September 13, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Der phönizische Krake und seine spĂ€teren griechischen, venezianischen und anderer Herkunft Nachkommen werden als etwas vollstĂ€ndig vom assyrischen Lindwurm Verschiedenes erachtet werden. Es wird selbst jene geben, die den Kraken als eine Form der menschlichen Freiheit betrachten werden. Ich möchte hier zeigen, daß es sich um eine TĂ€uschung handelt.

Es gibt keinen Zweifel, daß sich die zwei Leviathane unterscheiden. Des kĂŒnstlichen Drachen Klauen und FĂ€nge, seine Heere, sind gewöhnlich dem Körper angefĂŒgt, dahingegen die Fangarme des kĂŒnstlichen Kraken sich vom Körper lösen und als sich frei bewegend bezeichnet werden können, besonders, wenn es sich bei den Tentakeln um Schiffe handelt. Der Lindwurm ist meistens zu Lande, der Krake eher zu Wasser.

Zweifelsohne stehen hier auch zwei verschiedene Arten in Frage. Bedeutsam ist dabei, daß diese nicht die Arten menschlicher Gemeinschaft, sondern die Arten des Leviathans betreffen. Beide sind sie, was Hobbes spĂ€ter „kĂŒnstliche Menschen“ nennen wĂŒrde. Jeder von ihnen ist ein Automat, eine Maschine, und wie andere Maschinen es vermögen, lĂ€ĂŸt sich jede manchmal verĂ€ndern oder anpassen an das Verhalten der jeweilig anderen.

Der hauptsĂ€chliche Unterschied zwischen ihnen liegt weder in der Weise, wie sie die Arme bewegen, noch im Medium, darin sie sich bewegen, noch in der GrĂ¶ĂŸe des Kopfes, sondern eher in der Weise, wie sie mit dem bereits oben erwĂ€hnten Überschuß umgehen. Beide leben von den Überschuß-Produkten der Arbeit ihrer Zeks. Der Drache jedoch nutzt den Großteil seines Überschusses, um seinen Kopf und Körper zu vergrĂ¶ĂŸern, seine Behörden und Heere, wĂ€hrend der Krake den Mehrteil seines Überschusses durchgehend zwischen verschiedenen Zielen und Quellen hin und her fließen lĂ€ĂŸt.

Diese unterschiedlichen Behandlungen des Überschusses bergen jeweils einen spezifischen Vorteil. Der eine neigt dazu, grĂ¶ĂŸeren Wohlstand, der andere dazu, grĂ¶ĂŸere Macht zu besitzen. Ein tauglicher und beweglicher Krake, und die Phönizischen StĂ€dte scheinen beides gewesen zu sein, ist befĂ€higt, sich mit seinen Tentakeln einen ungleich grĂ¶ĂŸeren Teil Mutter Erdes einzuverleiben. Die Phönizier konnten nicht nur einen enormen Teil der geraubten und ihrer Natur entrissenen BiosphĂ€re mithilfe ihrer Schiffe transportieren, sondern taten das offenbar auch. Doch mit all seinem Reichtum stand der Phönizische Krake dem Assyrischen Drachen hinsichtlich dessen Macht nach, wie ein einziger Feldzug unter Leitung Tiglat-Pilesers III. erzeigte.

Die Leichtigkeit der Assyrischen Eroberung wird uns ĂŒberraschen. Wir werden denken, daß die Reichen ihre Macht so leichtfertig erstehen können, wie es den MĂ€chtigen gelingt, Reichtum zu erlangen. Wir werden an das Britische Imperium denken, einen Kraken mit der Macht eines Lindwurmes, oder das Amerikanische Imperium, einen Lindwurm mit den Fangarmen eines Kraken.

Die Phönizier erstehen durchaus Armeen. Einige Enkel Levis begreifen sich in der Tat als Söldner dieser Armeen. Doch die Armeen verzehren den Überschuß in den SchiffsrĂ€umen, und die OberhĂ€upter der HĂ€ndlersfamilien wissen, daß all der Wohlstand Phöniziens darin grĂŒndet, Dinge in SchiffsrĂ€umen an Orte zu bringen, wo diese wertvoll sind, und darin, die SchiffsĂ€ume mit Billigem zu fĂŒllen, das andernorts teuer gehandelt wird. Die HĂ€ndler wissen auch, daß große Heere unersĂ€ttlichen Appetit entwickeln, und daher drohen, all die Dinge in den SchiffsrĂ€umen zu verschlingen. Und natĂŒrlich haben die HĂ€ndler damit recht.

