, die vor den Behörden legitimierter sind.

Und alle besetzten Orte, die weiterhin keinen DIALOG MIT DER MACHT WOLLEN und die mit den Gruppierungen koexistieren, die auf eine legale Anerkennung gedrĂ€ngt haben, werden gewaltsam gerĂ€umt werden; die RĂ€umenden werden in ihrer Arbeit der UnterdrĂŒckung durch die Vereinbarungen, die zuvor in den StĂ€dten von den großen Orten getroffen wurden, voll legitimiert sein. Vereinbarungen, die auch in den Augen der Öffentlichkeit eine Trennlinie zwischen den Guten (denen, die den Dialog mit den Institutionen akzeptieren) und den Bösen (denen, die ihn verweigern) ziehen.

Es wird die Möglichkeit, neue Besetzungen zu machen, endgĂŒltig beenden, wie wir in anderen europĂ€ischen LĂ€ndern sehen können, in denen die Legalisierung von Hausbesetzungen existiert. Wer einen Platz haben möchte, kann sich bei der Verwaltung bewerben und im Glauben warten. Diejenigen, die darauf bestehen, mehr zu besetzen, werden sofort gerĂ€umt.

Die Ernsthaftigkeit der Verantwortung derjenigen, die einen unnötigen Dialog mit der Macht wollen oder suchen, wird durch die Tatsache verstĂ€rkt, dass dieser Bereich sich als eine kompakte Gruppe prĂ€sentiert, die fĂŒr jede Initiative/Kampagne eine genaue Linie angegeben hat, die von all ihren Mitgliedern rigoros eingehalten wird, wodurch prĂ€zise Ausrichtungen im gleichen Bereich der extremen Linken geschaffen werden: es ist kein Zufall, dass es Situationen des Zusammenstoßes und des Konflikts in StĂ€dten wie Rom, Padua, Florenz und Mailand gibt. Die Situationen, die, obwohl sie der Linken angehören, sich nicht angleichen, werden von jeglicher Betrachtung abgeschnitten und von der offiziellen Information ignoriert; die einzige Stimme, die nach außen vertreten wird, ist die derjenigen, die sich entschieden haben, mit den Institutionen in Beziehung zu treten, und die sich als der EINZIGE existierende GesprĂ€chspartner aufdrĂ€ngt.

Daher die Vorstellung von nationalen Versammlungen, die sich als die einzigen Vertreter der sogenannten Bewegung definieren.

Es ist auch klar, dass, wenn es diejenigen gibt, die eine eindeutige „Linie“ bilden, es den ganzen Rest gibt (d.h. die meisten Erfahrungen von Besetzungen), der eigentlich auf der anderen Seite steht, nicht Partei ergreift oder nicht Partei ergreifen will. FĂŒr sie gibt es keine Alternative zur Konfrontation mit der Macht, außer der, sich einer Linie zu stellen, die sie nicht erbeten oder gewollt haben, mit der sie aber rechnen mĂŒssen; und das nennt man, gewollt oder nicht, Ausflucht.

NatĂŒrlich wird diese Legalisierung nicht einmalig und eindeutig sein, es könnte ein Durchgang sein, der die Zwangsvereinigung (mit Statut, PrĂ€sident, Karten usw.), die Genossenschaft, die symbolische Miete oder vielleicht nicht symbolisch, sondern von der Gemeindeverwaltung bezahlt, die Koexistenz mit anderen Vereinigungen jeder Art, die Einhaltung der feuerfesten, hygienischen, Benutzbarkeits- und Bewohnbarkeitsnormen mit relativen Kontrollen von Beamten und verschiedenen Polizisten beinhaltet. Und dann wieder die SIAE17, Lizenzen fĂŒr Alkohol, die Finanzen (etwas, das bereits von den GrĂŒnen in Turin vorgeschlagen: die C.S. sammeln, so dass sie Steuern und Einnahmen wie andere zahlen mĂŒssen 
), etc. etc. Es mag nicht alles sein, vielleicht auch nicht alles auf einmal, aber einmal eröffnet, kann der Diskurs nie wieder geschlossen werden. Es ist ebenso offensichtlich, dass der Staat, der schon sehr zufrieden ist, den PrĂ€zedenzfall geschaffen zu haben, um das Problem anzugehen und zu lösen, den großen C.S. der großen StĂ€dte keine ungerechten Bedingungen auferlegen wird, die die Reaktionen der Basis auslösen könnten, aber er wird keine Skrupel haben, sie von Anfang an den kleineren RealitĂ€ten aufzuerlegen.

Aber auch bei diesem Problem schimmert die Konsequenz der Politik der Autonomie durch: Die Orte, denen es gelingen wird, sich mit der Macht zu unterhalten, ohne ihren Platz zu verlieren, werden ausschließlich diejenigen sein, die die Massen auf ihre Seite gezogen haben, indem sie sich demagogisch als politische Avantgarde platziert haben, die also den Aggregationsfaktor auf ihrer Seite haben werden und damit eine Stimme in Zeitungen und im Fernsehen, legitimiert vor der öffentlichen Meinung und den Institutionen, ganz nach dem demokratischen Dogma: die Mehrheit hat immer Recht.

