August 22, 2016
Von Anarchistischer Blog
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Oder: kennst du den? Nein? Dann raus aus meiner Szene! Wie Privilegien und Arroganz eine anschlussfÀhige und revolutionÀre Linke verhindern

Durch irgendwelche Verbindungen wie Musik oder Freund*innen bist du auf einem Konzert, einer Party oder einem Vortrag gelandet und wirst von allen erstmal beÀugt.
Schon beim Vorstellen kann es zu unangenehmen Erfahrungen kommen: klingt dein Name vielleicht nicht deutsch? Dann wirst du auch unter Linken gefragt “Woher du denn kommst?“,
heisst du vielleicht Jaqueline, Chantall, Kevin oder gar Ronny? Dann Gnade dir Gott.

Aus einem vermeintlichem “Klasse gegen Klasse“ ist eine Szene aus, zum grĂ¶ĂŸten Teil, belesenen Jugendlichen aus dem Mittelstand geworden, die “jetzt mal dem Murat aus der TĂŒrkei oder so erklĂ€ren wie Revolution geht“. Wenn du nicht die szenetypischen Erkennungsmerkmale hast (Turnschuhe, Pulli, bedruckter Turnbeutel) oder Iro, AufnĂ€her oder wenigstens Buttons trĂ€gst, wirst du erstmal nicht ernst genommen.

Wenn du dich da reingefuchst hast, die ersten SprĂŒche, Zitate und Parolen kannst und weisst welcher große Lehrmeister sie sprach (mit Absicht nicht entgendert, oder wie oft wird bei euch Emma Goldman, um die bekannteste zu nennen, zitiert?), dann gehts aber erst richtig los.

Hast du Buch XY gelesen? Warst du beim “Vortrag zur kritischen Theorie im heutigen Mexiko“? Wenn nicht, findet sich mit Sicherheit ein Mensch der dir ungefragt die Welt erklĂ€rt. Meistens ist dies ein weisser Heteromann, ende zwanzig oder Ă€lter. Hat natĂŒrlich studiert.

Nebenbei wird dir auch regelmĂ€ĂŸig ungefragt erklĂ€rt, deine vegetarische oder gar omnivore (omnivore – Fleisch essen) ErnĂ€hrung sei grausam und “nicht konsequent“. Das in vegetarischen oder veganen Ersatzprodukten deutlich mehr Allergene und sie deutlich teurer sind, wird gar nicht infrage gestellt. Wenn du kein Geld hast, geh halt zur KĂŒfa (KĂŒche fĂŒr alle. Dort gibt es Essen gegen Spende, vegan). Tja, da wird nur leider nicht Glutenfrei/Histaminfrei gekocht. Naja, du findest ja immer was zum meckern. Nicht dass Veganismus keine tolle Sache wĂ€re, nur halt nicht fĂŒr alle umsetzbar.

Wenn du jetzt alle diese HĂŒrden gemeistert hast, wirst du fester in Strukturen eingebunden: die ersten Demos, das organisieren von Solipartys und Plena (Mehrzahl von Plenum – ein Treffen von Menschen um gemeinsame Diskussionen zu fĂŒhren und ggf. Entscheiden zu treffen oder Aktionen zu planen). DafĂŒr brauchst du natĂŒrlich eine verschlĂŒsselte Mailadresse, mit Thunderbird und RiseUp solltest du dich mindestens auskennen.

Check am besten alle ein bis zwei Stunden deine Mails, denn wenn eins sich nicht kĂŒmmert, hat es auch kein Mitspracherecht. Oder wie war das nochmal mit dem Konsens?

Auf Plena solltest du dich ĂŒbrigens regelmĂ€ĂŸig melden, du wirst sonst schnell ĂŒbergangen.

Im Idealfall hast du, wenn du zu Demos gehst, eine Bezugsgruppe (eine Gruppe in der ihr euch vertraut, aufeinander aufpasst und einen Aktionskonsens habt). Nur: auch in linken Kreisen gibt es eine starke Mackerkultur (Macker – Mensch der sich ĂŒbertrieben mĂ€nnlich zugeschriebenen Eigenschaften zuwendet). Da wird auch mal gemeckert wenn du vielleicht keine Kraft/Lust/GrundXY hast dich mit Nazis oder Bullen (Polizist*innen) zu kloppen. Eine Sitzblockade (damit werden Nazidemonstrationen blockiert. Meist lösen die Bullen die Blockade mit KnĂŒppel und Pfefferspray auf, tragen einen weg und nehmen Personalien auf.) bis zum schmerzhaften Ende muss schon sein!

