September 13, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Der in StĂ€dten lebende Teil der Menschheit ist mit der Industrialisierung zusammen exponentiell gewachsen. Die Megalopolis ist die jĂŒngste Form des urbanen “Habitats”, die sich immer stĂ€rker zwischen das Leben des Menschen und die BiosphĂ€re stellt.

Die Stadt ist auch eine Barriere zwischen ihren Insassen, die eine Welt aus Fremden bilden. Und tatsĂ€chlich wurden alle StĂ€dte in der Weltgeschichte von Fremden und Aussenseitern gegrĂŒndet, die gruppenweise in einzigartigen und von Vorneherein unvertrauten Umgebungen angesiedelt wurden.

Es ist die vorherrschende Kultur als ihr Zentrum, auf ihrem Höhepunkt, als höchste Beherrschung. Joseph Grange hat leider grundlegend recht, wenn er sagt, dass sie “der Ort schlechthin ist, wo menschliche Werte ihren konkretesten Ausdruck finden”1 . Klar, das Wort “menschlich” erreicht seine vollstĂ€ndig entstellte Bedeutung im urbanen Zusammenhang, vor allem im heutigen. Die, in Norberg-Schulz’ markigem Begriff (1969), flatscape (“Flachheit”) ist vor aller Augen, diese Nothing Zones der Ortlosigkeit, wo lokale EigentĂŒmlichkeit und Verschiedenheit stĂ€ndig abnehmen oder sogar ausgerottet werden.2 Der Supermarkt, die FußgĂ€ngerzone, die Flughafenhalle sind ĂŒberall gleich, wie das BĂŒro, die Schule, der Wohnblock, das Spital und das GefĂ€ngnis in unseren eigenen StĂ€dten schwerlich voneinander unterschieden werden können.3

Die MegastĂ€dte haben mehr miteinander gemeinsam, als alle anderen sozialen Organismen. Ihre BĂŒrgerInnen haben unter einem stĂ€ndig umfassenderen Überwachungsblick die Tendenz, sich gleich zu kleiden und auch anderweitig dieselbe globale Kultur zu konsumieren. Es ist das Gegenteil eines Lebens an einem bestimmten Ort auf Erden, unter Achtung seiner Einmaligkeit. Heutzutage wird jeder Raum zum urbanen Raum; es gibt keinen Flecken mehr auf dem Planeten, der nicht, zumindest im Grunde genommen, in der Zeit einer Satellitenumrundung urban werden könnte. Wir sind erzogen und ausgerĂŒstet, um den Raum zu modellieren, als wĂ€re er eine Sache. Solch eine Erziehung ist ein Imperativ in diesem digitalen Zeitalter, das von StĂ€dten und Metropolregionen in einem Ausmass beherrscht wird, das es in der Geschichte noch nie gab.

Wie konnte das geschehen? Nach Weber: “man kann in den Schriften ĂŒber StĂ€dte alles, und das ĂŒberall, finden, außer das formierende Prinzip zur Stadtbildung selbst.”4 Aber es ist eh klar was grundlegend der Mechanismus, die Dynamik, das “Prinzip” ist, und immer war; und weiter nach Weber: “Jede Einrichtung in der Stadt zur Erleichterung des Handels und der Industrie ebnet den Weg zu weiteren Arbeitsteilungen und Spezialisierungen der Aufgaben.”5 Weitere Vermassung, Standardisierung, Gleichwertigkeit.

Als Werkzeuge zu Technologiesystemen wurden – das heisst, als sich die gesellschaftliche KomplexitĂ€t entwickelte – erschien die Stadt. Die Stadt-Maschine war die erste und grösste technologische Erscheinung, der Höhepunkt der Arbeitsteilung. Oder, wie Lewis Mumford es definiert hat, “das Merkmal der Stadt ist ihre vorsĂ€tzliche soziale KomplexitĂ€t.”6 Die beiden Ausdrucksformen meinen dasselbe. Die StĂ€dte sind die komplexesten, je ausgeheckten Artefakte, ebenso wie die Urbanisierung eines der bedeutendsten Maße der Entwicklung ist.

