MĂ€rz 8, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Bei dem folgenden Text handelt es sich um das 2. Kapitel der deutschen Übersetzung von Against History, Against Leviathan!, die wir seit Ausgabe #080 in einer Vorabfassung kapitelweise abdrucken.

Das 1. Kapitel findest du hier, alle bisher erschienenen Kapitel hier.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorlĂ€ufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders ĂŒber Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und VerbesserungsvorschlĂ€ge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

Ein Gepanzerter fragt: Wenn das Goldene Zeitalter so wertvoll, so wunderschön, so rein gewesen ist, warum haben die Menschen es dann hinter sich gelassen? Wenn sich die Zivilisierten an es erinnern, warum kehren sie nicht zu ihm zurĂŒck? Wenn es so angenehm gewesen ist, warum werfen Landwirte dann nicht ihre PflĂŒge weg und kehren zu Grabstöcken zurĂŒck? (Wer diese Fragen stellt, fragt auch: Wenn du so clever bist, warum bist du dann nicht reich?)

Es gibt Antworten auf diese Fragen. Aber der Fragensteller will diese nicht hören. Er kennt die Antwort bereits. Die Menschheit verließ den Naturzustand, weil die Zivilisation eine höhere Entwicklung ist. (Eine höhere Entwicklung gegenĂŒber was? Das wird der Gepanzerte niemals verraten. Er kehrt schnell zu etwas anderem zurĂŒck.)

Die Theorie der höheren Entwicklung ist so alt wie die Zivilisation selbst. Eine der einflussreicheren modernen Versionen stammt von einem Anwalt des 19. Jahrhunderts, der im Hinterland von New York lebte, von Lewis Henry Morgan.

Als Berater fĂŒr spekulierende GeschĂ€ftsleute, als republikanischer Politiker und Rassist fand Morgan dennoch die Zeit, eine Studie ĂŒber seine Nachbarn im Hinterland von New York anzustellen, ĂŒber eines der zerstreuten Überbleibsel der einst zahlreichen irokesischen Gemeinschaften. Morgans rassistische VorgĂ€nger Washington und Jefferson haben darauf bestanden, dass die Irokesen Kinder seien, aber Morgan war der Ansicht, dass die Irokesen einen Zustand zwischen Kindheit und Adoleszenz erreicht hĂ€tten.

Morgan verallgemeinerte seinen Rassismus zu einer Leiter, von der jede Stufe vor rassistischer Politur nur so glĂ€nzt. Er betrieb keinerlei Anstrengung, seine GeringschĂ€tzung zu verbergen, im Gegenteil, er trug sie offen zur Schau; eine solche GeringschĂ€tzung war (und ist bis heute) ein Zeichen von Vornehmheit in Amerika. Er nannte die unterste Stufe, den Zustand der Kleinkindheit, Wildheit. Die nĂ€chste Stufe, den Zustand der Kindheit, Barbarei. Und natĂŒrlich nannte er die höchsten Stufen Zivilisation, die allerhöchste amerikanische Zivilisation. Auf dieser höchsten Stufe saß Morgan zusammen mit der Großen Weißen Rasse. Die amerikanischen Professoren fĂŒhlten sich so sehr geschmeichelt, dass sie Morgan zum PrĂ€sidenten der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften wĂ€hlten.

SpĂ€ter wĂŒrden die Professoren ihre Wahl bereuen. Der Aufwiegler Karl Marx und der revolutionĂ€re GeschĂ€ftsmann Friedrich Engels borgten sich Morgans rassistische Leiter aus. Marx beabsichtigte die Leiter auszubessern, aber er fand dazu nie Zeit. Es war Engels, der schließlich Morgans Leiter ausbesserte. Er flickte nicht gerade viel. Er borgte sie sich vollstĂ€ndig intakt, inklusive all der rassistischen Politur durch Morgans Nomenklatur: Wildheit, Barbarei, usw. Engels besserte lediglich die Spitze der Leiter aus. Er benannte Morgans oberste Stufe um und fĂŒgte der Leiter noch eine weitere, höhere Stufe hinzu.

Engels Ă€nderte den Namen von Morgans Großer Weißer Rasse in Kapitalistische Klasse und platzierte darĂŒber die AnfĂŒhrer*innen und AnhĂ€nger*innen von Marx politischer Partei. Und in dieser Form wurde Morgans rassistische Leiter zur offiziellen Religion der UdSSR, Chinas, Osteuropas und anderer LĂ€nder, in denen die Namen der Stufen als ein Katechismus in die Köpfe der Schulkinder eingehĂ€mmert werden.

NatĂŒrlich wollten die amerikanischen Professoren mit dieser Leiter nichts mehr zu tun haben, nachdem diese den Aufwieglern in die HĂ€nde gelangt war. Sie vergaßen Morgan. (Das kann an Orten, an denen das GedĂ€chtnis von der Gunst der Verleger*innen des geschriebenen Wortes abhĂ€ngt, sehr leicht vollbracht werden.)

Aber der Rassismus verflĂŒchtigte sich nicht aus Amerika und Morgans Leiter war eine zu gute Sache, um sie den Aufwiegler*innen zu ĂŒberlassen. Der ArchĂ€ologe V. G. Childe, wenngleich er selbst Marxist war, verlieh der Leiter eine Aura der WohlanstĂ€ndigkeit, indem er ihre Stufen mit all den jĂŒngsten eindeutigen Beweisen fĂŒllte. Und die Leiter kehrte nach Amerika zurĂŒck, weniger als eine offizielle Religion, sondern vielmehr als ein letzter Ausweg, als etwas, dessen man sich in NotfĂ€llen bedienen konnte. Verweise auf den »Naturzustand« lösen stets solche NotfĂ€lle aus.

Die Leiter, die Theorie der höheren Entwicklungen, erklĂ€rt natĂŒrlich, warum die Menschen den Naturzustand hinter sich ließen. Zu diesem Zweck wurde sie entwickelt. Der Titel von Engels Buch lautet Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Die ErklĂ€rung ist einfach, klar, tatsĂ€chlich mechanisch und sie kann in Grundschulen unterrichtet werden. Alles, was wir tun mĂŒssen, ist uns von lebendigen Wesen abwenden und uns auf Dinge konzentrieren. Die Leiter ist ein Ding. Ebenso wie ihre Stufen. Und die Verbindungen zwischen niedrigeren und höheren Stufen sind ebenso Dinge. Sie sind Apparate. Childe nannte sein Buch irrefĂŒhrenderweise Der Mensch schafft sich selbst [Man Makes Himself] und erweckte dadurch den Eindruck, dass er von einem lebendigen Wesen sprechen wĂŒrde. FĂŒr Childe ist der Mensch selbst ein Ding, ein GefĂ€ĂŸ fĂŒr Objekte und Bauteile; Materie ist der Kern und der Mensch der Auswuchs.