Aber wenigstens bist du dabei, wehe dir, du musst regelmĂ€ĂŸig absagen. GrĂŒnde dafĂŒr gibt es genug: vielleicht hat deine Beziehung gerade Zeit notwendig (falls du eine hast), du musst fĂŒr die Schule lernen, musst zur Lohnarbeit, die Eltern stressen rum, du musst auf Geschwister aufpassen oder du hast einfach kein Geld um andauernd durch Deutschland zu fahren.

Hast du dir eigentlich schon einen Twitteraccount zugelegt? Da spielen jetzt die coolen Antifa-kids.

Wenn du diese Diskussionen hinter dir hast, passiert dir jetzt allerdings das schlimmste: Du teilst einen Artikel auf Facebook (was du natĂŒrlich alles voll anonym hĂ€lst), dessen Autorin mal was rassistisches gesagt hat. Netterweise wirst du in Indymediaartikeln, Kommentaren auf deiner Pinnwand und auf der nĂ€chsten Vollversammlung (dort treffen sich alle aktiven Gruppen aus einem Haus, einem BĂŒndnis o.Ă€.) darauf hingewiesen. Jetzt sei klug: eskalier nicht rum, bedanke dich ggf. fĂŒr das Aufmerksam machen und lösche den Artikel (das meine ich Ernst!). Das jetzt alle deine Freund*innen dich wieder nicht ernst nehmen, legt sich wieder, mit GlĂŒck nehmen sie sogar zur Kenntnis das die Art dir zu sagen das du was Rassismus reproduzierendes (Reproduktion – VervielfĂ€ltigung/weiterverbreitung/Aufrechterhaltung eines Zustandes oder einer Meinung.) geteilt hast, nicht die beste Art war.

Jetzt mal im Ernst: Die Linke hat viele Probleme, zwei davon sind Klassismus und das nicht reflektieren von Privilegien.

Wir teilen tĂ€glich Texte und Zeichnungen von weissen MĂ€nnern und lassen Marginalisierte und (mehrfach) Diskriminierte kaum oder gar nicht zu Wort kommen. Arme, Dicke, Schwarze, People of Colour, BeHinderte, Trans, Inter, NonbinĂ€re, LGBT, Queers und Frauen werden tĂ€glich anders behandelt, nicht ernst genommen, ignoriert und diskriminiert. Wer von dieser Diskriminierung nicht betroffen ist, gilt als privilegiert. Diese Privilegien gilt es immer zu hinterfragen um eigenes Handeln beeinflussen zu können. Die meisten von uns werden in einer Umgebung voller rassistischer und sexistischer Stereotypen aufgewachsen sein und haben ebendiese verinnerlicht, nun heißt es, dagegen zu kĂ€mpfen.

In sozialen Interaktionen kommt es , fast immer, zu einem hierarchischem MachtverhÀltniss, sei es von Mann zu Frau, Cis zu Trans/Inter/NonbinÀr, Weiss zu Poc usw., dieses gilt es aufzulösen.

Dies kann uns, vorerst, leider nur im kleinen gelingen. Das Problem ist Global und strukturell.

Unser Dank sollte allen Marginalisierten gelten, die sich trotz und wider den prekĂ€ren UmstĂ€nden im Alltag im Internet, auf VortrĂ€gen etc. Diskussionen und Arroganz stellen um fĂŒr ihre Rechte und die anderer einzustehen und zu kĂ€mpfen.

Eine freie Welt kann nur durch hierarchiefreies Leben entstehen.

Deshalb: Heute schon deine Privilegien gecheckt?

Originaltext: https://schwarzerabriss.wordpress.com/2016/04/27/gehen-adorno-marx-und-stalin-in-ein-veganes-restaurant/




Quelle: Anarchismus.at