Mai 13, 2021
Von ZĂŒndlumpen
200 ansichten


Das Mehrprodukt, der berĂŒhmte Gewinn, verhalf Leviathan nicht zu seinem Aufstieg. Im Gegenteil: Es ist Leviathan, der den Gewinn ermöglicht. Gemeinschaften von Menschen brauchten diesen Gewinn kein bisschen mehr als Gemeinschaften von Wölfen.

Bienen benötigen einen Gewinn, um ihre Königin zu ernĂ€hren. Der Leviathan benötigt einen Gewinn, nicht nur um seine Götter und ihre SchreinwĂ€rter*innen zu ernĂ€hren, sondern vor allem um den Lugal, die Ensis und die Schriftgelehrten, sowie die Federn und RĂ€der, mit denen Kriege gefĂŒhrt werden, zu verpflegen.

Der erste Leviathan revolutionierte nicht die materiellen Produktionsbedingungen, sondern begrĂŒndete sie; er ist an sich synonym zu den materiellen Produktionsbedingungen. Der erste Leviathan revolutionierte die Bedingungen der Existenz selbst und nicht bloß die der menschlichen Wesen, sondern die aller lebendigen Wesen und der von Mutter Erde selbst.

Das Mehrprodukt taucht zusammen mit den GefĂ€ĂŸen auf, in denen es gelagert wird. Menschliche Gemeinschaften besaßen bereits seit langem Körbe und Vasen, wenngleich kaum mehr als sie von ihren Winterlagern in ihre FrĂŒhlingslager transportieren konnten. Sie benötigten sie nicht. Mit dem Aufstieg des ersten Leviathans findet eine buchstĂ€bliche technologische Revolution in der GefĂ€ĂŸherstellung statt. Turner und vor ihm Mumford haben die rapide Vermehrung von Eimern, VorratsgefĂ€ĂŸen und Tontöpfen erwĂ€hnt, die nun auftauchen.

TatsĂ€chlich ist das von Mauern eingeschlossene und mit Korn gefĂŒllte Ur an sich ein großes Fass, ein stadtgroßer Vorratsspeicher.

Mehrprodukt ist bloß ein anderer Name fĂŒr Leviathans materiellen Inhalt, fĂŒr seine Eingeweide. Es kann fĂŒr sich kaum existieren, der Luft ausgesetzt ist es “reif” dafĂŒr, dass sich um es der Kadaver des UngetĂŒms formt.

Gemeinschaften freier Menschen haben ĂŒblicherweise genug Essen aufbewahrt, um durch einen durchschnittlichen Winter zu kommen und obwohl einige ihrer TrĂ€umer*innen exzellente Meteorologen waren, mussten sie hĂ€ufig knausern und sparen, wenn der Himmel die*den TrĂ€umer*in ĂŒberlistete.

Der erste Leviathan lagerte erst genug fĂŒr den schlimmsten vorstellbaren Winter und dann fĂŒr mehrere, da die freien Menschen nicht mehr die Arbeit verrichten. Ein lebendiges Wesen, das so vollgestopft wĂ€re, wĂŒrde ersticken oder platzen. Es gibt Massen von jedem vorstellbaren Produkt. Und wo es Massen gibt, da gibt es Handel.

Handel ist sehr alt. Im Naturzustand ist Handel etwas, das die Menschen mit ihren Feinden treiben. Sie handeln nicht mit ihrer Sippschaft.

Eine Person gibt Dinge, ebenso wie sie Lieder oder Geschichten oder Visionen an ihre Sippschaft weitergibt. Die*der EmpfÀnger*in mag sich oder mag sich nicht bei einer anderen Gelegenheit revanchieren. Das Geben ist die Quelle der Zufriedenheit. Wir mögen davon so weit entfernt sein, dass wir das nicht verstehen werden. Das ist unsere UnzulÀnglichkeit, nicht ihre.

Sie handelt nur mit Feinden. Wenn eine feindliche Gruppe, egal ob nah oder fern, etwas hat, das sie möchte, geht sie und einige gut bewaffnete Cousinen mit etwas zu den Feind*innen, das diese wollen könnten. Sie bietet ihr Geschenk an und die Feinde bieten lieber auf der Stelle das Ding an, das sie will oder sie wird ihr Geschenk sofort zurĂŒck in ihr Dorf tragen.

Kurz nach dem Aufkommen des ersten Urs nimmt der Handel ĂŒberhand. Beinahe Jede*r ist nun Jedermans Feind*in. Wenn du jemandem ein Geschenk gibst, dann erwartest du das zu bekommen, fĂŒr das du gekommen bist; du fĂŒhrst peinlich genau Buch darĂŒber auf deiner Tontafel und wehe dem, der das unterlĂ€sst.

Der bloße Anblick der Massen lĂ€sst eine neue menschliche Eigenschaft entstehen. Diese Eigenschaft wird sich so weit verbreiten, dass wir nicht mehr glauben werden, dass sie nicht schon immer existierte: Gier.

Du kannst sehen, dass ĂŒber die HĂ€lfte des Korns in den Speichern jedes Jahr ungenutzt verrottet. Und du weißt, dass es im Zagros-Gebirge und in der Levante Lager von Fremden gibt, die kaum genug Essen lagern, um sich durch einen harten Winter zu bringen. Die im Zagros-Gebirge tragen wunderschöne Fellbekleidung und die in der Levante gewinnen einen violetten Farbstoff aus Muscheln.

Du, der Bruder einer*s Priester*in und der Cousin einer*s Ensis, ziehst mit vierzig Wagenladungen Korn, dem Jahresertrag von vierzig Zeks, in das Zagros-Gebirge. Du startest gegen Ende eines langen, harten Winters. Du bekommst zehn PelzgewĂ€nder fĂŒr jede Wagenladung. Du kehrst mit dem, was nach einer kleineren Ladung aussieht nach Ur zurĂŒck, aber als du erst einmal in Ur bist, sind die Menschen bereit, dir fĂŒr jedes Gewand eine Wagenladung Korn und mehr zu geben. Bald schon hast du mehr GewĂ€nder und Korn als jeder andere Mann in Ur.

Aber eines Winters erreichst du das Lager der Fremden und sie weigern sich, dir zehn GewĂ€nder fĂŒr eine Wagenladung zu geben. Sie behaupten, dass sie nicht so viele Felle hĂ€tten. Vielleicht ist ihnen gedĂ€mmert, dass sie ausgeplĂŒndert werden, dass die Beziehung, die sie mit dir eingegangen sind, keine Beziehung zwischen ihren Fellen und deinem Korn ist, sondern zwischen ihnen und den Zeks, die das Korn ernten und dass du ein Dieb bist, der von beiden stiehlt.

Also stĂŒrzt du mit deinem Korn zurĂŒck nach Ur und kehrst mit deiner*m Cousin*e der*dem Ensi und einer Bande gut bewaffneter MĂ€nner ins Lager der Fremden zurĂŒck. Die MĂ€nner der*s Ensis streifen die GewĂ€nder von den RĂŒcken der Fremden ab. Doch es gibt immer noch nicht genĂŒgend GewĂ€nder, also kehren die MĂ€nner der*s Ensis mit einigen der Söhne und Töchter der Fremden nach Ur zurĂŒck.

Ur hat die Stufe des Außenhandels erreicht.

***

Es gibt einige Hinweise dafĂŒr, dass die sumerischen HĂ€ndler*innen ihrer Gier in den Osten bis nach Indien und in den Westen bis nach Anatolien und vielleicht sogar bis in die ÄgĂ€is, sowie bis zum ersten oder zweiten Wasserfall des Nils in den SĂŒden gefolgt sind. Bevor ich ĂŒber ihre Reisen spekuliere, muss ich auf ein anderes Thema eingehen, da die modernen Vorurteile mit den wenigen Hinweisen, die es gibt, Schindluder getrieben haben.

Viele, wenn nicht die meisten der frĂŒhen ArchĂ€olog*innen waren aufgeklĂ€rte, fortschrittliche und unverfrorene Rassist*innen. Das Aufkommen der mörderischen Leviathane war fĂŒr sie ein großer Moment und sie behaupteten, dass der Leviathan der entsprechenden Rasse der Vater all der anderen Leviathane wĂ€re.

