Oktober 8, 2021
Von SchwarzerPfeil
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„Gemeinsam gegen Repression“, das ist einer der LeitsprĂŒche der Roten Hilfe in Deutschland. Diese selbsternannte „strömungsĂŒbergreifende SolidaritĂ€tsorganisation“ beansprucht fĂŒr sich, SolidaritĂ€t fĂŒr alle (linken) politisch Verfolgten zu „organisieren“. Das bedeutet in der Regel, dass mensch – vorausgesetzt mensch erfĂ€hrt Repression wegen einer anerkannten, politischen Tat oder einem solchen Tatvorwurf – nach der Einreichung eines Antrags und dem darauf folgenden bĂŒrokratischen Entscheidungsprozess die HĂ€lfte seiner Repressionskosten von der Roten Hilfe erstattet bekommt. Zwar betont die Rote Hilfe stets, dass es ihr neben dieser finanziellen UnterstĂŒtzung auch darum gehe, SolidaritĂ€t auf anderen Ebenen zu „organisieren“ – was auch immer es da zu organisieren gibt –, doch in der RealitĂ€t gelingt ihr das nur selten. Und ganz ehrlich: Ich persönlich lege keinen Wert auf SolidaritĂ€tsbekundungen, die bloß hohle Phrasen sind und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es anderen da anders geht.

Überhaupt lege ich keinerlei Wert auf SolidaritĂ€t von meinen Feind*innen und von denen gibt es innerhalb der Roten Hilfe eine Menge: Stalinist*innen, Trotzkist*innen, Marxismus-Leninist*innen, Maoist*innen, Kommunist*innen im Allgemeinen, Sozialdemokrat*innen und andere BefĂŒrworter*innen eines repressiven Staates. Was bedeutet ihre SolidaritĂ€t anderes, als dass diese Menschen versuchen, meine Taten fĂŒr ihre eigenen politischen Absichten zu vereinnahmen? WĂ€ren die politischen MachtverhĂ€ltnisse zu ihren Gunsten, wĂ€ren sie es, die mich verfolgen, einsperren, ja sogar hinrichten wĂŒrden. Ich wĂŒrde die gleiche Repression wie heute – ja, vielleicht sogar noch schlimmere – von denjenigen erleben, die heute die Repression gegenĂŒber mir anprangern, weil sie glauben, dass ihnen das zu mehr politischem Einfluss verhelfen könnte. Na vielen Dank auch, darauf verzichte ich!

FĂŒr diese Menschen – und deren Ansichten sind in vielerlei Hinsicht prĂ€gend fĂŒr die Rote Hilfe – hat Repression einen „Klassencharakter“, was so viel heißt wie wenn Repression im Namen der „Arbeiterklasse“ ausgeĂŒbt wird, ist jedes Mittel recht, wenn sie jedoch im Namen der Klasse der „Kapitalist*innen“ oder der „Bourgeoisie“ ausgeĂŒbt wird, handelt es sich um die grĂ¶ĂŸte vorstellbare Abscheulichkeit, das grĂ¶ĂŸte „Unrecht“, das mensch sich nur vorstellen kann. Ich will hier gar nicht nĂ€her auf den Herrschaftsanspruch eingehen, den diejenigen haben, die sich anmaßen im Namen einer „Klasse“ zu handeln und auch nicht auf die krude Vorstellung, dass der Zweck jedes Mittel heilige, sondern vielmehr auf einen tieferliegenden Gedanken: Wer Repression in einigen FĂ€llen befĂŒrwortet, die*der befĂŒrwortet zweifelslos auch einen Staat oder eine Ă€hnliche zentralistische Struktur, die in der Lage ist, diese auszuĂŒben. Wer bereit ist, Repression zur Erreichung der eigenen Zwecke auszuĂŒben, die*der handelt in der Absicht zu herrschen, denn Repression ist nicht die singulĂ€re Handlung eines Individuums, sondern benötigt kollektive, autoritĂ€re Strukturen, die bestimmten Menschen auf die ein oder andere Weise ermöglichen, ihre Herrschaftsinteressen durchzusetzen.