Der Apparat, der verantwortlichfĂŒr den Übergang des Menschen von der Wildheit genannten Stufe zu der Barbarei genannten Stufe ist, ist ein Apparat, der Materielle Bedingungen genannt wird, oder vollinhaltlicher die Ebene der Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte. Derselbe Apparat ist verantwortlich fĂŒr das Erklimmen aller höheren Stufen.

Marx und Engels und ebenso Morgan lebten zu einer Zeit, als die materiellen Bedingungen, buchstĂ€blich der Boden selbst, den FĂŒĂŸen der ehemaligen Herrscher entglitt, den verhassten Baronen und Bischöfen: Kapitalistische EigentĂŒmer von Minen und Fabriken kauften das Land der Aristokraten auf. Marx und Engels prognostizierten, dass der Boden auch den FĂŒĂŸen der Kapitalisten auf eine Ă€hnliche Weise entgleiten wĂŒrde und sie projizierten ihren Wunsch auf die erste MorgendĂ€mmerung.

Im Sinne dieser Projektion existierte der Mensch seit tausenden Generationen als Wilder. Dann, ungefĂ€hr vor dreihundert Generationen, wurden die materiellen Bedingungen gĂŒnstig fĂŒr etwas höheres als diese Wildheit. Diese Bedingungen umfassten Landwirtschaft, Metallurgie, das Rad, usw. Als er erst einmal all diese Dinge hatte, war der Mensch in der Lage einen Überschuss zu produzieren, einen Gewinn. (Turner erliegt diesem Teil der Theorie ebenfalls.) Dieser Überschuss, dieser Gewinn, ist das, was die schöne neue Welt fördert, buchstĂ€blich fĂŒttert, die nun möglich geworden ist: Könige, ArmeegenerĂ€le, Sklavenbesitzer und Bosse von Arbeitskolonnen. Der Mensch habe immer Herrscher gewollt, Berufsheere, Sklaverei und Arbeitsteilung, aber er hĂ€tte diese TrĂ€ume nicht realisieren können, bis die materiellen Bedingungen dafĂŒr reif waren. Und sobald sie reif dafĂŒr geworden seien, seien alle fortschrittlich eingestellten Wilden ohne Zögern zur nĂ€chsthöheren Stufe gesprungen.

(Tue mir einen Gefallen, Leser*in, und ĂŒberprĂŒfe die Theorie der höheren Entwicklungsstufen noch einmal. Dann sage mir, ob du meine Karrikatur noch immer ĂŒbertrieben findest.)

Die Theorie der höheren Entwicklungsstufen kann kleinen Kindern erzÀhlt werden, weil sie ein MÀrchen ist. Ich habe nichts gegen MÀrchen. Aber die Verfechter*innen dieses MÀrchens behaupten, dass es etwas anderes wÀre; sie verachten MÀrchen.

***

Die sogenannten materiellen Bedingungen waren nichts anderes als Hilfsmittel fĂŒrs Schlemmen, Umherspazieren und Sichtreibenlassen. Sie waren wie Spazierstöcke fĂŒr Greise. Ihre Vielfalt und KomplexitĂ€t belegen den Einfallsreichtum von Menschen. Aber die ZentralitĂ€t solcher Dinge ist fĂŒr uns kein Beweis dafĂŒr, dass Menschen im Naturzustand um FrĂŒchte, NĂŒsse und Spazierstöcke kreisten. So wenig wir auch ĂŒber ihre Sternstunden wissen, wissen wir doch, dass diese keine Industriemessen, Feiern neuer Erfindungen oder Maschinenausstellungen waren. Dinge mögen nĂŒtzlich gewesen sein, aber sie waren Belanglosigkeiten im Vergleich mit den Augenblicken, in denen man in Kontakt mit dem Ursprung, der Quelle des Lebens, des Seins selbst kam.

Die Belanglosigkeiten sind uralt und mögen frĂŒher weitaus vielfĂ€ltiger gewesen sein, als sie es heute sind. Als die FrĂŒchte noch auf hochliegenden Ästen reiften, wurden alle möglichen Arten von hakenförmigen Stöcken, Stricken und Leitern entwickelt, um die FrĂŒchte zu erreichen, bevor es die Affen taten.

Die Menschen verstanden sich selbst als Cousinen der Tiere. Viele ihrer GerĂ€tschaften ermöglichten es ihnen, die Handlungsweisen der Tiere zu kopieren. An den Ufern der FlĂŒsse und Seen entwickelten die Menschen alle möglichen Arten von FlĂ¶ĂŸen und Kanus, um wie Enten und SchwĂ€ne zu schwimmen. Sie lagerten NĂŒsse, um sie nach dem Vorbild der Eichhörnchen im Winter zu verzehren. Sie verstreuten Samen nach dem Vorbild der Vögel. Sie webten Netze nach dem Vorbild der Spinnen. Sie pirschten sich an Wild heran nach dem Vorbild der Wölfe. Wölfe haben starke ZĂ€hne und Kiefer. Die Menschen schĂ€rften Stöcke und Steine. (Unsere ArchĂ€ologen stellen sie dar, als hĂ€tten sie wie Zeks den ganzen Tag damit zugebracht, sie abzuplĂ€tten. Diese Menschen waren nicht von etwas gezwungen, was Tonybee »gesichtslose Institutionen« nennt. Sie hatten keinen Grund dazu, mit dem AbblĂ€tten weiter zu machen, wenn es ihnen keinen Spaß mehr machte.)

Moderne GrĂ€ber haben selbst die Überbleibsel altertĂŒmlicher StĂ€dte an Orten in Anatolien und im vorderen Orient ausgegraben, Orte, die spĂ€ter Shanidar, Jericho, Catal HöyĂŒk, Hacilar genannt wurden.In Shanidar teilte die gesamte Gemeinschaft eine Höhle als Winterunterschlupf; die Höhlenbewohner*innen nutzten Metalle. In Jericho mauerten sich die Menschen selbst ein, indem sie eine Mauer errichteten, vermutlich um sich vor feindlichen Eindringlingen zu schĂŒtzen. Diese Menschen scheinen kaum bis gar keine Anpflanzung betrieben zu haben. Im Norden von ihnen lebten Menschen, die Samen anpflanzten und Tiere hielten, aber keine StĂ€dte oder Mauern errichteten. Und auf der anderen Seite der Welt waren die Vorfahren oder VorgĂ€nger*innen der Ojibwa, die am Lake Superior Metallurgie betrieben und wunderschönen Kupferschmuck und -werkzeuge herstellten.

Keines dieser Völker entwickelte »gesichtslose Institutionen«. Sie blieben eine Sippschaft. Sie fuhren fort alles, was sie besaßen und was sie erlebten, zu teilen. Die Kupfer-Nutzer*innen vom Lake Superior pflanzten keine Samen an oder hielten Tiere. Vielleicht hĂ€tten sie es gekonnt, aber sie hatten keinen weltlichen Grund dazu. Sie hielten Hunde. Hunde haben sich offensichtlich selbst domestiziert, entweder aus einer unbegreiflichen Liebe zu Menschen oder aus einem parasitĂ€ren Antrieb. Aber welche Befriedigung wĂŒrde es einem verschaffen, ZĂŒchtungen parasitĂ€rer, hundeartiger Rothirsche oder Elche zu entwickeln?