Ein wenig spĂ€ter, wĂ€hrend der Ära der Völkergemeinschaft, wurde der Rassismus ein klein wenig gedĂ€mpft. Es wurde gesagt, dass die Menschen in Ägypten sowie die in Persien und Indien alle mit dem Genie ausgestattet gewesen wĂ€ren, um Maschinen des permanenten Krieges zu entwickeln, dass sie durch Zufall alle ihre eigenen Leviathane wĂ€hrend der gleichen paar Generationen unabhĂ€ngig voneinander entwickelt hĂ€tten.

Die Meisterleistung einen Leviathan zu erschaffen wird als ein Zeichen von Genie betrachtet. Aber ist diese Heldentat ein Zeichen von Genie oder eines der Geisteskrankheit? Wer außer Schwachköpfen wĂŒrde ohne einen guten Grund dafĂŒr den Naturzustand verlassen und sich in die Eingeweide des Kadavers eines kĂŒnstlichen Wurmes begeben? Die Annahme, dass zahlreiche menschliche Gemeinschaften dieser Idiotie zu einem bestimmten Zeitpunkt, jede aus ihrer eigenen Initiative, unterliegen, ist weder plausibel noch wohlwollend. Es bedarf vielmehr einer GenialitĂ€t, um das Ungeheuer von sich fern zu halten.

Es gibt viele Wege, das Monster von sich fern zu halten. UnglĂŒcklicherweise fĂŒr die menschlichen Gemeinschaften, fĂŒhren nicht alle diese Wege zu einer sicheren Zuflucht. Um mich kurz zu fassen, werde ich diese Wege auf zwei beschrĂ€nken: Die Gemeinschaft kann sich selbst physisch außer Reichweite des Ungeheuers halten, oder sie kann bleiben wo sie ist und versuchen, dem Ungeheuer standzuhalten.

Die frĂŒhesten Tafeln zeichnen die Bewegungen von Gemeinschaften außerhalb des Gebiets von Sumerien nicht auf. Es wird angenommen werden, dass die letzten Immigrant*innen des Double-Kontinents auf der anderen Seite der Erde von Ur, die Inuit-StĂ€mme, um ungefĂ€hr die Zeit beginnen, von Siberien nach Alaska und Grönland ĂŒberzusiedeln, als sich der erste Leviathan in Bewegung setzt. Es wird keinen Beweis dafĂŒr geben, dass diese Menschen von anderen in einer frĂŒhen Version der heute berĂŒhmten Analogie fallender Dominosteine verdrĂ€ngt werden. Tonybee und andere werden solche Bewegungen in spĂ€teren Zeitaltern dokumentieren, als die FeldzĂŒge chinesischer GenerĂ€le Menschen, die an der chinesischen Mauer lagerten, verdrĂ€ngten, die wiederum alle anderen vor sich herschoben, durch ganz Eurasien bis vor die Tore Roms. Wir werden wissen, dass eine große Anzahl eurasischer Gemeinschaften sich erfolgreich außerhalb der Reichweite des Ungeheuers halten, bis der Leviathan namens UdSSR in unserer Zeit die letzte von ihnen verschlingen wird.

Physisches Entfernen, also fliehen oder wie wir sagen werden, herausfallen, entzieht eine*n effektiv der Reichweite des Ungeheuers. Aber schließlich wird niemand endgĂŒltig fliehen, da der Leviathan die GrĂ¶ĂŸe der Welt schrumpfen und alle Zufluchtsorte in freie Felder verwandeln wird.

Und nicht alle Gemeinschaften wollen fliehen. Ihre TĂ€ler, Haine und Oasen, die Orte an denen ihre Vorfahren begraben sind, sind mit vertrauten und oft freundschaftlichen Geistern erfĂŒllt. So ein Ort ist geweiht. Er ist das Zentrum der Welt. Die Landmarken dieses Ortes sind die Orientierungsprinzipien der Psyche des Individuums. Ohne sie hat das Leben keine Bedeutung. FĂŒr eine solche Gemeinschaft ist das Verlassen ihres Ortes gleichbedeutend mit einem gemeinschaftlichen Selbstmord.

Also bleiben sie, wo sie sind. Und sie werden von den bizarren Lippen des Monsters gekĂŒsst. Artefakte sumerischen Ursprungs werden in frĂŒhen Ă€gyptischen sowie indischen StĂ€tten gefunden werden. Wir werden nicht wissen, wer diese Artefakte trĂ€gt, aber wir werden wissen, dass es im Zeitalter des ersten Urs einfacher ist von Mesopotamien zum Nil zu laufen, selbst nachdem Urlugal damit beginnt, die Region in eine “sich verdunkelnden Ebene, weggefegt von verworrenen Rufen zum Kampf und zur Flucht, wo unwissende Armeen des Nachts zusammentreffen” zu verwandeln. Verglichen mit dem, was moderne Leviathane mit dieser Region machen werden, ist die sich verdunkelnde Ebene aus Urlugals Zeitalter ein friedlicher Garten und der Cousin einer*s Ensis wĂŒrde keine Probleme haben, in ihm zu wandeln.

Von den weiter entfernten Orten werden wir wissen, dass als die Meeres- und Landkarawanen zwischen dem Fruchtbaren Halbmond und Indien erstmals in den Aufzeichnungen erwĂ€hnt werden, diese nicht als etwas Neues, sondern als etwas sehr Altes erwĂ€hnt werden und die erste ErwĂ€hnung der Seidenstraße nach China wird keine Antrittsrede sein.

Leviathane werden irgendwann riesig, so groß wie Kontinente. Aber wir sollten diese ungeheuren Ausmaße nicht auf die frĂŒhen Tage projizieren und von diesen ersten Kontakten annehmen, dass diese hĂ€ufig stattfanden und viele Menschen umfassten. Unter bestimmten UmstĂ€nden kann ein Kiesel an einer Quelle den Verlauf des gesamten Flusses verĂ€ndern. Wir kennen alle den spĂ€teren Reisenden Marco Polo, der auf den Geschmack chinesischer Pizza, Spaghetti und Ravioli kam und diesen Geschmack ĂŒber die gesamte LĂ€nge von Eurasien brachte und damit den Speiseplan Italiens vollstĂ€ndig umkrempelte. Ich wĂŒrde vermuten, dass nur zwei Besuche, der erste von dem kaufmĂ€nnischen Cousin des Ensis und der zweite vom Ensi und seiner Strafexpedition, einen starken Eindruck auf jede Gemeinschaft im Naturzustand machen wĂŒrde. Und sumerische Kaufleute reisten weit, sowohl zu Lande als auch zu Wasser, an entferte Orte, die sie Dilmun, Magan und Meluhha nannten.

Ich lasse die*den Leser*in ĂŒber die Details solcher Begegnungen spekulieren. Ich werde nur sagen, dass nachdem die Kinder der Schuldner*innen von den speerbewaffneten SchlĂ€gertypen gekidnappt worden sind, ein Mitglied der Gemeinschaft, das von den positiven Wundern der Zivilisation spricht, ein Trottel ist, nicht nur in den Augen seiner Sippe, sondern auch in den unseren.

***

Hier stoßen wir auf ein Problem, das die Menschen seit dem Zeitalter des ersten Urs geplagt hat, das Problem des Widerstands. Einige von uns werden sich rĂŒckblickend wĂŒnschen, dass die Gemeinschaften in Reichweite Urs das erste Monster in seinem Unterschlupf zerstört hĂ€tten, solange es isoliert und noch nicht besonders groß gewesen ist.

Offensichtlich haben zahlreiche Gemeinschaften im Zagros-Gebirge und den persischen Ebenen genau das versucht, aber sind gescheitert.

Andere, weniger zuversichtlich, vielleicht der Macht ihrer Götter angesichts des Anblicks von Panzern und RĂ€dern weniger gewiss, machen das Zweitbeste nach dem Fliehen; sie mauern sich ein und damit die Klauen des Monsters aus. Die Mauern beschĂŒtzen diese Widerstandleistenden vor den Klauen Urs, aber halten die WiderstĂ€ndler*innen nicht aus Leviathans Eingeweiden heraus.

Warum scheitern die WiderstÀndler*innen? Das ist eine wichtige Frage, die Frage des Lebens gegen den Tod. Norman O. Brown macht das zum Titel eines sehr informativen Buches.