Als das KriegsgerÀt Tiglat-Pileser III. die Phönizischen Tore sprengt, erhalten die Assyrer kein Weltreich der schwimmenden Fangarme.

Die Assyrischen MilitĂ€rs haben es nicht nötig, die Phönizischen HĂ€ndler zu vertreiben, und könnten nicht einmal dem schwimmenden Weltreich ein Ende setzen wollen. Doch im Moment, als die hungrigen Armeen die SchiffsrĂ€ume plĂŒndern, bricht das Phönizische Imperium zusammen. Alles, was bleibt, sind die TeilstĂŒcke der Fangarme außerhalb der Reichweite der Assyrer, Ausleger an den Ufern des Mittelmeers und des Atlantiks. Der Urheber all dieser Ausleger verrottet wie die leeren Schiffe in seinen HĂ€fen. Die Schiffe, deren SchiffsrĂ€ume nur noch die Überbleibsel dessen enthalten, was einst ein satter Mittelmeerwald war, werden schließlich sinken. Die BĂ€ume in den SchiffsrĂ€umen werden keine Abkommen haben, weil der Boden, darauf sie wuchsen, ins Meer ausgeschwemmt ward, von dem Tag an, als er seinen Schutz verlor. Dieser Boden, noch reich an Organismen, wird den versunkenen Schiffen auf dem Grund des Mittelmeers nachfolgen, wo sich beide nach und nach zu Erdöl verwandeln.

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Der Phönizische Meeres-Krake war ursprĂŒnglich nichts als ein Fangarm oder Auswuchs der Sumerischen oder Ägyptischen Land-Drachen, und man mag sich wundern, wie es dem Kraken gelang, so lange ungehindert zu bleiben, vor allem in Anbetracht seiner militĂ€rischen Unterlegenheit im Antlitz des Assyrischen Ungeheuers.

Wir werden uns erinnern mĂŒssen, daß nur in einem Hobbes‘schen Wunschdenken der Wurm zu Lande ein zusammenhĂ€ngendes und taugliches Wesen darstellt. Der andauernde Verfall ist der Normalzustand kĂŒnstlicher WĂŒrmer im Felde. Jene zu Federn und RĂ€dern erniedrigten Menschen werden niemals aufhören, sich dieser Erniedrigung zu widersetzen. Die FeldzĂŒge gegen sowohl die Ă€ußeren, als auch die inneren Feinde – namentlich seine Versuche, den Verfall aufzuhalten – sind tatsĂ€chlich der Stoff Seiner Geschichte.

Der Verfall war ebenso der Normalzustand des Assyrischen Leviathans in der zehn oder zwanzig Generationen wĂ€hrenden BlĂŒtezeit der Phönizier.

Als der Hethitische Leviathan zusammenbrach, hieß der Assyrerkönig Tukulti Ninurta sein Heer, jene Tausenden verlorenen Soldaten der gefallenen Reiche zu ergreifen und zu versklaven, möglicherweise in dem Gedanken, auf diese Weise so viel Macht zu erlangen, wie der Gegner verloren hatte. Doch Assyrien wuchs nicht an dieser Gefangennahme, und die plötzliche Knappheit an Tafeln der Prahlerei in diesem Zeitraum legt nahe, daß Assyrien mit dem Versuch, sein vergrĂ¶ĂŸertes Heer zu ernĂ€hren, die FĂ€higkeit verlor, sich zu erhalten. Sowohl Babylonien als auch Elam entflohen dem Ungeheuer im Osten, und als dann Tiglat-Pileser I. diese Verluste zurĂŒckgewann, suchten verbĂŒndete StĂ€mme der MuĆĄki den Westen Assyriens zu stĂŒrmen. Den UrgroßvĂ€tern der Medes und der Perser sagt man eine Beteiligung an diesen zĂŒrnenden MuĆĄki nach.

