November 26, 2022
Von Graswurzel Revolution
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In der GWR 355 (Januar 2011) erschien der Beitrag „Gewaltfreiheit trainieren – Die Rolle des gewaltfreien Anarchismus in der Trainingsgeschichte“ von Achim Schmitz auf der Basis seiner Dissertation. (1) In seinem jetzigen Beitrag geht er auf die Anfänge und auf seitdem zu beobachtende Entwicklungen ein. (GWR-Red.)

Warum entstanden Trainings in gewaltfreier Aktion in Deutschland? Gewaltfreie Trainingsarbeit beinhaltete – früher mehr als heute – gesellschaftsverändernde Visionen. (2) Sie ist ein wichtiges Instrument für die Vorbereitung von gewaltfreien Aktionen, für Gewaltprävention, Mediation, Soziale Verteidigung und Zivile Konfliktbearbeitung.

Historische Entwicklung

Im Umfeld gewaltfreier Aktionen waren zunächst religiöse bzw. christliche Traditionen aktiver Gewaltfreiheit (z. B. Quäker*innen, Leo Tolstoi, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Daniel Berrigan, Hildegard Goss-Mayr) und anarchistische bzw. antimilitaristische Traditionen vertreten. (3) Helen Michalowski (1977: 14–37) stellte Wurzeln der Gewaltfreiheit in den USA in der Zeit von 1650 bis 1915 vor: u. a. den Kampf für Gewissensfreiheit im 17. Jahrhundert, Friedenskirchen, Quäker*innen, Kriegsdienstverweigerer, Friedensorganisationen, Bewegungen für die Abschaffung der Sklaverei und für die Rechte von Frauen und Arbeiter*innen. Robert Cooney und Michalowski (1977: 115–119) schilderten die Gründung der Gewaltfreien Aktionsgruppe und Steuerverweigerungsgruppe (4) „Peacemakers“ infolge einer Konferenz für „revolutionären Pazifismus“ im April 1948.
Gewaltfreie Aktionstrainings gab es u. a. in den USA. (5) People of Color bereiteten sich dort in den 1950er-Jahren in Werkstatt-Trainings auf direkte Aktionen vor. Trainingszentren arbeiteten in den 1960er-Jahren Trainingsprogramme aus, die u. a. direkte Aktionen gegen rassistische Strukturen und den Vietnamkrieg ermöglichten. (6)

Ursprüngliche Trainingsformen

Als Trainingsformen wurden in Abschlussarbeiten von Werner Brill, Hans-Willi Derenbach und Günter Saathoff für die Anfangsphase der Trainings in gewaltfreier Aktion vier Modelle genannt:
Der Einführungskurs diente der Auseinandersetzung mit der Idee der Gewaltfreiheit als sozialer und politischer Konzeption der Gesellschaftsveränderung und der Entwicklung von persönlichem gewaltfreiem Verhalten aus einer entsprechenden Haltung heraus.
Das Gruppentraining konzentrierte sich auf die Bearbeitung gruppenspezifischer Probleme und die Verbesserung des Engagements sowie die Förderung einer hierarchiefreien Dynamik, in der alle gehört werden und unterschiedliche Bedürfnisse beachtet werden.
Das Aktionstraining im engeren Sinne war auf die Vorbereitung konkreter Aktionen ausgelegt: Es wurde an geistigen Haltungen gearbeitet bzw. wurden Fertigkeiten eingeübt, die den Teilnehmenden und Trainer*innen für die Aktionsfähigkeit notwendig erschienen.
Das Trainer*innentraining diente der Vorbereitung von Multiplikator*innen für Verbreitung von Theorie und Praxis der Gewaltfreiheit. (7)