Wenn die Hauptachse des Kampfes um Besetzungen die Sicherheit der Unantastbarkeit des Ortes, die Sicherheit der Anerkennung des eigenen Status sein muss, fehlt das psychologische Element des Bruchs mit der eigenen Erfahrung, das einen revolutionÀren Willen charakterisiert.

Wer wirklich eine radikale VerĂ€nderung anstrebt, kann nicht nach Sicherheit suchen, denn die einzige Sicherheit, die wir haben können, ist die Bewahrung unserer WĂŒrde als Individuen, die gegen eine Welt revoltieren, in der wir nicht frei leben können, der Rest ist eine tragische NaivitĂ€t oder entfremdende Mystifizierung des Lebens.

Auf der anderen Seite leben die Anarchisten, die natĂŒrlich keine Bewegung sind und weder Linien noch zentrale Organe haben, auf die heterogenste Weise ihre Situationen der Besetzung und Selbstverwaltung und ĂŒberlassen das Feld fĂŒr alle Experimente denen, die die Erfahrungen auf ihrem Territorium direkt leben, und gerade deshalb vermeiden sie es sorgfĂ€ltig, genaue Angaben und ideologische Vorschriften darĂŒber zu machen, wie der Fall ist.

Die einzigen GrundsĂ€tze, die wir nicht nur gegenĂŒber den Anarchisten, sondern gegenĂŒber allen, die einen Weg der Selbstverwaltung anstreben, der auf den Umsturz dieses Zustandes gerichtet ist, wiederholen wollen, sind: je freier wir sind, desto besser; es scheint offensichtlich, aber wir werden niemals den Dialog mit den Institutionen suchen (geschweige denn mit Parteien, weder rechts noch links), außer in FĂ€llen Ă€ußerster Notwendigkeit. Uns scheint, dass das Schicksal der Besetzungen, vor allem in den GroßstĂ€dten, nicht völlig der Gunst der Parteien und des Gesetzes ausgeliefert ist, was andernorts hĂ€ufiger vorkommt; wir können einen solchen Vorgang nur als Versuch bewerten, eine parainstitutionelle Macht zu legitimieren, die mit Selbstverwaltung und Revolte nichts zu tun hat.

Außerdem haben wir nicht die Absicht, fĂŒr diese opportunistische Politik des Revisionismus zu bezahlen.

Sollte dies geschehen, werden wir wissen, wen wir zur Verantwortung ziehen können. Deshalb weisen wir gerade jetzt alle auf diese kompromittierenden Nebelkerzen mit all der Last an Bedrohungen hin, die sie verbergen.

Deshalb sind wir nicht daran interessiert, so „viele“ wie möglich zu sein, wenn wir nicht durch unsere tĂ€gliche Praxis der direkten Aktion die AffinitĂ€t ĂŒberprĂŒfen, die uns mit den Individuen verbindet.

Wir wollen uns nicht in einer „Bewegung“ von alternativen Vereinen wiederfinden, die den Traum vom Showbusiness verfolgen oder vom Markt der Armen leben wollen, geschweige denn mit parainstitutionellen Zellen, die bereit sind, sich mit Machtorganen (auch wenn sie von der Linken sind) zusammenzuschließen, um zu ĂŒberleben und eine imaginĂ€re Rolle als Vorhut der Massen zu erfĂŒllen.

Unser Ziel ist die Zerstörung der Politik, deshalb wollen wir keine Art von Macht, Macht muss zerstört werden.

Wir schlagen daher vor, die verschiedenen Erfahrungen der Selbstverwaltung, die als operative HeterogenitĂ€t der Besatzungserfahrungen auf dem gesamten nationalen und internationalen Territorium als revolutionĂ€r deklariert werden, maximal zu verbreiten, insbesondere durch direkte Aktionen. Wir fordern eine Reihe von Treffen mit dem Ziel, Informationen und Erfahrungen ĂŒber ihre Methoden auszutauschen, die illegal sind und außerhalb der Institutionen liegen, die alle Fragen, individuelle und kollektive, derjenigen berĂŒhren, die sich aus eigener Wahl – und nicht aus elender Notwendigkeit – entschieden haben, nach den Prinzipien der Selbstverwaltung und Freiheit zu leben.

Die Thematiken, die wir vorschlagen, sind daher die derjenigen, die aktiv und tĂ€glich in verschiedenen Bereichen arbeiten: von der Selbstfinanzierung bis zur Organisation von Konzerten außerhalb des alternativen Betriebs, zur Selbstproduktion, zum Vertrieb, zum Selbstaufbau, zu UnterstĂŒtzungsaktivitĂ€ten fĂŒr kleinere RealitĂ€ten, zur Propaganda unserer Ideen und unserer AktivitĂ€ten; und alle Bereiche der AktivitĂ€t außerhalb der Besetzungen: Antimilitarismus, Antiklerikalismus, Abstentionismus, soziale Kontrolle, Kritik der Arbeit, andere Formen des selbstbestimmten Kampfes.

Gegen die Zentralisierung, gegen die Homogenisierung, gegen alle Ausrichtungen, verbreiten wir tausend Praktiken der Befreiung.

ENDE




Quelle: Panopticon.blackblogs.org