Der Versuch Assyriens, sich seine Ă€ußersten Glieder unter Einsatz militĂ€rischer Mittel zu erhalten, schlug scheinbar fehl; die Schrifttafeln sprechen von Hungersnöten und RĂŒckzĂŒgen. MuĆĄki von Hurritischer Sprachangehörigkeit richteten sich in einer Festung im armenischen Gebirge, Urartu, ein, und selbst die assyrischen Zeks von semitischer Sprachangehörigkeit, AramĂ€er und ChaldĂ€er, begannen sich aus den Arbeits-Banden und dem Heer zurĂŒckzuziehen. Assurnasipal II. bewegte das Haupt des Assyrischen Leviathans von Nineve nach Kalah, um den Festungen der AufstĂ€ndischen nĂ€her zu sein, doch sein Nachfahre, Salmanassar III. sah sich einem noch grĂ¶ĂŸeren Widerstand gegenĂŒber – dieser Zwingherr der Zivilisation mußte dann Nineve und Assur dem Erdboden gleichmachen, um die Pax Assyriana wiederherzustellen.

Doch selbst dann waren die Ungemache der Assyrer nicht vorĂŒber. Die Hurriter von Urartu griffen Assyrien an, im Verbund mit den Zeks, welche Assyrien im Inneren unterwanderten, so daß Assurdan III. zu erleiden hatte, was in Assyrischen Augen die grĂ¶ĂŸte Schmach sein mußte: militĂ€rische Niederlagen an jeder Front. Sein Nachfolger jedoch, Assurnirari IV., mußte noch grĂ¶ĂŸere Schmach erdulden, als er durch AufstĂ€nde in seiner eigenen Hauptstadt, Kalah, gestĂŒrzt ward. Aus diesen GrĂŒnden begann der Assyrische Leviathan seinen Werdegang als Verschlinger aller seiner Gegner nicht einmal, bis zehn oder zwanzig Generationen nach der Gefangennahme der verlorenen Hethiten verstrichen waren.

Tiglat-Pileser III., von seinen Zeitgenossen Pulu der Wiederhersteller genannt, war ein weiterer jener großen Neuerer auf dem langen Wege von der Barbarei zur Zivilisation. Unmenschliche Grausamkeiten wurden von Zivilisierten auch vorher bereits geĂŒbt. Die Neuerung dieses fortschrittlichen Monarchen war es, ganze Bevölkerungen aus ihren ursprĂŒnglichen HeimstĂ€tten an seltsame Örter zu deportieren, wo sie selbst in Nahrungsdingen von der GroßzĂŒgigkeit ihrer Bezwinger abhĂ€ngig waren.

Hiram II. von Tyros erwĂ€hnen Assyrische Schrifttafeln als einen willfĂ€hrigen Vasallen; scheinbar hatte dieser Hiram versucht, seine Begnadigung von dem assyrischen Tyrannen zu erkaufen. Wir haben gesehen, wie viel diese Begnadigung Tyros und die anderen Phönizischen StĂ€dte kosten wĂŒrde.

Damaskus, Edom und der kleine Staat Israel mit seiner Hauptstadt in Samarien versuchten, sich des Wiederherstellers zu erwehren, doch König Ahas von JudĂ€a und sein Heer dienten ihm als Hilfstruppen, willens, Assyrien bei der Niederwerfung seiner Gegner zur Seite zu stehen. Viele Nachfahren von Moses, Menschen wie Propheten, begehrten gegen dieses Machwerk auf, und Hesekiah trat die Nachfolge Ahas‘ an, der sein Königreich gegen die Assyrer abschottete. Bis zu diesem Tage waren durch den Nachfolger Pulus‘, Salmanasser IV., bereits alle unabhĂ€ngigen mittelmeerischen Leviathane zerschlagen oder zu Vasallen gemacht worden, als dessen Nachfolger wiederum, Sargon II., Samarien gewann und wohl dessen ganze Bevölkerung von 27000 Menschen deportierte. Als letzter unabhĂ€ngiger Leviathan des Mittelmeers verblieb nun JudĂ€a.

Die Herrschaft Sargons II. bedeutet einen weiteren großen Satz vorwĂ€rts fĂŒr die Zivilisation. Mit seiner Technologie des Todes, seiner unmenschlichen Grausamkeit und seiner schieren todbringenden Kraft ist er seinem akkadischen Namensvettern weit voraus. Wie dieser begibt er sich in die Welt, um sie zu erobern. In Khorsabad lĂ€ĂŸt er einen Palast errichten, der durch unsere Zeitgenossen ausgegraben werden wird: Seine unnahbare, bedrohlich-hierarchische Plastik und Bauweise ist Ausdruck von Abscheulichkeiten und Grauen ohnegleichen.

