Oktober 26, 2020
Von Revolt Magazine
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Soziale Proteste und Erhebungen der (Berliner) Arbeiter*innen haben Tradition. Kein Wunder, da sie es sind, die mit niedrigen Löhnen abgespeist, in zu teuren und widrigen Mietskasernen hausend und weitgehend vom Reichtum der von ihnen geleisteten Warenproduktion ausgeschlossen wurden und noch immer werden. Historisch wichtige Orte der Arbeiter*innenbewegung in Berlin waren Kieze in Neukölln, Kreuzberg und auch Wedding. Dort kamen die WidersprĂŒche der kapitalistischen Industrialisierung und Ausbeutung wie unter einem Brennglas zusammen: mieseste Arbeitsbedingungen, Massenarmut, patriarchale UnterdrĂŒckung und Wohnungsnot.

Im Fall der Weddinger Fleischrevolte im Oktober 1912 waren es die steigenden Lebensmittelpreise, die Arbeiter*innen zur Revolte zwangen. WĂ€hrend sie, darunter unzĂ€hlige Kinder und Jugendliche, in den Fabriken und GeschĂ€ften fĂŒr Hungerlöhne tĂ€glich zwölf bis vierzehn Stunden schuften mussten, strichen sich die Kapitalist*innen fast den gesamten Mehrwert der Dienstleistungen und gefertigten Waren ein. FĂŒr die Arbeiter*innen blieb am Ende des Monats kaum etwas in der LohntĂŒte ĂŒbrig. Viele mussten trotz Arbeit hungern. Diese besondere Lohnsklaverei hat sich bis heute erhalten. Heute werden diese besonders ausgebeuteten Arbeiter*innen als „the working poor” (die arbeitenden Armen) bezeichnet.

Warum diese Forschung zur lokaler Arbeiter*innengeschichte? Als Klasse der Arbeiter*innen mĂŒssen wir uns der eigenen Geschichte bewusst werden, um sie in Erinnerung zu behalten und um aus ihr zu lernen. Dabei dĂŒrfen wir unsere Geschichte nicht jenen (politischen) Gegner*innen ĂŒberlassen, die die Momente von politischen und materiellen Erfolgen der Arbeiter*innenkĂ€mpfe antikommunistisch, als „extremistisch” oder „totalitaristisch” verunglimpfen. Es liegt an uns, linke Geschichte, ihre Erfolge, WidersprĂŒche und Niederlagen aufzuarbeiten und daraus Erkenntnisse zu ziehen, wie es besser gemacht werden muss. Kein Hannah-Ahrendt-Institut, kein antikommunistischer Opferverband, keine CDU-Politikerin wird dazu jemals auf unserer Seite stehen. „Geschichte wird gemacht” heißt fĂŒr uns, sich den ErzĂ€hlungen vom „Ende der Geschichte” zu widersetzen. Diese wurde nach dem Ende der Sowjetunion von rechts lanciert, um Arbeiter*innenkĂ€mpfe, sozialistische Politik ad acta legen zu können. Dieser Text ist ein Beitrag dazu, sich bewusst zu werden, dass wir unsere Geschichte als Klasse stets verteidigen mĂŒssen. So wie die Arbeiter*innen bei der Fleischrevolte, können und mĂŒssen wir den Lauf der eigenen Geschichte und der eigenen Geschicke selbst in die Hand nehmen.

Wir schauen uns nun die materiellen Ursachen der Revolte an, um sie politisch einordnen und besser verstehen zu können. Dies ist dringend notwendig, da die einzige wissenschaftliche Arbeit zu diesem historischen Ereignis ohne materialistische Analyse und vom einem spĂ€teren Professor des rechten, antikommunistischen Hannah-Arendt-Instituts, Thomas Lindenberger, geschrieben wurde. Anschließend folgt die Darstellung des Verlaufes der Revolte. Wir werden sehen, dass die vielfĂ€ltigen Ursachen dieses Aufstands bis heute bestehen. Diese Parallelen werden sich angesichts der aktuellen ökonomischen Krise des Kapitalismus in Pandemie-Zeiten fĂŒr viele LohnabhĂ€ngige weiter zuspitzen.