Vorstaatliche Gemeinschaften waren ZusammenkĂŒnfte lebendiger, aber sterblicher Individuen. All ihre Geheimnisse, all ihre Gepflogenheiten wurden direkt weitergegeben, durch das gesprochene Wort. Wenn die Verwahrerin wichtiger, unkommunizierter Geheimnisse starb, starben ihre Geheimnisse mit ihr. Feindschaften und Grolle starben mit ihren Inhaber*innen. Die Visionen und die Gepflogenheiten waren so verschieden wie die Individuen, die sie erlebten und ausĂŒbten; deshalb gab es einen solchen Reichtum. Aber die Visionen und Gepflogenheiten waren ebenso sterblich wie die Menschen. Sterblichkeit ist ein untrennbarer Teil des Lebens: Sie ist das Ende des Lebens.

Wir projizieren noch immer moderne Institutionen in den Naturzustand. Es gab keine Institutionen im Naturzustand.

Institutionen sind unpersönlich und unsterblich. Sie teilen diese Unsterblichkeit mit keinem lebenden Wesen unter der Sonne. NatĂŒrlich sind sie keine lebendigen Wesen. Sie sind Segmente eines Kadavers. Institutionen sind kein Teil des Lebens, aber ein Teil des Todes. Und der Tod kann nicht sterben.

Ensis sterben und Zeks sterben, aber die Arbeitskolonnen “leben” weiter. GenerĂ€le und Soldat*innen sterben, aber Urs Armee “lebt” weiter und wĂ€chst sogar an und wird tödlicher. Das Gefilde des Todes wĂ€chst, aber die Lebenden sterben. Das erzeugt Probleme, mit denen die WiderstĂ€ndler*innen bisher nicht in der Lage gewesen sind umzugehen.

Diejenigen, die versuchen, den ersten Leviathan zu zerstören, indem sie seine Mauern erstĂŒrmen, die Guti und andere aus dem Zagros-Gebirge, die Elamiten von den persischen Ebenen, die Kanaaniten und andere Semiten aus der Levante können keine einfache Kriegspartei mit einem inoffiziellen StammesfĂŒhrer entsenden wie in den alten Tagen. Eine Kriegspartei aus einem einzigen Lager wĂŒrde nicht einmal die Vororte von Ur erreichen. Sie mĂŒssen sich mit anderen Lagern verbĂŒnden, mit so vielen wie möglich, bevor sie ĂŒberhaupt einen ernsthaften Überfall erwĂ€gen können. Und wenn sie sich erst einmal verbĂŒndet haben und angreifen, können sie sich nicht einfach zerstreuen und zu dem dörflichen Leben zurĂŒckkehren, wie sie es zuvor immer gekonnt hatten. Sie mögen sogar Urs Hauptarmee besiegen, aber noch bevor ihre Siegesfeier endet, erreicht sie die Kunde, dass Urs unsterbliche Armee bereits weitere ihrer Sippe niedergemetzelt hat.

Da sie sich also die MĂŒhe gemacht hatten, sich zu verbĂŒnden, blieben sie verbĂŒndet. Die jungen MĂ€nner legen ihre Speere nicht ab. Das ist bisher ungekannt, aber wie sonst sollen sie dem Monster Widerstand leisten? Sie haben sich selbst dazu verpflichtet zu bleiben und sie fĂŒhlen sich genötigt, die schrecklichen Konsequenzen zu ertragen.

Ihre bewaffneten MĂ€nner verfahren mit den Fremden so, wie die Fremden mit ihnen verfahren sind. Sie kehren mit gefangenen Sumerern zurĂŒck und die Gefangenen werden fĂŒr lokale Schreine und Befestigungsanlagen an die Arbeit geschickt.

Die Technologie schreitet rasant voran. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Bald gibt es viele Leviathane. Es gibt Elam in den persischen Ebenen, es gbt Mari und Ebla und andere in der Levante und es ist die Rede von einem Leviathan der Guti irgendwo in den Bergen. Die mutigen KĂ€mpfer*innen waren nur erfolgreich darin, sich selbst zu besiegen.

***

Diejenigen, die sich selbst einmauern, tappen in eine Àhnliche Falle.

Gemeinschaften haben schon frĂŒher Mauern errichtet, zum Beispiel in Jericho. Aber sie haben die Mauer nur einmal errichtet. Mauerbauen war bei ihnen keine Institution. Die draußen lagernden Feind*innen waren nicht die unsterbliche Armee des Urlugals. Sie waren eine andere Gemeinschaft, die entweder an einen anderen Ort zog oder die unter denen von Jericho EhemĂ€nner und Ehefrauen fanden und aufhörten Feind*innen zu sein.

Das ist nicht mehr der Fall fĂŒr die Erbauer*innen der Mauern an den Ufern des Nils, fĂŒr diejenigen, die das ummauerte Mohenjo Daro an den Ufern des Indus errichteten, fĂŒr diejenigen, die sich selbst geringfĂŒgig spĂ€ter in Festungen in Zentralanatolien einschlossen.

Die leviathanischen Invasor*innen sind keine Gemeinschaften freier Sterblicher. Sie sind Abgesandte von etwas, das weder weggeht noch stirbt. Selbst ihre Erinnerungen sind nicht menschlich, sondern bestehen aus Steinen, die in Beuteln getragen werden. Jerichos Mauern reichen nicht lĂ€nger. Die Mauen mĂŒssen hoch und stark sein und sie mĂŒssen ebenso oft repariert werden wie die DĂ€mme von Erech.

Die Jahreszeiten vergehen und die Generationen gehen dahin, und immer noch mĂŒssen die Mauern gewartet werden. Und Generation fĂŒr Generation repariert sie.

Die Seherin, die von der Notwendigkeit dieser Mauern getrĂ€umt hatte, hat ihre letze wichtige Vision erlebt. Von diesem Tag an hat ihre Sippe ihr nur spĂ€rlich Aufmerksamkeit gewidmet; sie hat ihren Bruder, Pharao, umschwĂ€nzelt, der in seiner Person die Ämter des sumerischen Priesters und des sumerischen Lugals vereint.

Mauern können nicht dauerhaft mit einer vorĂŒbergehenden Arbeitsteilung in Stand gehalten werden. ZunĂ€chst werden die Besteller*innen des Bodens eingeladen, beim Bau der Mauer zu helfen, im Austausch gegen anregende Visionen sowie Korn, das von den MĂ€nnern Pharaos von anderen Bauern geplĂŒndert worden ist. Und die freien Bauern bauen, offenbar aus eigenem Antrieb, erhabene wunderschöne Mauern und SĂ€ulen und Schreine, mit OberflĂ€chen, die reich mit gemeißelten und gemalten Motiven geschmĂŒckt sind, die jeder*m am Nil etwas bedeuten.

Aber eine permanente Arbeitsteilung ist zwanghaft, schlicht weil sie dauerhaft ist und Zwang ist an den Ufern des Nils bald so gewöhnlich wie an denen des Tigris. Was von einer Generation freiwillig getan wurde, wird von der nĂ€chsten erwartet und ihr aufgezwungen. Ägypten ist nicht lĂ€nger ein Ort, an dem die Menschen Gepflogenheiten teilen; es ist nun ein Ort, an dem einige anderen Gesetze auferlegen. Gepflogenheiten waren immer Lebensweisen; Gesetze sind keine Gepflogenheiten freier Menschen. Gesetze sind die Gepflogenheiten Leviathans.

Die Arbeiten, die fĂŒr Pharao verrichtet werden, sind nicht frei gewĂ€hlt; es sind aufgezwungene Aufgaben, erzwungene Arbeit.

Und wie ein lebendiger Wurm, der sich selbst aus einem einzigen Segment wiederherstellt, wird vom Haushalt das Pharaos ein vollstĂ€ndiger Leviathan ausgeschieden. Die Erbauer*innen und Handwerker sind nicht lĂ€nger eingeladen. Pharao fĂŒhrt nun Armeen nach Norden an, nach Sinai und in der Levante, in den SĂŒden nach Nubien. Er kehrt mit Gefangenen zurĂŒck. Er legt denen, die nicht gefangen genommen werden, schwere Tribute auf und lĂ€sst Tribut-Eintreiber*innen in entfernten Garnisonen zurĂŒck. Wie der Lugal hat er nun Schriftgelehrte, die Aufzeichnungen ĂŒber die Tribute fĂŒhren und er entsendet Strafexpeditionen.

Auch Pharao hat nun ein kĂŒnstliches GedĂ€chtnis, eine Datenbank, wie wir sie nennen wĂŒrden. Seine Schriftgelehrten haben ihrerseits eine Schrift entwickelt, ebenso wie die Schriftgelehrten im entfernten Mohenjo Daro am Indus. Die Zeichen und Materialien sind verschieden, aber das Ziel ist das gleiche. Und Pharaos Schriftgelehrte, wie die des Lugals, haben ein kĂŒnstliches Jahr entwickelt, einen Kalender, die frĂŒheste Form einer Uhr, um die Tage vorherzusehen, wenn die FeldfrĂŒchte der Schuldner*innen reif werden.