Die aufkommende Welt-Stadt perfektioniert ihren Krieg gegen die Natur, indem sie diese zum Vorteil des KĂŒnstlichen ausradiert und das Umland auf schlichte “Umwelten” reduziert, die sich den urbanen PrioritĂ€ten anpassen. Alle StĂ€dte stehen im Widerspruch zum Land.

Certeaus “Walking in the City” hat eine eher schaurige QualitĂ€t, wegen seines Themas und der Tatsache, dass es 2000 geschrieben wurde. Certeau betrachtete das World Trade Center als “die monumentalste Form” des westlichen StĂ€dtebaus und ahnte, dass “(mit dem Lift) auf seine höchste Spitze gebracht zu werden, wie von den Klauen der Stadt gepackt und fortgebracht zu werden ist.”7 Die LebensfĂ€higkeit der Stadt ist in die unabwendbare Phase ihrer Infragestellung getreten, und das wird von einer durch 9/11 angewachsenen – aber nicht geschaffenen – Beklemmung begleitet. Die tiefe KonfliktualitĂ€t im urbanen Leben, die wĂ€hrend dem ganzen Reich der Zivilisation wahrgenommen wird, ist viel eindeutiger geworden.

Die Abrichtung [Domestiztierung; Anm. d. Red.] machte die Zivilisation möglich und eine intensivere Abrichtung trieb die urbane Kultur voran. Die frĂŒher von Gartenbau lebenden Gemeinschaften – Siedlungen und Dörfer – wurden durch StĂ€dte ersetzt als die intensivierte Landwirtschaft die Macht ĂŒbernahm. Der megalithische Monumentalbau ist ein dauerhaftes Kennzeichen dieser Verlagerung. In den frĂŒhneolithischen Monumentalbauten können alle Eigenschaften der Stadt gefunden werden: Sesshaftigkeit, Permanenz, Dichte, eine sichtbare AnkĂŒndigung des siegreichen Triumphes der Landwirtschaft ĂŒber die Nahrungssuche. Die spektakulĂ€re Zentralisierung der Stadt ist einer der großen Wendepunkte der menschlichen kulturellen Evolution, ist der Zielpunkt der Zivilisation in ihrem vollstĂ€ndigsten und endgĂŒltigsten Sinn.

Es gab Zivilisationen ohne StĂ€dte (z.B. die frĂŒhe Zivilisation der Maya), aber nicht sehr viele. Meistens sind sie eine SchlĂŒsselstruktur und entwickeln sich mit einer relativ plötzlichen Macht, als mĂŒsse die Energie, die durch die Abrichtung unterdrĂŒckt wurde, dieselbe sprungartig auf eine neue Ebene ihrer Logik der Kontrolle anheben. Allerdings entgeht die urbane Explosion einigen schlechten RĂŒckblicken nicht. In der hebrĂ€ischen Tradition war es Kain, der Mörder Abels, der die erste Stadt grĂŒndete. Ähnlicherweise sind Reminiszenzen wie Babylon, der Turm zu Babel und Sodom und Gomorra völlig negativ. Eine tiefe ZwiespĂ€ltigkeit bezĂŒglich der StĂ€dte ist tatsĂ€chlich ein fester Wert der Zivilisation.

Etwa um 4000 v. Chr. erschienen die ersten StĂ€dte in Mesopotamien und Ägypten: als die politischen Mittel darauf ausgerichtet wurden, den Überschuss, der durch einen neuen Landwirtschaftsethos geschaffen wurde, in die HĂ€nde einer kleinen dominanten Minderheit zu kanalisieren. Diese Entwicklung erforderte, dass immer mehr Produktionsbereiche der Wirtschaft zugefĂŒhrt wurden: und zentralisierte, bĂŒrokratische Institutionen in immer grĂ¶ĂŸerer Skala folgten ihr bald. Die Dörfer wurden zu immer spezialisierteren Strategien der Maximierung gezwungen, um grössere ÜberschĂŒsse zur Belieferung der StĂ€dte zu produzieren. Zum Beispiel konnte die grössere Getreideproduktion nur durch Mehrarbeit und grĂ¶ĂŸeren Zwang erreicht werden. Widerstand kam in diesem wohlbekannten GefĂŒge auf, als die primitiven Landbaugemeinschaften in zwangsverwaltete StĂ€dte verwandelt wurden, wie etwa Ninive oder die Nomadenvölker des Sinai, die es ablehnten fĂŒr die Ägypter Kupfer zu graben, um ein weiteres Beispiel zu nennen.8 Kleine LandbesitzerInnen wurden vom Land in die Stadt gezwungen; diese Deportationen sind ein vertrautes Muster, das bis heute ĂŒberdauert hat.