Der Staat als Gesamtkapitalist

Der wilhelminische Staat erkannte Mitte des Jahres 1912 das Konfliktpotential zwischen den Klassen und versuchte die mangelhafte Versorgung mit Lebensmitteln durch AnkĂ€ufe von Fleisch aus dem Ausland ein wenig abzumildern. Denn eine soziale Revolte, die duch hungernde Arbeiter*innen ausgelöst werden könnte, wĂ€re fĂŒr Staat und Kapitalseite, bĂŒrgerliche Parlamentarier*innen sowie die Fabrik- und Maschinenbesitzenden, gefĂ€hrlich geworden. Der Staat musste – und muss auch heute noch – mit harter (Repression gegenĂŒber der Arbeiter*innenbewegung) und ausgestreckter Hand (FĂŒrsorgeleistungen) agieren, um die ausbeuterischen VerhĂ€ltnisse fĂŒr das Kapital und die Macht des bĂŒrgerlichen Staates zu schĂŒtzen. Er schafft damit auch die Illusion, vermeintlich im Interesse aller BĂŒrger*innen handeln zu wollen. In der RealitĂ€t bedeutet das, dass ausschließlich das Interesse der Reichen und ihre Produktionsbedingungen geschĂŒtzt werden. Der Staat fungiert damit als „ideeller Gesamtkapitalist” (Friedrich Engels).

Der staatliche Ankauf von Fleisch aus Russland und die Subventionierung des Verkaufspreises, rief einen Boykott der Berliner Fleischer und HĂ€ndler hervor, „russisches Fleisch” zum vom Staat ausgerufenen Selbstkostenpreis auszugeben. Neben nationalistischen Motiven waren es wohl vor allem die zu erwartenden sinkenden Profite, die die Fleischer in den Berliner Markthallen zum Boykott trieb. Durch das auf dem Markt kommende russische Fleisch wĂ€re die damalige Preispolitik von Metzgern und HĂ€ndlern in Frage gestellt worden. Angesichts der Verknappung von Fleisch als Nahrungsmittel und der Profitspekulation durch ĂŒberhöhte Preise, wĂ€ren ihre satten Gewinne gefĂ€hrdet. Den hungrigen Arbeiter*innen hingegen drohte, ihre Fleischversorgung abhanden zu kommen. Angesichts der schlechten Lebens- und Wohnbedingungen, war dieser Boykott der Tropfen, der das bereits randvolle Fass der Arbeiter*innen zum Überlaufen brachte. Der Staat war in einer ZwickmĂŒhle: Arbeiter*innen und HĂ€ndler/ Metzger kamen in einen Konflikt, der zu eskalieren drohte. Der Senat entsandte daraufhin zahlreiche PolizeikrĂ€fte zu den Markthallen, um die Gefahr der Eskalation frĂŒhestmöglich mit Repression begegnen zu können und eine Ausweitung der Hungerrevolte zum Wohle der ausbeuterischen VerhĂ€ltnisse verhindern zu können. Ganz im Sinne der „öffentlichen Ordnung”.

Wohnen musste Dir leisten können

Viele Menschen aus lĂ€ndlichen Regionen verloren aufgrund der Industrialisierung ihre Einkommensmöglichkeiten (bspw. im Handwerk) und waren gezwungen, sich in den Fabriken der großen StĂ€dte fĂŒr miese Löhne zu verdingen. Die Berliner Bevölkerung hatte sich innerhalb von 60 Jahren auf 2 Millionen Menschen verfĂŒnffacht. Trotz des großen Bedarfs und zu erwartender Mietsteigerung durch verknappten Wohnraum, wurden neue Wohnungen viel zu wenig gebaut. Die EigentĂŒmer*innen der Wohnungen konnten somit krĂ€ftig an ĂŒberhöhten Mieten verdienen. Die Folge waren hohe Mieten in völlig ĂŒberbelegten Wohnungen. Die Wohnungen, die gebaut wurden, hatten meist die Form von Mietskasernen und somit entwickelte sich Berlin in dieser Zeit zur grĂ¶ĂŸten Mietskasernenstadt der Welt. Um sich die Miete leisten zu können, mussten sich mehrere Familien kleine Behausungen teilen und meist auch Schlafburschen bei sich aufnehmen. Fast 10 Prozent der Berliner*innen hatten keinen Schlafplatz und zahlten, wenn sie konnten, fĂŒr ein paar Stunden ein Bett. Wohnungs- und Obdachlosigkeit waren, Ă€hnlich wie heute, ĂŒberall sichtbar.

