Dezember 20, 2021
Von Emrawi
395 ansichten


Episode 01: Eine sowohl alte als auch neue Frage

„Man berichtet uns, dass der 8. Internationale Wissenschaftskongress des Pazifiks in Manilla stattgefunden hat [
], wo Spezialisten der Ökologie, der Botanik, der Zoologie, der Hydrologie, der PĂ€dologie [
] sich mit der Tatsache beschĂ€ftigt haben sollen, dass sich die moderne Menschheit in Richtung ‚der Verschwendung der Ressourcen des Planeten‘ entwickelt [
]. Man will herausfinden, ob der Zyklus des Austausches zwischen der natĂŒrlichen Umwelt mit ihren materiellen und energetischen Reserven und der lebenden Menschheit hin zu einer Harmonie mit einem (theoretisch undefinierten) dynamischen Gleichgewicht oder zunehmend hin zu einem Sturz ins Ungleichgewicht tendiert und somit auf historischer Ebene unverwirklichbar wird, indem er zum RĂŒckgang und zum Ende der Menschheit fĂŒhrt.“

Obwohl sie aktuell scheinen, sind diese Zeilen 1954 von Amadeo Bordiga geschrieben worden [1].

1) Problem

Die Lebensbedingungen auf der Erde hÀngen besonders von einem Klima ab, dessen mehrtausendjÀhrige Entwicklung verschiedene Ursachen hat, wovon die menschliche TÀtigkeit ein kleiner oder grosser Teil darstellt.

Im 16. Jahrhundert verursacht die europĂ€ische Eroberung SĂŒdamerikas durch Massaker und den Export von Krankheiten 50 Millionen Tote in einigen Jahrzehnten und die Reduzierung von AnbauflĂ€chen, Wiederaufforstung, Verringerung von Kohlenstoff in der AtmosphĂ€re und somit des Treibhauseffekts, womit die „kleine Eiszeit“ (von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19.) akzentuiert wurde. Doch diese Entwicklung transformierte nicht die Gesamtheit der Lebensbedingungen auf der Erde. Seither hat die Industrialisierung Konsequenzen auf einem ganz anderen Niveau, was eine „grosse Beschleunigung“ ausgelöst hat, die uns einem Schwellenwert nĂ€her bringt:

„Mehrere ökologische Grenzen sind schon ĂŒberschritten worden (Zerstörung der Artenvielfalt, Konzentration der Treibhausgase, Entwaldung und Zerstörung der Böden, diverse Formen der Verschmutzung), bei anderen fehlt nicht viel (ÜbersĂ€uerung der Meere, Verknappung von SĂŒsswasser). [
] Zu diesen ĂŒberschrittenen Grenzen kommt die Verknappung der nicht erneuerbaren ‚natĂŒrlichen Ressourcen‘ hinzu: fossile EnergietrĂ€ger (Erdöl, Gas, Kohle) und Mineralien, die mehr oder weniger fĂŒr alle zeitgenössischen GĂŒter und Dienstleistungen genutzt werden (wozu die Produktion von sogenannt erneuerbaren EnergietrĂ€gern gehört). Wir bewohnen die Erde seit mehreren Hunderttausend Jahren, doch diese Überschreitungen haben erst seit zwei Jahrhunderten (seit der Expansion des Kapitalismus) und besonders seit der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts stattgefunden – also vor nicht allzu langer Zeit. [
] Wir stehen bei einer ErwĂ€rmung von 1° C und können jetzt schon ĂŒberall auf der Welt feststellen, was sie auslöst. Wir stehen leider erst am Anfang dieser Auswirkungen. Die Ursachen dieser Störungen werden jedoch weiterhin mehr als je zuvor gefördert.“ [2]

Um nur ein Beispiel zu zitieren, auf welches wir zurĂŒckkommen werden, die stetige Erhöhung des Energieverbrauchs ist den Einsparungen und dem zunehmenden BeitrĂ€gen der „erneuerbaren Energien“ (Wind, Wasser und Sonne) immer um eine LĂ€nge voraus.

Obwohl der starke Anstieg der Temperaturen gewiss ist, ist das Ausmass ungewiss, man weiss nur, dass die Auswirkungen sich miteinander koppeln: Methanausstoss, Anstieg des Wasserspiegels, weniger Kohlenstoff absorbiert durch die Meere, verringerte Artenvielfalt (Verschlechterung und Zerstörung der LebensrĂ€ume, weniger Nahrungsquellen [Fischerei], invasive Arten), Überschwemmungen, WaldbrĂ€nde, Hurrikans, DĂŒrren, starke GefĂ€hrdung oder Verschwinden von Arten – all das fĂŒhrt im Verlauf des 21. Jahrhunderts zu einem wenig „bewohnbaren“ Planeten, doch fĂŒr wen und welche gesellschaftliche Organisation? Wenn heute alles als „Krise“ (von 1929, der Werte, der ReprĂ€sentation, der Finanz, des Systems
) bezeichnet wird, was ist dann gegenwĂ€rtig die Verbindung zwischen der „Klimakrise“ und der „sozialen Krise“?

2) Ziel

Jede Gesellschaft muss ihre Reproduktion vorbereiten, organisieren und darĂŒber nachdenken. Das taten auch die kapitalistischen Gesellschaften, sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert, auf verschiedene und widersprĂŒchliche Weisen gemĂ€ss ihrer Situation, England, USA, Deutschland, UdSSR
 Wie mĂŒssen sie heutzutage dieses Problem anders aufgreifen als zuvor (auch Adam Smith hatte eine „holistische“ Denkweise, aber ohne damals eine Natur zu integrieren, die als unerschöpflich betrachtet wurde)? Und was ist das VerhĂ€ltnis zum Klassenkampf?