Bei der urbanen RealitĂ€t geht es primĂ€r um GeschĂ€fte und Handel mit einer, zum Überleben notwendigen, beinahe totalen AbhĂ€ngigkeit von der von aussen kommenden UnterstĂŒtzung. Um eine solch kĂŒnstliche Existenz zu garantieren, haben die StĂ€dtevĂ€ter einen absoluten Hang zum Krieg, diesem chronischen Haupterzeugnis der Zivilisation. “AuswĂ€rts Eroberung und daheim Repression,” so Stanley Diamond, ist eine definitorische Charakterisierung der StĂ€dte seit ihren ersten AnfĂ€ngen.9 Die frĂŒhen sumerischen Stadtstaaten, zum Beispiel, fĂŒhrten konstant Krieg. Beim Kampf um die StabilitĂ€t der urbanen Marktwirtschaften ging es andauernd um das Überleben. Armeen und KriegsfĂŒhrung waren hauptsĂ€chliche Notwendigkeiten, vor allem unter der Voraussetzung des in der urbanen Dynamik angelegten Expansionscharakters. Uruk, die grĂ¶ĂŸte mesopotamische Stadt ihrer Zeit (ca. 2700 v. Chr.), rĂŒhmte sich eines mit 900 TĂŒrmen befestigten, sechs Meilen langen, doppelten Ringwalls. Von dieser FrĂŒhzeit bis ins Mittelalter waren praktisch alle StĂ€dte befestigte Garnisonen. Julius Caesar benutzte fĂŒr alle StĂ€dte Galliens das Wort oppidum (Garnison).

Die ersten urbanen Zentren hatten allesamt auch eine bedeutende, stark zeremonielle Ausrichtung. Das hĂ€ssliche Gesicht der Abkehr von einer eigenen und in der erde eingewurzelten SpiritualitĂ€t bis zur Erhebung von heiligen oder ĂŒbernatĂŒrlichen RĂ€umen wird durch regelrecht Ehrfurcht einflössende und mĂ€chtige urbane Tempel und GrabstĂ€tten weiter entstellt. Die Überhöhung eines gesellschaftlichen Gottes entsprach der wachsenden strukturellen KomplexitĂ€t und Schichtung dieser Gesellschaft. Nebenbei bemerkt, der religiöse Monumentalbau war nicht bloss eine Gehorsamkeit einflössende autoritĂ€re Taktik der Regierenden; sie war auch ein grundlegendes Vehikel zur Verbreitung der Abrichtung.10

Aber der wirkliche Aufbruch zur Herrschaft begann nicht nur mit der intensivierten Landwirtschaft – und mit dem Erscheinen der Schriftsysteme, wie Childe, Levi-Strauss und andere bemerkt haben –, sondern auch mit der Metallurgie. Erfolgreiche Zivilisationen im frĂŒhen Neolithikum, in der Bronzezeit und umso mehr in der Eisenzeit brachten die Urbanisierung zu ihrer vollen ZentralitĂ€t. Nach Tonybee, “Wenn das Wachstum der Orte der StĂ€dtebildung im Laufe der Geschichte durch eine Kurve visualisiert wĂŒrde, hĂ€tte sie dieselbe Kurvenform wie der Machtanstieg der Technologie.”11 Und mit dem zunehmend urbanisierten Charakter des gesellschaftlichen Lebens kann die Stadt als BehĂ€lter bzw. Container betrachtet werden. StĂ€dte, wie die bereits vorhandenen Fabriken, sind auf EindĂ€mmung, also Containment, angewiesen. StĂ€dte und Fabriken sind grundlegend nie von den Leuten, die in ihnen enthalten sind, frei gewĂ€hlt worden: Die Herrschaft hĂ€lt die Leute in diesen Orten fest. Aristophanes sagte es treffend in seinem 414 v. Chr. geschaffenen Werk Die Vögel: “Eine Stadt muss entstehen, um alle Vögel unterzubringen; dann musst du ZĂ€une in der Luft bauen, den Himmel einzĂ€unen und die Erde, und musst alles mit Mauern umgeben, wie Babylon.”