Die Überbelegung fĂŒhrte nicht nur zu beengten VerhĂ€ltnissen, sondern auch zu unzureichender Hygiene und niedrigen Lebenserwartungen. Dazu zĂ€hlten auch die stetigen Preisteuerungen fĂŒr Lebensmittel, die neben der Miete den grĂ¶ĂŸten Teil der Löhne auffraßen. Unter den Bedingungen einer sich abzuzeichnenden unsicheren Versorgungslage mit Fleisch „als das bedeutendste Lebensmittel fĂŒr die Arbeiter*innenklasse” kochte die berechtigte Wut der Arbeiter*innen vollends ĂŒber. Die Weddinger Fleischrevolte kann somit als Hungerrevolte verstanden werden, die – wie wir gleich verstehen werden – vor allem von Frauen* angefĂŒhrt wurde.
Neben der produktiven und harten Fabrikarbeit waren sie es, die sich aufgrund von patriarchalem Zwang mit der reproduktiven Arbeit (Haushalt, Lebensmittelversorgung, Erziehung u.v.m.) konfrontiert sahen. Sie wurden somit sprichwörtlich doppelt ausgebeutet: in der Lohnarbeit und zu Hause.

Der Platz von Frauen* ist in der Revolution

Der immensen Doppelbelastung durch produktive und reproduktive Arbeit ausgesetzt, trafen Frauen* die steigenden Lebensmittelpreise sowie der Boykott des „russischen Fleisches” durch Berliner Metzger und HĂ€ndler besonders. Die adĂ€quate Nahrungsmittelversorgung der Familie bzw. der Lebenspartner wurde massiv erschwert. Der Hunger war allgegenwĂ€rtig. Zu den schwierigen Lebensbedingungen kam zudem eine weitverbreitete Rechtslosigkeit von Frauen* in der Gesellschaft, die sich auch in starkem Maße in hĂ€uslicher Gewalt, sexueller Entrechtung sowie in der Verhinderung von Bildung fĂŒr MĂ€dchen* und Frauen* ausdrĂŒckte. Wie heute – sogar noch stĂ€rker – wurde die Lohnarbeit von Frauen* weitaus geringer bezahlt. Gegen diese allumfassende gesellschaftliche Gewalt und fĂŒr die Befreiung aus dieser elendigen Situation musste sie sich gemeinsam organisieren.

Im Gegensatz zu vielen Arbeitern, waren Arbeiterinnen* jedoch hĂ€ufig nicht organisiert, weder gewerkschaftlich noch parteipolitisch. Die Schaffung des Bewusstseins als Klasse und als unterdrĂŒcktes vergeschlechtlichtes Subjekt musste folglich noch stĂ€rker in Angriff genommen werden. Die Fleischrevolte ist, wie wir gleich anhand der Beschreibungen nachvollziehen werden, ein Moment, in dem sich Frauen* kollektiv und öffentlich politisch Ă€ußern, sich der Wut und Ungerechtigkeit ihrer sozialen Lage Luft verschaffen. Aufgrund der LebensumstĂ€nde ließen sich viele Arbeiter*innen nicht von kurzfristigen Maßnahmen des Staates zur BesĂ€nftigung der sich anbahnenden Lebensmittelkrise tĂ€uschen.
Die RevolutionĂ€rin Clara Zetkin drĂŒckte zuvor in theoretischen Überlegungen das VerhĂ€ltnis von Kampf um Emanzipation und Staat so aus:

„Wir wissen ganz gut, dass der moderne Nationalstaat der Boden ist, auf dem das Proletariat seinen Klassenkampf fĂŒhren muss. Wir vergessen aber auch nicht, dass der gegenwĂ€rtige Nationalstaat der kapitalistische Klassenstaat ist, der seine Vorteile und Segnungen in erster Linie den ausbeutenden, herrschenden Klassen vorbehĂ€lt.”
(BĂŒrgerlicher und proletarischer Patriotismus)

Je nach politischer Gemengelage waren es Frauen*, auf deren RĂŒcken die Verhinderung sozialer Proteste und ihre Delegitimierung ausgetragen wurden. Im Zuge der „Weddinger Fleischrevolte” war es vor allem eine frauen*feindliche Berichterstattung der Medien. Sie suchte die ErklĂ€rung der Revolte nicht in der von Staat und Kapitalisten verordneten Armut der arbeitenden Massen und ihre materielle Situation, sondern in angeblicher „Hysterie” der Proletarier*innen gegenĂŒber den Metzgern und Polizisten. Ein klassisches, rechtes und patriarchales Manöver, um die UnterdrĂŒckung von Arbeiterinnen* zu nutzen, um wirkliche soziale VerĂ€nderungen zu verhindern.