„Schöpferische Zerstörung“: Die von Schumpeter 1942 populĂ€r gemachte Formel passt besonders gut zum Thema. Sie beschrieb die kontinuierliche Verlagerung der Investitionen (die zum Verschwinden von Fabriken, Arbeitsorten und Arbeitsstellen fĂŒhrte) von den weniger produktiven Sektoren hin zu den rentabelsten, die Arbeitslosigkeit, UmwĂ€lzung der Berufe, Verschiebung der TĂ€tigkeiten von einer Region oder einem Land in andere und Machttransfers von einer bĂŒrgerlichen Gruppe zu einer anderen auslöste. Doch wenn wir es mit natĂŒrlichen und materiellen Bedingungen zu tun haben, stellt sich die Frage, wie stark der Kapitalismus sie verschlechtern oder zerstören kann, um sich auf anderen Grundlagen wieder aufzubauen?

3) Methode

Um die russische Revolution, Mai 68 oder den Syndikalismus zu verstehen, reichen einige mit einem Minimum an theoretischer Intelligenz ausgewĂ€hlte Schriften. „Die Ökologie“ ist hingegen das breitmöglichste intellektuelle Thema und der breitmöglichste politische Streitgegenstand, sie schliesst Geschichte, Geologie, Biologie, Chemie, Physik usw. mit ein. Wenn man darĂŒber nachdenkt, ist man schon bald obsoleten statistischen WasserfĂ€llen ausgesetzt, die sogleich mit anderen noch erdrĂŒckenderen und hĂ€ufig widersprĂŒchlichen ersetzt werden. Allen voran muss man also dem Rausch des Übermasses dieser Daten und ProzentsĂ€tzen widerstehen. Und welche Zahlen? Bis 2014 war es gĂ€ngig (auch im Weltklimarat, AutoritĂ€t in diesem Bereich), „den Kohlenstoffeffekt“ ausgehend vom Produktionsland zu messen: Der Ausstoss von CO2 von einem in China hergestellten Fernseher wurde China zugeschrieben, auch wenn ein Frachtschiff ihn nach Belgien oder Kanada transportierte, was letzteren LĂ€ndern erlaubte, sich hinsichtlich Verschmutzung als tugendhaft darzustellen. Doch man beruhigt uns: Die Statistiken sind seither korrigiert worden.

Wir spielen nicht die Oberspezialisten und streben nur nach einem theoretischen Minimum. PrĂ€zise Daten und Referenzen sind genĂŒgend zugĂ€nglich, wir werden also im Verlauf der Kapitel wenig davon liefern. Wir werden nacheinander folgende Themen behandeln:

1) Den Platz, der die kommunistische Theorie damals dem einrĂ€umen konnte, was heute Ökologie genannt wird, und den Grund, weshalb die „Ökonomie“ und die „Ökologie“ beide in diesem Kapitel von uns kritisiert werden mĂŒssen.

2) Inwiefern Kapitalismus und Ökologie inkompatibel sind.

3) Inwiefern sich die Situation verschlechtert.

4) Das Scheitern der politischen Ökologie.

5) Die theoretische Erfindung des AnthropozÀns, dann jene des KapitalozÀns.

6) Die Zusammenbruchstheorie und die Kollapsologie.

7) Das Wesen des Kapitalismus und seine mögliche Überwindung.

8) Schliesslich und allen voran: die Tatsache, dass nichts verloren ist.

Wir sind weder die Ersten, noch die Letzten, die sich mit der Frage beschĂ€ftigen. Zahlreiche existierende Studien zum Thema können in diesen drei Punkten zusammengefasst werden: 1) Die kapitalistische Produktionsweise ist fĂŒr das Problem verantwortlich; 2) da sie die Ursache ist, wird sie nicht die Lösung sein; aber 3) eine vernĂŒnftig von den Proletariern oder dem Volk verwaltete Wirtschaft könnte das Problem lösen. Die Leserinnen und Leser werden sehen, welche gemeinsamen Punkte und Unterschiede es zwischen dieser Sichtweise und unserer gibt.

4) Vom 19. bis ins 20. Jahrhundert

Fourier: ein leidender Planet

Beginnen wir mit dem Theoretiker der leidenschaftlichen Anziehung, der vor zwei Jahrhunderten eine dramatische Diagnose erstellte:

„Die Berge bröckeln durch die schlechte Verwaltung der Zivilisierten und Barbaren ab, die Quellen versiegen, die Temperaturexzesse, DĂŒrren und Überschwemmungen, werden immer hĂ€ufiger, die Jahreszeiten geraten immer mehr durcheinander und ĂŒberlappen sich andauernd, die am meisten zivilisierten LĂ€nder haben immer tiefere klimatische Mittelwerte, der Olivenbaum ist in Frankreich um ein halbes Grad in Richtung SĂŒden zurĂŒckgegangen, der Weinbau ist in vielen Regionen fast nicht mehr möglich, besonders im Burgund, das aufgrund klimatischer ZwischenfĂ€lle sieben Ernten nacheinander verloren hat [
]“

Das schrieb Fourier (1772-1837), wobei er „die Ursachen der VerĂ€nderung“ den Gestirnen zuschrieb und eine AbkĂŒhlung diagnostizierte.