Die materiellen Objekte, die Spazierstöcke und Kanus, die Grabstöcke und Mauern, waren Dinge, die ein einzelnes Individuum schaffen konnte, oder sie waren Dinge, wie eine Mauer, die die Zusammenarbeit vieler zu einem einzigen Anlass erforderten. Ich wĂŒrde vermuten, dass die Erbauer*innen der ersten Mauer von Jericho in dem Moment, als sie damit fertig waren, aufhörten Mauerbauer*innen zu sein; sie kehrten zu wichtigeren AktivitĂ€ten zurĂŒck. Ich wĂŒrde sogar vermuten, dass sie die Mauer errichteten, um den wichtigeren AktivitĂ€ten ungestört nachzugehen.

Was die ĂŒberschĂŒssigen Erzeugnisse, die berĂŒmten Gewinne angeht, die diese Werkzeuge angeblich möglich gemacht hĂ€tten: Sahlins und andere haben gezeigt, dass sowohl Gemeinschaften mit vielen Werkzeugen als auch Gemeinschaften mit wenigen, welche, die in ĂŒppigen Umgebungen und welche, die in rauen Umgebungen lebten, alle von ÜberschĂŒssen umgeben waren. Nachdem all die Menschen ihre Ration gegessen hatten, nachdem all die Insekten und Vögel und Tiere ihre Ration gegessen hatten, gab es noch immer eine ganze FĂŒlle, die auf die Erde fiel und Triebe des nĂ€chsten FrĂŒhjahrs dĂŒngte. Viele Tiere und viele Menschen lagerten das, wovon sie erwarteten, es wĂ€hrend eines durchschnittlichen Winters zu benötigen, aber keine*r hortete mehr als das; freie Menschen brauchten das nicht zu tun.

***

Die meisten der Werkzeuge sind uralt und die ÜberschĂŒsse sind seit der ersten MorgendĂ€mmerung reif, aber sie erschufen keine gesichtslosen Institutionen. Die Menschen, lebendige Wesen, erschufen beides. Und es ist nicht der Mensch oder die Menschheit, die dafĂŒr verantwortlich ist, sondern eine isolierte Gemeinschaft, eine kleine Minderheit in Tonybees Worten.

Zudem erschafft diese kleine Minderheit derartige Institutionen nicht in den gĂŒnstigsten materiellen Bedingungen, beispielsweise in den ĂŒppigen WĂ€ldern der Great Lakes oder den ergiebigen WĂ€ldern Afrikas oder Eurasiens. Sie machen das unter den ungĂŒnstigsten materiellen Bedingungen, in einer erbitterten, rauen Umgebung.

GrÀber haben tatsÀchlich Tafeln ausgegraben und entziffert, die Licht auf die ersten Augenblicke gesichtsloser Institutionen werfen.

Die Tafeln sind auf Sumerisch geschrieben, einer Sprache, die in Zentralasien entstanden sein könnte. Die Autor*innen sind die ersten schriftkundigen Menschen. Die Dörfer, in denen sie leben, werden Erech, Ur, Eridu und Lagasch genannt. Die Dörfer befinden sich im Tal zwischen den FlĂŒssen Tigris und Euphrat. Der Ort wird spĂ€ter Fruchtbarer Halbmond genannt werden, um zu erklĂ€ren, warum Esel SchwĂ€nze haben.

Die ersten Tafeln beschreiben den Ort nicht so gĂŒnstig. Sie beschreiben ihn als einen höllischen Ort und lassen eine*n sich wundern, warum diese Menschen dort bleiben. Sie sind erpicht darauf, Landwirtschaft in einem Urwald zu betreiben. Die FlĂŒsse treten jĂ€hrlich ĂŒber ihre Ufer, dĂŒngen das Tal und verwandeln es in ein Moor.

Frauen pflanzen Samen. In einem Jahr ist die Flut so gewaltig, dass sie die Erde sowie die HÀuser mit sich forttrÀgt. Im nÀchsten Jahr gibt es nicht genug Wasser und die Pflanzen vertrocknen und sterben in der sengenden Hitze der Sonne.

Sicherlich mĂŒssen die Dorfbewohner*innen daran gedacht haben, in die gĂŒnstigeren materiellen Bedingungen Zentralasiens zurĂŒckzukehren, wo sie nicht so viel Zeit und Energie auf das bloße Überleben aufwenden mussten, wo sie Zeit fĂŒr erfreulichere AktivitĂ€ten hatten.

Aber sie sind hartnĂ€ckig. Die GroßmĂŒtter rufen die alten MĂ€nner zu einem Rat zusammen. Diese MĂ€nner hatten getrĂ€umt. Die Frauen ermahnten die MĂ€nner von einer verlĂ€sslichen Wasserversorgung zu trĂ€umen, weder zu wenig, noch zu viel.

Die MĂ€nner sind offensichtlich beleidigt wegen solcher BanalitĂ€ten von ihren mentalen Transporten weggerufen zu werden. Sie mĂŒssen vermutlich zu einem zweiten Rat und dann einem Dritten einberufen werden, letzterer wĂ€hrend einer Hungersnot.

Die alten MĂ€nner reagieren trĂ€ge. Sie könnten gesehen haben, wie Biber sich eine verlĂ€ssliche Wasserversorgung gewĂ€hrleisten. Sie trĂ€umen. Sie sehen, dass das, was benötigt wird, ein Damm, KanĂ€le und EntwĂ€sserungsgrĂ€ben wĂ€ren. Aber wer wĂŒrde diese errichten? Sicherlich nicht die alten MĂ€nner. Sie sind keine Biber. Sie rufen die jungen MĂ€nner zusammen und erklĂ€ren den Traum.

Die jungen MĂ€nner haben bisher nichts getan, daher sind sie begierig sich als bereitwillige und edelmĂŒtige Geber zu zeigen.

Aber keine*r weiß, wie man fortfahren solle. Die alten MĂ€nner mögen oder mögen nicht die PlĂ€ne ertrĂ€umt haben, aber sie werden sicherlich nicht die tatsĂ€chliche Umsetzung beaufsichtigt haben. Sie wĂ€hlten einen starken jungen Mann, einen Lugal; sie sagen ihm, er solle die Biber beobachten. Die alten MĂ€nner kehren dann zu ihren wichtigeren philosophischen Unterfangen zurĂŒck.

Der Lugal, was auf Sumerisch starker Mann bedeutet, mag von den Bibern lernen oder auch nicht und er mag die PlĂ€ne machen oder auch nicht. Auf jeden Fall beaufsichtigt er das Projekt. War er nicht von den Ältesten dazu auserwĂ€hlt worden?