Staaten, wie wir sie heute kennen, existierten damals schon, und mĂ€chtige StĂ€dte entstanden als HauptstĂ€dte, die Orte der Staatsmacht. Politische Herrschaft ging immer von diesen urbanen Zentren aus. In diesem Kontext liessen die BĂ€uerInnen eine bekannte und verhasste Knechtschaft hinter sich, um sie mit neuen und anfĂ€nglich unbenannten Formen von Unterjochung und Leiden zu ersetzen. Die Stadt ist nicht bloss ein Ort lokaler Macht und KriegsfĂŒhrung, sie ist auch ein Brutkasten fĂŒr Infektionskrankheiten und Seuchen, und natĂŒrlich steigert sie die Auswirkungen von BrĂ€nden, Erdbeben und anderen Gefahren.

Tausende Generationen lang standen die Menschen im Morgengrauen auf und gingen bei Sonnenuntergang schlafen, sonnte sich in den Herrlichkeiten des Sonnenaufganges, des Abendrots und eines strahlenden Himmels. Vor einem halben Jahrtausend kĂŒndigten stĂ€dtische Glocken und Uhren einen wachsend geordneten und regulierten Tagesablauf an: Das Reich der urbanen Zeitmessung. Mit der ModernitĂ€t verschwindet die gelebte Zeit; sie wird zur Ressource und zur verdinglichten MaterialitĂ€t. Gemessen und verdinglicht, isoliert die Zeit das Individuum im Kraftfeld einer immer tiefer werdenden Trennung und Abspaltung und einer stĂ€ndig abnehmenden Ganzheit. Der Kontakt mit der Erde ebbt mit dem Wachstum der Stadt ab; und wie es Hogarth in seinen Beschreibungen Londons Mitte des 18. Jahrhunderts ausmalt, verringert sich der körperliche Kontakt der Leute dramatisch. Zu dieser Zeit sagte Nicolas Chamfort: “Paris ist eine Stadt der LebenslĂŒste und VergnĂŒgen, wo vier fĂŒnftel der Menschen vor lauter Gram verrecken.”12 In Emile (1762) brachte es Rousseau persönlicher: “Adieu Paris. Wir suchen Liebe, GlĂŒck und Unschuld. Wir können nie weit genug von dir entfernt sein.”13 Das allgegenwĂ€rtige Gewicht der urbanen Existenz durchdrang sogar die Ă€usserst vitalen politischen Erscheinungen, wie die französische Revolution. Die Massen im revolutionĂ€ren Paris schienen seltsam apathisch zu sein, was zu Richard Sennetts Eingebung fĂŒhrte, hier die ersten modernen Zeichen der urbanen PassivitĂ€t auszumachen.14

Im folgenden Jahrhundert entschied Engels, in gegenteiliger Manier, dass es die Stadt sei, wo das Proletariat seine “vollstĂ€ndigste klassische Perfektion” erreicht.15 Aber Tocqueville hatte bereits gesehen, wie die Individuen in den StĂ€dten “sich in ihren gegenseitigen Schicksalen als Fremde empfinden.”16 SpĂ€ter, im 19. Jahrhundert, bemerkte Durkheim, dass Selbstmord und Ungesundheit mit der modernen Urbanisierung zunehmen. TatsĂ€chlich werden ein GefĂŒhl der AbhĂ€ngigkeit und der Einsamkeit und alle Arten von Störungen des Empfindens generiert, was Benjamins Wahrnehmung bestĂ€tigte, dass “Angst, Abscheu und Schrecken vor den stĂ€dtischen Massen in jenen hervorgerufen wurde, die sie zum ersten Male betrachteten.”17 Die technologischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Kanalisationen und der anderen sanitĂ€ren Einrichtungen sind in aufblĂŒhenden Metropolen notwendig und gleichzeitig machen sie die Urbanisierung und ihre weitere Expansion erst möglich. Das Leben in der Stadt ist nur durch solche bestĂ€ndigen technologischen Hilfen möglich.