Wir haben Hunger, Hunger, Hunger! Der Verlauf der Fleischrevolte

Die folgend angefĂŒhrten Textelemente sind aus dem im Literaturverzeichnis erwĂ€hnten Aufsatz von Thomas Lindenberger teilweise gekĂŒrzt und zusammengestellt worden. Separate, im Aufsatz befindliche Quellen sind in den in eckigen KĂ€stchen nummerierten Fußnoten angegeben und neu nummeriert worden.

Mittwoch, den 23. Oktober 1912: 1. TAG

Die Tageszeitungen charakterisierten die VorgĂ€nge in bzw. vor der Markthalle in der Reinickendorfer Straße im Stadtteil Wedding als „Revolte der Frauen” oder „Fleischrevolte”. Gegen fĂŒnf Uhr morgens hatten sich an den EingĂ€ngen mehrere tausend Frauen versammelt und warteten auf den Beginn des Verkaufs. „Als die Halle geöffnet wurde, rissen die Frauen die an den EingĂ€ngen stationierten beiden Polizeibeamten auf die Seite und stĂŒrmten in die Halle.“ [1] Auch hier verweigerten die SchlĂ€chter unter Hinweis auf seine angebliche Minderwertigkeit den Verkauf des russischen Fleischs. „Unter furchtbarem Geschrei und Wutgeheul” rĂŒckten die Frauen ihnen daraufhin „zu Leibe”: Sie riefen „Wir wollen Fleisch haben”, „Ihr Hunde wollt nichts verkaufen! Wir wollen nicht mehr hungern! Diebe, Blutsauger”, „drangen in die VerkaufsstĂ€nde, drĂ€ngten die Fleischer und ihre Gehilfen unter SchlĂ€gen und StĂ¶ĂŸen aus den LĂ€den auf den Gang hinaus und bemĂ€chtigten sich aller Fleisch-und Wurstwaren, die sie nur irgend erreichen konnten.” [ebd.] Die Beute wurde nicht nur in großen StĂŒcken herausgeschnitten und in die Taschen gesteckt, sondern zum Teil auch zu Boden geworfen und zertrampelt. Ein SchlĂ€chter musste aus mehreren Wunden blutend von seinen Kollegen aus der Mitte der PlĂŒnderinnen befreit werden. „Als einige SchlĂ€chter ihre LĂ€den schließen wollten, stĂŒrmte ein Haufen Frauen zu den GemĂŒsehĂ€ndlern, raffte dort zusammen, was es an Obst, RĂŒben und Kohlköpfen vorfand und begann ein wĂŒtendes Bombardement auf die SchlĂ€chter, die ihr Hab und Gut zu retten suchten.” [ebd.]

Der VorwĂ€rts betonte in seinem Bericht besonders das provokatorische Verhalten der Fleischer. Einer rief: „Bringt Euch Sch …. nach Hause statt Fleisch, dann habt ihr was zu fressen”, wĂ€hrend ein anderer eine Wurst nach den Frauen warf. Der bereits erwĂ€hnte, von Frauen verprĂŒgelte SchlĂ€chter habe diese mit einem RĂ€ucherstock bedroht. [2] Schließlich gelang es der mittlerweile erschienenen Polizei die Halle zu rĂ€umen: „Die Beamten wurden von den Frauen tĂ€tlich angegriffen, ins Gesicht geschlagen, mit WĂŒrsten, FleischstĂŒcken und anderen Lebensmitteln bombardiert [… ]. Die Weiber, die wilde Drohungen ausstießen, flohen schließlich mit der Drohung: ‘Nachmittags kommen wir mit unseren MĂ€nnern wieder!’ aus der Halle. Auf der Straße sammelten sich die rasenden Weiber an und begannen durch Pfeifen und Johlen die Beamten zu verhöhnen. Diese schlossen schließlich die eisernen Gittertore und versuchten durch gĂŒtliches Zureden die Demonstrierenden zum Weitergehen zu veranlassen.” [ebd.]

