Juni 23, 2022
Von Emrawi
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Eine weitere Perspektive aus unserer Gruppe. Diesmal wird aus marxistisch geprÀgter Sicht das VerhÀltnis von Kapitalismus und Gesundheit vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie betrachtet.

Bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie wurde der Gesundheitssektor durch immer weiter voranschreitende Privatisierung abgebaut und fĂŒr Profitinteressen umstrukturiert. Die Kommerzialisierung des Gesundheits-, Pflege- und Betreuungswesens bedeutete eine zunehmende Verschlechterung bei den Angeboten und der QualitĂ€t der Versorgung sowie der Arbeitsbedingungen fĂŒr das Personal [siehe dazu auch unsere Texte “Profite pflegen keine Menschen – eine Zuschrift​​​​​​​” (1) sowie “Die Soziale Frage und die neue Form von „SolidaritĂ€t“” (2) ].Beispielsweise wurden seit der Jahrtausendwende 300 HospitĂ€ler in Deutschland, das heißt 14% Prozent der KrankenhĂ€user, dichtgemacht.

Somit ĂŒberrascht es nicht, dass nach Ausbruch der Pandemie in den Kliniken weiterhin Intensivbetten, BeatmungsgerĂ€te, Pflegepersonal, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel fehlten. Es gab kaum zusĂ€tzliche KapazitĂ€ten, um eine große Anzahl schwerkranker Patient*innen zu versorgen (3).

Aktuell fehlen auf den Intensivstationen bis zu 50.000 PflegekrĂ€fte. Sowohl fĂŒr die stationĂ€re als auch fĂŒr die ambulante Versorgung mĂŒssten wesentlich mehr Ressourcen eingesetzt werden als momentan (4). Die einrichtungsbezogene Impfpflicht bedeutet eine zusĂ€tzliche VerschĂ€rfung der Lage. Bereits vor EinfĂŒhrung der Impfpflicht hatten sich 25.000 Menschen aus dem gesamten Gesundheits- und Sozialsektor arbeitssuchend gemeldet, davon 12.000 aus der Pflege (5).

Die von einigen – auch linken – Gruppen herbeigewĂŒnschte allgemeine Impfpflicht, welche den Pharmakonzernen zusĂ€tzlich mehrere Milliardenprofite einbringen wĂŒrde, trĂ€fe die Ärmsten in der Gesellschaft am hĂ€rtesten. WĂ€hrend sich die Reichen und Kapitalist*innen wie immer freikaufen könnten, wĂ€re es fĂŒr die Ärmsten in der Gesellschaft de facto nicht nur eine Impfpflicht, sondern ein Impfzwang! (6)

Patentfreie Impfstoffe hĂ€tten bereits 2020 zur VerfĂŒgung gestanden (7), doch dauerte es bis zum Sommer 2022, bis die WTO eine Aussetzung der Patente auf Vakzine gegen das Coronavirus beschloss (8). Viele Regierungen hatten in erster Linie das Ziel, die Aufrechterhaltung der Profite von Unternehmen zu sichern und nicht den bestmöglichen und sozial vertrĂ€glichen Schutz der Bevölkerung. Allein der mit Steuergeldern aufgebaute und mit mindestens 375 Millionen Euro an Subventionen finanzierte Konzern Biontech rechnet im Gesamtjahr 2022 mit Impfstoffeinnahmen von 13 bis 17 Milliarden Euro. 2021 hatte Biontech einen Umsatz von knapp 19 Milliarden Euro erzielt, der Profit lag netto bei knapp 10,3 Milliarden Euro (9).

Es ist höchste Zeit ALLE medizinischen Patente abzuschaffen und die Versorgung aller Menschen mit Arzneimitteln gesellschaftlich zu organisieren. DafĂŒr muss dieses kapitalistische System allerdings revolutionĂ€r ĂŒberwunden und ein Gesellschaftssystem erkĂ€mpft werden, in dem Medikamente keine Waren mehr sind, sondern tatsĂ€chlich fĂŒr die BedĂŒrfnisse der Menschheit entwickelt und produziert werden.

