August 11, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Jan Raabe
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 188 – Januar / Februar 2021

#Musik

Die extreme Rechte ist vermeintlich im Umbruch, sowohl im Bereich der Organisationen als auch der Kultur. Neue Akteure, seien es die »Identitäre Bewegung« (IB), Rechts-Rapper wie Chris Ares oder auch Xavier Naidoo, haben in den letzten Jahren die politische Bühne betreten. Sind sie der neue kulturelle Ausdruck des Rechtsrucks? Sind sie die »Neue Rechte« und somit die neue Gefahr?

Antifa magazin der rechte rand
»Euer Hass ist unser Lohn.« @ Christian Ditsch

Ein genauer Blick zeigt: Im Bereich der Musikkultur liegt der Schwerpunkt weiterhin beim etablierten RechtsRock. Antiemanzipatorische Positionen jenseits des Neonazismus werden weniger aus einer sogenannten neu-rechten Musikszene verbreitet, sondern vor allem von Bands und Projekten, die der ominösen »Mitte« – hier dem kulturellen Mainstream – zuzurechnen sind. Namentlich »Frei.Wild« ­(s. drr Nr. 156) und Andreas Gabalier. Die ambitionierten Pläne anderer Akteure der extremen Rechten im Bereich der Kultur führten nicht zu den erhofften Raumgewinnen.

Viel Wind um nichts
Vor über einem Jahr, im Dezember 2019 verkündete der dem »Institut für Staatspolitik« und der IB nahestehende Verein »Ein Prozent«: »Das Jahr 2020 wird voll im Zeichen der patriotischen Gegenkultur stehen.« Es ging um den »Aufbau einer patriotischen Musikszene« jenseits des offen neonazistischen RechtsRock und um nichts weniger, als den Weg von »Frei.Wild« zur extremen Rechten zu ebnen. Als Flaggschiff für den Bereich Rock hatte sich »das Bürgernetzwerk«, wie »Ein Prozent« sich nennt, Sacha Korn gesucht, für den Rap war es Chris Ares. Auch bei »Arcadi«, dem selbsternannten »jungen Magazin für Politik, Unterhaltung und Lebensstil«, hegte man solche Hoffnungen und setzte auf die gleichen Akteure. Korn hatte in den frühen 2000er Jahren am Rand des klassischen Neonazismus agiert, einige Alben herausgebracht und Konzerte gespielt. Ab 2016 war es ruhig um ihn geworden. Da Korn in der Öffentlichkeit nicht direkt mit der neonazistischen Szene assoziiert wurde, war er der ideale Partner für jene Akteure, die versuchen, neue Potenziale jenseits der etablierten extremen Rechten zu gewinnen. »Der Rocker Sacha Korn hat es auf den Titel geschafft« verlautete das »Arcadi«-Magazin und widmete ihm im Heft 4/2019 die Titelstory. Korn gelang es allerdings nicht, den Rückenwind von »Frei.Wild« in Form von einschlägigen nationalistischen und kulturalisierenden Metaphern auszunutzen und erfolgreich aus dem Windschatten heraus am Mainstream anzudocken. Live trat Korn zuletzt am 30. Mai 2019 in Brandenburg zusammen mit »Wutbürger«, Julia Juls und Mirko Borchert, vor gerade mal 40 Zuschauer*innen auf. Anfang des Jahres veröffentlichte er ein Lied zum Download, Mitte Dezember 2020 folgte das Download-Album »Heimat«; von den acht enthaltenen Liedern sind nur vier wirklich neu. Nicht gerade eine Erfolgsbilanz.