Anschließend richteten die Frauen ihre Aktionen gegen drei FleischerlĂ€den in den umliegenden Straßen. „Was auf den Ladentischen lag, wurde gestohlen, und als die SchlĂ€chter sich zur Wehr setzen wollten, wurden sie mit Pferdekot beworfen.” [ebd.] Die Anzahl der in der NĂ€he postierten SchutzmĂ€nner war zu schwach, um wirksam einzugreifen. „Die Frauen wurden gegen 10 Uhr durch einige Rotten von ZuhĂ€ltern und jungen Burschen unterstĂŒtzt. Die Beamten wurden wiederholt mit Pferdedung beworfen, und die Beamten konnten nur durch ihre große ZurĂŒckhaltung und Ruhe Schlimmeres verhĂŒten.” [ebd.] Am Nachmittag sicherte die Schutzmannschaft die Markthalle durch mehrere Doppelposten und richtete in ihren VerwaltungsrĂ€umen eine „fliegende Polizeiwache” ein. Nur fĂŒr kurze Zeit, um fĂŒnf Uhr herum, wurde die Halle geöffnet. Die vierzehn Fleischer dieser Markthalle beharrten nach wie vor auf ihrer Weigerung, russisches Fleisch zu verkaufen, und schlossen dies auch fĂŒr die kommenden Tage aus. [3] Von den 128 Fleischermeistern, die sich gegenĂŒber dem Magistrat zum Verkauf russischen Fleischs bereit erklĂ€rt hatten, hatten nur 22 die Zusage eingehalten, wĂ€hrend es sich der Rest wohl in erster Linie wegen des zu knappen Verdienstes in letzter Minute anders ĂŒberlegt hatte. Von der Fleischer-Innung wurde betont, dass es keinen Boykottbeschluss gĂ€be. „Die bedauerlichen, nicht zu billigenden Szenen im Norden Berlins sind unzweifelhaft auf dieses Verhalten der SchlĂ€chtermeister zurĂŒckzufĂŒhren”, kommentierte die Vossische Zeitung, eine Bewertung, die quer durch alle politischen Richtungen der veröffentlichten Meinung geteilt wurde. [4] Wegen der Beschimpfungen erwog der Magistrat, einigen Fleischern eventuell die VerkaufsstĂ€nde zu entziehen. [5] Im Laufe des Nachmittags fanden sich dann andere VerkĂ€ufer fĂŒr das russische Fleisch. Von minderwertiger QualitĂ€t des importierten Fleisches konnte nach Meinung der Konsumenten wie von Experten keine Rede sein. Der Verkauf im weiteren Verlauf des Tages verlief denn auch ohne Störungen. [6]

Donnerstag, den 24. Oktober 1912: 2. TAG

Am nĂ€chsten Tag stand der Markthallenbetrieb in der ganzen Stadt unter außerordentlicher Polizeiaufsicht. […] In der Weddinger Markthalle wurde als einziger immer noch kein russisches Fleisch angeboten. Wieder stĂŒrmten die Frauen die StĂ€nde, stahlen Waren und attackierten einzelne Fleischer. Gegen neun Uhr rĂ€umten 30 Schutzleute die Halle und ließen nur noch kleinere Gruppen ein, so dass allmĂ€hlich Ruhe einkehrte. Wie tags zuvor verlagerten sich die Aktionen jetzt auf die Umgebung der Markthalle, auch diesmal stießen junge MĂ€nner hinzu: „DafĂŒr ließen die zahlreichen Rowdies, die die Frauen aufzuhetzen suchten, ihre Wut an den in der NĂ€he wohnenden SchlĂ€chtern aus. Die SchlĂ€chterei von Max Röder wurde von den ZuhĂ€ltern und arbeitsscheuem Gesindel, das sich in der NĂ€he der Markthalle aufzuhalten pflegt, zu stĂŒrmen versucht. Zahlreiche Fleischwaren wurden entwendet. Vor dem Hause sammelten sich etwa 500 bis 600 Menschen, die den Boykott ĂŒber die Firma verhĂ€ngten und die KĂ€ufer verhinderten, dort ihren Bedarf zu decken. Einer Dame, die trotzdem einen Einkauf gemacht hatte, wurde beim Verlassen des Ladens die Tasche mit Fleischwaren gestohlen, der Hut vom Kopf gerissen und zerfetzt.” [ebd.] Trotz Polizeischutz musste die SchlĂ€chterei schließen. Ähnlich erging es einem weiteren Laden in der Reinickendorfer Straße. [7] Vor der Halle sammelten sich gegen 11 Uhr immer mehr Frauen und Jugendliche an. „Plötzlich erscholl wohl aus dem Munde irgendeines Burschen der Ruf: ‘Los zu Morgenstern, dort gibt es billiges Fleisch!” [8]