Und in DĂ©tĂ©rioration matĂ©rielle de la planĂšte behauptete er, dass die „klimatischen Unordnungen ein der zivilisierten Kultur inhĂ€rentes Laster ist; sie stellt durch ihren Mangel an Proportionen und allgemeinen Methoden, durch den Kampf der individuellen Interessen mit dem kollektiven Interesse alles auf den Kopf [
] Die zivilisierte und barbarische Landwirtschaft, von deren wundersamen individuellen Eigenschaften man schwĂ€rmt, hat die lĂ€cherliche Eigenschaft der kollektiven Verschlechterung; sie zerstört ihren eigenen Boden, statt ihn zu verbessern.“ Daher „die Dringlichkeit, schnellstmöglich den zivilisierten, barbarischen, wilden Zustand zu verlassen und das materielle Leid des Planeten zu lindern, womit auch das menschliche Elend beendet werden wird“.

Deshalb „ist im industriellen System alles lasterhaft. Es ist in jeglicher Hinsicht nur ein Wettlauf gegen die Zeit.“

Marx: der Stoffwechsel Mensch-Natur

Wer Zitate braucht, die bei Marx und Engels „ein unbestreitbares ökologisches Bewusstsein“ (Henri Peña-Ruiz) beweisen – oder widerlegen – wird sie leicht finden. Doch es geht nicht darum, eine Zusammenstellung oder eine Auswahl zu erstellen, sondern die Richtschnur oder die RichtschnĂŒre zu finden. Einige etwas lĂ€ngere Zitate werden notwendig sein.

„Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergrĂ€bt: die Erde und den Arbeiter.“ [3]

„Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen ĂŒber die Natur. FĂŒr jeden solchen Sieg rĂ€cht sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben.“ [4]

„Wenn der einzelne Fabrikant oder Kaufmann die fabrizierte oder eingekaufte Ware nur mit dem ĂŒblichen Profitchen verkauft, so ist er zufrieden, und es kĂŒmmert ihn nicht, was nachher aus der Ware und deren KĂ€ufer wird. Ebenso mit den natĂŒrlichen Wirkungen derselben Handlungen. [
] GegenĂŒber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, daß die entfernteren Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind [
] [Wir beherrschen] keineswegs die Natur [
], wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern [
] wir [gehören] mit Fleisch und Blut und Hirn ihr an [
] und [stehn] mitten in ihr [
] Je mehr dies aber geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fĂŒhlen, sondern auch wissen, und je unmöglicher wird jene widersinnige und widernatĂŒrliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib [
]“ [5]

Schliesslich das von Marx in einem Fragment, das hÀufig als Schlussfolgerung des dritten Bandes reproduziert wird:

„[E]s erzeugt dadurch [durch das Grundeigentum] Bedingungen, die einen unheilbaren Riß hervorrufen in dem Zusammenhang des gesellschaftlichen und durch die Naturgesetze des Lebens vorgeschriebnen Stoffwechsels, infolge wovon die Bodenkraft verschleudert und diese Verschleuderung durch den Handel weit ĂŒber die Grenzen des eignen Landes hinausgetragen wird. [
] [D]as industrielle System auf dem Land auch die Arbeiter entkrĂ€ftet und Industrie und Handel ihrerseits der Agrikultur die Mittel zur Erschöpfung des Bodens verschaffen.“ [6]

Aber was bezeichnet der Begriff des „Stoffwechsels“? Die Gesamtheit des Austausches an Materie und Energie, die ein lebendes Wesen oder ein Organismus benötigt, um fortzubestehen und sich zu reproduzieren. Im weiteren Sinne ist der gesellschaftliche Stoffwechsel gleichbedeutend mit dem Gleichgewicht, das die Erneuerung jener natĂŒrlichen Bedingungen erlaubt, welche fĂŒr die menschlichen Produktionen unabdingbar sind. Marx benutzt diesen Begriff allerdings fast immer in seinen Kapiteln ĂŒber die Grundrente, bezĂŒglich des Landeigentums, „industriell betriebene große Agrikultur“, die heute zum Agrobusiness geworden ist und dem Boden die NĂ€hrstoffe entzieht – was heute hinlĂ€nglich bestĂ€tigt ist. Die von Engels zitierten Beispiele betreffen ebenfalls die Böden.

Wir sind trotzdem weit vom globalen Ungleichgewicht entfernt, das die Erde und das Menschengeschlecht im 21. Jahrhundert bedroht. Als die USA in den 1930er Jahren mit einem verheerenden, zum Teil durch die Überbeanspruchung der Böden ausgelösten Dust Bowl fertig wurden, blieb das PhĂ€nomen in jenem Rahmen, den man in der Epoche von Marx vorhersehen konnte. Sowohl hinsichtlich ihrer Ursachen als auch ihrer Folgen erreicht der zeitgenössische „Riss des Stoffwechsels“ ein qualitativ anderes Niveau. Marx konnte gewisse zerstörerische Effekte der kapitalistischen Produktionsweise verstehen und verurteilen, jedoch nicht das Ausmass der von ihr verursachten UmweltverwĂŒstungen im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Es ist nutzlos, ihn in einen VorlĂ€ufer der zeitgenössischen Ökologie zu verwandeln.