Um 1900 begriff Georg Simmel, dass das Stadtleben nicht nur Einsamkeit hervorruft, sondern auch jene ZurĂŒckhaltung oder gefĂŒhlsmĂ€ĂŸige Dumpfheit, die sie noch schlimmer macht. Wie Simmel begriff, Ă€hnelt das sehr den Auswirkungen des industriellen Lebens allgemein: “PĂŒnktlichkeit, Berechenbarkeit und Genauigkeit werden dem Leben durch die KomplexitĂ€t und Verbreitung der Metropolenexistenz aufgezwungen.”18 Zum Beispiel tragen die in den frĂŒhen Gedichten von T. S. Elliot ausgedrĂŒckte urbane Stumpfheit und Wehrlosigkeit dazu bei, dieses Bild des geschĂ€ndeten Lebens zu vervollstĂ€ndigen.

Der Begriff “suburb” wurde seit Shakespeare und Milton in sehr modernem Sinne gebraucht, aber erst mit dem Ansturm der Industrialisierung wurde das suburbane PhĂ€nomen wirklich offensichtlich. Diese Wohnbauentwicklungen erschienen in den Randgebieten der grössten amerikanischen StĂ€dte zwischen 1815 und 1860. Marx bezeichnete den Kapitalismus als “die Urbanisierung der lĂ€ndlichen Gegenden”19, die Urbanisierung findet ihren Tritt und ihre aktuelle Bedeutung eigentlich erst kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Raffinierte Massenproduktionstechniken schufen eine physische KonformitĂ€t, um die soziale KonformitĂ€t zu definieren und zu verstĂ€rken.20 Seicht, homogenisiert, ein Treibhaus des Konsumismus, von Strip-Meilen und Umfahrungsstraßen umzingelt, ist die Peripherie ein weiter degeneriertes Ergebnis der Stadt. Faktisch gesehen sollten die Unterschiede zwischen urban und suburban nicht ĂŒbertrieben oder als qualitativ betrachtet werden. RĂŒckzug, von einer ganzen Phalanx von HightechgerĂ€ten angestiftet – iPod, Mobiltelefone, usw. – ist heute an der Tagesordnung, ein wirklich viel sagend eindeutiges PhĂ€nomen.21

Zivilisation, wie es durch den ursprĂŒnglich lateinischen Stamm des Begriffs prĂ€zisiert wird, heisst das, was in der Stadt passiert.22 Jetzt lebt ĂŒber die HĂ€lfte der Weltbevölkerung in StĂ€dten wie Kuala Lumpur und Singapur, McDonaldisierte Unorte, die ihrem eigenen so reichen Kontext dermaßen resolut den RĂŒcken gekehrt haben. Der urbane Imperativ ist eine anhaltende Charakteristik der Zivilisation.

Sie kann immer noch einige mit ihrer perversen Faszination anziehen, und jedenfalls ist es sehr schwierig geworden, dem urbanen Einflussbereich zu entkommen. In der Metropole existiert immer noch ein Funken Hoffnung auf Gemeinschaft oder zumindest Zeitvertreib. Und einige von uns bleiben um den Kontakt mit dem nicht zu verlieren, was wir verstehen mĂŒssen, um ihm ein Ende bereiten zu können. Sicher, es gibt jene, die kĂ€mpfen um die Stadt menschlicher zu gestalten, um Parkanlagen und Ă€hnlichen Schwachsinn, aber StĂ€dte bleiben das, was sie immer waren. Die meisten ihrer BewohnerInnen akzeptieren die urbane Wirklichkeit einfach und versuchen sich ihr anzupassen, mit derselben oberflĂ€chlichen PassivitĂ€t, die sie gegenĂŒber der allumfassenden Techno-Welt an den Tag legen.