Damit wurde der Höhepunkt der Aktionen dieses Tages eingeleitet. „In kleinen ZĂŒgen begaben sich die Demonstranten, die unterwegs noch Zulauf bekamen [zur gleichen Zeit liefen bereits die o. e. Aktionen gegen die anderen FleischerlĂ€den -T.L.], nach der Schererstraße, wo sich in kurzer Zeit eine ungeheure Menschenmenge versammelte. Unter Johlen und Schreien drangen die Leute bis zum Morgensternschen GeschĂ€ft vor. In dem Laden befanden sich außer den Angestellten etwa dreißig bis vierzig KĂ€ufer und KĂ€uferinnen. Jetzt ertönten schrille Pfiffe und dann Rufe ‘KĂ€ufer raus!’ Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer Stiller ließ die Kundschaft, soweit sie nicht gleich auf die Straße floh, durch einen nach der Maxstraße fĂŒhrenden Ausgang hinaus; dann eilte er wieder in den Laden und verschloss die TĂŒr. Inzwischen hatte aber die Menge schon eine Attacke auf den Laden unternommen. Stiller zog nunmehr einen Revolver, stellte sich am Eingang auf und drohte die Eindringenden niederzuschießen. [9]
Die vorderen Demonstranten wichen zurĂŒck, wurden aber durch die hinteren wieder vorgedrĂ€ngt. Plötzlich zerbrach eine der Ladenscheiben. Ein Frauenzimmer hatte sie mit dem Fuß eingestoßen. Das war das Signal zum allgemeinen Angriff. In wenigen Sekunden waren die großen Spiegelscheiben zertrĂŒmmert, und wĂ€hrend ein Teil des Pöbels die hinter den Schaufenstern liegenden Waren raubt, machte sich ein anderer Teil daran, einen vor der TĂŒr haltenden Fleischwagen auszuplĂŒndern. Um die im Laden befindlichen Angestellten zu vertreiben, wurde ein neues Steinbombardement eröffnet. Dabei wurde der GeschĂ€ftsfĂŒhrer Stiller so schwer verletzt, dass er blutend gegen den Ladentisch taumelte. [ … ] Vier Gesellen trugen Verletzungen an HĂ€nden, Armen und Beinen davon. Vom 91. Revier rĂŒckten inzwischen Hauptmann Körnich, zwei Polizeileutnants und 30 Schutzleute heran. WĂ€hrend ein Teil der Demonstranten beim Nahen der Beamten die Flucht ergriff, nahm ein anderer Teil eine drohende Haltung ein, so dass die Polizisten blankziehen und die Menge auf diese Weise zurĂŒcktreiben mussten. In kurzer Zeit wurden noch weitere Schutzmannskommandos herangezogen und ĂŒber die ganze Gegend verteilt, um erneuten Angriffen vorzubeugen. WĂ€hrend gegen 1 Uhr mittags die Schutzleute vor und in der Markthalle am Wedding zurĂŒckgezogen werden konnten, musste der polizeiliche Belagerungszustand in den ĂŒbrigen Straßen noch bestehen bleiben, da fortgesetzt neue Trupps die Straßen durchzogen. [10]

Den ganzen restlichen Tag hindurch blieben diese Mobilisierung und Aktionsbereitschaft erhalten. Am frĂŒhen Nachmittag, noch wĂ€hrend der mittĂ€glichen Schließungszeit der Markthalle, wurden in der MĂŒller- und in der Kösliner Straße je ein FleischergeschĂ€ft angegriffen. Die Abendausgabe des Berliner Lokal-Anzeigers brachte vom Nachmittag folgenden Lagebericht: „In der bedrohten Gegend patrouillieren Schutzleute, und um 4 Uhr werden weitere VerstĂ€rkungen von den Außenrevieren herangezogen. Überall rotten sich schon wieder Demonstranten zusammen. Die Polizei hat MĂŒhe, sie weiterzutreiben. Man befĂŒrchtet, dass es in den Abendstunden zu neuen Exzessen kommen wird, jedoch ist ausreichend Vorsorge getroffen, dass jeder Versuch im Keim erstickt werden kann, da ĂŒberall zahlreiche Schutzleute stationiert sind. Die sĂ€mtlichen SchlĂ€chterlĂ€den am Wedding stehen unter polizeilichem Schutz. Überall sind Beamte eingelegt und vor den TĂŒren Doppelposten aufgestellt.” [11]