Pannekoek: „NaturverwĂŒstung“

Anton Pannekoek (1873-1960) bekrĂ€ftigt 1909 im Text „NaturverwĂŒstung“, dass die Liebe zur Natur nicht der einzige Grund ist, sich mit den WĂ€ldern zu beschĂ€ftigen: Es geht um „Lebensinteressen fĂŒr die Menschheit [
] Wir wissen, dass die Menschen nun einmal die Herren der Erde sind und die Natur zu ihren Zwecken völlig umwandeln. Wir sind zu unseren Leben ganz auf die NaturkrĂ€fte und die NaturschĂ€tze angewiesen; wir mĂŒssen sie gebrauchen und verbrauchen. Nicht um diese Tatsache handelt es sich hier, sondern nur die Art und Weise, wie der Kapitalismus sie gebraucht. Eine vernĂŒnftige Gesellschaftsordnung wird die ihr zur VerfĂŒgung stehenden SchĂ€tze der Natur in solcher Weise benutzen mĂŒssen, dass nicht mehr verbraucht wird, als jeder zugleich neu aufwĂ€chst, so dass die Gesellschaft nie Ă€rmer wird und nur reicher werden kann. [
] Unter der heutigen Wirtschaftsordnung ist die Natur nicht der Menschheit sondern den Kapital dienstbar [
] Die NaturschĂ€tze werden ausgebeutet, als wĂ€ren die VorrĂ€te unendlich und unerschöpflich. In den ĂŒblen Folgen der WaldverwĂŒstung fĂŒr die Landwirtschaft, in der Ausrottung nĂŒtzlicher Tiere und Pflanzen tritt die Endlichkeit der VorrĂ€te als ein Bankrott dieser Wirtschaftsweise zu Tage. Als eine Anerkennung dieses Bankrotts ist es auch zu bezeichnen, wenn Roosevelt [es handelt sich um Theodore Roosevelt, PrĂ€sident der USA von 1901 bis 1909] eine internationale Konferenz zusammenberufen will, der den Bestand der noch vorhandenen NaturschĂ€tze aufnehmen und Maßnahmen gegen ihre weitere Verschwendung treffen soll. NatĂŒrlich ist dieser Plan selbst nur Humbug. Der Staat kann zwar Vieles tun, um die ruchlose Ausrottung seltener Naturwesen zu verhindern. Aber der kapitalistische Staat ist immerhin nur ein trauriger Vertreter der Allgemeinheit der Menschen. [
] Der Kapitalismus hat [
] an die Stelle des Lokalbedarfs den Weltbedarf gesetzt und gewĂ€ltige technische Hilfsmittel zur Ausbeutung der Natur geschaffen. Dabei handelt es sich dann sofort von ungeheuren Massen, die mit kolossalen Vernichtungsmitteln in Angriff genommen und mit mĂ€chtigen Transportmitteln weggeschafft werden. Die Gesellschaft unter dem Kapitalismus ist einem mit Riesenkraft ausgestatteten vernunftlosen Körper zu vergleichen; wĂ€hrend er seine Kraft immer gewaltiger entwickelt, verwĂŒstet er zugleich in sinnloser Weise die Natur, worin und wodurch er lebt.“

Einige VerwĂŒstungen spĂ€ter bekrĂ€ftigt Pannekoek in Antropogenese. Een studie over het ontstaan van de mens (1944): „Potenziell ist der Mensch Herr ĂŒber die Natur. Doch er ist noch nicht Herr ĂŒber seine eigene Natur. Wie kann er es werden?“ Durch eine Revolution, die eine gemeinschaftliche Produktion wieder einfĂŒhrt, und Pannekoek glaubt an „einen ununterbrochenen technischen Fortschritt, der kurz davor steht, die Menschheit als organisierte Einheit zu konsolidieren, die Herrin ĂŒber ihr Leben ist“. Anton Pannekoek ist nicht ökologischer als Marx, ausser man betrachtet jeden Verteidiger der Natur so. Sein Text wurde nach einer Reihe von Niederlagen der Arbeiterklasse verfasst, nach der Krise von 1929, dem Nazismus, dem Weltkrieg und im Kontext einer andauernden Besatzung Hollands durch Deutschland: Trotz dieser niederschmetternden Tatsachen bekrĂ€ftigt Pannekoek, indem er die Evolution des Menschengeschlechts Revue passiert, sein Vertrauen in eine kĂŒnftige Menschheit ohne Klassen und Staat, die endlich mit sich selbst versöhnt sein wĂŒrde. Die frĂŒher oder spĂ€ter selbstzerstörerische Herrschaft des Kapitals ĂŒber die Natur ist nicht sein Thema.

Wernadski: Die BiosphÀre

Die Russische Revolution beschrĂ€nkt sich nicht auf die Erscheinung einer neuen Form des Kapitalismus, die von einer Klasse – der BĂŒrokratie – angefĂŒhrt wurde, welche die gleiche Rolle wie die Bourgeoisie spielte, obwohl ihr Ursprung und ihre Funktionsweise unterschiedlich war. Sie ist auch eine Gesamtheit an widersprĂŒchlichen, ambivalenten und unvollendeten BemĂŒhungen zur Erschaffung neuer Lebensformen, BemĂŒhungen, die durch mangelnde Mittel hintertrieben und dann durch das Regime zerschlagen wurden.