Es ist eine marxistisch-leninistische bzw. stalinistische oder trotzkistische Herrschaftsvorstellung, auf die ich hier Bezug nehme, keineswegs eine allgemeine Position innerhalb der Roten Hilfe. Und doch hat dieser jahrzentelange Einfluss Wirkung gezeigt: Wer in politische und unpolitische Gefangene und anderweitig Verfolgte unterscheidet, die*der macht zumindest einen Unterschied hinsichtlich der Betrachtungsweise von Repression. Überspitzt ausgedrĂŒckt: Repression gegenĂŒber „unpolitischen“ TĂ€ter*innen wird akzeptiert, gewissermaßen sogar gutgeheißen. Wenn die Rote Hilfe also Jahr fĂŒr Jahr „Freiheit fĂŒr alle politischen Gefangenen“ fordert oder aus ihrer Sicht „unpolitische“ Taten (darunter auch Diebstahl, Fahren ohne Fahrschein, ja sogar die Einreise in ein Land und der Aufenthalt dort ohne Genehmigung) nicht unterstĂŒtzt, reproduziert sie eben jene, dem eigenen politischen Zweck dienliche Betrachtungsweise von Repression.

Zugleich beschwört sie unter denjenigen, die sie unter einem Schirm versammeln möchte, eine Einheit und Gleichschaltung: Das oft gebrauchte Argument der Spaltung etwa – naturgemĂ€ĂŸ nur von jenen gebraucht, denen in ihren feuchten TrĂ€umen im Gleichschritt marschierende Massen erscheinen – kommt immer dann zum Einsatz, wenn irgendeine*r es wagt, problematische, etwa weil autoritĂ€re, Einstellungen bei anderen zu kritisieren. Es sugeriert, dass alle „Linken“ doch irgendwie eine Familie wĂ€ren und sich in den wesentlichen Punkten einig seien. Das ist die grĂ¶ĂŸte LĂŒge, die mensch sich vorstellen kann! Wer nur auf den richtigen Moment (etwa nach der Machtergreifung) wartet, um mich hinzurichten, die*der ist meine schlimmste*r Feind*in! Hier gibt es nichts zu spalten, zwischen uns verlĂ€uft bereits ein unĂŒberwindbarer Graben. Ich werde diese Personen jederzeit bekĂ€mpfen und ich werde keine Sekunde zögern, sie ins Grab zu bomben, sollten sie es wagen, nach ihren Gewehren zu greifen!

Wenn die Rote Hilfe solche Menschen unter ihrem Banner vereint, bedeutet „strömungsĂŒbergreifend“ nichts weiter als „vereinheitlichend“. Es geht dann offenbar darum, durch die Suggerierung einer Einheit, wo keine ist, Masse ĂŒber QualitĂ€t zu stellen. Es geht darum, die Antirepgelder verschiedener „Bewegungen“ und „Szenen“ zu akkumulieren, um sie anschließend danach zu vergeben, wer bereit ist, im Angesicht der Repression auf die rote Fahne der Diktatur „des Proletariats“ zu schwören.

In diesem Sinne kann ich auch die Rote Hilfe nur als meine Feindin betrachten, als diejenige, die meine Taten vereinnahmen und fĂŒr die eigenen, autoritĂ€ren Zwecke nutzbar machen möchte, diejenige, die mir ĂŒber den Kopf streichelt, wie einem*einer dressierten HĂŒnd*in, wenn ich brav mein KunststĂŒck vorgefĂŒhrt habe, und die mich verstĂ¶ĂŸt, wenn ich mich geweigert habe, nach ihrer Pfeife zu tanzen.

Es kann ermutigend sein, Repression gemeinsam zu begegnen, das ist keine Frage und das passiert tagtÀglich auch ganz ohne das Zutun der Roten Hilfe, sowohl in finanzieller Hinsicht, als auch durch revolutionÀre SolidaritÀt. Aber vor die Wahl gestellt, nehme zumindest ich jede Repression lieber alleine auf mich, als auf die Hilfe einer solchen Organisation zu zÀhlen.

Aus aktuellem Anlass geklaut aus der kĂŒrzlich eingestellten Zeitung ZĂŒndlumpen.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de