Wie traurig! All das wird getan, um die alten Gewohnheiten vor dem Angriff eines Ungeheuers mit “einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne” zu bewahren. All das wird wegen der Geister des Tals gemacht, fĂŒr die Gottheiten der alten Gemeinschaft.

Wir mĂŒssen uns erinnern, dass aufgeklĂ€rte Fortschrittliche, die all das fĂŒr die ProduktivkrĂ€fte, fĂŒr die Wissenschaft und Technologie, fĂŒr den Leviathan selbst tun, noch nicht geboren wurden. Vielleicht findet man in den beeindruckend sĂ€kularen StĂ€dten Sumeriens bereits die VorgĂ€nger*innen moderner Fortschrittlicher, aber selbst dort kommt der Gott im Tempelturm zuerst.

In Ägypten gibt es nicht einmal einen Funken fortschrittlicher AufklĂ€rung und fĂŒr mindestens hundert Generationen wird es dort auch keinen geben. Dort ist das Ziel all der Gewalt, der Gefangennahme von Fremden, dem Zerfleischen von Gemeinschaften, die alte Gemeinschaft zu bewahren, das Leben gegen den großen Kadaver zu verteidigen. All das Morden der ÜberfĂ€lle, Invasionen und Kriege ist geheiligtes Morden. Es wird im Namen des Lebens getan, im Namen der Geister der Tiere, der Pflanzen, des Flusses, der Unterwelt und des Himmels.

Aber die Welt der Geister schrumpft, wie sie es in Sumerien getan hat, und wird auf den Tempel eingeschrĂ€nkt, der in Ägypten zugleich auch der Haushalt des Pharaos ist.

UnglĂŒcklicherweise fĂŒr die Ägypter kann das Leben nicht in einem abgedichteten GefĂ€ĂŸ bewahrt werden. Es verkĂŒmmert und schließlich stirbt es.

Der traurige, langsame Tod kann auf den GemĂ€lden Ägyptens, seinen Skulpturen, in seinen Überlieferungen und in seinen Schreinen gesehen werden.

Die frĂŒhesten Maler*innen und Bildhauer*innen atmen offensichtlich noch immer die Luft der Gemeinschaft, die Pharaos Haushalt als intakt zu bewahren beabsichtigt. Diese Menschen sind noch immer in Kontakt mit Frauen, die ihre Körper verlassen und die Unterwelt besuchen, mit MĂ€nnern, die sich selbst gen Himmel strecken und fliegen, mit Menschen, die tatsĂ€chlich mit dem Schakal und dem Steinbock sprechen, da sich die Götter noch immer unter die Menschen mischen. Pharaos erste Handwerker kennen noch solche Seher*innen, aber nicht sehr viele und die nĂ€chste Generation kennt nur noch weniger.

Es gibt noch immer Seher*innen, die Visionen und Offenbarungen haben, aber wer weiß, welche Fremden sie inspiriert haben? Schließlich kann nur noch den Visionen des Pharaos vertraut werden und Pharao sich selbst auf die Visionen der Alten zu beschrĂ€nken.

Die Götter hören von dem Tag an, an dem Pharao sich vornimmt, die Götter zu verteidigen und zu bewahren, auf, sich unter die Menschen zu mischen. Und ungeachtet aller Anstrengungen Pharaos sterben die Götter. Ich denke es liegt an seinen Anstrengungen, dass sie sterben. Ich behaupte nicht, viel ĂŒber Gottheiten zu wissen, aber es scheint, dass sie Leviathane ebensowenig gutheißen können, wie die Menschen Plagen gutheißen; Götter sind unter den ersten Opfern des Kadavers, das Ungeheuer ist gottesmörderisch.

Der Tod der Ă€gyptischen Götter ist dokumentiert. Nach zwei oder drei Generationen unter Pharaos Schutz springen oder fliegen die Figuren auf den Mauern und SĂ€ulen des Tempels nicht lĂ€nger; sie atmen nicht einmal mehr. Sie sind tot. Sie sind leblose Kopien der vormals lebenden Figuren. Die Kopist*innen sind exakt, wir wĂŒrden sagen pedantisch; sie scheinen zu glauben, dass gewissenhaftes Kopieren der Originale die Kopien zum Leben erwecken wird.

Ein Ă€hnlicher Tod und Verfall muss auch die Lieder und Zeremonien verblassen lassen. Was einst eine vergnĂŒgliche Feier, selbstaufgebende, orgiastische Kommunion mit dem Jenseitigen war, schrumpft auf leblose Rituale, offizielle Zeremonien, die vom Kopf des Staates und seinen Beamten geleitet werden, zusammen. Es wird alles zu einem Theater und alles ist inszeniert. Es geht nicht lĂ€nger um Teilen, sondern um die Show. Und es erfasst die*den Teilnehmer*in nicht lĂ€nger, die*der nun zu einer*m bloßen Zuschauer*in wird. Er fĂŒhlt sich von der Macht des Haushalts von Pharao vermindert, eingeschĂŒchtert und verĂ€ngstigt.

Unsere GemÀlde, Musik, TÀnze, alles, was wir Kunst nennen, wird das Erbe dieser todgeweihten spirituellen AktivitÀt sein. Was wir Religion nennen, wird ein weiteres totes Erbe sein, aber auf einer so fortgeschrittenen Ebene der Verwesung, dass ihre einst lebendige Quelle nicht lÀnger erahnt werden kann.

***

WĂ€hrend die Ekstase der ehemals lebendigen Gemeinschaft im Tempel dahinschmachtet und einen langsamen und qualvollen Tod erleidet, verlieren die Menschen außerhalb der Bezirke des Tempels, aber innerhalb derer des Staates, ihre innere Ekstase. Der Geist in ihnen dörrt aus. Sie werden zu beinahe leeren HĂŒllen. Wir haben gesehen, dass dies sogar in Leviathanen passiert, die, zumindest ursprĂŒnglich, aufgebrochen waren, um einem solchen Schwund Widerstand zu leisten.

WĂ€hrend die Generationen dahingehen, werden die Individuen innerhalb der kĂŒnstlichen Eingeweide des Kadavers, die Ensis ebenso wie die Zeks, das Bedienungspersonal der Segmente des großen Wurmes, zunehmend den Federn und RĂ€dern, die sie bedienen, Ă€hnlicher; so sehr, dass sie spĂ€ter irgendwann als nichts anderes als Federn und RĂ€der erscheinen. Sie werden niemals vollstĂ€ndig zu Automaten reduziert; Hobbes und seine Nachfolger*innen werden das bedauern.

Menschen werden niemals vollstĂ€ndig zu leeren HĂŒllen. Ein Funken Leben bleibt in den gesichtslosen Ensis und Zeks zurĂŒck, die eher wie Federn und RĂ€der erscheinen als wie Menschen. Sie sind potenzielle Menschen. Sie sind schließlich die lebendigen Wesen, die dafĂŒr verantwortlich sind, dass der Kadaver zum Leben erwacht, sie sind diejenigen, die den Leviathan reproduzieren, abstillen und bewegen. Sein Leben ist nichts anderes als ein geborgtes Leben; weder atmet er, noch vermehrt er sich; er ist nicht einmal ein lebendiger Parasit; er ist eine Ausscheidung und sie sind diejenigen, die ihn ausscheiden.

Die zwanghafte und obligatorische Reproduktion des Lebens des Kadavers ist das Thema von mehr als einem Essay. Warum machen die Menschen das? Das ist das große RĂ€tsel des zivilisierten Lebens.

Es genĂŒgt nicht zu sagen, dass die Menschen dazu gezwungen sind. Die ersten eingefangenen Zeks mögen es nur deshalb tun, weil sie physisch gezwungen werden, aber physischer Zwang erklĂ€rt nicht mehr, warum die Kinder der Zeks sich an ihren Schalthebeln festklammern. Nicht dass der Zwang vergeht. Er tut es nicht. Arbeit ist immer erzwungene Arbeit. Aber etwas anderes passiert, etwas, das den physischen Zwang ersetzt.