Es ist also nicht erstaunlich, dass die Ökologie, so wie wir sie heute verstehen, in den 1920er Jahren eine wissenschaftliche und politische RealitĂ€t war, bevor sie mit den ZwĂ€ngen der Staatsgewalt und der Kapitalakkumulation zusammenstiess. Wladimir Wernadski (1863-1945), berĂŒhmter Mineraloge und Chemiker, „Vater der Wissenschaft“ in der Sowjetunion, beschreibt die Erde als lebenden Organismus, nicht als leblose Materie, und theoretisiert die BiosphĂ€re als handelnde geologische Kraft. Er warnt im April 1926: „Die natĂŒrlichen ProduktivkrĂ€fte [
] sind in ihrer Zusammensetzung und ihrem Überfluss unabhĂ€ngig vom menschlichen Willen und der menschlichen Vernunft, egal wie zentralisiert und organisiert sie auch sein mögen. Da diese KrĂ€fte nicht unerschöpflich sind, wissen wir, dass sie Grenzen haben, [
] die fĂŒr unsere eigenen ProduktionskapazitĂ€ten eine unĂŒberwindbare natĂŒrliche Grenze darstellen [
] fĂŒr unser Land sind diese Grenzen ziemlich eng gesteckt und erlauben – mit dem Risiko einer grausamen Rechnung – keine Verschwendung im Gebrauch unserer Rohstoffe.“

Ebenfalls der Zoologe G. A. Koschewnikow 1928: „Die Entwicklung einer materialistischen Konzeption der Natur ist nicht gleichbedeutend mit der Berechnung, wie viele Kubikmeter Feuerholz man aus einem Wald extrahieren oder wie viel Dollar man mit Eichhörnchenleder jedes Jahr einnehmen kann [
]. Die Kontrolle ĂŒber die natĂŒrlichen Regulationen zu ĂŒbernehmen, ist eine extrem schwierige und verantwortungsvolle Sache. [J]egliche Intervention, sogar jene, welche wir als nĂŒtzlich betrachten, [
] zerstört die natĂŒrlichen Bedingungen der Biozönosen. [
] Aus diesem Lebensgewebe, das sich wĂ€hrend etlichen tausend Jahre dauernden Interaktionen entwickelt hat, kann man nicht einfach schadlos ein Glied herausnehmen [
]“

Doch ab 1928 fallen die guten Absichten gegenĂŒber den Zielen des ersten FĂŒnfjahresplans nicht wirklich ins Gewicht: Der Schutz der Natur wird nur eingerĂ€umt, wenn er die ProduktivitĂ€t steigert. Was von der Ökologie bleibt (Aktionen gegen die Entwaldung und die Bodenerosion, Errichtung von Naturparks, Massnahmen, die auch von den „bĂŒrgerlichen“ Regimes ergriffen werden, besonders auf der anderen Seite des Atlantiks), zielt darauf ab, die ProduktivkrĂ€fte durch ihre exzessive Entwicklung nicht zu stark aus dem Gleichgewicht zu bringen: Das Ziel des Regimes ist es, die Umwelt im Interesse des industriellen Wachstums zu erhalten.

Schutz und Erhaltung fassen die Ökologie nicht zusammen und sind weit von den gegenwĂ€rtigen Problemen entfernt.

Bordiga: Die menschliche Gattung und die Erdkruste

Nach 1950 nĂ€hert sich Amadeo Bordiga (1889-1970) in einer Artikelreihe, geschrieben nach Überschwemmungen, UnfĂ€llen, chemischen Verschmutzungen, Bodenerschöpfung und der UnfĂ€higkeit der kapitalistischen Produktionsweise, die Menschheit zu ernĂ€hren, der Idee an, dass die Technik kein neutrales Werkzeug ist, das ihr Wesen verĂ€ndern wĂŒrde, wenn sie von den HĂ€nden und Köpfen der Bourgeois in jene der Proletarier ĂŒbergehen wĂŒrde. FĂŒr ihn werden sich die Proletarier wĂ€hrend der Revolution nicht damit begnĂŒgen, sich der Produktionsmittel zu bemĂ€chtigen, sie werden einen Teil davon transformieren und sich des anderen entledigen.

„Obwohl es wahr ist, dass das industrielle und wirtschaftliche Potenzial der kapitalistischen Welt ansteigt und nicht sinkt, ist es genauso wahr, dass sich, je stĂ€rker dieser Anstieg ist, sich umso mehr die Bedingungen der Menschenmasse gegenĂŒber historischen Naturkatastrophen verschlimmern.“ [7]

Je „effizienter“ der Kapitalismus in der Ausbeutung der Arbeit und des Lebens der Menschen ist, desto weniger ist er fĂ€hig, „die Arbeit der gegenwĂ€rtigen den kĂŒnftigen Generationen zu ĂŒbermitteln“ [8].

„Der Kapitalismus hat seit langem eine ‚technische‘ Grundlage aufgebaut, d.h. ein Erbe an ProduktivkrĂ€ften, das uns bei weitem genĂŒgt; die Steigerung des produktiven Potenzials ist also – im weissen Siedlungsgebiet – nicht das grosse historische Problem, sondern durch das Verbot ihrer Ausbeutung und Verschwendung die Zerstörung jener gesellschaftlicher Formen, welche einer korrekten Verteilung und Organisation der nĂŒtzlichen KrĂ€fte und Energien entgegenstehen. Besser: Der Kapitalismus hat selbst zu viel aufgebaut und erlebt diese historische Alternative: Zerstörung oder Verschwinden.“ [9]

Die Weltrevolution wird sich, statt immer mehr aufzubauen, „die enorme Extravaganz“ erlauben können, „Kartoffeln auf dem vom Wolkenkratzer der Vereinten Nationen besetzten Terrain zu pflanzen“ [10].