Die Öffnung der Markthalle um 17 Uhr bildete den Ausgangspunkt fĂŒr die letzten Aktionen der Weddinger Fleischrevolte. Es wurde nun endlich auch hier russisches Fleisch verkauft. Kurz vor Öffnung der Markthalle um 17 Uhr hatten sich vor dem Eingang in der Schönwalder Straße „2000 Personen […], unter denen sich etwa 500 KĂ€ufer befanden”, gesammelt. [ebd.] Die Polizei ließ die Kundinnen in SchĂŒben von 100 Personen auf der einen Seite der Halle eintreten, wĂ€hrend der zweite Eingang am Weddingplatz nur als Ausgang benutzt werden durfte. „Das unruhige Element unter dem Publikum verfolgte den Vorgang mit Pfeifen, Johlen und Schreien; wiederholt sah es sehr bedrohlich aus, so dass die Schutzleute das Publikum in die anderen Straßen abschieben mussten. Zu ZusammenstĂ¶ĂŸen kam es aber nicht, dank der besonnenen Haltung der Schutzmannschaft. Da der Mob sah, dass hier nichts fĂŒr ihn zu tun war, verzog er sich in die Nebenstraßen.” [ebd.] In der Schererstraße sicherte ein grĂ¶ĂŸeres Polizeiaufgebot die Fleischerei Morgenstern. Also wurden in der MĂŒllerstraße drei (darunter eine GĂ€nseschlĂ€chterei) und in der Pankstraße ein GeschĂ€ft gestĂŒrmt und geplĂŒndert. „Als um 8 Uhr die Markthalle wie die GeschĂ€fte geschlossen wurde, sah es ĂŒberall recht bedrohlich aus. Es waren aber inzwischen weitere VerstĂ€rkungen von Schutzleuten herangezogen worden, so dass die radaulustigen Elemente es vorzogen, sich in kleinen Trupps zu zerstreuen. Bis in die spĂ€ten Nachtstunden hinein hielt ein großes Polizeiaufgebot alle Straßen und PlĂ€tze des Wedding besetzt, um Ausschreitungen vorzubeugen.” [12] Von den anderen Markthallen wurden außer lebhaftem Verkehr und dem durch die Polizei geregelten Zugang keine besonderen Vorkommnisse berichtet. [13] Auch im weiteren Verlauf der Woche musste zwar immer wieder Polizei zur Aufrechterhaltung der Ordnung eingesetzt werden, so zum Beispiel in der Andreasstraße; zu „Ausschreitungen” kam es jedoch nicht mehr. „Ein spekulativer HĂ€ndler verkaufte Ansichtspostkarten, auf denen ‘Der Fleischkrieg und der Sturm auf die Markthalle’ in ungemein drastischer Weise dargestellt waren.” [14] In den Wochen danach wurde der stĂ€dtische Fleischverkauf zur Routine. [15]

Erinnern heißt KĂ€mpfen

GemĂ€ĂŸ dieser Losung machen wir uns die lokale Geschichte anhand der „Weddinger Fleischrevolte” wieder bewusst. Sie ist Inspiration und Kraftgeberin fĂŒr aktuelle soziale KĂ€mpfe, die wir als LohnabhĂ€ngige fĂŒhren. Die kapitalistische Krise produziert am laufenden Band WidersprĂŒche: Armut, Wohnungs- und Obdachlosigkeit, Femizide/ hĂ€usliche Gewalt, Ausbeutung in der Lohnarbeit und UnterdrĂŒckung im Alltag. Die kapitalistische Gesellschaft hat sich seit den vergangenen 108 Jahren rasant verĂ€ndert. Stets geblieben ist ihr grundsĂ€tzlich ausbeutender, kriegerischer und unterdrĂŒckender Charakter. Diese sich stetig verĂ€ndernden Ausformungen des Kapitalismus und seiner Auswirkungen auf Menschen und die Natur mĂŒssen wir verstehen lernen. Am Beispiel der Revolte zeigt sich allerdings auch eine Leerstelle. Aufgrund der spontanen Erhebung, fehlte es an einer kollektiven und handlungsfĂ€higen, revolutionĂ€ren, kommunistischen Organisation, die in der Lage gewesen wĂ€re, diesen spontanen Aufstand zu verstetigen. Auch die Sozialdemokratie (SPD) war nicht in der Lage und willens, die Revolte politisch zu verteidigen. Sie distanzierte sich praktisch von den Arbeiter*innen und schlug sich auf die Seite der ErzĂ€hlung der Herrschenden und fabulierte von angeblichen Provokateuren, dem „Gesindel” und „Mob”, der die Frauen* angestachelt hĂ€tte. (Vgl. Lindenberger, S. 299) Frauen* als eigenstĂ€ndige politische Subjekte kommen in dieser ErzĂ€hlweise nicht vor. Da die Fleischrevolte nur eine kurze, spontane soziale Eruption ohne lĂ€ngerfristige politische Auswirkungen war, kann jenseits der PlĂŒnderungen nicht davon ausgegangen werden, dass sich nach der Revolte die Versorgungslage fĂŒr die Arbeiter*innen bedeutend besserte. Jedoch stehen jedoch auch diese historischen Momente fĂŒr die Weiterentwicklung kollektiven Klassenbewusstseins.

