MĂ€rz 20, 2021
Von End Of Road
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Als BĂŒndnis Justice for Mohamed und junges BĂŒndnis in Erinnerung an Qosay werden wir diese gemeinsame ErklĂ€rung veröffentlichen. Grund dafĂŒr ist ein Post auf Twitter, der unmittelbar nach der Trauerfeier in Gedenken an Qosay am 17. MĂ€rz 2021 veröffentlicht wurde.

Unsere beiden BĂŒndnisse haben einen gemeinsamen Hintergrund: Sie sind entstanden, weil ein Mensch wĂ€hrend eines Polizeieinsatzes getötet wurde. Und unsere beiden BĂŒndnisse zeichnen sich dadurch aus, dass sie aus Familienangehörigen und unterschiedlich positionierten Einzelpersonen bestehen. Wir sind Menschen mit und ohne Rassismuserfahrungen, mit und ohne Fluchterfahrungen, mit und ohne Erfahrungen von Polizeigewalt und vieles mehr. Diese Vielfalt an Perspektiven und Erfahrungen ist unsere StĂ€rke. Ebenso wie unsere Entscheidung, gemeinsam und solidarisch zu kĂ€mpfen und das Ziel nie aus den Augen zu verlieren: fĂŒr AufklĂ€rung und Gerechtigkeit einzutreten und die Ursachen zu benennen, die zu den Toden gefĂŒhrt haben.

Als BĂŒndnis Justice for Mohamed, das seit fast einem Jahr besteht, war und ist unser Motto immer gewesen: Wir mĂŒssen alles dafĂŒr tun, dass so etwas nicht wieder passiert. DafĂŒr brauchen wir einen langen Atem und wir mĂŒssen viele werden. Viele, die zusammen Druck aufbauen. Viele, die dazu beitragen, dass Mohamed Idrissi und Qosay Sadam Khalaf und die vielen anderen Opfer von Polizeigewalt nie vergessen werden. Viele, die dafĂŒr sorgen, dass sich Grundlegendes verĂ€ndert.

Als wir vom BĂŒndnis Justice for Mohamed vom Tod von Qosay gehört haben, waren wir — wie viele andere — schockiert. Wir haben die Familie kontaktiert und unsere UnterstĂŒtzung angeboten. Daraus sind seitdem viele Treffen und ein enger Austausch entstanden. Und es hat sich das BĂŒndnis in Erinnerung an Qosay gegrĂŒndet, mit dem Ziel, gemeinsam eine öffentliche Trauerfeier in Gedenken an Qosay zu gestalten. Als kollektiven Ort der Trauer und der Wut. Die öffentliche Trauerfeier war fĂŒr alle Beteiligten unglaublich emotional und berĂŒhrend, fĂŒr viele war es ein empowernder Moment. Wir haben es gemeinsam geschafft, Qosay einen wĂŒrdevollen und respektvollen Abschied zu bereiten und gleichzeitig der Trauer und der Wut einen Raum zu geben. Dass dies gelungen ist, ist im Wesentlichen den Moderatorinnen zu verdanken, die im Namen des gesamten BĂŒndnisses diese schwierige und sensible Aufgabe ĂŒbernommen haben. Wir sind ihnen unendlich dankbar dafĂŒr. Wir waren vor diesem Hintergrund schockiert, als wir noch am selben Tag der Trauerfeier auf Twitter einen Post gelesen haben, der ĂŒber den Account “Heval&Decolonize” veröffentlicht wurde, in dem die Moderatorinnen persönlich angegriffen und diffamiert werden.