Strohfeuer RechtsRap?
Die Chart-Platzierungen einzelner Titel des Rappers Chris Ares auf Plattformen wie iTunes reichten aus, damit Medien von Der Spiegel bis MTV ihn fast zum Star erklärten. Dabei vergaßen die Autor*innen leider zu klären, welche konkreten Dimensionen hinter den Platzierungen standen. Wie hoch waren die Verkaufszahlen in welchem Zeitraum? Dass es sich hier um einen Song zum Preis von 99 Cent in den »Album-Charts« handelte, ging im Rauschen unter, mögliche Manipulationen ebenso. »Ein Prozent« feierte Ares und die Berichte über ihn ebenso wie das »Arcadi«, immerhin hatte es ihm das Titelblatt und die Titelstory der Ausgabe 1/2019 gewidmet. Dass zu Konzerten von Ares, wie am 9. März 2019 in Hoyerswerda oder am 7. Dezember 2019 in Spremberg, nur 200 bis 250 Zuschauer*innen kamen, wirft Fragen bezüglich der realen Bedeutung von Ares auf. Mittlerweile kann man sich diese jedoch sparen, erklärte der Rapper, welcher sich selbst ständig als »stabil« inszeniert, doch inzwischen seinen Rückzug aus dem Musikgeschäft vollzogen hat.
Dies dürfte das eh schon recht kleine Feld des extrem-rechten Rap schon hart getroffen haben. Dass kurz darauf im Rahmen eines laufenden Prozesses bekannt wurde, dass Michael Zeise, aka »Mic Revolt«, inzwischen vom »Aussteiger«-Projekt EXIT betreut wird, dürfte die Stimmung nicht gehoben haben. Rapper Kai Naggert aka »Prototyp« aus Wesel wittert jetzt seine Chance, doch angesichts dessen komplett fehlender Rap-Kompetenzen sollte das nicht besonders sorgen. Auch dass der ehemalige Shooting-Star des NS-Rap, »Makss Damage«, um den es ebenfalls sehr ruhig im letzten Jahr geworden war, im Dezember 2020 ein neues Album veröffentlichen wollte, wird für die Bedeutung des Rechts- und Nazi-Rap keine Relevanz haben.

Operation »Dark-Wave«: Nachhaltiges Scheitern
»Ein kleiner Einstieg in mein Lieblings-Musikgenre«, so warb Martin Sellner, der Kopf der »Identitären Bewegung« in einem Mitte 2017 online gestellten Video auf YouTube für den Neofolk. Tatsächlich sind in diesem Bereich seit mehr als 25 Jahren Bands und Musiker*innen aktiv, welche durch kulturpessimistische, elitistische und am Faschismus orientierte Inhalte und Ästhetik auffallen. Verwiesen sei hier nur auf »Death in June«, »Changes« und »Fire + Ice« auf internationaler Ebene und »Orplid« als deutsche Band. Beleben konnte der Aufruf von Sellner die Szenerie aber nicht. In diesem Bereich sind seit Jahrzehnten die gleichen Akteur*innen präsent. Als aktuell einzig halbwegs wichtige Band sei hier »Orplid« um Uwe Nolte genannt. Nolte bildet zusammen mit dem Liedermacher Rudolf Seitner aka »Sonnenkind« und Baal Müller den »Orphischen Kreis«. Dieser kann als der aktuelle Kern des extrem rechten Dark Wave beziehungweise Neofolk bezeichnet werden. Neuzugänge wie der Liedermacher Lupus Viridis aka »Vrimuot«, welcher zu den an Jack Donovan orientierten »Wölfen Nordland« gehört, bilden Ausnahmen. An den regelmäßigen und hoch ideologisierten Veranstaltungen nehmen kaum mehr als 50 Personen teil. Das entspricht einer kleinen »Elite«. Hier und da mögen einige Anhänger*innen aus dem Bereich des Dark Wave über den Neofolk Zugang zur rechten Ideologie finden, neue Bands und attraktive Events aus dem extrem rechten Bereich des Neofolk gab es in den letzten Jahren jedoch kaum, die Szene ist übersichtlich. Die Aufmerksamkeit, welche ihr durch die »Identitäre Bewegung« zugekommen ist, sollte nicht zu einer Überbewertung führen.

»Identitäre« – Jugendkultur vom Reißbrett
Als zentraler Akteur von, zumeist als neu-rechts betitelten, jugendkulturellen Interventionen trat in den zurückliegenden Jahren die »Identitäre Bewegung« auf. Wer die Verlautbarungen bekannter Protagonisten der IB analysiert, stellt fest, dass diese gezielt in den Genres Punk, Elektro und Neofolk nach Anknüpfungspunkten einer jugendkulturellen Praxis von rechts suchten – wie eben am Beispiel von Sellner für den Bereich des Neofolk gezeigt. Allerdings sind die jugendkulturellen Scouts der IB in diesen musikalischen Genres und den sie umgebenden Szenen nicht verankert, was dazu führte, dass deren Andockversuche kaum Wirkung entfalteten. Die führenden Kader der IB wurden in völkischen oder neonazistischen Organisationen sozialisiert. Ihr kultureller Horizont umfasst im Wesentlichen das Spektrum von Liedermachern bis zum klassischen RechtsRock. Alle anderen Versuche der kulturellen Aneignung durch die IB sind eine strategische Indienstnahme dieser Kulturen, die sich bisher als wenig erfolgreich erwies.