Auf die bĂŒrgerlichen Parteien und ihre staatliche Krisenlösung konnten sich die proletarischen LohnabhĂ€ngigen also nie verlassen. Die kapitalistische Gesellschaft hat sich in den vergangenen mehr als einhundert Jahren verĂ€ndert. WĂ€hrend damals KlassengegensĂ€tze klar erkennbar das Leben bestimmten, verschleiert der Neoliberalismus heutige Ausbeutungs- sowie UnterdrĂŒckungsverhĂ€ltnisse. Er rechtfertigt soziale Ungerechtigkeit mit der LĂŒge „Jeder ist seines GlĂŒckes Schmied”, erkennt keine Klassen an und verhindert kollektiven Widerstand durch verschĂ€rfte Entfremdung, Vereinzelung und Entsolidarisierung unter den Arbeiter*innen. Dem gilt es entgegenzutreten. Diese Klassengesellschaft gilt es weiterhin zu ĂŒberwinden. Die politischen Einordnungen und das materielle VerstĂ€ndnis der Ursachen der nachfolgend dargestellten Revolte helfen uns dabei. Geschichte wird gemacht, packen wir es an!


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Literaturhinweis:

Lindenberger, Thomas (1994): Die Fleischrevolte am Wedding. Lebensmittelversorgung und Politik in Berlin am Vorabend des Ersten Weltkriegs, in: Der Kamf um das tĂ€gliche Brot, S. 282 – 304.

daraus bezogene Fußnoten:

[1] Vossische Zeitung v. 23.10.1912, Nr. 542.
[2] VorwÀrts v. 24.10.1912, Nr. 249, 2. Beil.
[3] Berliner Tageblatt v. 24.10.1912, Nr. 543, 1. Beibl.
[4] Die einzige Ausnahme stellte laut VorwĂ€rts v. 25.10.1912, Nr. 250 die großagrarierfreundliche Deutsche Tageszeitung dar.
[5] Vossische Zeitung v. 23.10.1912, Nr. 542.
[6] Vossische Zeitung v. 24.10.1912, Nr. 543, 1. Beil.
[7] Vossische Zeitung v. 24.10.1912, Nr. 544.
[8] VorwÀrts v. 25.10.1912, Nr. 250.
[9] “mit dem er, wie er vor Gericht bekundete, jeden niedergeschossen hĂ€tte, der in den Laden selbst gekommen wĂ€re” (aus der Gerichtsreportage im VorwĂ€rts vom 19.12.1912, Nr. 296, 1. Beil.).
[10] Berliner Lokal-Anzeiger v. 24.12.1912, Nr. 544.
[11] Berliner Lokal-Anzeiger v. 24.10.1912, Nr. 544.
[12] Berliner Lokal-Anzeiger v. 25.10.1912, Nr. 545; Berliner Tageblatt v. 25. 10. 1912, Nr. 545, 1. Beibl.
[13] Vossische Zeitung v. 24.10.1912, Nr. 544.
[14] Vossische Zeitung v. 27.10.1912, Nr. 549, 1. Beil.
[15] Vgl. Vossische Zeitung v. 28.10.192, Nr. 511, v. 5.11.1912, Nr. 566.” (Lindenberger 1994: 285-290)




Quelle: Revoltmag.org