Als die GrĂ€ben und KanĂ€le gegraben sind, kehrt der Lugal unter seinesgleichen zurĂŒck, stolz, aber noch nicht hochmĂŒtig. Nichts hat sich bisher verĂ€ndert. Solche kooperativen Unterfangen waren selten, aber nicht ungewöhnlich in Gemeinschaften der Sippschaft.

Aber das hier ist Erech, ein Ort, von dem die Götter offensichtlich nicht wollen, dass dort Menschen leben. Eine einzige Flut spĂŒlt die ganze Arbeit ins Meer. Die Frauen rufen die alten MĂ€nner zu einem weiteren Rat zusammen. Diese Mal wĂ€hlen die Ältesten einen noch stĂ€rkeren jungen Mann aus und drĂ€ngen ihn, die Biber gewissenhafter zu studieren oder tiefgreifender zu trĂ€umen. Und dieses Mal halten die Ufer und Deiche, zumindest anfĂ€nglich.

Aber Erech bleibt ein materiell miserabler Ort und binnen Kurzem beginnen die Ufer zu bröckeln. Der erfahrene Lugal wird beauftragt, die Ufer und DĂ€mme zu reparieren. Der Lugal und seine Cousins beschweren sich, dass sie schon vor einem Mond hĂ€tten gerufen werden sollen, als die Ufer noch repariert hĂ€tten werdenkönnen; Nun mĂŒssen sie das gesamte Werk wieder errichten. Das passiert zweimal, höchstens dreimal, bevor der Lugal darauf besteht, einen Sitz im Rat der Ältesten zu bekommen, um ein Mitspracherecht darauf zu haben, wann die Deiche repariert werden.

FrĂŒhlinge vergehen und Winter vergehen, voller Festessen, Festivals, TĂ€nze und Spiele.

Die Ältesten von Ur und selbst die von Lagasch bestimmten Lugals, um die BewĂ€sserungswerke von Erech zu studieren.

Ein Ältester von Erech und dann ein weiterer sterben in hohem Alter; sie werden im Rat durch Neuankömmlinge ersetzt.

Nun ist der Lugal ein erfahrenerer Ältester als die Neuankömmlinge und er Ă€ußert sich ĂŒber andere Dinge als Deiche. Er wird hochmĂŒtig und seine Cousins stehen hinter ihm. Er und sie sind schließlich diejenigen, die Erech eine verlĂ€ssliche Wasserversorgung verschaffen. Der Lugal wagt es sogar einer alten Großmutter zu sagen, wo sie ihre Samen nicht pflanzen solle.

Eines Tages wird der Lugal tot aufgefunden, ermordet von einer Gottheit, einer Gottheit, von der bekannt ist, dass sie in engem Kontakt mit der beleidigten Großmutter steht. Ein neuer Lugal wird auserwĂ€hlt, ein weniger hochmĂŒtiger und die Ältesten achten sorgsam darauf, ihn aus ihrem Rat herauszuhalten.

Es gibt keinen eindeutigen Beweis fĂŒr irgendetwas davon. Tatsache ist, dass die sumerischen Tafeln geheimnisvoll stumm hinsichtlich der Taten der Frauen und Ältesten zur Zeit der ersten Lugale bleiben. Und sowie die Zeit voranschreitet, helfen die Tafel-Schreiberlinge den Menschen dabei zu vergessen, dass die sumerischen Frauen wichtig waren, dass die Ältesten einst in einem Rat saßen, dass es ein Zeitalter vor dem ersten Lugal gab.

***

Aber zurĂŒck zu meiner Geschichte.

Die Menschen aus Ur und Lagasch haben ihre BewÀsserungsarbeiten vollendet. Diese wurden jedes Jahr umfangreicher.

In einem Jahr ĂŒberfluteten die EntwĂ€sserungsgrĂ€ben von Lagasch die KanĂ€le von Ur und fluteten und ruinierten die Arbeit Urs.

Das machte den Lugal von Ur, der Urlugal genannt wurde, so wĂŒtend, dass er seine speerbewaffneten Cousins gegen die von Lagasch anfĂŒhrte. Die erzĂŒrnte Jugend von Ur zerstörte die BewĂ€sserungswerke ihrer Nachbarn und verfolgte fliehende Menschen aus Lagasch bis in die WĂŒste. In ihrer Wut ermordeten sie mehrere Fremde, WĂŒstennomaden, deren Pfade sie kreuzten.

Als schließlich die belagerten Lagaschianer*innen um ein Ende der Gewalt bettelten, legten die Sieger mit Urlugal an ihrer Spitze den Besiegten eine höllisch schwere BĂŒrde auf. Die Menschen von Ur forderten EntschĂ€digung von den Lagaschiern, die ihre eigenen BewĂ€sserungsanlagen und die von Ur wiederaufbauen mussten. Lagaschier, die unwillig oder unfĂ€hig wĂ€ren, eine solche BĂŒrde zu tragen, sollten den Menschen von Ur große Geschenke zu bestimmten Zeiten bringen.

Urlugal ist entschlossen, den Überblick ĂŒber all die Geschenke, die ihm zum Tribut geschuldet wurden, zu behalten, da er ebenso hartnĂ€ckig ist wie diejenigen seiner Vorfahren, die den Fruchtbaren Halbmond nicht aufgaben. Um den Überblick ĂŒber die Geschenke und die Schenkenden zu behalten, schickt er einen oder zwei seiner Cousins nach Erech, um die Zeichen zu studieren, die einige der MĂ€nner des Erechlugals auf Lehmtafeln gemacht hatten, um den Überblick ĂŒber die besten Zeiten, um die DĂ€mme zu reparieren, zu behalten. Die MĂ€nner des Urlugals fertigten bald selbst Lehmtafeln an und auf diese Tafeln meißelten sie keilförmige Zeichen, um die Namen derer in Lagasch zu kennzeichnen, die noch immer Tributgeschenke schulden, sowie die Mengen.

All diese Ereignisse geschehen nicht in der Lebenszeit eines einzigen Urlugals. Urlugal ist nur einer der Namen der Lugale Urs. Die Sumerer hatten hunderte, vielleicht tausende Lugale und die Schriftgelehrten erfanden noch mehr Namen von Lugalen, um die Zeit zwischen sich und der ersten MorgendĂ€mmerung zu fĂŒllen. FĂŒr die Sumerer ist die Zeit zwischen ihnen und den AnfĂ€ngen nicht so gering, wie sie spĂ€ter fĂŒr die Christen sein wird. Die zĂ€hen Sumerer schĂ€tzen in Millionen.

Ich bin bei Urlugal hĂ€ngen geblieben, wegen seines sprechenden Namens und so will ich bei ihm bleiben. Er sammelt noch immer Tribute von Lagasch ein. Seine Neffen amĂŒsieren sich bestens dabei, die Kanalarbeiten ihrer Nachbarn zu beaufsichtigen, anstatt sie selbst zu erledigen.