Einige versuchen immer das Unreformierbare zu reformieren. Auf zur “neuen ModernitĂ€t”, zum “neuen VerhĂ€ltnis zur Technologie” hin, usw., usw., ruft Julia Kristeva nach “einer WeltbĂŒrgerschaft neuer Art 
”23 Solche Ausrichtungen enthĂŒllen, unter anderem, die Überzeugung, dass das, was weithin als etwas fĂŒr ein gesellschaftliches Leben Wesentliches betrachtet wird, uns immer begleiten wird. Max Weber fand, die ModernitĂ€t und der bĂŒrokratische Rationalismus seien “ausbruchsicher”, wĂ€hrend Tonybee die Ecumenopolis, wie er die Stufe des Gigantismus nannte, die auf jene der Magalopolis gefolgt ist, als “unausweichlich” betrachtete.24 Ellul nannte die Urbanisierung das, “was nur akzeptiert werden kann.”25

Trotzdem, in Anbetracht der heutigen urbanen RealitĂ€t, und des Wie und Wieso die StĂ€dte ursprĂŒnglich entstanden und weiter existieren, muss das, was James Baldwin zum Ghetto sagte, vollstĂ€ndig auf die Stadt angewendet werden: ”(Es) Sie kann nur auf eine Weise verbessert werden: raus aus unseren Leben.”26 Es besteht ĂŒbrigens ein starker Konsens unter den StadttheoretikerInnen, dass StĂ€dte auf neue Art gespalten und polarisiert sind.27 Dass die Armen und die Eingeborenen urbanisiert werden mĂŒssen, ist ein weiterer der primĂ€ren Aspekte der kolonialistisch-imperialistischen Ideologie.

Der ursprĂŒngliche Monumentalbau ist in der heutigen Stadt immer noch prĂ€sent und herausragend, mit derselben VerkĂŒmmerung und Entmachtung des Individuums. Die menschliche Dimension wird von HochhĂ€usern ausgelöscht, der Entzug der Sinneswahrnehmungen vertieft sich, und wer sie bewohnt, ist dem Angriff der Monotonie, des LĂ€rms und der anderen Umweltverschmutzungen ausgesetzt. Die Cyberspace-Welt ist selbst eine urbane Umwelt, die den radikalen Untergang der körperlichen PrĂ€senz und Verbindung beschleunigt. Der urbane Raum ist das ewig voranschreitende (sowohl vertikal als auch horizontal) Symbol der Niederlage der Natur und des Todes der Gemeinschaft. Was John Habberton 1889 schrieb, könnte heute nicht gĂŒltiger sein: “Eine grosse Stadt ist eine grosse Wunde – eine unheilbare Wunde.”28 Oder wie Kai W. Lee auf die Frage antwortete, ob der Übergang zur nachhaltigen Stadt vorstellbar ist: “Die Antwort ist nein.”29

CopĂĄn, Palenque und Tikal waren reiche StĂ€dte der Mayazivilisation, die auf ihrem Höhepunkt aufgegeben wurden, nĂ€mlich zwischen 600 und 900 n. Chr. Diese und Ă€hnliche Beispiele in verschiedenen Kulturen zeigen uns einen Weg nach vorne auf. Die Literatur der Urbanisierung ist in den letzten Jahren nur noch in dunklem Sinne und ĂŒber das Missbehagen gewachsen, wĂ€hrend Terrorismus und Zusammenbruch ihre langen Schatten auf die unvertretbarsten Produkte der Zivilisation werfen: die großen Metropolen. Um von der permanenten Knechtschaft und chronischen Krankheit der urbanen Existenz wegzukommen, können wir uns von solchen Orten, wie den frĂŒheren indigenen Siedlungen inspirieren lassen, wie die heute Los Angeles River genannten. Orte, wo die LebenssphĂ€re ihre Wurzeln im Dasein als Menschen hat, die in vollem Besitze ihrer FĂ€higkeiten sind und in Harmonie mit der Erde leben.



Übersetzung aus dem Englischen: John Zerzan. The City and its Inmates in Green Anarchy #25 (2008). Der hier wiedergegebene Text folgt der Übersetzung Marco Camenischs in Der Niedergang der Maschinen (ursprĂŒnglicher Titel: „Alleine Zusammen: Die Stadt und ihre Gefangenen“) und wurde an einigen Stellen ĂŒberarbeitet.




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org