Zuerst wird die auferlegte Aufgabe als BĂŒrde betrachtet. Der neu eingefangene Zek weiß, dass er kein Klempner ist, er weiß, dass er ein freier KanaanĂ€er ist, der bis zum Rand mit ekstatischem Leben gefĂŒllt ist, da er noch immer die Geister der Berge und WĂ€lder der Levante in sich pulsieren fĂŒhlt. Das Klempnern ist etwas, das er auf sich nimmt, um nicht abgeschlachtet zu werden; es ist etwas, das er bloß trĂ€gt, wie eine schwere RĂŒstung oder eine hĂ€ssliche Maske. Er weiß, dass er die RĂŒstung abwerfen wird, sobald der Ensi ihm den RĂŒcken zuwendet.

Aber die Tragödie dessen ist, dass je lĂ€nger er die RĂŒstung trĂ€gt, desto weniger ist er in der Lage sie zu entfernen. Die RĂŒstung klebt an seinem Körper. Die Maske wird mit seinem Gesicht verklebt. Versuche die Maske zu entfernen werden zunehmend schmerzhaft, da die Haut dazu neigt, sich mit ihr abzulösen. Es gibt immer noch ein menschliches Gesicht unter der Maske, ebenso wie es noch immer einen potentiell freien Körper unter der RĂŒstung gibt, aber ihre bloße EnthĂŒllung erfordert beinahe ĂŒbermenschliche Anstrengung.

Und als ob all das nicht schlimm genug wĂ€re, beginnt auch noch etwas mit dem inneren Leben des Individuums zu passieren, mit seiner Ekstase. Sie beginnt auszutrocknen. Ebenso wie die lebendigen Geister der ehemaligen Gemeinschaft schrumpften und starben, als sie in den Tempel eingesperrt wurden, so schrumpft und stirbt auch der lebendige Geist des Individuums innerhalb der RĂŒstung. Sein Geist kann in einem geschlossenen GefĂ€ĂŸ nicht besser atmen, als die Götter es konnten. Er erstickt. Und sowie das Leben in ihm schwindet, lĂ€sst es eine wachsende Leere zurĂŒck. Der klaffende Abgrund wird so schnell wieder gefĂŒllt, wie er sich auftut, aber nicht mit Ekstase, nicht mit lebendigen Geistern. Die Leere wird mit Federn und RĂ€dern gefĂŒllt, mit toten Dingen, mit der Substanz des Leviathan.

***

Der einst freie Mensch wird zunehmend zu dem, von dem Hobbes denken wird, dass er es ist. Die RĂŒstung, die einst außen getragen worden ist, hĂŒllt sich um das Innere des Individuums. Die Maske wird zum Gesicht des Individuums. Oder wie wir sagen werden: Die EinschrĂ€nkung wird verinnerlicht. Das ekstatische Leben, die Freiheit schrumpft zu einer bloßen Möglichkeit. Und Möglichkeit ist, wie Sartre hervorheben wird, Nichts.

Diese Reduzierung wird in den StĂ€dten Sumers am sichtbarsten, an den Leviathanen, die in dieser Hinsicht auch erstaunlich modern sind. Sie wird so sichtbar, dass die Sumerer*innen sie selbst zu bemerken beginnen. Es sind nicht die zunehmend betĂ€ubenden Ritualisierungen der AktivitĂ€ten des Tempels, die sie plagen, und genausowenig die sogar noch auffĂ€lligere innere Leere der Ensis und ihrer Familien. All das scheint als Konsequenzen akzeptiert zu werden, die aus dem Bedarf an einer verlĂ€sslichen Quelle an Wasser und Zeks resultieren. Was sie plagt, ist, dass die Nachfahren der ersten Sumerer selbst zu Zeks reduziert werden. Das wichtigste Werkzeug dieser Reduzierung ist der Handel, oder wie wir es nennen wĂŒrden, das GeschĂ€ft. Die sumerische Stadt ist mehr als jeder andere frĂŒhe Leviathan ein Paradies fĂŒr GeschĂ€ftsleute.

Ein GeschĂ€ftsmann ist ein Mensch, der seiner lebendigen Menschlichkeit vollstĂ€ndig entleert wurde. Er ist der Definition nach eine Person, die in und durch die körperlichen Eingeweide des Leviathans gedeiht. Menschen, die zu Dingen reduziert sind, sind unter den Objekten in den Eingeweiden des Ungeheuers und sie sind offensichtlich Freiwild fĂŒr diese Jagd nach Profit. Die Maxime der GeschĂ€ftsleute ist, schon lange bevor Adam Smith sie publizieren wird: Jeder Mensch fĂŒr sich selbst und die Götter gegen alle.

Wir haben bereits gesehen, wie der sumerische GeschĂ€ftsmann eine Gemeinschaft von Fremden zu Schuldner*innen, dann zu Zahlungsunwilligen und schließlich zu Zeks reduzierte. Er wendet nun die gleich ökonomische Weisheit gegen die Fremden innerhalb Sumers an und schließlich hört er damit auf, zwischen Fremden und Sumerern zu unterscheiden.

Die Reduzierung geht zur Zeit der Herrschaft von Urukagina so weit, dass selbst der Lugal davon gestört wird. Und dieser Lugal entscheidet, etwas dagegen zu unternehmen, oder veröffentlicht zumindest eine Tafel, die eine solche Intervention behauptet.

Dieser Urukagina, der das Amt des Lugals von Lagesch zu einer Zeit ausĂŒbt, als seine sĂŒdlichen Nachbar*innen bereits die Ufer des Nils mit den ersten Pyramiden verziert hatten, mag nicht der erste Reformer gewesen sein. Er ist der erste dokumentierte Reformer. Er ist der Erste von Vielen, die das Wohlergehen des gesamten Wurmes ĂŒber das Wohlergehen eines einzelnen Segments stellen. Er kann sehen, dass die gierigen Profitsuchenden, die bloß ein Segment des Ganzen ausmachen, den Zusammenhalt des Kadavers beeintrĂ€chtigt hatten, seine FĂ€higkeit sich zu bewegen, indem sie seine gesamten Eingeweide aufgefressen hatten. Er proklamiert, dass die Vipern “keine FrĂŒchte im Garten des armen Mannes sammeln sollten”, sie sollten die Sumerer nicht zu Zeks reduzieren.

Indem er das Wohlergehen des gesamten Wurmes ĂŒber das seines angeschwollenen Segments stellt, entfesselt dieser Lugal, wie viele seiner liberalen Nachfolger*innen, KrĂ€fte, die ihn erdrĂŒcken. Sich auf die Erinnerung an frĂŒhere Phasen der Existenz des Wurmes verlassend, nimmt er an, die beste oder geeignetere Anordnung der Segmente des Wurmes zu kennen.

Der erste Urlugal maßte sich an die Hierarchie der Götter zu kennen und kam mit seiner Anmaßung durch, weil die Götter bereits schwach waren und im Sterben lagen.

Urukagina kommt nicht durch, weil das Segment, das er angreift, obwohl es der Definition nach tot ist, nicht schwach ist. Vergeltung folgt in Form einer Invasion aus Umma. Urukagina wird von Lugalzaggizi aus Umma seines Amtes enthoben. Urukagina wird wie seine liberalen Ensis und die meisten ihrer Zeks getötet und Lagasch wird dem Erdboden gleich gemacht.

Die Stadt Umma ist weder fĂŒr ihre Macht noch ihren Mut bekannt und sie erwirbt diese FĂ€higkeiten nicht plötzlich. Ihr Machthaber Lugalzaggizi erobert Lagasch nicht mit Ummas StreitkrĂ€ften. Die notwendigen Armeen ebenso wie die benötigte Technologie fĂŒr eine solche Invasion stammen von dem Segment, das Urukagina angegriffen hatte. Lugalzaggizi ist das Instrument fĂŒr den Sturz des Reformers, nicht nur weil er die MĂ€chtigen verficht, sondern auch weil er etwas weiß, dass Urukagina nicht wusste.

Lugalzaggizi versteht, dass der Kopf des Leviathans sich nicht dort befindet, wo er sich ein Jahr oder eine Generation zuvor befunden hat und genausowenig dort, wo Urukagina denkt, dass er sein sollte. Ebenso wie der Gott des Lugals stets der Gott in der phallusförmigen Zikkurat [Tempelturm] ist, so ist auch das mÀchtigste Segment des Leviathans immer sein Kopf. Das ist leviathanisches Recht, und Lugalzaggizi, nicht Urukagina, ist der wahre Verteidiger des Wurmes.