Aktuelle Trainingsnetzwerke

Es gibt verschiedene Netzwerke, Organisationen und Gruppen, die sich mit Trainings in gewaltfreier Aktion beschäftigen:
Das Netzwerk ZUGABe (Ziviler Ungehorsam, Gewaltfreie Aktion und Bewegung) unterstützt Kampagnen mit Trainings in gewaltfreien Aktionen. Im Selbstverständnis heißt es: „Für viele von uns steht hinter gewaltfreien Aktionen Zivilen Ungehorsams auch eine Vision einer Gesellschaft ohne Hierarchie und Gewalt. Schon auf dem Weg dahin wollen wir unsere Ideale praktizieren.“ (8)
Die Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden stellt auf ihrer Homepage in einer Rubrik „Trainings und Seminare“ (9) auch Aktionstrainings für Gruppen vor, die durch gewaltfreie Aktion Widerstand leisten wollen. (10) In einem praxisorientierten Aktionstraining werden Aktionsgruppen darin unterstützt, eine passende Form gewaltfreien Widerstands zu finden oder sich auf die gewaltfreie Aktion vorzubereiten, auch für die Steigerung politischer Wirksamkeit. Mit der Arbeit wird die Vision einer Gesellschaft verbunden, in der zwischenmenschliche und politische Konflikte gewaltfrei, konstruktiv und nachhaltig bearbeitet werden. (11)
In der Kurve Wustrow ist die gewaltfreie Aktion und damit auch das Aktionstraining ein wichtiger Bestandteil: „Das Trainingsangebot richtet sich an Neulinge genauso wie an schon Erfahrene, an bestehende Bezugsgruppen wie auch an Einzelpersonen, die über das Training zu einer Gruppe finden wollen.“ (12) Im Leitbild heißt es: „Wir haben die Vision einer gewaltfrei geprägten Welt im ökologischen und sozialen Gleichgewicht.“ (13)
Extinction Rebellion ist eine gewaltfreie Bewegung für Klimaschutz. (14) Auf ihrer Homepage ist der Download des NVDA-Training-Handbuchs (15) möglich.
In Bewegungen wie z. B. gegen den Abbau von Braunkohle (Ende Gelände u. a.) fanden in den letzten Jahren Aktionstrainings statt, die ebenso wie die Arbeit des neueren Trainingskollektivs Skills for Action nicht den Begriff „gewaltfrei“ beinhalteten. (16) Das 2008 gegründete Trainingskollektiv Skills for Action besteht aus Trainer*innen, die sich selbst als „links, undogmatisch und bewegungsorientiert“ verorten. (17) Aber auch Trainer*innen aus dem gewaltfreien Spektrum sind dort aktiv.

Kontroverse Diskurse über Gewaltfreiheit

Renate Wanie konstatierte 2012, dass sich seit den Protesten gegen den G8-Gipfel von Heiligendamm 2007 die Vorbereitung und Durchführung vor allem von in Bündnissen geplanten Massen- oder Großaktionen deutlich verändert habe: Gewaltfreiheit werde in breiten Bündnissen der traditionellen Friedensbewegung mit Gruppen aus der Antikriegsbewegung wie der „Interventionistischen Linken“ als „dogmatisch aufgeladen“ problematisiert und daher in den gemeinsamen Aufrufen nicht explizit formuliert. (18)
In Aktionskonsensen erscheinen derzeit oft Sätze wie „von uns wird keine Eskalation ausgehen“ statt des in gewaltfreien Bewegungen verwendeten Begriffs „gewaltfrei“. (19)
Eine Rückbesinnung auf bzw. eine Weiterentwicklung von Gewaltfreiheit als einer tiefen Kraft, die Individuen, Gruppen, Organisationen und Gesellschaften transformieren kann, erscheint dringend notwendig, um möglichst auch herrschaftsfrei wirksame Wege aus den sich verschärfenden komplexen Krisen unserer Zeit zu finden (z. B. Soziale Verteidigung statt Militäreinsätzen).

Anknüpfungspunkte für gewaltfreie Trainingsarbeit heute?

Für die heutige gewaltfreie Trainingsarbeit stellen sich u. a. folgende Fragen:
Welche Rolle spielt die Trainingsarbeit heute für den gewaltfreien Anarchismus?
Wie können jüngere Menschen für diese Ideen gewonnen werden?
Welche Rolle kann die wiederentdeckte Soziale Verteidigung bei gewaltfreier Trainingsarbeit spielen?




Quelle: Graswurzel.net