Nun treffen beunruhigende Nachrichten ein. Einige von Urlugals Cousins gingen jagen, möglicherweise in den WĂ€ldern des Libanon. Einer von ihnen kehrt zurĂŒck, mit kaum genug Leben in ihm, um seine Geschichte zu erzĂ€hlen. Die JĂ€ger wurden von speerbewaffneten Nomad*innen angegriffen; alle außer dem ErzĂ€hler wurden getötet. Die Angreifer waren möglicherweise versippt mit den Fremden, die von den MĂ€nnern des Urlugals wĂ€hrend des Raubzugs gegen Lagasch getötet worden waren.

Urlugal bereitet sich sofort darauf vor, seine stĂ€rksten Cousins gegen die mörderischen Fremden anzufĂŒhren. Die Ältesten versuchen die Hitzköpfe zu beruhigen, indem sie darauf hinweisen, dass die Fremden die Opfer von Urlugals ursprĂŒnglichem Überfall rĂ€chten und ein weiterer Überfall nur zu mehr Vergeltungsmaßnahmen fĂŒhren wĂŒrde. Aber die Hitzköpfe lassen sich nicht stoppen.

Urlugal und seine Cousins, noch immer von ihrem Sieg ĂŒber Lagasch beschwingt, ziehen in den Wald Libanons aus. TatsĂ€chlich finden sie ein Lager der Fremden. Sie machen es dem Erdboden gleich und ermorden die meisten der Nomaden. Auf ihrem Weg zurĂŒck mit den gefangengenommenen Tierherden werden die MĂ€nner von Ur von einer anderen Bande Fremder angegriffen. Der Wald scheint vor Fremden nur so zu wimmeln.

Urlugal und viele seiner Cousins werden getötet. Die Überlebenden lassen ihre Beute zurĂŒck und fliehen in Unordnung zurĂŒck nach Ur.

Ganz Ur schĂ€umt vor Wut. Jemand erinnert die wĂŒtende Meute an die Vorhersage der Ältesten und wird sofort getötet. Die Überlebenden und ihre Cousins schreien nach der Ernennung des stĂ€rksten und entschlossensten unter ihnen zum Lugal. Die Sieger ĂŒber Lagasch wĂŒrden nicht von irgendwelchen Fremden geschlagen werden, sie wĂŒrden nicht die Fliegen fĂŒr Spinnen sein, die nicht in StĂ€dten leben und keine Samen anpflanzen. Der Rat der Ältesten ernennt bedrĂ€ngt vom Zorn der ganzen Stadt zögerlich den neuen Lugal.

Die wĂŒtenden Krieger ziehen gegen die Fremden aus. Sie senden SpĂ€her voraus, um nicht in einen weiteren Hinterhalt zu geraten. Sie transportieren ihre Verpflegung, sowie Lugal selbst in Gespannen auf RĂ€dern; der Lugal kann so seine StĂ€rke fĂŒr den eigentlichen Kampf aufsparen und die MĂ€nner von Ur können sich schneller bewegen als alle Fremden. Sie entdecken verschiedene Lager von Nomaden und machen alle dem Erdboden gleich.

Sie kehren nach Ur zurĂŒck – dieses Mal nicht nur mit den gefangenen Herden, sondern auch mit den gefangenen Fremden. Die zurĂŒckgekehrten Krieger werden von ihrer besorgten Sippe in die Arme geschlossen. Zwei Wochen lang gibt es Feste, TĂ€nze und Feiern in ganz Ur. Die Ältesten, MĂ€nner und Frauen bringen den Geistern und MĂ€chten, die diesen Sieg möglich machten, großzĂŒgige Opfer dar. Ganz besondere Opfer werden der Gottheit des Lugals dargeboten.

Als die Feiern enden, kehren die beschwingten Krieger, die Helden, nicht zu ihren Kanalreparaturen zurĂŒck. Das Pensum der Lagaschianer neigt sich dem Ende zu. TatsĂ€chlich beschweren sich die Lagaschianer, dass sie bereits mehr fĂŒr Ur getan haben, als sie jemals eingewilligt hĂ€tten. Wer wird die Reparaturen nun machen? Die Cousins der Lugals haben die besiegten Lagaschianer lange beaufsichtigt und sie sind von der Aussicht nicht begeistert, den Platz der Besiegten einzunehmen.

Die gefangengenommenen Fremden werden an die Arbeit an den KanĂ€len geschickt. Jede*r der Cousins des Lugals ist nun selbst ein Lugal, ein Vorgesetzter. Das sumerische Wort dafĂŒr lautet Ensi. Das ist ein Unter-Lugal, ein Assistent des Lugals, ein Chef, aber nicht der Chef.

Die Nomaden fahren fort, die JĂ€ger und Reisenden aus Ur zu bedrĂ€ngen. Aber die Nachrichten ihrer ÜberfĂ€lle sind nicht mehr so erschreckend. Der Lugal fĂŒhrt hĂ€ufige Expeditionen gegen die unverstĂ€ndlich semitisch sprechenden Fremden an.

Die Ältesten erheben keine EinwĂ€nde mehr gegen diese Expeditionen und beschrĂ€nken sich umsichtigerweise auf visionĂ€re und philosophische AktivitĂ€ten. Gelegentlich konsultiert der Lugal einen alten Mann oder eine alte Frau hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit eines Sieges, aber ansonsten nimmt er eine respektvolle Distanz zu ihnen ein.

Der Lugal blickt diesen Expeditionen nun freudig entgegen, da jeder neue Überfall neue Fremde nach Ur bringt. Mittlerweile gibt es genug Fremde in Ur, um die KanĂ€le jede Saison zu reparieren. Bald werden die Gefangenen frĂŒherer Expeditionen fĂŒr Expeditionen gegen neue Angreifer rekrutiert.

Bald reparieren Fremde nicht nur Deiche. Sie reparieren auch die HĂ€user alter MĂ€nner und Frauen. Sie erledigen die Hausarbeiten des Lugals und bald auch die der Ensis.

Die sumerischen Frauen lassen noch immer die Pflanzen auf dem Feld entstehen, aber nun tun sie das, indem sie engen und bestĂ€ndigen Kontakt mit der Erde und den Geistern, die fĂŒr die NĂ€hrung der Pflanzen verantwortlich sind, halten. Die tatsĂ€chliche Verstreuung der Samen wird von den gefangengenommenen Fremden erledigt.