Lugalzaggizis Eintreten fĂŒr die MĂ€chtigen verschafft ihm VerbĂŒndete in allen sumerischen StĂ€dten. Vielleicht sind sie alle von Reformern befallen, die eine Nostalgie fĂŒr eine frĂŒhere leviathanische Ordnung haben. Lugalzaggizis Armeen ĂŒberrollen sie alle.

Bevor all die Leichen begraben werden, ist Lugalzaggizi der Lugal von Umma, Lagasch, Ur und Erech. Seine Schriftgelehrten beschreiben ihn als den Mann von Erech, den Einen und Einzigen. Das Tal von Tigris und Euphrat wird von einem einzigen Leviathan besetzt. Sumer ist zum ersten Mal eins. Der Wurm hat all seine VorgĂ€nger aufgefressen. Lugalzaggizis Schriftgelehrte beschreiben ihn auch als den Lugal der Lugals, ein Ausdruck, den seine semitisch-sprechenden Subjekte als König der Könige und Herr der Herrscher ĂŒbersetzen.

Aber die Tage selbst dieses AllmĂ€chtigen sind gezĂ€hlt. Ebenso wie die Sumerischsprechenden nicht lĂ€nger nur Priester und Ensis sind, sind die Semitischsprechenden nicht lĂ€nger nur Zeks. Durch Heirat, physische TĂŒchtigkeit und Kriecherei befinden sich die Großenkel der Zeks im Palast und im Tempel. Die im Tempel wagen es, den sumerischen Gottheiten die Namen der vor langem vergessenen, semitischen Gottheiten zu verleihen und geben der Tochter des Mondes den landesĂŒblichen Namen Ischtar. Die sumerischsprechenden Priester*innen scheint das nicht weiter zu kĂŒmmern; viele von ihnen mĂŒssen wissen, dass die sumerischen Götter nicht lĂ€nger mehr als Namen sind. Zudem sind viele der BrĂŒder der semitischsprechenden Priester*innen Ensis – tatsĂ€chlich sind es so viele, dass es leichtsinnig wĂ€re, darauf zu bestehen, dass Ischtars eigentlicher Name Inanna ist. Zudem sind in den entlegenen StĂ€dten entlang des Weges von Sumer zur Levante und dem Sinai nicht nur semitischsprechende Ensis, sondern sogar einige, die das Amt des Lugals ausĂŒben. Ein solcher ist Sargon, der Akkade.

Sargon ist in jeder Hinsicht sumerisch, außer in seiner Sprache. Er begann seine Karriere offensichtlich als ein Ensi des Lugals von Ur, fĂŒr den er die Steuern einer Provinz in der Levante eingetrieben hatte. Als Ur Lugalzaggizi unterlag, nannte Sargon seine Provinz Akkad und nahm den Posten des Lugals ein. Er hatte Lugalzaggizis fetten Leviathan, etwas, das wir ein Imperium nennen wĂŒrden, eine ganze Generation lang beobachtet. Plötzlich versteht er etwas, das selbst Lugalzaggizi nicht weiß; seine Schriftgelehrten sagen, dass ihm das von Ischtar gesagt worden sei. Sargon weiß, dass der phallusförmige Kopf des Leviathan allen MĂ€chtigen gehört, nicht nur den sumerischsprechenden MĂ€chtigen.

All die MĂ€chtigen, die sich auch nur das kleinste bisschen herabgewĂŒrdigt fĂŒhlen, sehen in Sargon einen Helden. Dem Vorbild Lugalzaggizis folgend nimmt er seinen Mentor gefangen und fegt durch die StĂ€dte, die die ersten Leviathane hervorgebracht haben.

Ein einziger Leviathan, so lang wie der Nil und um einiges lĂ€nger, erstreckt sich nun ĂŒber den gesamten Fruchtbaren Halbmond. Seine Eingeweide umfassen das mesopotamische Umma, Ur, Lagasch und Erech, sowie all die StĂ€dte entlang der Straßen in der Levante.

Sargon, der seine Karriere als Steuereintreiber begonnen hatte, weiß so wie jeder Pharao oder Lugal, was der Wurm am Besten kann. Er frisst Abgaben, nicht nur um den Lugal und seine Ensis zu ernĂ€hren, die nun semitische Namen haben, sondern vor allem um die zunehmend gewaltsamen Götter im Tempel zu ernĂ€hren, Götter, die so tot sind wie der Leviathan selbst und ebenso hungrig.

***

Die Taten und Schicksale von Urukagina, Lugalzaggizi und Sargon sind der Gegenstand dessen, was wir “Geschichte” nennen. Mary Jane Shoultz hat dieses Wort entmystifiziert. Wenn wir von tatsĂ€chlicher Geschichte, Geschichte im eigentlichen Sinne sprechen, meinen wir seine Geschichte. Sie ist eine exklusiv maskuline Angelegenheit. Wenn Frauen in ihr auftauchen, dann tun sie das eine RĂŒstung tragend und ein Phallussymbol handhabend. Solche Frauen sind maskulin.

Diese gesamte Angelegenheit dreht sich um Phallussymbole: den Speer, den Pfeil, die Zikkurat [Tempelturm], den Obelisk, den Dolch und spĂ€ter natĂŒrlich das Projektil und die Rakete. All diese Objekte sind zugespitzt und sie sind alle dazu geschaffen, einzudringen und zu töten. Die mesopotamische Zikkurat [Tempelturm] und der Ă€gyptische Obelisk, mĂ€nnergemachte Berge, die in den Himmel weisen, sagen den Tag voraus, an dem MĂ€nner die Ozonschicht der AtmosphĂ€re zerreißen und sich selbst in den luftleeren Raum schießen werden, in dem einst nur Götter zu fliegen vermochten.

Viele, von Euripides bis Bachofen, Schultz, Grass und Turner werden sich fragen, warum seine Geschichte so exklusiv maskulin ist. Sie werden sich an die Zuchthengst-artige Rolle des menschlichen Mannes im Naturzustand erinnern und sich fragen, ob die leviathanischen KunststĂŒcke, die seine Geschichte ausmachen, die Rache der MĂ€nner sind.

Mit dem Aufstieg der Leviathane werden Frauen entwĂŒrdigt, domestiziert, missbraucht und instrumentalisiert und dann fahren die Schriftgelehrten fort, die Erinnerung daran auszulöschen, dass Frauen einmal wichtig gewesen waren. Diamond sagt, dass die Literatur, die Shoultz mĂ€nnliche Literatur nennt, bestenfalls dazu geeignet ist, die Vergangenheit aus dem GedĂ€chtnis zu tilgen.

In den alten Gemeinschaften erinnerte sich an das, was eine*r der Ältesten vergaß, wahrscheinlich ein*e andere*r und Traditionen konnten nur schwer verloren gehen, außer die gesamte Gemeinschaft wurde ins Unheil gestĂŒrzt.

Aber sobald sich das soziale GedĂ€chtnis auf den Schriftrollen und Tafeln der Schriftgelehrten einnistet, konnte eine einzelne Weisung des Pharaos oder Lugals einen ganzen Abschnitt der Vergangenheit oder sogar die gesamte auslöschen. In Ägypten werden viele frĂŒhe Kartuschen und Namenstafeln gefunden werden, die den kaum wahrnehmbaren Namen einer Frau tragen, der Matriarchin; auf allen von ihnen ist der Name der Frau von spĂ€teren Schriftgelehrten ausradiert, die dann den Namen eines Mannes in der Kartusche platzierten.

Die Frau ist die Mutter; sie ist die Erde; sie gebĂ€rt das Leben. Aber der Mann fĂŒhlt sich nicht lĂ€nger unterlegen; er hat sich im Leviathan eingelebt, der geschlechtslos ist und kein Leben gebiert, der aber kein Leben zu gebĂ€ren braucht, da er unsterblich ist. Durch die leviathanische RĂŒstung ermĂ€chtigt schlagen die MĂ€nner zurĂŒck.

Turner wird eine der Gutenachtgeschichten, die von den sumerisierten Akkadianern, die die Macht mit Sargon teilen, erzĂ€hlt wurden, zitieren. Sie erinnern sich noch immer an die ursprĂŒngliche Mutter, Tiamat, die erste Spenderin des Lebens. Aber nun verstehen sie sie als ebenso tot wie Leviathan, indem sie sagen, dass der Himmel und die Erde selbst aus ihrem zergliederten Kadaver geformt sind. Marduk, Sargons Gott, ist ihr Zergliederer. In Turners Worten “zertrĂŒmmert” Marduk “ihren SchĂ€del, teilt ihren Körper wie eine Auster und die folgsamen Winde blasen ihr Blut fort.” Turner wird hervorheben, dass der gewaltsame Marduk eine lange Linie erdhassender Nachfahren haben wird; unser zeitgenössischer Lugal Reagan wird versuchen der letzte von ihnen zu sein.