Der Post wurde von einigen Bremer Gruppen und Einzelpersonen ohne Kenntnis der HintergrĂŒnde geteilt und geliked. Wir verstehen diesen öffentlichen Tweet als Entsolidarisierung vom und als Angriff auf das gesamte BĂŒndnis. Er zielt ausschließlich darauf ab, sich persönlich zu profilieren, konkrete Personen zu diffamieren und das BĂŒndnis aus Familienangehörigen und solidarischen Aktivist*innen zu spalten. Dem stellen wir uns gemeinsam entgegen! Die versuchte Diffamierung von einzelnen Personen ĂŒber Twitter ist nicht nur respektlos, sondern auch maximal unpolitisch. In dem Tweet wurde das Gedenken an Qosay fĂŒr eigene Zwecke instrumentalisiert. Solche Posts spielen denjenigen in die HĂ€nde, die ein Interesse daran haben, den Widerstand gegen Polizeigewalt zu delegitimieren und zu schwĂ€chen. Solche Posts verbreiten Misstrauen und Angst, sie versuchen Betroffene von Flucht, von Polizeigewalt unsichtbar zu machen und zu silencen. Das ist genau das Gegenteil von dem, wie wir uns einen solidarischen und emanzipatorischen Umgang miteinander vorstellen.

Aus dem Inhalt des Tweets wird deutlich, dass er gepostet wurde, ohne dass die Autor*in auch nur ansatzweise Informationen ĂŒber die HintergrĂŒnde der Trauerfeier oder des BĂŒndnisses hatte. Die Verfasser*in maßt sich darin an, den Moderatorinnen vorzuschreiben, wie sie ĂŒber ihre eigenen Fluchterfahrungen zu sprechen haben. Fremdbestimmt bewertet sie die Fluchterfahrungen dieser beiden Frauen und diffamiert deren ErzĂ€hlung als “romantisierend” — das ist ĂŒbergriffig!

“Heval&Decolonize” maßt sich außerdem an, die WĂŒnsche, BedĂŒrfnisse und Selbstdefinition der Familie zu kennen, ohne in irgendeinem Kontakt zu der Familie von Qosay zu stehen. In den letzten Tagen saßen wir gemeinsam als Familie und BĂŒndnis zusammen und haben viel geredet, geplant und gemeinsam getrauert. Hierbei wurde auch deutlich, dass die Familie selbst vom Irak und nicht von SĂŒdkurdistan spricht. Und nicht zuletzt macht dieser Post in patriarchaler Tradition eine der Moderatorinnen zum Objekt, in dem sie als “token” beleidigt wird, anstatt sie als eine selbstbestimmte und bewusst handelnde Person zu begreifen.

Wir als BĂŒndnisse stehen gemeinsam und in SolidaritĂ€t fĂŒr unsere Ziele ein. Denn wenn es nur noch darum geht, wer wie ĂŒber wen sprechen darf, werden die politischen Ziele in den Hintergrund gestellt und solidarische Handlungen diffamiert. Es entsteht ein Klima, in dem Menschen sich aus Angst vor Redeverboten und Isolation nicht mehr trauen, sich gegen jegliche Form von Diskriminierung zu Ă€ußern und gemeinsam Seite an Seite fĂŒr eine gerechtere Welt zu kĂ€mpfen.

Die Trauerfeier haben wir fĂŒr Qosay organisiert, der durch eine entmenschlichende Praxis ermordet wurde. Eine Trauerfeier geht selbstverstĂ€ndlich auf den Menschen Qosay und seine Geschichte ein. Was ĂŒber Qosay erzĂ€hlt wurde, ist zusammen mit Freund*innen und Familie verfasst worden — und wie es den beiden Moderatorinnen gelungen ist, dies vorzutragen, ist so wichtig und war beeindruckend! Der Vorwurf der Aneignung ist fĂŒr uns daher mehr als absurd und im Grunde eine Politik der Spaltung.

“Es sind nicht unsere Unterschiede, die uns trennen. Es ist unsere UnfĂ€higkeit, die Unterschiede zu erkennen, anzunehmen und zu feiern.” (Audre Lorde)

Wir lassen uns nicht spalten! Im Gegenteil, wir werden weiterhin gemeinsam und solidarisch kÀmpfen, voneinander lernen, miteinander trauern und gemeinsam lachen.

Wir fordern alle solidarisch denkenden und handelnden Personen auf, den Tweet nicht weiter zu verbreiten und sich heute und in Zukunft klar gegen solche diffamierenden und entpolitisierenden Statements und Haltungen zu positionieren.

FĂŒr einen politischen Aktivismus, der nicht nur Gerechtigkeit fordert, sondern auch Gemeinschaft & Gerechtigkeit lebt!




Quelle: Endofroad.blackblogs.org