Die Coronapandemie als Rechtfertigung zur Autoritarisierung des kapitalistischen Systems

Wir erleben derzeit eine Weltwirtschaftskrise von ungekanntem Ausmaß. Die Wirtschaftskrise existierte schon vor Ausbruch der Pandemie, wurde durch sie aber schlagartig verschĂ€rft. Die Hauptlast tragen die Arbeiter*innenklasse und die einfache Bevölkerung. Seit langem werden Löhne, Renten und Sozialleistungen gekĂŒrzt. Im Gesundheitswesen, im Bereich der Bildung, Kultur und Sozialem finden aus GrĂŒnden der Profitmaximerung gravierende Einsparungen und systematischer Abbau statt. Die Pandemie gab neoliberalen Regierungen und Monopolen lediglich die beste Gelegenheit, um zuvor bereits geplante Rationalisierungsmaßnahmen zu verwirklichen und sie als ein Rechtfertigungsnarrativ fĂŒr die Vernichtung vonhunderttausendenArbeitsplĂ€tze zu instrumentalisieren (10).

DarĂŒber hinaus gab es Ausgangssperren, die Lohnarbeit allerdings explizit ausgenommen hatten. Derartige Maßnahmen kannte man bisher von besonders reaktionĂ€ren Regierungen, die damit gegen Massenproteste, AufstĂ€nde und Massenrebellion vorgingen.

Denn es ging den Herrschenden seit Beginn auch darum, die Überwachung und die Autoritarisierung des Systems voranzutreiben.Unter anderem haben sie Wissenschaftler*innen protegiert, welche bereit waren ihre Narrative mitzutragen. So entstand in der Öffentlichkeit bei vielen Menschen ein verzerrtes Bild, dass alle Wissenschaftler*innen sich ziemlich einig wĂ€ren, was Corona betrifft. Beispielsweise auf Guadeloupe und anderen Gebieten der Französischen Antillen schickte der französische Staat aufgrund von Protesten, WiderstĂ€nden und zivilem Ungehorsam gegen die Politik, Elitetruppen und Anti-Terror-Einheiten, die die Polizei bei der Wiederherstellung von “Ruhe und Ordnung” unterstĂŒtzen sollten (11).

Kapitalismus schadet unserer Gesundheit

Im kapitalistischen System gibt es viele negative EinflĂŒsse auf die Gesundheit des Menschen. Bei der BekĂ€mpfung der Corona-Pandemie wurden diese Faktoren von den Herrschenden so gut wie nicht berĂŒcksichtigt. Stattdessen herrschte ein unterkomplexes GesundheitsverstĂ€ndnis vor. Weitgehend ignoriert wurden unter anderem:

-  Umwelt:​​​​​​​

Unser gegenwĂ€rtiges System ist durch schonungslose AusplĂŒnderung der letzten Naturreserven, Zerstörung unserer natĂŒrlichen Lebensgrundlagen sowie durch die systematische Vergiftung unserer Umwelt und Nahrungsmittel gekennzeichnet; wir sind immer mehr Schadstoffen und Umweltgiften ausgesetzt, die den Körper stark belasten (12).

Aufgrund der fortschreitenden Entfremdung von Mensch und Natur, mutwilliger Ausbeutung unseres Planeten und der systematischen Zerstörung der natĂŒrlichen Lebensgrundlagen leidet unser Organismus und wir werden fĂŒr gravierende Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs anfĂ€lliger (13).

- Dauerstress:

Wir lassen uns fĂŒnf Tage die Woche, einige sogar sechs Tage die Woche in der Regel acht Stunden von den Kapitalist*innen ausbeuten, mĂŒssen fĂŒnf Tage die Woche zur Schule, hetzen von Termin zu Termin, sitzen beruflich und/oder privat viel zu lange vor dem PC, sind stĂ€ndig telefonisch erreichbar
. Wir kommen einfach nicht zur Ruhe und haben Dauerstress.