Und wer sind die Fremden? Sicherlich können wir sie als die ersten Zeks identifizieren! Sie sind Arbeiter, Proletarier, Vollzeitarbeiter. Die sumerische Sprache stammt aus einem anderen Zeitalter. Ebenso wie sie kein Wort fĂŒr König, Herrscher, Kaiser oder PrĂ€sident besitzt, besitzt sie auch kein Wort fĂŒr Zek, Arbeiter, Sklave. Die Sumerer fahren fort den Lugal Lugal zu nennen und sie fahren fort, die Fremden Fremde zu nennen. Aber in einem unfassbar kurzen Zeitraum gibt Ur die exotische Welt der Seher*innen und Visionen auf.

***

Ich habe im PrÀsens gesprochen. Ur ist Jetzt. Es ist kein bisschen exotisch. Es ist unsere Welt.

Was ist passiert?

Ich habe die marxistische ErklĂ€rung bereits verworfen. GĂŒnstige materielle Bedingungen erschufen nicht den ersten Lugal von Erech. Materielle Bedingungen blieben dieselben, wie die, die sie seit Generationen gewesen sind und die Menschen von Erech hatten keinen Zugang zu den besten von ihnen. Die materiellen Bedingungen begannen sich erst nach dem ersten Lugal zu verĂ€ndern und seitdem haben sie sich rapide verĂ€ndert.

Pierre Clastres wĂŒrde sagen, dass es eine Revolution gegeben hat – keine materielle, sondern eine politische Revolution. Das wird dem Ganzen ziemlich gerecht, aber es stellt sich erst rĂŒckblickend als wahr heraus. Die Sumerer erleben offensichtlich einen großen Wandel; wir können das eine Revolution nennen, aber sie erleben es nicht als eine solche.

Vom Standpunkt der Sumerer her Ă€ndert sich nichts. Auf eine gewisse Art und Weise verlassen sie den Naturzustand niemals. Vielleicht ist es das, was den Exotizismus ausmacht, der dem, was wir »frĂŒhe Zivilisationen« nennen werden, anhaften wird. Die Sumerer sind nicht zu Zeks geworden. Sie sind noch immer Besessene. Die sumerischen Frauen gebĂ€ren noch immer nicht als Maschinen fĂŒr die Produktion von Soldaten und Arbeitern, sondern als lebendige Wesen in engem Kontakt mit den Quellen des Seins. Die sumerischen MĂ€nner, besonders die Ă€lteren, suchen noch immer den Kontakt mit den Geistern des Windes, der Wolken, selbst mit denen des Himmels selbst. TatsĂ€chlich widmen sie sich ihrer Suche vollstĂ€ndiger, als sie es jemals zuvor gekonnt hĂ€tten. Nun widmen sie all ihre Energie den TĂ€nzen, Festivals und Zeremonien. Sie mĂŒssen sich nicht lĂ€nger mit den BanalitĂ€ten des materiellen Überlebens herumschlagen. Die BanalitĂ€ten werden allesamt fĂŒr sie erledigt.

Ferner bieten der Lugal und seine MĂ€nner den Geistern weitaus großzĂŒgigere Geschenke dar, als jemals zuvor hĂ€tte gegeben werden können. Die MĂ€nner des Lugals haben sogar dauerhafte Schreine fĂŒr alle Geister und MĂ€chte errichtet, unglaublich schöne Schreine und um die Schreine herum haben sie GĂ€rten angelegt und diese mit all den Kreaturen der WĂŒste und des Waldes gefĂŒllt.

Niemals zuvor haben die Menschen den Wesen, die fĂŒr das Leben verantwortlich sind, eine solche Huldigung, einen solchen Respekt gezollt. Es stimmt, dass der Lugal seiner eigenen Gottheit den grĂ¶ĂŸten Schrein errichtet. Das ist offensichtlich anmaßend von Seiten des hochmĂŒtigen Lugals, da er nicht wissen kann, dass die Geister die hierarchische Konstellation, in die er sie bringt, akzeptieren. Das ist eine Art von Revolution. Aber die Sumerer werden sich nicht jetzt wegen seiner HochmĂŒtigkeit gegen den Lugal wenden. Sie haben sich daran gewöhnt und anstatt sie zu verĂ€rgern, lĂ€sst sie sie nun mit einem gewissen Stolz lĂ€cheln. Dank ihm können sie sich so vollstĂ€ndig dem Wohlergehen ihrer Stadt widmen.

Ich muss gegenĂŒber meiner*m Kritiker*in zugeben, dass die Sumerer sich nicht von einem einzigen der neuen Werkzeuge trennen wĂŒrden. Sie sehnen sich nicht danach, zum zeitlosen goldenen Zeitalter zurĂŒckzukehren. Sie befinden sich im Goldenen Zeitalter, mehr als jemals zuvor.

Aber die goldenen Sumerer sind nicht lĂ€nger alle aus Sumerien. TatsĂ€chlich existieren die goldenen Sumerer gemĂ€ĂŸ einiger spĂ€terer wissenschaftlicher ErzĂ€hlungen ĂŒberhaupt nicht. Sie werden durch ein simples Wort abgesetzt. Das Wort lautet Tempel. Die AnhĂ€nger*innen von Inanna, der liebevollen Tochter des Mondes; die Kommunikant*innen von Anu, dem Geist des Himmels, sind nicht die Anwender*innen der neuen Werkzeuge. Sie sind nicht die Verwalter*innen der EntwĂ€sserungsarbeiten, die Erbauer*innen der großen PalĂ€ste, die Helden der militĂ€rischen Gefechte. Sie sind das, was wir Priester und Priesterinnen, Orakel und Wahrsager*innen nennen. Alles, was in Sumerien vom Naturzustand ĂŒbrig geblieben ist, ist zu dem geschrumpft, was wir Religion nennen.

Vielleicht empfinden einige der Frauen, die keine Samen mehr aussĂ€en oder einige der MĂ€nner, die nicht mehr jagen oder das Vieh hĂŒten, eine gewisse Nostalgie nach den alten Tagen. Aber es gibt keinen Hinweis auf eine »zurĂŒck zur Erde«-Bewegung unter den sumerischen Geistlichen. Die Schriftgelehrten, die die Tafeln meißeln, sind Angestellte des Lugals; Sie sind nicht angestellt, um die Nostalgie der Geistlichen aufzuzeichnen. Die einzigen Hinweise, die wir besitzen, sind die GĂ€rten, die die MĂ€nner des Lugals anlegen und fĂŒr die Bewohner*innen des Tempels fĂŒllen.

Diese TempelgĂ€rten sind rĂ€tselhaft ĂŒppig fĂŒr kleine StĂ€dte, die von nichtstĂ€dtischen Aussichten umgeben sind und die in Fußweite zu WĂ€ldern und Bergen liegen – und die Sumerer sind so gute Wanderer. Kann es sein, dass, wie Turner vorschlĂ€gt, die Welt außerhalb der StĂ€dte bereits zur Wildnis wird?

Wir sollten das sorgfĂ€ltig betrachten. Die Welt außerhalb von Ur ist nicht die Wildnis, wie sie unsere Welt kennzeichnen wĂŒrde. Ihre Wildnis ist sicherlich nicht der Wald oder die WĂŒste, die Pflanzen oder die Tiere, da die naturliebenden Tempelbewohner*innen all das in die Stadt gebracht haben.

