August 21, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Eine anonyme Einsendung an North Shore Counter-Info


Quebec fĂŒhrt in den kommenden Tagen ein System von ImpfpĂ€ssen ein, Ontario wird wahrscheinlich folgen. Der Pass ist ein Dokument, das deine IdentitĂ€t und deinen Impfstatus bestĂ€tigt und das man vorzeigen muss, um Zugang zu vielen RĂ€umen zu bekommen. Hier vergeht kein Tag ohne eine Flut von offenen Briefen und Social Media Posts, in denen gefordert wird, dass man den Pass vorzeigen muss, um sich in der Stadt bewegen zu können, dass jede_r Arbeiter_in eine Polizeifunktion erhĂ€lt.

Ich habe mich komplett impfen lassen, sobald es fĂŒr mich möglich war, und alle mir nahestehenden Menschen auch. Ich denke jedoch, dass der Impfpass verachtenswert ist und dass diejenigen, die ihn befĂŒrworten, einen schweren Fehler begehen.

Die Entscheidung meiner Crew, sich impfen zu lassen, war nur ein Produkt der andauernden Diskussionen darĂŒber, wie man wĂ€hrend der Pandemie mit der kollektiven Gesundheit umgeht. Wir befolgten nicht die Lockdowns oder die Regeln ĂŒber Versammlungen — wir legten unsere eigenen Richtlinien fest, basierend auf unseren eigenen ethischen, politischen und praktischen Überlegungen. Wir stellten eine andere Frage. Manchmal fĂŒhrte das dazu, dass wir vorsichtiger waren, als es das Gesetz erlaubte, manchmal fĂŒhrte es dazu, dass wir die Regeln brachen. Wir waren damit bei weitem nicht allein, und ich weiß, dass mein Kreis von den Diskussionen der anderen profitiert hat.

Die Pandemie ist zu unseren Lebzeiten einzigartig, aber ihre ethischen Herausforderungen sind es nicht: Die Kontrolle des Verhaltens anderer ist ein ziemlich zentrales Element demokratischer Politik. Die Regierung betrachtet uns als eine Masse von Menschen, die auf verschiedene Ziele hin gemanagt werden mĂŒssen, vor allem auf Profit und sozialen Frieden. Sie betrachten die Welt von oben, durch eine Linse der Herrschaft und Kontrolle — das gilt fĂŒr die Pandemie genauso wie fĂŒr den Klimawandel und die Armut. Unterschiedliche Politiker_innen und Parteien werden unterschiedliche PrioritĂ€ten haben und unsere HandlungsfĂ€higkeit reduziert sich darauf, dafĂŒr einzutreten, wie wir verwaltet werden wollen — oder wie wir wollen, dass diese anderen Menschen verwaltet werden.

Wir verinnerlichen die Logik der Herrschaft und stellen die BedĂŒrfnisse der Ordnung und der Wirtschaft ĂŒber unsere eigenen. Wir fangen an, die Welt auch von oben zu betrachten, weit weg von unseren eigenen Erfahrungen, WĂŒnschen, Ideen, Werten und Beziehungen. „Der soziale Krieg ist dies: ein Kampf gegen die Strukturen der Macht, die uns kolonisieren und uns trainieren, die Welt aus der Perspektive der BedĂŒrfnisse der Macht selbst zu sehen, durch die metaphysische Linse der Herrschaft.“

Im Kontext der Pandemie bedeutet, die Welt von oben zu betrachten, die Situation durch korporative Medien (ob sozial oder traditionell) zu verstehen, durch farbkodierte Karten, durch die Ausweisung von heißen Zonen, durch politische Debatten, durch von Expert_innen aufgestellte Regeln (ich will ihr Wissen, nicht ihre AutoritĂ€t). Es bedeutet, ĂŒber unsere eigenen Entscheidungen in Bezug darauf nachzudenken, was alle tun sollten, selbst so zu handeln, wie wir denken, dass alle handeln sollten. Unsere eigenen PrioritĂ€ten verschwinden, und die HandlungsfĂ€higkeit anderer wird als Bedrohung wahrgenommen.

Als staatlich gelenkte Covid-Maßnahme ist der Impfpass wie die Ausgangssperren und die HausarrestverfĂŒgungen, die erweiterten Geldstrafen und die Zwangsbefugnisse, die dem Gesetz gegeben werden. Er ist eine Maßnahme der öffentlichen Ordnung. All diese EinschrĂ€nkungen sollen die Art von GesprĂ€chen verhindern, die Menschen in den letzten Monaten auf die Straße brachten, um Verteidigung von Camps zu betreiben, Statuen niederzureißen und die Opfer der Residential Schools zu ehren.

Ich möchte mich der Herrschaft entgegenstellen, aber auch ihren falschen Kritiker_innen. Einige Anarchist_innen haben gedacht, sie hĂ€tten eine Kritik an autoritĂ€ren Antworten auf die Pandemie entwickelt, aber sie schaffen es nur, reaktionĂ€r zu sein. Sie sehen die Welt immer noch von oben, wo das einzig denkbare kollektive Handeln das des Staates ist. Sie greifen auf den Diskurs der individuellen Rechte zurĂŒck, aber es gibt nichts Anarchistisches an einer Freiheit, die in mundgerechte StĂŒcke zerlegt und uns mit dem Löffel zurĂŒckgegeben wird. Ihre Analyse wird völlig prinzipienlos, wenn sie anfangen, die Rechte religiöser Konservativer zu verteidigen, ihre Gottesdienste weiterhin abzuhalten. Sie sind in der Anti-Masken-Bewegung involviert, bei der es nicht um individuelle ethische Entscheidungen geht, sondern um Covid-Leugnung. Sie landen im Bett mit denen, die jedes Gemeinwohl als Angriff auf ihr Privileg sehen.

FĂŒr mich bedeutet Freiheit auch Verantwortung. Es ist ein individuelles Gebot, eigene Entscheidungen zu treffen, aber auch sich selbst als eingebettet in ein Netz von Beziehungen zu verstehen. Es geht um freiwillige Assoziation, aber auch um das VerstĂ€ndnis, dass wir in ein Netz von Beziehungen mit allen Menschen (ganz zu schweigen von allen Lebewesen, dem Land und dem Wasser) eingebettet sind. Wir haben auch Verantwortung fĂŒr diese Netze. Wenn unsere Entscheidungen in der Pandemie von uns selbst ausgehen und sich nach außen aufbauen, zu den von uns gewĂ€hlten Menschen und weiter zu den Gesellschaften, in denen wir existieren, sehen wir die Welt nicht mehr von oben, sondern auf einer menschlichen Ebene.

Das nennt man Autonomie, und sie ist selbst eine Bedrohung fĂŒr die MĂ€chtigen. Es bedeutet, unser Leben auf einer radikal anderen Grundlage zu organisieren, die in Konflikt mit den Versuchen der MĂ€chtigen kommt, Ordnung und Gehorsam aufrechtzuerhalten.

Ein Impfpass-System ist ein Weg, die Autonomie zu unterdrĂŒcken. Es ist mir scheißegal, ob ich in ein Restaurant oder ein Konzert gehe, und meine Crew meidet weiterhin Menschenansammlungen in InnenrĂ€umen, auch wenn der Staat sagt, dass wir das nicht mĂŒssen. Lasst uns uns selbst organisieren, um der Repression zu entgehen und weiterhin nach unseren eigenen PrioritĂ€ten zu handeln. Wir sehen uns auf den Straßen.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de