Bleibt der Stress ĂŒber lĂ€ngere Zeit bestehen (chronischer Stress), kommt es zu einer UnterdrĂŒckung des Immunsystems. Sowohl die unspezifische als auch die spezifische Immunabwehr werden beeintrĂ€chtigt. Das fĂŒhrt zu einer höheren InfektanfĂ€lligkeit und erklĂ€rt, warum viele Menschen in (oder nach) besonders stressigen Zeiten krank werden (14).

Dauerstress kann neben einem schwĂ€cheren Immunsystem unter anderem auch zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, HautausschlĂ€gen, Magen-Darm-Erkrankungen, Burnout oder Depression fĂŒhren (15).

- Psyche/Angst:

Zu lange anhaltende Angst kann krank machen. Durch den Anstieg des Cortisols wird die Immunabwehr vorerst gesteigert. Bei einer Dauerbelastung allerdings fĂŒhrt Angst zu permanent hohen Cortisol-Werten. Die Folgen eines solch dauerhaft erhöhten CortisolĂŒberschusses können u.a. Stoffwechselstörungen, Übergewicht, Autoimmunerkrankungen und Depressionen sein. Auch auf die körperlichen AbwehrkrĂ€fte wirkt sich dieser Dauerstress aus: Die Zahl der Immunzellen im Blut sinkt, die natĂŒrlichen Killerzellen sind weniger aktiv und die T-Lymphozyten teilen sich langsamer – wodurch das Immunsystem geschwĂ€cht wird (15).

Corona, Krieg, staatliche BeschrĂ€nkungen, schreckliche Medienbilder und die Aussicht auf eine ungewisse Zukunft schĂŒren bei vielen Menschen Angst. Die Regierung und die bĂŒrgerlichen Medien haben wirklich alles dafĂŒr getan, dass die Bevölkerung seit ĂŒber zwei Jahren unter Dauerangst steht (16).

- Armut:

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Hunger und Armut sind fĂŒr Millionen Menschen auf der Welt RealitĂ€t. WĂ€hrend Kapitalist*innen durch rĂŒcksichtsloses Handeln immer reicher werden, werden auf der anderen Seite zahlreiche Menschen immer Ă€rmer. Auch in Deutschland steigt kontinuierlich die Armut. Laut aktuellem ParitĂ€tischen Armutsbericht hat die Armutsquote in Deutschland mit 16,1 Prozent (rechnerisch 13,4 Millionen Menschen) im Pandemie-Jahr 2020 einen neuen Höchststand erreicht (17).

Viele dieser Menschen mĂŒssen jeden Cent zweimal umdrehen, sind obdachlos oder leben in anderen miserablen ZustĂ€nden. Menschen, die in Armut leben, sind oft unter- oder mangelernĂ€hrt. Sie können sich hĂ€ufig kein gesundes, vitaminreiches Essen leisten und haben mit psychischen Problemen zu kĂ€mpfen, dadurch sind sie viel anfĂ€lliger fĂŒr Krankheiten. Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem sozialen Status tragen ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Sie haben hĂ€ufiger MagengeschwĂŒre, LungenentzĂŒndungen und Diabetes als besser gestellte Altersgenoss*innen. Um ihre Zahngesundheit steht es schlechter. Depressionen und AngstzustĂ€nde treten ĂŒberdurchschnittlich hĂ€ufig auf. Die Suizidrate unter Arbeitslosen ist wahrscheinlich 20 Mal so hoch wie unter BerufstĂ€tigen (18).