RechtsPop?
Trends in der Popkultur sind immer Spiegel gesellschaftlicher Themen und Diskursverläufe. Die inhaltliche Ausrichtung und der kommerzielle Erfolg von Bandprojekten wie »Frei.Wild« und dem selbsternannten »Volksrock‘n‘Roller« Andreas Gabalier zeigt, dass es in der Musik ebenso wie auf anderen Feldern der Kultur einen Markt für Angebote gibt, die das Bedürfnis eines Publikums nach Rückbesinnung auf traditionelle und nationale Werte in einer Zeit kultureller Pluralisierung und gleichzeitig zunehmender Statusunsicherheit zu bedienen vermögen. Themen wie Heimat, nationale oder regionale Traditionen und die gesellschaftliche Rangordnung hergebrachter Geschlechterbilder beziehungsweise deren Verlust bilden wichtige Themen in den Songs der genannten Bands. Nationalismus, ein Denken in Eigen- und Fremdgruppe, ethnische Gruppenbildung und die Abwertung von Frauen sind in deren Liedern nahezu omnipräsent. Allein die Inszenierung Gabaliers auf Konzerten und in Videos in Tracht und mit ständiger Präsenz der weiß-roten Nationalfarben ­Österreichs verweist hierauf. Wenn Gabalier singt »Warum muss denn a Dirndl heut sein wie a Mann. Völlig verbissen, schon fast verkrampft emanzipiert. So dass man die ganze Freud am Knuspern verliert«, so ist das sexistisch. Aber ist das, wie so oft behauptet, rechtspopulistisch? Oder, was es nicht besser macht, konservativ? Ebenso wie der Bezug auf die Nation. »Frei.Wild« singt: »Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat« und grenzt so Andersgläubige und Migrant*innen aus. Aber sind »Frei.Wild« und ebenso Gabalier Erscheinungsformen eines neuen Typus rechter Popkultur? Oder tragen sie nicht mehr oder weniger eine modernisierte Variante des Heimatliedes vor, mit all seinen antidemokratischen, antiegalitären und antiliberalen Implikationen? Agieren beide ideologisch an der Grenze zwischen konservativer Werteorientierung und extrem rechten Aussagen? So eindeutig antiemanzipatorische rechte Bedürfnisse angesprochen werden, so uneindeutig werden diese ausgesprochen, um sie höchst werbewirksam als »kontrovers« zu diskutieren. Ihre gesellschaftliche Reichweite ist enorm.

Mainstream und Neonazismus
Es ist festzustellen, dass der RechtsRock den Bereich extrem rechter Musik weiterhin dominiert. Trotz deutlicher Rechtsentwicklung der Gesamtgesellschaft konnte die organisierte extreme Rechte im Musikbereich kaum profitieren. Weder gelang die Etablierung eines kulturellen Pendants zur »Alternative für Deutschland«, noch ein relevanter Einbruch in das gerade bei Jugendlichen populäre Genre des Rap. In den Genres Neofolk und Black Metal haben sich extrem rechte bis neonazistische Subszenen gebildet, welche stabil, aber wenig dynamisch sind. Das könnte daran liegen, dass vermehrt andere kulturelle Äußerungsformen genutzt werden – zum Beispiel was die Form wie Bild oder Video betrifft, vor allem aber die Nutzung so­zialer Plattformen im Netz. Hochproblematisch sind antiemanzipative und nationalistische Positionen, die über im Pop-Mainstream vertretene Bands wie »Frei.Wild« oder Andreas Gabalier verbreitet werden. Von hier aus könnte eine breit wirkende Hymne kommen, welche den rassistisch-autoritären Vorstellungen angesichts der gegenwärtigen Krisenerscheinungen eine Stimme gibt und diese popularisiert.




Quelle: Der-rechte-rand.de