Anarchismus, Marx, Marxismus

Marx und die Marxisten waren nicht die einzigen, die an eine gĂŒnstige „Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte“ glaubten. Mit einem anderen Tonfall waren andere Strömungen daran beteiligt, besonders anarchistische. In „L‘HumanisphĂšre, utopie anarchiste“ stellte sich Joseph DĂ©jacque (1822-1864), der Erfinder des Begriffes „libertĂ€r“, 1858-1859 die Welt im Jahr 2858 vor:

„Die Luft, das Feuer und das Wasser, alle Elemente mit zerstörerischen Instinkten sind bezwungen worden und gehorchen gefangen unter dem Blick des Menschen all seinen Absichten. Der Himmel ist erklommen worden. Die ElektrizitĂ€t trĂ€gt den Menschen auf ihren FlĂŒgeln und fĂŒhrt ihn in den Wolken spazieren, ihn und seine Luftschiffe. [
] Ein immenses BewĂ€sserungsnetz deckt die weiten PrĂ€rien ab, deren Schranken man abgebrannt hat und worauf zahlreiche Herden grasen, die zur ErnĂ€hrung des Menschen bestimmt sind. Der Mensch thront ĂŒber seine Arbeitsmaschinen, er befruchtet das Feld nicht mehr mit dem Dampf seines Körpers, sondern mit dem Schweiss der Lokomotive.“

„Der Mensch [
] lĂ€sst es nach Belieben regnen oder schönes Wetter sein; er bestimmt ĂŒber die Jahreszeiten und die Jahreszeiten verbeugen sich vor ihrem Meister. Die Tropenpflanzen blĂŒhen unter freiem Himmel in den Polarregionen auf; siedende Lavaströme schlĂ€ngeln sich durch sie durch; die natĂŒrliche Arbeit des Planeten und die kĂŒnstliche Arbeit des Menschen haben die Temperatur der Pole transformiert und dort den FrĂŒhling ausgelöst, wo zuvor der ewige Winter herrschte.“

„Der Planet [ist] zu einer einheitlichen Siedlung [geworden], die man in weniger als einem Tag erkunden kann. Die Kontinente sind die Quartiere oder Bezirke der universellen Stadt.“ Unter einer kolossalen Kuppel garantieren Zentralheizungen und Ventilatoren den Parisern „ein stets gemĂ€ssigtes Klima“ und die Beherrschung der Natur weitet sich auf die Tiere aus mit „Löwen, die zu Haustieren“, und „Panthern, die wie Katzen gezĂ€hmt geworden sind“.

Die allgegenwĂ€rtigen Maschinen (das Wort Roboter wird 1920 vom Schriftsteller Karel Čapek kreiert) fĂŒhren fast alle mĂŒhsamen Arbeiten aus und kĂŒmmern sich um die Hausarbeit. Dampf und ElektrizitĂ€t automatisieren die meisten Bewegungen und alltĂ€glichen Handgriffe. Nebenbei „hat“ als Folge der Harmonisierung der Menschheit „eine universelle Sprache all diese Jargons der Nationen ersetzt“.

DĂ©jacque hatte dermassen Vertrauen in diesen unaufhaltbaren Marsch der Menschheit hin zum technischen und gesellschaftlichen Fortschritt (die bald dazu aufgerufen waren, ein und dasselbe zu sein), dass die „ökologische Frage“ fĂŒr ihn im wörtlichsten Sinne undenkbar war.

Nach ihm erkannten Marx, Engels, Pannekoek, die russischen Gelehrten der 1920er Jahre und dann Bordiga allen voran ein Problem im VerhĂ€ltnis zwischen der menschlichen Gattung und ihrer natĂŒrlichen Umwelt aufgrund der Bodenerschöpfung und der Verschwendung. Man ist selten intelligenter, als es die durch seine Epoche aufgeworfenen Probleme erlauben. Man kannte den Treibhauseffekt 1945, aber nicht die Schwere seiner Wirkung auf den Planeten, und man war eher bezĂŒglich eines Atomkrieges beunruhigt.

Es gab Marx, seine Behauptungen, seine Intuitionen. FĂŒr ihn ist das Menschengeschlecht das Subjekt und die Natur der Gegenstand, ihr Gegenstand, und ihre Interaktion Ă€ndert nichts an einem VerhĂ€ltnis des Vorranges, wovon Marx (und sehr wenige damals) die zerstörerische Wirkung sowohl auf die Natur als auch auf die Menschheit erkennen konnten.

Und es gab den Marxismus, fĂŒr welchen die kapitalistische Produktionsweise durch den Widerspruch ProduktivkrĂ€fte/ProduktionsverhĂ€ltnisse angetrieben und untergraben wird, erstere haben die Berufung, letztere zerplatzen zu lassen, und die Proletarier erben von den Bourgeois einen immensen technischen und wissenschaftlichen Apparat, den sie an die BedĂŒrfnisse der Massen anpassen wĂŒrden. In dieser Optik werden die Wissenschaft und die Technik meistens als gesellschaftlich neutral wahrgenommen: Der MĂ€hdrescher und die Schreibmaschine sind Werkzeuge, alles hĂ€ngt davon ab, wie und, allen voran, von wem sie benutzt werden. Wenn die Bourgeoisie einmal eliminiert ist, werden die ProduktivkrĂ€fte allen zugutekommen. Im Sozialismus, schreibt Lenin, wird es das Taylor-System, heutzutage das Instrument der „Versklavung des Menschen durch die Maschine“, das es dem Arbeiter erlauben wird, viermal weniger zu arbeiten und gleichzeitig von einem viermal höheren Wohlbefinden zu profitieren. Vom Widerspruch zwischen ProduktivkrĂ€ften und ProduktionsverhĂ€ltnissen haben die Sozialdemokratie und der Stalinismus das berĂŒcksichtigt, was sie benötigten: ein (angeblich) rationales Projekt der Herrschaft ĂŒber die Natur. Sie waren weit von einer Kritik des Kapitalismus entfernt und haben ihn sowohl in der Ausbeutung der Proletarier als auch in der Zerstörung der natĂŒrlichen Umwelt begleitet.