Ausgerechnet die Regierung, die seit Jahren systematisch die Existenz vieler Menschen vernichtet hat und unter anderem durch die Hartz-4-Armutsgesetze und die Agenda 2010 Millionen Menschen in die Armut trieb, will uns weismachen, dass sie sich um unsere Gesundheit Sorgen macht?! ​​​​​​​​​​​​​​

Die Ursachen fĂŒr viele gravierende Erkrankungen sind systembedingt. Erst in einem Gesellschaftssystem, in dem nicht Profitmaximierung im Vordergrund steht, sondern es um die BedĂŒrfnisse der Menschen geht und im Einklang mit der Natur produziert wird, wird es uns gelingen, schrittweise die Ursachen fĂŒr etliche gravierende Erkrankungen zu beseitigen.

Unser Bestreben sollte es daher sein, eine von kapitalistischer Ausbeutung und UnterdrĂŒckung befreite Gesellschaft zu erkĂ€mpfen, in der auch ein komplexeres VerstĂ€ndnis von Gesundheit und Krankheit, von Symptomen und Ursachen möglich ist. ​

Quellen:

(1) https://enough-is-enough14.org/2022/05/24/gruppe-autonomie-und-solidaritaet-profite-pflegen-keine-menschen-eine-zuschrift/

(2) https://enough-is-enough14.org/2022/04/18/gruppe-autonomie-und-solidaritaet-die-soziale-frage-und-die-neue-form-von-solidaritaet/

(3) https://www.dgb.de/themen/++co++61996106-6087-11eb-9368-001a4a160123

(4) https://www.zeit.de/gesundheit/2022-06/pflege-intensivstation-studie-unterbesetzung-personal

(5) https://www.focus.de/politik/deutschland/soll-am-16-maerz-in-kraft-treten-vor-einfuehrung-der-impfpflicht-melden-sich-12-000-pflegekraefte-arbeitssuchend_id_47544059.html

(6) https://www.medico.de/pandemie-und-versagen-18519

(7) https://jacobin.de/artikel/corona-impfstoff-patentfrei-finnland-moderna-pfizer-astrazeneca-impfstrategie-pharmakonzerne-kalle-saksela-seppo-yla-herttuala-kari-alitalo-biontech/

(8) https://www.rnd.de/politik/corona-impfstoff-wto-beschliesst-aussetzung-von-patenten-SS4YN6H2RRZCCYOC2IR23ZIXX4.html

(9) https://www.tagesschau.de/wirtschaft/biontech-comirnaty-impfstoff-gewinn-covid19-101.html

(10) https://www.labournet.de/branchen/dienstleistungen/gesund/gesund-allgemein/bertelsmann-fordert-kliniksterben-der-pflegenotstand-laesst-sich-auch-neoliberal-beseitigen/

(11) https://www.nd-aktuell.de/artikel/1158906.proteste-auf-guadeloupe-gegen-impfpflicht-und-soziale-haerten.html

https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/guadeloupe-109.html

(12) https://www.dw.com/de/plastik-im-blut-wie-mikropl sowie die stik-in-unseren-k%C3%B6rper-kommt/a-61293458

https://www.reuters.com/business/mining-firm-backed-by-bezos-gates-begin-greenland-drilling-2022-03-24/

https://perspektive-online.net/2022/06/us-gericht-staerkt-bayer-konzern-den-ruecken/

(13) https://www.who.int/health-topics/environmental-health#tab=tab_1

(14) https://www.aok.de/pk/magazin/wohlbefinden/stress/stress-so-krank-kann-er-machen/

(15) https://www.mdr.de/wissen/faktencheck/faktencheck-angst-100.html

(16) https://fragdenstaat.de/dokumente/4123-wie-wir-covid-19-unter-kontrolle-bekommen/

(17) https://www.oxfam.org/en/press-releases/pandemic-creates-new-billionaire-every-30-hours-now-million-people-could-fall

(18) https://www.fr.de/wirtschaft/armut-macht-krank-krankheit-macht-11024454.html

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Quelle: Emrawi.org