Seine Geschichte ist eine Chronik der Taten der MĂ€nner am Phallus-Ruder von Leviathan und in ihrer weitesten Bedeutung ist sie die “Biografie” dessen, was Hobbes den KĂŒnstlichen Mann nennen wird. Es gibt so viele seiner Geschichten, wie es Leviathane gibt.

Aber seine Geschichte neigt dazu, zu einer einzigen zu werden, aus demselben Grund, aus dem Sumerien und nun der gesamte Fruchtbare Halbmond zu einem Einzigen wird. Der Leviathan ist ein Kanibale. Er frisst seine Zeitgenossen, ebenso wie seine Vorfahren. Er liebt eine Vielfalt von Leviathanen ebensowenig, wie er die Erde liebt. Sein Feind ist alles außerhalb von ihm selbst.

Seine Geschichte wird mit Ur geboren, dem ersten Leviathan. Vor oder außerhalb des ersten Leviathans gibt es keine Geschichte [His-story].

Die freien Individuen einer Gemeinschaft ohne Staat hatten per Definition keine Geschichte [His-story]: Sie waren nicht von dem unsterblichen Kadaver umfasst, der der Gegenstand seiner Geschichte ist. Eine solche Gemeinschaft war eine Vielheit an Individuen, eine Ansammlung von Freiheiten. Die Individuen hatten Biografien und sie waren diejenigen, die von Interesse waren. Aber die Gemeinschaft als solche hatte keine “Biografie”, keine Geschichte [His-story].

Nichtsdestotrotz besitzt der Leviathan eine Biografie, eine kĂŒnstliche. “Der König ist tot, lang lebe der König!” Generationen sterben, aber Ur lebt weiter. Innerhalb des Leviathans ist eine interessante Biografie ein Privileg, das nur sehr wenigen oder nur einem verliehen wird; der Rest hat langweilige Biografien, einander so Ă€hnlich wie die Ă€gyptischen Kopien einst wunderschöner Originale. Was nun von Interesse ist, ist die Geschichte Leviathans, zumindest fĂŒr seine Schriftgelehrten und His-toriker.

FĂŒr andere, wie Macbeth wissen wird, ist die Geschichte Leviathans, wie die seiner Herrscher, “eine ErzĂ€hlung, die von einem Idioten erzĂ€hlt wird, voller leerem Schall, die nichts bedeutet.” Der Herrscher wird von einem Invasor oder einem ThronrĂ€uber getötet und seine großen Taten sterben mit ihm. Die unsterbliche Geschichte des Wurms endet, wenn er von einem anderen unsterblichen verschlungen wird. Die Geschichte des Verschlingens ist der Gegenstand der Weltgeschichte [World His-story], die schon in ihrem Namen einen einzigen Leviathan prophezeit, der die gesamte Erde in seinen Eingeweiden eingeschlossen hat.

***

RĂŒckzĂŒge menschlicher Gefangener aus den Eingeweiden toter WĂŒrmer sind schließlich ebenso hĂ€ufig wie das Verschlingen kleiner Leviathane durch grĂ¶ĂŸere. Die Menschen revoltieren nicht nur. Die Menschen verlassen, fliehen, entkommen tatsĂ€chlich. Sie versuchen das die ganze Zeit. Sie haben hĂ€ufig Erfolg.

Sargons Herrschaft war lang. Sein Imperium ĂŒberdauerte zwei Generationen. Es endete, als “alle Lande gegen ihn revoltierten und ihn in Akkad heimsuchten”, in den Worten einer Keilschrifttafel. Nichts bleibt von dem enormen Leviathan ĂŒbrig, der sich ĂŒber den gesamten Fruchtbaren Halbmond erstreckte.

UnglĂŒcklicherweise blieben Segmente des zersetzten Wurmes ĂŒber das Land verstreut und jedes Segment neigt dazu, sich selbst wieder zu einem vollstĂ€ndigen Wurm zusammenzusetzen. Tote Dinge haben MĂ€chte, die lebendigen Wesen fehlen. Biolog*innen werden versuchen, den Lebenden diese seltsame FĂ€higkeit des Toten durch einen Prozess, der Klonen genannt wird, zu verleihen.

Einige der Fragmente, diejenigen, die die Reichen und MÀchtigen enthalten, haben Erfolg darin, einen neuen Wurm zum Leben zu erwecken und ein neuer Leviathan straft die Desserteure, indem er sie zu unverhohlener Sklaverei, zu immerwÀhrendem Zektum erniedrigt. Sargons Nachfolger Rimusch erweitert den Kadaver des Wurms sogar noch um die Elamiter in den persischen Ebenen.

In allen Gegenden gibt es Revolten und schließlich wird Rimusch von seinen eigenen Wachen getötet. Ihm folgt Naram-sin nach, von seinen eigenen Schriftgelehrten “Gott von Akkad” genannt, aber das Imperium dieses Gottes befindet sich in einem fortwĂ€hrenden Zerfall. Die Gefangenen in den Eingeweiden dieses Leviathans laden königlose Nomaden aus allen Gegenden ein, ihnen zu helfen, das Ungeheuer von innen zu zerreißen.

Die Intestinalkriege [Eingeweidekriege] dauern bis lange in die Herrschaft des nĂ€chsten Nachfolgers an. Schließlich ziehen sich die Elamiter zurĂŒck, ziehen sich die Ladaschianer zurĂŒck und dann zerbricht das gesamte Ungeheuer in kleine StĂŒcke. Die Zeks verlassen sogar die KanĂ€le.

Der große Leviathan ist zerstört, fĂŒr manche Menschen dauerhaft. Ein Ă€hnlicher Leviathan wird in diesem Teil der Welt erst vier Generationen spĂ€ter wiederauferstehen. Anarchie kehrt zum Fruchtbaren Halbmond zurĂŒck.

UnglĂŒcklicherweise ist dies nicht die Anarchie eines frĂŒheren Zeitalters. Die Menschen, die sich vom Leviathan zurĂŒckgezogen haben, sind verkrĂŒppelt. Ihre RĂŒstung lĂ€sst sich nicht ablösen. In vielen bleibt die Möglichkeit menschlich zu sein Nichts. Die Gegend selbst ist von den kriegfĂŒhrenden Leviathanen in eine unwirtliche WĂŒste verwandelt worden. Und einige der VerbĂŒndeten, beispielsweise die Gutianer*innen, die eingeladen worden waren, den großen Wurm zu stĂŒrzen, versuchen ihrerseits einen eigenen Wurm zum Leben zu erwecken, der auf dem Vorbild derer von Lugalzaggizi und Sargon basiert. Nichtsdestotrotz ziehen sich die Gefangenen zurĂŒck, offensichtlich bevorzugen sie diese beschĂ€digte Anarchie der leviathanischen Ordnung.

WĂ€hrend eben jener Generation, in der die Anarchie ins ehemalige Sumer-Akkadien zurĂŒckkehrt, kehren sich die Wehrpflichtigen des Pharaos von ihren Pyramiden- und Palastbau-Anweisungen ab und wenden sich gegen den Pharao und gegen all die offiziellen BrĂ€uche seiner Priester*innen und stellen ebenfalls einen gewissen Grad von Anarchie im Niltal wieder her. Die Zeks des Pharaos kehren zu ihren Dörfern zurĂŒck und versuchen das Leben so fortzusetzen, wie es in den alten Tagen gelebt worden war. Frakturierte Segmente des Ungeheuers, das vom Memphis-Monarchen angefĂŒhrt worden war, liegen verstreut an den Ufern des Nils. Die ehemaligen Agenten des gefallenen Pharaos versuchen einige dieser Segmente wieder zum Leben zu erwecken. “Siebzig Könige in siebzig Tagen“ offenbaren den Grad ihres Erfolgs.