5) 20. Jahrhundert. Kritik der Ökonomie, Kritik der Ökologie

Wie jedes Gesellschaftssystem muss sich der Kapitalismus nicht nur legitimieren, sondern er muss auch ĂŒber sich selbst und seine WidersprĂŒche nachdenken: Die Wirtschaftswissenschaften sind eines seiner privilegierten Mittel des SelbstverstĂ€ndnisses.

In der griechischen Antike beschrieb die „Ökonomie“ die Verwaltung „des Hauses“, d.h. des Landgutes, in einer Gesellschaft der LandeigentĂŒmer, die mit anderen manchmal weit entfernten Regionen handelten, in welcher jedoch das Land die wesentliche Quelle des Reichtums blieb.

Mit der Industriellen Revolution nahm die „Ökonomie“ den allgemeinen Sinn der Produktion und des Vertriebs von GĂŒtern und Dienstleistungen an und die ökonomische Fachkenntnis hat sich als jene aufgedrĂ€ngt, welche es erlaubt, eine von Fabriken, Frachtschiffen und Waren, d.h. von Kapital und Lohnarbeit gesĂ€ttigte Welt zu verstehen und zu verwalten. WĂ€hrend man 1960 in einem französischen Gymnasium nicht „die Ökonomie“ unterrichtete, ist jede politische Diskussion heutzutage von einem Schwall an Statistiken ĂŒber das „Wachstum“ oder die BeschĂ€ftigung begleitet. Die Allgegenwart der „Ökonomie“ ist zu einer SelbstverstĂ€ndlichkeit geworden.

Parallel dazu konnte der planetarische Aufstieg des die fĂŒr ihn notwendigen Gleichgewichte auf den Kopf stellenden Kapitalismus zwangslĂ€ufig „die Natur“ (im weiteren Sinne, der sowohl den Wald als auch die Temperatur enthĂ€lt) nicht mehr als unendlich verfĂŒgbares und ausbeutbares Gut betrachten.

Die „Ökonomie“ als Wissen – und Weltanschauung – reichte nicht mehr: Es musste ĂŒber die Beziehungen zwischen der (im vorliegenden Fall kapitalistischen) Gesellschaft und dem, was ihre Existenz konditioniert, nachgedacht werden.

Der Erfinder des Worts und des Begriffes der „Ökologie“ 1866, der deutsche Biologe Ernst Haeckel, ein anerkannter Gelehrter, populĂ€rwissenschaftlicher Autor und bekannt dafĂŒr, die Lehre Darwins verbreitet zu haben, interessierte sich mehr fĂŒr die Evolution der Arten als fĂŒr die historische Evolution. Trotzdem zeugte seine Forschung von der Notwendigkeit, eine unumgĂ€ngliche RealitĂ€t zu berĂŒcksichtigen: die Gesamtheit der materiellen Grundlage, auf welcher die menschliche TĂ€tigkeit basiert. Es war freilich noch kein Bewusstsein fĂŒr eine bedrohte Umwelt. Aber Haeckel hatte schon einen ganz anderen Blick auf die Welt als vor ihm Descartes („uns zum Herrscher und Besitzer der Natur zu machen“) oder Francis Bacon (experimentell Kenntnisse ĂŒber die Natur zu erlangen, um sie in den Dienst des Menschen zu stellen). FĂŒr Haeckel lebt und entwickelt sich die Menschheit innerhalb einer TotalitĂ€t lebender Wesen: Das Feld der „Ökologie“ hat sich danach auf den ganzen Planeten ausgeweitet.

Ökonomie und Ökologie sind also zwei sehr verschiedene Dinge. Im Gegensatz zur Ökonomie, die sich die Frage stellt, wie „das Haus“ produktiv verwaltet werden kann, will die Ökologie viel mehr als eine Wissenschaft der Verwaltung sein: Sie bringt die Gesellschaften in ihre globale Umwelt zurĂŒck, vereinigt „Humanwissenschaften“ und „Naturwissenschaften“ und strebt nach der Schnittmenge zwischen Geschichte, Biologie, Geographie, Klimatologie


Aber das Wissen der Gelehrten und der „breiten Öffentlichkeit“ geht nicht ĂŒber das hinaus, was denkbar ist in jener Gesellschaft, welche es hervorruft und unterhĂ€lt. In Tat und Wahrheit denkt die Ökologie die Welt, ohne des Pudels Kern seit zwei Jahrhunderten zu berĂŒcksichtigen: das VerhĂ€ltnis Kapital/Arbeit, die Beziehung Bourgeois/Proletarier. In den Augen jener, welche sich als UmweltschĂŒtzer prĂ€sentieren, scheint die Analyse der Gesellschaft in Klassenbegriffen sekundĂ€r, illusorisch oder ĂŒberholt. So erklĂ€rt ein jĂŒngst erschienenes Buch, das sonst reich und stimulierend ist, die Geschichte der EnergietrĂ€ger im Industriezeitalter durch die Herrschaft „der Technologie“, „der technischen [und] produktivistischen Vorstellungskraft“, eines „produktivistischen Systems“, „eines techno-ökonomischen Imperialismus“ und „der technischen Macht“ (François Jarrigue & Alexis Vrignon). Man könnte sagen, der Kapitalismus – der unsichtbar gemacht worden ist.