Sargon, wie auch sein Namensvetter, bringen KrĂ€fte in Bewegung, die seine Nachfolger verschlingen wĂŒrden. Bereits zu Zeiten seiner Herrschaft verbinden sich ChaldĂ€er und AramĂ€er auf dem RĂŒckzuge, mit Elamiten, erwĂ€hlen sich einen VorkĂ€mpfer, den frĂŒheren Zek Merodach-Baladan, um den Assyrern keine Ruhe zu lassen.

Sennacherib, Sargons Nachfolger, brandschatzt und schlachtet, von andauernden AufstĂ€nden bedroht, die meisten Einwohner seines Reiches hin. WĂ€hrend der Regentschaft dieses Wahnbesessenen zwingen die Assyrer zumindest das Königreich JudĂ€a nieder, deportieren einen Großteil seiner Einwohner, nehmen die leeren Schiffe der Phönizier in Beschlag und morden schließlich die ChaldĂ€ischen und AramĂ€ischen AufstĂ€ndischen in ihrer Babylonischen Festung.

Unter der FĂŒhrung Essarhaddons vernichten die Phönizier Sidon, belagern das verarmte Tyros, und schreiten fort, nach Ägypten einzufallen.

Assurbanipal, der letzte Tyrann Assyriens, erbt ein Reich, das die ganze derzeitige Leviathanische Welt umfaßt, muß allerdings endlich erleben, wie dies Reich sich wieder auf die GrĂ¶ĂŸe verringert, die es zu jener Zeit besaß, als Pulu sich noch nicht angeschickt hatte, es wiederherzustellen, und tröstet sich darĂŒber damit hinweg, daß er sich als Schriftgelehrter, der in Tausenden Schrifttafeln, welche er in Ninive sammelt, gepriesenen einstigen GrĂ¶ĂŸe seines Königreiches, zuwendet. Damit ist er der Vorreiter all jener Geschichtsschreiber, die in ihren Bibliotheken einen Ă€hnlichen Trost finden werden.

Ägypten, das Mittelmeer und Babylonien erstehen aus dem verfallenden, zu Grunde gerichteten Assyrischen Leviathan.

Etwas anderes ersteht, etwas, das durch die Kriegsmaschinerie Assyriens, die der ganzen Welt Gewalt antat, in Bewegung versetzt ward: ein BĂŒndnis der StĂ€mme aus den Steppen und Gebirgen.

Die Verkörperungen dieses neuen Angriffs von außen sind die Medes, welche sich mĂŒhelos im vollkommen zerstörten Elam einrichten. Im RĂŒcken der Medes stehen die VerbĂŒndeten verschiedener TĂŒrkischer und Iranischer Zungen, welche die Griechen spĂ€ter Scythier und Perser nennen wĂŒrden. Diese Neuerstandenen schlagen sich auf die Seite Naboplassers des ChaldĂ€ers, um die Assyrer von Babylon aus zu verjagen, um dann der Geschichte des Assyrischen Leviathans ein endgĂŒltiges Ende zu bereiten.

Naboplassar der ChaldĂ€er, ein Mann der Waffen, welcher seine Jugend in der Assyrischen Kriegsmaschinerie zubrachte, scheint zu vermeinen, daß die Neulinge aus den Eurasischen Steppen erschienen wĂ€ren, um ihn dabei zu unterstĂŒtzen, Babylon zum Ruhme des gefallenen Nineve zu verhelfen. Er zerstörte die Relikte der Assyrischen Macht in Abramsstadt, Harran, und fĂ€hrt schließlich nach der MittelmeerkĂŒste.

Der nĂ€chste ChaldĂ€er, Nebukadnezar I., König ĂŒber ein Babylon des gleißenden Reichtums und der bitteren Armut, verkleinert die nun verarmten StĂ€dte des Mittelmeers und setzt Zedekia von JudĂ€a, seine Marionette, als Statthalter von Tyros, Sidon, Moab und auch JudĂ€a ein, doch als jener dem Pharao Ägyptens Ă€hnliche Dienste anbietet, ĂŒberfallen die babylonischen ChaldĂ€er Tyros, brennen Jerusalem nieder und verbringen die verbleibenden Juden des Mittelmeers nach Babylon.

Soweit vermochten die ChaldĂ€er, ihren neo-Babylonischen Leviathan auszudehnen. Nabonidus, der letzte Erbe Neboplassars, ist, gleich dem letzten Assyrer Assurbanipal, ein Schriftgelehrter. Die Neuerstandenen aus den Steppen bringen schließlich alle Festungen der Sumerer, Akkadier, Assyrer oder Neo-Babylonier zu Fall.

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Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org