Könnte es sein, dass ihre Wildnis die Wildnis ist, die vom Lugal und seinen MĂ€nnern erschaffen wird: die Schlachtfelder, die alle sumerischen StĂ€dte umgeben, die Szenen der ÜberfĂ€lle und Gegen-ÜberfĂ€lle, die Szenen der Folter, der Massaker und Gefangennahme? Eine Priesterin, die an einem Waldteich mit dem Mond kommunizieren will, musste dorthin mit einer bewaffneten Eskorte aufbrechen. Es war praktischer geworden, einen geschrumpften Teich und Wald in die Einfriedung von Ur zu bringen.

WĂ€hrend die ehemalige freie Gemeinschaft zu einem Tempel geschrumpft war, so ist ein Auswuchs dieser Gemeinschaft zu extremer GrĂ¶ĂŸe angewachsen, da der Tempel nun von einer geschĂ€ftigen Stadt umgeben ist, die in jeder Hinsicht außer in ihrer Religion beinahe modern ist – vielleicht nicht absolut modern, aber zumindest gut verstĂ€ndlich fĂŒr uns.

Es gibt Reiche und es gibt Arme, da die Familien von Ensis keine Sippschaft mit den Fremden eingehen und auch sonst nichts mit ihnen teilen. Es gibt einen Markt, da die gut Situierten ihr Essen nicht lĂ€nger selbst sammeln, anbauen oder jagen. Es gibt Arbeitsprojekt-Manager und ihre Arbeitskolonnen. Es gibt GenerĂ€le und ihre Soldaten. Es gibt Archivare und selbst eine Schule fĂŒr Schriftgelehrte. Und alles lĂ€uft wie ein RĂ€derwerk.

Schauen wir genauer hin. Wenn die Menschen im Tempel golden sind, dann sind diejenigen draußen weniger edlen Metalls.

Die semitisch-sprachigen Mitglieder der Arbeitskolonnen, verheiratet und mit einem oder mehreren Kindern, noch nicht besonders sumeranisiert, erinnern sich besserer Tage. Es mag nicht vollkommen verrĂŒckt sein zu behaupten, dass diese ersten Zeks ihre Ensis kaum mehr lieben, als spĂ€tere Zeks die ihren lieben werden. Einige der Siege, die auf den Tafeln gefeiert werden, sind Siege gegen die Fremden, die sich bereits in Sumerien befinden; oder anders ausgedrĂŒckt: Es sind Siege ĂŒber rebellierende Zeks.

Die Fremden werden misshandelt, ĂŒberstrapaziert und verachtet. Sie sind weder frei noch unversehrt. Sie sind die Enteigneten. Einige ihrer Kinder mögen einer besseren Zukunft entgegenblicken, besonders diejenigen, die in den Krieg ziehen und andere Fremde tapfer genug abschlachten. Die Sumerer sind bislang nicht zu einer höheren Ebene des erblichen Elends fortgeschritten. Aber selbst so ist die Vielzahl sumerischer Zeks in keinem Sinne golden.

Rousseau und vor ihm de La BoĂ©tie werden sich ĂŒber Situationen wie diese wundern. In jeder Arbeiterkolonne gibt es viele Zeks und nur einen Ensi. Was hĂ€lt die Zeks davon ab, sich gegen den Ensi zusammenzutun? Warum reproduzieren die Menschen ein miserables alltĂ€gliches Leben?

Lasst uns die Ensis betrachten. Sie sind materiell wohlhabend. Aber sie werden von Ängsten heimgesucht und wenigstens ein Ensi ist paranoid. Er hat Angst von den Zeks in seiner Kolonne ermordet zu werden. Er hat bereits mehrere Verschwörer*innen hingerichtet. Er hat Angst, dass die Nachricht seiner Inkompetenz den Lugal erreichen könnte. Und – die Götter bewahren! – er hat den Verdacht, dass jemand im Tempel einen Groll gegen ihn hegt.

Aber da gibt es noch etwas ĂŒber den Ensi. Seine Zeks sind nicht frei oder unversehrt. Aber ebensowenig ist er es. Außer wenn sie sich gegen einen Ensi erheben oder verbĂŒnden, sind die Zeks nicht von ihrer eigenen Natur oder ihrem eigenen Wesen, ihren eigenen Entscheidungen oder WĂŒnschen bestimmt. Die Aufgaben, mit denen sie ihre Tage verbringen, sind nicht ihre eigenen. Aber diese Aufgaben sind auch nicht die des Ensis.

Der Ensi weiß von einer Arbeiterkolonne, deren Aufseher von Zek-Verschwörern ermordet wurde. Der ermordete Mann wurde durch einen Mann mit einem anderen Aussehen und gĂ€nzlich anderen Interessen ersetzt. Doch als er einmal Aufseher war, tat der neue Mann die genau gleichen Dinge wie der ermordete Aufseher und auf beinahe dieselbe Art und Weise.

Seltsame Gedanken schießen dem Ensi durch den Kopf. Könnte es sein, fragt er sich, dass der einzige Mann in Ur, der frei ist, der Lugal ist? Nun fragt er sich, ob selbst das wahr ist. Er hat von einer Stadt gehört, deren Lugal zusammen mit den meisten seiner Ensis in einem Aufstand der Zeks getötet wurde. Als der Ensi die Geschichte zum ersten Mal hörte, war er nicht ĂŒberrascht, dass es einen Aufruhr gab, dass viele der AktivitĂ€ten, die dem Willen des Lugals entsprangen, zum Stillstand kamen. Aber nun erinnert er sich, dass nur sehr wenige AktivitĂ€ten vollstĂ€ndig zum Erliegen kamen, selbst wĂ€hrend der Zwischenregierung zwischen den beiden Lugals. Er erinnert sich sogar, dass kein Rat der Ältesten den toten Lugal ersetzte; die Ältesten blieben im Tempel und verschlossen seine Tore. Viele der AktivitĂ€ten der Stadt, wichtige noch dazu, gingen weiter wie bisher, wie das RĂ€derwerk der Nachkommen des Ensis.

Noch seltsamere Gedanken spuken dem Ensi durch den Kopf. FĂŒr ihn scheint es, dass die Stadt einen eigenen Willen besitzt. Aber er weiß, dass dem nicht so ist. Der einzige in der Stadt mit einem Willen ist der Lugal. Die Ensis fĂŒhren nur den Willen des Lugals aus. Und wenn die Zeks ĂŒberhaupt einen Willen besitzen, dann den Willen auszubrechen. Der Ensi schlussfolgert, dass es zwecklos ist, darĂŒber nachzugrĂŒbeln. Denken ist die Aufgabe der Priester*innen und Orakel.