Und eine oder zwei Generationen nach dem Zusammenbruch dieser beiden Giganten (ArchĂ€olog*innen sind sich uneinig hinsichtlich der Chronologie) scheitert ein dritter Versuch, einen Leviathan zu begrĂŒnden. Mohenjo Daro am Indus wird von seinen Insass*innen verlassen. Die Details dieses RĂŒckzugs werden nicht bekannt sein, weil die Schrift nicht entschlĂŒsselt werden wird. Dieser RĂŒckzug wird fĂŒr Menschen mit zivilisierten Gehirnen ein RĂ€tsel sein und seine GrĂŒnde werden in Fluten, DĂŒrren, Invasionen und sogar einer “tektonischen Verschiebung” gesucht werden. Wenn man davon ĂŒberzeugt ist, dass die Menschen niemals die Eingeweide der Zivilisation verlassen wĂŒrden, dann muss man sich in tektonische Verschiebungen flĂŒchten um zu erklĂ€ren, warum die Menschen fliehen. Aber wenn man nicht so ĂŒberzeugt davon ist, dann ist das RĂ€tsel nicht, warum die Menschen fliehen, sondern warum sie so lange in ihr bleiben, wie sie es tun.

Die Menschen am Indus bleiben viele Generationen lang davon verschont, von einem Staat gefesselt zu werden. Diejenigen am Tigris und am Nil bleiben nicht so lange verschont.

Hier sollte hervorgehoben werden, dass die Segmente zersetzter Leviathane einen ungerechten Vorteil gegenĂŒber Gemeinschaften freier Menschen haben. Die Segmente sind wie Maschinen. Wenn sie bloß verlassen worden sind und nicht allzu eingerostet sind, können sie von jedem guten Mechaniker geölt und wieder in Betrieb genommen werden. Die Segmente, die tote Dinge sind, mögen rosten; sie sterben jedoch nie.

Aber menschliche Gemeinschaften bleiben tot, wenn sie erst einmal tot sind. Gemeinschaften lebendiger Wesen sind in dieser Hinsicht klar unterlegen. Um es etwas anders auszudrĂŒcken: Der Tod steht immer auf Seiten der Maschinen.

Das hat tragische Konsequenzen fĂŒr diejenigen, die schließlich erfolgreich darin waren, sich von dem schweren Kadaver zu entlasten. Sie können nicht in ihre alten Gemeinschaften zurĂŒckkehren, da diese durch Generationen des PlĂŒnderns, Kidnappings und Mordens von Zivilisationen zerstört wurden. Die Menschen können nicht fortfahren; sie mĂŒssen von vorne anfangen. Wir sollten nicht annehmen, dass die Gepflogenheiten, die wir Kultur nennen werden, und die ĂŒber tausende Generationen genĂ€hrt und kultiviert wurden, ĂŒber Nacht regeneriert werden könnten. Es mag gut sein, dass solche Gepflogenheiten die Kultivierung vieler Generationen erfordern.

Aber die Menschen, die darum kĂ€mpfen, einen Neustart zu machen, haben kein Zeitalter, in dem sie das tun könnten. Sie befinden sich inmitten leviathanischer Segmente, Maschinen, die jede*r gute Mechaniker*in reaktivieren und dazu nutzen kann, die Anstrengungen einer ganzen Generation in einem einzigen Feldzug ins Nichts zu stĂŒrzen.

Das ist genau das, was passiert. Am Nil werden in Theben und Herakleopolis Segmente des zersetzten Leviathans instand gesetzt und beide wachsen zu vollstĂ€ndigen WĂŒrmern heran. Im Tigris-Euphrat-Tal, genauer gesagt, in Erech, erlangt der Machthaber Utukhegal die Kontrolle ĂŒber den schwerfĂ€lligen Wurm, den die Guti zum Leben erweckt haben, nur um von seinem eigenen Stellvertreter enttrohnt zu werden; aber sein Stellvertreter, Urnammu, hat Erfolg darin, den gesamten sumerisch-akkadischen Leviathan wieder zum Leben zu erwecken und ihn erneut von der Levante bis nach Elam auszudehnen. All die Anstrengungen, einen Neubeginn zu starten, werden zunichte gemacht; sie werden nicht unterbrochen; sie werden vernichtet.

Nach zwei Generationen ziehen sich die Gefangenen des wiedererweckten Ungeheuers erneut zurĂŒck. Dieses Mal wird der sumerisch-akkadische Leviathan fĂŒr alle Zeiten verlassen. Aber gepanzerte Ssumerianisierte Semiten bestehen darauf, die Segmente zu flicken und bei Aschschur erwecken sie einen neuen Wurm zum Leben, der mit Zeks von neuen semitischen Fremden bemannt ist, den Amoritern.

FĂŒnf Generationen spĂ€ter starten die Nachfahren der Amoriter-Zeks in Babylon einen eigenen Leviathan, wobei sie fortfahren, die Bosse der Arbeiter-Gangs “Aufseher von Amoritern” zu nennen. Und fĂŒnf Generationen danach dehnt der Amoriter Hammurabi den babylonischen Wurm ĂŒber die antiken Gefilde Urukaginas aus, wĂ€hrend die ehemaligen Herren der Amoriter, die Assyrer, ihren Wurm ĂŒber die westlichen Provinzen von Lugalzaggizis Gefilde ausdehnen.

Unterdessen haben unbekannte Menschen aus den WĂ€ldern und Bergen der Guti Teile der mesopotamischen RĂŒstung durch ganz Eurasien nach China getragen, von denen gesagt wird, dass sie der Ursprung der Yang-Shao-Kultur seien. Nur zwei Generationen spĂ€ter gibt es eine Schrift und eine Xia-Dynastie, deren GrĂŒnder, YĂ», die Bereitstellung einer verlĂ€sslichen Wasserversorgung zugeschrieben wird.

Im Westen des Fruchtbaren Halbmonds, in Anatolien, wo die Frauen viele Generationen lang fortfahren werden, die unbegrenzte Fruchtbarkeit der Erde zu feiern, befinden sich an zwei oft von assyrischen HĂ€ndlern besuchten Orten bereits aufkommende WĂŒrmer, die den Ägyptern und Assyrern spĂ€ter als Hethiter bekannt sein werden.

Jedes neue Modell besitzt ZusĂ€tze, die seinen VorgĂ€ngern fehlten. Die Segmente, die vom Zerfall von Sargons Ungeheuer in der Levante ĂŒbrig geblieben sind, werden generalĂŒberholt in mobile, oktopusĂ€hnliche MonströsitĂ€ten, die den phönizischen Handel an Orte bringen, die weit außerhalb der Reichweite stationĂ€rerer WĂŒrmer liegen. Die phönizischen HĂ€ndler*innen in Byblos und Ugarit ĂŒberholen sogar die hyroglyphischen und keilförmigen Schriften zu einem weitaus effizienteren kommerziellen Werkzeug, dem Alphabet.

Menschliche Gemeinschaften entwickeln sich zurĂŒck, wĂ€hrend die WĂŒrmer fortschreiten. Die grĂ¶ĂŸte Errungenschaft des Leviathans ist es, wie L. Mumford behaupten wird, Menschen zu Dingen zu reduzieren, sie zu effizienten mechanischen Kampfeinheiten umzuarbeiten.

All das ist deprimierend. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Und da der Tod sich zum Leben verhÀlt wie die Nacht zum Tage, schrumpft das Leben zusammen, wÀhrend sich das Gefilde des Todes ausbreitet. Die unmenschliche ErzÀhlung bedeutet wahrhaft nichts menschliches.

Nachdem ich einige der Hauptprotagonisten genannt habe, die sich gegen menschliche Gemeinschaften und gegen Mutter Erde selbst in Stellung brachten, wende ich mich einer kleinen Gruppe von Menschen zu, die sich den Eingeweiden eines der großen Leviathane entzogen. Diese Menschen waren zum Zeitpunkt ihrer Entziehung fĂŒr alle außer sich selbst unbedeutend und wĂ€ren unbedeutend geblieben, wenn ihre jĂŒdischen, christlichen und muslimischen Erben nicht den Schatten ihrer Entziehung in jedes vormals sichere Refugium auf dem Globus getragen hĂ€tten.

Diese Menschen sind natĂŒrlich die Israeliten, die sich der Ă€gyptischen Zivilisation entzogen und an dieser Stelle muss ich sagen, dass ich von dem gepanzerten Fragensteller ĂŒberrascht bin, der selbstgefĂ€llig die positiven Wunder der Zivilisation in mein Gesicht schleuderte, da ein Teil seines Panzers aus den Überbleibseln dieser kleinen Gruppe besteht, die vor den Wundern floh.

***




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org