Trotz ihrer Ambition, „die Wissenschaft der Existenzbedingungen“ (Haeckel) bereitzustellen, hat sich die Ökologie seit einigen Jahrzehnten als eine Wissenschaft und Technik entwickelt, welche die Exzesse der kapitalistischen Produktionsweise reparieren soll. Genau wie die weitsichtigsten Ökonomen (Keynes) machen die UmweltschĂŒtzer auf die Effekte eines Systems aufmerksam, dessen tiefe Ursachen ihnen entgehen. In der Praxis sind die „Ökonomie“ und die „Ökologie“ eher komplementĂ€r denn Rivalinnen: Der „ökologischen Ökonomie“ geht es gut, die meisten UmweltschĂŒtzer denken in ökonomischen Kategorien und die Debatten drehen sich um die beste oder am wenigsten schlechte Art und Weise, die Ökonomie durch die Ökologie zu kompensieren, indem die negativen Auswirkungen einer Produktion (und eines Konsums) reduziert werden, die sonst ihre eigenen Grundlagen zerstören wĂŒrden. Wie? Indem (gemĂ€ss den Denkschulen variable) Dosen Ökologie in die Ökonomie injiziert werden.

FĂŒr uns wird es also nicht darum gehen, die Ökonomie mit der Ökologie zu komplettieren oder erstere durch letztere zu korrigieren, sondern sowohl die eine als auch die andere zu kritisieren.

G. D., Oktober 2020

Literaturverzeichnis

JĂ©rĂ©mie Cravatte, L’Effondrement, parlons-en
 Les Limites de la collapsologie, 2019.

Elizabeth Kolbert, Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt, Berlin, Suhrkamp, 2015 [2014].

Charles Fourier, Die Freiheit in der Liebe, Hamburg, Nautilus, 2017 [1967].

RenĂ© SchĂ©rer, L’Écosophie de Charles Fourier. Deux textes inĂ©dits, Economica, 2002 (einer davon ist „DĂ©tĂ©rioration matĂ©rielle de la planĂšte“).

Marx zum „Riss des Stoffwechsels“: Das Kapital, Bd. 3 in MEW, Bd. 25, S. 821.

Zur Bedeutung des Grundeigentums: Fragment „Die Klassen“ in Das Kapital, Bd. 3 in MEW, Bd. 25, S. 892-893.

Theoretiker, die Marx als (prÀ-)ökologisch darstellen:

John Bellamy Foster, The Ecological Revolution. Making Peace with the Planet, New York, The Monthly Review Press, 2009.

Paul Burkett, Marx and Nature: A Red and Green Perspective, 1999. Die neue Ausgabe von 2014 enthÀlt eine Einleitung von John Bellamy Foster.

Wir werden im Kapitel 7 auf diesen Autoren zurĂŒckkommen.

Anton Pannekoek, „NaturverwĂŒstung“, 1909; Antropogenese. Een studie over het ontstaan van de mens, 1944.

Amadeo Bordiga, EspĂšce humaine et croĂ»te terrestre, Payot, 1978. Artikelsammlung, einige davon sind online verfĂŒgbar:

„Specie umana e crosta terrestre“, Il Programma Comunista, Nr. 6, Dezember 1952.

„Spazio contro cemento“, Il Programma Comunista, Nr. 1, 1953.

„Piena e rotta della civiltà borghese“, Battaglia Comunista, 8. Dezember 1951.

„Politica e ‚costruzione‘“, Prometeo, zweite Reihe, Nr. 3-4, Juli 1952.

Seine Texte zur Landwirtschaft, 1954.

Jean Batou, „RĂ©volution russe et Ă©cologie (1917-1934)“, VingtiĂšme SiĂšcle, Nr. 35, Juli-September 1992, S. 16-28.

Die bolschewistische Absicht, die Natur zur Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte auszubeuten, vermeintlich zugunsten aller, ging mit einem biopolitischen Versuch einher, genau so „rational“ die Gesetze der Geschichte auf die Sitten und GebrĂ€uche anzuwenden, besonders im Bereich der SexualitĂ€t. Siehe „‘Cher Camarade Staline‘. Homo au pays des soviets“

.Joseph DĂ©jacque, L’HumanisphĂšre, utopie anarchiste, 1858-1859.

Zu seinem Projekt gehören gemeinsam organisierte Arbeit, die Ersetzung des Geldes durch ein System der Gutscheine, „eine Bank fĂŒr gegenseitige Kredite“ und „die Abschaffung jeglicher Form des Wuchers“. Er ist der erste oder einer der ersten, der von „Übergangsphase“ spricht. Hier findet man eine kurze Bibliographie und einige AuszĂŒge.

Lenin, „Das Taylor-System – die Versklavung des Menschen durch die Maschine“, 1914.

François Jarrigue & Alexis Vrignon, Face Ă  la puissance. Une histoire des Ă©nergies alternatives Ă  l’ñge industriel, La DĂ©couverte, 2020.

Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung.net

Quelle






Quelle: Emrawi.org