Einer der entfernten Nachfahren des Ensis in einem viel spÀteren Ur, ein Schriftgelehrter namens Thomas Hobbes, wird wissen, dass der Ensi versucht die Zivilisation mit Vorstellungen zu verstehen, die aus dem Naturzustand stammen. Dieser Hobbes wird wissen, dass Ur sich nicht lÀnger im Naturzustand befindet, es nicht lÀnger eine Gemeinschaft selbstbestimmter Menschen ist.

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Hobbes wird wissen, dass Ur nicht bloß eine Stadt ist. Ur ist ein Staat, vielleicht sogar der erste Staat. Und ein Staat, wird Hobbes sagen, ist ein »kĂŒnstliches Tier«. Er ist etwas Brandneues, etwas, von dem weder der Mensch noch die Natur getrĂ€umt haben. Er ist »dieser große Leviathan, der Gemeinwohl oder Staat genannt wird, auf Latein Civitas, der schließlich ein kĂŒnstlicher Mensch ist.«

Wie der denkende Ensi wird Hobbes wissen, dass dieser kĂŒnstliche Mann kein eigenes Leben besitzt und er wird fragen, »Können wir nicht sagen, dass alle Automaten (Maschinen, die sich selbst durch Federn und RĂ€der bewegen, wie das eine Uhr tut) ein kĂŒnstliches Leben besitzen?«

Der Ensi kann sich noch keine Uhr vorstellen. Der fortgeschrittenere Hobbes wird nicht lĂ€nger in der Lage dazu sein, sich die Natur oder Menschen vorzustellen. Er wird fragen, »Was ist das Herz anderes als eine Feder; und die Nerven anderes als so viele Seile, und die Gelenke anderes als so viele RĂ€der 
?« In einer Welt der Uhren wird der Leviathan Hobbes nicht so seltsam erscheinen, wie er dem Ensi erscheint.

Hobbes wird den Leviathan als einen kĂŒnstlichen englischen Gentleman beschreiben: maskulin, blond, mit einer Krone auf seinem Kopf, einem Zepter in der einen Hand und einem Schwert in der anderen, wĂ€hrend sein Körper aus Myriaden gesichtsloser Menschen zusammengesetzt ist, den Zeks.

Hobbes wird darauf bestehen, dass der Leviathan den Kopf eines Mannes hat. Er mag mit dem noch spĂ€teren Dichter Yeats darin ĂŒbereinstimmen, dass das Ungeheuer »den Körper eines Löwen und den Kopf eines Mannes« hat. Aber er wird auf den Kopf des Mannes bestehen. Er wird wissen, dass die Zeks kopflos sind, dass sie die Federn und Seile sind, die den Körper betĂ€tigen. Er wird denken, dass das Monster einen freien und unversehrten Mann enthĂ€lt, den Lugal. Hobbes wird in der Lage dazu sein, den Lugal einen König, Monarch, Herrscher oder bei einem anderen Namen zu nennen, weil seine Sprache durch die dazwischenkommende Ausbreitung von Leviathanen bereichert worden sein wird.

Der philosophische Ensi weiß bereits besser als Hobbes, dass das Ungeheuer weder den Körper noch den Kopf eines Mannes hat, weder englisch noch sumerisch. Der Ensi weiß, dass selbst der Lugal, der freieste Mann in Ur nicht morgens jagen, nachmittags fischen und abends tanzen gehen kann, wie ihn sein eigener Geist bewegt. Er kannte einen Lugal, der nur zweimal zum Jagen gegangen war und beim zweiten Mal, als der Lugal im Wald war, durch seinen Lieblings-Ensi als Lugal ersetzt wurde, und der ehemalige Lugal musste in einer benachbarten Stadt um Asyl bitten. Der Ensi weiß, dass ein Lugal, der sich selbst von seinem eigenen Geist bestimmen ließe, schnell von Ensis oder sogar Zeks gestĂŒrzt werden wĂŒrde und dass selbst der Tempel in Aufruhr wĂ€re.

Der Ensi, weniger fortgeschritten als Hobbes, ist jedoch vertrauter mit lebendigen Wesen als mit Federn und Uhren. Er kann sich den Leviathan weder mit einem menschlichen Kopf noch mit dem Körper eines Löwen vorstellen. Er mag Hobbes erste Beschreibung nutzen und sich das Ungeheuer als ein kĂŒnstliches Ungeheuer vorstellen, aber nicht als ein Tier, das so anmutig und gelenkig ist wie ein Löwe.

Er mag es sich als einen Wurm vorstellen, einen gigantischen Wurm, keinen lebendigen Wurm, sondern einen Kadaver eines Wurmes, einen monströsen Kadaver, dessen Körper aus zahlreichen Segmenten besteht, dessen Haut mit Speeren und RĂ€dern und anderen technologischen GerĂ€tschaften ĂŒbersĂ€t ist. Er weiß aus seiner eigenen Erfahrung, dass der gesamte Kadaver durch die Bewegungen der in ihm gefangenen Menschen zum Leben erweckt wird, den Zeks, die die Federn und RĂ€der bedienen, ebenso wie er weiß, dass der kadaverhafte Kopf bloß von einem Zek bedient wird, dem Kopf Zek.

Unter den Spekulationen, die dieser Hobbes seinem Ur als Opfer darbietet, wird die Behauptung sein, dass die Zeks sich tatsĂ€chlich selbst zur Gefangenschaft innerhalb des Kadavers verpflichtet hĂ€tten, oder wie er es ausdrĂŒcken wird, dass der Kopf eine Vereinbarung mit dem Körper getroffen hĂ€tte, wenn nicht im Hobbes’schen Ur, so zumindest im ursprĂŒnglichen Ur.

Der philosophischen Ensi, der sich inzwischen im Tempel zur Ruhe gesetzt hat, weiß das bereits besser. Er weiß, dass die Zeks Fremde sind, die mit Gewalt nach Ur gebracht wurden, bevor sie ĂŒberhaupt die Sprache des Lugals verstanden; die Zeks willigten damals in keinen Vertrag ein und sie haben es auch seitdem nicht getan.

Der Ensi erinnert sich sogar, dass die besiegten Lagaschianer, die sich selbst dazu verpflichteten, die KanÀle Urs zu reparieren, diese Vereinbarung nur unter vorgehaltenen Speeren trafen.

Zudem hat kein Lugal jemals Hobbes‘ Behauptung vorgebracht; er wĂ€re lachend abgesetzt worden. Der Lugal weiß, dass ihn selbst die Ältesten nicht ernennen, da die Ältesten keinerlei Ernennungen mehr machen; sie kĂŒmmern sich um die Schreine. Der Lugal behauptet, dass seine Macht von dem brutalen Geist stammt, der im Tempelturm oder dem kĂŒnstlichen Berg wohnt. Diese ausladende, menschgemachte Phallusform ist der wahre Kopf des Leviathan und er schließt keine VertrĂ€ge.

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Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org